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Avram Noam Chomsky [ËĂŠvÉčÉm ËnoÊÉm ËtÊÉËmskÉȘ] (* 7. Dezember 1928 in Philadelphia, Pennsylvania, USA) ist Professor fĂŒr Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT).
Chomsky ist einer der bekanntesten amerikanischen Linguisten der Gegenwart, der â durch die Verbindung von Linguistik, Kognitionswissenschaften und Informatik â vor allem in der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts starken Einfluss auf die Entwicklungen dieser Disziplinen ausĂŒbte: Seine BeitrĂ€ge zur allgemeinen Sprachwissenschaft sowie seine Modelle der Generativen Transformationsgrammatik verĂ€nderten den bis dahin vorherrschenden amerikanischen Strukturalismus und seine Kritik am Behaviorismus förderte den Aufstieg der Kognitionswissenschaft. Dadurch wurde Chomsky zu einer zentralen Figur der wissenschaftlichen Diskussionen, vor allem in der als Linguistics Wars bekannt gewordenen heftigen Debatte in den 1960er und 1970er Jahren, die sich auf Philosophie, Kognitionswissenschaft, Informatik (Chomsky hatte u. a. die nach ihm benannte Chomsky-Hierarchie entwickelt) und politische Aspekte ausweitete. Chomsky als einer der bedeutendsten Intellektuellen der politischen Linken Nordamerikas ist seit dem Vietnamkrieg als scharfer Kritiker der US-amerikanischen AuĂen- und Wirtschaftspolitik weltweit bekannt. Dem Arts and Humanities Citation Index von 1992 zufolge ist Chomsky im Zeitraum zwischen 1980 und 1992 die am hĂ€ufigsten zitierte lebende Person der Welt gewesen. Er bezeichnet sich als libertĂ€ren Sozialisten mit Sympathien fĂŒr den Anarchosyndikalismus und ist Mitglied der Industrial Workers of the World.
Inhaltsverzeichnis |
Chomsky wurde am 7. Dezember 1928 in Philadelphia (Pennsylvania, USA) als Sohn des jĂŒdischen Hebraisten William Chomsky und Elsie Simonofsky geboren. Im Jahr 1945 begann er, an der University of Pennsylvania Philosophie und Linguistik zu studieren. Zu seinen Lehrern zĂ€hlten der Sprachwissenschaftler Zellig S. Harris und der Philosoph Nelson Goodman. Chomskys anarchistische Ăberzeugungen bildeten sich schon in den 1940er Jahren heraus. Von groĂer Bedeutung war dabei die Auseinandersetzung mit den anarchistischen Experimenten wĂ€hrend des Spanischen BĂŒrgerkriegs.
Anfang der 1950er Jahre studierte er einige Jahre an der Harvard University, bis er 1955 an der UniversitÀt von Pennsylvania in Linguistik promovierte. In seiner Doktorarbeit The Logical Structure of Linguistic Theory begann er bereits damit, einige der Ideen zu entwickeln, die er 1957 in seinem Buch Syntactic Structures, einem der bekanntesten Werke der Linguistik, ausarbeitete.
Nach der Verleihung der DoktorwĂŒrde lehrte Chomsky zunĂ€chst als Assistenzprofessor, seit 1961 als ordentlicher Professor fĂŒr Linguistik und Philosophie am Massachusetts Institute of Technology. In den 1960er Jahren wurden seine revolutionĂ€ren linguistischen Arbeiten weltweit anerkannt, seither gilt er als einer der wichtigsten Theoretiker auf diesem Gebiet.
Noam Chomsky war seit 1949 mit der Linguistin Carol Chomsky (1930â2008) verheiratet.[1][2] Seine Ă€lteste Tochter ist die Lateinamerikawissenschaftlerin Aviva Chomsky.
Noam Chomsky hat die Darstellung natĂŒrlicher Sprachen formalisiert: Die Neuerung war, die einzelsprachlichen AusdrĂŒcke mit Hilfe einer Metasprache rekursiv zu definieren. Die aus der Metasprache abgeleiteten Klassen von Grammatiken können in eine Hierarchie eingeteilt werden, die heute Chomsky-Hierarchie genannt wird. Seine Arbeit stellt einen Meilenstein fĂŒr die Linguistik dar.
Formale Sprachen und die Chomsky-Hierarchie spielen auch in der Informatik eine wichtige Rolle, insbesondere in der KomplexitÀtstheorie und im Compilerbau. Moderne Forscher wie Steven Pinker bauen auf Chomskys Methodik auf.
Zusammen mit den Arbeiten Alan Turings begrĂŒnden sie einen eigenen Bereich in der Mathematik und machen strukturelle Bereiche und Formalismen natĂŒrlicher Sprachen einer mathematischen Betrachtung zugĂ€nglich, unter anderem mit dem Ergebnis, dass maschinelle Ăbersetzungen prinzipiell möglich sind.
Die mathematische Formalisierung hat unter anderem das Forschungsgebiet der Computerlinguistik hervorgebracht, in dem versucht wird, natĂŒrliche Sprache mit mathematischen Mitteln zu beschreiben. Chomskys Theorien selbst gelangten dabei aber schnell in die Kritik, nachdem bewiesen wurde, dass die generative Transformationsgrammatik Turing-vollstĂ€ndig und damit kognitiv nicht verarbeitbar ist. Als Reaktion beschrĂ€nkte Chomsky daraufhin die Eigenschaften seiner Grammatik durch sogenannte Barriers. Diese und spĂ€tere Grammatiktheorien, wie Government and Binding und Minimalistisches Programm sind allerdings nicht mathematisch formalisiert und spielen damit fĂŒr die Computerlinguistik nur noch eine untergeordnete Rolle neben unifikationsbasierten Grammatiken wie die Lexikalisch-funktionale Grammatik (LFG) und die Head-driven Phrase Structure Grammar (HPSG).
Noam Chomsky ist seit 1965 ein fĂŒhrender linker Kritiker der US-amerikanischen AuĂenpolitik. Seine VortrĂ€ge werden nicht nur in BĂŒchern, sondern einige auch auf CDs veröffentlicht, die beispielsweise auf dem Label Alternative Tentacles von Jello Biafra erscheinen.
Zusammen mit Edward S. Herman hat Chomsky im Propagandamodell zu erklÀren versucht, wie Massenmedien im kapitalistischen Umfeld die Berichterstattung so gestalten, dass die Interessen der Regierung und der Oberschicht gewahrt bleiben.
siehe auch: Interpretative Semantik
Chomskys erstes Buch Syntactic Structures ist ein gekĂŒrzter, umgearbeiteter Auszug aus seiner weit umfĂ€nglicheren Doktorarbeit Logical Structure of Linguistic Theory, in der er die Transformationsgrammatik einfĂŒhrte. Die Theorie nimmt ĂuĂerungen (Worte, Phrasen, SĂ€tze) und setzt sie mit âOberflĂ€chenstrukturenâ in Zusammenhang, die selbst wieder mit abstrakteren Tiefenstrukturen korrespondieren. (Eine steife und klare Unterscheidung zwischen OberflĂ€chen- und Tiefenstrukturen wird heute in gegenwĂ€rtigen Versionen der Theorie nicht mehr vorgenommen.) Umformungsregeln bestimmen zusammen mit den Regeln fĂŒr die Struktur von Phrasen und anderen Strukturprinzipien sowohl die Erzeugung als auch die Interpretation von ĂuĂerungen. Mit einem begrenzten Instrumentarium von grammatikalischen Regeln und einer endlichen Anzahl von Wörtern kann eine unbegrenzte Menge von SĂ€tzen gebildet werden, darunter solche, die noch nie zuvor gesagt wurden. Die FĂ€higkeit, unsere ĂuĂerungen auf diese Weise zu strukturieren, ist angeboren und somit ein Teil des genetischen Programms des Menschen. Dieses wird Universalgrammatik genannt und von Chomsky aus der Cartesianischen Linguistik hergeleitet [3]. Wir sind uns dieser Strukturprinzipien im Allgemeinen genauso wenig bewusst, wie wir es uns der meisten unserer biologischen und kognitiven Eigenschaften sind.
Chomskys linguistische Theorien durchliefen verschiedene Stadien, die in der Fachliteratur ĂŒblicherweise nach den paradigmasetzenden Veröffentlichungen Chomskys benannt werden:
Aktuelle Theorien Chomskys (seit dem MP Anfang der 1990er Jahre) stellen strenge Anforderungen an die Universalgrammatik. Die grammatikalischen Prinzipien, denen Sprachen unterliegen, sind festgelegt und angeboren; der Unterschied zwischen den Weltsprachen kann durch das Setzen von Parametern im Gehirn charakterisiert werden, was oft mit Schaltern verglichen wird (beispielsweise der prodrop-Parameter, der anzeigt, ob ein explizites Subjekt wie im Englischen oder Deutschen immer benötigt wird -prodrop, oder es wie im Spanischen oder Italienischen wegfallen kann +prodrop). In AbhĂ€ngigkeit von diesen Parametern weisen Sprachen grammatische Eigenschaften auf, die nicht mehr zusĂ€tzlich gelernt werden mĂŒssen. Ein Kind, das eine Sprache lernt, mĂŒsse nur die notwendigen lexikalischen Einheiten (Wörter) und Morpheme erwerben und die Parameter auf passende Werte festlegen, was bereits anhand weniger Beispiele erfolgen könne.
Chomskys Herangehensweise ist durch mehrere Beobachtungen motiviert. Ihn erstaunte zunĂ€chst das Tempo, mit dem Kinder Sprachen lernen. Weiterhin stellte er fest, dass Kinder auf der ganzen Welt auf eine Ă€hnliche Weise sprechen lernen. SchlieĂlich bemerkte er, dass Kinder bestimmte typische Fehler machen, wenn sie ihre erste Sprache erlernen, wohingegen andere offensichtlich logische Fehler nicht auftreten.
Chomskys Ideen hatten einen starken Einfluss auf die Untersuchung des kindlichen Spracherwerbs (s. Chomskys und Fodors Vorstellung der angeborenen ModularitĂ€t des Geistes). Die meisten in diesem Bereich arbeitenden Wissenschaftler lehnen Chomskys Theorien jedoch ab und bevorzugen Emergenz- oder Konnektionismustheorien, die auf allgemeinen Verarbeitungsmechanismen im Gehirn aufbauen. Letztlich bleiben aber praktisch alle linguistischen Theorien kontrovers, und so wird auch die Untersuchung des Spracherwerbs aus der Chomsky'schen Perspektive fortgefĂŒhrt.
Chomskys syntaktische Analysen sind oft hochgradig abstrakt. Sie beruhen auf der sorgfĂ€ltigen Untersuchung der Grenze zwischen grammatikalischen und ungrammatikalischen Mustern in konkreten Sprachen (vergleiche den so genannten pathologischen Fall, der in der Mathematik eine Ă€hnlich bedeutende Rolle spielt). Derartige grammatikalische Entscheidungen können genau genommen jedoch nur durch Muttersprachler getroffen werden. Deshalb konzentrieren sich Linguisten meist auf die eigene Muttersprache beziehungsweise Sprachen, die sie flieĂend beherrschen, fĂŒr gewöhnlich Englisch, Französisch, Deutsch, Russisch, NiederlĂ€ndisch, Italienisch, Japanisch oder eine der chinesischen Sprachen. Manchmal scheitert eine Analyse der generativen Grammatik, wenn sie auf eine Sprache angewandt wird, die zuvor nicht studiert wurde. Wenn neue Sprachen erforscht werden, fĂŒhrt dies meist zu zahlreichen Korrekturen am Konzept der generativen Grammatik. Die Anforderungen an sprachliche Universalien (Aussagen, die auf alle Sprachen zutreffen) erhöhten sich im Lauf der Zeit. Richard Kaynes Vorschlag aus den 1990er Jahren beispielsweise, dass alle Sprachen ĂŒber dieselbe zugrundeliegende Subjekt-Verb-Objekt-Ordnung verfĂŒgen, wĂ€re in den 1960er Jahren nicht plausibel gewesen.
Chomsky ist, unabhĂ€ngig davon, inwieweit seine Ergebnisse SchlĂŒssel zum VerstĂ€ndnis menschlicher Sprache darstellen, berĂŒhmt fĂŒr seine Untersuchungen formaler Sprachen. Seine Chomsky-Hierarchie teilt die formale Grammatik in Klassen wachsender Ausdruckskraft. Jede folgende Klasse kann zu einem breiteren Satz formaler Sprachen als die vorhergehende fĂŒhren. Er vertritt die Auffassung, dass die Beschreibung einiger Aspekte der Sprache eine im Sinne der Chomsky-Hierarchie komplexere formale Grammatik benötige als die Beschreibung anderer Aspekte. Beispielsweise reiche eine regulĂ€re Sprache aus, die englische Morphologie zu beschreiben, sei aber nicht stark genug, um auch die englische Syntax zu beschreiben. Die Chomsky-Hierarchie ist ĂŒber ihre Bedeutung fĂŒr die Linguistik hinaus zu einem wichtigen Element der theoretischen Informatik, speziell des Compilerbaus geworden, da sie ĂŒber bedeutende Verbindungen und Isomorphismen mit der Automatentheorie verfĂŒgt.
â siehe auch: Interpretative Semantik#The Linguistics Wars â Lakoff gegen Chomsky und Interpretative Semantik#Die semantische Theorie in der Diskussion
Chomskys Auffassungen zur Linguistik sind berĂŒhmt geworden, sie blieben aber nicht ohne Kritik: Die alternativ zur Interpretativen Semantik[4][5] von seinem SchĂŒler George Lakoff[6] entwickelte Generative Semantik gab den AnstoĂ zu der als The Linguistics Wars bekannt gewordenen öffentlichen Auseinandersetzung zwischen dem Chomsky- und dem Lakoff-Lager in den 1960er und 1970er Jahren, die sich zu einem Streit um Theorien der Kognitionswissenschaften und Informatik ausweitete. In Folge konzipierten â in Spannung zu Chomskys Standpunkt â Lakoff, Mark Johnson u.a. die Kognitive Linguistik. Insbesondere bestreiten Lakoff und Johnson die neocartesianischen AnsĂ€tze in Chomskys Theorie und meinen, dass er nicht in der Lage sei, darĂŒber Rechenschaft abzulegen, inwieweit Wahrnehmung reprĂ€sentiert werden könne.
Innerhalb der Linguistik wird Chomskys Transformationsgrammatik (wie auch George Lakoffs Generative Semantik) vor allem von Seiten der Pragmatik â mit Berufung auf Ludwig Wittgensteins Auffassung, die Bedeutung eines Wortes sei gleich seinem Gebrauch â kritisiert, weil sie variable kontext- und sprechsituationsabhĂ€ngige Bedeutungen von Wörtern und SĂ€tzen nicht mathematisch adĂ€quat modellieren will bzw. kann. Hier berĂŒhrt man die grundlegende Frage nach dem Wesen der Sprache und der Aufgabe einer Grammatik. So bestreiten z.B. Referenzsemantiker, Sozio- und Psycho-Linguisten die Hypothese einer universellen Basissprache mit einem idealen Sprecher/Hörer und wĂ€hlen die alltĂ€gliche Sprachverwendung als Ausgangspunkt.
Das Postulat Chomskys (in Verbindung mit Jerry Fodors reprĂ€sentationaler Theorie des Geistes[7]), mit seinem Modell nicht nur das Basis-System abzubilden, sondern mit den Transformationsregeln sowohl das Erzeugen als auch das Erkennen der Sprache zu erklĂ€ren, wird durch neue Forschungen im Bereich der Kybernetik und der Kognitionswissenschaft in Frage gestellt. In der KĂŒnstliche Intelligenz â Forschung wurde ein Modell entwickelt, welches nicht mehr vom Regelsystem eines herkömmlichen Computers ausgeht, sondern kognitive FĂ€higkeiten als System der Wechselwirkung vieler vernetzter Bausteine â unabhĂ€ngig von einer konkreten Realisierung einer Syntax â simuliert. Da demnach das Gehirn die FĂ€higkeit zur intensiven Parallelverarbeitung hat, verliert aus dieser Perspektive der Ansatz einer Generativen Transformationsgrammatik sein Fundament. Abgesehen davon verzichten weiterentwickelte strukturelle Modelle wie die Head-driven Phrase Structure Grammar ganz auf Transformationsregeln.
Wie die Position der Konnektivisten widersprechen auch einige neuere Strömungen in der Psychologie wie zum Beispiel die Diskurspsychologie oder die situated cognition der konstruktivistischen Kognitionswissenschaft Chomskys Ansichten. SpĂ€testens seit der Entwicklung konstrukivistischer Konzepte auf der Basis neuer kognitiver/neurologischer Erkenntnisse weiĂ man, dass es eine Sprecher-Hörer Idealisierung in der RealitĂ€t nicht gibt, sondern dass jeder einzelne Sprecher/Hörer seine Kompetenzen in einem kybernetischen Prozess von Kindheit an im Rahmen seiner Sozialisation entwickelt und Sprechen/Hören individuell gefiltert sind. Neben gelungener Kommunikation gibt es ungewollte und bewusste IrrefĂŒhrung (LĂŒgen, Verschleierung durch Vagheit der Ausdrucksweise, Ăberredung, und andere Manipulationen). Diese PhĂ€nomene, dass missverstĂ€ndliche oder mehrdeutige ĂuĂerungen von verschiedenen Hörern unterschiedlich verstanden werden, können mit Methoden der generativen Grammatiken nicht erfasst werden.
Philosophen in der Tradition Ludwig Wittgensteins, wie etwa Saul Kripke, kritisieren, dass Chomskianer die Rolle von regelbasierter menschlicher Wahrnehmung grundsĂ€tzlich falsch einschĂ€tzen. Ăhnlich widersprechen Philosophen phĂ€nomenologischer, existentialistischer und hermeneutischer Traditionen dem abstrakten, rationalistischen Aspekt von Chomskys GedankengebĂ€ude. Am bekanntesten reprĂ€sentiert diese Kritik Hubert Dreyfus, der auch durch seine bestĂ€ndige Polemik gegen das Konzept der KĂŒnstlichen Intelligenz bekannt ist.
Chomskys linguistisches Werk beeinflusste auch die Entwicklung der Psychologie im 20. Jahrhundert. Seine Theorie einer Universalgrammatik war ein direkter Angriff auf die etablierten behavioristischen Theorien seiner Zeit und hatte erhebliche Auswirkungen auf das wissenschaftliche VerstÀndnis des kindlichen Spracherwerbs und der menschlichen FÀhigkeit zur Interpretation von Sprache.
1959 veröffentlichte Chomsky seine Kritik an B.F. Skinners Verbal Behavior. In diesem Buch behandelte einer der fĂŒhrenden Behavioristen das PhĂ€nomen Sprache als sprachliches Verhalten (engl. verbal behavior). Dieses Verhalten, so Skinner weiter, könne wie jedes andere Verhalten â vom Schwanzwedeln eines Hundes bis zur Vorstellung eines Klaviervirtuosen â durch VerstĂ€rkung geformt werden.
Chomskys Kritik an Skinners Arbeit war einer der Auslöser der sogenannten kognitiven Wende in der Psychologie. In seinem Buch Cartesianische Linguistik von 1967 und anderen weiterfĂŒhrenden Arbeiten entwickelte Chomsky eine ErklĂ€rung der menschlichen SprachfĂ€higkeit, die auch fĂŒr Untersuchungen in anderen Bereichen der Psychologie Modellcharakter entfaltete. Viele Aspekte des gegenwĂ€rtigen Konzepts von der Funktionsweise des Geistes entspringen unmittelbar Ideen, die in Chomsky ihren ersten Autor fanden.
Hier sind vor allem drei Kerngedanken festzuhalten. Erstens, behauptete er, ist der Geist kognitiv. Das bedeutet, dass er tatsĂ€chlich mentale ZustĂ€nde, Ăberzeugungen, Zweifel usw. enthĂ€lt. FrĂŒhere Ansichten haben das mit dem Argument abgelehnt, dass es sich lediglich um Ursache-Wirkung-Beziehungen â beispielsweise der Art âWenn Du mich fragst, ob ich X will, werde ich Y sagenâ â handle. Im Widerspruch hierzu zeigte Chomsky, dass es besser sei, den Geist so zu verstehen, als ob man es mit GegenstĂ€ndlichem wie Ăberzeugungen oder Unbewusstem zu tun hĂ€tte.
Zweitens behauptete er, dass ein GroĂteil dessen, was der erwachsene Geist könne, bereits angeboren sei. Es kĂ€me zwar kein Kind auf die Welt, das bereits eine Sprache spreche, aber alle werden mit der FĂ€higkeit zum Spracherwerb geboren, die es sogar gestatte, in wenigen Jahren gleich mehrere Sprachen geradezu aufzusaugen. In der Linguistik wird diese These Chomskys auch als linguistischer Mentalismus bezeichnet. Psychologen erweiterten diese These weit ĂŒber das Feld der Sprache hinaus. Marc Hauser etwa, Psychologe an der Harvard University, nimmt auf Basis der Forschungen von Chomsky an, dass der Mensch auch, Ă€hnlich dem Sprachinstinkt, bereits mit gewissen Moralinstinkten geboren wird. Der Geist des Neugeborenen wird heute nicht mehr als unbeschriebenes Blatt betrachtet. Damit widersprechen Chomsky und seine Nachfolger der lange Zeit unter anderem in der Philosophie durch die Empiristen vertretenen These, dass ânichts im Verstand ist, was nicht zuvor in den Sinnen warâ, die also den Menschen bei seiner Geburt als Tabula rasa ansehen.
SchlieĂlich entwickelte Chomsky aus dem Konzept der ModularitĂ€t ein entscheidendes Merkmal der kognitiven Architektur des Geistes. Der Geist sei aus einer Ansammlung zusammenwirkender spezialisierter Subsysteme zusammengesetzt, die nur eingeschrĂ€nkt miteinander kommunizierten. Diese Vorstellung unterscheidet sich stark von der alten Idee, dass jedes StĂŒckchen Information im Geist durch jeden anderen kognitiven Prozess abgerufen werden könne. (Optische TĂ€uschungen zum Beispiel lassen sich nicht abschalten, sogar dann nicht, wenn man wisse, dass es sich um Illusionen handle.)
In den 1960er Jahren begann Chomsky, sich in der Ăffentlichkeit deutlicher politisch zu artikulieren. Seit 1964 protestierte er gegen den von ihm als âAngriff auf SĂŒdvietnamâ bezeichneten Vietnamkrieg und kritisierte, dass dieser in den USA Krieg in Vietnam genannt wurde. 1969 veröffentlichte er Amerika und die neuen Mandarine, eine Sammlung von AufsĂ€tzen ĂŒber den Vietnamkrieg, die Einfluss auf die Antikriegsbewegung ausĂŒbte. Ebenso deutlich bezog Chomsky Stellung gegen die US-amerikanische Politik und die Rolle der Medien in Bezug auf Kuba, Haiti, Osttimor, Nicaragua, den Nahostkonflikt und gegenĂŒber den âSchurkenstaatenâ sowie zum zweiten Golf- und zum Kosovokrieg, zur Frage der Menschenrechte, zu Globalisierung und neoliberaler Weltordnung. Heute ist er, neben seiner weiter unbestrittenen Bedeutung fĂŒr die Linguistik, zu einem der bedeutendsten Kritiker der US-AuĂenpolitik, der politischen Weltordnung und der Macht der Massenmedien geworden. Chomsky Ă€uĂerte, dass seine âpersönlichen Visionen traditionell anarchistisch sind, mit Herkunft aus der AufklĂ€rung und dem klassischen Liberalismusâ.[8] Er tendiert zum Anarchosyndikalismus und ist Mitglied der Industrial Workers of the World.[9]
Im New York Times Book Review wurde Chomsky einmal als der âwichtigste Intellektuelle der Gegenwartâ bezeichnet. Noam Chomsky hierzu: âDas Zitat wurde von einem Verlagshaus veröffentlicht. Doch da sollte man immer sehr genau lesen: Wenn man nĂ€mlich das Original nachschaut, dann heiĂt es weiter: âwenn dies der Fall ist, wie kann er dann solchen Unsinn ĂŒber die amerikanische AuĂenpolitik schreiben?â Diesen Zusatz zitiert man nie. Aber um ehrlich zu sein: GĂ€be es ihn nicht, wĂŒrde ich glauben, ich mache etwas falsch.â[10]
Noam Chomsky gilt in Hinblick auf sein politisches Schrifttum als der âmeistzitierte AuĂenseiter der Weltâ. Er gilt als einer der Vorsprecher und Vordenker der Globalisierungskritik.
Im Jahr 2001 gab Chomsky der fĂŒr ihr politisches Engagement bekannten Band Rage Against the Machine ein Interview zum Thema Politik in Mexiko, welches auf deren DVD und VHS zum Konzert The Battle of Mexico City veröffentlicht wurde.
2008 unterstĂŒtzte Chomsky den unabhĂ€ngigen PrĂ€sidentschaftskandidaten Ralph Nader, rief jedoch die wahlberechtigte Bevölkerung in den Swing States auf, fĂŒr Barack Obama und gegen John McCain zu stimmen. Dies brachte ihm Kritik von Anarchisten ein.
Seit 2008 unterstĂŒtzte Chomsky das Free Gaza Movement, welche er als âmutiges und notwendiges Unterfangenâ bezeichnet.[11][12]
Anfang der 1980er Jahre entstand vor allem in Frankreich eine Kontroverse, weil Chomsky im Herbst 1979 auf Bitte von Serge Thion, einem seit 1978 aktiven Holocaustleugner[13][14], eine Petition zur Verteidigung der Redefreiheit des französischen Literaturprofessors Robert Faurisson unterzeichnet hatte. Faurisson hatte in zwei 1978 und 1979 in Le Monde veröffentlichten Artikeln die Existenz von Gaskammern im Dritten Reich bestritten, und wurde daraufhin wegen Verleumdung und Aufruf zum Rassenhass zu einer dreimonatigen, zur BewĂ€hrung ausgesetzten GefĂ€ngnisstrafe und einer GeldbuĂe in Höhe von 21.000 Franc (3.200 Euro) verurteilt. Chomsky wies darauf hin, dass er sich, obwohl seine eigenen SchlĂŒsse bezĂŒglich des Holocaust denen Faurissons entgegengesetzt seien, und selbst wenn es stimme, dass Faurisson ein Antisemit und Neonazi sei, dennoch fĂŒr dessen Redefreiheit einsetze.[15] Des Weiteren bemerkte Chomsky, dass es ein jahrhundertealter Grundsatz sei, dass man sich gerade in FĂ€llen âabscheulicher Gedankenâ am stĂ€rksten fĂŒr das Recht zu deren freier ĂuĂerung einsetzen mĂŒsse:
â[...] it has been a truism for years, indeed centuries, that it is precisely in the case of horrendous ideas that the right of free expression must be most vigorously defended; it is easy enough to defend free expression for those who require no such defense.â
â Some Elementary Comments on the Right to Freedom of Expression[16]
Chomsky veröffentlichte dieses in einem Essay ĂŒber die Redefreiheit und erlaubte jedem dessen freie Verwendung, woraufhin Faurisson diesen als Vorwort fĂŒr sein Buch benutzte. Dies erregte erneutes Aufsehen und den Vorwurf, die Verwendung seines Essays durch Faurisson zugelassen zu haben. Der Historiker Pierre Vidal-Naquet warf allerdings Chomsky zusĂ€tzlich vor, auch mit Faurisson entgegen seiner (Chomskys) eigenen Beteuerungen âfreundschaftlich korrespondiertâ (correspondance amicale) zu haben; und auch sich nicht der Abfassung eines Vorworts zu seinem eigenen Text durch den einschlĂ€gig bekannten Holocaustleugner Pierre Guillaume widersetzt zu haben.[17]
Im September 2010 trat Chomsky in Paris vor einem 1800 Personen starken Auditorium auf, um weiterhin fĂŒr die Pressefreiheit und die Meinungsfreiheit von Robert Faurisson einzutreten.[18] Zu diesem Zeitpunkt unterzeichnete er auch eine SolidaritĂ€tserklĂ€rung mit einem weiteren, damals inhaftierten, Holocaustleugner, Vincent Reynouard, wobei er bekannte, dessen Schriften nicht zu kennen, grundsĂ€tzlich aber gegen das Prinzip der 'Loi Gayssot' zu sein.[19]
Chomskys politische Schriften erschienen in Deutschland zunĂ€chst im Suhrkamp-Verlag, wurden dort aber ab den 1980er Jahren nicht wieder aufgelegt. Im Berliner Oberbaum Verlag erschien 1975 ein kritischer Sammelband von Chomsky und Edward S. Herman ĂŒber den Imperialismus. 1981 erschien eine Ăbersetzung eines französischen Buches mit Interviews von Mitsou Ronat unter dem Titel Sprache und Verantwortung bei Ullstein. Chomsky verschwand in Deutschland als politischer Kritiker vorĂŒbergehend aus der öffentlichen Wahrnehmung.[24] Er wurde, durchaus vergleichbar mit seiner Rezeption in den USA, von kleineren linken VerlagshĂ€usern wie dem Argument Verlag, Berlin, zu Klampen in LĂŒneburg, Pendo (ZĂŒrich), Mink (Berlin) und vor allem dem Trotzdem-Verlag und dessen Zeitschriften (Schwarzer Faden, Dinge Der Zeit) im Bewusstsein gehalten, bis die globalisierungskritische Bewegung ihn gegen Ende der 1990er Jahre wieder breiteren Medien interessant machte und seine BĂŒcher daraufhin unter anderem im Europa-Verlag erschienen.
Chomskys linguistische Arbeiten, insbesondere seine Berufung auf Wilhelm von Humboldt in Cartesian Linguistics, wurden schon bald einer scharfen philosophischen und historischen Kritik unterzogen.
âEin Intellektueller zu sein, ist eine Berufung fĂŒr jedermann: es bedeutet, den eigenen Verstand zu gebrauchen, um Angelegenheiten voranzubringen, die fĂŒr die Menschheit wichtig sind. Einige Leute sind privilegiert, mĂ€chtig und gewöhnlich konformistisch genug, um ihren Weg in die Ăffentlichkeit zu nehmen. Das macht sie keineswegs intellektueller als einen Taxifahrer, der zufĂ€llig ĂŒber die gleichen Dinge nachdenkt und das möglicherweise klĂŒger und weniger oberflĂ€chlich als sie. Denn das ist eine Frage der Macht.â
â Noam Chomsky, 2002 (englisch)[25]
â⊠die BĂŒrger demokratischer Gesellschaften sollten Kurse fĂŒr geistige Selbstverteidigung besuchen, um sich gegen Manipulation und Kontrolle wehren zu könnenâŠâ
â Noam Chomsky: Mediacontrol â Von Macht und Medien. 2. Auflage. Europa Verlag, Hamburg Mai 2003, ISBN 3-203-76015-0, S. 8.
Eine vollstÀndige Liste der wissenschaftlichen Publikationen findet sich auf Chomskys Website am MIT.
AuszĂŒge aus einigen seiner BĂŒcher stehen auf Chomskys unten verlinkter Website:
BĂŒcher
AufsÀtze
BĂŒcher
Artikel und AufsÀtze
VortrÀge:
GesprÀchsrunden / Interviews
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Chomsky, Noam |
| ALTERNATIVNAMEN | Chomsky, Avram Noam (vollstÀndiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | amerikanischer Sprachwissenschaftler |
| GEBURTSDATUM | 7. Dezember 1928 |
| GEBURTSORT | Philadelphia, Pennsylvania |