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Otto Hahn (* 8. MĂ€rz 1879 in Frankfurt am Main; â 28. Juli 1968 in Göttingen) war ein deutscher Chemiker, Pionier der Radiochemie, Entdecker der Kernisomerie (Uran Z) und der Kernspaltung des Urans (Nobelpreis 1944). Er gilt als âVater der Kernchemieâ (Glenn T. Seaborg, NobelpreistrĂ€ger fĂŒr Chemie 1951).
Otto Hahn wurde am 8. MĂ€rz 1879 als jĂŒngster Sohn des Glasermeisters und Unternehmers Heinrich Hahn (1845â1922, âGlasbau Hahnâ) und seiner Frau Charlotte Hahn, geb. Giese, (1845â1905) in Frankfurt am Main geboren. Er verlebte zusammen mit seinen BrĂŒdern Karl, Heiner und Julius eine behĂŒtete Kindheit. Mit etwa 15 Jahren begann er sich in besonderer Weise fĂŒr Chemie zu interessieren und unternahm in der WaschkĂŒche einfache chemische Experimente. Der Vater, durch innovative Ideen, FleiĂ und Sparsamkeit zu Wohlstand gekommen, hĂ€tte Otto Hahn gern als Architekten gesehen, da er mehrere Wohn- und GeschĂ€ftshĂ€user gebaut oder erworben hatte. Aber er lieĂ sich ĂŒberzeugen, dass sein Sohn Otto beabsichtigte, die Laufbahn eines Industriechemikers einzuschlagen.
Nach dem Abitur an der Klinger-Oberrealschule in Frankfurt am Main begann Hahn 1897 an der UniversitĂ€t Marburg sein Studium der Chemie und Mineralogie, als NebenfĂ€cher belegte er Physik und Philosophie. Hier wurde Hahn Mitglied im Naturwissenschaftlich-Medizinischen Verein Studierender zu Marburg, einer naturwissenschaftlichen Studentenverbindung und VorlĂ€uferin der heutigen Landsmannschaft Nibelungia. Das dritte und vierte Semester verbrachte er bei Adolf von Baeyer an der UniversitĂ€t MĂŒnchen. 1901 promovierte Hahn in Marburg mit einer Dissertation ĂŒber âBromderivate des Isoeugenolsâ, ein Thema aus der klassischen organischen Chemie. Nach Ende seines einjĂ€hrigen MilitĂ€rdienstes blieb der junge Chemiker noch zwei Jahre als Assistent seines Doktorvaters, Geheimrat Theodor Zincke, an der UniversitĂ€t Marburg.
Hahn strebte eine TĂ€tigkeit in der Industrie an. Aus diesem Grund und zur Verbesserung seiner Sprachkenntnisse wechselte er 1904 an das University College London und wurde Mitarbeiter von Sir William Ramsay, des berĂŒhmten Entdeckers der Edelgase. Hier beschĂ€ftigte sich Hahn mit dem seinerzeit noch jungen Gebiet der Radiochemie. Bei der Arbeit mit Salzen des Elements Radium entdeckte Hahn 1905 das Radiothorium, nach damaligen Vorstellungen ein neues radioaktives chemisches Element. TatsĂ€chlich war es aber ein damals noch unbekanntes Isotop des schon bekannten Elements Thorium, 228Th. Die Begriffe Isotopie und âIsotopâ wurden aber erst 1913 von Frederick Soddy geprĂ€gt. Im Herbst 1905 wechselte Hahn an die McGill-UniversitĂ€t in Montreal, Kanada, um bei Sir Ernest Rutherford seine Kenntnisse zu vertiefen. Hier entdeckte Hahn (nach damaliger Terminologie) die radioaktiven chemischen Elemente Thorium C (heute: das Bismutisotop 212Bi), Radium D (das Bleiisotop 210Pb) und Radioactinium (das Thoriumisotop 227Th).
Im Sommer 1906 kehrte er nach Deutschland zurĂŒck und wurde Mitarbeiter bei Emil Fischer an der Berliner UniversitĂ€t, der Hahn eine âHolzwerkstattâ im Chemischen Institut als eigenes Labor zur VerfĂŒgung stellte. Dort entdeckte Hahn in wenigen Monaten â mit Ă€uĂerst primitiven Apparaturen â das Mesothorium I, das Mesothorium II und â unabhĂ€ngig von Boltwood â die Muttersubstanz des Radiums, das Ionium. Das Mesothorium I (das Radiumisotop 228Ra) erlangte in den folgenden Jahren eine groĂe Bedeutung, da es sich â Ă€hnlich dem Curieschen Radiumisotop 226Ra â hervorragend fĂŒr die medizinische Strahlentherapie eignete, mit dem groĂen Vorteil, dass es in der Herstellung nur die HĂ€lfte kostete (fĂŒr die Entdeckung des Mesothoriums I wurde Otto Hahn 1914 erstmals von Adolf von Baeyer fĂŒr den Chemie-Nobelpreis vorgeschlagen). Im Juni 1907 habilitierte sich Hahn an der UniversitĂ€t Berlin. Am 28. September 1907 lernte er die Physikerin Lise Meitner kennen, die von Wien nach Berlin gewechselt war. Hier begann die 30 Jahre dauernde Zusammenarbeit und lebenslange innige Freundschaft der beiden Wissenschaftler. Nachdem die Physikerin Harriet Brooks 1904 zum ersten Mal den radioaktiven RĂŒckstoĂ beobachtet, aber falsch gedeutet hatte, gelang es Otto Hahn 1909, den RĂŒckstoĂ bei der Alpha-Umwandlung nachzuweisen und richtig zu interpretieren. â...eine grundsĂ€tzlich bedeutungsvolle physikalische Entdeckung mit weittragenden Konsequenzenâ, wie es der Physiker Walther Gerlach einmal formulierte. In der Folgezeit wurden von Hahn und Meitner mit der von ihnen neuentwickelten âRĂŒckstoĂmethodeâ mehrere neue radioaktive Substanzen entdeckt. 1910 wurde Hahn zum Professor ernannt, 1912 ĂŒbernahm er die radiochemische Abteilung im Kaiser-Wilhelm-Institut fĂŒr Chemie in Berlin-Dahlem (heute Hahn-Meitner-Bau der Freien UniversitĂ€t Berlin, Thielallee 63). Als Nachfolger von Alfred Stock war er von 1928 bis 1946 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts fĂŒr Chemie. Bereits 1924 wurde Hahn zum Ordentlichen Mitglied der PreuĂischen Akademie der Wissenschaften in Berlin ernannt (auf Vorschlag von Einstein, Haber, Planck, Schlenk und von Laue).
Nachdem Otto Hahn anlĂ€sslich einer Tagung in Stettin im Juni 1911 die Kunststudentin Edith Junghans kennengelernt hatte, heiratete das Paar am 22. MĂ€rz 1913 in Ediths Geburtsstadt Stettin, wo der Vater, Justizrat Paul Junghans, bis zu seinem frĂŒhen Tode 1915 PrĂ€sident des Stadtparlamentes war. Aus der Ehe ging 1922 als einziger Sohn der spĂ€tere Kunsthistoriker und Architekturforscher (an der Hertziana in Rom) Hanno Hahn hervor, der 1960 zusammen mit seiner Frau und Assistentin Ilse Hahn auf einer Studienreise in Frankreich tödlich verunglĂŒckte. Sie hinterlieĂen einen 14-jĂ€hrigen Sohn, Dietrich Hahn. (Zum GedĂ€chtnis an Hanno und Ilse Hahn und zur Förderung junger begabter Kunsthistoriker(innen) wurde im Jahre 1990 der inzwischen international angesehene Hanno-und-Ilse-Hahn-Preis fĂŒr hervorragende Verdienste um die italienische Kunstgeschichte geschaffen, der alle zwei Jahre vom Kuratorium der Bibliotheca Hertziana in Rom verliehen wird).
WĂ€hrend des Ersten Weltkrieges wurde Hahn zum MilitĂ€r eingezogen, und zwar in die von Fritz Haber geleitete Spezialeinheit fĂŒr chemische KriegsfĂŒhrung. Sie entwickelte, testete und produzierte Giftgas fĂŒr Kriegszwecke. Noch wĂ€hrend des Krieges, seit Dezember 1916, nachdem er wieder nach Berlin versetzt worden war, nahm Hahn seine Arbeit am Institut wieder auf. 1917/18 isolierte er mit Lise Meitner eine langlebige AktivitĂ€t. Sie nannten das Element Proto-Actinium. 1913 hatten Fajans und Göring eine kurzlebige AktivitĂ€t aus Uran isoliert (UX2) und das Element Brevium genannt. Die beiden AktivitĂ€ten sind unterschiedliche Isotope des gleichen Elements Nr. 91, das 1949 von der IUPAC Protactinium genannt wurde. Hahn und Meitner wurden endgĂŒltig als Entdecker bestĂ€tigt.
Im Februar 1921 veröffentlichte Otto Hahn die erste Mitteilung ĂŒber seine Entdeckung des Uran Z. Es ist die Entdeckung der Kernisomerie, âeine fĂŒr die Kernphysik spĂ€ter sehr bedeutungsvoll werdende, damals unverstĂ€ndliche Entdeckungâ, wie Walther Gerlach bemerkte, denn erst 1936 gelang es Carl Friedrich von WeizsĂ€cker, das PhĂ€nomen der Kernisomerie theoretisch zu erklĂ€ren. Auch fĂŒr diese Entdeckung, deren volle Bedeutung doch einige Wenige erkannten, wurde Hahn 1923, unter anderem von Max Planck, fĂŒr den Chemie-Nobelpreis vorgeschlagen.
In den 1920er Jahren schuf sich Otto Hahn ein neues Arbeitsgebiet: Mit der von ihm neuentwickelten âEmaniermethodeâ und dem âEmaniervermögenâ begrĂŒndete er die âAngewandte Radiochemieâ zur Erforschung allgemeiner chemischer und physikalisch-chemischer Fragen. âApplied Radiochemistryâ ist der Titel seines in englischer (und spĂ€ter in russischer) Sprache erschienenen Buches, das die 1933 von Hahn wĂ€hrend seiner Gastprofessur an der Cornell-UniversitĂ€t in Ithaca, New York (USA) gehaltenen Vorlesungen enthĂ€lt. â âMitte der 30er Jahre, sowie in Verbindung mit unserer Arbeit mit Plutonium einige Jahre spĂ€ter, benutzte ich sein Buch âApplied Radiochemistryâ als meine Bibelâ, so Glenn T. Seaborg, PrĂ€sident der United States Atomic Energy Commission, im Jahre 1966.
Gemeinsam mit Lise Meitner und seinem Assistenten Fritz StraĂmann setzte Hahn die Forschungsarbeiten fort, die der italienische Physiker Enrico Fermi durch den Beschuss von Uran mit Neutronen 1934 begonnen hatte. Bis 1938 glaubten alle Wissenschaftler, dass die Elemente mit Ordnungszahlen gröĂer als 92 (die so genannten Transurane) entstehen, wenn man Uranatome mit Neutronen beschieĂt. (Eine Ausnahme stellte die Chemikerin Ida Noddack dar. Sie nahm den Paradigmenwechsel von 1938/39 vorweg, indem sie in Angewandte Chemie (Nr. 47, Jg. 1934) mutmaĂt: âEs wĂ€re denkbar, dass bei der BeschieĂung schwerer Kerne mit Neutronen diese Kerne in mehrere gröĂere BruchstĂŒcke zerfallen, die zwar Isotope bekannter Elemente, aber nicht Nachbarn der bestrahlten Elemente sind.â Aber kein Physiker griff die noddacksche Hypothese auf und ĂŒberprĂŒfte sie, selbst Ida Noddack nicht. Der Zerfall schwerer Atomkerne in leichtere Elemente galt als ausgeschlossen. Am 13. Juli 1938 emigrierte Lise Meitner mit Hahns Hilfe illegal ĂŒber die Niederlande nach Schweden, da sie durch den Anschluss Ăsterreichs an Deutschland im MĂ€rz 1938 ihre österreichische StaatsbĂŒrgerschaft verloren hatte und als JĂŒdin in besonderer Weise gefĂ€hrdet war.
Als Otto Hahn und Fritz StraĂmann im Dezember 1938 in einer mit Neutronen bestrahlten Uranprobe nach Transuranen suchten, fanden sie Spuren des Elements Barium. Zum Nachweis diente ein organisches Bariumsalz des jĂŒdischen Chemikers Wilhelm Traube, dessen spĂ€tere Verhaftung und Ermordung Hahn vergeblich zu verhindern suchte. Aufgrund des entscheidenden Experiments am 17. Dezember 1938 (der berĂŒhmten âRadium-Barium-Mesothorium-Fraktionierungâ) schloss Otto Hahn auf ein âZerplatzenâ des Urankerns in mittelschwere Atomkerne. Dies war die Entdeckung der Kernspaltung. Hahns und StraĂmanns radiochemische Ergebnisse wurden am 6. Januar 1939 in der Zeitschrift âDie Naturwissenschaftenâ veröffentlicht und waren der unwiderlegbare Beweis (der durch Berechnungen der bei der Reaktion beteiligten Energien bestĂ€tigt wurde), dass das Uran in kleinere, aus leichteren Elementen bestehende BruchstĂŒcke gespalten worden war. Nur kurze Zeit spĂ€ter, am 11. Februar 1939 â (Otto Hahn hatte seine Kollegin Lise Meitner ĂŒber seine chemischen Experimente brieflich vorab informiert) â lieferten Lise Meitner und ihr Neffe Otto Robert Frisch â auch er war inzwischen nach Schweden emigriert â eine erste theoretisch-physikalische ErklĂ€rung der Kernspaltung in der englischen Zeitschrift âNatureâ. Frisch prĂ€gte dabei den Begriff ânuclear fissionâ (Kernspaltung), der in der Folgezeit international anerkannt wurde.
âDie Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz StraĂmann hat ein neues Zeitalter in der Geschichte der Menschheit eröffnet. Die dieser Entdeckung zugrunde liegende wissenschaftliche Leistung scheint mir darum so bewundernswert, weil sie ohne jede theoretische Wegweisung auf rein chemischem Weg erreicht worden istâ, schrieb Lise Meitner in einer spĂ€teren WĂŒrdigung. Und in einem ARD-Interview ergĂ€nzte sie: âEs gelang mit einer ungewöhnlich guten Chemie von Hahn und StraĂmann, mit einer phantastisch guten Chemie, die zu dieser Zeit wirklich niemand anderer gekonnt hat. SpĂ€ter haben's die Amerikaner gelernt. Aber damals waren wirklich Hahn und StraĂmann die einzigen, die das ĂŒberhaupt machen konnten, weil sie so gute Chemiker waren. Sie haben wirklich mit der Chemie einen physikalischen ProzeĂ sozusagen nachgewiesen.â Und Fritz StraĂmann erwiderte prĂ€zisierend: âFrau Professor Meitner hat erklĂ€rt, daĂ der Erfolg auf die Chemie zurĂŒckzufĂŒhren ist. Ich muĂ sie etwas korrigieren. Denn die Chemie hat lediglich zustande gebracht eine Isolierung der einzelnen Substanzen, aber nicht eine genaue Identifizierung. Um das durchzufĂŒhren, war die Methode von Herrn Professor Hahn notwendig. Das ist also sein Verdienst.â
DarĂŒber hinaus wird durchaus kontrovers diskutiert, welchen Anteil Lise Meitner an der Deutung der Beobachtungen Hahns hat. Zum Beispiel bezeichnete Ernst Peter Fischer, Physiker und Wissenschaftshistoriker der UniversitĂ€t Konstanz, die Tatsache, dass Lise Meitner keinen Nobelpreis erhielt, sogar drastisch als âDummheit der schwedischen Akademieâ[1].
WĂ€hrend des Krieges arbeitete Otto Hahn â zusammen mit den Mitarbeitern Born, FlĂŒgge, Götte, Seelmann-Eggebert und StraĂmann â an den Spaltreaktionen des Urans und stellte bis 1945 eine Liste der nachgewiesenen 25 Elemente und etwa 100 Isotope auf. Durch sein entschlossenes Auftreten konnte Otto Hahn, der immer ein Gegner der Nazi-Diktatur war â zusammen mit seiner Frau Edith â zahlreichen gefĂ€hrdeten oder verfolgten Institutsangehörigen beistehen und sie vor dem Fronteinsatz oder gar der Deportation bewahren. Schon Anfang 1934 war er aus Protest gegen die Entlassung jĂŒdischer Kollegen, insbesondere Lise Meitners, aus dem Lehrkörper der Berliner UniversitĂ€t ausgetreten.
Bei Kriegsende 1945 wurde Otto Hahn von alliierten Spezialeinheiten der Alsos III-Mission in Tailfingen (heute: Albstadt) festgenommen und mit neun deutschen Physikern (darunter Max von Laue, Werner Heisenberg und Carl Friedrich Freiherr von WeizsĂ€cker) in der NĂ€he von Cambridge (Farm Hall), England, interniert. Dort erfuhren die deutschen Wissenschaftler vom Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Otto Hahn war am Rande der Verzweiflung, da er sich als Entdecker der Kernspaltung mitverantwortlich fĂŒhlte fĂŒr den Tod und das Leiden hunderttausender Japaner. Anfang Januar 1946 durfte die Gruppe wieder nach Deutschland zurĂŒckkehren.
Nachdem Hahn 1943 als auswĂ€rtiges Mitglied von der Königlich Schwedischen Akademie aufgenommen wurde[2], zeichnete sie ihn im Jahre 1945 mit dem Nobelpreis fĂŒr Chemie 1944 aus (âfĂŒr seine Entdeckung der Spaltung schwerer Atomkerneâ â so die offizielle BegrĂŒndung), der ihm 1946 von König Gustav V. von Schweden ĂŒberreicht wurde. âHahn hat sicher den Nobelpreis fĂŒr Chemie voll verdient, da ist wirklich kein Zweifel. Aber ich glaube, daĂ Frisch und ich etwas nicht Unwesentliches zur AufklĂ€rung des Uranspaltungsprozesses beigetragen haben â wie er zustande kommt und daĂ er mit einer so groĂen Energieentwicklung verbunden ist, lag Hahn ganz fern.â schrieb Lise Meitner Ende November 1945 an ihre Freundin Eva von Bahr-Bergius. Und Carl Friedrich von WeizsĂ€cker ergĂ€nzte spĂ€ter: âEr hat in der Tat diesen Nobelpreis verdient, hĂ€tte ihn auch verdient, ohne daĂ er diese Entdeckung gemacht hĂ€tte. Aber daĂ fĂŒr die Kernspaltung ein Nobelpreis fĂ€llig war, das war wohl jedermann klar.â
Von 1948 bis 1960 amtierte Otto Hahn als GrĂŒndungsprĂ€sident der neugeschaffenen Max-Planck-Gesellschaft (MPG) zur Förderung der Wissenschaften, die durch sein Wirken und seine weltweit geachtete Persönlichkeit das frĂŒhere Ansehen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zurĂŒckgewinnen konnte. Schon unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg trat Hahn unter dem Eindruck der KernbombenabwĂŒrfe auf Hiroshima und Nagasaki entschieden gegen den Einsatz der Kernenergie fĂŒr militĂ€rische Zwecke auf. Er sah diese Art der Nutzung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse als Missbrauch, ja sogar als Verbrechen an. So war er, unter anderem, der Initiator der Mainauer Kundgebung von 1955, in der zahlreiche NobelpreistrĂ€ger auf die Gefahren von Kernwaffen aufmerksam machten und die Staaten der Welt eindringlich vor der Anwendung von âGewalt als letztes Mittel der Politikâ warnten. Ferner gehörte er zu den Verfassern der Göttinger ErklĂ€rung, in der er sich 1957 zusammen mit 17 fĂŒhrenden westdeutschen Atomwissenschaftlern gegen die nukleare AufrĂŒstung der deutschen Bundeswehr wandte. Im Januar 1958 unterzeichnete Otto Hahn gemeinsam mit Albert Schweitzer den Pauling-Appell an die Vereinten Nationen zum âsofortigen AbschluĂ eines internationalen Abkommens zur weltweiten Einstellung der Kernwaffenversucheâ, und im Oktober das âAbkommen, eine Versammlung zur Ausarbeitung einer Weltverfassungâ einzuberufen. Bis zu seinem Tode wurde er nicht mĂŒde, eindringlich vor den Gefahren des nuklearen WettrĂŒstens der GroĂmĂ€chte und einer radioaktiven Verseuchung der Erde zu warnen. Seit 1957 wurde Otto Hahn von internationalen Organisationen mehrfach fĂŒr den Friedensnobelpreis vorgeschlagen (u. a. von der gröĂten französischen Gewerkschaft CGT). Linus Pauling, FriedensnobelpreistrĂ€ger 1962, bezeichnete einmal Otto Hahn als âeines meiner Vorbilderâ.
Otto Hahn, seit 1960 EhrenprĂ€sident der Max-Planck-Gesellschaft, erhielt zahlreiche staatliche und akademische Ehrungen und Auszeichnungen auf der ganzen Welt. Er war Mitglied oder Ehrenmitglied von 45 Akademien und Wissenschaftlichen Gesellschaften (darunter die Royal Society in London, die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina[3] sowie die Akademien in Allahabad (Indien), Bangalore (Indien), Boston (USA), Bukarest, Kopenhagen, Helsinki, Lissabon, Madrid, Rom, Stockholm, Wien) und erhielt im Laufe seines Lebens 37 höchste nationale und internationale Orden und Medaillen, darunter die Paracelsus-Medaille (Schweiz), die Faraday-Medaille der British Chemical Society, den Orden Pour le mĂ©rite fĂŒr Wissenschaft und KĂŒnste und von Frankreichs PrĂ€sident Charles de Gaulle den Rang eines Offiziers der Ehrenlegion. Im Jahr 1954 erhielt Otto Hahn das GroĂe Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband und 1959 das GroĂkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 1961 ĂŒberreichte ihm Papst Johannes XXIII. in Rom die Goldmedaille der PĂ€pstlichen Akademie, und 1966 verlieh ihm US-PrĂ€sident Lyndon B. Johnson und die Atomic Energy Commission in Washington D.C. den Enrico Fermi Preis zusammen mit Lise Meitner und Fritz Strassmann. Bereits 1957 wurde Hahn die EhrenbĂŒrgerschaft der Stadt Magdeburg (damals DDR) angetragen und 1958 die Ehrenmitgliedschaft der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. Beide Ehrungen lehnte Hahn ab.
Otto Hahn starb am 28. Juli 1968 in Göttingen. Einen Tag spĂ€ter veröffentlichte die Max-Planck-Gesellschaft in allen groĂen Zeitungen eine Todesanzeige: âUnser EhrenprĂ€sident Otto Hahn ist in seinem 90. Lebensjahr am 28. Juli entschlafen. Als BegrĂŒnder des Atomzeitalters wird er in die Geschichte der Menschheit eingehen. Deutschland verliert mit ihm einen Gelehrten, der sich durch aufrechte Haltung und innere Bescheidenheit in gleicher Weise auszeichnete. Die Max-Planck-Gesellschaft trauert um ihren GrĂŒnder, der die Aufgaben und die Tradition der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft nach dem Kriege fortfĂŒhrte, und um einen gĂŒtigen und geliebten Menschen, der allen unvergessen bleibt, die ihm begegnen durften. Sein Werk wird fortbestehen. Wir gedenken seiner in groĂer Dankbarkeit und Verehrung.â Sein Grab befindet sich auf dem Stadtfriedhof Göttingen, auf dem auĂer ihm auch Max Born, Walther Nernst, Max von Laue, Max Planck, Otto Wallach, Adolf Windaus und Richard Zsigmondy als NobelpreistrĂ€ger bestattet sind. Auf der Grabstele aus Muschelkalk ist die Formel der Uranspaltung eingemeiĂelt.
Zwei Jahre nach seinem Tod schlugen amerikanische Forscher vor, das neu synthetisierte Element Nr. 105 ihm zu Ehren Hahnium zu nennen, 1997 wurde es jedoch von der IUPAC nach dem russischen Forschungszentrum in Dubna endgĂŒltig âDubniumâ genannt. Allerdings ist beabsichtigt, in Zukunft das Element Nr. 108, Hassium, erneut als âHahniumâ zu bezeichnen. Ferner wurde 1964 das einzige nuklear angetriebene europĂ€ische Schiff, der Atomfrachter âNS Otto Hahnâ nach ihm benannt, ebenso wie 1971 zwei Intercity-ZĂŒge der Deutschen Bundesbahn (Strecke Hamburg Altona-Basel SBB).
Ihm zu Ehren und zu seinem GedÀchtnis wurden folgende Auszeichnungen geschaffen: Otto-Hahn-Preis, Otto-Hahn-Medaille und Otto-Hahn-Friedensmedaille.
Otto Hahn war EhrenbĂŒrger der StĂ€dte Frankfurt am Main und Göttingen und des Landes und der Stadt Berlin. Zahlreiche StĂ€dte und Gemeinden im deutschsprachigen Raum benannten Gesamtschulen, Realschulen und Gymnasien nach ihm, und eine unĂŒbersehbare Anzahl von StraĂen, PlĂ€tzen, BrĂŒcken und Wege in Europa trĂ€gt seinen Namen. Mehrere Staaten ehrten Otto Hahn mit Medaillen-, MĂŒnzen- und Briefmarken-Editionen (u. a. die Bundesrepublik Deutschland, die DDR, Angola, Kuba, Ăsterreich, The Commonwealth of Dominica, RumĂ€nien, St. Vincent & The Grenadines, der Tschad, Somalia, Ghana, Madagaskar, Guinea und Bissau).
Otto Hahn ist auf der Frankfurter Treppe verewigt. An der StĂ€tte seines Geburtshauses neben dem Eingang der Kleinmarkthalle Frankfurt befindet sich heute ein Denkmal. Eine Insel in der Antarktis (nahe dem Mt. Discovery) wurde ebenso auf seinen Namen getauft, wie die âOtto-Hahn-Bibliothekâ in Göttingen und das Max-Planck-Institut fĂŒr Chemie in Mainz (âOtto-Hahn-Institutâ). Im MĂ€rz 1959 wurde in Berlin â in Anwesenheit der Namensgeber â das âHahn-Meitner-Institut fĂŒr Kernforschung (HMI)â vom Regierenden BĂŒrgermeister Willy Brandt eingeweiht und 1974 erhielt â in WĂŒrdigung der besonderen Verdienste Otto Hahns um die deutsch-israelischen Beziehungen â ein FlĂŒgel des Weizmann-Institute of Science in Rehovot, Israel, den Namen âOtto-Hahn-Wingâ. In mehreren StĂ€dten und Gemeinden wurden ihm zu Ehren BĂŒsten, DenkmĂ€ler und Gedenktafeln enthĂŒllt, unter anderem in Berlin (Ost- und West-), Boston (USA), Frankfurt/Main, Göttingen, Gundersheim (Rheinhessen), Mainz, Marburg, MĂŒnchen (im Ehrensaal des Deutschen Museums), Rehovot (Israel), Punta San Vigilio (Gardasee) und Wien (im Foyer der IAEA). In der Stadt Göttingen und der Gemeinde Ottobrunn (bei MĂŒnchen) wurden âOtto-Hahn-Zentrenâ geschaffen. Auch in Frankfurt am Main ist ein âOtto-Hahn-Zentrumâ geplant, das unter anderem eine Dauerausstellung ĂŒber Hahns Leben und Wirken beherbergen soll.
Die Internationale Astronomische Union (IAU) ehrte Hahn durch die Benennung eines Mondkraters (zusammen mit Graf Friedrich II. von Hahn) und Marskraters, ferner â auf Vorschlag des Astronomen Freimut Börngen â des Kleinplaneten (19126) Ottohahn. Eine besondere Ehrung wurde Otto Hahn in den Niederlanden zuteil: Nachdem bereits eine Azalee (Rhododendrum luteum Otto Hahn) seinen Namen trug, wurde von hollĂ€ndischen RosenzĂŒchtern eine neue Rose, die âOtto Hahnâ, auf seinen Namen getauft. Sogar ein â vor allem in den 1950er und 1960er Jahren â populĂ€rer Cocktail wurde nach ihm benannt: Der âOtto Hahnâ besteht aus jeweils zwei identischen Mengen Whisky (z. B. Balvenie, Bushmills, Macallan) und Rich Golden-Sherry (z. B. Harveys, Osborne, Sandeman) und wird in vorher angewĂ€rmten Cognac-GlĂ€sern serviert.
Ende 1999 veröffentlichte das Nachrichtenmagazin FOCUS das Ergebnis einer Umfrage unter 500 fĂŒhrenden Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Medizinern nach den wichtigsten Forscherpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, in der Otto Hahn als experimenteller Chemiker â nach den theoretischen Physikern Albert Einstein und Max Planck â mit 81 Punkten auf den dritten Platz und somit zum bedeutendsten empirischen Naturforscher seiner Zeit gewĂ€hlt wurde. (FOCUS, Nr. 52, 1999, S. 103â108).
Der dienstliche Nachlass Otto Hahns befindet sich im Archiv zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft.
Eine Auswahl (in Buchform)
Dokumentarfilme
Spielfilm
âEiner der Wenigen, die aufrecht geblieben sind und ihr Bestes taten wĂ€hrend dieser bösen Jahre.â (Albert Einstein, Princeton (USA), 1949, ĂŒber Hahns Wirken von 1933 bis 1945).
âOtto Hahn verstand es, mit den einfachsten Hilfsmitteln an die schwierigsten Probleme heranzugehen, geleitet von seiner ungewöhnlichen intuitiven Begabung und seinen ebenso ungewöhnlichen, vielseitigen chemischen Kenntnissen. Wie oft habe ich nicht in den langen Jahren unserer Zusammenarbeit gesehen, daĂ er Probleme, die der Physiker sich durch mathematische Formeln klar macht, rein intuitiv und anschaulich erfaĂt hat.â (Lise Meitner, Stockholm, 1949)
âEiner der nobelsten und feinsten Menschen, denen ich je begegnet bin.â (Max Born, Bad Pyrmont, 1955)
âDie groĂe ZuverlĂ€ssigkeit seines Charakters, seine natĂŒrliche LiebenswĂŒrdigkeit und Freude am Scherzen haben ihn auch bei etwaigen schwierigen Diskussionen, wissenschaftlicher oder menschlicher Art, nie verlassen.â (Lise Meitner, Stockholm, 1959)
âObwohl Otto Hahn einer der wenigen Wissenschaftler war, die Geschichte gemacht und eine ganze Ăra der Weltpolitik bestimmt haben, hat er sich doch nie als eine Persönlichkeit der Weltpolitik gefĂŒhlt.â (Manfred Eigen, Göttingen, 1968)
âDie Zahl derer, die sich neben Otto Hahn stellen könnten, ist klein. FĂŒr ihn war seine eigene Handlungsweise zwar selbstverstĂ€ndlich, aber fĂŒr die kommenden Generationen kann sie Vorbild sein, gleichgĂŒltig, ob man in der Haltung Otto Hahns sein menschliches und wissenschaftliches VerantwortungsbewuĂtsein oder seinen persönlichen Mut bewundert. Beides zusammen war selten in einer Person vereinigt anzutreffen, und so hat diese seltene Gabe Otto Hahn die Liebe und die Verehrung seiner Freunde und SchĂŒler erworben und gesichert, und sie wird ĂŒber seinen Tod hinaus hoffentlich das erstrebte Ziel vieler junger Menschen werden.â (Fritz StraĂmann, Mainz, 1968)
âOtto Hahn hat sein so schweres menschliches Schicksal mit unvergleichlicher Haltung getragen. Stets blieb er Ă€uĂerlich heiter, den Mitmenschen zugewandt in nie versiegender HerzensgĂŒte, ein wunderbares Vorbild an sittlicher Kraft. Alle, die ihm begegnen durften, werden die Erinnerung an seine einzigartige Persönlichkeit als unverlierbaren inneren Besitz empfinden.â (Berta Karlik, Wien, 1969)
âJeder, der Otto Hahn kannte, muĂte ihn als Forscher in seiner Arbeit sowie als Mensch in seinem Tun und Denken verehren. Er war Vorbild in seiner Gewissenhaftigkeit, zugleich die Herzen gewinnend in seiner GĂŒte und Bescheidenheit.â (Manfred von Ardenne, Dresden, 1978)
âIch habe oft gedacht, daĂ er einen zweiten Nobelpreis verdient hĂ€tte â den Friedensnobelpreis.â (Prof. Elizabeth Rona, Miami (USA), 1978)
âSo wie er nie die Verfolgung der Juden im Dritten Reich vergessen konnte, benutzte er auch die erste Gelegenheit, Beziehungen zum neuen Staate Israel aufzunehmen. Es war seine letzte groĂe Reise, die unvergeĂlichen Eindruck auf ihn machte.â (Wolfgang Gentner, Heidelberg, 1979)
âIch muĂ einfach sagen, daĂ er der bewundernswerteste Mensch ist, der mir unter den Wissenschaftlern bekannt ist. Seine charakterliche GröĂe, seine SchĂ€rfe des Verstandes und diese absolute Redlichkeit und ZurĂŒcksetzung seiner Person findet man so rasch nicht wieder.â (Prof. Otto Haxel, Heidelberg, 1987)
âDie Menschheit kann nicht auf die Dauer zugleich mit der Kenntnis der Kernspaltung und der Institution des Krieges leben. Dieses Wissen beschattete die letzten Lebensjahrzehnte Otto Hahns. Es bewuĂt getragen zu haben, war sein Beitrag zum unerlĂ€Ălichen BewuĂtseinswandel unserer Zeit. Es war sein Geschenk an die Menschheit.â (Carl Friedrich von WeizsĂ€cker, Starnberg, 1988)
Adolf von Harnack | Max Planck | Carl Bosch | Albert Vögler | Otto Hahn | Adolf Butenandt | Reimar LĂŒst | Heinz Staab | Hans F. Zacher | Hubert Markl | Peter Gruss
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Hahn, Otto |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Chemiker und NobelpreistrÀger |
| GEBURTSDATUM | 8. MĂ€rz 1879 |
| GEBURTSORT | Frankfurt am Main |
| STERBEDATUM | 28. Juli 1968 |
| STERBEORT | Göttingen |