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Als Nuklearkatastrophe von Fukushima werden eine Reihe katastrophaler UnfÀlle und schwerer StörfÀlle im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi (Fukushima I) und deren Auswirkungen bezeichnet.
Die Unfallserie begann am 11. MĂ€rz 2011 um 14:47 Uhr (Ortszeit) mit dem TĆhoku-Erdbeben und lief gleichzeitig in vier von sechs Reaktorblöcken ab. In Block 1 bis 3 kam es zu Kernschmelzen. GroĂe Mengen an radioaktivem Material â rund 10 bis 20 Prozent der radioaktiven Emissionen von Tschernobyl â wurden freigesetzt und kontaminierten Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel in der land- und meerseitigen Umgebung. UngefĂ€hr 100.000 bis 150.000 Einwohner mussten das Gebiet vorĂŒbergehend oder dauerhaft verlassen. Hunderttausende in landwirtschaftlichen Betrieben zurĂŒckgelassene Tiere verendeten.[1]
Aufgrund einer AbschĂ€tzung der GesamtradioaktivitĂ€t der freigesetzten Stoffe ordnete die japanische Atomaufsichtsbehörde die Ereignisse auf der Internationalen Bewertungsskala fĂŒr nukleare Ereignisse mit der Höchststufe 7 (âkatastrophaler Unfallâ) ein.[2]
Vier von sechs Reaktorblöcken des Kraftwerks wurden durch die UnfĂ€lle zerstört.[3] Nach einer ErklĂ€rung der japanischen Regierung vom 20. MĂ€rz 2011 soll das Kraftwerk ganz aufgegeben werden.[4] Ăber das Schicksal der nach Betreiberangaben noch funktionsfĂ€higen[5] Reaktorblöcke 5 und 6 wurde noch nicht entschieden (Stand: 30. November 2011).[6] Die Entsorgungsarbeiten werden voraussichtlich 30 bis 40 Jahre lang dauern.
Die Berichterstattung ĂŒber die Katastrophe fĂŒhrte in vielen LĂ€ndern zu einer gröĂeren Skepsis oder einem Stimmungsumschwung zulasten der zivilen Nutzung der Kernenergie.[7] Als einziges Land gab Deutschland sein Kernenergieprogramm auf.
Der GroĂteil der verfĂŒgbaren Informationen ĂŒber die VorgĂ€nge auf dem KraftwerksgelĂ€nde stammt direkt oder indirekt von der Betreibergesellschaft Tokyo Electric Power Company (Tepco). Sie werden teils direkt von Tepco im Internet und auf Pressekonferenzen veröffentlicht, teils ĂŒber regelmĂ€Ăige Berichte beziehungsweise Pressekonferenzen der japanischen Atomaufsichtsbehörde (NISA), des ĂŒbergeordneten Wirtschaftsministeriums (METI) und des Regierungssprechers. Die japanische Regierung ist am Krisenstab in der Tepco-Firmenzentrale beteiligt. Die NISA ist mit eigenen Experten vor Ort, die jedoch keine Messungen vornehmen, sondern nur die Angaben des Betreibers auf PlausibilitĂ€t prĂŒfen.[8]
Das Japanische Atomindustrie-Forum (JAIF) veröffentlicht auf seiner Website mehrfach tÀglich Statusberichte zur Lage im Kraftwerk und zu weiteren VorgÀngen im Zusammenhang mit den UnfÀllen.
Zu den wenigen von Tepco unabhĂ€ngigen, öffentlich verfĂŒgbaren Informationen vom KraftwerksgelĂ€nde gehören Aufnahmen und Messungen, die von auĂerhalb gemacht wurden, zum Beispiel Luftaufnahmen[9] und Satellitenbilder, sonstige Foto- und Videoaufnahmen und Strahlungsmessdaten unbemannter US-amerikanischer AufklĂ€rungsflugzeuge. Hinzu kommen Berichte von Mitarbeitern im Kraftwerk.
Aus der weiteren Umgebung in Japan sind Messwerte von verschiedenen Quellen verfĂŒgbar, zum Beispiel von staatlichen Stellen wie dem japanischen Kultus- und Technologieministerium (MEXT), dem Gesundheitsministerium (MHLW) und dem nach Ausrufung des nuklearen Notstands eingerichteten Katastrophenschutzkommando,[10] von regionalen Behörden und Organisationen, von Privatpersonen und von internationalen Beobachtern.
Die deutsche Gesellschaft fĂŒr Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) sammelt und bewertet im Auftrag des Bundesumweltministeriums Informationen zu den UnfĂ€llen und stĂŒtzt sich dabei auf die oben genannten Quellen. Auch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und viele weitere Fachorganisationen und -publikationen werten die Daten aus Japan aus und berichten regelmĂ€Ăig darĂŒber.
Weltweit veröffentlichten Organisationen wie die IAEO, die Organisation des Vertrags ĂŒber das umfassende Verbot von Nuklearversuchen (CTBTO) und die Environmental Protection Agency Daten ihrer empfindlichen Messstellen zur Verbreitung der radioaktiven Partikel aus Fukushima.
Tepco, die japanische Regierung, die IAEO und eine von der Regierung Kan eingesetzte Expertenkommission[11] veröffentlichten erste, ausfĂŒhrliche Untersuchungsberichte.
Das Kernkraftwerk Fukushima I besteht aus sechs Reaktorblöcken mit je einem Siedewasserreaktor. In jedem ReaktorgebĂ€ude befindet sich neben dem eigentlichen Kernreaktor unter anderem ein Abklingbecken zur Zwischenlagerung verbrauchter und neuer Brennelemente.[12] Daneben gibt es auf dem KraftwerksgelĂ€nde ein gröĂeres, zentrales Abklingbecken und ein Brennelement-Trockenlager mit SpezialbehĂ€ltern. An jedes ReaktorgebĂ€ude schlieĂt sich ein weiteres GebĂ€ude an, in dem sich die Turbinen und Generatoren zur Stromerzeugung sowie die Zu- und AblĂ€ufe fĂŒr KĂŒhlwasser aus dem Meer befinden.
Reaktoren und Abklingbecken mĂŒssen laufend gekĂŒhlt werden, auch in abgeschaltetem Zustand. In gebrauchten oder âabgebranntenâ Elementen zerfallen weiterhin Atomkerne, die bei der Kernspaltung entstanden sind (Spaltprodukte). Dabei wird WĂ€rme frei (NachzerfallswĂ€rme), die die Brennelemente ohne ausreichende KĂŒhlung zerstören wĂŒrde. In jedem Reaktorblock gibt es daher mehrere KĂŒhlkreislĂ€ufe, die zusĂ€tzlich redundant ausgelegt sind.
Vor den UnfÀllen gab es Hinweise auf Risiken der verwendeten Reaktortypen und KonstruktionsmÀngel der Anlage in Fukushima Daiichi, Warnungen vor möglichen SchÀden durch Erdbeben und Tsunamis sowie Kritik an unzureichender Wartung. Tepco und die japanischen Atomaufsichtsbehörden ignorierten die meisten dieser Hinweise.
Zum Zeitpunkt des Bebens waren die Reaktorblöcke 1, 2 und 3 in Betrieb.[13] Reaktorblock 4 war seit dem 30. November 2010 wegen einer groĂen Revision auĂer Betrieb; die Brennelemente dieses Blocks lagerten daher zum Unfallzeitpunkt vollstĂ€ndig im zugehörigen Abklingbecken. Die Blöcke 5 und 6 waren am 3. Januar 2011 bzw. am 14. August 2010 heruntergefahren und im Rahmen der Wartung schon wieder mit Brennelementen bestĂŒckt worden.[14] Im Gegensatz zu Block 1 und 2 befanden sich in Reaktor 3 seit August 2010 auch Mischoxid-Brennelemente, die eine Mischung aus Urandioxid und Plutoniumdioxid enthalten.[15] Jedes der Brennelemente bestand aus 72 (Reaktor 3 abweichend 74) BrennstĂ€ben und enthielt 170 bis 173 Kilogramm Kernbrennstoff (je nach Reaktor).[16] In den Reaktorkernen, Abklingbecken und Lagerbecken befand sich folgende Anzahl an Brennelementen und Masse an Kernbrennstoff:
| Lagerort | Brennelemente im Reaktorkern[17][18] |
Brennelemente im Abklingbecken[12] |
davon unbenutzt[12] |
GeschÀtzte WÀrmeleistung im Abklingbecken (kW)[12][19][20][Anm. 1] |
Volumen des Abkling- beckens (mÂł)[21] | |||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Anzahl | Masse (t) |
Anzahl | Masse (t) |
Anzahl | Masse (t) | |||
| Block 1 | 400 | 68 | 392 | 67 | 100 | 17 | 180 | 1.020 |
| Block 2 | 548 | 94 | 615 | 105 | 28 | 5 | 620 | 1.425 |
| Block 3 | 548 [Anm. 2][22] |
94 | 566 | 97 | 52 | 9 | 540 | 1.425 |
| Block 4 | 0 | 0 | 1.535 | 263 | 204 | 35 | 2.260 | 1.425 |
| Block 5 | 548 | 94 | 994 | 171 | 48 | 8 | 1.000 | 1.425 |
| Block 6 | 764 | 132 | 940 | 162 | 64 | 11 | 870 | 1.497 |
| Zentrales Abklingbecken | 6.375 | 1.093 [Anm. 3] |
1.130 | [23]3.828 | ||||
| Summe | 2.808 | 480 | 11.417 | 1.958 | 496 | 85 | 6.600 | 12.045 |
Die Gesamtmenge des in den BrennstÀben enthaltenen radioaktiven Iod-131 schÀtzte Tepco auf 81 · 1018 Becquerel bzw. 81 Millionen Terabecquerel.[24]
AuĂerdem befanden sich im Abfalllager des Kraftwerks mindestens 10.000 Tonnen kontaminiertes Wasser.[25]
Am 11. MĂ€rz 2011 um 14:46:23 Uhr (Ortszeit) begann unter dem Meeresboden vor der OstkĂŒste der japanischen Hauptinsel HonshĆ« das TĆhoku-Erdbeben.[26] Sein Epizentrum lag 163 Kilometer nordöstlich des Kraftwerks Fukushima I,[27] sodass die PrimĂ€rwellen (P-Wellen) des Bebens das KraftwerksgelĂ€nde nach 23 Sekunden erreichten.[28] Sie regten dort Seismometer an, die eine Schnellabschaltung der Reaktoren 1 bis 3 auslösten.[29][28] Gleichzeitig fiel die externe Stromversorgung des Kraftwerks durch ErdbebenschĂ€den an dessen Schaltanlagen aus,[30][31] und zwölf von dreizehn Notstromdieselgeneratoren starteten[32][33] (einer an Block 4 war gerade in Wartung[12]).
Das Beben dauerte ungefĂ€hr zwei Minuten lang und erreichte eine StĂ€rke von 9,0 Mw. Es erschĂŒtterte die Reaktorblöcke 2, 3 und 5 mit Horizontalbeschleunigungen von 0,52 bis 0,56 g, 15 bis 26 Prozent mehr als zulĂ€ssig.[34] Die vorgesehenen Belastungsgrenzen der ĂŒbrigen Reaktoren wurde nicht erreicht; trotzdem gibt es Hinweise auf ErdbebenschĂ€den in Block 1. In Block 3 wurde vermutlich ein Reserve-NotkĂŒhlsystem beschĂ€digt.[35]
Alle sechs Blöcke schalteten problemlos auf NotkĂŒhlung um.[36]
Ab 15:35 Uhr[36] trafen am Kraftwerk Tsunamiwellen mit einer Höhe von ungefĂ€hr 13 bis 15 Metern ein.[37][38] Laut IAEO war Fukushima I nicht an das vorhandene Tsunami-Warnsystem angeschlossen, sodass das Bedienpersonal keine frĂŒhzeitige Warnung erhielt,[39] wĂ€hrend die NISA von einer Alarmierung unmittelbar nach dem Erdbeben spricht.[36] FĂŒr den meerseitigen Teil des GelĂ€ndes existierte nur eine 5,70 Meter hohe Schutzmauer; vorgeschrieben waren lediglich 3,12 Meter.[39] Die 10 Meter ĂŒber dem Meeresspiegel gelegenen Reaktorblöcke 1 bis 4 wurden bis zu 5 Meter tief ĂŒberschwemmt; die drei Meter höher erbauten Blöcke 5 und 6 nur bis zu einem Meter.[37] Die an der KĂŒste positionierten Meerwasserpumpen wurden zerstört; WĂ€rme konnte nicht mehr an das Meerwasser abgegeben werden. Das Wasser lief in verschiedene GebĂ€ude und ĂŒberschwemmte dort fĂŒnf der zwölf laufenden Notstromaggregate und die meisten StromverteilerschrĂ€nke.[36][31] Der Kraftwerksbetreiber Tepco berichtete, dass die Generatoren um 15:41 Uhr ausfielen.[32] Ein Generator in Block 6 ĂŒberstand den Tsunami, weil er in einem eigenen, höher gelegenen GebĂ€ude untergebracht war.[12][33]
400 Tepco-Mitarbeiter wurden fĂŒr den Notfalleinsatz mobilisiert â laut IAEO viel zu wenige fĂŒr eine Katastrophe dieses AusmaĂes. Fremdfirmen wie die Kraftwerkshersteller Toshiba und Hitachi zogen ihre Mitarbeiter ab. Gleichzeitige UnfĂ€lle in mehreren Blöcken waren im Notfallplan nicht vorgesehen.[40][39] Angeschwemmte TrĂŒmmer, Wasserlachen, StraĂenschĂ€den und funktionslose TĂŒr- und Toröffner behinderten die weiteren Arbeiten. Die meisten Kommunikationseinrichtungen waren ausgefallen. Es bestand die stĂ€ndige Gefahr von Nachbeben und weiteren Tsunamis.[36]
Durch den Ausfall der Stromversorgung (Schwarzfall oder station blackout) war keine ausreichende KĂŒhlung mehr gewĂ€hrleistet, um die NachzerfallswĂ€rme aus den Reaktorkernen und Abklingbecken abzufĂŒhren.[41] Mit den vorhandenen Notstrombatterien war nur ein kurzzeitiger Betrieb der NotkĂŒhlsysteme möglich. ZusĂ€tzlich herangeschaffte Generatorfahrzeuge kamen wegen Verkehrsstaus, versperrter Zufahrtswege, ĂŒberschwemmter Anschlusspunkte und zu kurzer Kabel zu spĂ€t, um die Unfallserie zu stoppen.[42][43][44] Nur in den Blöcken 5 und 6 konnte die Stromversorgung durch den noch funktionsfĂ€higen Generator rechtzeitig wiederhergestellt werden. In Block 1 bis 3 versuchten die Arbeiter mit wechselndem Erfolg, Autobatterien und tragbare Stromgeneratoren an einzelne Systeme anzuschlieĂen.[39]
Mangels KĂŒhlung, teils bedingt durch weitere technische und organisatorische Probleme, kam es zur Ăberhitzung von Reaktoren und Abklingbecken, zur Freisetzung von Wasserstoff in die ReaktorgebĂ€ude und zu Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3 (siehe Abschnitte Probleme in den Reaktoren 1 bis 3 und Probleme in den Abklingbecken). Durch gezielte Druckentlastungen der Reaktoren gelangten radioaktive Stoffe in die Umwelt und wurden von wechselnden Winden in verschiedene Himmelsrichtungen weiter verteilt.[45]
Vom 12. bis zum 15. MĂ€rz ereigneten sich Explosionen â wahrscheinlich Wasserstoffexplosionen â in den Blöcken 1, 3, 2 und 4, die die ReaktorgebĂ€ude teils schwer beschĂ€digten und die Rettungsarbeiten zurĂŒckwarfen. Hochradioaktiver Schutt wurde auf das KraftwerksgelĂ€nde geschleudert.[46][47] In Block 2 wurde der SicherheitsbehĂ€lter des Reaktors beschĂ€digt, so dass extrem hoch kontaminiertes Wasser austrat;[48] in Block 4 kam es zu mehreren BrĂ€nden. Vom 13. bis zum 15. MĂ€rz wurde auf dem KraftwerksgelĂ€nde mehrfach Neutronenstrahlung gemessen, was auf ein unkontrolliertes Wiedereinsetzen der Kernspaltung (KritikalitĂ€t) in einem der Reaktoren oder Abklingbecken hindeutete.[49]
Die Werkfeuerwehr[39] pumpte Wasser in die Reaktoren 1 bis 3, um diese notdĂŒrftig zu kĂŒhlen,[50] zunĂ€chst aus vorhandenen SĂŒĂwasserreserven und dann aus Gruben, in denen sich Meerwasser angesammelt hatte.[36] Die Erlaubnis zum Einleiten von Meerwasser â hierdurch werden die Reaktoren beschĂ€digt â gab Premierminister Naoto Kan am 12. MĂ€rz 2011 um 19:55 Uhr.[51]
WĂ€hrend der Druckentlastungen, Explosionen und BrĂ€nde stieg die Strahlenbelastung auf dem GelĂ€nde stark an (siehe Grafik). Am 14. MĂ€rz erwog Tepco, das Kraftwerk aufzugeben und alle Mitarbeiter wegen der zu groĂen Strahlungsrisiken abzuziehen, erhielt aber keine Erlaubnis des Premierministers.[52] Daraufhin wurden am 15. MĂ€rz alle bis auf rund 50 â in den Medien auch als âFukushima 50â bezeichnete â Tepco-Mitarbeiter sowie 130 weitere Arbeiter und Helfer von Fremdfirmen, Feuerwehr und StreitkrĂ€ften vorĂŒbergehend evakuiert.[53][54][55] Einige Tage spĂ€ter stieĂen 140 Helfer der Tokioter Feuerwehr hinzu,[56] die nach Aussage von Gouverneur ShintarĆ Ishihara von Wirtschaftsminister Banri Kaieda zu diesem Einsatz gezwungen wurden.[57] Arbeiten in den LeitstĂ€nden des Kraftwerks waren seit den Explosionen nur noch eingeschrĂ€nkt möglich, weil die Mitarbeiter laufend einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt waren[58] und weil seit dem Stromausfall nur eine unzureichende Notbeleuchtung existierte.[59]
Die Abklingbecken der Reaktorblöcke 3 und 4 sowie das zentrale Abklingbecken wurden ab dem 17., 20. bzw. 21. MĂ€rz provisorisch mit Wasserwerfern der japanischen StreitkrĂ€fte und der Feuerwehr gekĂŒhlt; spĂ€ter dienten dann Autobetonpumpen zur KĂŒhlung in Block 1, 3 und 4. Auch die Feuerwehrpumpen fĂŒr die ReaktorkĂŒhlung wurden durch leistungsfĂ€higere GerĂ€te ersetzt. Ausgehend von einer benachbarten Hochspannungsleitung wurden neue Stromleitungen zum Kraftwerk verlegt, um die elektrischen Systeme â soweit noch funktionsfĂ€hig â wieder ans Stromnetz anschlieĂen zu können.[60] Vor allem hoffte man darauf, auch die KĂŒhlsysteme wieder in Betrieb nehmen zu können.[61] Die Reaktorblöcke 5 und 6 erreichten am 20. MĂ€rz wieder einen stabilen Betriebszustand, nachdem ihre Notstromversorgung wiederhergestellt war. Am gleichen Tag wurden Block 1 und 2 wieder ans Stromnetz angeschlossen, bis zum 22. MĂ€rz auch alle ĂŒbrigen Blöcke. AnschlieĂend wurde die Beleuchtung in den LeitstĂ€nden wieder hergestellt,[62] aber die meisten anderen Systeme erwiesen sich als nicht mehr funktionsfĂ€hig oder standen unter Wasser.[63][64]
Der Zustand von Reaktor 1 und 3 war zu diesem Zeitpunkt nach wie vor instabil. In Block 3 kam es zu einem Druckanstieg und unerwarteter Rauchentwicklung; das GelĂ€nde wurde noch einmal kurzzeitig evakuiert. Bei Reaktor 1 machte die KĂŒhlung Probleme, die auch im April weiter andauerten; mehrmals stieg die AktivitĂ€t des Reaktorkerns an. Aus Block 2 bis 4 stieg immer wieder Dampf oder Rauch auf, ab dem 25. MĂ€rz aus allen dreien[65] (Stand: 15. April[66]). Ăberdruck, Kernschmelzen und Meerwasser hatten die Druck- und SicherheitsbehĂ€lter von Reaktor 1 bis 3 beschĂ€digt, so dass laufend kontaminierter Dampf und KĂŒhlwasser entwichen.[67][68][69]
Ab dem 25. MĂ€rz wurde die KĂŒhlung aller Reaktoren und Abklingbecken schrittweise von Meer- auf SĂŒĂwasser umgestellt, vor allem um weitere SchĂ€den durch Salzablagerungen zu vermeiden. In Reaktor 1 befanden sich inzwischen schĂ€tzungsweise 26 Tonnen Meersalz, in den gröĂeren Reaktoren 2 und 3 jeweils 45 Tonnen.[70] Das SĂŒĂwasser wurde zunĂ€chst von SchleppkĂ€hnen der United States Navy angeliefert, die von Schiffen der japanischen StreitkrĂ€fte gezogen oder geschoben wurden;[71][72] spĂ€ter entnahm man es ĂŒber eine Rohrleitung aus einem zehn Kilometer entfernten Stausee.[39]
Ende MĂ€rz belief sich laut SchĂ€tzungen des Institut de Radioprotection et de SĂ»retĂ© NuclĂ©aire die WĂ€rmeleistung der Brennelemente in Reaktor 1 auf 2,5 Megawatt und in den Reaktoren 2 und 3 auf 4,2 Megawatt. Diese Leistung wĂŒrde ausreichen, um 95 bzw. 160 Tonnen Wasser pro Tag verdampfen zu lassen,[73] und benötigte eine andauernde KĂŒhlung mit rund 150 bis 200 Tonnen Wasser pro Reaktor und Tag. Wegen der stark beschĂ€digten Brennelemente in den Reaktorkernen wurde und wird dieses Wasser hoch radioaktiv kontaminiert.[74] Teile davon verdampfen und sind je nach Wetterlage als weiĂe Dampfschwaden ĂŒber den Reaktorblöcken zu sehen. Der Rest verbleibt zunĂ€chst auf dem KraftwerksgelĂ€nde.
Bis zum 4. April 2011 sammelten sich auf diese Weise etwa 60.000 Tonnen[75] radioaktives Wasser im Untergeschoss der TurbinengebĂ€ude,[76] in daran anschlieĂenden und in Richtung Meer verlaufenden SchĂ€chten und Wartungstunneln[77][78][79] und auf weiteren FlĂ€chen an. Der Boden des GelĂ€ndes wurde so sehr mit radioaktivem Wasser durchtrĂ€nkt, dass es bis in die GebĂ€ude der einen Kilometer entfernten Reaktorblöcke 5 und 6 drang.[25] Diese Massen an radioaktivem Abwasser wurden zunehmend zum Problem. Sie verhinderten Arbeiten an elektrischen Systemen, die unter Wasser standen,[80] gefĂ€hrdeten die Arbeiter[81] und gelangten auf verschiedenen Wegen ins Meer (â siehe Kontamination von Meerwasser durch die NuklearunfĂ€lle von Fukushima).
Schon frĂŒh wurden verschiedene MaĂnahmen diskutiert, um die radioaktiven Emissionen einzudĂ€mmen und AbfĂ€lle zu entsorgen. Dazu gehörten der Bau eines âSarkophagsâ wie in Tschernobyl,[82] das Abdecken der Reaktorblöcke mit einem Spezialgewebe, das BesprĂŒhen des GelĂ€ndes mit Kunstharz[83] und die Aufbereitung von radioaktivem Abwasser mit dem Spezialschiff Suzuran.[84]
Die erste tatsĂ€chlich umgesetzte MaĂnahme war das Binden radioaktiver StĂ€ube mit Kunstharz. Es begann am 6. April auf kleinen ProbeflĂ€chen[85][86][87] und wurde spĂ€ter auf eine FlĂ€che von einem halben Quadratkilometer ausgeweitet,[87] einem Siebtel des KraftwerksgelĂ€ndes. Auch die GebĂ€ude wurden eingesprĂŒht.[88]
Um Platz fĂŒr die Lagerung des kontaminierten Abwassers zu schaffen, pumpte Tepco vom 4. bis zum 10. April rund 10.000 Tonnen kontaminiertes Wasser aus dem Abfalllager (ca. 30.000 Tonnen GesamtkapazitĂ€t[89]) mit einer RadioaktivitĂ€t von 150 Milliarden Becquerel (0,15 TBq) ins Meer.[25][90] Es gab Proteste japanischer Fischer[91] und von den Anrainerstaaten SĂŒdkorea, Russland und China.[92] AnschlieĂend wurde damit begonnen, Wasser aus den Kellern und Tunneln der TurbinengebĂ€ude ins Abfalllager und spĂ€ter auch in separate Tanks[93][89][94] zu pumpen, wobei man nur langsam voran kam.[95] Den französischen Nukleartechnikkonzern Areva beauftragte Tepco mit dem Bau einer Anlage, die 1.200 Tonnen Abwasser pro Tag direkt vor Ort chemisch dekontaminieren kann.[96]
Die Firma Toshiba, die mehrere der Reaktorblöcke von Fukushima Daiichi gebaut hatte und auch an den Entsorgungsarbeiten nach dem Unfall von Three Mile Island beteiligt war, unterbreitete Tepco ein Angebot fĂŒr Sicherungsarbeiten am Kraftwerk. Innerhalb von 10 Jahren wolle Toshiba alle BrennstĂ€be vom KraftwerksgelĂ€nde entfernen, verschiedene Anlagen abbrechen und die Kontamination des Bodens verringern.[97]
Die radioaktiven AbfĂ€lle, die durch die Explosionen von Block 1 und 3 auf dem KraftwerksgelĂ€nde verteilt worden waren, rĂ€umte Tepco ab dem 10. April mit unbemannten Spezialfahrzeugen ab â mehrere dutzend Kubikmeter Schutt pro Tag.[47][98] Diese Arbeiten sollen bis Sommer 2012 andauern.[99]
Weitere MaĂnahmen dienten zur EindĂ€mmung des Abwasseraustritts ins Meer. Neben dem Abdichten von SchĂ€chten und Rohren mit Wasserglas lieĂ Tepco eine Stahlwand am Wassereinlass von Reaktorblock 2 bauen und an verschiedenen Stellen SchlammwĂ€lle (âsilt curtainsâ) aufschĂŒtten.[100][101] ZusĂ€tzlich wurden schwimmende Barrieren eingesetzt, um radioaktive Schwebstoffe zurĂŒckzuhalten,[102] und SandsĂ€cke am SĂŒdpier des Kraftwerks aufgeschichtet.[103] An den Austrittsstellen deponierte SĂ€cke mit Zeolithen sollten Radionuklide im Wasser binden.[104][105][106] Die MaĂnahmen waren erfolgreich: Die Emissionen ins Meer gingen bis Ende April auf einen Bruchteil zurĂŒck. Die Messwerte am nördlichen und sĂŒdlichen Rand des KraftwerksgelĂ€ndes zeigten jetzt nur noch leichte GrenzwertĂŒberschreitungen.
Zum provisorischen Schutz des Kraftwerks vor möglichen weiteren Tsunamis wurde ein zwölf Meter hoher Damm aus Gabionen errichtet.[79]
Der Mai brachte KlĂ€rungen zum Ablauf der Unfallserie und zum Zustand des Kraftwerks. ZunĂ€chst wurde das Innere der ReaktorgebĂ€ude erkundet. Wegen der hohen Strahlung in den GebĂ€uden ĂŒbernahmen diese Aufgabe PackBot-Roboter, die das Idaho National Laboratory fĂŒr diesen Zweck umgerĂŒstet hatte.[107][108] Die etwa einen Meter hohen GerĂ€te waren wegen im Weg liegender ExplosionstrĂŒmmer nur begrenzt einsetzbar,[96] lieferten aber wertvolle Informationen ĂŒber die Strahlenbelastungen in verschiedenen GebĂ€udeteilen. Die Messwerte in Block 1 reichten von etwa 10 bis 1000 Millisievert pro Stunde.[109][110] SpĂ€ter kamen verschiedene weitere Robotermodelle und ferngesteuerte SpezialgerĂ€te zum Einsatz, auch auf dem weiteren KraftwerksgelĂ€nde.[111]
Als nĂ€chstes wurde die Luft in den GebĂ€uden dekontaminiert, sodass auch Arbeiter mit entsprechender SchutzausrĂŒstung dort (in Teilbereichen) tĂ€tig werden konnten. Die neu gewonnenen Informationen lieferten zusammen mit Datenaufzeichnungen aus den LeitstĂ€nden und zusĂ€tzlichen computergestĂŒtzten Analysen ein Bild vom Zustand der Reaktoren 1 bis 3. In allen dreien waren die KernbrennstĂ€be gröĂtenteils geschmolzen (âmelt-downâ), und die Schmelze hatte den DruckbehĂ€lter beschĂ€digt.[112][113] Auch die SicherheitsbehĂ€lter waren undicht, was die NISA â die bereits am 18. April eine Kernschmelze in allen drei Reaktoren bestĂ€tigt hatte[114] â mit einem Austreten von Teilen der Schmelze in die SicherheitsbehĂ€lter (âmelt-throughâ) erklĂ€rte.[12] Durch die undichten BehĂ€lter leckte das KĂŒhlwasser aus den Reaktoren.[115]
Das gesamte Datenmaterial mit Aufzeichnungen der Reaktorparameter und TÀtigkeitsprotokollen der Mitarbeiter wurde auf Betreiben der NISA am 16. Mai im Internet veröffentlicht.[116] SpÀter veröffentlichte die NISA auch sÀmtliche Meldungen des Kraftwerksbetreibers an die Behörde.[117]
UrsprĂŒngliche Planungen, mit geschlossenen WasserkreislĂ€ufen schnell die KĂŒhlung der Reaktoren zu stabilisieren und die Freisetzung radioaktiver Stoffe in den Griff zu bekommen,[48][118] waren durch die ReaktorschĂ€den hinfĂ€llig.[119][120] Dadurch verschĂ€rfte sich auch die Abwasserproblematik.[115][121] Mit Provisorien wie dem Zubetonieren von SchĂ€chten und Tunneln[122][79][123] und dem Zwischenlagern von kontaminiertem Wasser in diversen GebĂ€uden, die eigentlich nicht dazu gedacht waren und teilweise leckten,[35] rettete Tepco sich â mit Genehmigung der NISA[124] â ĂŒber die Zeit.
WĂ€hrenddessen gab es immer wieder technische Probleme und StörfĂ€lle, zum Beispiel einen kritischen Temperaturanstieg in Reaktor 3, einen Ausfall der KĂŒhlung in Block 5[125] und einen Stromausfall in Block 1 und 2.[124]
Die Zahl der Mitarbeiter auf dem KraftwerksgelĂ€nde erhöhte sich stetig. Nachdem sie Anfang Mai die 1000 ĂŒberschritten hatte,[79] waren es Mitte Juni bereits 2500.[126]
Als dauerhaftere Lösung des Abwasserproblems ging im Juni die neue Dekontaminationsanlage in Betrieb, mit vier Aufbereitungsstufen:[127]
Die Anlage senkt die RadioaktivitĂ€t des Wassers auf ein 100.000stel[128] und produziert dabei hoch radioaktiven Schlamm, der bis zur Entscheidung ĂŒber eine Endlagerung auf dem KraftwerksgelĂ€nde verbleibt. Das dekontaminierte Wasser wird teils in neu errichteten Tanks gelagert und teils als KĂŒhlwasser fĂŒr die Reaktoren wiederverwendet.[127]
| Dekontaminiertes Wasser[129] | ||
|---|---|---|
| Woche ab | Tonnen | Anlagen- auslastung |
| 29. Juni | 6380 | 76 % |
| 6. Juli | 6130 | 73 % |
| 13. Juli | 4510 | 54 % |
| 20. Juli | 4870 | 58 % |
| 27. Juli | 6190 | 74 % |
| 3. August | 6720 | 80 % |
| 10. August | 7420 | 88 % |
Die Gesamtmenge des bereits angesammelten Abwassers schĂ€tzte Tepco Anfang Juni auf etwa 100.000 Tonnen, mit einer RadioaktivitĂ€t von 720.000 Terabecquerel[130] â ungefĂ€hr soviel, wie wĂ€hrend der âheiĂen Phaseâ der UnfĂ€lle in die Luft freigesetzt wurde.[131] Der Zufluss an neuem Abwasser lag zu diesem Zeitpunkt bei mehreren hundert Tonnen pro Tag. Die Dekontaminierungskosten wurden mit umgerechnet 1800 Euro pro Tonne veranschlagt.[132]
Statt geplanter 50 Tonnen Durchfluss pro Stunde erreichte die Anlage zunĂ€chst nur etwa 25 bis 35 Tonnen. RegelmĂ€Ăig kam es zu Pannen und Betriebsunterbrechungen.[133][134]
Eine zweite, zuverlĂ€ssigere Zeolith-Filteranlage ĂŒbernahm die Dekontamination des Wassers, das sich in dem abgeschotteten Bereich vor dem Kraftwerk angesammelt hatte.[135]
Die SicherheitsbehĂ€lter der Reaktoren 1 bis 3 wurden mit Stickstoff gefĂŒllt, um möglichen, weiteren Knallgasexplosionen vorzubeugen. Die Abklingbecken erhielten neue, geschlossene KĂŒhlkreislĂ€ufe. Dadurch konnten die Wassertemperaturen gesenkt und korrosive Meersalzreste ausgefiltert werden. Die Betonpumpen gingen auĂer Betrieb.
Der Abwasserstand in den verschiedenen GebĂ€uden blieb ĂŒber Monate hinweg nahezu unverĂ€ndert: Zufluss durch KĂŒhlwasser und Regen und Abfluss durch Aufbereitung und Lagerung in neuen Tanks hielten sich die Waage. Ein Ăberlaufen konnte verhindert werden.[136][137]
Um die VerarbeitungskapazitĂ€t zu erhöhen, wurde die (erste) Dekontaminierungsanlage im August um ein zusĂ€tzliches, von Toshiba gebautes Zeolith-Filtersystem erweitert.[138] Damit gelang es in den nachfolgenden Monaten, die WasserstĂ€nde allmĂ€hlich zu senken.[139] Bis Mitte Oktober wurden insgesamt rund 130.000 Tonnen Wasser verarbeitet.[140] WĂ€hrend des Betriebs traten weitere Pannen, Leckagen und Stillstandszeiten auf, bis hin zu einem Austritt von âmindestens 45â Tonnen hoch mit radioaktivem Strontium kontaminierten Wassers (175 Mio. Becquerel pro Liter) im Dezember. Bis zu 150 Liter davon liefen ins Meer.[141]
Seit Oktober 2011 liegt die Temperatur aller Reaktoren unter 100 °C.[142] Dieser Zustand ist stabil, solange die KĂŒhlwasserversorgung nicht fĂŒr mehr als 18 Stunden unterbrochen wird.[143] Japans neuer Premierminister Yoshihiko Noda erklĂ€rte am 16. Dezember, das Kraftwerk sei â wie geplant â stabil heruntergefahren (cold shutdown, Kaltabschaltung). Die NISA hatte zuvor bestĂ€tigt, dass die KĂŒhlung durch redundante Systeme sichergestellt sei,[144] obwohl Tepco bei den provisorischen KĂŒhlsystemen ein zehnfach höheres Ausfallrisiko als im Normalzustand sieht.[143] Kritiker bezweifeln, dass man bei unklarem Zustand des Reaktorkerns von einer Kaltabschaltung sprechen kann.[145]
Bis Ende 2013 will Tepco eine zusĂ€tzliche Stahlwand unmittelbar vor dem Kraftwerk fertigstellen. Sie wird bis tief in den Meeresboden getrieben und soll den Austritt von kontaminiertem âUntergrundwasserâ fĂŒr die nĂ€chsten 30 Jahre eindĂ€mmen.[146]
Nach Angaben der japanischen Regierung ist geplant, von 2012 bis 2015 die Brennelemente aus den Abklingbecken der Reaktorblöcke 1 bis 4 zu entfernen und in den ĂŒbrigen Abklingbecken zu lagern, beginnend mit Block 4 im April. Bis 2021 sollen die SicherheitsbehĂ€lter von Reaktor 1 bis 3 repariert und mit Wasser gefĂŒllt und bis 2025 die Ăberreste der Reaktorkerne entfernt werden. AnschlieĂend werden die vier Blöcke komplett abgerissen. Innerhalb von 30â40 Jahren sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.[147][148]
Nach der Schnellabschaltung der Reaktoren wurden auch die Dampf- und WasserkreislĂ€ufe zu den Turbinen unterbrochen[29][28] (siehe Leitungen Nr. 6 und 7 in der Grafik rechts); damit ging planmĂ€Ăig die HauptwĂ€rmesenke der Reaktoren verloren. Die vom verdampfenden Wasser in den Reaktoren aufgenommene NachzerfallswĂ€rme wurde nun jeweils in wassergefĂŒllte Kondensationskammern abgefĂŒhrt, die als ErsatzwĂ€rmesenke dienten. In Block 2 und 3 war dies jeweils die groĂe Kondensationskammer unter dem Reaktor (Nr. 24 in der zweiten Grafik), die indirekt mit Meerwasser gekĂŒhlt wurde (RHR-System). Im anders aufgebauten Block 1 kamen verschiedene NotkĂŒhlsysteme zum Einsatz.
Knapp eine Stunde spĂ€ter fielen die Notstromgeneratoren aus, und damit auch die elektrisch betriebenen Pumpen der KĂŒhlsysteme von Reaktorblock 2 und 3. Eine WĂ€rmeabfuhr aus den Reaktor-Kondensationskammern und den Abklingbecken ins Meer war nicht mehr möglich. Die direkte KĂŒhlung der Reaktorkerne erfolgte nun mit dampfgetriebenen Pumpen (RCIC), deren Einsatz nur fĂŒr einen begrenzten Zeitraum vorgesehen ist. Eine Stromversorgung wird hierbei nur fĂŒr die Regelung der Pumpen und fĂŒr die Ansteuerung von Ventilen benötigt. Dies war in Block 2 und 3 kurzzeitig mit Notstrombatterien möglich, bis diese ausfielen oder das KĂŒhlsystem aus anderen GrĂŒnden versagte. In Block 1 fiel die NotkĂŒhlung vermutlich bereits durch die Tsunami-Ăberschwemmung aus.[12][149] Die als letzte NotmaĂnahme verwendbaren, dieselbetriebenen Pumpen des Feuerlöschsystems waren aus verschiedenen GrĂŒnden nicht einsetzbar oder wurden falsch bedient.[36] Es wurde kein frisches KĂŒhlwasser mehr in die Reaktoren eingespritzt, und das noch vorhandene Wasser verdampfte. Dadurch sank der Wasserstand ab und die ReaktorbrennstĂ€be waren zunĂ€chst teilweise, spĂ€ter gar nicht mehr von Wasser umgeben, wodurch sie sich aufgrund der NachzerfallswĂ€rme weiter erhitzten.
Die HĂŒllen der BrennstĂ€be bestehen aus einer Zirkalloy genannten Zirkoniumlegierung. Bei Temperaturen ab etwa 800 °C reagiert das Zirkonium mit dem umgebenden Wasserdampf unter Bildung von Zirkoniumoxid und Wasserstoff.[150] Die mit dem Oxidationsvorgang verbundene erhebliche WĂ€rmeentwicklung treibt diesen weiter voran (exotherme Reaktion). Ab ca. 1.200 °C nimmt die Oxidation des Zirkoniums dramatisch zu.[151][152]
Bei Temperaturen ab etwa 900 °C beginnen die HĂŒllrohre der BrennstĂ€be durch den inneren Gasdruck zu bersten. Dadurch werden radioaktive Gase und Partikel des Brennmaterials freigesetzt, darunter die Isotope Iod-131 und Iod-129, die weiteren Spaltprodukte Caesium-137, Caesium-134 und Strontium-90 sowie das Brutprodukt Plutonium-239. Oberhalb von etwa 1.750 °C schmilzt das Zirkalloy,[151] flieĂt zusammen mit gelöstem Uranoxid der BrennstĂ€be auf den Boden des DruckbehĂ€lters und lagert sich dort als sogenanntes Corium ab[153] â eine Kernschmelze hat begonnen. Ab 2.850 °C schmilzt auch das Uranoxid der BrennstĂ€be[151] und bildet zusammen mit geschmolzenen SteuerstĂ€ben weiteres âCoriumâ. In allen drei betroffenen Reaktoren waren die BrennstĂ€be so lange ohne KĂŒhlung, dass diese VorgĂ€nge abliefen und der GroĂteil des Reaktorkerns schmolz.[112][113][12]
Da die ReaktordruckbehĂ€lter nach dem Notstromausfall verschlossen waren, stieg der Druck durch Wasserverdampfung und Wasserstoffproduktion bis auf die vorgesehenen Höchstwerte an. Automatisch öffneten sich Sicherheitsventile und lieĂen Teile des Dampf-Wasserstoff-Radionuklid-Gemischs in die SicherheitsbehĂ€lter ab.[154] SpĂ€ter wurden auch manuelle Entlastungen der DruckbehĂ€lter vorgenommen, um Wasser einpumpen zu können.[155]
In den SicherheitsbehĂ€ltern gab es ebenfalls keine KĂŒhlmöglichkeit mehr, und der Druck stieg auch dort an. Er stabilisierte sich jedoch jeweils bei etwa 750 (Reaktor 1 und 2) beziehungsweise 500 (Reaktor 3) Kilopascal (siehe Grafik). Vermutlich versagten bei diesem Druck Dichtungen der SicherheitsbehĂ€lter, sodass sich kein höherer Druck mehr aufbauen konnte, sondern das Dampf-Wasserstoff-Gemisch in die ReaktorgebĂ€ude entwich.[156][12] Um den Druck zu senken und damit ein Bersten der SicherheitsbehĂ€lter zu verhindern, wurden Teile der in den SicherheitsbehĂ€ltern verbliebenen, mit Radionukliden kontaminierten Gase schlieĂlich in die Umgebung abgelassen (Venting). SpĂ€ter wurden Vermutungen geĂ€uĂert, dass das Venting wegen unterdimensionierter[157] oder durch das Erdbeben gebrochener[158] Rohre oder wegen fehlender Stromversorgung[159][160] nicht richtig funktioniert habe und auf diese Weise das Gas in die GebĂ€udehĂŒlle gelangt sei. Nach den meisten Druckentlastungen wurden allerdings erhebliche radioaktive Emissionen auĂerhalb der ReaktorgebĂ€ude gemessen.
Nachdem sich eine hinreichende Menge an Wasserstoff angesammelt hatte, kam es jeweils zu einer Wasserstoffexplosion, welche Teile des GebÀudes und Teile der darin enthaltenen Technik zerstörte. WÀhrenddessen setzten sich die Kernschmelzen fort. Teile der geschmolzenen Reaktorkerne liefen laut einer Analyse der NISA aus den DruckbehÀltern, sammelten sich auf dem Boden der SicherheitsbehÀlter an und beschÀdigten diese.[12]
Um die Reaktorkerne zu kĂŒhlen und gleichzeitig eine unkontrollierte Kettenreaktion zu unterbinden, wurde mit BorsĂ€ure versetztes Meerwasser in die DruckbehĂ€lter eingeleitet.[161] Das in natĂŒrlichem Bor zu 20 % vorhandene Isotop Bor-10 kann aus einer Kernspaltung entstehende Neutronen sehr effizient absorbieren (Neutronenabsorber), wobei es zu Lithium und Helium zerfĂ€llt. Da Japans BorvorrĂ€te nicht ausreichten, lieferte SĂŒdkorea 52 Tonnen seiner Borreserven nach Japan.[162] Frankreich lieferte weitere 95 Tonnen.[163]
Die Wassereinspeisung erfolgte ĂŒber vorhandene Leitungen, zunĂ€chst mit FeuerwehrausrĂŒstung[149][50] und spĂ€ter mit stĂ€rkeren, elektrischen Pumpen. Es wurde etwas mehr Wasser eingeleitet, als zur vollstĂ€ndigen Abfuhr der NachzerfallswĂ€rme durch Verdampfen nötig gewesen wĂ€re,[164] aber wegen der SchĂ€den an den BehĂ€ltern ging mehr als die HĂ€lfte davon verloren,[165][12] wĂ€hrend der Rest verdampfte und in die Umgebung entwich. Das Leckwasser sammelte sich teilweise in den SicherheitsbehĂ€ltern; der Rest trat von dort in die ReaktorgebĂ€ude aus. Dieses NotkĂŒhlverfahren â unter gĂŒnstigeren UmstĂ€nden wĂŒrde es ohne Austritt von flĂŒssigem Wasser ablaufen â wird als âfeed and bleedâ bezeichnet. Es hat den gravierenden Nachteil, dass zusammen mit dem Dampf auch radioaktive Stoffe aus dem Reaktorkern in die Umgebung gelangen.[166]
Wegen des Wasserverlustes durch die Lecks konnten die Ăberreste der Reaktorkerne laut NISA nur teilweise mit Wasser bedeckt werden; sie wĂŒrden teils mit Wasser und teils mit Dampf gekĂŒhlt.[12]
Siehe auch: Messwerte zum Zustand der Reaktoren
Eine zusĂ€tzliche Gefahr ergab sich daraus, dass die gebrauchten Brennelemente zunĂ€chst im ReaktorgebĂ€ude und spĂ€ter in einem zentralen Abklingbecken ĂŒber viele Jahre gelagert wurden und nach wie vor werden. Die gelagerten Brennelemente geben aufgrund der NachzerfallswĂ€rme weiterhin Energie an das Wasser des Beckens ab, welches auf einen KĂŒhlkreislauf angewiesen ist. Durch den vollstĂ€ndigen Stromausfall fiel dieser KĂŒhlkreislauf bei allen Abklingbecken aus, sodass sich das Wasser dort allmĂ€hlich erhitzte und teilweise verdunstete.
Werden die Elemente nicht mehr vollstĂ€ndig von Wasser bedeckt, drohen deren Ăberhitzung und chemische Reaktionen Ă€hnlich wie im Reaktor, bis hin zum Bersten der BrennstĂ€be. Ohne KĂŒhlwasser und ohne GebĂ€udedach, das bei drei der Reaktoren nach den Explosionen fehlte, wĂŒrden die im Vergleich zu den Reaktoren sogar verstĂ€rkt enthaltenen Radionuklide in die Umwelt frei gesetzt.[152]
Wassermesswerte aus den Abklingbecken deuteten zunĂ€chst darauf hin, dass solche VorgĂ€nge in Block 2 und 3 abliefen, und in geringerem MaĂe auch in Block 4. SpĂ€ter kamen Tepco sowie offizielle Untersuchungsberichte zu dem Schluss, dass sowohl die Becken selbst als auch die darin gelagerten Brennelemente höchstwahrscheinlich intakt blieben. Der Wasserstand in den Becken ist im Normalbetrieb fast dreimal so hoch wie die Höhe der gelagerten Brennelemente. Dadurch besteht genĂŒgend Reserve, um auch mehrwöchige KĂŒhlausfĂ€lle zu ĂŒberbrĂŒcken.[36]
Block 1 von Fukushima I wurde 1967 bis 1970 errichtet und war das erste Kernkraftwerk Japans. Er basiert auf einem Ă€lteren und kleineren Reaktormodell als die ĂŒbrigen Blöcke der Anlage (â siehe technische Daten der Reaktorblöcke) und verfĂŒgte ĂŒber schwĂ€chere Notfallsysteme. Die Laufzeit dieses Reaktors sollte eigentlich Anfang 2011 enden, wurde aber von der NISA im Februar 2011 um zehn Jahre verlĂ€ngert.[167]
Im Abklingbecken von Block 1 lagerten nur relativ wenige, alte Brennelemente, die im Gegensatz zum Reaktor nur wenig KĂŒhlung benötigten.
Das Erdbeben löste am 11. MĂ€rz ab 14:46:46 Uhr (Ortszeit) eine Vielzahl von Aktionen in Block 1 aus. Der Reaktor wurde planmĂ€Ăig automatisch heruntergefahren und gleichzeitig wegen Ausfall der externen Stromversorgung auf Notstrombetrieb umgeschaltet.[30] Arbeiter berichteten spĂ€ter von gebrochenen Rohren im ReaktorgebĂ€ude, aus denen Wasser herausschoss.[168] Eines der NotkĂŒhlsysteme (Isolation Condenser) schaltete sich kurz ein und ging wieder auĂer Betrieb. Ein anderes (Containment Cooling System) kĂŒhlte danach vorerst den SicherheitsbehĂ€lter, der den ReaktordruckbehĂ€lter umschlieĂt.[169][30] Tepco bestritt spĂ€ter, dass das Erdbeben nennenswerte SchĂ€den oder Sicherheitsprobleme verursacht hĂ€tte,[170] musste aber bereits kurz darauf ein Ă€hnliches Dementi fĂŒr Block 3 zurĂŒckziehen.[35][169]
Nach dem Eintreffen des Tsunami fielen um 15:37 Uhr die Notstromgeneratoren wegen Ăberschwemmung aus.[169][32] Alle laufenden KĂŒhlsysteme gingen auĂer Betrieb. Auch die Reaktordaten-Aufzeichnung funktionierte nicht mehr,[171][172] sodass zum weiteren Verlauf nur Notizen und GedĂ€chtnisprotokolle der Kraftwerksmitarbeiter sowie theoretische Ăberlegungen existieren. Die Notstrombatterien waren wegen ĂŒberschwemmter Elektrik â wenn ĂŒberhaupt â nur noch eingeschrĂ€nkt verfĂŒgbar, und die NotkĂŒhlung funktionierte trotz mehrerer, redundanter Systeme nicht mehr oder nur noch zeitweise.[149][39][169] Tepco meldete um 16:36 Uhr und dann nochmals um 17:07 Uhr einen KĂŒhlausfall an die Aufsichtsbehörde.[173]
Der Kraftwerksbetreiber beorderte Notstromgeneratoren aus anderen Kraftwerken nach Fukushima I, die jedoch im Verkehr stecken blieben. Daraufhin bat Tepco den Energieversorger TĆhoku Denryoku um Hilfe und lieĂ von dessen Kraftwerken Generatoren kommen;[42] ebenso von den StreitkrĂ€ften.[40] AuĂerdem wurden Ersatzbatterien per Hubschrauber aus einem vom Erdbeben zerstörten Tepco-Kraftwerk im nahe gelegenen Hirono angefordert.[174][175] Stellenweise behalf man sich mit Autobatterien und mobilen Generatoren, um zumindest einzelne Messwerte ablesen zu können.[36]
Seit dem KĂŒhlausfall gegen 17 Uhr suchte man auch nach alternativen Methoden zum Einleiten von KĂŒhlwasser. Mitarbeiter begaben sich in das dunkle ReaktorgebĂ€ude, öffneten von Hand Ventile und nahmen die dieselbetriebene Pumpe des Feuerlöschsystems (fire pump) in Betrieb. Inwieweit damit tatsĂ€chlich Wasser in den Reaktor eingespritzt wurde, ist unklar. Im Leitstand versuchten die Mitarbeiter mit HandbĂŒchern und Herstellerinformationen herauszufinden, ob und wie eine Druckentlastung des Reaktors bei Stromausfall möglich ist.[36]
Aufgrund der VorgĂ€nge in Block 1 und weiterer Probleme im benachbarten Kernkraftwerk Fukushima II rief die japanische Regierung um 19:03 Uhr einen ânuklearen Notstandâ aus, und die örtlichen Behörden begannen mit der Evakuierung der nĂ€heren Umgebung.[176] Zwei Stunden spĂ€ter trafen die ersten mobilen Stromgeneratoren am Kraftwerk ein, konnten jedoch wegen versperrter Zufahrtswege und zu kurzer Kabel zunĂ€chst nicht angeschlossen werden.[43]
Das Wasser im Reaktor verdampfte weiter und der Wasserstand fiel, aber wegen der fehlenden Datenaufzeichnung ist unklar, wann und auf welchem Weg der Dampf aus dem Druck- in den SicherheitsbehĂ€lter entwich. Einzelne Messdaten aus der folgenden Nacht[177] deuten darauf hin, dass dies frĂŒher oder spĂ€ter durch ein Leck im DruckbehĂ€lter oder den daran anschlieĂenden Rohrleitungen geschah.[177][178]
Die teilweise trocken liegenden Brennelemente ĂŒberhitzten, und die oben beschriebenen ZersetzungsvorgĂ€nge setzten ein. Laut spĂ€terer Untersuchungen begann bereits gegen 19 bis 20 Uhr eine Kernschmelze.[112][12] Das Wasserstands-MessgerĂ€t wurde durch Ăberhitzung dekalibriert.[115][128] Bei einer Kontrolle um 21:19 Uhr zeigte es an, dass der Reaktorkern noch voll mit Wasser bedeckt sei.[36][149] Die KĂŒhlung per Feuerlöschpumpe schien zu funktionieren.
Ab 21 Uhr lieĂen die Behörden mit einer Computersimulation abschĂ€tzen, welche radioaktiven Freisetzungen bei einer Druckentlastung (Venting) des SicherheitsbehĂ€lters, das heiĂt beim Ablassen von Dampf in die Umgebung, entstehen wĂŒrden. Als Zeitpunkt des Ventings wurde 3:30 Uhr am 12. MĂ€rz angenommen.[179] Das System sagte voraus, dass die landseitige Kontamination sich auf das KraftwerksgelĂ€nde beschrĂ€nken und der Nordwestwind die âradioaktive Wolkeâ aufs Meer hinaustragen wĂŒrde.[180]
Gegen 1 Uhr am 12. MĂ€rz ĂŒberschritt der Druck im SicherheitsbehĂ€lter mit 600 Kilopascal (kPa)[177] den zulĂ€ssigen Höchstdruck von 528 kPa (jeweils absolut; die RelativdrĂŒcke zur Ă€uĂeren AtmosphĂ€re sind rund 100 kPa niedriger).[36] Wenige Stunden spĂ€ter erreichte er 840 Kilopascal (kPa), fiel dann aber von alleine wieder auf 750 kPa ab.[177] Vermutlich entwich der Dampf nun an ĂŒberlasteten Dichtungen des SicherheitsbehĂ€lters vorbei in das ReaktorgebĂ€ude, zusammen mit im ĂŒberhitzten Reaktorkern entstandenem Wasserstoff.[156][12] An einer Messstation am westlichen GelĂ€nderand wurde erstmals ein leichter Anstieg der Strahlung (Ortsdosisleistung) festgestellt.[181] Auch im TurbinengebĂ€ude von Block 1 stieg die Strahlung an.[182] Keinem der Verantwortlichen war bewusst, dass sich Wasserstoff auĂerhalb des SicherheitsbehĂ€lters ansammelte.[183]
Der Feuerlöschpumpe war inzwischen der Treibstoff ausgegangen. Es gelang nicht, sie wieder in Betrieb zu nehmen; bei hohem Reaktordruck war sie ohnehin wirkungslos.[36]
Im BĂŒro des Premierministers fand eine Krisensitzung statt. Laut Regierungskreisen drĂ€ngte man Tepco zu einer Druckentlastung des SicherheitsbehĂ€lters von Reaktor 1,[43] wĂ€hrend der Kraftwerksbetreiber nach eigenen Angaben selbst um Erlaubnis zur Druckentlastung bat.[184] So oder so war das Venting nicht ohne weiteres möglich, weil die elektrisch und pneumatisch betĂ€tigten Ventile auĂer Betrieb waren.[43]
Die Strahlung an der GelÀndegrenze stieg schnell weiter an und lag um 4:35 Uhr mit 0,00038 bis 0,00059 Millisievert pro Stunde (mSv/h)[181] beim 10- bis 15-fachen des Normalwertes.[185] Unterdessen begannen 40 Tepco-Arbeiter, von Hand ein 200 Meter langes und eine Tonne schweres Stromkabel von den Generatorwagen zu einem Anschlusspunkt an Block 1/2 zu verlegen.[36]
Ab 5:46 Uhr wurde mit Pumpen des an Block 1/2 stationierten Feuerwehrfahrzeugs[40] SĂŒĂwasser aus vorhandenen Löschwasser-Zisternen in den DruckbehĂ€lter eingespritzt, um den Reaktor notdĂŒrftig zu kĂŒhlen;[169][112] Hydranten und die wesentlich gröĂeren Reinwassertanks waren wegen TsunamischĂ€den unbrauchbar.[40] Der hohe Reaktordruck begrenzte den Wasserdurchfluss.[184] Eine Stunde spĂ€ter wies das Wirtschaftsministerium Tepco an, von Hand die Druckentlastungsventile zu öffnen.[186][176] Die an der GelĂ€ndegrenze gemessene Strahlung hatte sich inzwischen nochmals verzehnfacht.[181]
Gegen 7 Uhr traf Premierminister Naoto Kan mit dem Hubschrauber am Kraftwerk ein â nach offiziellen Aussagen, um eine UnterstĂŒtzung der Bevölkerung in der Region zu signalisieren,[187] nach Zeitungsinformationen jedoch, um Einfluss auf das Krisenmanagement zu nehmen. Kan habe Tepco dazu aufgefordert, ein âSelbstmordkommandoâ von Arbeitern zu bilden, die die manuelle Druckentlastung vornehmen sollten.[188] In dem GebĂ€ude herrschte eine Strahlung von ungefĂ€hr 300 mSv/h,[178] ein fĂŒr Menschen auch bei kurzem Aufenthalt gesundheitsgefĂ€hrlicher Wert.
Kritiker vermuteten spĂ€ter, die Druckentlastung von Reaktor 1 habe sich durch Kans Anwesenheit verzögert.[189][188] Der Kraftwerksleiter gab gegen 8 Uhr â unmittelbar vor Kans Abflug â die Anweisung, das manuelle Venting fĂŒr 9 Uhr vorzubereiten.[36][184]
Um 9:03 Uhr meldeten die Behörden, die Evakuierung der Stadt Ćkuma, auf deren Gebiet sich die Reaktorblöcke 1 bis 4 befinden, sei abgeschlossen. Unmittelbar danach begaben sich mit SchutzanzĂŒgen, Sauerstoffflaschen und Taschenlampen ausgerĂŒstete Arbeiter in das ReaktorgebĂ€ude. Mithilfe eines tragbaren Stromgenerators gelang es ihnen, das erste (elektromotorische) Druckentlastungsventil zu einem Viertel zu öffnen.[36][12] Den Versuch, auch das zweite, pneumatische Ventil am SicherheitsbehĂ€lter zu öffnen, gaben sie wegen zu hoher Strahlung auf.[36]
Ab 10:17 Uhr versuchte man mehrmals, das pneumatische Ventil vom Leitstand aus zu betĂ€tigen.[12] Die MessfĂŒhler im SicherheitsbehĂ€lter zeigten keinen nennenswerten Druckabfall (siehe Grafik), aber die Strahlung an der GelĂ€ndegrenze stieg vorĂŒbergehend von 0,007 auf 0,39 mSv/h an.[190] Gleichzeitig versuchte Tepco, einen tragbaren Kompressor aufzutreiben, um damit an anderer Stelle ein leichter zugĂ€ngliches, gröĂeres pneumatisches Ventil zu öffnen.[36]
Gegen Mittag zeigten die defekten Wasserstandsmesser an, dass die BrennstÀbe im Reaktorkern zur HÀlfte trocken liegen, und die NISA warnte, dass möglicherweise eine Kernschmelze begonnen habe.[175]
Gegen 14 Uhr gelang es den Arbeitern dann, das zweite pneumatische Ventil per Kompressor zu öffnen.[36] Tepco meldete um 14:30 Uhr, dass die Druckentlastung erfolgreich gewesen sei.[13] Um 14:49 Uhr wurde in der Umgebung von Block 1 radioaktives Caesium nachgewiesen.[191] Um 15:01 Uhr zeigte die stĂŒndlich aktualisierte Tepco-Webcam erstmals einen Dampfaustritt aus dem Schornstein an Block 1/2,[192] und um 15:29 Uhr ĂŒberschritt die Strahlung an der GelĂ€ndegrenze mit 1,0 mSv/h[175] den zulĂ€ssigen Grenzwert von 0,5 mSv/h.[193][194]
Gegen 14:50 Uhr waren die SĂŒĂwasservorrĂ€te erschöpft.[112][12] Nach eigenen Angaben hatte Tepco Vorbereitungen getroffen, um schnell von SĂŒĂ- auf Meerwassereinleitung umzustellen; um 15:18 Uhr hĂ€tte man damit beginnen können. Dies verzögerte sich jedoch durch Kommunikationsprobleme zwischen Kraftwerksbetreiber, Aufsichtsbehörde, Regierungsstellen und Premierminister und/oder wegen technischer Bedenken des Premierministers um mehrere Stunden.[195][196][197] (SpĂ€ter heiĂt es in einem NISA-Bericht, es habe âkein Zögernâ beim Einsatz von Meerwasser gegeben.[40]) DafĂŒr gelang nun der Anschluss des schweren Stromkabels an den Verteiler von Block 1/2.[198]
Gegen 15:30 Uhr[199] versuchten Arbeiter, eine Pumpe zum Einspeisen von boriertem Wasser in den Reaktor (SLC-Pumpe) mit Strom zu versorgen.[36] In diesem Moment ereignete sich zwischen SicherheitsbehĂ€lter und AuĂenhĂŒlle des ReaktorgebĂ€udes eine Knallgasexplosion (Wasserstoffexplosion), bei der der obere Teil der AuĂenverkleidung des Reaktorblocks weggesprengt wurde.[200] Videoaufnahmen zeigen einen schnellen, kaum sichtbaren ExplosionsstoĂ nach oben, und dann eine sich mehr horizontal als vertikal ausbreitende Rauchwolke um das ReaktorgebĂ€ude.[201] Die Explosion verletzte vier Arbeiter vor Ort,[202] kappte die erst vor einer halben Stunde fertiggestellte Stromleitung und beschĂ€digte vorbereitete SchlĂ€uche zum Einleiten von Meerwasser.[36] Die Sicherungsarbeiten wurden fĂŒr zwei Stunden unterbrochen.[198]
Zum Explosionszeitpunkt herrschte am Kraftwerk SĂŒdostwind. Eine mobile Strahlungsmessstation an der nordwestlichen, landseitigen GelĂ€ndegrenze zeigte um 15:29 Uhr einen plötzlichen, kurzen Anstieg von 140 auf 1015 Millisievert pro Stunde.[190]
Die Regierung gab bekannt, der SicherheitsbehĂ€lter des Reaktors sei nicht beschĂ€digt worden.[203] SpĂ€ter zeigte sie sich ĂŒberrascht: Niemand hĂ€tte sie vorher darĂŒber informiert, dass das Venting in einer Explosion des ReaktorgebĂ€udes enden könnte. Tepco wies darauf hin, dass der Wasserstoff normalerweise im SicherheitsbehĂ€lter abgebaut werde;[204] mit einer Explosion habe niemand gerechnet.[205]
Die japanischen Behörden vermuteten ab zirka 17 Uhr aufgrund der erhöhten Caesiumwerte eine Kernschmelze.[206] Die Behörden bereiteten die Verteilung von Jodtabletten vor[207][208] und weiteten den Evakuierungsradius um das Kraftwerk auf 20 Kilometer aus.[209]
Inzwischen waren in Block 1 alle Messinstrumente fĂŒr den Reaktorzustand (Druck, Temperatur, Wasserstand) ausgefallen.[149] Anscheinend waren die Notstrombatterien nun vollends erschöpft.
Um 19:04 Uhr begann Tepco mit dem Einleiten von Meerwasser in den Reaktor und informierte die NISA. Da man jedoch keine BestĂ€tigung vom Premierminister erhielt, entschied Tepco gegen 19:30 Uhr, das Wassereinpumpen zu unterbrechen. Der Leiter des Kraftwerks ignorierte die Anweisung und setzte die notdĂŒrftige ReaktorkĂŒhlung fort.[195] Eine offizielle Freigabe durch den Premierminister und die NISA erfolgte erst gegen 20 Uhr.[176] SpĂ€ter hieĂ es, das Wirtschaftsministerium habe die Erlaubnis bereits gegen 18 Uhr erteilt.[12]
Ab 20:45 Uhr wurde dem KĂŒhlwasser BorsĂ€ure hinzugefĂŒgt, um das Risiko einer KritikalitĂ€t zu verringern. Um 22:15 Uhr musste die MeerwasserkĂŒhlung fĂŒr einige Stunden wegen eines Nachbebens unterbrochen werden.[59][175] Die eingespeiste Wassermenge schwankte in den folgenden Tagen zwischen 2 und 20 Kubikmeter pro Stunde.[12]
Am 13. MĂ€rz gelang es endlich, eine Notstromversorgung durch die mobilen Generatoren herzustellen.[210] Die MessgerĂ€te lieferten wieder Informationen zum Reaktorstatus,[149] aber die KĂŒhlsysteme blieben auĂer Betrieb.
Die defekten WasserstandsmessgerĂ€te zeigten in den nĂ€chsten Tagen und Wochen weiterhin an, dass die Brennelemente (oder deren Ăberreste) zur HĂ€lfte mit Wasser bedeckt seien.[149] Scheinbar war es gelungen, den Wasserstand via Feuerlöschleitung zu stabilisieren. Hin und wieder musste die Wassereinspeisung nochmals fĂŒr einige Stunden unterbrochen werden, weil das GelĂ€nde wegen kritischer Situationen an Reaktorblock 3 evakuiert wurde, wegen weiterer Erdbeben oder um kleinere Defekte am Pumpsystem zu beheben.[98]
Man war sich nun weitgehend einig darĂŒber, dass in Block 1 eine Kernschmelze stattfand; auch Regierungssprecher Yukio Edano bestĂ€tigte dies offiziell.[211] Aufgrund von Strahlungsmesswerten im Reaktor vom 15. MĂ€rz schĂ€tzte Tepco, dass bereits 70 Prozent der BrennstĂ€be beschĂ€digt seien.[212] Sechs Wochen spĂ€ter wurde diese Zahl dann â immer noch auf Grundlage der Messungen vom 15. MĂ€rz â auf 55 Prozent nach unten korrigiert, weil man sich anfangs verrechnet hatte,[213] und weitere zweieinhalb Wochen spĂ€ter auf 100 Prozent nach oben.[112]
Mit der BehelfskĂŒhlung gelang es nicht, den Reaktorkern zu stabilisieren. Am Morgen des 16. MĂ€rz traten groĂe Mengen an Dampf aus dem ReaktorgebĂ€ude aus,[214] wĂ€hrend die Strahlung auf dem GelĂ€nde stark anstieg. In den folgenden Tagen stieg die AktivitĂ€t in Reaktor 1 wieder an.[149] Die Temperatur am DruckbehĂ€lter erreichte am 22. MĂ€rz vorĂŒbergehend einen Höchstwert von 383 °C, oberhalb der maximal vorgesehenen Betriebstemperatur von 300 °C.[149]
Am 20. MĂ€rz wurde Block 1 ĂŒber einen neuen Stromverteiler (der alte stand im Keller des Turbinenhauses unter Wasser) wieder an die externe Stromversorgung angeschlossen,[215] und am 24. MĂ€rz die Beleuchtung im Leitstand wieder hergestellt.[51] Der GroĂteil der elektrischen Systeme blieb aber ohne Funktion.[63]
Erst am 23. MĂ€rz stellte Tepco die Wassereinspeisung in den DruckbehĂ€lter auf eine andere Zugangsleitung (Speisewasser- statt Feuerlösch-/KernsprĂŒhleitung) und stĂ€rkere Pumpen um, so dass man die Wassermenge von 50 auf 170 Kubikmeter pro Tag erhöhen konnte.[216][149] Auch dies genĂŒgte anscheinend nicht, um den Reaktor in den Griff zu bekommen: Die Strahlungsmesswerte des DruckbehĂ€lters stiegen bis zum 1. April wieder auf einen neuen Höchstwert an. Möglicherweise schrĂ€nkten Salzablagerungen den Fluss des KĂŒhlwassers ein.[46]
Am 31. MĂ€rz wurde erstmals seit dem Stromausfall auch das Abklingbecken von Block 1 gekĂŒhlt: Eine Autobetonpumpe sprĂŒhte 90 Tonnen Wasser darauf.[98] Es ist unklar, wieviel von dem Wasser im Becken ankam, aber laut spĂ€terer Untersuchungen sank der Wasserstand zu keinem Zeitpunkt in einen kritischen Bereich.[36]
Im April schien Reaktor 1 als einziger weiter instabil zu sein: Die MessgerĂ€te zeigten den ganzen April ĂŒber einen stetigen und unkontrollierten Druckanstieg im DruckbehĂ€lter an (siehe Grafik; erst zwei Monate spĂ€ter stellte man fest, dass auch die Drucksensoren defekt waren und zu viel anzeigten[217]). Der Reaktorkern produzierte vermutlich weiterhin Wasserstoff. Nach RĂŒcksprache mit dem Wirtschaftsministerium fĂŒllte Tepco den SicherheitsbehĂ€lter mit Stickstoff auf, um einer möglichen Knallgasexplosion vorzubeugen.[218][219]
Am 8. April zeigte der Strahlungssensor im DruckbehÀlter von Block 1 einen extremen Anstieg; am nachfolgenden Tag fiel er aus. Zwei Wochen spÀter stieg das VerhÀltnis aus Iod-131- und Caesium-137-Konzentration im Meerwasserkanal des benachbarten und baulich verbundenen Blocks 2 stark an.
Am 21. April meldete die Nachrichtenagentur Kyodo News, dass nach Aussage eines Tepco-Offiziellen in Reaktor 1 (erneut oder immer noch) eine Kernschmelze in Gang sein könnte.[220]
Der Kraftwerksbetreiber hatte Bedenken, dass die Situation bei einer ungeplanten Unterbrechung der BehelfskĂŒhlung weiter auĂer Kontrolle geraten könnte,[164] und wollte die eingespeiste Wassermenge erhöhen, um mit dem ĂŒberschĂŒssigen Wasser den Sicherheits- und den DruckbehĂ€lter aufzufĂŒllen und den Reaktor dadurch zuverlĂ€ssiger zu kĂŒhlen.[1][164] ZusĂ€tzlich sollte ein neuer, stabilerer und geschlossener KĂŒhlkreislauf installiert werden.[221]
Zur Vorbereitung der geplanten Arbeiten â Tepco veröffentlichte dafĂŒr eine Roadmap[222] â wurde die Luft im GebĂ€ude mit speziellen LuftfiltergerĂ€ten dekontaminiert.[222] AnschlieĂend kalibrierte man die WasserstandsmessgerĂ€te fĂŒr den DruckbehĂ€lter neu und stellte fest, dass der Bereich des Reaktorkerns, in dem sich die Brennelemente vor der Schmelze befunden hatten, nicht etwa halb, sondern gar nicht unter Wasser stand. Offenbar waren sowohl der Druck- als auch der SicherheitsbehĂ€lter beschĂ€digt, und erhebliche Mengen an KĂŒhlwasser liefen aus dem Reaktor. Die geplanten neuen KĂŒhlmaĂnahmen wurden durch den undichten SicherheitsbehĂ€lter hinfĂ€llig.[115][223][112] Das Untergeschoss des ReaktorgebĂ€udes, in dem sich die Kondensationskammer befindet, war mit schĂ€tzungsweise 5.000 Tonnen an radioaktivem Abwasser zur HĂ€lfte aufgefĂŒllt.[165][224][225]
Die Kernschmelzenmeldung vom 21. April wurde nicht bestĂ€tigt. Man ging jetzt davon aus, dass sich die Ăberreste des Reaktorkerns teils im Druck- und teils im SicherheitsbehĂ€lter befanden und dort gekĂŒhlt wurden.[12]
Die KĂŒhlung des Abklingbeckens wurde Ende Mai von Betonpumpe auf eine direkte Leitung umgestellt[226] und im August auf einen geschlossenen Kreislauf.[227] Zur ReaktorkĂŒhlung diente ab Ende Juni wiedergewonnenes Abwasser,[228] sodass ein indirekter KĂŒhlkreislauf als Ersatz fĂŒr das nicht mehr realisierbare geschlossene KĂŒhlsystem entstand.
Als Absicherung gegen radioaktive Emissionen und eintretendes Regenwasser wurde eine SchutzhĂŒlle um das ReaktorgebĂ€ude errichtet, bestehend aus einem StahlgerĂŒst, PVC-beschichteten Polyestergewebe-Planen und einem aufwĂ€ndigen LĂŒftungssystem (Fertigstellung im Oktober 2011). Das Dach der HĂŒlle kann bei Bedarf geöffnet werden.[229][230]
Am 19. August fiel die Reaktortemperatur in Block 1 erstmals an allen MessfĂŒhlern unter 100 °C.[231]
In Rohren am Reaktor wurden hohe Wasserstoffkonzentrationen von 61 bis 63 Prozent entdeckt. Vermutlich handelte es sich um Reste aus der Anfangsphase der UnfÀlle.[232] Der Wasserstoff wurde durch Einpumpen von Stickstoff ausgetrieben.[233]
Neue Tepco-Simulationsrechnungen im November ergaben, dass der GroĂteil des geschmolzenen Brennstoffs in Reaktor 1 den DruckbehĂ€lter verlassen und sich auf dem Boden des SicherheitsbehĂ€lters (Nr. 13 in der Abbildung oben) angesammelt hatte. Der Betonboden könne bis zu 65 Zentimeter tief erodiert sein. Zwischen Brennstoff und der Stahlummantelung des SicherheitsbehĂ€lters (Nr. 19) bliebe demnach noch eine Betonschicht von mindestens 37 Zentimetern. Darunter befindet sich eine weitere, mehrere Meter dicke Betonschicht (Nr. 20). Man geht davon aus, dass durch die durchgefĂŒhrten KĂŒhlmaĂnahmen eine weitere Korrosion des Betons gestoppt sei.[234]
Auch Block 2 wurde am 11. MĂ€rz um 14:46 Uhr (Ortszeit) automatisch heruntergefahren und zunĂ€chst mit Notstrom aus seinen beiden Dieselgeneratoren versorgt. Um im Reaktor verdampfendes Wasser weiterhin nachzufĂŒllen, schalteten die Arbeiter im Leitstand eines von zwei dampfbetriebenen NotkĂŒhlsystemen ein (das RCIC-System, Reactor Core Isolation Cooling; etwa: KĂŒhlung des Reaktors im isolierten Betrieb).[36]
Um 15:37 und 15:41 Uhr[235] fielen die Generatoren durch Ăberschwemmung aus,[31] und dadurch auch die elektrischen KĂŒhlwasserpumpen fĂŒr das Abklingbecken und die Reaktor-Kondensationskammer. Auch Teile der Batterie-Notstromversorgung versagten wegen TsunamischĂ€den.[36]
Um 16:36 Uhr meldete Tepco an die Aufsichtsbehörde, dass die Wassereinspritzung in den Reaktor â also die NotkĂŒhlung â nicht mehr sichergestellt sei.[173] Das dampfbetriebene KĂŒhlsystem war zwar unabhĂ€ngig von den Generatoren, aber wegen des Stromausfalls hatten die RCIC-Zustandsanzeige und das MessgerĂ€t fĂŒr den KĂŒhlwasserstand versagt. Am 12. MĂ€rz wurden sie mit einer provisorischen Stromversorgung wieder in Betrieb genommen.[198][236] Der Wasserstand war etwas verringert, aber stabil.[237] Die DrĂŒcke im Reaktor lagen im Normalbereich.[177] Trotzdem wurden gegen Mittag mehrere Druckentlastungen des SicherheitsbehĂ€lters versucht, die mangels Ăberdruck ohne Ergebnis waren.[36] WĂ€hrenddessen explodierte das Dach des nördlich benachbarten ReaktorgebĂ€udes 1.
Es folgten weiter wechselnde Meldungen auf der Tepco-Website zum Zustand der KĂŒhlung. Um 20 Uhr funktionierte sie angeblich nicht mehr;[238][149] am Morgen des 13. MĂ€rz um 9 Uhr hieĂ es dann, das RCIC-System sei in Betrieb.[239] Auch die spĂ€ter veröffentlichten Aufzeichnungen der Mitarbeiter sind widersprĂŒchlich. Es gab wohl nach wie vor Probleme mit der Messung des Wasserstandes.[12] Sicherheitshalber bereitete Tepco die Einspeisung von Meerwasser vor.[198]
Um 11 Uhr wurde erneut eine Druckentlastung des SicherheitsbehĂ€lters eingeleitet.[176][240] Zwischen 14 und 17 Uhr ging der Druck im SicherheitsbehĂ€lter etwas zurĂŒck.[177] Gegen 14 Uhr gelang auch der Anschluss mobiler Stromgeneratoren, sodass laut NISA der weitere Betrieb des NotkĂŒhlsystems gesichert war.[241]
Am 14. MĂ€rz um 11 Uhr explodierte auch das sĂŒdlich benachbarte ReaktorgebĂ€ude 3 und beschĂ€digte bereitstehende GerĂ€te zum Einpumpen von Meerwasser in Reaktor 2.[36] Unmittelbar nach der Explosion öffnete man sicherheitshalber die Ausblasklappe (blow out panel) von ReaktorgebĂ€ude 2,[176] um eine Wasserstoffansammlung wie in den Blöcken 1 und 3 zu verhindern. UngefĂ€hr zu dieser Zeit fiel auch in Block 2 tatsĂ€chlich die KĂŒhlung aus.[149] Möglicherweise hatte die auĂerordentlich heftige Explosion von Block 3 weitere SchĂ€den in Block 2 verursacht.[242][59] Um 13:18 Uhr â der Wasserspiegel im ReaktordruckbehĂ€lter war bereits um etwa einen Meter gefallen, lag aber noch oberhalb der Brennelemente â meldete Tepco den KĂŒhlausfall an die Aufsichtsbehörde.[243] Das zweite dampfbetriebene NotkĂŒhlsystem, das in solchen FĂ€llen normalerweise aktiv wird, blieb abgeschaltet.
Die Einleitung von Meerwasser wurde erneut vorbereitet, musste aber wegen eines Nachbebens von 15 bis 16 Uhr unterbrochen werden. Gegen 16:30 Uhr war die Feuerwehrpumpe einsatzbereit, aber zunĂ€chst musste der Druck im DruckbehĂ€lter gesenkt werden.[198] Die Arbeiter brachten Autobatterien aus ihren Fahrzeugen in den Leitstand und versuchten, damit die Ăberdruckventile zu betĂ€tigen.[36] Sie lieĂen sich jedoch nicht öffnen,[59][244] weil man versehentlich ein LuftstrommessgerĂ€t abgeschaltet hatte.[245] Mehrere Stunden lang versuchte Tepco erfolglos, Dampf aus dem DruckbehĂ€lter abzulassen, um dann anschlieĂend auch den SicherheitsbehĂ€lter zu entlĂŒften.[246]
Der Wasserstand fiel weiter. Gegen 17 Uhr lagen die Brennelemente teilweise frei und ab 18 Uhr vollstĂ€ndig.[149] Zu diesem Zeitpunkt gelang es endlich, die Druckentlastungsventile zu öffnen. Es dauerte eine Stunde, den Druck hinreichend zu senken. Zwischenzeitlich ging der Feuerwehrpumpe, die wegen der hohen Strahlung auf dem GelĂ€nde nicht stĂ€ndig ĂŒberwacht wurde, der Treibstoff aus.[36] So verging noch fast eine weitere Stunde, bis die Wassereinspritzung beginnen konnte[247][149] â zu spĂ€t: Die Kernschmelze war zu diesem Zeitpunkt bereits in Gang.[113] Trotz weiterer Druckentlastungsversuche â das pneumatische Venting-Ventil schloss sich immer wieder von alleine â stieg der Druck im SicherheitsbehĂ€lter stark an und erreichte gegen Mitternacht etwa 750 Kilopascal.[36][149]
Das Wasserstands-MessgerĂ€t zeigte jetzt und auch in den kommenden Tagen und Wochen an, dass die Brennelemente zur HĂ€lfte mit Wasser bedeckt seien.[149] Erst zwei Monate spĂ€ter â nach dem Kalibrieren des MessgerĂ€ts in Block 1 â wurde klar, dass auch das GerĂ€t in Block 2 (und 3) die ganze Zeit ĂŒber zu viel angezeigt haben könnte.[68] Ăhnlich wie am 12. MĂ€rz in Block 1 versagten vermutlich Dichtungen des SicherheitsbehĂ€lters, und es gelangte Wasserstoff in das ReaktorgebĂ€ude.[12]
Laut spĂ€ter veröffentlichter Berichte von NISA[248] und JAIF[249] wurde gegen Mitternacht (zum 15. MĂ€rz) Dampf aus dem SicherheitsbehĂ€lter in die Umgebung abgelassen. Der MessfĂŒhler zeigte aber keinen Druckabfall. Es blieb weiter bei 750 kPa,[149] bis gegen 6:10 Uhr ein lauter Knall aus Richtung der Kondensationskammer unter dem Reaktor zu vernehmen war (âan abnormal noise began emanating from nearby Pressure Suppression Chamberâ laut Tepco[250]). Die NISA sprach von einem âExplosionsgerĂ€uschâ[176] und einer Wasserstoffexplosion im Raum unter dem Reaktor, in dem sich die Kondensationskammer befindet;[12] spĂ€ter auch von einem âgroĂen, impulsiven GerĂ€uschâ und einem âgroĂen EinschlaggerĂ€uschâ (big impact sound).[36] Der Druck in der Kammer fiel plötzlich ab;[177] offenbar wurde sie beschĂ€digt.[20] Auch im Dachbereich des ReaktorgebĂ€udes[36] und im angeschlossenen AbfallverarbeitungsgebĂ€ude wurden SchĂ€den festgestellt.[12] Tepco bestreitet bislang, dass eine Explosion stattfand und vermutet, dass es sich um eine Verwechslung mit der in etwa zeitgleichen Explosion in Block 4 handelt (Stand: November 2011).[251]
Die Strahlenbelastung auf dem GelĂ€nde stieg stark an, was auch mit der Explosion in Block 4 zusammenhĂ€ngen kann. An der GelĂ€ndegrenze wurden vorĂŒbergehend Dosisleistungen von bis zu 12 Millisievert pro Stunde (mSv/h) gemessen.[175] Am ReaktorgebĂ€ude 4 lagen die Messwerte bei 100 mSv/h und am benachbarten Block 3 bei 400 mSv/h.[250] Wegen der Strahlungsrisiken reduzierte Tepco die Zahl der Mitarbeiter auf dem GelĂ€nde von rund 800 auf 50.
Um 10:30 Uhr wies Wirtschaftsminister Banri Kaieda Tepco an, bei Reaktor 2 sofort Wasser in den DruckbehĂ€lter einzuspritzen und Druck aus dem SicherheitsbehĂ€lter abzulassen.[176] Nachdem der SicherheitsbehĂ€lter 2 sich inzwischen von alleine entlĂŒftete und die Wassereinspeisung seit 14 Stunden stattfand, kam diese Anweisung spĂ€t.
Am Abend fiel der Ăberdruck im DruckbehĂ€lter auf Null,[177] was auf einen gröĂeren Schaden hindeutet.
Satellitenfotos vom 16. MÀrz zeigen, wie aus der Ausblasklappe auf der Ostseite des ReaktorgebÀudes Dampf austrat. Dieser war auch in den folgenden Tagen weiter zu beobachten.[252]
Anhand der Strahlungsmesswerte im SicherheitsbehÀlter schÀtzte Tepco, dass die BrennstÀbe von Block 2 zu einem Drittel beschÀdigt seien.[253] Diese SchÀtzung erwies sich spÀter als viel zu niedrig.[113]
Bis zum 17. MĂ€rz weitete sich auch der Schaden an der Kondensationskammer aus; der Ăberdruck in der Kammer fiel ebenfalls auf Null.[149]
Drei Wochen spĂ€ter wurden Informationen der US-Atomaufsichtsbehörde bekannt, nach denen Teile des geschmolzenen Kerns von Reaktor 2 aus dem DruckbehĂ€lter geflossen waren und sich am Boden des SicherheitsbehĂ€lters angesammelt hatten.[254] Strahlungsdaten aus den Kondensationskammern von Block 1 bis 3 (im unteren Bereich der SicherheitsbehĂ€lter) bestĂ€tigten dies: Der Messwert fĂŒr Block 2 war mit 121 Sievert pro Stunde extrem hoch.
Mittlerweile war eine neue Hochspannungsleitung in Arbeit, die als erstes an Block 2 angeschlossen werden sollte.[255] Man hoffte, die regulĂ€ren KĂŒhlsysteme wieder in Betrieb nehmen zu können.[61]
WĂ€hrenddessen begann am 19. MĂ€rz das Einspeisen von Meerwasser ins Abklingbecken. Anders als bei Block 1 musste bei Block 2 auch das Abklingbecken laufend gekĂŒhlt werden, weil sich darin doppelt so viele und âfrischereâ Brennelemente befanden. Jeweils im Abstand von mehreren Tagen wurde das Becken ĂŒber eine vorhandene Leitung wieder mit kaltem Wasser aufgefĂŒllt.[176] So gelang es, die Wassertemperatur bei etwa 50 °C zu stabilisieren.[256] Der Wasserstand sank zu keinem Zeitpunkt in einen kritischen Bereich.[36]
Ebenfalls am 19. MĂ€rz wurde die neue Stromleitung an einem Behelfstransformator an Block 2 angeschlossen, und am nĂ€chsten Tag an einen provisorischen, neuen Stromverteiler.[257][258] Ab dem 26. MĂ€rz gab es wieder eine richtige Beleuchtung im Leitstand. Ein am gleichen Tag veröffentlichtes Foto zeigt drei MĂ€nner in SchutzanzĂŒgen, die auf einzelne Instrumente schauen â in einem Raum voller toter Bildschirme und Warnlampen.[259][260] Die Stromversorgung war wieder hergestellt, aber wie in Block 1 blieben die meisten Systeme ohne Funktion.[63]
Ab dem 26. MĂ€rz wurde auch in Reaktor 2 SĂŒĂwasser statt Meerwasser eingespritzt.[51] Im Untergeschoss des TurbinengebĂ€udes von Block 2 maĂ Tepco eine sehr hohe Strahlung von mehr als 1000 mSv/h an der OberflĂ€che von Wasser, das sich dort angesammelt hatte[261] (1000 mSv/h war das obere Limit der vorhandenen MessgerĂ€te[262]). Am folgenden Tag wurden Ă€hnliche Strahlungswerte auch im Wasser in einem angeschlossenen Wartungstunnel entdeckt.[77] Daraufhin teilte die japanische Regierung am 28. MĂ€rz mit, dass sie von einer vorĂŒbergehenden Teil-Kernschmelze in Reaktor 2 ausgehe.[263]
Am 29. MĂ€rz wurde auch die KĂŒhlung des Abklingbeckens von Meer- auf SĂŒĂwasser umgestellt.[216]
Seit dem 21. MÀrz maà man stark erhöhte Iod- und Caesium-Konzentrationen im Meerwasser am Kraftwerk und suchte nach der Ursache.
Am 2. April entdeckte Tepco dann in einem betonierten Kabelschacht nahe dem Wassereinlass von Block 2[264][265] einen 20 Zentimeter langen Riss, aus dem hoch radioaktiv kontaminiertes Wasser in den Pazifik floss. Ein Versuch, das Leck mit Beton zu verschlieĂen,[266] schlug ebenso fehl[267] wie das Einbringen eines Gemischs aus Superabsorber, SĂ€gemehl und zerkleinertem Zeitungspapier in Verbindungsrohre zum TurbinengebĂ€ude.[268] Am 6. April konnte Tepco das Leck dann mit einem Abdichtmittel auf Wasserglas-Basis verschlieĂen.[269]
Nach Angaben der NISA war der GroĂteil des kontaminierten Wassers in den zwei Tagen nach BeschĂ€digung der Kondensationskammer am 15. MĂ€rz freigesetzt worden, aber geringere Mengen von Wasser flössen auch weiterhin noch aus dem Reaktor[48], von wo sie ĂŒber verschiedene KanĂ€le und SchĂ€chte ins Meer gelangten (siehe Grafik).[265] Erst spĂ€ter wurde klar, dass womöglich auch der DruckbehĂ€lter beschĂ€digt war und von dort laufend gröĂere Mengen an Abwasser austraten.[68]
Am 9. April begann Tepco den Bau einer Stahlwand und dem AufschĂŒtten eines Schlammwalls (âsilt fenceâ) vor dem Wassereinlass von Block 2, um das Meer vor weiterer Kontamination zu schĂŒtzen.[270]
Eine Woche spÀter lagen erste Messwerte zum Wasser im Abklingbecken vor. Sie zeigten eine hohe radioaktive Kontamination[271] (vgl. Tabelle der Wassermesswerte der Abklingbecken), die höchstwahrscheinlich durch den Eintrag von Emissionen des Reaktors entstanden war.[36]
Extrem hoch kontaminiertes Wasser hatte sich auch im Untergeschoss des TurbinengebĂ€udes von Block 2 angesammelt, insgesamt 25.000 Kubikmeter.[272] Tepco begann damit, 10 Kubikmeter pro Stunde ins Abfalllager abzupumpen,[272][273] wĂ€hrend durch die laufenden KĂŒhlmaĂnahmen des Reaktors und des Abklingbeckens stetig neues Abwasser erzeugt wurde. Der Wasserstand im TurbinengebĂ€ude blieb nahezu unverĂ€ndert.[274] Der weitere Austritt des extrem kontaminierten Wassers aus Block 2 ins Meer konnte dagegen durch die Abdichtungs- und EindĂ€mmmaĂnahmen weitgehend gestoppt werden.
Nachdem die Strahlung in der Kondensationskammer unterhalb des Reaktors bis Anfang Mai abgenommen hatte, stieg sie ab dem 3. Mai vorĂŒbergehend auf das Vierfache an. Der geschmolzene Reaktorkern war immer noch in Bewegung.
Weitere Arbeiten im ReaktorgebĂ€ude waren wegen zu hoher Strahlenbelastung kaum möglich, und eine Luftfeuchtigkeit von fast 100 Prozent verhinderte den Einsatz von DekontaminationsgerĂ€ten. Daher erhielt das Abklingbecken einen neuen, geschlossenen KĂŒhlkreislauf, der die Wassertemperatur von 70 auf 40 °C senkte und half, die Luftfeuchte zu verringern.[123][130] AnschlieĂend wurde das GebĂ€ude gelĂŒftet[275] und die Luft weiter dekontaminiert. MessgerĂ€te am Reaktor wurden kalibriert. Eine Erkundung ergab, dass das hoch radioaktive Abwasser sechs Meter hoch im Untergeschoss stand.[276]
Ende Juni begann auch in Block 2 die Einleitung von Stickstoff in den SicherheitsbehÀlter, um möglichen Knallgasexplosionen vorzubeugen.[277]
Um die ReaktorkĂŒhlung zu verbessern, wurde das KĂŒhlwasser ab Mitte September auch ĂŒber das Core Spray System (KernsprĂŒhsystem) eingeleitet.[278][279] Dabei wird das Wasser von oben in den DruckbehĂ€lter und ĂŒber den Reaktorkern gesprĂŒht, anstatt es â wie bei allen anderen KĂŒhlsystemen â seitlich einzupumpen.
Im Abklingbecken-KĂŒhlkreislauf begann Anfang November die Filterung von Caesium, um die extrem hohe Wasserkontamination zu verringern.[280]
Am 27. MÀrz 2012 wurde bei endoskopischen Untersuchungen des SicherheitsbehÀlters festgestellt, dass der Wasserstand aufgrund von Lecks statt bei erwarteten drei Metern bei nur 60 cm liegt. Die Wassertemperatur liege jedoch bei 48,5 - 50°C.[281][282] Die Strahlung im teilweise zerstörten Containment betrÀgt zwischen 30 und 73 Sv pro Stunde.[283]
Zum Zeitpunkt des Unfalls war der Reaktorblock 3 im Gegensatz zu Block 1 und 2 auch mit 32 Mischoxid-Brennelementen (von insgesamt 548 Brennelementen) bestĂŒckt, die eine Mischung aus Urandioxid und Plutoniumdioxid enthalten. Plutonium ist giftig und durch seine Strahlenwirkung schon in geringen Mengen stark krebserregend. Im Abklingbecken befanden sich nur konventionelle Uran-Brennelemente.
Auch Block 3 wurde am 11. MĂ€rz um 14:46 wegen des Erdbebens schnellabgeschaltet, und das RCIC-NotkĂŒhlsystem (Reactor Core Isolation Cooling System) ĂŒbernahm planmĂ€Ăig die Wassereinspritzung in den Reaktor. Nach Eintreffen des Tsunami fielen um 15:38 und 15:39 Uhr die beiden Notstromgeneratoren und die elektrischen KĂŒhlwasserpumpen fĂŒr Abklingbecken und Reaktor-Kondensationskammer aus.[154][284] Das dampfbetriebene RCIC-System lief davon unabhĂ€ngig weiter, im Gegensatz zu Block 2 allerdings nur mit halber Leistung.[171][154][284][235] Die Notstrombatterien blieben intakt.[36]
Gegen Mitternacht funktionierte die NotkĂŒhlung nicht mehr richtig; der Wasserstand fiel unter den vorgesehenen Bereich.[154] Am 12. MĂ€rz gegen 11:30 Uhr fiel das RCIC-System aus, und eine Stunde spĂ€ter schaltete sich automatisch das HPCI-System (High Pressure Coolant Injection, engl. fĂŒr Hochdruck-KĂŒhlmitteleinspritzung) ein.[154][12] Dies ist ein wesentlich leistungsfĂ€higeres,[59] ebenfalls dampfbetriebenes NotkĂŒhlsystem, das zum Einsatz kommt, wenn das RCIC-System nicht ausreicht oder versagt. Es kam zu einem starken Druckabfall im DruckbehĂ€lter,[154] was auf ErdbebenschĂ€den an den HPCI-Rohrleitungen hindeutete.[35]
Die Aufsichtsbehörde (NISA) informierte gegen 18 Uhr in einer Pressekonferenz, dass der Wasserstand im Reaktor gefallen sei und dringend etwas dagegen getan werden mĂŒsse.[285] Gegen 21 Uhr begannen Vorbereitungen, um Dampf aus dem SicherheitsbehĂ€lter abzulassen.[36] (Erste NISA-Berichte sprachen irrtĂŒmlich von einer Druckentlastung um 20:41 Uhr.[51])
Am 13. MĂ€rz um 2:44 Uhr fiel die HPCI-NotkĂŒhlung wegen erschöpfter Batterien oder eines zu niedrigen Reaktordrucks aus.[154][36][12] Tepco versuchte ohne Erfolg, das RCIC-System wieder in Betrieb zu nehmen. Um 5:10 Uhr meldete man den vollstĂ€ndigen Ausfall der KĂŒhlung an die Aufsichtsbehörde.[286] Zu diesem Zeitpunkt war der Druck in beiden BehĂ€ltern schon wieder stark angestiegen. Ein Versuch, Wasser mit der stationĂ€ren Diesel-Feuerlöschpumpe des Reaktors einzuspritzen, schlug daher fehl.[36]
Nachdem alle im Kraftwerk verfĂŒgbaren Autobatterien bereits fĂŒr die Rettung von Block 1 und 2 im Einsatz waren, entnahm Tepco nun Batterien aus Fahrzeugen der Einsatzzentrale der Regierung und betĂ€tigte damit vom Leitstand aus die Sicherheitsventile des DruckbehĂ€lters von Reaktor 3. Zuvor hatten Mitarbeiter bereits die Venting-Ventile der SicherheitsbehĂ€lters â Ă€hnlich wie bei Block 1 â manuell geöffnet.[36] Gegen 8:50 Uhr fiel der Druck im DruckbehĂ€lter von ungefĂ€hr 7350 auf 500 Kilopascal (kPa) ab, wĂ€hrend er im SicherheitsbehĂ€lter zunĂ€chst von 470 auf 640 kPa anstieg und anschlieĂend wieder abfiel.[154][177]
Die stĂŒndlich aktualisierte Tepco-Webcam zeigte um 10:00 Uhr einen Dampfaustritt aus dem Schornstein von Block 3/4.[45]
Um 9:08 Uhr begann auch bei Reaktor 3 die BehelfskĂŒhlung durch Einspritzen von Wasser ĂŒber die Feuerlöschleitung. Dabei kam das normalerweise an Block 5/6 stationierte Feuerwehrfahrzeug zum Einsatz. ZunĂ€chst speiste man SĂŒĂwasser aus der Zisterne des Feuerlöschsystems ein und stellte dann auf mit BorsĂ€ure versetztes Meerwasser um.[155][12][198] Die MessgerĂ€te zeigten trotzdem einen weiter fallenden Wasserstand an. Die NISA vermutete, dass die Messanzeige fehlerhaft war, da andere Messwerte fĂŒr eine funktionierende Wassereinspeisung sprachen,[288] wĂ€hrend Regierungssprecher Edano technische Probleme beim Einpumpen erwĂ€hnte.[289] Die 3,70 Meter langen BrennstĂ€be[18] lagen jetzt vermutlich auf gut 3 Metern LĂ€nge trocken[149] und erhitzten sich stark. Edano gab bekannt, dass man von einer Kernschmelze in Block 3 ausgehe und auch hier eine Wasserstoffexplosion fĂŒr möglich halte.[211] SpĂ€tere Untersuchungen bestĂ€tigten, dass um diese Zeit eine Kernschmelze begann.[113][12]
Nachdem sich das pneumatische Druckentlastungsventil von alleine geschlossen hatte, wurde es gegen Mittag erneut manuell mit einem Kompressor geöffnet.[290] Um 13 und 14 Uhr zeigte die Webcam einen Dampfaustritt aus dem Druckentlastungs-Schornstein von Block 3/4.[45] Diese Venting-Operation wurde spÀter noch mehrmals wiederholt.[36]
In der Nacht zum 14. MĂ€rz musste die Wassereinspritzung in den Reaktor mangels Meerwasser in der Sammelgrube unterbrochen werden. Laut NISA fand die Unterbrechung von 1:10 bis 3:20 Uhr statt.[291] Der fĂŒr den DruckbehĂ€lter angezeigte Wasserstand begann jedoch erst kurz nach 3 Uhr zu fallen, wĂ€hrend gleichzeitig der Druck im Druck- und SicherheitsbehĂ€lter anstieg. Die Brennelemente lagen gegen 6 Uhr vermutlich wieder auf drei Metern LĂ€nge trocken,[149] sodass die Kernschmelze fortschreiten konnte.
Um 5:20 Uhr wurde laut spÀterer NISA-Berichte erneut Dampf abgelassen;[291] Strahlungsmesswerte vom GelÀnde deuten eher auf ein Venting zwischen 2 und 5 Uhr hin. Der Druck im SicherheitsbehÀlter nahm jedoch stetig zu und erreichte gegen 7 Uhr rund 500 Kilopascal (kPa). Ab diesem Zeitpunkt wurde wieder ein steigender Wasserspiegel im DruckbehÀlter angezeigt.[149] Die Wasserstandsanzeige stabilisierte sich dann so weit, dass die Brennelemente vermutlich zu 40 Prozent bedeckt waren. Der Druck blieb in den nÀchsten Stunden bei etwa 500 kPa.
Tanklastwagen der StreitkrĂ€fte lieferten am Morgen 35 Tonnen SĂŒĂwasser an und begannen, es in die Wasser-Sammelgrube fĂŒr die ReaktorkĂŒhlung zu fĂŒllen.[36]
Um 11:01 Uhr ereignete sich eine heftige Explosion im ReaktorgebĂ€ude. Videoaufnahmen zeigen einen Feuerball im oberen Bereich und einen dunklen, schnell und senkrecht nach oben aufsteigenden Rauchpilz.[292] Nach Angaben von Tepco wurden bei der Explosion sieben Menschen verletzt.[293] Der Daily Telegraph berichtete von sechs getöteten Mitarbeitern der âJapanese Central Nuclear Biological Chemical Weapon Defence Unitâ,[294] aber diese Meldung blieb unbestĂ€tigt, auch nach dem spĂ€teren AbrĂ€umen der ExplosionstrĂŒmmer.
Anders als bei Block 1 zerstörte die Explosion hier nicht nur den Dachbereich, sondern auch Teile des darunter liegenden Stockwerks.[295] Radioaktive TrĂŒmmer wurden auf das GelĂ€nde geschleudert, in Entfernungen von bis zu eineinhalb Kilometern.[46] Um Block 3 entstanden Hot Spots mit Ortsdosisleistungen von bis zu 1000 Millisievert pro Stunde.[296] Im benachbarten Block 2 wurde vermutlich das KĂŒhlsystem oder dessen Stromversorgung beschĂ€digt, was dort zu einer Kernschmelze mit weitreichenden Folgen bis hin zur Kontamination des Meeres fĂŒhrte. In Block 3 kam es zu einem Ălbrand, der weitere schwere SchĂ€den am ReaktorgebĂ€ude verursachte.[12]
Der amerikanische Nuklear-Ingenieur Arnold Gundersen wies auf die viel gröĂere Kraft und die stĂ€rkere senkrechte Richtung der Block-3-Explosion im Vergleich mit der Wasserstoffexplosion in Block 1 hin. Gundersen vermutete, dass die Explosion in Block 3 auf einem KritikalitĂ€tsstörfall, also einer nuklearen Explosion im Abklingbecken beruhte, die durch eine kleinere Wasserstoffexplosion im ReaktorgebĂ€ude ausgelöst wurde.[297]
Die BehelfskĂŒhlung von Reaktor 3 musste bis zum Abend unterbrochen werden, weil die Explosion die FeuerwehrausrĂŒstung beschĂ€digt hatte.[198] Auch die Wassergrube mit dem frisch angelieferten SĂŒĂwasser war wegen hereingefallenem Schutt unbrauchbar.[36]
Am 15. MÀrz um 10:22 Uhr wurde an Block 3 eine Strahlung von 400 Millisievert pro Stunde (mSv/h) gemessen.[298] Auf Grundlage von Strahlungsmesswerten im Reaktor schÀtze Tepco, dass die BrennstÀbe in Reaktor 3 zu einem Viertel beschÀdigt seien. Diese Zahl wurde spÀter auf 30 Prozent nach oben korrigiert.[213]
Seit dem Morgen des 16. MĂ€rz und auch noch an den nachfolgenden Tagen wurden groĂe Mengen Dampf beobachtet, die aus dem GebĂ€ude aufstiegen.[191][298] Am Reaktorblock 3 wurde immer noch eine Ortsdosisleistung von 400 mSv/h gemessen. Nach 10 Uhr stieg dann der Strahlungswert an der GelĂ€ndegrenze auf bis zu 10 mSv/h an[175] (gleichzeitig traten auch aus Block 1 groĂe Dampfmengen aus[214]). Man befĂŒrchtete einen Schaden am SicherheitsbehĂ€lter und lieĂ den gemeinsamen Leitstand von Block 3 und 4 zwischen 10:45 und 11:30 rĂ€umen. Die Wassereinspritzung in den DruckbehĂ€lter wurde solange unterbrochen.[291]
Vom 15. bis zum 20. MĂ€rz fanden weitere manuelle Druckentlastungen statt.[12]
Neben dem Reaktorkern mussten auch die Brennelemente im Abklingbecken im oberen Bereich des ReaktorgebĂ€udes gekĂŒhlt werden. Es bestand die Gefahr, dass die Explosion Lecks verursacht hatte und dass die Brennelemente mangels KĂŒhlwasser ĂŒberhitzten und Feuer fingen. Die vorhandenen Pumpen konnte man aber nicht nutzen, mangels Stromversorgung oder wegen ExplosionsschĂ€den. Stattdessen griff man zu verzweifelt anmutenden Mitteln: Chinook-Hubschrauber der StreitkrĂ€fte sollten Wasser aus der Luft abwerfen. Der erste Versuch am Abend des 16. MĂ€rz wurde jedoch wegen zu hoher Strahlungsgefahr fĂŒr die Piloten abgebrochen.[299]
Am nĂ€chsten Morgen unternahm man einen zweiten Anlauf. Die Hubschrauber waren diesmal mit Bleiplatten nach unten abgeschirmt und warfen im Vorbeiflug vier Wasserladungen von je 7,5 Tonnen aus LöschbehĂ€ltern auf das ReaktorgebĂ€ude ab.[300][291][301] Videoaufnahmen zeigen, dass der Abwurf wenig treffsicher war und ein GroĂteil des Wassers neben dem Reaktorblock niederging oder bereits in der Luft verdunstete.[302] Statt des geplanten Abwurfs von mehreren dutzend Wasserladungen wurde der Versuch abgebrochen.[303]
Die New York Times war der Ansicht, bei den HubschrauberabwĂŒrfen habe es sich vor allem um eine Demonstration von HandlungsfĂ€higkeit fĂŒr die japanische Bevölkerung und die USA gehandelt. Premierminister Naoto Kan habe danach persönlich mit US-PrĂ€sident Barack Obama telefoniert und ihm vom angeblichen Erfolg der Aktion berichtet.[52]
Nach dem Fehlschlag aus der Luft probierte man es abends vom Boden aus: Ein Wasserwerfer der Bereitschaftspolizei und fĂŒnf Sonderlöschfahrzeuge der japanischen StreitkrĂ€fte spritzten insgesamt etwa 30 Tonnen Wasser auf bzw. in das ReaktorgebĂ€ude.[257] Tepco wertete den Versuch als Erfolg: Es sei Dampf aufgestiegen, also habe man das Abklingbecken getroffen.[304] Daher wurde die KĂŒhlung mit Löschfahrzeugen der StreitkrĂ€fte in den nachfolgenden Tagen fortgesetzt.[291]
Ab dem 20. MĂ€rz beteiligten sich auch vierzehn hinzugezogene Löschfahrzeuge der Sondereinheit Hyper Rescue Unit der Tokioter Feuerwehr an dem Einsatz.[257] Die Menge an aufgesprĂŒhtem Wasser erhöhte sich in den folgenden Tagen auf mehrere hundert Tonnen tĂ€glich.[305]
Am 20. MĂ€rz stieg der Druck in Reaktor 3 nochmals an. VorĂŒbergehend wurden im SicherheitsbehĂ€lter knapp 500 Kilopascal erreicht[149] â angeblich so âwenigâ, dass auf ein erneutes Ablassen von kontaminiertem Dampf verzichtet werden konnte.[306][307] In spĂ€teren Berichten ist aber von einem (letztmaligen) Ăffnen des pneumatischen Druckentlastungsventils gegen 11:25 Uhr die Rede.[12]
Ab dem folgenden Tag um 16 Uhr wurde grauer Rauch beobachtet, der aus den Ăberresten des ReaktorgebĂ€udes aufstieg. Tepco zog seine Mitarbeiter vorĂŒbergehend vom KraftwerksgelĂ€nde ab. Der KĂŒhleinsatz mit Löschfahrzeugen und die Arbeiten an der Stromversorgung an Block 3 wurden unterbrochen.[308][309][310] Die Strahlung an der westlichen GelĂ€ndegrenze stieg um das zehnfache auf 2 Millisievert pro Stunde.[311] Ab 18 Uhr lieĂ die IntensitĂ€t des Rauchs wieder nach, aber ein wenig davon war auch in den folgenden Tagen weiter zu sehen.[295][312]
Am 22. MĂ€rz war Block 3 der erste, dessen Stromversorgung wieder hergestellt wurde; im Leitstand gab es nun wieder eine ordentliche Beleuchtung. Zwei Tage spĂ€ter veröffentlichte Tepco ein Foto, das eine funktionierende Deckenbeleuchtung, aber dunkle Monitore und tote Warnleuchten zeigt. Dazwischen klebt ein Zettel mit der Aufschrift âSBO 3/11 15°39'â, was fĂŒr âstation blackout (Stromausfall) am 11. MĂ€rz um 15:39 Uhrâ stehen könnte.[313][260]
Am 23. und 24. MĂ€rz wurde Meerwasser ĂŒber das regulĂ€re KĂŒhlsystem ins Abklingbecken eingeleitet.[312]
Am 24. MĂ€rz kam es bei zwei Arbeitern, die Stromleitungen im Untergeschoss des TurbinengebĂ€udes von Block 3 verlegt hatten, zu hohen Strahlenbelastungen an den FĂŒĂen, mit Verdacht auf Strahlenverbrennungen.[314] Nachforschungen ergaben, dass sich in dem GebĂ€ude hoch radioaktiv kontaminiertes Wasser angesammelt hatte.[315] Nach Auskunft der NISA handelte es sich dabei offenbar um Wasser aus dem Reaktorkern. NISA-Sprecher Hidehiko Nishiyama sagte, vermutlich sei der SicherheitsbehĂ€lter beschĂ€digt,[316] zog diese Aussage jedoch am gleichen Tag wieder zurĂŒck. Die Ursache des Wasseraustritts sei unklar.[317] Teile des Wassers wurde anschlieĂend in einen weiter oben gelegenen Tank umgepumpt.[318]
Ab dem 25. MĂ€rz wurde die KĂŒhlung des ReaktordruckbehĂ€lters auf SĂŒĂwasser umgestellt.[51] Die WasserbesprĂŒhung des Abklingbeckens ĂŒbernahm an diesem Tag die Feuerwehr von Kawasaki, mit UnterstĂŒtzung der Kollegen aus Tokio.[51] Zwei Tage spĂ€ter hatten die Wasserwerfer dann ausgedient; stattdessen kam eine Autobetonpumpe zum Einsatz, die die Tepco-Mitarbeiter angesichts ihres langen MetallrĂŒssels âElefantâ tauften,[319] spĂ€ter dann âGiraffeâ.[320] Ab dem 29. MĂ€rz wurde SĂŒĂ- statt Meerwasser versprĂŒht.[216]
Ende MĂ€rz ging die Aufsichtsbehörde davon aus, dass der DruckbehĂ€lter des Reaktors undicht sei. Vermutlich wĂŒrden Gase durch ermĂŒdete Ventile, Rohrverbindungen oder Dichtungen aus dem BehĂ€lter entweichen.[67]
Am 12. April wurde der SprĂŒharm der Betonpumpe mit einer Kamera versehen. Nach Beobachtung des Wasserstands schloss Tepco nennenswerte Lecks am Becken aus. Aus weiteren Berechnungen folgte, dass der Wasserstand zu keinem Zeitpunkt in einen kritischen Bereich zu fallen drohte. Die riskanten Hubschrauber- und WasserwerfereinsĂ€tze wĂ€ren demnach nicht nötig gewesen,[36] und die Theorie einer Nuklearexplosion im Abklingbecken nicht mehr haltbar.
Am 26. April stellte Tepco die Wassereinspeisung in das Abklingbecken ein weiteres Mal um. Nun kam wieder eine regulÀre Einspritzleitung zum Einsatz (das fuel pool coolant clean-up system).[321]
Die AktivitĂ€t von Reaktor 3 hatte seit Mitte MĂ€rz stetig abgenommen. Ende April verringerte Tepco die Menge des in den Reaktor eingespeisten Wassers ein wenig. Daraufhin begann die Temperatur am DruckbehĂ€lter, stark anzusteigen (siehe Grafik). Tepco reagierte mit einer um 30 Prozent höheren KĂŒhlwassermenge, was den Temperaturanstieg an einigen Stellen des DruckbehĂ€lters beendete, wĂ€hrend andere Stellen sich weiter erhitzten.[322] Der Kraftwerksbetreiber vermutete, dass Teile des KĂŒhlwassers gar nicht im Reaktor ankamen, sondern durch eine abzweigende Leitung entschwanden, und verdoppelte die Wassermenge unter Zuhilfenahme einer weiteren Zugangsleitung.[323] Damit bekam man die Situation in den Griff; die Reaktortemperatur fiel wieder zurĂŒck in unkritische Bereiche.[324]
Auch bei Block 3 wurden nun sehr hohe Radionuklidkonzentrationen im Wasser des Abklingbeckens festgestellt. Die Iod-131-Konzentration war zu hoch fĂŒr gelagerte Brennelemente. Tepco erklĂ€rte dies damit, dass bei der Explosion am 14. MĂ€rz aus dem Reaktor ausgetretene Stoffe in das Abklingbecken geschleudert worden seien.[119] Da das Becken vollstĂ€ndig mit Schutt bedeckt ist, lĂ€sst sich der Zustand der Brennelemente bislang nicht ĂŒberprĂŒfen[325][36] (Stand: Ende 2011).
Am 11. Mai stellte Tepco fest, dass auch an Block 3 â so wie zuvor schon an Block 2 â hoch kontaminiertes Wasser aus einem Kabelschacht ins Meer floss, offenbar erst seit wenigen Tagen. Das Leck wurde mit Textilmaterial und Beton verschlossen,[326][115] aber Messwerte deuteten auf einen weiteren Abwasseraustritt ins Meer hin.[121] Man versuchte, den Lecks mit dem Abpumpen von Wasser aus dem TurbinengebĂ€ude den Zufluss zu entziehen,[44] aber nach einer Woche war nicht mehr genĂŒgend Platz im Abfalllager vorhanden.[69] Bis zur Inbetriebnahme der Abwasser-Dekontaminationsanlage in der zweiten JunihĂ€lfte behalf man sich mit weiteren Provisorien wie dem Abpumpen in einen Kondenswassertank im Turbinenhaus.[327]
In der Nacht vom 13. zum 14. Juni zeigte die Tepco-Webcam einen heftigen Dampfausbruch aus Block 3.[328]
Ab Ende Mai leitete Tepco zusammen mit dem KĂŒhlwasser auch Hydrazin als Korrosionsschutzmittel in das Abklingbecken ein.[329][124] Im Juni wurde ein neues, geschlossenes KĂŒhlsystem installiert[330] und mit BorsĂ€ure versetztes Wasser eingeleitet. Der pH-Wert des Wassers im Abklingbecken war auf 11,2 gestiegen, vermutlich durch Auflösung von Betonschutt, und das basische Wasser drohte, die aus Aluminium bestehenden Brennelement-Lagergestelle zu zerstören.[331]
Anfang Juli wurde das ReaktorgebĂ€ude dekontaminiert, um anschlieĂend (ab Mitte Juli[332]) Stickstoff in den SicherheitsbehĂ€lter einzuleiten. Das AbrĂ€umen von radioaktivem Schutt ĂŒbernahm ein Roboter.[333]
Um die ReaktorkĂŒhlung weiter zu verbessern, begann Tepco Anfang September mit der Wassereinleitung ĂŒber das Core Spray System (KernsprĂŒhsystem).[334]
Reaktorblock 4 war seit dem 29. November 2010 wegen Instandsetzungsarbeiten an der HĂŒlle des ReaktordruckbehĂ€lters auĂer Betrieb. Daher befanden sich zum Zeitpunkt des Bebens im Inneren des Reaktors keine Brennelemente. Diese lagerten stattdessen im Abklingbecken im Inneren des ReaktorgebĂ€udes, dessen KapazitĂ€t dabei zu 97 Prozent ausgenutzt wurde.[12] Da die Brennelemente erst relativ kurz zuvor in Verwendung waren, produzierten sie besonders viel NachzerfallswĂ€rme.
Wegen Wartungsarbeiten waren auch einer der beiden Notstromgeneratoren und Teile der Reaktordatenaufzeichnung auĂer Betrieb.[12]
Der eine verbliebene Notstromgenerator fiel durch Ăberschwemmung aus und damit auch die KĂŒhlung des Abklingbeckens;[12] die Wassertemperatur stieg an. Bis zum 14. MĂ€rz erreichte sie 84 °C; anschlieĂend fiel das System zur Temperaturmessung aus.[335] Mit weiterer Erhitzung des Beckens begann das KĂŒhlwasser vermutlich zu kochen und zu verdampfen;[336] auĂerdem befĂŒrchtete man einen Wasserverlust durch GebĂ€udeschĂ€den und Lecks nach der Explosion von Block 3. Es bestand die Gefahr, dass die Brennelemente teilweise freilagen und sich so weit erhitzten, dass Wasserstoff freigesetzt werden konnte.[337]
Am 15. MĂ€rz gegen 6 Uhr ereignete sich im ReaktorgebĂ€ude von Block 4 eine Explosion, die den GroĂteil der oberen zwei Geschosse und weitere AuĂenwĂ€nde zerstörte.[12][338] Beobachter wie die IAEO erklĂ€rten dies damit, dass im Abklingbecken Wasserstoff entstanden und als Knallgas explodiert sei.[191][14] SpĂ€ter kamen Tepco und die NISA zu dem Ergebnis, dass wahrscheinlich Wasserstoff aus Block 3 durch verbundene LĂŒftungsrohre nach Block 4 gelangt und dort explodiert war.[12] HierfĂŒr sprachen Videoaufnahmen, die intakte Brennelemente im Abklingbecken zeigten,[339] Wasseranalysen[340] und besonders groĂe SchĂ€den im Bereich der LĂŒftungsrohre.[341]
Nach der Explosion trieben mehrere Stunden lang schwarze Rauchschwaden aus Block 4 gen Westen.[214] Um 9:38 Uhr wurde ein Feuer im dritten Obergeschoss des ReaktorgebĂ€udes gemeldet.[342] Laut IAEO brannte es im Abklingbecken;[14] wahrscheinlicher ist jedoch ein Ălbrand.[343] Die Strahlung auf dem GelĂ€nde stieg vorĂŒbergehend stark an und erreichte an der GelĂ€ndegrenze einen Rekordwert von 12 mSv/h,[175] was auch im Zusammenhang mit der in etwa zeitgleichen, mutmaĂlichen Explosion in Block 2 zusammenhĂ€ngen kann.
Als ein Team der United States Army zusammen mit der Werkfeuerwehr gegen 11 Uhr anrĂŒckte, war der Brand bereits von alleine verloschen.[12]
Die amerikanische Atomaufsichtsbehörde NRC bezeichnete die Situation von Block 4 als die kritischste von allen Blöcken.[344] In den Medien wurde ĂŒber einen möglichen KritikalitĂ€tsstörfall im Abklingbecken spekuliert,[345][346] in dem sich ĂŒber 200 Tonnen Brennelemente befanden. Bei einem solchem Verlauf kann es durch Wiedereinsetzen der nuklearen Kettenreaktion zu einer umfangreichen Freisetzung von radioaktivem Material kommen. Die NRC schĂ€tzt, dass in diesem Fall bis zu 200.000 Menschen durch Strahlung getötet worden wĂ€ren. Zudem wĂ€re Japan in zwei HĂ€lften geteilt worden. Es hĂ€tte einen 50 Kilometer breiten Streifen quer durch Japan gegeben, sodass Menschen nicht mehr von Norden nach SĂŒden gekommen wĂ€ren.[344]
Am Abend des 15. MÀrz wies der Wirtschaftsminister den Kraftwerksbetreiber an, Wasser in das Abklingbecken einzuleiten.[257] Dieser teilte mit, eine Wassereinleitung in das Abklingbecken sei noch nicht möglich.[347][335] Laut Presseberichten waren die Zufahrtswege zu Block 4 versperrt, und eine neue Zufahrt war noch in Arbeit.[348]
Am spĂ€ten Abend stieg die Strahlung auf dem GelĂ€nde erneut stark an. Am nachfolgenden Tag wurde um 5:45 Uhr wieder ein Feuer in Block 4 beobachtet, welches jedoch um 6:15 Uhr nicht mehr nachweisbar war.[349] Auf einem kurz danach aufgenommenen Satellitenfoto fehlen groĂe Teile der HĂŒlle des ReaktorgebĂ€udes. SpĂ€ter veröffentlichte, hochauflösende Fotos zeigen verschieden starke SchĂ€den je nach GebĂ€udeseite und Stockwerk.[9]
Da das Abklingbecken nicht vom Boden aus gekĂŒhlt werden konnte und der Wasserabwurf per Hubschrauber erfolglos war,[303] konzentrierten sich die weiteren Versuche mit Wasserwerfern auf den rauchenden Block 3.[350] Deswegen kam es zu einem Streit zwischen dem Vorsitzenden der US-amerikanischen Atomaufsicht NRC, Gregory Jaczko, und Tepco. Jaczko sagte, dass im Abklingbecken von Block 4 kein Wasser mehr vorhanden sei, wĂ€hrend Tepco behauptete, dass beim Hubschrauber-Vorbeiflug Wasser ausgemacht worden sei.[351][352] US-Experten diskutierten ĂŒber mögliche Lecks.[353][354] Drei Monate spĂ€ter gestand die NRC ein, dass Jaczko sich geirrt hatte.[355]
Am 20. MĂ€rz um 8:21 Uhr begann auch bei Block 4 das Wassereinspritzen ins Abklingbecken mit Hilfe von Löschfahrzeugen der StreitkrĂ€fte.[257] Ab dem 22. MĂ€rz wurde statt der Löschfahrzeuge eine in Deutschland gebaute Autobetonpumpe eingesetzt, um tĂ€glich etwa 150 Tonnen Wasser auf das Becken zu sprĂŒhen.[216][356]
Ab dem 27. MĂ€rz wurde das Abklingbecken nicht mehr tĂ€glich, sondern im Abstand von mehreren Tagen mit Wasser aus der Betonpumpe gekĂŒhlt. Am 30. MĂ€rz wurde von Meer- auf SĂŒĂwasser umgestellt.[216]
Am 13. April veröffentlichte, erste Wasseranalysen aus dem Abklingbecken zeigten ungewöhnliche Konzentrationen von Iod-131, Caesium-134 und Caesium-137 ergeben (siehe Tabelle der Wassermesswerte der Abklingbecken), die durch leichte SchĂ€den an den gelagerten Brennelementen erklĂ€rbar sind.[357][340] Wahrscheinlicher ist jedoch der Eintrag radioaktiver Emissionen aus Block 1 bis 3.[36] Neben der Probenentnahme wurde auch die Wassertemperatur gemessen. Sie belief sich auf 90 °C, weit ĂŒber dem normalen Höchstwert von 40 °C. Bis zu diesem Zeitpunkt waren insgesamt 1.800 Tonnen Wasser auf Reaktorblock 4 gesprĂŒht worden.[358]
Um die Temperatur zu senken, wurde mehr Wasser eingeleitet und damit der Wasserstand (oberhalb der Brennelemente) erhöht. Daraufhin machte Tepco sich Sorgen um die StabilitĂ€t des Beckens, weil die Betonstruktur des ReaktorgebĂ€udes durch eine der Explosionen im MĂ€rz geschwĂ€cht worden war, und reduzierte den Wasserstand wieder.[1] Dies reichte wiederum nicht zur KĂŒhlung aus; daher wurde sie auf eine automatische, temperaturabhĂ€ngige Regelung umgestellt.[359]
Beobachtungen des Wasserstands und weitere Untersuchungen ergaben, dass vermutlich kein nennenswertes Leck vorhanden ist, und dass die Brennelemente zu jedem Zeitpunkt vollstÀndig mit Wasser bedeckt waren.[36]
Ab Mitte Mai injizierte Tepco zusammen mit dem KĂŒhlwasser auch Hydrazin als Korrosionsschutzmittel in das Abklingbecken.[360][361][124] Unter dem Becken wurden betonummantelte SprieĂe zur Stabilisierung eingezogen.[36]
Ende Juli begann die Inbetriebnahme eines neuen KĂŒhlkreislaufs fĂŒr das Abklingbecken.[362]
Die Blöcke 5 und 6 befanden sich wĂ€hrend des Erdbebens wegen Wartungsarbeiten auĂer Betrieb, waren jedoch schon wieder mit KernbrennstĂ€ben bestĂŒckt. In Block 5 fanden gerade Drucktests am ReaktordruckbehĂ€lter statt.[12]
Sowohl fĂŒr die Reaktorkerne als auch fĂŒr die Abklingbecken in den ReaktorgebĂ€uden wurde und wird eine andauernde KĂŒhlung benötigt. Block 6 basiert auf einem neueren, anders aufgebauten Reaktormodell als die ĂŒbrigen Fukushima-I-Blöcke (siehe auch: Daten der Reaktorblöcke).
Von insgesamt fĂŒnf Notstromgeneratoren in den Blöcken 5 und 6 ĂŒberstand einer in Block 6 den Tsunami. Trotzdem fiel in beiden Blöcken die KĂŒhlung der Reaktoren und Abklingbecken aus, weil der Tsunami â wie auch bei Block 1 bis 4 â die Meerwasserpumpen zerstört hatte.[12] In beiden Reaktoren wurden Druckentlastungen der DruckbehĂ€lter vorgenommen; in Block 5 mussten die Ventile dazu mangels Stromversorgung von Hand geöffnet werden. Die Stickstoffeinspeisung in den SicherheitsbehĂ€lter von Reaktor 5 fiel aus und wurde Hand wieder hergestellt.[36]
Ăber diese Probleme wurde zunĂ€chst nichts öffentlich bekannt. Erst am 15. MĂ€rz informierte Regierungssprecher Edano darĂŒber, dass auch in Block 5 und 6 die KĂŒhlung nicht richtig funktioniere.[363] Zu diesem Zeitpunkt hatte man bereits damit begonnen, NotkĂŒhlsysteme beider Reaktoren mit dem Generator von Block 6 zu betreiben. Die ReaktorkĂŒhlung war damit sichergestellt.[12] Die WasserstĂ€nde lagen in einem sicheren Bereich, zwei bis zweieinhalb Meter oberhalb des Reaktorkerns.[364][365]
Die Abklingbecken blieben dagegen zunĂ€chst weiter ungekĂŒhlt. Bis zum 15. MĂ€rz waren die Wassertemperaturen dort bereits aus dem Normalbereich unter 40 °C auf rund 60 °C angestiegen.[366] Am 19. MĂ€rz erreichten sie Höchstwerte von rund 67 °C[367] (siehe auch: Tabelle der Temperaturen in den Abklingbecken von Block 5 und 6).
Am 18. MĂ€rz stiegen Arbeiter auf die DĂ€cher der beiden ReaktorgebĂ€ude und bohrten vorsorglich jeweils drei ca. 3,5 bis 7 Zentimeter groĂe EntlĂŒftungslöcher in die Betondecken, um das Risiko von Knallgasexplosionen zu verringern.[36]
Am 19. MĂ€rz gingen an beiden Blöcken provisorische Ersatz-Meerwasserpumpen in Betrieb, die ebenfalls von dem verbliebenen Dieselgenerator von Block 6 mit Strom versorgt wurden. Damit konnte die regulĂ€re KĂŒhlung fĂŒr die Reaktoren und Abklingbecken wieder hergestellt werden.[12] In beiden Abklingbecken fiel die Wassertemperatur bereits am nĂ€chsten Tag wieder unter 40 °C[368] und pendelte sich anschlieĂend zwischen 20 und 40 °C ein.[369] Beide Blöcke erreichten am 20. MĂ€rz erstmals seit Beginn der StörfĂ€lle wieder den stabilen, abgeschalteten Betriebszustand âkalt, unterkritischâ (âcold shutdownâ),[370] nachdem auch in den Reaktoren die Wassertemperaturen wieder in den Normalbereich gefallen waren.[371]
Am 21. MĂ€rz wurde die Stromversorgung von Block 5 von Not- auf Netzstrom umgestellt, am 22. MĂ€rz folgte Block 6.[369]
Ab dem 4. April pumpte Tepco radioaktiv kontaminiertes Sickerwasser ins Meer, das sich in DrainageschĂ€chten[372] von Block 5 und 6 angesammelt hatte. Durch die ĂŒberfĂŒllte Drainage war bereits Wasser in die GebĂ€ude gelaufen.[25] Nachdem diese Arbeiten am 10. April wegen Protesten der Nachbarstaaten eingestellt worden waren, musste ab Mai regelmĂ€Ăig Wasser aus dem Untergeschoss des Turbinenhauses von Block 6 in provisorische Tanks abgepumpt werden.[94] Von dort bewegte man das Wasser im Juli weiter in einen schwimmenden 10.000-Kubikmeter-Tank auf dem Meer. SpĂ€ter wurden Teile davon dekontaminiert, entsalzt und ab Oktober 2011 auf dem KraftwerksgelĂ€nde versprĂŒht.[373][374]
Das zentrale Abklingbecken befindet sich in einem separaten GebĂ€ude neben dem ReaktorgebĂ€ude 4 und benötigt ebenfalls eine Stromversorgung zur KĂŒhlung. Auch hier gab es Probleme nach dem völligen Stromausfall: Die Temperatur stieg von ungefĂ€hr 30 °C am 11. MĂ€rz[12] ĂŒber 55 °C am 18. MĂ€rz 2011[375] bis auf 73 °C am 24. MĂ€rz,[376] obwohl Tepco zeitweise versuchte, das Becken mit Wasserwerfern zu kĂŒhlen.[377]
Nachdem am 24. MÀrz die Stromversorgung wieder hergestellt werden konnte,[378] sank die Temperatur bis zum 27. MÀrz unter 40 °C,[176] fiel in den nachfolgenden Tagen weiter und pendelte sich wieder um 30 °C ein.[379][380]
Eine Analyse des Wassers im Becken ergab am 14. Mai 2011 erhöhte Caesium-Konzentrationen.
Durch das Erdbeben wurden laut NISA fĂŒnf Mitarbeiter leicht verletzt. Ein weiterer brach sich beide Beine und einer erlitt einen Herzinfarkt. Zwei Personen wurden danach vermisst und drei Wochen spĂ€ter im Keller eines Turbinenhauses tot aufgefunden.[381]
Die Explosion des ReaktorgebÀudes 1 am 12. MÀrz und der dabei entstandene Rauch verletzten laut NISA vier Personen leicht. Ein weiterer Mitarbeiter erlitt an diesem Tag einen Schlaganfall.[381]
Durch die Explosion in Reaktorblock 3 am ĂŒbernĂ€chsten Tag wurden nach NISA-Angaben elf Personen leicht verletzt, darunter vier Mitglieder der StreitkrĂ€fte.[381] Ein Bericht des Daily Telegraphs, bei der Explosion seien sechs Mitarbeiter der Japanese Central Nuclear Biological Chemical Weapon Defence Unit unter den TrĂŒmmern begraben worden,[294] blieb unbestĂ€tigt.
In der nachfolgenden Zeit meldete die NISA verschiedene, ĂŒberwiegend kleinere Verletzungen und Erkrankungen, die mit Arzt- oder Krankenhausbesuchen verbunden waren: Mehreren Arbeitern wurde unter den Atemschutzmasken unwohl, einer stolperte daher und verletzte sich am Knie, einer erlitt eine Augenverletzung durch austretendes KĂŒhlwasser an einer Betonpumpe, und ein anderer verletzte sich beim Fall von einer Leiter.[381]
Am 14. Mai wurde ein 60-jĂ€hriger Arbeiter beim Tragen von Material im AbfallentsorgungsgebĂ€ude bewusstlos und verstarb. Eine radioaktive Kontamination lag nicht vor;[382] die Ărzte vermuteten einen Herzinfarkt.[383]
Nach Informationen der Tagesschau wurden bis zum 16. MĂ€rz mindestens 20 Arbeiter âverstrahltâ.[384] Wie spĂ€ter bekannt wurde, erhielt auĂerdem eine Frau eine Strahlendosis von rund 18 Millisievert (mSv), bei einem Grenzwert fĂŒr Frauen von 5 mSv pro Dreimonatszeitraum.[87] Der Grenzwert fĂŒr mĂ€nnliche Kraftwerksarbeiter in Notfallsituationen war am 15. MĂ€rz von 100 auf 250 mSv pro Jahr heraufgesetzt worden.[385]
Am 24. MĂ€rz ignorierten drei Arbeiter, die Stromleitungen im Untergeschoss des TurbinengebĂ€udes von Reaktorblock 3 verlegten, den Alarm ihrer Dosimeter, und erhielten Strahlenbelastungen von 170 bis 180 Millisievert. Obwohl Tepco bekannt war, dass es an Ă€hnlicher Stelle in Block 1 hoch radioaktives Wasser gab, waren die Arbeiter nicht gewarnt worden.[386][314] Zwei von ihnen trugen keine Schutzstiefel â die Arbeitsvorschriften des zustĂ€ndigen Fremdunternehmens sahen dies nicht vor[387] â und erhielten lokale Strahlendosen an ihren FĂŒĂen von 2 bis 3 Sievert.[381] Eine Untersuchung ergab, dass keine medizinische Behandlung notwendig war; eine Nachuntersuchung am 11. April durch das japanische Nationale Institut fĂŒr Radiologische Wissenschaften war ohne Befund.[381]
Vom 11. bis zum 31. MĂ€rz waren nach Tepco-Angaben 80 eigene Mitarbeiter und 19 von Fremdfirmen Strahlungen und Kontaminationen mit einer Entsprechung von ĂŒber 100 mSv ausgesetzt, davon 14 zwischen 150 und 200 mSv, 4 zwischen 200 und 250 mSv und 6 ĂŒber 250 mSv.[388] Diese Zahlen sind unvollstĂ€ndig, weil in den ersten drei Tagen nach dem Stromausfall die Dosimeterablesung nicht funktionierte[39] und weil es zeitweise an Dosimetern mangelte.[389] Die durchschnittliche Ă€uĂere Belastung von mehreren tausend getesteten Arbeitern gab Tepco mit 13,7 mSv an; fĂŒr die innere Belastung errechnet sich ein Durchschnitt von 8,9 mSv. Diese innere Belastung versteht sich als langfristige Strahlendosis aus den vom Körper aufgenommen Radionukliden.[388] Ein erheblicher Teil davon fiel wegen der hohen Iod-131-Belastung im MĂ€rz kurzfristig an.
Bei zwei der hoch belasteten Arbeiter wurden Iod-131-AktivitĂ€ten in der SchilddrĂŒse von 7690 beziehungsweise 9760 Becquerel festgestellt.[390] Die daraus entstandenen internen Strahlungsbelastungen lagen bei 540 beziehungsweise 590 mSv, die Gesamtdosen bei 643 bzw. 678 mSv.[391] Beide waren wĂ€hrend der ersten drei Unfalltage im gemeinsamen Leitstand von Block 3 und 4 tĂ€tig gewesen und hatten keine Jodtabletten genommen.[392]
Seit April traten laut Tepco keine Belastungen ĂŒber 100 mSv mehr auf und seit August keine Belastungen ĂŒber 50 mSv (Stand: Oktober 2011).[393]
Nach einem Bericht der Mainichi Daily News wurden wĂ€hrend der Evakuierung am 12. MĂ€rz 90 bettlĂ€gerige, komatöse oder anderweitig unselbstĂ€ndige Patienten im Futaba-Krankenhaus in Ćkuma zurĂŒckgelassen. Die HĂ€lfte davon â ĂŒberwiegend Ă€ltere Menschen â verstarb vor, wĂ€hrend oder nach der verspĂ€teten Evakuierung ab dem 15. MĂ€rz.[394]
Die Medien berichteten ĂŒber Suizide, die in Zusammenhang mit der Evakuierung oder den wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe stehen sollen.[395][396]
Bei Aufnahme zusÀtzlicher Strahlungsdosen erhöht sich das statistische Risiko einer Krebserkrankung. Wissenschaftler gehen in ersten SchÀtzungen langfristig von ca. 100 bis 1000 zusÀtzlichen KrebsfÀllen infolge der NuklearunfÀlle aus. Dies entspricht einem um 0,01 bis 0,1 Prozent erhöhten Krebsrisiko in den kontaminierten Gebieten.[397][398] Diese Zahlen könnten zu gering sein, um sie statistisch nachzuweisen.[399]
Durch die Druckentlastungen und BehelfskĂŒhlung der Reaktoren und die Ăberhitzung der Abklingbecken kam es in den ersten Tagen der Unfallserie zu einem massiven Austritt von radioaktivem Material in die AtmosphĂ€re (â siehe auch: GesamtabschĂ€tzungen der Freisetzung in die AtmosphĂ€re). Die Belastung durch radioaktive Partikel und Gase hatte Auswirkungen auf die weitere Umgebung und auf die Rettungsarbeiten nach dem Erdbeben. Gebiete mit besonders hoher radioaktiver Belastung wurden evakuiert.
Der radioaktive Niederschlag kontaminierte landwirtschaftliche Erzeugnisse in den PrĂ€fekturen Fukushima und Ibaraki bis zu einem Vielfachen der gesetzlichen Grenzwerte, weshalb das japanische Gesundheitsministerium Verkaufs- und Verzehrverbote fĂŒr eine Reihe von Nahrungsmitteln erlieĂ.[400] Auch vor dem Trinken von hoch kontaminiertem Leitungswasser wurde gewarnt.[401] Im 250 Kilometer entfernten Tokyo ĂŒberschritt die Belastung des Leitungswassers vorĂŒbergehend die Iod-131-Grenzwerte fĂŒr Kleinkinder.[402]
WĂ€hrend die Strahlungsbelastung in der japanischen PrĂ€fektur Fukushima in der zweiten MĂ€rzhĂ€lfte wieder nachlieĂ, rief die EuropĂ€ische Union einen âradiologischen Notstandâ aus.[403] Dadurch wurden die normalen Grenzwerte fĂŒr radioaktiv kontaminierte Lebensmittel durch höhere Werte ersetzt, die nach der Tschernobyl-Katastrophe fĂŒr solche Situationen festgelegt worden waren.[404][405] Zwei Wochen spĂ€ter setzt die EU die Grenzwerte fĂŒr Japan-Importe wieder herunter.[406]
Im April wurde das Meer in erheblichem MaĂe durch radioaktive Stoffe belastet, teils durch Partikel aus der Luft, vor allem aber durch radioaktive AbwĂ€sser, die durch die laufende KĂŒhlung der Reaktoren und Abklingbecken entstanden und durch Drainagen[25] und SchĂ€chte[407][78] ins Meer abflossen (â siehe auch: GesamtabschĂ€tzungen der Schadstofffreisetzung ins Meer).
Nahe dem Kraftwerk wurden die gesetzlichen Grenzwerte fĂŒr radioaktives Iod und Caesium im Meerwasser vorĂŒbergehend um das 50.000- bis 200.000-fache ĂŒberschritten. Leichte GrenzwertĂŒberschreitungen fĂŒr Iod-131 wurden in Entfernungen bis zu 30 Kilometer vom Kraftwerk nachgewiesen,[24] bei radioaktivem Caesium in bis zu 15 Kilometern.[408] Der Fischfang musste teilweise eingestellt werden.[409] Mit verschiedenen MaĂnahmen konnte der Schadstoffaustritt dann in der zweiten AprilhĂ€lfte auf einen Bruchteil eingedĂ€mmt werden. Die Iod-131-Konzentration des Wassers in KraftwerksnĂ€he lag ab Ende April unter dem gesetzlichen Grenzwert, die Caesium-134- und -137-Konzentration ab Anfang Juni. Die bereits ausgetretenen Schadstoffe sammelten sich jedoch in bedenklichem AusmaĂ in Algen und am Meeresboden an.
Die hauptsĂ€chlich wĂ€hrend der ersten Unfallwochen freigesetzten radioaktiven Stoffe verursachten weitere Kontaminationen in der PrĂ€fektur Fukushima und im Umland. In der Zeit von Mai bis Juli 2011 wurden GrenzwertĂŒberschreitungen bei TeeblĂ€ttern[223] und Bambussprossen festgestellt,[410] bei Viehfutter und bei Rindfleisch.[411] Teile davon waren bereits in den Handel gelangt und verkauft worden.[35][412] Experten gehen davon aus, dass in den besonders stark betroffenen Gebieten im Osten und Nordosten Landwirtschaft auf Jahrzehnte unmöglich sein wird.[344] GefĂ€hrliche RadioaktivitĂ€t wurde auch bei mehreren zehntausend Tonnen KlĂ€rschlamm und mehreren hundert Tonnen Asche aus MĂŒllverbrennungsanlagen gemessen; die Entsorgung stellte Japan vor logistische Probleme.[413][414]
Die Emissionen insbesondere von Caesium-134 und -137 dauern an, in mehrmillionenfach geringerem Ausmaà als wÀhrend der ersten Unfallwoche (Stand: August 2011; siehe Gesamtfreisetzung durch die NuklearunfÀlle von Fukushima). Im Umkreis von 45 Kilometer wurde auch Plutonium gefunden. Die Strahlenbelastung innerhalb der 100km Zone entspricht ungefÀhr der 1000-fachen Menge, wie sie bei den Atombombentests 1963 gemessen wurden.[344] Im Meer vor dem Kraftwerk kann Tepco seit August 2011 keine nennenswerte RadioaktivitÀt mehr nachweisen.
Die siebenstufige Internationale Bewertungsskala fĂŒr nukleare Ereignisse (INES) dient dazu, die Ăffentlichkeit ĂŒber die sicherheitstechnische Bedeutung kerntechnischer Ereignisse zu informieren.[415]
Die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) ordnete die VorfĂ€lle in Reaktorblock 1 am 12. MĂ€rz zunĂ€chst auf Stufe 4 (âUnfallâ) ein.[416] Am 18. MĂ€rz erhöhte sie die Einstufung fĂŒr Block 1 auf Stufe 5 (âernster Unfallâ), wĂ€hlte fĂŒr Block 2 und 3 ebenfalls Stufe 5 und ordnete die VorfĂ€lle in Block 4 vorlĂ€ufig als Stufe 3 (âernster Störfallâ) ein.[417][418]
Das US-amerikanische Institute for Science and International Security (ISIS) ordnete die UnfallablĂ€ufe bereits am 15. MĂ€rz auf Stufe 6 ein.[419] Der von der Umweltschutzorganisation Greenpeace beauftragte Physiker Helmut Hirsch kam eine Woche spĂ€ter aufgrund erster, grober AbschĂ€tzungen der radioaktiven Emissionen durch das Institut de Radioprotection et de SĂ»retĂ© NuclĂ©aire (IRSN)[420] und die Zentralanstalt fĂŒr Meteorologie und Geodynamik (ZAMG)[421] zu einer Einordnung in die Höchststufe 7 (âkatastrophaler Unfallâ),[422] so hoch wie die Katastrophe von Tschernobyl.
Am 12. April 2011 veröffentlichte die NISA eine eigene AbschĂ€tzung der Gesamtmenge an freigesetztem radioaktivem Material, die ungefĂ€hr bei einem Zehntel der Freisetzung von Tschernobyl lag. Anhand dieser SchĂ€tzung stufte sie die UnfĂ€lle in den Reaktorblöcken 1 bis 3 nun vorlĂ€ufig (âtemporarilyâ) als Stufe 7 ein.[2][423] SpĂ€ter korrigierte sie ihre SchĂ€tzung der Emissionen mehrmals, ohne Auswirkungen auf die INES-Einstufung (â Ăbersicht EmissionsschĂ€tzungen).
Die NISA bewertete die VorgÀnge in den einzelnen Reaktorblöcken nach den Kriterien des INES-Benutzerhandbuchs von 2008[424] wie folgt:[2]
| Kriterium | Maximal mögliche Stufe |
Einstufung Block 1, 2 und 3 |
Einstufung Block 4 |
Einstufung Block 5 und 6 |
|---|---|---|---|---|
| 1. Menschen und Umwelt | 7 | Stufe 7 | noch nicht festgelegt | â |
| 2. Strahlungsbarrieren und Anlagenkontrolle | 5 | Stufe 5 | noch nicht festgelegt | â |
| 3. Gestaffelte Sicherheitsebenen | 3 | Stufe 3 | Stufe 3 | â |
| Gesamtwertung (vorlĂ€ufig) | 7 | Stufe 7 | Stufe 3 | â |
FĂŒr Block 4 legte sie das zweite Kriterium noch nicht fest (Stand: 12. April 2011), da der Vorfall noch nicht abgeschlossen sei.[423] FĂŒr die Blöcke 5 und 6 vergab sie keine INES-Einstufung.[2] Die Gesamtbewertung ergibt sich aus der jeweils höchsten Einzelbewertung.[424]
Bei den UnfĂ€llen in Fukushima handelte es sich um auslegungsĂŒberschreitende StörfĂ€lle, das heiĂt um âSuper-GAUsâ.
Die Japanische Atomaufsichtsbehörde (Nuclear and Industrial Safety Agency, NISA) wurde sofort nach Ausbruch des Erdbebens am 11. MĂ€rz 2011 um 14:46 Uhr (Ortszeit) vom Betreiber ĂŒber die Lage informiert. Nach Eintreffen des Tsunami und Ausfall der Notstromaggregate meldete Tepco um 15:42 Uhr erstmals einen nuklearen Notfall (Nuclear Emergency) im Kernkraftwerk Fukushima I. Nachdem weitere Berichte ĂŒber Notfallsituationen aus anderen Kernkraftwerken eintrafen, rief die japanische Regierung am 11. MĂ€rz um 19:03 Uhr den Nuklearen Notfallzustand (State of Nuclear Emergency) aus.[425]
Am 12. MĂ€rz um 17:00 Uhr â eineinhalb Stunden nach der ersten Explosion â meldete Tepco eine ungewöhnliche Erhöhung der Strahlung an der GelĂ€ndegrenze.[51] In den nĂ€chsten Tagen folgten zahlreiche weitere Meldungen zu meldepflichtigen VorfĂ€llen.
Am 11. MĂ€rz um 20:50 Uhr verfĂŒgte die Notfalleinsatzzentrale der PrĂ€fektur Fukushima die Evakuierung der Bevölkerung in einem Radius von zwei Kilometern um den Reaktorblock 1, nachdem dort die KĂŒhlung ausgefallen war. SpĂ€ter lieĂ der Premierminister diesen Radius schrittweise auf drei (11. MĂ€rz um 21:23), zehn (12. MĂ€rz um 5:44) und 20 (12. MĂ€rz um 18:25 Uhr) Kilometer erweitern.[209] Bis zum 13. MĂ€rz wurden etwa 62.000 von 78.000 betroffenen Menschen evakuiert.[426][427]
Weitere 62.000 Bewohner in 20 bis 30 Kilometer vom Kraftwerk entfernten Gebieten sollten nach Anweisung des Premierministers vom 15. MĂ€rz um 11:00 Uhr zunĂ€chst in ihren HĂ€usern bleiben.[209][427] Am 25. MĂ€rz riet die Regierung ihnen dazu, das Gebiet freiwillig zu verlassen; als BegrĂŒndung gab sie VersorgungsengpĂ€sse an.[428]
In den NotunterkĂŒnften, die auch zur Unterbringung von Tsunami-Betroffenen dienten, wurden die Menschen aus der Kontaminationszone teils aus Angst vor Strahlung abgewiesen. Ărzte mussten Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausstellen.[429]
Ab dem 19. MĂ€rz wurde die Stadtverwaltung und gesamte Bevölkerung von Futaba, auf dessen Stadtgebiet sich die Reaktorblöcke 5 und 6 befinden, nach Saitama umgesiedelt[430], wo sie in der Saitama Super Arena untergebracht wurden, und am 30./31. MĂ€rz schlieĂlich etwa 1300 einschlieĂlich der Stadtverwaltung nach Kazo.[431] Hirono zog bis Anfang April nach Ono um. Die Umsiedlung weiterer Orte wurde angeordnet: Katsurao nach Aizubange, Kawauchi und Tomioka nach KĆriyama und Namie nach Nihonmatsu, Naraha nach Aizumisato, sowie Ćkuma, zu dem die Kraftwerksblöcke 1 bis 4 gehören, nach Aizu-Wakamatsu.[432] Mit Ausnahme von Saitama liegen alle Zielorte im Westen oder Norden der PrĂ€fektur Fukushima.
Am 28. MÀrz bestÀtigte Regierungssprecher Edano, dass die 20-Kilometer-Evakuierungszone aufrechterhalten werden solle. Lokale Behörden wurden angewiesen, den Zutritt zu diesem Gebiet zu untersagen.[433]
Verschiedene Seiten hielten den Evakuierungsradius fĂŒr unzureichend. Der Vorsitzende der US-Atomregulierungsbehörde empfahl eine Ausweitung auf 80 Kilometer; davon wĂ€ren 1,9 Millionen Menschen betroffen.[434] Greenpeace forderte Japans Regierung am 27. MĂ€rz auf, vor allem schwangere Frauen und Kinder sofort auch aus einem weiteren Umkreis bis 60 Kilometer zu evakuieren.[435] In dem 7000-Einwohner-Dorf Iitate, rund 40 Kilometer nordwestlich des Kraftwerks, maĂen die Beobachter von IAEO und Greenpeace besonders hohe Kontaminationen beziehungsweise Strahlenbelastungen. Greenpeace forderte daraufhin die japanischen Behörden auf, die Evakuierung auf Iitate auszuweiten, wĂ€hrend die IAEO zu einer PrĂŒfung der Situation riet. Die Behörden deuteten an, dass sie bereits ĂŒber eine Evakuierung von Iitate nachdachten.[436][437]
Beim Festlegen der Evakuierungszone am 12. MĂ€rz hatte die japanische Regierung eine maximale Strahlungsbelastung von 50 Millisievert pro Jahr (mSv/a) zugrunde gelegt; dies entspricht durchschnittlichen 0,0057 Millisievert pro Stunde (mSv/h). Bei erwarteten Werten zwischen 10 und 50 mSv/a sollen die Anwohner ihre HĂ€user nicht verlassen.[438]
Anfang April riet die NISA der Regierung, bereits ab einer möglichen Belastung von 20 mSv/a zu evakuieren.[438] Zum Vergleich: Die natĂŒrlichen Strahlungswerte in Japan liegen im Durchschnitt bei 0,4 mSv/a.[439] In Deutschland sind es im Durchschnitt 2,1 mSv/a, bei einem Grenzwert fĂŒr zusĂ€tzliche Belastungen aus Nuklearanlagen von 1 mSv/a.[440]
Am 12. April beschloss die Regierung die Evakuierung der auĂerhalb der 20-Kilometer-Zone gelegenen Orte Katsurao, Namie und Iitate sowie von Teilen von Kawamata und MinamisĆma, weil die Jahresdosis dort auf 20 mSv oder mehr geschĂ€tzt wurde. FĂŒr Namie ergab sich eine SchĂ€tzung von 300 mSv.[441] Bis Ende Mai mussten die Einwohner die Orte verlassen.[442]
Mitte April wurde Premierminister Naoto Kan mit der Aussage zitiert, die Evakuierungszone um das Kraftwerk könne fĂŒr zehn bis zwanzig Jahre unbewohnbar bleiben. Kan dementierte dies.[443] Tepco veröffentlichte kurz darauf einen Plan der vorsah, im Laufe des zweiten Halbjahres 2011 mit Dekontaminationsarbeiten in der Evakuierungszone zu beginnen, um Einwohnern die RĂŒckkehr zu ermöglichen.[118] Die Regierung gab spĂ€ter bekannt, dass sie erst 2012 ĂŒber eine mögliche RĂŒckkehr von Anwohnern entscheiden wolle.[444]
Nachdem immer wieder Einwohner trotz der Strahlungsgefahren in die 20-Kilometer-Zone zurĂŒckkehrten, erklĂ€rte die Regierung diese ab dem 22. April zum Sperrgebiet. Einer Person pro Haushalt wurde es gestattet, nochmals kurz dorthin zurĂŒckzukehren, sofern ihre Wohnung mehr als 3 Kilometer vom Kraftwerk entfernt liegt; darĂŒber hinaus wurde das Betreten des Gebiets untersagt. 27.000 Haushalte in neun Kommunen sind von dieser Regelung betroffen.[273] FĂŒr Zuwiderhandlungen wurden BuĂgelder von bis zu 100.000 Yen (damals ungefĂ€hr 840 Euro) oder kurze Haftstrafen angedroht.[445] Entlang der ZufahrtsstraĂen wurden 75 Kontrollpunkte eingerichtet.[442]
FĂŒr die Zone in 20 bis 30 Kilometern Entfernung von Kraftwerk wurde am 22. April eine flexible Regelung eingefĂŒhrt, bei der je nach Lage vor Ort entschieden wird, ob die Einwohner in ihren Wohnungen bleiben oder evakuiert werden sollen.[446]
Weitere Beobachtungen und Messungen ergaben Hot Spots mit Strahlenbelastungen ĂŒber 20 mSv/a in verschiedenen noch nicht evakuierten Orten und Ortsteilen der PrĂ€fektur Fukushima.[447] Die Stadtverwaltung von Date empfahl 113 Haushalten einen Umzug an weniger belastete Orte;[448] in MinamisĆma waren 72 Haushalte betroffen[449] und in Kawauchi 60. Haushalte mit Evakuierungsempfehlung werden vom Staat finanziell unterstĂŒtzt; die Empfehlungen richten sich nach Strahlungsmessungen im Garten und am Eingang der HĂ€user. Dadurch haben Bewohner, die sich um die Dekontamination ihrer Anwesen bemĂŒhten, weniger Chancen auf finanzielle Hilfe.[450]
Nachdem die Reaktoren 1 bis 3 einen relativ stabilen Zustand mit Temperaturen unter 100 °C erreicht hatten, hob die japanische Regierung Ende September die bedingte Evakuierungszone in 20 bis 30 Kilometer Entfernung vom Kraftwerk auf.[451] Gleichzeitig zog die PrĂ€fektur Fukushima die Evakuierungsanordnung fĂŒr MinamisĆma, Tamura, Kawauchi, Hirono und Teile von Naraha zurĂŒck.[452]
Die Polizei meldete einen starken Anstieg der Einbruchsdelikte in der Sperrzone. Seit Beginn der Unfallserie wurden 720 FĂ€lle bekannt; im entsprechenden Vorjahreszeitraum waren es nur 27.[453]
Das deutsche AuswĂ€rtige Amt und das österreichische Bundesministerium fĂŒr europĂ€ische und internationale Angelegenheiten gaben am 12. MĂ€rz Teilreisewarnungen fĂŒr den Nordosten Japans heraus, Deutschland zusĂ€tzlich auch fĂŒr den GroĂraum Tokio.[454][455] Die österreichische Botschaft verlegte am 16. MĂ€rz ihren operativen Bereich nach Ćsaka,[456] die deutsche am 17. MĂ€rz.[457]
Mitte MĂ€rz stellten verschiedene Staaten wie Russland, Belgien, Philippinen und die USA Flugzeuge bereit, um Staatsbedienstete und weitere BĂŒrger zu evakuieren.[458]
Die USA, Australien und SĂŒdkorea empfahlen ihren BĂŒrgern, einen Abstand von mindestens 80 km zum havarierten Kraftwerk einzuhalten.[351][459][460] Die Vereinigten Staaten und Thailand empfahlen ihren BĂŒrgern ferner eine Ausreise.[458][461]
Am 17. MĂ€rz forderte Frankreich seine BĂŒrger in Tokio auf, Japan zu verlassen oder sich in den SĂŒden des Landes zu begeben.[462]
Der US-Mediziner Robert Peter Gale, der 1986 in Tschernobyl die Ă€rztliche Hilfe im Auftrag der russischen Regierung koordiniert hatte, kritisierte einzelne Evakuierungsempfehlungen und â so wörtlich â âPanikreaktionenâ einzelner Staaten. SchĂ€dlicher als die Strahlung selbst sei die Angst vor ihr.[463] Gale zufolge wĂ€re die Folge des Exodus von AuslĂ€ndern aus Japan verheerend. Deshalb solle die deutsche Reaktion auf Fukushima nicht nur von Emotionen und einer Panikreaktion bestimmt sein, sondern möglichst rĂŒcksichtsvoll und bedacht ausfallen.[464]
Am 12. April ordnete die philippinische Regierung die RĂŒckfĂŒhrung aller ihrer StaatsbĂŒrger aus dem Umkreis von 50 Kilometern um Fukushima I an. Nur mit Japanern verheiratete Philippiner durften auf Wunsch in Japan bleiben.[465]
Die USA bestĂ€tigten am 15. April nochmals ihre 80-Kilometer-Bannzone um das Kraftwerk, zogen aber ihre allgemeine Ausreiseempfehlung zurĂŒck.[466] Russland zog seine Reisewarnung am 19. April zurĂŒck.[24]
Ende April kehrte die deutsche Botschaft nach Tokio zurĂŒck.[467]
Am 12. MĂ€rz 2011 verhĂ€ngte die japanische Regierung ein Luftsperrgebiet fĂŒr einen Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk,[468] das am 13. MĂ€rz auf 30 Kilometer erweitert wurde.[469]
Die deutsche Lufthansa lieĂ ab dem 14. MĂ€rz alle aus Japan heimkehrenden Flugzeuge auf RadioaktivitĂ€t testen.[470] Vom 15. bis zum 23. MĂ€rz 2011 leitete sie ihre FlĂŒge mit Ziel Tokio-Narita nach Nagoya und Ćsaka um.[471][472]
Die österreichische Lufthansa-Tochter Austrian Airlines flog Tokio unter Begleitung militĂ€rischer Strahlenschutzexperten weiter an. Im Gegensatz zum normalen Linienverkehr wurden allerdings die Aufenthalte nur kurz gehalten und die Crewwechsel in Seoul durchgefĂŒhrt.[473] Die Swiss verlegte ihre Crewwechsel nach Hongkong.[474]
â Siehe Kontamination von Nahrungsmitteln und Kontamination von Leitungswasser im Artikel Strahlungsbelastung durch die NuklearunfĂ€lle von Fukushima
Am 24. MĂ€rz 2011 ordnete die EuropĂ€ische Union vorsorglich Zwangskontrollen fĂŒr nach dem 11. MĂ€rz hergestellte Lebensmittel aus zwölf PrĂ€fekturen Japans an. Sie dĂŒrfen seit dem 27. MĂ€rz nur in die EU-Staaten eingefĂŒhrt werden, wenn sie in Japan auf RadioaktivitĂ€t getestet und die Testergebnisse schriftlich bescheinigt wurden. Die japanischen Angaben sollen stichprobenartig ĂŒberprĂŒft werden.[475]
Russland, China, Taiwan, Australien und die USA verhĂ€ngten Importverbote fĂŒr bestimmte Nahrungsmittel aus vier oder fĂŒnf von ĂŒberhöhten Strahlenwerten betroffenen japanischen PrĂ€fekturen und testen Importe auf RadioaktivitĂ€t.[476] Auch SĂŒdkorea beschloss zunĂ€chst ein solches Verbot, hob es aber am 24. MĂ€rz wieder auf, nachdem die japanische Regierung ihrerseits den Export bestimmter Lebensmittel aus der PrĂ€fektur Fukushima verboten hatte.[477] Am 14. April verhĂ€ngte SĂŒdkorea dann ein erneutes Importverbot fĂŒr sĂ€mtliche Lebensmittel aus 13 der 47 japanischen PrĂ€fekturen.[478]
Am 6. April verbot Russland den Import von japanischem Fisch.[479]
Zur Dekontamination des KraftwerksgelĂ€ndes, siehe Erste SicherungsmaĂnahmen.
Die 340.000-Einwohner-Stadt KĆriyama, 60 Kilometer westlich des Kraftwerks, begann Ende April damit, in Schulen und KindergĂ€rten die kontaminierte OberflĂ€che des Bodens abzutragen,[87] und die Stadt Fukushima Ende Mai.[225] Die Regierung wies die StĂ€dte darauf hin, dass ein einfaches Umgraben der Böden ausreichen könne.[119]
In MinamisĆma begann die Dekontamination im August.[480]
Im Dezember dekontaminierten Einsatzgruppen der japanischen StreitkrÀfte mit Hochdruckreinigern VerwaltungsgebÀude und deren nÀhere Umgebung in den evakuierten Orten Naraha, Tomioka, Namia und Iitate.[481]
Siehe auch: Kritik an risikobehafteter Technik und mangelnder Wartung des Kraftwerks im Artikel Kernkraftwerk Fukushima Daiichi
Presseberichte zur Anfangsphase der Nuklearkrise zeichnen ein Bild von Mitarbeitern,[42] EntscheidungstrĂ€gern[43][482] und wissenschaftlichen Beratern,[196] die mit der Situation ĂŒberfordert waren. Mehrere âSuper-GAUsâ liefen gleichzeitig ab und mussten gehandhabt werden. Die dazu getroffenen oder nicht getroffenen Entscheidungen und die Informationspolitik der verantwortlichen Stellen wurden vielfach kritisiert. Verschiedene Seiten hielten das japanische Krisenmanagement fĂŒr zu unentschlossen.[483][482] Die IAEO kritisierte die Struktur der zustĂ€ndigen Regierungsstellen als zu kompliziert und reaktionstrĂ€ge.[484]
Alle MaĂnahmen, die die Bevölkerung betreffen könnten, mussten entsprechend den gesetzlichen Vorschriften von der Regierung genehmigt werden.[39]
Die Presse berichtete auch von Konflikten zwischen den Verantwortlichen. Laut Berichten der Yomiuri Shimbun waren Premierminister Naoto Kan, Regierungssprecher Yukio Edano, Verteidigungsminister Toshimi Kitazawa und andere Regierungsmitglieder frustriert und zunehmend misstrauisch wegen fehlender oder stĂ€ndig wechselnder ErklĂ€rungen Tepcos ĂŒber die VorgĂ€nge im Kraftwerk.[485][486] Insbesondere Kan soll ein groĂes Misstrauen sowohl gegenĂŒber Tepco als auch gegenĂŒber der Atomaufsichtsbehörde (NISA) und dem ihr ĂŒbergeordneten Wirtschaftsministerium (METI) entwickelt haben. Laut Presseberichten misstraute der BĂŒrgerrechtler Kan grundsĂ€tzlich der mit der Industrie verflochtenen japanischen BĂŒrokratie und schnitt sich dadurch selbst von wichtigen Informationsquellen ab.[52][486][487] Stattdessen setzte er auf persönliche Berater, die ebenfalls schlecht informiert waren.[52]
Am 15. MĂ€rz erschien Kan wĂŒtend in der Tepco-Firmenzentrale und maĂregelte die anwesenden Tepco-Manager wegen ihrer Informationspolitik[486][488][482] sowie den Planungen TEPCOs, "das gesamte Personal aus der Atomanlage Fukushima Daiichi abzuziehen und die Rettungsarbeiten einzustellen."[489] Er lieĂ dort einen gemeinsamen Krisenstab von Regierung und Kraftwerksbetreiber einrichten, um mehr Einfluss auf das Krisenmanagement nehmen zu können.[488][490][486] Ein Experte der US-amerikanischen Atomaufsichtsbehörde besuchte drei Tage spĂ€ter die Tepco-Zentrale und war irritiert ĂŒber das Kompetenzchaos.[483] Die Leitung des Krisenstabs und allmĂ€hlich auch des gesamten Nuklearkrisenmanagements ĂŒbernahm Kans enger Vertrauter GĆshi Hosono.[52]
Umgekehrt zeigten sich Tepco-Vertreter frustriert ĂŒber den Premierminister, weil er mehr auf seine persönlichen Berater höre als auf die zustĂ€ndigen Behörden. Ein Mitarbeiter des Tepco-Krisenstabs in Fukushima wurde mit der Aussage zitiert, er fĂŒhle sich mehr durch den Premierminister als durch seine eigenen Vorgesetzten unter Druck gesetzt.[486] Nach Ansicht von Tetsunari Iida, Vorsitzender eines Instituts fĂŒr nachhaltige Energien und energiepolitischer Berater der japanischen Regierung, ĂŒberschĂ€tzte der Diplom-Physiker Kan seine eigene Kompetenz in Sachen Nukleartechnik. Er wolle bei zu vielen technischen Details mitreden und habe mit seiner Anwesenheit die Tepco-Manager eingeschĂŒchtert.[482] Gleichzeitig kritisierte Iida die Entscheidungsstrukturen des Unternehmens. FĂŒr jede Entscheidung mĂŒssten sich die Experten vor Ort eine Erlaubnis aus der Firmenzentrale einholen, bei der sowohl die Regierung (ĂŒber den Krisenstab) mitrede als auch Manager, die das Treffen eigenstĂ€ndiger Entscheidungen nicht gewohnt seien. Die âZeitâ fĂŒhrte letzteres auf eine fĂŒr Japan typische Konsensorientierung zurĂŒck, die schnelle Entscheidungen verhindere.[482]
Eine Reihe von WidersprĂŒchen zwischen den von Tepco und der NISA veröffentlichten Informationen zum Unfallhergang verdeutlichen, dass es auch zwischen dem Kraftwerksbetreiber und der Aufsichtsbehörde Kommunikationsprobleme gab (siehe Dokumentation der AblĂ€ufe und Veröffentlichungen im Artikel Chronik der Nuklearkatastrophe von Fukushima). Die IAEO wies auf verbesserungswĂŒrdige technische Kompetenz bei der NISA hin.[39]
Verschiedene Seiten waren der Ansicht, dass Tepco zu lange mit der Druckentlastung der Reaktoren und dem Einleiten von Meerwasser gezögert habe. Durch ein Vorziehen dieser MaĂnahmen hĂ€tte man die UnfĂ€lle verhindern oder zumindest ihre Auswirkungen verringern können.[491]
Die Yomiuri Shimbun brachte die Verzögerung bei diesen wichtigen Entscheidungen in Zusammenhang mit der Abwesenheit von Tepco-PrĂ€sident Tsunehisa Katsumata und dem Vorsitzenden Masataka Shimizu. Die beiden Firmenleiter trafen erst am 12. MĂ€rz gegen 16 beziehungsweise 10 Uhr im Unternehmen ein und waren bis dahin nur per Mobiltelefon eingebunden. Auch technische Probleme des firmeninternen Kommunikationssystems wurden erwĂ€hnt.[491] Tepco wies spĂ€ter auf hĂ€ufige AusfĂ€lle von Telefonleitungen und Firmennetzwerk in den Tagen nach dem Erdbeben hin; Informationen mussten teilweise persönlich ĂŒberbracht werden.[492]
Der japanische Nuklearingenieur Kenzo Miya, emeritierter Professor an der UniversitĂ€t Tokio, sah einen Hubschrauber-Besuch von Naoto Kan am frĂŒhen Morgen des 12. MĂ€rz im Kraftwerk als einen Grund fĂŒr die Verzögerung der Druckentlastung.[189] Es habe das Risiko bestanden, den PrĂ€sidentenhubschrauber radioaktiven Stoffen auszusetzen.[491][482] Regierungsvertreter lieĂen dagegen laut einem Bericht der New York Times durchblicken, Tepco habe grundsĂ€tzlich vor den radioaktiven Emissionen bei einer Druckentlastung zurĂŒckgescheut. Die Zeitung berichtete auch von einer hitzigen Diskussion zu diesem Thema, in der sich Tepcos Kernenergie-Chef Sakae Muto und Fukushima-I-Kraftwerksleiter Masao Yoshida gegenseitig angeschrien hatten.[493]
SpĂ€ter veröffentlichte Aufzeichnungen der Mitarbeiter im Kraftwerk deuten vor allem auf technische Schwierigkeiten hin. WĂ€hrend der Premierminister und die Aufsichtsbehörde versuchten, Tepco mit politischem Druck und offiziellen Anweisungen zum Ăffnen der Ventile an Block 1 zu zwingen,[43] kĂ€mpften die Mitarbeiter mit Systemen, die nach Ăberschwemmung und Stromausfall nicht mehr funktionierten. Man habe eine Zeitlang gebraucht, bis man (teils im Dunkeln) herausgefunden habe, wie die Ventile von Hand zu öffnen sind.[493][43] AuĂerdem spielte die Evakuierung der unmittelbar angrenzenden Orten eine Rolle.[36] Die New York Times erklĂ€rte die Probleme auch damit, dass die in den USA entwickelten Reaktoren nach den Vorgaben der amerikanischen Atomaufsichtsbehörde ausgelegt waren, die groĂe SicherheitshĂŒrden vor einer möglichen BetĂ€tigung der Druckentlastung durchgesetzt hatte.[493]
Das Wall Street Journal zitierte am 21. MĂ€rz 2011 den ehemaligen Tepco-Manager Akira Omoto, Mitglied der Japan Atomic Energy Commission, mit der Aussage, Tepco habe mit der Meerwassereinleitung gezögert, um die wertvollen Reaktoren nicht durch das Salzwasser zu beschĂ€digen;[494] die Reaktoren können dabei zerstört werden.[189] Diese Kritik fand sich anschlieĂend in verschiedenen Presseartikeln wieder.[482][189] Nach eigenen Angaben und Aufzeichnungen leitete Tepco allerdings in die Reaktoren 1 und 2 zunĂ€chst SĂŒĂwasser ein,[291][112] und stellte â nachdem die VorrĂ€te erschöpft waren â jeweils auf Meerwasser um. Die Verzögerung bis zur Meerwassereinleitung belief sich demnach jeweils auf höchstens vier Stunden und nicht â wie vom Wallstreet Journal vermutet â auf etwa 12 beziehungsweise 30 Stunden (siehe ZeitablĂ€ufe im Artikel Chronik der Nuklearkatastrophe von Fukushima).
Ende Mai 2011 kam es zu einer öffentlichen Diskussion und einer Auseinandersetzung zwischen Premierminister Kan und der parlamentarischen Opposition um eine mögliche Verantwortung Kans fĂŒr die verzögerte MeerwasserkĂŒhlung.[196][495][496] Tepco-Aufzeichnungen deuteten auf Kommunikationsprobleme innerhalb des Unternehmens sowie zwischen Kraftwerksbetreiber, Behörden und Premierminister hin, möglicherweise auch auf eine zögerliche Freigabe der Salzwassereinleitung durch Kan.[195][197]
Auch eine zu spĂ€te KĂŒhlung der Abklingbecken wurde kritisiert. Sowohl Tepco als auch die Regierung hĂ€tten sich in den ersten zwei Tagen nur auf die Reaktoren konzentriert und die Abklingbecken auĂer Acht gelassen.[189][482] Das Wall Street Journal zitierte Tetsuya Kono, Sprecher der japanischen StreitkrĂ€fte, mit der Aussage, man habe sich nicht frĂŒher an dem Wasserwerfereinsatz beteiligt, weil Tepco ihn nicht angefordert habe. Das MilitĂ€r habe nicht von sich aus aktiv werden können.[494] US-amerikanische Experten kritisierten eine zu spĂ€te KĂŒhlung des Abklingbeckens von Block 4 (siehe Abschnitt âReaktorblock 4â).
Tepco verteidigte sich damit, man sei nach der Explosion in Block 1 voll mit der Stabilisierung von Block 2 beschĂ€ftigt gewesen, habe also keine weiteren Ressourcen zur VerfĂŒgung gehabt.[485]
Neben den StreitkrĂ€ften waren auch andere Organisationen der Ansicht, dass Tepco ihre UnterstĂŒtzung zu spĂ€t in Anspruch genommen hatte.
Laut einem nicht namentlich genannter Mitarbeiter der US-amerikanischen Regierung schien fĂŒr die Japaner anfangs ein RĂŒckgriff auf amerikanische Hilfe undenkbar. Die japanische Regierung habe verschiedene Gesuche und Angebote der USA, ihre Experten am Krisenmanagement zu beteiligen, abgelehnt.[483] In den Vereinigten Staaten stehen zahlreiche Kernkraftwerke vom gleichen Modell wie in Fukushima; daher haben die USA sowohl Erfahrung damit als auch ein eigenes Interesse an der AufklĂ€rung der Unfallserie.[493] Die US-Regierung war schlieĂlich so verĂ€rgert ĂŒber die japanische Haltung, dass sie nach Angaben der New York Times mit dem Abzug von wichtigem MilitĂ€rpersonal,[52] laut Yomiuri Shimbun sogar mit einer Zwangsevakuierung aller US-BĂŒrger aus Japan drohte.[483]
Verschiedene Hilfsangebote, etwa seitens der deutschen Bundesregierung, AusrĂŒstung und Experten des Kerntechnischen Hilfsdiensts einzusetzen, wurden nicht oder nur mit erheblicher zeitlicher Verzögerung angenommen. [Quelle?] Aus Frankreich wurden erst ab dem 17. MĂ€rz Experten und AusrĂŒstung des französischen Atomenergie-Konzerns Areva einbezogen;[497] ein Hilfsangebot der Regierung Sarkozy war bereits am Tag nach der Katastrophe eingegangen. [Quelle?] Zur Zeit des UnglĂŒcks waren ĂŒber 100 Areva-Mitarbeiter aus Deutschland, den USA und Frankreich im Lande, von denen 18 bei Wartungsarbeiten im unmittelbaren Umfeld des Reaktors 4 tĂ€tig waren.[497] Erst zwei Wochen nach dem UnglĂŒck traf die Areva-Vorsitzende Anne Lauvergeon mit Experten der Nuklearanlage Marcoule vor Ort ein.[498]
Die Nuklearsicherheitskommission der japanischen Regierung, die ĂŒber vierzig Experten fĂŒr NuklearunfĂ€lle verfĂŒgt, wurde dafĂŒr kritisiert, dass sie nicht einen davon nach Fukushima I entsandte.[499]
Die Informationspolitik sowohl des Kraftwerksbetreibers als auch der Behörden wurde vielfach kritisiert.
Regierungssprecher Edano deutete am 12. MĂ€rz in einer Pressekonferenz an, dass Tepco die Regierung nur unzureichend informierte.[491] Premierminister Kan war zwei Tage spĂ€ter sehr verĂ€rgert darĂŒber, von der Explosion des Reaktorblocks 3 zuerst aus den Medien erfahren zu haben.[486] In den nachfolgenden Wochen musste Tepco mehrfach falsch (zu hoch) ausgewiesene Strahlungsmesswerte korrigieren und handelte sich damit öffentliche RĂŒgen von Seiten der Regierung und der NISA ein.[500][501][502] Eine Tepco-Sprecherin erklĂ€rte, man stĂŒnde im Konflikt zwischen dem Druck, die Daten (schnell) zu veröffentlichen, und der Forderung nach Exaktheit.[503] Die konkreten Fehler erklĂ€rte Tepco mit einer Fehlkonfiguration der verwendeten Computersoftware.[502]
Es kam vor, dass Tepco SchĂ€den am Kraftwerk â zum Beispiel Erdbeben- und KernschmelzeschĂ€den â zunĂ€chst bestritt beziehungsweise ignorierte, und sie erst dann eingestand, wenn sie nicht mehr zu ĂŒbersehen waren.[169][35][115][223]
China beklagte sich mehrfach ĂŒber unzureichende Informationen durch die japanischen Behörden.[92][24] Auch die USA,[483] weitere Mitgliedsstaaten der IAEO,[276] der Vorsitzende des Umweltprogramms der Vereinten Nationen[504] und die World Meteorological Organization[276] (ebenfalls Vereinte Nationen) fĂŒhlten sich unzureichend informiert.
In einer reprĂ€sentativen Umfrage des Fernsehsenders JNN hielten drei Wochen nach Beginn der NuklearunfĂ€lle 83 Prozent der befragten Japaner die von der Regierung bereitgestellten Informationen fĂŒr unzureichend.[503] Auch BĂŒrgermeister betroffener Gemeinden beklagten sich ĂŒber mangelnde Informationen.[429]
Auch der Umgang mit den HilfskrÀften, die teilweise aus Zeitarbeitsfirmen stammen und dort bereits vor der Krise sehr harten Arbeitsbedingungen unterworfen waren, wurde kritisiert.[482]
Durch die Explosionen und BrĂ€nde im Kraftwerk stieg die Strahlenbelastung auf dem GelĂ€nde zeitweilig stark an. Das japanische Gesundheitsministerium setzte daraufhin die zulĂ€ssige Gesamt-Ăquivalentdosis fĂŒr mĂ€nnliche[87] Arbeiter in Kernkraftwerken in Notfallsituationen von 100 auf 250 Millisievert pro Jahr herauf.[385] Kritiker verwiesen darauf, dass Werte oberhalb der von der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP) festgesetzten Grenze von 100 Millisievert pro Einsatz oder pro Jahr erfahrungsgemÀà Körperzellen direkt schĂ€digen und das Krebsrisiko schon fĂŒr weit geringere Belastungen prozentual steigt.[505] Drittunternehmen, die im Auftrag von Tepco im Kraftwerk tĂ€tig sind, lehnten den höheren Grenzwert ab.[506] Bis zum 15. April 2011 erhielten 28 Mitarbeiter Strahlungsdosen ĂŒber 100, jedoch keiner eine Dosis ĂŒber 250 Millisievert.[66]
Auch die AusrĂŒstung der Arbeiter war unzulĂ€nglich; es mangelte zeitweise an Dosimetern[389] und an geeigneten und zugelassenen Sicherheitsstiefeln. Ein Mitarbeiter berichtete, dass sich die Arbeiter stattdessen PlastiktĂŒten mit Klebeband um die Schuhe banden.[507] Als in einer Turbinenhalle erhebliche radioaktive Wassermengen auftraten und einige Mitarbeiter dennoch mit halbhohen Arbeitsschuhen ins Wasser traten, zogen sie sich erhebliche Verletzungen und Verstrahlungen zu.
Nach der Explosion in Block 3 wurde die Anlage vorĂŒbergehend gerĂ€umt. Danach verblieben zeitweise nur noch rund 180 Arbeiter vor Ort â darunter 50 Mitarbeiter von Tepco â, was unter dem Namen âFukushima 50â (mit AnklĂ€ngen an die 47 RĆnin) in den Medien thematisiert wurde.
Ab Anfang Mai versorgte Tepco die Arbeiter zweimal tÀglich mit Mahlzeiten, die im benachbarten Kernkraftwerk Fukushima Daini zubereitet wurden. Bis dahin hatten sie sich hauptsÀchlich von Konserven ernÀhrt.[508]
AuĂerhalb der Arbeitszeiten sind die Mitarbeiter und Helfer in dem Sportzentrum J-Village untergebracht, 20 Kilometer sĂŒdlich des Kraftwerks; dabei herrschten anfangs teilweise spartanischen Bedingungen.[509]
Ende MĂ€rz 2011 berichtete die Yomiuri Shimbun ĂŒber Kritik lokaler Behörden an den MaĂnahmen zur Lebensmittelsicherheit. Jede PrĂ€fektur und Gemeinden könne selbst festlegen, nach welchen Kriterien sie landwirtschaftliche Produkte auf Strahlung testet. Dabei seien die Ehrlichen die Dummen, weil ihre Region strengere Auflagen erhalte. Zudem seien die pauschalen Grenzwerte fĂŒr alle Arten von Produkten unangebracht.[510]
Andererseits wurde kritisiert, dass manche hoch kontaminierten Nahrungsmittel nicht verboten wurden, weil sie nur eine kleine Region betrafen. Zu diesem Zeitpunkt legten die Behörden nur BeschrĂ€nkungen fĂŒr ganze PrĂ€fekturen fest, und verzichteten teils darauf, um nicht die ganze PrĂ€fektur wegen einer âProblemregionâ wirtschaftlich zu belasten.[510] Kurz darauf begann man, die Lebensmittelverbote auch fĂŒr kleinere Regionen und einzelne StĂ€dte festzulegen.[511]
Am 29. April 2011 trat Toshiso Kosako, Professor in der Abteilung fĂŒr Nukleartechnik der UniversitĂ€t Tokio[512], mit schweren VorwĂŒrfen von seinem Amt als wissenschaftlicher Berater der japanischen Regierung in Nuklearfragen zurĂŒck, zu dem ihn MinisterprĂ€sident Naoto Kan am 16. MĂ€rz ernannt hatte.[513] Laut Kosako rette sich die Regierung in der Nuklearkrise nur mit Notlösungen und Provisorien ĂŒber die Zeit. Wegen unklarer Entscheidungsprozesse seien viele MaĂnahmen zudem nicht gesetzeskonform.[514] Bei der Strahlungsmessung rund um das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi mangele es an Transparenz. Die Regierung habe auch die sogenannte SPEEDI-Analyse lange nicht veröffentlicht.[515] Das System for Prediction of Environmental Emergency Dose Information ist ein Computerprogramm zur AbschĂ€tzung und Prognose der radioaktiven Kontamination und hatte fĂŒr einige Gebiete auĂerhalb der 30-Kilometer-Zone um das Kraftwerk Ortsdosisleistungen von ĂŒber 100 Millisievert pro Jahr vorhergesagt.[516] Die Regierung hatte die ersten Ergebnisse dieser Analyse vom 16. bis zum 23. MĂ€rz zurĂŒckgehalten, um Panik zu vermeiden. Die vollstĂ€ndigen Daten veröffentlichte die zustĂ€ndige Nuclear Safety Commission of Japan erst nach Kosakos RĂŒcktritt.[516][517]
Besonders empört und betroffen zeigte Kosako sich ĂŒber die vorlĂ€ufige ErklĂ€rung des japanischen Kultus- und Technologieministeriums vom 19. April, dass fĂŒr KindergĂ€rten und Grundschulen in der PrĂ€fektur Fukushima kein niedrigerer Strahlungsgrenzwert festgelegt werden solle als die fĂŒr das gesamte Katastrophengebiet gĂŒltigen 20 Millisievert pro Jahr.[518][519] Das Ministerium berief sich dabei auf Empfehlungen der International Commission on Radiological Protection, die bei einem Nuklearunfall eine jĂ€hrliche Strahlungsdosis von bis zu 20 Millisievert sowohl fĂŒr Erwachsene, als auch fĂŒr Kinder zulasse.[520]
Kosako begrĂŒndete seinen RĂŒcktritt damit, dass die Regierung seinen Rat ignoriere.[513] Premierminister Kan fĂŒhrte ihn dagegen auf Meinungsverschiedenheiten zwischen Kosako und anderen Wissenschaftlern zurĂŒck.[513] Laut einem Bericht der New York Times vom 1. Mai fiel es den japanischen Experten schwer, sich auf Strahlungsgrenzwerte zu einigen. Man befinde sich in einer neuen Situation, fĂŒr die es keine Richtlinien gebe, und die zu treffenden Entscheidungen könnten weitreichende Folgen haben.[521]
Vertreter des Internationalen Forums zur Globalisierung ĂŒbergaben am 2. Mai eine von rund 50 Japanern sowie rund 4.000 US-amerikanischen, europĂ€ischen und weiteren BĂŒrgern und Gruppen âunterschriebeneâ Internet-Petition an die japanische Regierung, die die âRĂŒcknahme der unmenschlichen Entscheidung der japanischen Regierung, Kindern eine Strahlenexposition von 20 Millisievert pro Jahr aufzuzwingenâ fordert.[522][518] Als BegrĂŒndung verwiesen sie dabei auf die Aussagen deutscher Experten in einem Spiegel-Artikel vom 21. April.[522][523] Anders als in den Richtlinien des japanischen Kultusministeriums[521] wurde in der Petition nicht berĂŒcksichtigt, dass die Umgebung der Schulen und KindergĂ€rten, in denen sich die Kinder in der ĂŒbrigen Zeit aufhalten, wahrscheinlich Ă€hnlich hohe Strahlungswerte aufweist wie die SchulgelĂ€nde.[524]
Die Folgekosten der Tsunami- und Nuklearkatastrophe sind eine groĂe Belastung fĂŒr die ohnehin hoch verschuldete japanische Volkswirtschaft. Sie wurden im April 2011 auf langfristig bis zu 200[525] oder 300[526] Milliarden Euro geschĂ€tzt und belasteten die KreditwĂŒrdigkeit des Landes.[526] Niedrigere Strahlungsgrenzwerte konnten erhebliche Zusatzkosten fĂŒr die Dekontamination von Böden nach sich ziehen.[524] Die Regierung spielte auf Zeit und verwies darauf, dass die radioaktive Belastung bis Juli erheblich zurĂŒckgehen werde, da die HĂ€lfte der Emissionen aus kurzlebigem radioaktivem Iod-131 (acht Tage Halbwertszeit) bestehe.[521] Der GroĂteil der Strahlungsbelastung an den BodenoberflĂ€chen in der PrĂ€fektur Fukushima stammte zu diesem Zeitpunkt noch aus dem Zerfall von Iod-131.[527]
In einer Umfrage der Zeitung Yomiuri Shimbun vom 13. bis zum 15. Mai 2011 zeigten sich 73 Prozent der befragten Japaner unzufrieden mit dem Nuklearkrisen-Management ihrer Regierung.[528]
Ende Mai reichten 15.000 japanische Eltern eine weitere Petition beim Kultusministerium ein, in der sie einen Grenzwert von 1 Millisievert pro Jahr fĂŒr Kinder forderten.[529] Das Ministerium sagte zu, in Schulen mit einer höheren Belastung als 0,001 Millisievert pro Stunde, entsprechend 9 Millisievert pro Jahr, die BodenoberflĂ€che abtragen zu lassen.[530]
Die Auswirkungen der Nuklearkatastrophe â insbesondere politische Auswirkungen in Deutschland wie bei der Landtagswahl in Baden-WĂŒrttemberg 2011 â wurden in der öffentlichen Diskussion auch als âFukushima-Effektâ bezeichnet.[531][532]
Die Evakuierungen betrafen die Produktion mehrerer Unternehmen und Zulieferfirmen in der NĂ€he des Kraftwerks, darunter Toto, Alpine Electronics, Daio, Fujitsu, IHI, Fuji Xerox und Canon.[533]
Am 17. MĂ€rz schloss die Fondsgesellschaft Union Investment Real Estate ihren offenen Immobilienfonds Uni-Immo Global, da die in Japan stehenden Immobilien des Fonds nicht mehr bewertet wurden und folglich keine Anteilspreise ermittelt werden konnten.[534]
Die Region um Fukushima spielt eine bedeutende Rolle in der japanischen Landwirtschaft, Fischerei und Lebensmittelversorgung. Die NachbarprĂ€fektur Ibaraki stellt insbesondere Premiumreissorten her und ist das Stammland der japanischen Schweinezucht. Durch die radioaktiven Belastungen kam es zu Verkaufsverboten verschiedener Nahrungsmittel. Die Regierung stellte EntschĂ€digungen fĂŒr betroffene Landwirte in Aussicht.[535] SpĂ€ter stellten Landwirtschafts- und FischereiverbĂ€nde hohe Schadenersatzforderungen an den Kraftwerksbetreiber.[536]
Ab dem 26. MĂ€rz liefen mehrere GroĂreedereien die HĂ€fen von Tokio und Yokohama aus Sorge vor radioaktiver Kontamination der Schiffe nicht mehr an. Dies fĂŒhrte zu einer Belastung des Welthandels, da Waren auf dem Landweg vom SĂŒden Japans in den Norden gebracht werden mussten.[537]
In der japanischen Luftfahrt kam es zu einem massiven Nachfrageeinbruch.[538] Die Zahl der auslĂ€ndischen Besucher ging in der zweiten MĂ€rzhĂ€lfte 2011 um 75% gegenĂŒber dem Vorjahr zurĂŒck.[479]
Da durch die Katastrophe die anderen Kernkraftwerke Japans auf ihre Sicherheit ĂŒberprĂŒft und dabei fast alle abgeschaltet wurden, musste der nationale Strombedarf mit fossilen Brennstoffen gedeckt werden. Durch den Import der dafĂŒr benötigten Rohstoffe, sowie einem RĂŒckgang der Exporte verzeichnete Japan im Kalenderjahr 2011 das erste Handelsbilanzdefizit seit 1980.[539]
Nach dem Ausfall mehrerer Kern- und thermischer Kraftwerke[540] kam es zu EngpĂ€ssen im Versorgungsnetz von Tepco. Die BĂŒrger wurden mehrfach aufgefordert, Strom zu sparen. ZusĂ€tzlich fĂŒhrte Tepco â mit Erlaubnis des Premierministers[541] â vom 14. MĂ€rz 2011 bis in den April hinein sogenannte ârolling blackoutsâ durch, das heiĂt wechselnde Stromabschaltungen in verschiedenen Teilen des Versorgungsbereichs von Tepco.[542] ZusĂ€tzlich wurde die Stromknappheit dadurch verschĂ€rft, dass Japan zwei inkompatible Stromnetze von 50Hz und 60Hz hat.
Unter dem Slogan Setsuden (Stromsparen) bemĂŒhte sich Japan im weiteren Jahresverlauf, erneute Stromabschaltungen durch SparmaĂnahmen aller Verbraucher zu vermeiden.[543] Die japanische Regierung strebt mit diesem Programm an, den Stromverbrauch um bis zu einem FĂŒnftel zu reduzieren.[544] 41 von 54 japanischen Kernreaktoren waren Ende August 2011 abgeschaltet[545] â teils wegen der Katastrophenfolgen, teils wegen Routinewartungen und teils als SicherheitsmaĂnahme wegen unzureichenden Tsunamischutzes.
Am 30. August hob die Regierung Anordnungen zur EinschrÀnkung des ElektrizitÀtsverbrauchs auf, die seit dem 1. Juli in Kraft waren.[546]
In der Evakuierungszone um das Kraftwerk verzögerte sich wegen der hohen Strahlungsbelastung die Bergung von Tsunami-Opfern. Wegen der möglichen Kontamination wĂŒrde eine Ăbergabe an die Angehörigen oder eine EinĂ€scherung auch weitere Gefahren beinhalten.[547]
In Japan machte der Ausdruck Flyjin (aus Gaijin, âAuslĂ€nderâ und Fly, engl. âFlugâ oder âFluchtâ) die Runde. Damit wurden in der Expatriategemeinde AuslĂ€nder bezeichnet, die sich nach den ersten Reisewarnungen ohne Abschied auf den Weg in die jeweilige Heimat machten. Der Exodus der AuslĂ€nder hat in der Krise auch das Selbstbild der Japaner bedroht und verschlimmerte die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zusĂ€tzlich. Es kommen erhebliche Vertrauensverluste gegenĂŒber zeitweise Abgereisten hinzu.[548]
Menschen aus der PrĂ€fektur Fukushima wurden teils aus Angst vor âVerstrahlungâ diskriminiert. KĆichirĆ Gemba, Minister fĂŒr Sozialpolitik, berichtete von Abweisungen durch Hotels und von schikanierten Kindern.[272]
Am 2. September 2011 löste Yoshihiko Noda (bis dahin Finanzminister) den fĂŒr sein Krisenmanagement in die Kritik geratenen Naoto Kan ab und wurde neuer Premierminister. Kan hatte Juni 2011 seinen RĂŒcktritt unter Bedingungen angekĂŒndigt.
Die Gallup International Association, ein weltweiter Verbund von Meinungsforschungsinstituten, fĂŒhrte zwischen dem 21. MĂ€rz und dem 10. April 2011 Umfragen in 47 LĂ€ndern zur Nutzung von Kernenergie durch. Demnach fiel der Anteil der Kernkraft-BefĂŒrworter gegenĂŒber der letzten Umfrageserie vor der Fukushima-Katastrophe von 57 auf 49 Prozent, wĂ€hrend der Anteil der Kernkraftgegner von 32 auf 43 Prozent anstieg. 81 Prozent der Befragten hĂ€tten von den NuklearunfĂ€llen in Fukushima gewusst. In den zehn Jahren zuvor sei der weltweite Anteil der KernkraftbefĂŒrworter stetig angestiegen. Die Studie wurde am 19. April 2011 von WIN-Gallup International in Islamabad veröffentlicht.[7]
Ende April wies UN-GeneralsekretĂ€r Ban Ki-moon darauf hin, dass die Sicherheit der Kernkraftwerke dringend weltweit ĂŒberprĂŒft werden mĂŒsse.[549]
Premierminister Naoto Kan veranlasste eine ĂberprĂŒfung der laufenden Planungen fĂŒr den Bau von 14 weiteren Kernkraftwerken.[550] Verschiedene Kraftwerksbetreiber froren daher ihre PlĂ€ne fĂŒr den Bau neuer Reaktoren ein.[551][552] AuĂerdem plĂ€dierte Kan fĂŒr eine Ausgliederung der japanische Atomaufsichtsbehörde NISA aus dem Wirtschaftsministerium, das die Nutzung der Kernenergie in Japan aktiv gefördert hatte.[553]
Die Nuklearkatastrophe bewirkte einen grundlegenden Wandel in der Einstellung der japanischen Bevölkerung zur Atomenergie. Vom 27. bis zum 31. MĂ€rz kam es erstmals zu nennenswerten Demonstrationen; etwa 100 bis 1000 Atomkraftgegnern versammelten sich vor dem Tepco-Hauptquartier in Tokio.[554][555] Am 10. April demonstrierten in Tokio 17.500 Menschen gegen Atomkraftwerke;[556] es folgten weitere Kundgebungen. Die Zustimmung zur zivilen Nutzung der Kernenergie ging nach einer Umfrage der Gallup International Organisation in den ersten Unfallwochen von 62 auf 39 Prozent der Japaner zurĂŒck, wĂ€hrend der Anteil der Kernkraftgegner von 28 auf 47 Prozent zunahm. Dieser Meinungsumschwung war gröĂer als in allen anderen von Gallup untersuchten LĂ€ndern.[7]
Im Mai lieĂ die Regierung das Kernkraftwerks Hamaoka abschalten, weil es nicht hinreichend gegen Erdbebenfolgen geschĂŒtzt sei,[323] und brachte eine stĂ€rkere Nutzung erneuerbarer Energien statt des bisher geplanten, weiteren Ausbaus der Kernenergie ins GesprĂ€ch.[557]
Die Wiederinbetriebnahme der nach dem Erdbeben abgeschalteten Kraftwerke verzögerte sich wegen Vorbehalten der Bevölkerung, vertreten durch die örtlichen Behörden. Zwar lag die Entscheidung hierĂŒber letztendlich beim Wirtschaftsministerium, aber traditionell wird den PrĂ€fekturen und Gemeinden ein Mitspracherecht eingerĂ€umt. Ein Versuch von 400 Tepco-AktionĂ€ren, die drei Kraftwerke des Unternehmens (Fukushima Daiichi, Fukushima Daini und Kashiwazaki-Kariwa) per Hauptversammlungsbeschluss stillzulegen,[517] scheiterte.
Im Juni/Juli ereignete sich ein Skandal um das Kernkraftwerk Genkai, das als erstes wieder in Betrieb gehen sollte. Ăffentliche Debatten zu diesem Thema wurden von der Betreibergesellschaft KyĆ«shĆ« Denryoku in groĂem Stil manipuliert.[558][332] Dieses und weitere Kraftwerke blieben daraufhin abgeschaltet. Auch die Kernkraftwerksbetreiber ChĆ«bu Denryoku und Shikoku Denryoku gerieten in Manipulationsverdacht,[559] ebenso die Atomaufsichtsbehörde NISA, deren Direktor kurzfristig entlassen wurde.[560]
Die Regierung entschied, die NISA im April 2012 aus dem Wirtschaftsministerium auszugliedern und zusammen mit den Mitarbeitern der Nuclear Safety Commission of Japan dem Umweltministerium anzugliedern.[561] Kritiker bezweifelten die Kompetenz des Umweltministeriums bei Kernenergiefragen und wiesen darauf hin, dass die von der IAEO seit Jahren geforderte UnabhÀngigkeit der Atomaufsicht von der Regierung damit nach wie vor nicht gewÀhrleistet sei.[562][39]
Am 25. MĂ€rz beschloss die EuropĂ€ische Union, allen Atomkraftwerksbetreibern ihrer 27 Mitgliedsstaaten freiwillige Tests nach einheitlichen, noch zu vereinbarenden Kriterien vorzuschlagen. UnabhĂ€ngige Experten sollten bis Ende 2011 Risiken wie Naturkatastrophen, von Menschen verursachte UnfĂ€lle wie FlugzeugabstĂŒrze und Terrorangriffe prĂŒfen. Nach wochenlangem Streit einigten sich die Atomaufsichtsbehörden der Mitgliedsstaaten auf Kriterien fĂŒr eine verbindliche, âStresstestâ genannte ĂberprĂŒfung, die am 1. Juni 2011 begann und Ende April 2012 abgeschlossen sein soll. Risiken aus Terrorangriffen sind darin nicht enthalten.[563][564]
In Deutschland verstĂ€rkten die UnfĂ€lle die laufende Debatte ĂŒber die Nutzung von Kernenergie und die LaufzeitverlĂ€ngerung deutscher Kernkraftwerke.[565] Am 14. MĂ€rz 2011 gab Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannt, dass alle 17 deutschen Kernkraftwerke fĂŒr drei Monate einer SicherheitsprĂŒfung unterzogen werden sollen (Atom-Moratorium).[566] Kurz darauf fiel die Entscheidung, die sieben Ă€ltesten Kernkraftwerke Deutschlands und das AKW KrĂŒmmel vorerst abzuschalten bzw. abgeschaltet zu lassen. Die Umsetzung wurde den BundeslĂ€ndern ĂŒberlassen, in denen diese Kraftwerke stehen.
Nach einer Umfrage von Gallup International am 29. MĂ€rz ging der Anteil der KernkraftbefĂŒrworter in Deutschland von 34 auf 26 Prozent zurĂŒck, wĂ€hrend der Anteil der Kernkraftgegner von 64 auf 72 Prozent anstieg.[7]
Am 30. Juni 2011 beschlossen Bundestag und Bundesrat mit deutlicher Mehrheit, dass die sieben Ă€ltesten deutschen Kernkraftwerke und das Kernkraftwerk KrĂŒmmel sofort stillzulegen sind, und dass alle ĂŒbrigen deutschen Kernkraftwerke bis 2022 stillgelegt werden (â siehe Atomausstieg).
Einige Staaten wie Indien,[567] Pakistan,[568] Russland[569] und Spanien[570] kĂŒndigten eine PrĂŒfung ihrer laufenden Kernkraftwerke an. Venezuelas PrĂ€sident Hugo ChĂĄvez[570] und Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu[571] erklĂ€rten, sie wollten PlĂ€ne fĂŒr das jeweils erste Kernkraftwerk in ihren LĂ€ndern stoppen. China fror die Genehmigungen fĂŒr alle neuen Kernkraftwerke ein.[572]
Die Schweiz veranlasste eine sofortige ĂberprĂŒfung aller Kernkraftwerke[573] und plante anschlieĂend eine LaufzeitbeschrĂ€nkung auf 50 Jahre und damit einen vollstĂ€ndigen Ausstieg bis 2034.[574]
Frankreich,[575] Indonesien,[576] die Niederlande,[577] die TĂŒrkei[578], Vietnam[579] und WeiĂrussland[580] erklĂ€rten, an ihren PlĂ€nen fĂŒr neue Kernkraftwerke festzuhalten.
US-PrĂ€sident Barack Obama veranlasste eine SicherheitsprĂŒfung aller US-Atomkraftwerke.[581] Die ĂberprĂŒfung ergab, dass die Sicherheitsvorkehrungen gegen schwere UnfĂ€lle bei manchen Kraftwerken nicht ausreichend sind.[330]
Italiens Regierung setzte einen geplanten Wiedereinstieg in die Kernenergie zunĂ€chst fĂŒr ein Jahr aus.[582] Eine Volksabstimmung im Juni 2011 bestĂ€tigte mit groĂer Mehrheit den Ausstieg.
Die politischen Diskussionen setzten sich weiter fort. In Frankreich nahm die Zustimmung zur Kernenergie langsam ab und wandelte sich bis Juni 2011 in einen langfristigen Ausstiegswunsch bei einer Mehrheit der Bevölkerung.[7][583]
Nach dem japanischen Atomhaftungsgesetz[584] trifft die Betreiber von Atomkraftwerken verschuldensunabhĂ€ngig eine GefĂ€hrdungshaftung fĂŒr nukleare SchĂ€den, sofern diese nicht durch eine auĂergewöhnlich schwerwiegende Naturkatastrophe oder einen Aufstand verursacht wurden. Regierungssprecher Edano sagte, die Anwendung der Naturkatastrophen-Ausnahme sei unter den gegebenen gesellschaftlichen UmstĂ€nden unmöglich.[585]
Der Reaktorbetrieb ist nur erlaubt, wenn der Betreiber sowohl einen privaten Haftpflichtversicherungsvertrag als auch eine Freistellungsvereinbarung mit dem Staat fĂŒr durch die Versicherung nicht abgedeckte SchĂ€den abschlieĂt. Hierbei ist eine Deckungssumme von 120 Milliarden Yen (damals umgerechnet rund eine Milliarde Euro) je Installation vorgeschrieben.[586] Die private Versicherung des japanischen Atompools (Japan Atomic Energy Insurance Pool) deckt keine durch Erdbeben verursachten SchĂ€den ab.[587] Ăberschreitet ein Schaden die Deckungssumme, kann der Staat den Betreiber auf Beschluss des japanischen Parlaments bei der ErfĂŒllung der Schadensersatzforderungen unterstĂŒtzen.[588]
Die bis zum 23. MĂ€rz 2011 durch die NuklearunfĂ€lle entstandenen SchĂ€den wurden von der Zeitung Tokyo Shimbun auf 1 Billion Yen (ungefĂ€hr 8,5 Mrd. ⏠zum damaligen Zeitpunkt) geschĂ€tzt.[587] Mitte April schĂ€tzte JP Morgan die zu erwartenden Schadensersatzzahlungen auf rund 24 Milliarden US-Dollar (18 Mrd. âŹ), Merrill Lynch im Fall einer andauernden Krise sogar auf 130 Milliarden Dollar (90 Mrd. âŹ).[589]
FĂŒr die GeschĂ€digten sind SchĂ€den aus radioaktiven Kontaminationen nicht durch Versicherungen abgedeckt. Die groĂen RĂŒckversicherer Swiss Re und Munich Re erwarteten keine nennenswerte Belastung der Versicherungswirtschaft aus den NuklearunfĂ€llen.[590][591]
Mitte April wurde Tepco vom Gesetzgeber dazu verpflichtet, sowohl die aus der Umgebung des Kraftwerks evakuierten Menschen als auch jene, die ihre HĂ€user nicht verlassen sollten, vorlĂ€ufig finanziell zu entschĂ€digen. FĂŒr jeden Mehrpersonenhaushalt zahlte Tepco eine Million Yen â dies entsprach zum damaligen Zeitpunkt ungefĂ€hr 8.300 ⏠â und fĂŒr jeden Singlehaushalt 750.000 Yen, entsprechend 6.250 âŹ.[592] 50.000 Haushalte erhielten insgesamt rund 50 Milliarden Yen (415 Mio. âŹ).[589]
Wenig spĂ€ter bestĂ€tigte eine Regierungskommission, dass Tepco die wirtschaftlichen Verluste aus Verboten und freiwilligen EinschrĂ€nkungen des Verkaufs von landwirtschaftlichen und Fischereiprodukten zu tragen habe.[593] Tepco könne sich nicht auf die Haftungsausschlussklausel bei Naturkatastrophen berufen, weil dem Unternehmen der unzureichende Schutz der Anlage gegen Tsunamis bekannt gewesen sei.[79] Die GesamtentschĂ€digungen fĂŒr die Landwirtschaft wurden im Dezember 2011 mit umgerechnet rund 1 Mrd. Euro beziffert. Der GroĂteil davon war zu diesem Zeitpunkt bereits ausgezahlt.[481]
Durch die Unfallfolgekosten und den Ausfall weiterer Kraftwerke nach dem Erdbeben[594] geriet Tepco in finanzielle Schwierigkeiten[595] und ersuchte um den 23. MĂ€rz sieben japanische GroĂbanken um Kredite in Höhe von 17 Milliarden Euro, mit denen die SchĂ€den aus der Reaktorkatastrophe bezahlt werden sollen. Zuvor hatten die Ratingagenturen Moodyâs sowie Standard & Poorâs die KreditwĂŒrdigkeit von Tepco herabgestuft.[596] Die Banken stellten die gewĂŒnschten Kredite innerhalb von drei Wochen zur VerfĂŒgung.[48]
Die japanische Regierung erwog eine Aufspaltung des Unternehmens. Das Kraftwerk Fukushima I wĂŒrde demnach aus dem Konzern herausgetrennt und verstaatlicht. Damit kĂ€me der japanische Staat auch fĂŒr die EntschĂ€digungszahlungen infolge der Katastrophe auf.[597] UnabhĂ€ngig davon sagte die Regierung zu, das Unternehmen zu unterstĂŒtzen, falls es die Kosten der Nuklearkatastrophe nicht alleine tragen kann.[598] Am 10. Mai kam Tepco auf dieses Angebot zurĂŒck und bat den Staat offiziell um finanzielle UnterstĂŒtzung.[599]
Die Regierung richtete im September mit einem eigenen Gesetz, einer âLex Tepcoâ, einen UnterstĂŒtzungsfonds mit der Bezeichnung Nuclear Damage Compensation Facilitation Corporation (Fördergesellschaft fĂŒr die Kompensation von NuklearschĂ€den) ein, der sich hauptsĂ€chlich ĂŒber vom Staat garantierte Anleihen finanziert, zunĂ€chst mit einem Volumen von umgerechnet bis zu 18 Milliarden Euro. Weitere BeitrĂ€ge leisten neun der zehn regionalen japanischen Stromversorger und andere Unternehmen der Nuklearindustrie. Der Fonds stellt dem Kraftwerksbetreiber bei Bedarf Geld fĂŒr die Finanzierung von EntschĂ€digungszahlungen zur VerfĂŒgung, das in Raten wieder zurĂŒckgezahlt werden muss.[600][601][602]
Im Jahresabschluss des GeschĂ€ftsjahres 2010/11 (zum 31. MĂ€rz 2011) verbuchte Tepco Aufwand und RĂŒckstellungen von 884 Milliarden Yen (umgerechnet 7,5 Milliarden Euro) fĂŒr bis dahin angefallene und weitere erwartete Kosten der NuklearunfĂ€lle. Davon entfielen 426 Mrd. Yen auf die Stabilisierungs- und SicherungsmaĂnahmen im Kraftwerk, 207 Mrd. Yen auf den geplanten Abbruch der Reaktorblöcke 1 bis 4, 212 Mrd. Yen auf die laufenden Betriebskosten der abgeschalteten Blöcke 5 und 6 und 39 Mrd. Yen auf die Aufgabe der geplanten Blöcke 7 und 8. Die Reparaturkosten fĂŒr andere, vom Erdbeben und Tsunami beschĂ€digte Anlagen bezifferte Tepco auf 133 Mrd. Yen.[603] Nach Vermeldung der Zahlen gaben PrĂ€sident Shimizu Masataka und drei weitere Direktoren ihren RĂŒcktritt zur Hauptversammlung am 28. Juni 2011 bekannt.[604] Weitere 1076 Mrd. Yen (rund 10 Mrd. âŹ) kamen im ersten GeschĂ€ftshalbjahr 2011/12 hinzu, davon der GroĂteil fĂŒr EntschĂ€digungsaufwand.[605]
â zum Beginn der Einzelnachweise
INES 7: Tschernobyl (1986) | Fukushima Daiichi (2011)
INES 6: Kyschtym (1957)
INES 5: Chalk River (1952) | Sellafield (1957) | Santa Susana (1959) | Belojarsk (1977) | Harrisburg (1979) | Tschernobyl (1982) | Wladiwostok (1985) | GoiĂąnia (1987)
37.4213888889141.0325Koordinaten: 37° 25âČ 17âł N, 141° 1âČ 57âł O