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Neue Unterschicht ist ein in der öffentlichen Meinung umstrittenes politisches Schlagwort, mit dem die Herausbildung einer Bevölkerungsgruppe beschrieben wird, welche ĂŒber am wenigsten Geld, GĂŒter, Bildung und Sozialprestige verfĂŒgt. Als das spezifisch Neue an dieser Unterschicht wird dabei gesehen, dass sie im Vergleich zum Proletarier meist auch ĂŒber mehrere Generationen hinweg ohne Arbeit ist.
Inhaltsverzeichnis |
âNeue Unterschichtâ ĂŒberschneidet sich oft mit dem Begriff des Prekariats. Beide haben soziologisch unterschiedliche Ausgangspunkte: âNeue Unterschichtâ gehört zunĂ€chst wie die âalteâ Unterschicht (siehe unten) in die Debatte zur Sozialen Schichtung, wĂ€hrend âprekĂ€reâ soziale Rollen ĂŒberall in der gesamten Sozialstruktur (sogar in der Oberschicht) vorkommen können (z. B. ruinierte Adelige, ewige Privatdozenten, bankrotte Unternehmer, auftragslose KĂŒnstler). Man kann âNeue Unterschichtâ zudem â trotz Verwendung des âSchichtâ-Begriffes â der kulturalistischen Klassentheorie zuordnen.
Paul Nolte macht in seiner Schrift Generation Reform[1] von 2004 eine kulturelle Spaltung der âNeuen Unterschichtâ von der Mehrheitsgesellschaft aus. Die Spaltung hatten verschiedene Forscher (M. Rainer Lepsius, Josef Mooser, Luidgard Trommer-Krug u. a.) bereits in den 1970er und 80er Jahren in der Lebensstil- und Ungleichheitsforschung festgestellt. Jörg Ueltzhöffer und Berthold Flaig fassten 1980 in ihrem Modell der Sozialen Milieus dieses zum Begriff des âTraditionslosen Arbeitermilieusâ zusammen.
Nach Wilson (1987) ist das Entstehen der neuen Unterschicht durch den Wegfall von Jobs fĂŒr Ungelernte und rĂ€umliche Segregationsprozesse bedingt. Dadurch, dass die Mittelschicht bestimmte Stadtviertel verlasse, verlören die noch dort Verbliebenen den Kontakt zu Personen und Institutionen, die sie an der Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft teilhaben lassen. FĂŒr Wilson ist die Unterschicht eine heterogene zusammengesetzte Gruppe von Personen, die nicht mehr am BeschĂ€ftigungssystem teilhaben.[2] Weitere Kriterien seien die Kumulation von Benachteiligungen (sozialstaatliche Alimentierung, Infrastruktur, fehlende Ausbildung, kulturelle Verwahrlosung) und die familiĂ€re Reproduktion von Ausgrenzung. Der Ansatz stieĂ auf Kritik , denn er konstruiere âeine Bedrohung fĂŒr die Mehrheitsgesellschaftâ und diffamiere die Personen, die zur Gruppe der âNeuen Unterschichtâ gerechnet werden.[3]
Zentrale Protagonisten der amerikanischen Debatte waren Ken Auletta (der 1982 das Buch The underclass veröffentlichte) und Charles Murray (der 1984 Losing Ground veröffentlichte). Beide behaupten, dass ein Proletariat existiere, das sich bewusst von den Werten der ĂŒbrigen Gesellschaft absetze und eigene Wertesystem entwickelt habe. Zu dieser Unterschicht zĂ€hlen nach den Angaben der Autoren Drogen- und AlkoholabhĂ€ngige, entlassene Strafgefangene, psychisch Kranke, Obdachlose, Wohlfahrtsbezieher, SchulschwĂ€nzer, illegale Einwanderer und minderjĂ€hrige MĂŒtter. Zum Inbegriff der Unterschicht wurde die minderjĂ€hrige, farbige, alleinerziehende Mutter im Sozialhilfebezug, die so genannte Welfare Queen. Die Unterschicht zeichne sich durch gemeinsame bad values aus, die dadurch entstanden seien, dass die unteren Bevölkerungsschichten durch zu groĂzĂŒgige staatliche UnterstĂŒtzung korrumpiert worden seien.[4]
Die Soziologie definiert eine Schicht u. a. nach Einkommen und sozialem Status gesellschaftlicher Gruppen, die folgende Gemeinsamkeiten haben:
In diesem Rahmen fasste die âUnterschichtâ Kleinbauern, Knechte, Arbeiter, einfache Angestellte, Seeleute, Gesinde u. a. zusammen â oft auch noch unterteilt in âUntereâ und âObere Unterschichtâ. (â Proletariat und Arbeiterklasse) Unter der Unterschicht wurden gelegentlich auch noch die âSozial Verachtetenâ (Harriett B. Moore) bzw. das âLumpenproletariatâ platziert.
Der laufende deutsche Diskurs (etwa Paul Nolte und Heinz Bude) hat auch Fragestellungen aus den USA aufgenommen.
Nach der Studie âGesellschaft im Reformprozessâ der Friedrich-Ebert-Stiftung auf Datenbasis von TNS Infratest â eigentlich ĂŒber SPD-WĂ€hlerpotential â gehören acht Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland zum sogenannten âabgehĂ€ngten Prekariatâ. Frank Karl von der Friedrich-Ebert-Stiftung betonte, dass der Begriff âneue Unterschichtâ in der Studie fehle. Der Begriff ,neue Unterschichtâ als Synonym fĂŒr ,abgehĂ€ngtes Prekariatâ wurde erstmals von Bild am Sonntag benutzt.[5]
Die Lebensstil- und Ungleichheitsforschung wurde bereits in den 1970er Jahren auf sie aufmerksam. In der Markt-, Medien-, Kommunikations- und Sozialforschung erlebte seit 1980 unter verschiedenen Bezeichnungen (SIGMA-Milieus, SINUS-Milieus) das Modell der Sozialen Milieus von Jörg Ueltzhöffer und B. Flaig einen Siegeszug ohnegleichen. Im SINUS-Milieu-Modell wurde die Unterschicht zunĂ€chst als âTraditionsloses Arbeitermilieuâ bezeichnet.
FrĂŒher diente das Milieu der traditionslosen Arbeiter als Arbeitskraftreserve. Trotz gesetzlicher und tariflicher Regelungen lebte dieses Milieu quasi unter âHire and Fireâ-Bedingungen, denn in Krisenzeiten wurde nur die qualifizierte Stammbelegschaft gehalten. Auf Grund immer besserer Rationalisierungstechniken sind in der Industrie die einfachen TĂ€tigkeiten inzwischen weitgehend weggefallen, weshalb in dem Milieu nun ĂŒberproportional hohe Langzeitarbeitslosigkeit herrscht. Der Organisationsgrad ist sehr gering, weshalb das Milieu seine Interessen nicht selbst zu vertreten vermag. Es gibt kaum Kontakte zu anderen Milieus. Es wird meist untereinander verkehrt und geheiratet. SchulabschlĂŒsse erreicht man verhĂ€ltnismĂ€Ăig selten.
Die âneue Unterschichtâ wird ganz Ă€hnlich beschrieben: Arbeitslosigkeit oder Niedrigsteinkommen, Verschuldung, mangelnde Bildung, fehlende Aussichten auf Verbesserung der Situation und hĂ€ufige Resignation charakterisierten sie. Weiterhin zeichne sie sich durch geringen familiĂ€ren RĂŒckhalt (hoher Singleanteil) und einen Hang zu autoritĂ€ren politischen VerhĂ€ltnissen aus.
Der Kriminologe Christian Pfeiffer nannte insbesondere viele Jugendliche als ĂŒberproportional unterprivilegiert. Dem Berliner Tagesspiegel sagte er, dass 10 bis 15 Prozent der Unter-18-jĂ€hrigen in die Kategorie gehörten, da sie ĂŒber geringe Bildung verfĂŒgten und keine Aufstiegschancen fĂŒr sich sĂ€hen. FĂŒr die Misere machte Pfeiffer das gegenwĂ€rtige Schulsystem in Deutschland mitverantwortlich. Als weiteren Grund fĂŒr mangelnde schulische Aufsteigschancen sieht Pfeiffer Medienverwahrlosung. Kinder aus bildungsfernen Familien hĂ€tten hĂ€ufiger einen eigenen Fernseher, einen eigenen PC und eigene Spielkonsolen als Kinder aus bildungsnahen Familien. Dies jedoch wĂŒrde zu schulischen Misserfolgen fĂŒhren, so Pfeiffer in seiner Studie Die PISA-Verlierer â Opfer des Medienkonsums[6]
Wie Napp-Peters auf berichtet, hĂ€tten auf der einen Seite einige Eltern der Unterschicht kaum BerufswĂŒnsche oder AusbildungsplĂ€ne fĂŒr ihre Kinder:
âDabei werden Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit als Haltung der Eltern direkt auf die Kinder ĂŒbertragen und â wie wir bei Fragen zu Schulerfolg und BerufswĂŒnschen der Kinder feststellen konnten â diese resignative Haltung Ă€uĂert sich auch indirekt in den geringen Erwartungen der Eltern an Leistungsvermögen und Leistungsmotivation ihrer Kinder. Weniger als 20 % der deprivierten Eltern im Vergleich zu rund 65 % aller Eltern von Schulkindern wĂŒnschen fĂŒr ihre Kinder den AbschluĂ einer weiterfĂŒhrenden Schule. [âŠ] Nur 10 % im Vergleich zu 45 % haben regelmĂ€Ăig Kontakt zu den Lehrern ihrer Kinder, und BerufswĂŒnsche oder berufliche AusbildungsplĂ€ne fĂŒr ihre Kinder wurden von deprivierten Eltern nicht genannt.â
â Anneke Napp-Peters: SozialpĂ€dagogische Familienhilfe in der Bundesrepublik Deutschland â Armut als Ausgrenzung: âDie haben nichts â die bringen nichtsâ [7]
Auf der anderen Seite kommen Erhebungen wie die jĂŒngste Elternbefragung des Dortmunder Institut fĂŒr Schulentwicklungsforschung und die Langzeitstudie der Arbeiterwohlfahrt zu dem Ergebnis:
âDie Bildungsaspirationen der Eltern sind in den letzten 20 Jahren stark angestiegen. Dies zeigen nicht zuletzt die Umfragen des Instituts fĂŒr Schulentwicklungsforschung (IFS, 2004). Inzwischen wĂŒnschen sich bundesweit 45 % aller befragten Grundschuleltern, dass ihr Kind die Schullaufbahn mit dem Abitur abschlieĂt; nur 8 % können sich fĂŒr ihr Kind einen Hauptschulabschluss vorstellen. Besonders stark angestiegen sind die Bildungsaspirationen von Eltern aus bildungsferneren Schichten.â
â Fehrenbach/Zöller/Roos/Schöler: Bildungsaspiration der Eltern und elterliche Zufriedenheit mit den Schulleistungen am Ende der dritten Klasse[8]
Weitere empirische Untersuchungen durch Elternbefragungen kamen zu Àhnlichen Urteilen.[9]
Der damalige SPD-Vorsitzender Beck, der den Begriff âNeue Unterschichtâ bereits vorher benutzt hatte, rief auf Grund der Ergebnisse der Studie zu einem Bildungsaufbruch auf, der die Bildung und damit die Aufstiegschancen der sogenannten âUnterschichtâ verbessern solle. Einige CDU- und SPD-Politiker lehnten die Formulierung âUnterschichtâ jedoch ab, da das Wort abwertend bzw. ausgrenzend sei. Franz MĂŒntefering sagte im Sender N24, die Formulierung sei von âlebensfremde(n) Soziologen. Es gibt keine Schichten in Deutschland. Es gibt Menschen, die es schwerer haben, die schwĂ€cher sind. Das ist nicht neu [âŠ] ich wehre mich gegen die Einteilung der Gesellschaft.â[10] SPD-GeneralsekretĂ€r Hubertus Heil und Finanzminister Peer SteinbrĂŒck (SPD) appellierten an Wohlhabende und warnten vor der âAbkoppelungâ eines wachsenden Teils der Bevölkerung, der sich gedemĂŒtigt und deklassiert fĂŒhle. Heil sagte: âWenn man ĂŒber Armut in Deutschland redet, darf man ĂŒber Reichtum nicht schweigen.â CDU-GeneralsekretĂ€r Ronald Pofalla machte ebenso die vorherige rot-grĂŒne Regierung fĂŒr einen Anstieg der Armut verantwortlich, und kĂŒndigte als Lösung Kombilohn-Modelle an. Die FDP warf der Regierung eine verfehlte Wirtschaftspolitik vor, und forderte gleiche Startbedingungen fĂŒr Kinder. Volker Beck (Die GrĂŒnen) forderte, die groĂe Koalition mĂŒsse endlich die langfristige ArmutsbekĂ€mpfung zum Ziel ihrer Sozialpolitik machen. Die Linke setzte sich fĂŒr eine Aktuelle Stunde im Bundestag zum Thema ein. Oskar Lafontaine sagte, alle Parteien hĂ€tten daran mitgewirkt, die ZustĂ€nde herbeizufĂŒhren, die jetzt beklagt wĂŒrden.
Caritas und DGB widersprachen dem allerdings: Das Problem seien weniger die letzten Arbeitsmarktreformen, als vielmehr die Massenarbeitslosigkeit. Hartz IV sei auch nicht schuld an Bildungsferne. Michael Sommer (DGB) kritisierte staatliche Politik, die dazu fĂŒhre, dass âdie einen immer reicher und die anderen immer Ă€rmer werdenâ.
In der Debatte kam es zur Kritik an den Aussagen, dass Angehörige dieser Gruppe sich ânicht mehr wie frĂŒherâ um den Bildungserfolg ihrer Kinder kĂŒmmerten und Erziehung in der Familie nicht mehr stattfinde. Zu solchen Aussagen fehle es an Untersuchungen.
Das Schlagwort der neuen Unterschicht wird in der politischen Debatte oft instrumentalisiert. So sprach sich Oswald Metzger gegen ein Grundeinkommen aus, da die staatlichen Leistungen zur Entstehung einer neuen Unterschicht gefĂŒhrt hĂ€tten: Wir können doch heute schon bei Sozialhilfe-Biografien ĂŒber Generationen beobachten, dass Menschen, die von Transfereinkommen leben, nicht aktiviert werden. SozialhilfeempfĂ€nger werden keineswegs schöpferisch aktiv. Viele sehen ihren Lebenssinn darin, Kohlehydrate oder Alkohol in sich hinein zu stopfen, vor dem Fernseher zu sitzen und das Gleiche den eigenen Kindern angedeihen zu lassen. Die wachsen dann verdickt und verdummt auf.[11] Heinz Buschkowsky kritisierte das Betreuungsgeld der schwarz-gelben Koalition: In der deutschen Unterschicht wird es versoffen und in der migrantischen Unterschicht kommt die Oma aus der Heimat zum Erziehen, wenn ĂŒberhaupt[12].
Bereits vor einzelnen ĂuĂerungen, ob in Deutschland die âFalschenâ die Kinder bekommen[13], sprachen Christoph Butterwegge[14][15] und Eva Barlösius[16] von einer âBiologisierungâ und âDemografisierungâ des Sozialen, welche zu einem mit sozialdarwinistischem Denken verbundenen âStandortnationalismusâ fĂŒhre.[17]
Wilhelm Heitmeyer betont mit Bezug auf eigene Untersuchungen zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, dass Menschen zunehmend nach ihrer wirtschaftlichen NĂŒtzlichkeit bewertet wĂŒrden. Dies fĂŒhre insbesondere zu einer Abwertung von Arbeitslosen:
âWir können belegen, dass die Mittelschicht seit EinfĂŒhrung von Hartz IV massive Angst hat. Das fĂŒhrt dazu, dass Mitmenschen vor allem nach ihrer NĂŒtzlichkeit bewertet und damit auch abgewertet werden. Der autoritĂ€re Kapitalismus hat es geschafft, seine Verwertungskriterien ohne Widerstand der ganzen Gesellschaft ĂŒberzustĂŒlpen.[18]â
Diese Abwertung der Unterschicht bezeichnet Albrecht von Lucke als âPropaganda der Ungleichheitâ und nennt hier explizit Thilo Sarrazin und Peter Sloterdijk.[19]
Thilo Sarrazin hatte in einem Interview behauptet:
âEs gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden. (...) So dass das Niveau an den Schulen kontinuierlich sinkt, anstatt zu steigen. [...] Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtengeburten, und die fĂŒllen die Schulen und die Klassen, darunter viele Kinder von Alleinerziehenden. Wir mĂŒssen in der Familienpolitik völlig umstellen: weg von Transferleistungen, vor allem bei der Unterschicht.â
â Thilo Sarrazin[20]
Der Politikwissenschaftler Hajo Funke warf Sarrazin daraufhin Rassismus und Sozialdarwinismus vor.[21] Cem Ăzdemir bezeichnete Sarrazins Weltbild ebenfalls als sozialdarwinistisch.[22] Der Zeit-Journalist Christian Staas fĂŒhlt sich durch Sarrazins ĂuĂerungen an rassenbiologische Schriften erinnert und behauptet, Sarrazin plĂ€diere fĂŒr ein eugenisches Projekt.[23]
Peter Sloterdijk verteidigte Sarrazins Thesen in dem âManifestâ Aufbruch der LeistungstrĂ€ger - Zeitdiagnostische Bemerkungen und rief dazu auf, Gunnar Heinsohn zu lesen.[24]
Gunnar Heinsohn forderte im November 2009 eine Reduzierung der âUnterschichtengeburtenâ, er kritisierte, dass Arbeitslose Elterngeld erhielten[25]. Im MĂ€rz 2010 riet er, Sozialhilfe auf fĂŒnf Jahre zu begrenzen und verwies dabei auf die seiner Meinung nach positiven Effekte einer verĂ€nderten amerikanischen Sozialhilfepolitik in der Amtszeit von Bill Clinton. Insbesondere könne dadurch die Zahl der Kinder in der Unterschicht reduziert werden, die ânicht ausbildungsfĂ€higâ seien.[26] Die Arbeitnehmerkammer Bremen kritisierte ihn dafĂŒr heftig und warf ihm Sozialdarwinismus vor.[27] Diesen Vorwurf erhob auch Friedhelm GrĂŒtzner, innen- und rechtspolitischer Sprecher der Bremer Linken. Er behauptet, Heinsohns Gedanken wĂŒrden um den Fortbestand des deutschen Volkes und um die QualitĂ€t von dessen Genpool kreisen. In ihrer Konsequenz fĂŒhre die Argumentation Heinsohns zu einer staatlich reglementierten Geburtenkontrolle durch Zwangssterilisation und Zwangsabtreibung.[28]
Der Elitenforscher Michael Hartmann konstatiert eine âin der Geschichte der Bundesrepublik noch nie dagewesene Radikalisierung der Elitenâ, die zunehmend den âKontakt mit anderen Lebenswirklichkeitenâ verloren hĂ€tten. [29]
Die neue Unterschicht erscheint in den Medien als kriminell, dreckig, gefĂ€hrlich, asozial, verwahrlost und chaotisch. Sie nutzten Worte wie das auf den wissenschaftlichen Leiter des Instituts fĂŒr Urbanistik, Rolf-Peter-Löhr, zurĂŒckgehende Wort âSozialhilfeadelâ â er definierte:
âIn den Problemgebieten spĂŒrt man, welche Kultur der AbhĂ€ngigkeit der Sozialstaat geschaffen hat. Dort leben manche Leute schon in der dritten Generation von Sozialhilfe â dort herrscht Sozialhilfeadel â die wissen gar nicht mehr, wie das ist: morgens aufstehen, sich rasieren, vernĂŒnftig anziehen und zur Arbeit fahren.[30]â
Magazine wie etwa der Stern Die Zeit, Geo und Der Spiegel schilderten die neue Unterschicht in Einzelschicksalen als verwahrlost, gewalttĂ€tig und kinderreich â jedoch ohne sich auf soziologische Analysen oder Statistiken zu stĂŒtzen. Sozialforscher Fabian Kessl sieht die âneue Unterschichtâ als ein Konstrukt der Massenmedien an und bezeichnet die Berichterstattung als âmediale Dramatisierungâ.[31]
Weitere Eigenschaften, die der neuen Unterschicht von den Massenmedien zugeschrieben werden, sind eine verantwortungslos gelebte SexualitĂ€t und ein Mangel an Mittelschichtswerten. Dieser angebliche Mangel wird teilweise auch als Grund fĂŒr eine Zugehörigkeit zur Unterschicht gesehen:
âTeenager, die schwanger werden, gehören zur "underclass" [...] [sowie] Schulversager, Leute, die FĂŒrsorgeleistungen einkalkulieren, solche, die eine extreme Gegenwartsorientierung zeigen, jedoch keine Bereitschaft Pflichten zu ĂŒbernehmen, Bildungsaspirationen nachzugehen oder zu arbeiten. Die Zurechnung zur "underclass" erfolgt nach etwas, was man "soziales Profil" nennen könnte.â
â Karl August Chasse: Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte[32]
Disziplinlosigkeit und UnfĂ€higkeit sich einzufĂŒgen werden ebenfalls genannt. So wird im Stern der Vereinsvorsitzende eines Ruderclubs mit den Worten zitiert âIch komme immer mehr zu der Ăberzeugung: Die heutige Unterschicht kann nicht mehr rudernâ. Das Magazin kommt daraufhin zu der Analyse:
âDie ĂŒberraschende Diagnose des Vereinsvorsitzenden erklĂ€rt mehr ĂŒber die Spaltung der Gesellschaft als manche soziologische Studie. Beim Rudern darf niemand aus der Reihe tanzen. Wenn nur einer im Achter den Rhythmus der Gemeinschaft stört, fallen alle acht ins Wasser. Beim Rudern mĂŒssen sich alle unterordnen zu hundert Prozent. [...] Disziplin, ZuverlĂ€ssigkeit, BestĂ€ndigkeit, Pflichtbewusstsein - die viel geschmĂ€hten SekundĂ€rtugenden entscheiden jedoch nicht nur, ob jemand ein guter Sportler ist. [...] Oft teilen sie ein, wer auf welcher Seite des groĂen Grabens lebt, wer oben und wer unten ist. Wer rudern kann, gehört nicht zur Unterschicht.â
â zitiert in Karl August Chasse: Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte[32]
AuĂerdem wird der âneue Proletâ vom âalten Arbeiterâ abgegrenzt. So schreibt Der Spiegel:
âDer Prolet von heute besitzt mehr Geld als der Arbeiter vergangener Generationen und wenn er im Anzapfen des Sozialstaats eine gewisse Fertigkeit entwickelt hat, verfĂŒgt er ĂŒber ein Haushaltseinkommen, das mit dem von Streifenpolizisten, Lagerarbeitern und Taxifahrern allemal mithalten kann. Es ist nicht die materielle Armut, die ihn von anderen unterscheidet. AuffĂ€llig sind die Symptome der geistigen Verwahrlosung [...] Er besitzt keine Bildung, aber er strebt ihr auch nicht entgegen. Anders als der Prolet des beginnenden Industriezeitalters, der sich in Arbeitervereinen organisierte, die zugleich oft Arbeiterbildungsvereine waren, scheint es, als habe das neuzeitliche Mitglied der Unterschicht sich selbst abgeschrieben. Selbst fĂŒr seine Kinder ĂŒbernimmt es keine allzu groĂen Anstrengungen, die TĂŒr in Richtung Zukunft aufzustoĂen. Ihre Spracherziehung ist so schlecht, wie ihre FĂ€higkeit sich zu konzentrieren. Der Analphabetismus wĂ€chst in dem gleichen MaĂ, wie die Chancen auf Integration der Deklassierten schrumpfen. Die Amerikaner sprechen in der ihnen eigenen Direktheit von "white trash", weiĂem MĂŒll.â
â zitiert in Karl August Chasse: Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte[32]
Karl August Chasse kritisierte am medialen Diskurs, dass die Medien einzelne Wissenschaftler scheinseriös nur als Stichwortgeber benĂŒtzten (so Rolf-Peter Löhrs âSozialhilfeadelâ).[32] Wissenschaftliche ZusammenhĂ€nge wĂŒrden jedoch falsch dargestellt. Ein Stern-Artikel verweise zwar auf den Soziologen Andreas Mielck, der einen Zusammenhang zwischen Sozialschicht und Gesundheitszustand feststellte. Unterschlagen werde dabei jedoch, dass Mielck eine Theorie der Benachteiligung der Unterschicht entwickelt habe, durch die seine Befunde deutlich anders erklĂ€rt werden könnten. [32]