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Als Moiety (engl.; von altfranz. moité, dies wiederum von lat. medietas "Mitte, Hälfte") wird bei Gemeinschaften mit Dualorganisation oder Zweiklassensystem jede der beiden Hälften eines Dorfes oder Stammes bezeichnet. Jedes Mitglied einer Gemeinschaft mit Dualorganisation gehört einer der beiden Moieties an, die Mitgliedschaft ist erblich und unveränderlich (sie kann auch durch Heirat nicht verändert werden), alle Mitglieder einer Moiety stammen von einem gemeinsamen Urahn ab, der Stamm führt sich also auf zwei mythische Urahnen zurück. Deswegen kann man Moiety als Erblinie übersetzen. Bei den Kindern resultiert die Zugehörigkeit zur Moiety entweder aus der des Vaters (patrilinear) oder der der Mutter (matrilinear).
Dualorganisation und Moiety-Prinzip sind bei den indigenen Völkern und Stämmen Neuguineas und Melanesiens (Papuavölker), Australiens und Amerikas weit verbreitet. Es gibt auch Gesellschaften mit mehr als zwei Erblinien. Die Gruppen (Erblinien) innerhalb eines Dorfes oder Stammes werden dann als Clan oder Lineage bezeichnet.
Das Verhältnis der beiden Moieties zueinander ist sowohl komplementär als auch antagonistisch. Jede der beiden Moieties hat unterschiedliche spezifische Merkmale, meist gilt eine Moiety der anderen sozial leicht überlegen, krasse Klassenunterschiede gibt es in dualorganisierten Gesellschaften nur selten. Jedes Mitglied ist entsprechenden Geboten und Verboten (Tabus) und insbesondere Heiratsregeln unterworfen. Je nach Ethnie darf zum Beispiel ein Mitglied einer Moiety kein anderes Mitglied der eigenen Erblinie heiraten (Exogamie), bei anderen Gruppen mit Dualorganisation wiederum müssen gerade Partner aus derselben Moiety gewählt werden (Endogamie). Bei rituellen oder sportlichen Spielen und Wettkämpfen treten die Mitglieder der beiden Moieties gegeneinander an. Oft beerdigt die eine Moiety die Toten der anderen oder zieht ihre Tiere auf und schlachtet sie, die Jagdbeute der einen Moiety kommt zuweilen der anderen zugute. Mit den beiden Moieties sind häufig dualistische Symbole verbunden, z. B. Tag – Nacht, rechts – links, oder auch eine symbolische Zweiteilung des Kosmos.
In Gesellschaften mit Dualorganisation hängen die Verwandtschaftsbezeichnungen fast immer von der Zugehörigkeit des Bezeichneten und Bezeichnenden zu seiner Moiety ab. Als Beispiel werden hier die Verwandtschaftsbezeichnungen der Njamal aus Nordwest-Australien zusammengestellt. Die Njamal haben eine patrilineare exogame Dualorganisation. Die Abhängigkeit der Bezeichnungen von der jeweiligen Moiety und von anderen Faktoren - relatives Alter, Geschlecht des Sprechers - führt zu einem hochkomplexen Bezeichnungssystem, das große Unterschiede zu unserem europäischen System aufweist. (Das Beispiel stammt aus Lynch 1998, Kapitel 11.3.)
Auffällig - aber durchaus in australischen und melanesischen Sprachen üblich - ist die gleiche Bezeichnung (maili, mabidi) für Mitglieder der Großeltern- und Enkelgeneration. Die für die Bezeichnung wichtigen Kategorien sind also relative Generation (wie bei unserem System), Moiety, relatives Alter und nur teilweise das Geschlecht. Innerhalb derselben Generation und Moiety spielen die genaueren Abstammungsverhältnisse keine Rolle, so dass z. B. "Vater" und "Onkel väterlicherseits" nicht unterschieden werden.