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Opium des Volkes

Dieser Artikel befasst sich mit einem Zitat von Karl Marx. FĂŒr das Ă€hnlich benannte Musikalbum siehe unter Opium fĂŒrs Volk.

Religion als „das Opium des Volkes“ ist eine Aussage von Karl Marx. Das Zitat stammt aus der um die Jahreswende 1843/44 verfassten Einleitung zu seiner Schrift Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Diese Einleitung hat er 1844 in der zusammen mit Arnold Ruge herausgegebenen Zeitschrift Deutsch-Französische JahrbĂŒcher veröffentlicht. HĂ€ufig wird das Zitat mit der spĂ€teren leninschen Variante Religion ist Opium fĂŒr das Volk[1] verwechselt.

Inhaltsverzeichnis

Marx' Religionskritik

Karl Marx schloss sich in seiner Religionskritik zunĂ€chst Ludwig Feuerbach an, wenn er am 10. Mai 1842 in der Rheinischen Zeitung ĂŒber die christlichen Landtagsabgeordneten aus dem Ritterstande schrieb:

„Weil ferner die wirkliche Stellung dieser Herren im modernen Staate keineswegs dem Begriff entspricht, den sie von ihrer Stellung haben, weil sie in einer Welt leben, die jenseits der wirklichen liegt, weil also die Einbildungskraft ihr Herz und ihr Kopf ist, so greifen sie, in der Praxis unbefriedigt, notwendig zur Theorie, aber zur Theorie des Jenseits, zur Religion [...]“

– Karl Marx[2]

Bereits 1842 in mehreren Briefen an Arnold Ruge kritisierte Marx allerdings Feuerbachs Form der Kritik, fĂŒr den Religion nur auf persönlichen Erfahrungen wie Tod, Sterblichkeit und dem Verlangen nach Liebe beruhe. Marx fĂŒhrte Religion stattdessen auf die politischen ZustĂ€nde der Gesellschaft zurĂŒck.[3]

In der Veröffentlichung von 1844 erklĂ€rte er die feuerbachsche Kritik der Religion fĂŒr Deutschland als „im wesentlichen beendigt“ und fĂŒhrte aus:

„Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das SelbstgefĂŒhl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben, oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, SocietĂ€t. Dieser Staat, diese SocietĂ€t produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopĂ€disches Compendium, ihre Logik in populĂ€rer Form, ihr spiritualistischer Point-d'honneur (EhrgefĂŒhl), ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche ErgĂ€nzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.

Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrĂ€ngten Kreatur, das GemĂŒth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser ZustĂ€nde ist. Sie ist das Opium des Volks.

Die Aufhebung der Religion als des illusorischen GlĂŒcks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen GlĂŒcks. Die Forderung, die Illusionen ĂŒber seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist. “

– Karl Marx: Einleitung zur Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; in: Deutsch-Französische JahrbĂŒcher 1844, S. 71f, zitiert nach MEW, Bd. 1, S. 378-379

AusfĂŒhrlich stellte Marx seine Einstellung zur Religion dar in Zur Judenfrage, welche 1844 im gleichen Heft der Deutsch-Französischen JahrbĂŒcher als Erwiderung auf Bruno Bauer erschien. In noch grundsĂ€tzlicherer, nicht nur die Religion sondern auch die Philosophie selbst betreffender Form verfasste Marx seine Kritik 1845 in den zu Lebzeiten unveröffentlichten Thesen ĂŒber Feuerbach.

Herkunft

Religion wurde seit dem 17. Jahrhundert als Priesterbetrug kritisiert, so durch Herbert von Cherbury. In schĂ€rferer Form behauptete Anthony Collins um die Wende zum 18. Jahrhundert, dass in der Religion nur Betrug herrsche, und beeinflusste mit seinen Schriften die französische AufklĂ€rung. FĂŒr Julien Offray de La Mettrie garantiert nur der Atheismus das Wohlergehen der Menschheit, weil Glaubenskriege verhindert werden. Nach Claude Adrien HelvĂ©tius ist Religion das eingebildete Interesse der betrogenen Völker, blind bleiben zu wollen. Nach Paul Henri Thiry d’Holbach zerstört ein Atheist die „dem Menschengeschlecht schĂ€dlichen Hirngespinste“. FĂŒr Voltaire sind Religionsstifter BetrĂŒger um der Herrschaft willen, andererseits sichere der Glaube an Gott den Bestand der menschlichen Gesellschaft. Ernster genommen als wĂ€hrend der AufklĂ€rung wurde die gleichwohl zwiespĂ€ltige gesellschaftliche Ordnungsfunktion der Religion nach den Erfahrungen des Terrors der antikirchlichen französischen Revolution. So ĂŒberliefert Pierre-Joseph Proudhon den Ausspruch seines Onkels: „Die Religion ist so notwendig fĂŒr den Menschen wie das Brot, sie ist ihm so verderblich wie das Gift.“[4]

Mit politischem Bezug erschien eine Ă€hnliche Aussage bereits 1797 als „Dieses Opium, das du deinem Volk gibst“ (französisch „C'est de l'opium que tu fais prendre Ă  ton peuple“) im Roman Juliette von Marquis de Sade. Damit erklĂ€rt Juliette dem König Ferdinand die Konsequenzen seiner Politik, die das Volk zu Ignoranz statt verĂ€nderndem Handeln anhĂ€lt.[5]

Das Opium als Mittel zur scheinbar angenehmen BetĂ€ubung rĂŒckte ins öffentliche europĂ€ische Bewusstsein durch die Ereignisse in China, gegen das England von 1839 bis 1842 den Ersten Opiumkrieg fĂŒhrte. Ein weiterer Grund fĂŒr die Bekanntheit des Opiums war neben dem Opiumkrieg die medizinische Anwendung. So wurde in der Chirurgie 1846 die Narkose fĂŒr sĂ€mtliche statt wie zuvor nur fĂŒr große Operationen eingefĂŒhrt.[4]

Den Gedanken, dass Religion berauschen kann und soll, hat Helmut Gollwitzer bis zu Holbach zurĂŒckverfolgen können. Als „narkotisch“ bezeichnete Johann Wolfgang von Goethe in einer Rezension die gesammelten Predigten von Friedrich Wilhelm Krummacher.[4] Friedrich Engels, Marx' WeggefĂ€hrte, berichtete 1839 in seinen Briefen aus dem Wuppertal von der Religion und dem Branntwein als den gĂ€ngigen Rauschmitteln. Als Adjektiv verband nachweislich erstmals Bruno Bauer „opiumartig“ mit Religion. Moses Heß verwendete 1843 Opium, Religion und Branntwein in einem gemeinsamen Zusammenhang.

Marx bezog sich bei seiner Formulierung in der Einleitung zu Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 1844 vermutlich auf Heinrich Heine, den er 1843 kennengelernt hatte. Heine hatte 1840 eine Denkschrift fĂŒr Ludwig Börne veröffentlicht, in der es sarkastisch heißt: „Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bittern Kelch einige sĂŒĂŸe, einschlĂ€fernde Tropfen goss, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben!“. Marx griff Heines Sentenz auf und spitzte diese polemisch zu.[6]

SpÀtere Verwendung

Der Ausdruck ist, auch in der Form als „Opium fĂŒrs Volk“, bis in die Gegenwart hĂ€ufig wiedergegeben worden. Wladimir Iljitsch Lenin interpretierte den Ausspruch als den Kern marxistischer Religionskritik und formuliert:

„Wer sein Leben lang schafft und darbt, den lehrt die Religion Demut und Geduld im irdischen Leben und vertröstet ihn auf den himmlischen Lohn. Wer aber von fremder HĂ€nde Arbeit lebt, den lehrt die Religion WohltĂ€tigkeit hienieden; sie bietet ihm eine wohlfeile Rechtfertigung fĂŒr sein Ausbeuterdasein und verkauft zu billigen Preisen Eintrittskarten zur himmlischen Seligkeit. Die Religion ist das Opium fĂŒr das Volk. Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz, ihren Anspruch auf ein auch nur halbwegs menschenwĂŒrdiges Dasein ersĂ€ufen.“

– Lenin: Sozialismus und Religion, 1905[7]

Der Ausspruch ist mittlerweile ein geflĂŒgeltes Wort und wird und wurde auch in anderen ZusammenhĂ€ngen als nur mit Religion verwendet.

Literatur

  • Helmut Gollwitzer: Die Marxistische Religionskritik und der christliche Glaube, in Marxismusstudien 4, 1962, Seiten 14-19
  • Johannes Kadenbach: Das ReligionsverstĂ€ndnis von Karl Marx, MĂŒnchen 1970, Seite 64ff.
  • Horst Robert Balz, Gerhard Krause, Gerhard MĂŒller (Hrsg.): Theologische RealenzyklopĂ€die, Band 4, Walter de Gruyter, Berlin 1979, ISBN 3-11007714-0
  •  Sergio Vuscovic Rojo: La religion, opium du people et protestation contre la misĂšre rĂ©ele: Les positions de Marx et de LĂ©nine. In: Social Compass. vol. 35, Nr. 2/3, 1988, S. 197-230.</span>
  •  Andrew M. McKinnon: Reading ‚Opium of the People‘: Expression, Protest and the Dialectics of Religion. In: Critical Sociology. vol. 31, Nr. 1/2, 2005.</span>

Weblinks

Ausgabe nach MEW, Bd.1, S.378:

Einzelnachweise

  1. ↑ Zitat in der erweiterten Stelle bei Lenin
  2. ↑ Karl Marx: Debatten ĂŒber Preßfreiheit und Publikation der LandstĂ€ndischen Verhandlungen, Rheinische Zeitung Nr. 130 vom 10. Mai 1842, MEW, Bd.1, S. 47
  3. ↑ Wolfgang Jahnke: Historische Dialektik. Destruktion dialektischer Grundformen von Hegel bis Marx, 1977, Seite 450-451
  4. ↑ a b c Theologische RealenzyklopĂ€die, Band 4, S.408.
  5. ↑ Histoire de Juliette, ou les ProspĂ©ritĂ©s du vice, 5. Kapitel.
  6. ↑ Christoph Drösser (Stimmt’s?): Stimmt’s? Geborgte Droge. In: Die Zeit. Nr. 42, 7. Oktober 2004
  7. ↑ Zitat in der erweiterten Stelle bei Lenin
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