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Nationenbildung (engl. nation building) ist ein Prozess sozio-politischer Entwicklung, der aus locker oder auch strittig verbundenen Gemeinschaften eine gemeinsame Gesellschaft mit einem ihr entsprechenden Staat werden lässt. Sie ist zu unterscheiden von State Building, bei dem es im engeren um den Aufbau staatlicher Institutionen geht.
Zum Prozess der Nationenbildung gehört die Etablierung gemeinsamer kultureller Standards, darunter oft auch die einer einheitlichen Sprache für das zukünftige Gemeinwesen,[1] und die behutsame Integration von immer weiteren Teilen der Bevölkerung in soziokulturelle und politische Einrichtungen wie z. B. das Gerichtswesen, das Schulsystem oder das Wahlrecht. Der Prozess der Nationenbildung wird oft von einer militärisch, administrativ und ökonomisch dominanten Machtelite aus geführt, um bestehende oder angestrebte Herrschaftsverhältnisse zu legitimieren.
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Nationen im modernen Sinne sind erst im Zuge der Französischen Revolution in Europa entstanden. Die Voraussetzungen dafür haben sich im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts herausgebildet. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten sich geprägt vom Nationalismus in Europa eine Reihe von Nationalstaaten,[2] so dass der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn am Ende des 19. Jahrhunderts anachronistisch wirkte.[3]
„Nation Building“ im engeren Sinne bezog sich ursprünglich auf die Bestrebungen junger Nationalstaaten nach dem Zweiten Weltkrieg, vornehmlich der Nationen ehemaliger afrikanischer Kolonien, die von den Kolonialmächten ohne Berücksichtigung ethnischer oder andere Grenzen umgeformten kolonialen Territorien neu zu gestalten und zusammenzuhalten. Der Kampf gegen einen gemeinsamen Kolonialherren kam hier gelegen. Diese reformierten Staaten sollten aber nach Erringung der Unabhängigkeit entwicklungsfähige und mental zusammenhängende Staaten werden.
Nation Building umfasste die Schaffung äußerer nationale Symbole wie Flaggen, Hymnen, Nationalfeiertage, nationale Stadien, nationale Fluglinien, Nationalsprachen einschließlich nationaler Mythen. Auf einem niedrigeren Niveau musste die nationale Identität willkürlich konstruiert werden, indem sie unterschiedliche Gruppen zu einer Nation formte, besonders wo der Kolonialismus „Teile und Herrsche“-Taktiken (divide et impera) zur Stabilisierung der eigenen Herrschaft verwendet hatte.
Eine der erfolgreichsten Nation-Building-Aktionen erbrachte die Stadtrepublik Singapur, wo Chinesen, Südinder, Malaiien, Europäer und anderen Ethnien nebeneinander leben.
Zahlreiche junge Nationalstaaten werden jedoch durch Machtkämpfe mit sich des Tribalismus' bedienenden Rivalitäten zwischen ethnischen oder religiösen Gruppen erschüttert. Dieses führte mitunter zum Separatismus, wie 1970 beim Sezessionskrieg Biafras aus Nigeria 1970 oder der anhaltenden Forderung der Ogaden-Somalier nach vollständiger Unabhängigkeit ihrer Region von Äthiopien. In Asien bildet der Zerfall von Pakistan in Pakistan und Bangladesch ein Beispiel, dass ethnische Unterschiede, gestützt durch die geographische Abgrenzung, einen postkolonialen Staat auseinander zu reißen erleichterten. Bestimmte Wurzeln des Völkermordes in Ruanda oder des Sudankonfliktes hängen ebenfalls mit einem Mangel an ethnischer und/oder religiöser Kohärenz innerhalb der Nation zusammen. Gerade bei der Vereinigung von Staaten mit ähnlichem ethnischen, aber unterschiedlichem kolonialgeschichtlichen Hintergrund kommen häufig Konflikte auf. Neben erfolgreichen Beispielen wie Kamerun zeigen Fehlschläge wie die Konföderation Senegambia die Probleme bei der Vereinigung frankophoner und anglophoner Territorien.
Im 20. Jahrhundert sind mehrere Wellen der Nationenbildung zu unterscheiden: Nach dem Zerfall der Vielvölkerstaaten in der Folge des 1. Weltkriegs entstanden in Europa neue Nationalstaaten (z. B. Jugoslawien, Tschechoslowakei). In der Dritten Welt erlangten nach dem 2. Weltkrieg und dem Zerfall der Kolonialreiche viele künstlich geschaffene Gebiete die Eigenständigkeit als Nationalstaaten, ohne über eine gemeinsame nationale Identität zu verfügen (multiethnische Staaten). Nach Ende des Ost-West-Konflikt 1989/90 zerfielen Vielvölkerstaaten (Sowjetunion, Jugoslawien, Tschechoslowakei) aufgrund dynamischer Prozesse der Nationenbildung in ihrem Inneren.
Die Herausbildung von Nationen war immer ein langwieriger und oft von gewaltsamen Auseinandersetzungen begleiteter Prozess (vgl. Unabhängigkeits- und Einigungskriege). Da Staatszerfall und instabile Identitäten für das regionale Umfeld oder die gesamte Staatengemeinschaft zur Gefahr werden können, wurde daher im 20. Jahrhundert des Öfteren versucht, Nationenbildung von außen zu fördern (vgl. Bosnien und Herzegowina, Kosovo[4]). Der Erfolg solcher Versuche ist umstritten.[5]
Dennoch gilt Staatenbildung ohne Nationenbildung als problematisch, da in diesem Fall notwendige identitätsstiftende Stabilisierungs- und Ausgleichsmechanismen fehlen.