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Objektivität ist eine Eigenschaft, die Beurteilungen oder Beschreibungen einer Sache, eines Ereignisses oder eines Sachverhalts zukommt, wenn diese unabhängig von persönlichen Einstellungen, Emotionen, Interessen oder Vorannahmen erfolgen.
Inhaltsverzeichnis |
Substantiviert aus „objektiv“, über französisch objectif, kann man das Wort zurückverfolgen bis zum lateinischen obiacere (gegenüberliegen). Verwandte Begriffe sind Wertfreiheit, Unparteilichkeit, Unvoreingenommenheit, neutraler Standpunkt oder auch neutral point of view NPOV, größtmögliches Ausschalten von Gefühlen und Vorurteilen. Gegenbegriffe sind Subjektivität oder Einseitigkeit. Obiectum lässt sich auch von lat. obicere ableiten und bedeutet das Entgegengeworfene, der Vorwurf oder der Einwurf. Subjekt wäre dann als Antonym mit „das Unterworfene“ zu übersetzen.
Karl Jaspers sieht in der Subjekt-Objekt-Spaltung eine wesentliche Eigenschaft des Denkvermögens, das stets bemüht ist, „das Gegenüberstehende“ zu erkennen und damit die Grenzen des eigenen Selbst zu erweitern bzw. zu überschreiten. Indem wir das Gegenüberstehende zum Gegenstand unseres Denkens machen, eignen wir es uns an, werden wir gar zum anderen.[1] Ähnliche Auffassungen vertritt Thure von Uexküll. Er betrachtet Subjekt und Objekt unter der Einheit von Motivzusammenhängen. Das Subjekt ist den Spielregeln unterworfen, die für den Umgang mit dem Objekt gelten.[2] Dem Objekt wird mit dieser Wortbedeutung eine Vorzugsstellung eingeräumt.
Husserl verneint in seiner Phänomenologie die Möglichkeiten eines objektiven Zugangs zur Welt, da die Wahrnehmung der Objekts immer schon die Welterfahrung des Subjekts beinhaltet.
Nach Ernst von Glasersfeld, einem Vertreter des Radikalen Konstruktivismus, ist alle Wahrnehmung und jede Erkenntnis subjektiv. Intersubjektiv wird eine Erkenntnis dann, wenn auch andere Menschen diese Erkenntnis erfolgreich anwenden. Da auch deren Erkenntnis aber subjektiv ist, wird damit keine Objektivität gewonnen, sondern eben nur Intersubjektivität. Damit ist aber auch keine Erkenntnis der ontologischen Realität möglich. Von Glasersfeld beansprucht daher, die vorausgesetzte Trennung von Objekt und Subjekt überwunden zu haben.[3]
Nach dem semiotischen Modell von Charles Sanders Peirce ist Objektivität das Zeichenobjekt, welches als reines Objekt nie fassbar ist, da es einerseits immer der Interpretation des menschlichen Verstandes unterliegt und andererseits unlösbar mit dem Medium (Publikationsform) verbunden ist, das es zu den interpretierenden Menschen leitet.
Popper, der Begründer des Kritischen Rationalismus, verteidigte den Begriff der Objektivität.[4] Er kritisierte zwar die klassische Sichtweise zum Begriff der Objektivität, nach der Wissen und Erkenntnis durch Begründungsmethoden seine Objektivität erhalte und die Objekvität für die Richtigkeit und Zuverlässigkeit des Wissens garantieren könne. Aber er wies darauf hin, dass Objekvität zumindest im Sinne von intersubjektive Überprüfbarkeit möglich sei. Später erweiterte er seine Sicht und sprach sich für von Objektivität im ontologischen Sinn aus, denn auch wenn eine Annahme nicht begründet werden könne, könne sie dennoch wahr sein und mit der Wirklichkeit übereinstimmen, und wenn sie tatsächlich wahr sei, dann könne sie nicht nur intersubjektiv überprüft werden, sondern auch ihre Konsequenzen wären objektiv zutreffend. Er übernahm Churchills Beispiel der Sonne: Man könne die zutreffende Annahme, dass sie extrem heiß und daher für Lebewesen tödlich sei nicht nur überprüfen, sondern wer in die Sonne fliege, der erleide auch objektiv den Tod.
Für Karl Marx und Friedrich Engels war eine von Klasseninteressen unabhängige „objektive“ Erkenntnis undenkbar. „Die Gedanken der herrschenden Klasse“, schreiben Marx und Engels in der Deutschen Ideologie, „sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so daß ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen wird.“ Die Angemessenheit einer wissenschaftlichen Theorie hängt Marx zufolge jedoch nicht nur davon ab, inwieweit der Wissenschaftler sich von seinen Klassenvorurteilen zu lösen vermag. Wichtiger noch ist, dass die verwendeten Kategorien selbst als historisch bedingte reflektiert werden.
Für den Soziologen Max Weber, der seinem Selbstverständnis nach auf Marx und Nietzsche antwortet, gibt es, niedergelegt in seinem berühmten Aufsatz von 1904, „keine schlechthin ‚objektive‘ wissenschaftliche Analyse des Kulturlebens oder ... der ‚sozialen Erscheinungen‘“.[5] Erkenntnis von Kulturvorgängen geschieht in der „individuell geartete[n] Wirklichkeit des Lebens“ in Abhängigkeit von „Wertideen“ und ist „stets eine Erkenntnis unter spezifisch besonderten Gesichtspunkten“.[6]
Habermas kritisiert am Begriff der Objektivität, die Wissenschaften würden durch ihn „die spezifische Lebensbedeutsamkeit einbüßen“.[7] Er setzt die Offenlegung „erkenntnisleitender Interessen“[8] an die Stelle der Objektivität, die er für unmöglich hält. Beispielhaft vorgeführt wird das von Hans-Ulrich Wehler in der Einleitung seiner „Deutsche[n] Gesellschaftsgeschichte“.[9]
Für Niklas Luhmann sind Objektivität und Subjektivität keine Gegensätze, sondern ähnliche Begriffe in verschiedenartigen Systemen. Objektiv ist, was sich im Kommunikationssystem (= Gesellschaft) bewährt, subjektiv ist, was sich im einzelnen Bewusstseinssystem (grob gesprochen: im Kopf eines Menschen) bewährt. Bewusstseinssysteme können dann „subjektiv das für objektiv halten, was sich in der Kommunikation bewährt, während die Kommunikation ihrerseits Nicht-Zustimmungsfähiges als subjektiv marginalisiert“.[10]
Die Feministin Sandra Harding fordert für ihr Konzept der „strengen Objektivität“, dass die „soziale Situiertheit“ (Donna Haraway) der forschenden Person ins Forschungskonzept miteinbezogen werden müsse (Standpunkttheorie). Beim Konzept der „strengen Objektivität“ geht es darum, die soziale Situiertheit von Wissen anzuerkennen, indem man zusätzlich zum Objektivismus die Position eines historischen Relativismus einnimmt. [11]