|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Norman G. Finkelstein (* 8. Dezember 1953 in Brooklyn, New York City) ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler. Er verfasste bisher sechs Bücher zum Themenkomplex des Zionismus, des Nahostkonflikts und des Gedenkens an den Holocaust. In Deutschland wurde er 2000 vor allem mit seinem Buch Die Holocaust-Industrie bekannt, das eine Debatte über die Erinnerungskultur zu diesem Ereignis, über seine Singularität und Entschädigungen für NS-Zwangsarbeiter verstärkte.
Inhaltsverzeichnis |
Finkelsteins Eltern, Maryla Husyt und Zacharias Finkelstein, stammten ursprünglich aus Polen und wurden als Juden im Dritten Reich verfolgt und interniert. Sie überlebten das Warschauer Ghetto, das Konzentrationslager Majdanek (Mutter) und das Konzentrationslager Auschwitz (Vater) und wanderten nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA aus.
Finkelstein machte 1974 seinen Bachelor-Abschluss an der Binghamton University im US-Bundesstaat New York und ging anschließend an die École pratique des hautes études in Paris. 1978 und 1979 war er Dozent an der Princeton University im Bereich Politikwissenschaften, wo er 1980 seinen Master erlangte. Von 1981 bis 1982 war er Dozent für Politikwissenschaft an der Rutgers University. 1988 promovierte er im Department of Politics in Princeton über eine Theorie des Zionismus. Von September 1988 bis Mitte 1992 war er als Junior-Professor am Brooklyn College und von 1992 bis 1998 als außerordentlicher Professor für allgemeine Studien an der New York University. Von 1992 bis 2001 war er im Fachbereich politische Wissenschaften außerordentlicher Professor am Hunter College der NY University. Von 1998 bis 2003 war er als Gastprofessor an der katholischen DePaul University of Chicago tätig und seitdem war er dort Junior-Professor im Bereich Politikwissenschaften.[1]
Noam Chomsky zufolge hätten Finkelsteins Professoren an der Princeton Universität ihn wegen der Veröffentlichung seiner Kritik an Joan Peters Buch From Time Immemorial in seinem Studium behindert. Dies habe seine akademische Laufbahn nachhaltig negativ beeinflusst. Erst nachdem Chomsky Finkelstein den Wechsel an eine andere Fakultät vermittelt hatte, schloss er dort sein Studium mit dem Grad des Ph.D. ab. Da Finkelstein darauf folgende universitäre Stellenangebote abgelehnt habe, die von ihm verlangten, seinen „Kreuzzug“ zu beenden, habe er zunächst als Sozialarbeiter auf Teilzeitbasis arbeiten müssen.[2]
Steven Plaut warf Finkelstein vor, auf wissenschaftlichem Gebiet nichts geleistet zu haben und sich stattdessen auf seine populärwissenschaftlichen Werke zu konzentrieren, da er noch nichts in wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert habe. Im gleichen Artikel warf Plaut Finkelstein vor, Judenhetze, Holocaust-Verharmlosung, Unterstützung für die Hizbollah und Terrorismus, Intoleranz und Pornografie zu betreiben.[3]
Im Juni 2007 wurde Finkelsteins Bewerbung für einen Lehrstuhl an der DePaul University abgelehnt, was dieser als politisch motiviert kritisierte. Zuvor hatte insbesondere der bekannte Anwalt Alan Dershowitz eine massive Kampagne gegen die Wahl Finkelsteins geführt. Der Universitätsleiter Pfarrer Holtschneider wies den Vorwurf zurück und äußerte Missfallen über öffentlichen Druck von Gegnern Finkelsteins. Er begründete die Ablehnung offiziell mit fehlendem Respekt Finkelsteins für die Notwendigkeit der freien Befragung seiner Fürsprecher im Bewerbungsprozess.[4] Die Fakultät für politische Wissenschaften hatte zuvor für eine Anstellung von Finkelstein gestimmt.
Seit März 2009 engagiert er sich auch für das neu gegründete Russell-Tribunal zur Palästinafrage.
Gegenüber vielen positiven Rezensionen beurteilte Finkelstein in seiner Doktorarbeit das Buch From Time Immemorial von Joan Peters im Ergebnis als weitgehend falsche, nur vordergründig wissenschaftliche Darstellung der Verhältnisse in Palästina vor und nach der Gründung des Staates Israel. Seine Versuche, diese Beurteilung als Artikel in US-Medien zu veröffentlichen, waren anfangs erfolglos; erst durch Noam Chomskys Eintreten erschien Finkelsteins Artikel in dem kleinen Magazin In these Times. Er fand jedoch zunächst weder in der Fachwelt noch der Presse Beachtung.
Erst nachdem Peters Buch in Großbritannien erschienen war und Chomsky Finkelsteins Untersuchungen dazu dort bekannt gemacht hatte, wurden die Rezensenten auf ihn aufmerksam. Nun erhielt From Time Immemorial durchweg negative Kritiken, unter Anderem im renommierten London Review of Books. Auch in den USA wurden die zuvor positiven Rezensionen relativiert.
1995 veröffentlichte Finkelstein sein erstes Buch Image and Reality of the Israel-Palestine Conflict (deutsche Ausgabe 2002), das sich mit dem Nahostkonflikt, der Geschichte Israels und erneut mit dem „jüdischen Nationalismus“ (Zionismus) befasste. Darin widmete er den Thesen von Benny Morris, einem der „Neuen israelischen Historiker“, breiten Raum. Morris vertritt die These, dass die palästinensischen Flüchtlinge vor 1948 großenteils nicht infolge von Aufrufen arabischer Autoritäten geflohen, sondern im Krieg der arabischen Staaten gegen Israel vertrieben oder zur Flucht gezwungen worden seien.
Finkelstein unterstützte das Recht der Palästinenser auf gewaltfreien Widerstand und verglich Israels Vorgehen ihnen gegenüber mit Methoden der Gestapo. Jüdische Organisationen warfen ihm deshalb Antisemitismus vor. Daraufhin verwies er auf Interview-Aussagen eines israelischen Militäroffiziers, der gesagt habe, man müsse bei der Erstürmung dicht besiedelter Flüchtlingslager auch von den Methoden der Nationalsozialisten, etwa in Bezug auf das Warschauer Ghetto, lernen.[5] Auch als Jude und Sohn von Holocaust-Überlebenden weist Finkelstein Vorwürfe, er sei Antisemit, als absurd zurück. Er sieht sich als Verfechter universeller Menschenrechte, der besonders die USA und Israel für ihre Menschenrechtsverletzungen kritisiert und ihre Politik als Imperialismus einordnet.
2012 bezeichnete Finkelstein die Initiatoren der gegen Israel gerichteten Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions als „Sekte“, der es „nicht um die Rechte der Palästinenser, sondern um die Zerstörung Israels“ gehe und die „ihre Marschbefehle von Gurus aus Ramallah“ bekomme. Ihr Vorgehen nannte Finkelstein „albern und kindisch.“ Zu einem der Kernpunkte des Nahostkonflikts, dem palästinensischen Flüchtlingsproblem, sagte er: „Wird die Öffentlichkeit es vernünftig finden, wenn sechs Millionen Palästinenser in ein Land strömen, das jetzt 1,8 Millionen Palästinenser und 5,5 Millionen Juden hat? Ich glaube nicht, dass man das vermitteln kann.“[6]
1998 erschien Finkelsteins Replik auf Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker mit dem Titel Eine Nation auf dem Prüfstand. Goldhagens These und die historische Wahrheit. Er warf Goldhagen vor, historische Sachverhalte zu verfälschen und mit seiner Erklärung des deutschen „eliminatorischen“ Antisemitismus rassistische Denkmuster zu übernehmen. Da Goldhagen einen Zusammenhang zwischen dem Sadismus des Personals der Konzentrationslager und in der Bevölkerung allgemein verbreiteten antisemitischen Einstellungen sah, warf Finkelstein ihm die Erfindung eines neuen Genres, des „Holoporn“ (zusammengesetzt aus „Holocaust“ und „Pornographie“) vor.
Durch einen Auszug aus seinem Buch gegen Goldhagens Thesen hatte der Spiegel Finkelstein bereits im Vorjahr in Deutschland bekannt gemacht.[7] Seine Anti-Goldhagen-Thesen wurden in der heftig geführten Goldhagen-Debatte von Medien und Fachhistorikern in Deutschland polarisierend aufgenommen. Während einerseits das Buch als unsachlich abgelehnt wurde, diente Finkelstein vielen Anti-Goldhagen-Positionen als jüdischer Kronzeuge.[8] Besonders von rechtsextremen Gruppen wurde Finkelstein als authentischer (L. Rensmann) Vertreter eigener Positionen aufgenommen.[9]
Im Januar 2000 griff Finkelstein in Interviews deutscher Tageszeitungen die Jewish Claims Conference (JCC) scharf an. Unter der Überschrift „Die Ausbeutung jüdischen Leidens“ erschien am 29. Januar 2000 in der Berliner Zeitung ein Artikel, in dem Finkelstein behauptete:
Karl Brozik, Direktor der JCC Frankfurt, antwortete auf jeden der Vorwürfe mit einer Gegendarstellung:
In der Neuen Revue wiederholte Finkelstein jedoch seine Vorwürfe.
In einem weiteren Interview mit der Berliner Zeitung am 4. Februar 2000 stellte Wolfgang Benz fest:
Die englischsprachige Originalausgabe erschien in den USA im Juli 2000 in einem kleinen linksliberalen Verlag. Darin behauptet Finkelstein unter anderem:
Für diese Thesen gab Finkelstein keine gegenüber seinen früheren Interviews neuen Quellen an. Er ließ seine persönliche Betroffenheit erkennen und hob mehrfach hervor, dass die JCC seine inzwischen verstorbene Mutter, eine Holocaustüberlebende, mit 3.500 Dollar zu gering entschädigt habe. Andere Opfer – „und viele, die in Wirklichkeit gar keine Opfer waren“ – hätten dagegen lebenslange Pensionen von mehreren hunderttausend Dollar erhalten.[10]
Häufig griff er auch bestimmte – meist jüdische – Personen, die er als Vertreter der „Holocaustindustrie“ betrachtet, persönlich an: so zum Beispiel Elie Wiesel, der sich an seinen Holocaustvorträgen bereichere, Simon Wiesenthal, Edgar Miles Bronfman senior oder Lawrence Eagleburger.
Finkelstein gilt in den USA nicht als Holocaustexperte. Mehrere große US-Tageszeitungen lehnten einen Vorabdruck des Buches ab, da es sich um einen unwissenschaftlichen Essay handle. Omer Bartov kritisierte das Buch in der New York Times sofort nach seinem Erscheinen scharf: Er bezeichnete es als eine verschwörungstheoretische Abhandlung, die typischerweise einige wenige wahre Elemente enthalte, aber im Rahmen einer fanatischen Gesamtschau keinerlei Wert besäße. Weitere Reaktionen zu dem Buch blieben in den USA aus.
Die deutsche Übersetzung vom August 2000 machte Finkelstein in Deutschland bekannt und löste dort eine Debatte um die Singularität der Schoa, das Gedenken daran und Entschädigungen für NS-Zwangsarbeiter aus. Die erste deutsche Rezension schrieb Rafael Seligmann in der Welt am Sonntag vom 23. Juli 2000. In der die Wissenschaftlichkeit des Buches verneinenden Rezension stellt er klar, dass die JCC nicht mit überhöhten Opferzahlen argumentiert habe, US-amerikanische Juden seit 1933 sehr wohl Druck auf die US-Regierung ausgeübt haben, um den verfolgten Juden Europas zu helfen, sowie, dass es ohne den Druck amerikanisch-jüdischer Organisationen nicht zur Entschädigung der osteuropäischen Zwangsarbeiter gekommen wäre.[11] Zudem sei das Holocaustgedenken in den USA keine bewusste Strategie jüdischer Organisationen.[11] Neben der Welt schloss sich lediglich Brigitte Werneburg von der Berliner taz dieser rundherum vernichtenden Kritik an. Rafael Seligmann stellte jedoch fest, dass es falsch wäre, Finkelsteins Kritik als destruktive Polemik abzutun. Sie ist anregend. Vor allem aber notwendig wie ein Reinigungsmittel.
Die Zeitung Die Woche präsentierte lange Auszüge aus dem Buch und wohlwollende Kommentare, wie von Noam Chomsky und Ernst Nolte. Chomsky hatte Finkelsteins Buch als fundierte Abhandlung beschrieben. Ablehnende Kurzkommentare brachte sie danach unter Anderem von Salomon Korn, Elie Wiesel, Simon Wiesenthal und Paul Spiegel. Als nichtjüdischer Kritiker wurde nur Hans Mommsen erwähnt. Es folgte ein langes Interview mit Finkelstein und ein Artikel zur Holocaustüberlebenden Gizella Weisshaus, die sich ebenfalls von der JCC betrogen fühlte.
In der Zeit plädierte Tobias Dürr dafür, Finkelsteins Einwände souverän zu prüfen. Er kam zu folgendem Schluss: Über Norman Finkelsteins Pamphlet lohnt der Streit nicht, wohl aber über das wichtige Buch von Peter Novick. Dieser US-Historiker hatte kurz vorher ein Buch (The Holocaust in American Life) mit ähnlicher Themenstellung veröffentlicht, das eine – im Vergleich zu Finkelstein – zurückhaltend formulierte Kritik enthält. Auf dieses Buch berief sich Finkelstein streckenweise und stellte Novicks Belege in den Kontext seiner Anklagen.
Die Süddeutsche Zeitung (SZ) ließ den Autor sein Buch am 11. August selbst vorstellen und gab dazu seine Homepage an. Petra Steinberger stellte ihn am Folgetag als polarisierenden Wissenschaftler dar, um dessen Thesen es eine „fachliche Auseinandersetzung“ geben müsse. Die ARD-Tagesthemen konstatierten am selben Tag: Das Buch enthält vielleicht Fehler, aber auch begründete Kritik.
Lorenz Jäger von der FAZ fand keine Fehler, sondern meinte, Polemik müsse zuspitzen, um die Wahrheit zu treffen. Finkelstein verkenne bloß Israels realpolitische Lage.
Bis Ende August 2000 verwies keine der deutschen Rezensionen darauf, dass unter Anderem Karl Brozik, Wolfgang Benz, Rafael Seligmann viele Thesen des Buches bereits als falsch und unbelegt erklärt hatten. Salomon Korn kritisierte daher: Nicht Finkelsteins Thesen, sondern die Bereitschaft deutscher Medien, sie unbesehen zu glauben, sei das eigentliche Problem.
Konsens der deutschen Presse unter der Meinungsführerschaft der SZ war bis dahin, dass Finkelsteins Thesen wissenschaftlichen Rang hätten und daher offen und breit debattiert werden müssten. Dies werde, so Eva Schweitzer in der Berliner Zeitung, von der „Holocaust-Industrie“ in den USA skrupellos unterbunden.
Die Wochenzeitung Junge Freiheit hatte Finkelsteins Buch schon Anfang Juli begrüßt. Sie veröffentlichte wiederholt ausführliche Zitate daraus. Zudem verlangte sie bereits am 28. Juli 2000 unter dem Titel „Der Milliardenpoker“, Finkelsteins Buch müsse unverzüglich ins Deutsche übersetzt werden. Hilbergs Aussagen fasste sie als Unterstützung für alle Thesen Finkelsteins auf: Hilberg habe nicht den geringsten Anlass gesehen, sich davon zu distanzieren, sondern fühle sich in seiner eigenen Kritik am WJC dadurch bestätigt.
Obwohl das Buch auf Englisch längst abgedruckt war, die deutsche Übersetzung vorbereitet wurde und es auch in Deutschland schon diskutiert wurde, erklärte Peter Sichrovsky, Generalsekretär der FPÖ, in der „Jungen Freiheit“ am 8. September 2000:
„Nur ein paar Weise sollten in Deutschland bestimmen, was die Blöden lesen und nicht lesen dürfen? Vielleicht können Salomon Korn und all die anderen Hetzer, die den Deutschen das Buch vorenthalten wollen, uns einfachen Menschen erklären, wie man so ein Weiser wird?“
Dies wurde von Kritikern wie Arne Berensen als bewusster Versuch gewertet, Korn als Vertreter einer überheblichen Minderheit, die als heimliche Strippenzieher die deutsche Öffentlichkeit manipulieren wolle, darzustellen. Dass Korn für seine Kritik keine Unterstützung in der deutschen Presse fand, wurde dabei übergangen.
Auch die National-Zeitung – Deutsche Wochenzeitung feierte das Buch Finkelsteins und behauptete Unterdrückungsversuche deutscher Juden. Viele Kommentatoren der Regionalpresse übernahmen dieses Muster: Die „Kritik an Juden“ dürfe nicht „zensiert“ werden. Die das Buch ablehnten und kritisierten, seien Helfer des Antisemitismus.
In den USA griffen Rechtsextremisten wie David Duke das Buch positiv auf.[12]
Obwohl Finkelstein Vorwürfe, er unterstütze die Holocaustleugnung, öffentlich als Lügen der „Holocaustindustrie“ zurückwies,[13] weisen Kenner des Geschichtsrevisionismus in Europa und den USA – zum Beispiel Martin Dietzsch und Alfred Schobert vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes,[14] [15] [16], der deutsche Politikwissenschaftler Matthias Küntzel[17] und der amerikanische Jurist Alan Dershowitz[18] – nicht nur auf neonazistische Reaktionen, sondern auch auf mit deren Denken übereinstimmende verschwörungstheoretische und antisemitische Motive in Finkelsteins Argumentation hin.
Zu diesen rechtsextremen Reaktionen und Analogien bemerkte der Historiker Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München:
„Müssen aber etablierte Wissenschaftler und angesehene Journalisten sich auf einen Dialog mit dem Autor eines derartigen Pamphlets einlassen, oder sollte man ihn nicht Seinesgleichen überlassen? […] Ist es nicht wirksamer, wenn ihm vor laufender Kamera einer der sachkundigen revisionistischen Kollegen während seines Deutschlandaufenthalts die Adresse der Weisen vom Zion nennt?“[19]
Er hielt das Buch für eine „grandiose pathologische Studie – über ihren Autor“.
Der Harvard-Historiker Charles S. Maier antwortete ab Mitte August 2000 in der SZ auf Finkelstein und verwies auf den eigentlichen Kontext, der schon aus dem Zeitpunkt der Buchveröffentlichung ersichtlich sei:
„In welchem Umfang und wie lange lässt die Verantwortung einer Nation für die in ihrem Namen begangenen Gräuel die Forderung nach Wiedergutmachung zu? Die bequeme, aber unwürdige Antwort, die man aus Finkelsteins Thesen herauslesen wird, lautet: ‚Jetzt reicht es.‘“
Damit schade Finkelstein der sachlichen Debatte um die Entschädigungszahlungen, der wissenschaftlichen – nicht exkulpatorischen – Holocausterforschung und der Suche nach angemessenen Formen des Holocaust-Gedenkens. Er benutze eine fahrlässige Sprache, die am Ende Vorurteile und Gewalt begünstigen könne.
Der Freiburger Historiker und Experte zu NS-Zwangsarbeit Ulrich Herbert bestritt zentrale Thesen Finkelsteins:
Auch Julius H. Schoeps äußerte sich in der FAZ und betonte, dass Finkelstein eigentlich die Nahostpolitik der USA angreifen wollte. Seine Kritik an jüdischen Opferverbänden wirke im deutschen Kontext ganz anders als im amerikanischen.
Der Deutschlandexperte der New York Times, Jacob Heilbrunn, nannte Finkelstein einen „neurotischen Extremisten, der sich als Held stilisiert und eine künstliche Kontroverse anzetteln will“, um selbst daraus Profit zu schlagen, da er in den USA ein „Nobody“ sei.
Peter Longerich, Holocaust-Experte der Universität London, kritisierte in der Frankfurter Rundschau die wohlwollende Aufnahme des Buches im deutschen Blätterwald, die seiner schlechten Qualität nicht gemäß sei. Das Buch komme einem „weitverbreiteten, amorphen Gefühl des 'endlich genug' entgegen“. Das gefährde die deutsche Demokratie, für die das Holocaustgedenken eine Überlebensfrage bedeute. Gerade das Holocaust Memorial Museum in Washington (D.C.) habe die Singularität des Holocaust nicht als Tabu aufgerichtet, sondern als Ergebnis nüchtern vergleichender Genozidforschung festgestellt: Es gebe dazu die wichtigste internationale Fachzeitschrift heraus.
Marcia Pally, Professorin an der New York University, erklärte, das Buch sei in den USA unbedeutender Teil einer Fachdebatte um Essentialisten wie Elie Wiesel und Kontextualisten wie Peter Novick. Finkelstein gehöre nicht zur Fachelite und verschaffe sich als Ersatz dazu in Europa Aufmerksamkeit. – Novick selbst wies Finkelsteins Buch in der Welt vom 4. September 2000[20] als „besessene Tirade“ zurück und widersprach dem Autor in zentralen Punkten: Die jüdische Elite in den USA sei heterogen und gerade auch im Blick auf die Singularität des Holocaust verschiedener Meinungen. Die Holocaustindustrie nannte Novick darüber hinaus eine Aktualisierung der Protokolle der Weisen von Zion für das 21. Jahrhundert.
Der niederländische Autor Leon de Winter, Sohn von Holocaustüberlebenden, analysierte Finkelsteins Bezug auf seine Mutter, die sich von der JCC betrogen fühlte: Er könne gar nicht die Wahrheit schreiben, da er besessen sei von der Idee, die Ansichten seiner verstorbenen Mutter zu rechtfertigen. Er sei damit in einer Therapie besser als in der Weltpresse aufgehoben. Doch diese nehme sein Buch begeistert auf, weil ein Jude es ihr gestatte, einen alten antisemitischen Gedanken neu zu formulieren, nämlich dass Juden sich am schlechten Weltgewissen bereicherten.
Raul Hilberg merkte an, dass Finkelstein die amerikanisch-jüdische Gemeinschaft als Außenseiter („Outsider“) kritisiere und stellte fest, dass der Schock etwa in der Schweiz über die Forderungen des World Jewish Congress der Unkenntnis über das amerikanische System von Sammelklagen geschuldet sei. Die Entschädigungsgelder würden wegen der noch laufenden komplizierten Gerichtsverfahren verzögert ausgezahlt, deswegen werde inzwischen auch gegen amerikanische und israelische Banken geklagt. Edgar Bronfman könne jedoch die Armut unter Holocaustüberlebenden aus seinem Privatvermögen über Nacht beseitigen. Die „Holocaust Studies“ seien oft ein Profilierungsgebiet für angehende Historiker ohne Qualitätskontrolle. Hilberg äußerte sich zustimmend zu einigen von Finkelsteins Thesen zum Missbrauch der Holocaust-Erinnerung in der Entschädigungsdebatte:[21]
„[…] was es sagt, ist im Allgemeinen zutreffend, obwohl unvollständig. Es ist mehr eine journalistische Ausarbeitung als eine eingehende Untersuchung über das Thema, eine solche müsste viel ausführlicher gestaltet sein. […] Ich bin mit ihm einverstanden, dass bei der Anzahl Überlebenden übertrieben wird und dass das Konzept selbst schlecht definiert ist – es nicht nur die Opfer der Lager mit einschließt – und es ist zutreffend, dass daher eine übertriebene Anzahl von Anträgen auf Schadenausgleich gestellt werden. […]. Die jüdisch-amerikanische Gemeinschaft ist sehr wohlhabend und es ist nicht gerechtfertigt, dass sie die Schweizer zur Kasse bitten. Das scheint zu mir geradezu schamlos.“
Salomon Korn kritisierte am 31. August 2000 in der „Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung“ den Piper-Verlag für die Entscheidung, das Buch auf Deutsch herauszubringen:
„Der Piper-Verlag weiß sehr wohl, dass dies ein spekulatives Buch ist, das gewisse Erwartungshaltungen in bezug auf judenfeindliche antisemitische Stereotype auflagenfördernd bedient. Zudem spekuliert er darauf, dass man endlich mal die Juden nicht nur in der Opferrolle, sondern auch in der Täterrolle sehen möchte – vor allem hier in Deutschland. Der Piper-Verlag hätte besser daran getan, dieses Buch erst einmal gründlich zu prüfen […] Wenn es um wirkliche Aufklärung ginge, dann hätte der Piper-Verlag ein solches Buch eigentlich nicht veröffentlichen dürfen. Hier geht Kasse vor Klasse.“
Ernst Piper selbst kritisierte die heutige Politik seines ehemaligen Verlages: Zur Herausgabe von Ernst Noltes „Historische Existenz“ und Horst Möllers „Roter Holocaust“ geselle sich nun Finkelsteins Buch als „Trio Infernale“. Dies könne man nicht unterbinden, aber ebenso wenig die Kritik daran verbieten. Er gab daraufhin ein Taschenbuch mit gesammelten Aufsätzen über Finkelstein heraus (siehe Literatur).
Außer Ulrich Herbert hatten sich bis dahin nur ausländische und jüdische Fachhistoriker geäußert. Hans Mommsen („ungewöhnlich triviale Untersuchung“) und Ernst Nolte hatten bestellte Kurzkommentare in der „Woche“, Reinhard Rürup in der „Zeit“ abgegeben. Wolfgang Benz, Johannes Fried und Eberhard Jäckel lehnten eine öffentliche Erörterung des Buchs aus Anlass des deutschen Historikertags in Aachen ab, um es nicht als Fachbuch aufzuwerten. Dies brandmarkte Michael Wolffsohn in der Presse als „Tabuisierung“ des Themas, die Antisemitismus fördere. Lorenz Jäger von der FAZ und Petra Steinberger von der SZ[22] pflichteten ihm bei.
Finkelstein verteidigte sich in der SZ vom 9. September 2000 unter dem Titel „Der Bote ist der Schuldige“: Er betreibe keine Verschwörungstheorie, aber es gebe Personen und Institutionen, die Intrigen und Ränke schmieden. Er nannte dazu die CIA und bekräftigte, der Holocaust werde nur für US-Interessen, nicht aber für deren Opfer verallgemeinert. Von allen ihm bekannten Historikern bestreite nur Ulrich Herbert, dass das Thema Holocaust erst seit 1967 in den USA aufgetaucht sei. Er weist außerdem darauf hin, dass, auch wenn Herberts Einschätzung von circa 300.000 jüdischen Überlebenden in 1945 stimmt (eine Zahl, die Gunnar Heinsohn als zu hoch betrachtet), Herberts Angabe von 30-40%, statt 25%, als Prozentsatz der heute noch Lebenden nicht begründet ist. Die Zahl 700.000, von der die Claims Conference ausgeht, bleibt jedenfalls jenseits von jeder sachlich erklärbaren Zahl, seien es 100.000 (Henry Friedlander) oder 50.000 (Leonard Dinnerstein) oder 300.000 (Herbert). Er sah sich nun selbst als Opfer der „Holocaust-Industrie“, die „ihre Kritiker unbarmherzig aufs Korn nehme.“
Für die Zahl der jüdischen Holocaustüberlebenden verwies er auf die niedrigen Schätzungen der deutschen Verhandlungsdelegation beim Zwangsarbeiterfonds, ohne deren Quellen zu prüfen. Seine Kritik an den Entschädigungszahlungen sah er durch den US-Anwalt Gabriel Schoenfeld bestätigt, der die Form der Kampagnen und zu langsame Auszahlungen kritisiert hatte. Zu weiteren Tatsachenbehauptungen nahm er nicht Stellung, verteidigte sich aber gegen den Vorwurf, einige seiner Argumente zur Übertreibung der Holocaustopfer seien Munition für Holocaustleugnung.[23]
Am 13. September erschien dann Gabriel Schoenfelds Artikel für die angesehene Commentary, eine Zeitung des American Jewish Committee, auf Deutsch in der SZ. Er warf darin amerikanisch-jüdischen Organisationen vor, sie führten Entschädigungskampagnen gegen israelfreundliche Staaten für kurzfristige Vorteile, gefährdeten damit aber langfristig Israels Sicherheit. Zudem würde zu viel Geld für teure Holocaust-Museen statt für verarmte Holocaustopfer ausgegeben. Damit erleichterten sie Antisemiten aus allen Lagern, zu behaupten, es sei wie bei allem, was Juden betreffe, letztlich doch nur um Geld gegangen.
Öffentliche Kritik an Finkelsteins Publikationen und Stellungnahmen zum Nahostkonflikt artikulierte sich im Februar 2010 im Vorfeld einer geplanten Vortragsreise nach Deutschland. So protestierten unter anderem die Jüdische Gemeinde zu Berlin und der Bundesarbeitskreis Shalom gegen einen ursprünglich von der Heinrich-Böll-Stiftung organisierten Auftritt Finkelsteins in Berlin, da Finkelstein antisemitisches sowie geschichtsrevisionistisches Gedankengut vertrete.[24] Dabei beriefen sich die Kritiker insbesondere auf Stellungnahmen aus einem Interview, das Finkelstein dem libanesischen Fernsehsender 'Future TV' Anfang 2008 gewährte. Darin hatte Finkelstein seine Solidarität gegenüber der Hisbollah erklärt und verglich deren Kampf gegen Israel mit dem kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Er verehre die Hisbollah aufgrund ihrer Courage und Disziplin. Den Libanonkrieg beschrieb Finkelstein als Auftakt der vollständigen Unterwerfung der arabischen Welt durch die Vereinigten Staaten und Israel. Die Menschen vor Ort hätten einzig die Wahl, sich dem Kampf der Hisbollah anzuschließen, oder "Sklave von Amerika zu sein". Auf die Frage hin, ob keine friedliche Lösung des Konfliktes denkbar sei, sagte Finkelstein:
Als Reaktion auf die bekannt gewordenen Informationen zog die Heinrich-Böll-Stiftung ihre Unterstützung der Veranstaltung zurück. Auch die Rosa-Luxemburg-Stiftung widerrief ein zwischenzeitliches Angebot, Finkelstein in ihren Räumen sprechen zu lassen. Dieser sagte daraufhin seine Reise nach Deutschland ab.[26]
Zuvor war es auch in München, wo Finkelstein Vorträge im Amerika-Haus sowie im Kulturhaus Milbertshofen geplant hatte, zu Protesten gekommen, die schließlich zur Absage beider Auftritte durch Finkelstein führten. Die als Veranstalterin der Vorträge fungierende Vereinigung "Salam Shalom" warf den Verantwortlichen des Amerika- und des Kulturhauses daraufhin vor, sich dem Druck der "Israel-Lobby" gebeugt zu haben. Dem widersprachen die Sprecher beider Einrichtungen. Sie führten als Gründe für die Absage neben neuen Erkenntnissen über Finkelsteins Person auch Sicherheitsbedenken an, da Rechtsradikale auf ihren Seiten im Internet für den Besuch der Veranstaltungen geworben hätten.[27]
Bücher
Zeitungsartikel
Bücher
Zeitungsartikel
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Finkelstein, Norman |
| ALTERNATIVNAMEN | Finkelstein, Norman G. |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Politologe und Autor |
| GEBURTSDATUM | 8. Dezember 1953 |
| GEBURTSORT | Brooklyn, New York City |