|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Nationalismus bezeichnet Weltanschauungen und damit verbundene soziale Bewegungen, die die Herstellung und Konsolidierung eines souveränen Nationalstaats und eine bewusste Identifizierung und Solidarisierung aller Mitglieder mit der Nation anstreben. Die Existenz der Nation wird dabei teilweise als gottgegebenes oder natürliches Faktum angesehen.
Historisch erreichten nationalistische Ideen erstmals im ausgehenden 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und der Französischen Revolution massenmotivierende praktische Auswirkungen.
Bis heute hat der Nationalismus unterschiedliche, teils polarisierende Ausprägungen:[1]
Inhaltsverzeichnis |
Seit dem vergangenen Jahrhundert gab es in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen eine Reihe von Definitionsversuchen und Begriffsbestimmungen. Anthony D. Smith etwa nannte 1971 in seiner Theories of Nationalism vier Überzeugungen, die seiner Meinung nach alle Nationalisten unabhängig von verschiedenen historischen Besonderheiten verbinden:
Laut Peter Alter ist der Nationalismus eine Form der kollektiven Identitätsstiftung. Er liegt dann vor, „wenn die emotionale Bindung an die Nation und die Loyalität ihr gegenüber in der Skala der Bindungen und Loyalitäten oben steht“[2]. Abgrenzend erwähnt Alter, dass nicht Stand, Konfession, Dynastie, ein bestimmter Staat, soziale Klasse, die Menschheit (im Sinne eines Kosmopoliten) den Bezugsrahmen darstelle, sondern vielmehr die Nation. Deren historisches Erbe, die Kultur sowie die politische Existenz seien identitätsstiftend. Die Nation vermittele Lebensraum, ein Teil „Lebenssinn in Gegenwart und Zukunft.“ Alter verweist auf Friedrich Meinecke, der den Prozess der geistigen Umorientierung vom aufklärerischen Humanismus zur Nation aufgewiesen habe.
Die Definition des Soziologen Eugen Lemberg beschreibt den Nationalismus als eine Bindekraft, „die nationale oder quasinationale Großgruppen integriert“ und eine Abgrenzung nach außen übt.[3] Als Zusammengehörigkeitsfaktoren sind laut Lemberg besonders einheitliche beziehungsweise gleiche Aspekte zu nennen: die Sprache, Abstammung, die Gleichheit des Charakters, die Kultur oder die Unterstellung unter eine gemeinsame Staatsgewalt.
Im Sinne der starken Verwendung des Begriffs versteht Otto Dann den Nationalismus als eine Bezeichnung für nationalen Egoismus, eine Überhöhung der Interessen der eigenen Nation und die Überordnung der nationalen Gemeinschaft über Rechte des Einzelnen.[4]
Karl W. Deutsch versteht unter Nationalismus eine Geistesverfassung, die ein am nationalen Interesse orientiertes Ordnungsprinzip sein kann: Die Nation hat einerseits einen bevorzugten Platz in gesellschaftlicher Kommunikation, andererseits legitimiert und orientiert sich die Politik dieser Gesellschaft nach ihr. Ein Nationalist würde dementsprechend besonders den „nationalen Nachrichten“ seine Aufmerksamkeit zuwenden. Es ist jedoch zu betonen, dass Nationalismus in vielen Erscheinungsformen auftreten kann und es deswegen verschiedene Definitionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten gibt.
Ernest Gellner, Eric Hobsbawm, Benedict Anderson und Robert Miles und andere betonen, dass es sich bei einer Nation weniger um ein reales Gebilde, als vielmehr um eine imaginierte Gemeinschaft bzw. um ein Konstrukt handele. Für Gellner ist Nationalismus „keineswegs das Erwachen von Nationen zu Selbstbewusstsein: man erfindet Nationen, wo es sie vorher nicht gab“[5]. Anderson versteht eine Nation als eine „vorgestellte politische Gemeinschaft“[6]. Nach Robert Miles geht der Nationalismus von der Existenz „naturgegebener Unterteilungen der Weltbevölkerung“ aus und verkörpert ein politisches Projekt, ein Territorium in Beschlag zu nehmen, „in dem das ‚Volk’ sich selbst regieren kann“.[7]
Im Gegensatz zu modernistischen Theoretikern gestehen eine Reihe anderer Nationalismusforscher (z. B. Anthony D. Smith oder Clifford Geertz) ethnischen Nationen, die sich über Sprache, Religion, Verwandtschaftsnetzwerke, kulturelle Eigenarten oder quasi-rassische Gemeinsamkeiten definieren, ein Eigenleben ohne Nationalismus zu. Für diese Theoretiker ist Nationalismus zumindest teilweise eine Manifestation eines primordialen (uranfänglichen) Zusammengehörigkeitsgefühls. Ähnlich argumentiert auch Karl Raimund Popper bereits 1945 im zweiten Band seines Werkes Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Er sieht Nationalismus als ein Relikt eines ur-instinktiven Gefühls der Stammeszugehörigkeit, dominiert von Leidenschaft und Vorurteilen. Außerdem bedeutet Nationalismus für Popper ein nostalgisches Verlangen nach dem Ersatz von individueller durch kollektive Verantwortung. Für Popper ist der Nationalstaat an sich schon nur ein Mythos, der theoretisch durch nichts zu rechtfertigen ist, sondern lediglich eine irrationale und romantische Utopie darstellt; er sei „ein Traum von Naturalismus und kollektivistischer Stammeszugehörigkeit.‟[8]
Alltagssprachlich wird der Begriff Nationalismus heute häufig mit exklusivem Nationalismus oder Chauvinismus gleichgesetzt. Diese Bedeutung von Nationalismus wird oft vom gemäßigterem Patriotismus abgegrenzt, der sich für die Werte und Symbole seiner Nation einsetzen will und dies auch anderen Nationen zubilligt. Im Unterschied dazu erhebt der in diesem Sinne verstandende Nationalismus ein „Loyalitäts- und Deutungsmonopol“: Das Individuum soll nicht mehr seine Religion, seine Heimatregion oder die dort herrschende Dynastie als identitätsstiftenden Fokus des Denkens und Handelns ansehen, sondern allein die Nation.[9] Dieser Anspruch kann in einem integralen Nationalismus bis zur Relativierung oder gar Abwertung des Individuums führen: „Du bist nichts, dein Volk ist alles“.[10] Daher wird der Nationalismus unter die Politischen Religionen eingeordnet.[11] Sozialpsychologische Studien haben in jüngster Zeit gezeigt, dass sich Nationalismus und Patriotismus empirisch nicht sauber trennen lassen; beides geht im Individuum vielmehr oft Hand in Hand.[12]
Nationalismus ist ein Phänomen der Moderne. Vor allem im 19. Jahrhundert kam es zu nationalistischen Mythenbildungen, um die neugeschaffenen Nationen als vermeintliche oder tatsächliche Traditionsgemeinschaften zu verankern. In Europa bekam der Nationalismus einen erheblichen Schub durch die Ideen der Französischen Revolution. In ihrer Folge wurde die Idee der Volkssouveränität populär, welche sowohl einen demokratischen als auch einen nationalen Ansatz hat. Vorreiter dieser Mythenbildungen waren in Deutschland etwa Johann Gottfried Herder und Johann Gottlieb Fichte, in Italien Giuseppe Mazzini. Als im Volke beliebt und den konservativen Kräften der Restauration entgegenstehend zeigten sich die national und demokratisch gesinnten Bewegungen der Revolutionen von 1848/1849. Beginnend mit der französischen Februarrevolution sprang der Funke auf fast ganz Europa über, auch auf die Fürstentümer des Deutschen Bundes, darunter die Monarchien Preußen und Österreich als dessen mächtigste Staaten (Märzrevolution). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts radikalisierte sich in einigen Ländern der sonst fast überall vorherrschende inklusive Nationalismus. Der französische Publizist Charles Maurras prägte den Begriff des „Integralen Nationalismus“, der die Nation zum ausschließlichen Wert des Individuums erhöhen wollte. Ihr wurde eine historische Sendung zugeschrieben, mit der sie auch andere Territorien „erlösen“ sollte. Der so verstandene Nationalismus wurde zur Legitimierung des Imperialismus, der Herrschaft auch über fremde Völker. Gleichzeitig wurden Zweifel und Kritik an der Nation als Verrat delegitimiert und nicht mehr geduldet: Der integrale Nationalismus war somit ein Unterdrückungsinstrument auch nach innen.[13]
Vor der Herausbildung moderner Nationen standen andere, meist persönliche oder regionale Bindungen (beispielsweise an den Lehnsherren) im Zentrum der meisten Gruppenzugehörigkeiten. Tatsächlich sind quasi-nationalstaatliche Institutionen eine Grundvoraussetzung zur Entstehung einer über den Personenverband hinausgehenden nationalen Identität. Im Nationalismus wird die vormals personengebundene Loyalität (Königtum etc.) in einer abstrakten überpersonalen Ebene verallgemeinert. Ein persönlicher Umgang miteinander, wie zuvor in einer Dorfgemeinschaft oder am Fürstenhof alltäglich, wird nun auch auf Personen übertragen, die nicht in unmittelbarem Kontakt miteinander stehen konnten. Unter Bezugnahme auf vermeintliche oder tatsächliche Gemeinsamkeiten in Geschichte, Sprache und Kultur, die in vielen Fällen – wie zum Beispiel durch die Normierung der deutschen Sprache in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – erst während der Nationsbildung entstanden sind, wurde eine nationale Gemeinschaft errichtet. Diese Gemeinschaft reproduziert sich zum Beispiel durch nationalstaatliche Institutionen (Behörden, Schulen etc.) selbst.
In den geschichtlichen Vordergrund getreten sind letztlich die nationalen Antagonismen, die nach dem rasanten technischen Fortschritt des 19. und 20. Jahrhunderts zu den verheerenden Ergebnissen moderner Kriegsführung mit Millionen von Toten führten. Aber auch der Zerfall von Machtstrukturen führt zum Ausbrechen nationalistischer Bestrebungen, etwa beim Zusammenbruch der Kolonialreiche in der Folge des Zweiten Weltkrieges. Die nach Unabhängigkeit strebenden ehemaligen Kolonialvölker erreichten zum Teil in blutigen Befreiungskriegen ihre Selbständigkeit. Dabei griffen sie auf die bereits bekannten Prinzipien des Nationalismus zurück und setzten dessen emanzipatorisches Element, verbunden mit einem politischen Gleichheitsversprechen gegenüber allen zur Nation zählenden Menschen ein, um den Kolonialismus zu delegitimieren. Hier zeigt sich, dass Inklusion und Exklusion offenbar elementare Bestandteile des Nationalismus sind. Während einerseits die politische Gleichheit der in einer Nation vereinten Gruppe betont wird, erfolgt andererseits der Ausschluss der als nicht zugehörig klassifizierten Gruppen. Dies kann von einer kommunikativen Betonung der Andersartigkeit dieser Ausgeschlossenen bis zu ihrem physischen Ausschluss („ethnische Säuberung“) oder im Extremfall zu ihrer Vernichtung führen (Völkermord).