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Die nationalsozialistischen EuropaplĂ€ne hatten die Neuordnung des Kontinents nach territorialen und völkischen Kriterien zum Ziel. Dabei wurde die Eingliederung vieler Staaten in das Deutsche Reich, die Aus- und Umsiedlung von Bevölkerungsteilen sowie die UnterdrĂŒckung und Ausbeutung und in letzter Instanz die Ermordung einer groĂen Anzahl von Menschen geplant, auch unter Beteiligung der deutschen Wirtschaft.
Bereits vier Tage nach der MachtĂŒbernahme der NSDAP lieĂ Adolf Hitler die Spitze der Reichswehr wissen, er werde mit der Eroberung und Germanisierung von âLebensraum im Ostenâ nicht zögern und eine groĂdeutsche Volkstumspolitik betreiben, um alle Deutschen in einem Reich zu vereinigen.[1] In Mein Kampf hatte er noch einen Bund mit Italien und GroĂbritannien vorausgesehen, Frankreich sollte seiner GroĂmachtstellung beraubt werden. Danach wĂŒrde er sich der VergröĂerung des Lebensraums im Osten zuwenden. In der Mitte Europas sollte ein Reich aller Deutschen â weit ĂŒber die Grenzen von 1914 hinaus â entstehen. 1934 sprach Hitler von einem stĂ€hlernen Kern, bestehend aus Ăsterreich, der Tschechoslowakei und Westpolen. AuĂerdem stellte er verschiedene BĂŒndnisse aus formell alliierten â aber nicht gleichberechtigten â Blöcken auf. Diese nannte er den Ostbund (Baltikum, Balkanstaaten, Ukraine, Wolgaland und Georgien), den Westbund (Holland, Flandern und Nordfrankreich) und den Nordbund (DĂ€nemark, Schweden sowie Norwegen).
Hitler benutzte den Begriff Europa zuerst nur widerwillig, seine Haltung Ă€nderte sich erst, nachdem er Europa fĂŒr sich selbst und den Nationalsozialismus âblutsmĂ€Ăigâ definiert hatte.[2] So definierte Franz Six[3] zum Beispiel Europa als
â[âŠ] der aus der Gestaltungskraft der arischen Rasse geschaffene Lebensraum der europĂ€ischen Rassen und Völker.â
Alfred Rosenberg betonte aber, dass der Nationalsozialismus ein Programm fĂŒr Deutschland, nicht fĂŒr Europa sei:[4]
âUnsere Bewegung ist [âŠ] darauf bedacht, sich nicht etwa in einen internationalen ânationalsozialistischen Bundâ zu verwandeln, der dann etwas wie ein Kirchenkonzil zu entscheiden hĂ€tte, was wahrer und was nicht wahrer Nationalsozialismus sei. Das Urteil ĂŒber eine solche Frage steht nur uns zu.â
Rosenberg sah die kĂŒnftige Struktur Europas 1934 als Resultat eines Viererpaktes, bestehend aus den nationalistischen Bewegungen Italiens, Frankreichs, Englands und Deutschlands. Auch die Staaten der Ostsee (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) und der Donauraum sollten inkludiert werden, um ein âorganisches Zentraleuropaâ zu formen.[5]
Die gröĂten Ambitionen zeigten hierbei die PlĂ€ne fĂŒr ein neues Europa wĂ€hrend der Siegeswelle von 1940/41. Zu diesem Zeitpunkt wurde ĂŒber die Eingliederung DĂ€nemarks, Norwegens, der Niederlande und Belgiens in ein âGroĂgermanisches Reichâ debattiert â Hitler wollte aufrĂ€umen mit dem âKleinstaatengerĂŒmpelâ.[6] FĂŒr Werner Daitz war die Bevölkerung dieser Regionen genauso germanisch wie die Deutsche und daher âwĂŒrdigâ, ins Reich aufgenommen zu werden.[7]
Eine Studie der Seekriegsleitung vom 3. Juni 1940 ĂŒber Raumerweiterung nach dem Krieg plĂ€dierte bereits fĂŒr die Einbehaltung Belgiens und eines Teils von Nord- und Ostfrankreich; kleinere Staaten wie die Niederlande, DĂ€nemark und Norwegen sollten zwar formell unabhĂ€ngig, aber in starker AbhĂ€ngigkeit vom Reich gehalten werden.
Himmler dachte vorĂŒbergehend daran, einen burgundischen Staat zu schaffen[6] und entwickelte spĂ€ter auch fĂŒr Westeuropa VölkermordplĂ€ne. Ende Februar 1943 nahm der Ministerialdirigent im Ostministerium Otto BrĂ€utigam im FĂŒhrerhauptquartier Einsicht in ein GesprĂ€chsprotokoll, das General Wagner persönlich ĂŒber eine Unterredung mit Heinrich Himmler angefertigt hatte. Himmler Ă€uĂerte in dieser Unterredung, dass er vorhabe nach dem Ende des Krieges 80% der französischen Bevölkerung durch Kommandos des SD ermorden zu lassen und Ă€hnlich in England verfahren zu wollen.[8] Hitler hatte zuvor die Unterklassen Englands als rassisch minderwertig bezeichnet.[9]
Nach der Niederlage der Sowjetunion sollten auch Schweden und die Schweiz geschluckt werden. FĂŒr Frankreich sah Hitler eine territoriale ZerstĂŒckelung vor, er wollte eine âvergröĂerte Schweizâ; die Grenze zu Deutschland sollte die des Heiligen Römischen Reichs sein (d.h. die französische Schweiz zu Frankreich gehörig, die âarischâ-deutschsprachige Schweiz zum Kern-Reich). Um jeden Widerstand im Keim zu ersticken, sollte Frankreich permanent besetzt bleiben.[10] Der Nachbar Schweiz hatte im Konzept Hitlers bis zur Niederwerfung Russlands eine Sonderrolle: Bis zum Juni 1940 als neutraler, relativ gut gerĂŒsteter Flankenschutz gegen einen Angriff Frankreichs an der SĂŒdwest-Flanke, danach vor allem als unversehrter RĂŒstungslieferant und als Devisen-Drehscheibe zugunsten des Reiches[11][12].
Die sĂŒdosteuropĂ€ischen Völker sollten halbautonom am Rande des Reichs leben, kontrolliert von der âReichsfestung Belgradâ. Die in Norwegen und den Niederlanden eingesetzten Reichskomissare waren nur als Ăbergangsform gedacht; ihre Aufgabe war es, diese neue Ordnung einzufĂŒhren und die Bevölkerung dafĂŒr zu gewinnen.
Der wohl von seinen HerrschaftsansprĂŒchen umfassendste Plan ist jener der Gesellschaft fĂŒr europĂ€ische Wirtschaftsplanung und GroĂraumwirtschaft. In ihrer Denkschrift wurde festgestellt, dass der europĂ€ische GroĂraum
â[âŠ] sĂ€mtliche Völker des Festlandes von Gibraltar bis zum Ural und vom Nordkap bis zur Insel Zypern mit ihren natĂŒrlichen kolonisatorischen Ausstrahlungen in den sibirischen Raum und ĂŒber das Mittelmeer nach Afrika hinein [âŠ]â
umfassen mĂŒsse. Man sollte grundsĂ€tzlich nur von Europa sprechen[10][13]
â[âŠ] denn die deutsche FĂŒhrung ergibt sich ganz von selbst [âŠ]â
Die deutsche Siegeswelle ĂŒbte einen gewaltigen psychologischen Einfluss auf die Bevölkerung der besetzten Gebiete aus; einige Kollaborateure â vor allem in Frankreich aber auch in den anderen besetzten Gebieten â benutzten den Begriff Europa, um eine Zusammenarbeit zu rechtfertigen.[14] Die Beeinflussung durch die Europa-Propaganda verlor aber jede Bedeutung, als spĂ€testens nach einem Jahr die wirklichen Ziele der neuen Herren klar wurden.
Im Osten Europas wurde der SS freie Hand gelassen. Himmlers Siedlungskonzept fĂŒr den Ostraum grĂŒndete sich auf die âBlut-und-Boden-Ideologieâ und auf âgermanisches Bauerntumâ. Die Industrie und sowjetischen StĂ€dte sollten zerstört werden; stattdessen wĂŒrden groĂbĂ€uerliche Siedler aus dem Reich deutsche MusterlandgĂŒter errichten und bewirtschaften.[10] Dazu wurde der so genannte Generalplan Ost entwickelt, welcher die Gliederung der Polen in verschiedenste Wertungsgruppen von I (âEindeutschungsfĂ€higâ) bis IV (ânicht lebenswertâ) zur Folge hatte.[13] Auch das alt-österreichische Galizien, das Baltikum, die Krim (das zukĂŒnftige âGotenlandâ, wo man SĂŒdtiroler ansiedeln wollte) und die Wolga-Kolonie sollten deutsches Reichsgebiet werden.[1] Das Ziel im Osten war die Etablierung eines deutschen Herrenvolks und versklavter âUntermenschenâ. Man wollte auch ârassisch wertvolles Menschenmaterialâ aus diesen Gebieten âabschöpfenâ, d. h. ins Reich eingliedern und dafĂŒr âSchmarotzerâ und âHerumlungererâ aus dem Altreich in den Osten deportieren.[15] Ralph Giordano beschreibt das Ziel der Nationalsozialisten, durch massenhafte Sterilisationen, Vernichtung durch Arbeit, Massenmord und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung ein âslawenfreies Osteuropaâ zu schaffen.[13]
Das âZentralclearingâ war ein Mechanismus zur zentralen Steuerung der internationalen Transaktionen der verbĂŒndeten oder unterworfenen Staaten. Es basierte auf der Reichsmark und bedeutete im praktischen Wirtschaftsleben, dass alle internationalen Transfers der beteiligten Staaten ĂŒber Berlin abgewickelt wurden. WĂ€hrend viele PlĂ€ne zur Neuordnung Europas nie auĂerhalb akademischer Zeit- und Denkschriften verbreitet wurden, funktionierte das europĂ€ische Zentralclearing bis zum Ende des Nationalsozialismus. Da das Clearingsystem einen enormen Vorteil fĂŒr das Deutsche Reich brachte, nennt Röhr es âverhohlenen Raubâ.[10] Die Warenschuld Deutschlands betrug gegen Kriegsende 35 Milliarden RM.[16]
An der Neuordnung Europas waren, wie bereits angedeutet, verschiedene Konzerne maĂgeblich beteiligt. Die I.G. Farben zum Beispiel entwickelte ehrgeizige PlĂ€ne zur Reorganisation der europĂ€ischen Chemieindustrie unter ihrer Hegemonie. Die Deutsche Bank und die Dresdner Bank kauften Banken in den besetzten Gebieten auf.[17] Oft wurde die Ăbernahme von Firmen ĂŒber TreuhĂ€nder oder Vermögensverwalter abgewickelt wie z. B. bei Krupp[10] oder durch skrupellose Arisierung und der Aneignung von âFeindvermögenâ. Eine geplante Zollunion wurde interessanterweise torpediert, da dies zu einer Angleichung des Lebensstandards gefĂŒhrt hĂ€tte, was ausdrĂŒcklich nicht gewĂŒnscht wurde. Reichswirtschaftsminister Walther Funk gab die Ziele der Neuordnung recht unumwunden zu:[18]
âDie kommende Friedenswirtschaft muss dem GroĂdeutschen Reich ein Maximum an wirtschaftlicher Sicherheit garantieren und dem deutschen Volke ein Maximum an GĂŒterverbrauch zur Erhöhung der Volkswohlfahrt.â
In der FrĂŒhzeit des Nationalsozialismus war man bestrebt, Deutschland autark zu machen. Dies Ă€nderte sich aber im Laufe der Zeit; Herbert Backe schrieb 1942:[3]
âNicht die Autarkie jedes einzelnen europĂ€ischen Staates ist die Aufgabe, die die Zukunft stellt, sondern die Autarkie des GroĂraumes Kontinentaleuropa.â
Ziel war also nicht Weltmarkt, sondern GroĂmarkt Kontinentaleuropa.[3] Backe gilt als Urheber des sogenannten Hungerplans 1941 und scheute nicht vor dem skrupellosen Einsatz des Hungers zur Verringerung der âĂbervölkerungâ zur Sicherung der deutschen ErnĂ€hrung zurĂŒck. Hermann Göring fasste diese Politik zynisch zusammen:[15]
âWenn gehungert wird, dann hungert nicht der Deutsche, sondern andere.â
Zusammengefasst wird die Ideologie der GroĂraumkonzeption von Kroener:[19]
âHinter dem auch offiziell propagierten Begriff der âeuropĂ€ischen GroĂraumwirtschaftâ verbargen sich langjĂ€hrige Bestrebungen und Planungen fĂŒr die Durchsetzung einer wirtschaftlichen Hegemonie Deutschlands auf dem Kontinent, den völligen Umbau der Nationalwirtschaften im Sinne einer Arbeitsteilung nach deutschem Interesse und den Zugang zu kolonialen âErgĂ€nzungsrĂ€umenâ in Osteuropa sowie in Ăbersee.â
Völkische Theoretiker wie Werner Daitz stellten eine Verbindung zwischen dem wirtschaftlich-politischen GroĂraumkonzept und der rassenbiologischen Lebensraum-Theorie auf. Nach diesen Gesichtspunkten entwickelte Werner Best ein vierstufiges Verwaltungsmodell:[13]
Interessant ist, dass die GroĂraumkonzeption Russland als dem europĂ€ischen Raum zugehörig sah, d. h. der Kampf zwischen der UdSSR und GroĂdeutschland war kein Kampf um die Abgrenzung zwischen zwei GroĂrĂ€umen, sondern um die Vorherrschaft zwischen zwei MĂ€chten desselben Raumes.[6] Dies Ă€nderte sich mit den Niederlagen des Jahres 1942; ab nun sprach man von einer âFestung Europaâ, die man gegen die ârussischen Horden aus Asienâ verteidigen mĂŒsse.
Zu dieser Zeit definierte Rosenberg Europa eher metaphysisch: sein Wesen liegt in den âgroĂen Völkergestalten und Persönlichkeitenâ, es ist kein âleerer Begriff, ... wie er von den Spekulanten aus aller Welt im sog. Völkerbund in Genf verwandt wurdeâ. FĂŒr ihn ist Europa die âblutvollste Tatsache,â eine âZusammenfĂŒgung aller jener auf den Schlachtfeldern und im geistigen Ringen, die gegen die zerstörenden MĂ€chte von Yankee-Gangstern und GPU ankĂ€mpfen.â[20]
Da sich die Kriegsaussichten nach 1942 empfindlich verschlechterten, suchte man nach neuen Propaganda-Schlagworten und erfand schlieĂlich das Konzept der âFestung Europaâ, das die bisherigen GroĂraumplĂ€ne ablöste. Man sah sich nun nicht mehr als Herr Europas, sondern als BeschĂŒtzer des Abendlandes vor dem Bolschewismus. Eine Denkschrift des AuswĂ€rtigen Amtes forderte:[19]
âWarum stellen wir nicht auch Zukunftsprogramme auf, die beruhigen, verfĂŒhren oder doch wenigstens neutralisieren? [âŠ] Als ob sich nicht nach errungenem Sieg leicht eine Formel finden lieĂe, die unserem FĂŒhrungsanspruch genĂŒgt und die uns dann erst recht die Möglichkeit gĂ€be, ohne sichtbare Anwendung von Gewalt unseren bestimmenden Einfluss zu sichern.â
Ein im April 1943 eingesetzter Europa-Ausschuss im AuswĂ€rtigen Amt entwickelte PlĂ€ne fĂŒr eine europĂ€ische Konföderation aus 13 Staaten unter FĂŒhrung der AchsenmĂ€chte. Diese Denkschrift war von Homeyer entworfen worden, dem Reichskommissar von âTaurienâ (der deutsch besetzten Krim samt Hinterland) und trug den Titel Die Kriegsentscheidung â Der Gedanke Europa. Das Ziel dieser Denkschrift war allerdings nicht die völlige Gleichberechtigung der verschiedenen Völker und LĂ€nder Europas, sondern immer noch eine vorherrschende Stellung des Deutschen Reiches. Dieser âStaatenbundâ schloss allerdings die Sowjetunion explizit aus und sollte vor allem der Abwehr des Bolschewismus dienen.[13] Idealerweise hĂ€tte man diesen Bund anlĂ€sslich der Feiern zur Erneuerung des Antikomintern-Paktes prĂ€sentieren können â dazu kam es aber aus zwei GrĂŒnden nicht: Erstens beinhaltete der Plan âverspĂ€tete, unaufrichtige und unattraktive AnsĂ€tzeâ,[1] und zweitens blieb die Einstellung Hitlers ein Hindernis; dieser hatte schon 1942 solche Planungen verboten.[21]