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Papiamentu

Papiamentu oder Papiamento ist eine Kreolsprache mit circa 330.000 Sprechern, die in der Karibik auf den ABC-Inseln (Aruba, Bonaire und Curaçao) gesprochen wird.

Inhaltsverzeichnis

Sprachbezeichnung

Papiamentu gehört zu den Kreolsprachen.

Der Wortschatz des Papiamentu setzt sich zum grĂ¶ĂŸten Teil aus spanischen, portugiesischen und niederlĂ€ndischen Wörtern zusammen. Sowohl die Schreibweise Papiamentu als auch die Verwendung der spanisch orientierten Endung auf –o sind legitim und richtig. Der Name des Kreolischen der „ABC-Inseln“ Aruba, Bonaire und Curaçao geht auf das spanisch-portugiesische Verb hablar/falar („sprechen“, von Lateinisch fabulare) zurĂŒck. UngefĂ€hr 60 % des Wortschatzes der Sprache stammt aus dem Portugiesischen, 25 % aus dem Spanischen und der Rest aus dem NiederlĂ€ndischen, Englischen und aus afrikanischen Sprachen.

Ursprung der Kreolsprache

Papiamentu entstand auf Curaçao wĂ€hrend der zweiten HĂ€lfte des 17. Jahrhunderts. Erst 1700 wurde die Sprache auf die Inseln Bonaire und Aruba transferiert. Die eigentliche Evolution des Papiamentu beginnt erst mit der Besiedelung Curaçaos durch die NiederlĂ€nder. Als Grund fĂŒr seine Herausbildung wird die restriktive Sprachpolitik der niederlĂ€ndischen Kolonialverwaltung angesehen, die die Ausbreitung ihrer eigenen niederlĂ€ndischen Sprache in den Kolonien bremste. Die Sklaven durften kein NiederlĂ€ndisch lernen und die Plantagenbesitzer wohnten relativ isoliert von den Zwangsarbeitern.

Das Kreolische ist das Ergebnis des Kontaktes zwischen folgenden unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen:

SpĂ€ter wurde Papiamentu immer mehr zur Verkehrssprache zwischen Protestanten und Juden und löste das NiederlĂ€ndische als Sprache des öffentlichen Lebens weitgehend ab. Der Autor Frank Martinus Arion, der sich fĂŒr das Papiamento einsetzt, nimmt an, dass die Sprache aus dem PrimĂ€rdialekt „Guene“, einem portugiesischen Pidgin, entstand, das durch die afrikanischen Sklaven benutzt wurde. Einen bedeutenden Anteil an der Sprachentwicklung hatte die jĂŒdisch-portugiesische Bevölkerung der niederlĂ€ndischen Kolonien. Sie war ursprĂŒnglich aus dem brasilianischen Pernambuco geflohen.

Im 19. Jahrhundert erfuhr das Kreolische eine Hispanisierung des Wortschatzes, da das Spanische durch die katholische Mission, zahlreiche lateinamerikanische Emigranten und nicht zuletzt durch die NĂ€he zum spanischsprachigen Festland immer mehr an Bedeutung gewann. Der portugiesische Einfluss hingegen geht immer mehr zurĂŒck.

Bis zum heutigen Tag gibt es verschiedene Theorien, um den ungewöhnlich starken iberoromanischen Charakter des Papiamentu zu erklÀren. Mögliche Quellen des (afro)portugiesischen Elementes der Kreolsprache sind:

  • Die afrikanischen Sklaven, die ein afroportugiesisches Pidgin oder Kreol beherrschten.
  • NiederlĂ€nder und sephardische Juden, die im niederlĂ€ndisch besetzten Teil Brasiliens lebten.
  • EuropĂ€er, die ein (afro- und/oder asiatisches) portugiesisches Pidgin sprachen
  • Sepharden, deren Sprache vermutlich Standardportugiesisch war.

Es wurde festgestellt, dass wÀhrend der Zeit der Herausbildung des Papiamentu die spanischen Elemente vor allem durch die sephardischen Juden beigesteuert wurden. Diese Bevölkerungsgruppe wurde ab 1492 durch die katholischen Könige aus Spanien und Portugal vertrieben und siedelte sich unter anderem auf den ABC-Inseln an. Es hat sicherlich auch einen Beitrag der venezolanischen Priester gegeben. Der Einfluss des Kastilischen ist teilweise noch da, hauptsÀchlich durch die Medien. Da es aber keine nennenswerte Einwanderung von Spanischsprechern gibt, hat das Papiamentu seinen eigenstÀndigen Charakter bemerkenswert beibehalten.

Sprachgenese

Bei kaum einer Sprache sind sich Forscher so uneinig, was ihre Entstehung betrifft, wie bei Papiamentu. Es gibt im Wesentlichen drei Theorien, wie die Sprache entstanden ist:

  1. Monogenetische Hypothese:
    Diese Theorie glaubt, dass alle Kreolsprachen, also auch Papiamentu, aus einem „afroportugiesischen Protokreol“ (APPK) hervorgegangen sind. In den KĂŒstengebieten Westafrikas entwickelte sich dieses APPK aufgrund der jahrzehntelangen Handelskontakte zwischen den Portugiesen und den Afrikanern. SpĂ€ter wurden die portugiesischen Merkmale zum Teil durch französische, spanische, englische beziehungsweise niederlĂ€ndische Elemente und Worte ersetzt. Dadurch entstanden die verschiedenen Kreolsprachen der Karibik. Dazu gehören neben Papiamentu auch Jamaika-Englisch, Haiti-Französisch sowie Spanisch-Kreol auf Kuba, in Venezuela und Kolumbien.
  2. Polygenetische Hypothese:
    Bei dieser Theorie wird angenommen, dass jede Kreolsprache ausschließlich von anderen unabhĂ€ngig aus einer europĂ€ischen Sprache entstanden ist.
    So sei Papiamentu aus dem Spanischen/Portugiesischen beziehungsweise anderen iberischen Sprachen entwickelt worden.
  3. Die dritte Hypothese
    behauptet, dass Papiamentu auf einer spanischen Grundlage mit einem portugiesischen Substrat entstanden ist. Sowohl Papiamentu, als auch die Kreolsprachen Palenquero-Spanisch (Kolumbien) und Bozal-Spanisch (Puerto Rico) sind aus diesem Protokreol im 16. und 17. Jahrhundert entstanden.

Momentan gewinnt allerdings eine vierte Hypothese PopularitĂ€t, laut welcher das Papiamentu ein relexifizierter Ableger einer frĂŒhen VarietĂ€t der Kreolsprache Oberguineas ist, wie es auf den Inseln der Kapverden und in Guinea-Bissau und Casamance gesprochen wird (vgl. Jacobs 2009).

Lexik des Papiamentu

So uneinig sich die Forscher bei der Entstehung des Papiamentu sind, so sind sie sich aber sicher, dass zwei Drittel des Wortschatzes iberoromanischen Ursprungs sind, also aus dem Portugiesischen oder aus dem Spanischen stammen. Zu 28 Prozent besteht Papiamentu aus niederlĂ€ndischen und zu sechs Prozent aus Wörtern anderen Ursprungs wie etwa Englisch und Französisch. Der hohe Anteil der niederlĂ€ndischen Wörter beweist den gemischten Charakter des Kreols. Vereinzelt trifft man in Papiamentu auf afrikanisches Wortmaterial und auf Wörter indigener Sprachen. Die Wörter afrikanischen Ursprungs sind meist im Bereich der ErnĂ€hrung, der Fauna angesiedelt oder direkt mit der afrikanischen Kultur verbunden. NatĂŒrlich gibt es den Wortschatz betreffend Unterschiede zwischen den Inseln: Ist der Einfluss des NiederlĂ€ndischen auf Curaçao am stĂ€rksten, so ist es der des Spanischen auf Aruba. Bei den Wörtern mit iberoromanischem Ursprung ist es meist schwer zu bestimmen, aus welcher VarietĂ€t sie entlehnt wurden, da sich die Sprachen der iberischen Halbinsel im 17. Jahrhundert, als sich das Kreol ausbildete, noch nĂ€her standen, als das heute der Fall ist. Von den iberoromanischen Wörtern sind etwa 60 Prozent entweder spanisch oder portugiesisch, 25 Prozent eindeutig spanisch und vier Prozent eindeutig portugiesisch. Ein geringer Anteil stammt aus dem Galicischen oder könnte aus allen drei Sprachen entstammen. [1]

Deutsch Portugiesisch Papiamentu Guinea-Bissau Kreol Kapverdisches Kreol* ** Spanisch CatalĂ 
Willkommen Bem-vindo Bon BinĂ­ BĂŽ bim drito Bem-vindo*** Bienvenido Benvingut
Guten Tag Bom Dia Bon dia Bon dia Bon dia Buenos dĂ­as Bon dia
Danke Obrigado Danki Obrigadu Obrigadu Gracias GrĂ cies
Wie gehts dir? Como vais? Kon ta bai? KumĂĄ ku bo na bai? MĂłdi ki bu sa ta bai? ÂżCĂłmo te va? Com estĂ  vostĂš?
sehr gut Muito bom Mashå bon Mutu bon Mutu bon Muy bien Molt bé
mir gehts gut Eu estou bom/bem Mi ta bon N' sta bon N sta dretu Yo estoy bien Estic bé
ja, ich bin Sim, Eu Sou Si, Mi ta N', Mi i N, Mi e SĂ­, yo soy sĂ­, sĂłc
hab einen guten Tag Passa um bom dia Pasa un bon dia Pasa un bon dia Pasa un bon dia Pasa un buen dia tenir un bon dia
sehe dich spÀter Vejo-te depois, até logo Te aweró N' ta odjå-u dipus N ta odjù-u dipÎs, Te lógu Te veo después fins després
Essen Comida Kuminda Bianda Kumida Comida Menjar
Brot PĂŁo Pan Pon Pon Pan PĂ 
Saft Suco, Sumo Djus Sumu Sumu Zumo / Jugo Suc
ich liebe Curaçao Eu gosto de Curaçao Mi stima KĂČrsou N' gosta di Curaçao N gosta di Curaçao Yo amo Curazao Jo estimo Curaçao

*Variante des Kreolisch von Santiago
**Schreibweise dieses Beispiels: ALUPEC
***Portugiesischer Ausdruck, der im Kreolischen benutzt wird.

Grammatik der Kreolsprache

Die Grammatik des Papiamentu weist alle fĂŒr Kreolsprachen typischen Merkmale auf: Einfachheit, Konsequenz sowie nur selten UnregelmĂ€ĂŸigkeiten:

  • Subjekt und PrĂ€dikat bleiben immer gleich: Mi ta lesa – Ich lese; Mi ta lesa? – Lese ich?; Awe mi ta lesa – Heute lese ich.
  • Verben werden nie konjugiert, sondern von einem Zeit- und Aspektpartikel begleitet: Mi ta lesa – Ich lese; Bo ta lesa – Du liest; Nos ta lesa – Wir lesen usw.
  • Das Geschlecht wird nicht unterschieden: feminin = maskulin = neutrum.
  • Pluralbildung durch AnhĂ€ngung des Pronomens der 3. Person Plural (nan): kos – kosnan ; yu – yunan (außer bei Zahlwörtern: 4 kos, 2 yu)

Papiamentu ist eine tonale Sprache, Tonhöhe und Akzentuierung sind bedeutungsunterscheidend:

  • Brua (Ton: tief-hoch) = verwirren
  • Brua (Ton: hoch-tief) = schwarze Magie
  • BruĂĄ (Ton: tief-hoch) = verwirrt, verrĂŒckt (Partizip Perfekt)

Unterschiede zwischen Papiamentu und anderen Kreolsprachen

Am auffĂ€lligsten unterscheidet sich die Kreolsprache der ABC-Inseln von den anderen durch ein außergewöhnlich hohes Prestige und die große Akzeptanz des Papiamentu in allen Kontexten und Gesellschaftsschichten. Ihr Prestige stieg umso mehr, als im Laufe der Zeit alle Bevölkerungsschichten das Papiamentu als Umgangssprache verwendeten. Unter anderem aus diesem Grund verfĂŒgt die Sprache ĂŒber eine ungewöhnlich lange und intensive literarische Tradition. Auch wirtschaftliche Faktoren mĂŒssen beachtet werden: Auf den ABC-Inseln findet man einen in der Region einmaligen Lebensstandard vor. Dieser ist auch seiner dem Erdölproduzenten Venezuela vorgelagerten Geographie zu verdanken, da dessen Produkte teilweise auf Aruba raffiniert wurden. Auf Curaçao geschieht das noch heute. Das grĂ¶ĂŸte natĂŒrliche Innenhafenbecken der westlichen HemisphĂ€re ist fĂŒr Curaçao ebenfalls ein sehr positiver Faktor. In den letzten Jahren ist fĂŒr die Inseln der wachsende Tourismus sehr wichtig geworden, vor allem fĂŒr Aruba, wĂ€hrend Bonaire und Curaçao noch etwas aufzuholen haben. Zudem ist das Bildungsniveau gut, sogar zunehmend. Die Analphabetenrate ist im Vergleich zu anderen karibischen Inseln niedrig. Die Inseln haben gelegentlich allerdings noch mit Arbeitslosigkeit und DrogenkriminalitĂ€t zu kĂ€mpfen.

Ein weiterer Faktor, der zur wirtschaftlichen StabilitĂ€t beitrĂ€gt, ist sicherlich das VerhĂ€ltnis zum Mutterland. Als autonomer Teil des Königreichs der Niederlande hatten die ABC-Inseln einen leichteren Stand als andere karibische Staaten, wie z. B. Haiti, das sich fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit entschied.

Positiv auf die Entwicklung des Papiamentu wirkt sich auch das wachsende Interesse internationaler Linguisten fĂŒr diese Sprache aus, die allesamt von einer „bemerkens- und förderungswerten VarietĂ€t“ sprechen. Das Papiamentu befindet sich also in einer Phase des Ausbaus.

Sprachsituation

Papiamentu in Religion und Kultur

Papiamentu war und ist die dominante Sprache auf religiösem Gebiet. Ein wichtiger Faktor fĂŒr die Entwicklung und Ausbreitung der Sprache war sicherlich ihre Verwendung durch die katholische Mission.

Besonders in der Zeit von 1750 bis 1900 wurde Papiamentu durch die Ordensleute zunĂ€chst spanischer, spĂ€ter aber vor allem niederlĂ€ndischer Herkunft „gefördert“: Sie erkannten schon sehr frĂŒh den Wert der kreolischen Muttersprache fĂŒr die Mission. Zur Bekehrung der schwarzen Inselbevölkerung verwendeten sie in der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts bereits in ihren Predigten das Kreolische. So ĂŒbersetzten sie neben Katechismen auch Bibelkapitel und religiöse SchullehrbĂŒcher, um fĂŒr die rasche Verbreitung des Glaubens und eine den kirchlichen Moralvorstellungen entsprechende Bildung zu sorgen. 88% der Bevölkerung der NiederlĂ€ndischen Antillen sind katholisch, doch auch von den anderen Glaubensgemeinschaften wird heute hauptsĂ€chlich das Kreol als religiöse Sprache verwendet. So waren es besonders katholische Schriften, wie etwa Übersetzungen von Teilen der Bibel und anderer GlaubensbĂŒcher, die den ersten Schritt zur kreolischen Literatur bahnten. Das erste Werk, das auf Papiamentu erschien, war ein Katechismus aus dem Jahre 1825. Seit den 1940er Jahren wird Papiamentu auch auf kulturellem Gebiet verwendet. Seien es TĂ€nze, Musik oder Theater, die Literatur oder die Medien – das Kreolische dominiert. SĂ€mtliche literarische Werke werden in der Kreolsprache geschrieben. Aufgrund des grĂ¶ĂŸeren Marktes werden Romane aber zumeist in niederlĂ€ndischer Sprache verkauft. Besonders erwĂ€hnenswert ist der Autor Pierre Lauffer mit seinem Lyrikwerk Patria (1944) und die erste literarische Zeitschrift Simadan aus den 1950er Jahren. In dieser Zeit intensivierte sich auch die AktivitĂ€t des Theaters und literarische Gruppen entstanden auf den Inseln. Seit den 1980er Jahren wird durch offizielle Programme versucht, das literarische Schaffen zu fördern und besonders Publikationen von Literatur fĂŒr Kinder anzuregen.

Papiamentu im medialen Bereich

Obwohl NiederlĂ€ndisch die offizielle Sprache der ABC-Inseln ist, bestehen auf den drei Inseln, neben drei niederlĂ€ndischsprachigen Zeitungen, mehr als zehn auf Papiamentu. Außerdem gibt es rund 20 Radiostationen, wovon allerdings nur eine vollstĂ€ndig auf NiederlĂ€ndisch sendet. Die jeweiligen TV-Stationen, von denen es eine pro Insel gibt, senden hauptsĂ€chlich auf Papiamentu. NiederlĂ€ndisch wird in erster Linie als „Minderheitenprogramm“ gesendet. Papiamentu ist die Sprache der Volksvertretungen. Das bisher noch immer als Amtssprache geltende NiederlĂ€ndische wird auf den ABC-Inseln „freiwillig“ kaum bis ĂŒberhaupt nicht mehr verwendet, außer im Umgang mit europĂ€ischen NiederlĂ€ndern.

Im Vergleich zu anderen Kreolsprachen ist Papiamentu trotz seiner viel geringeren Sprecherzahl besser und hĂ€ufiger im Internet prĂ€sent, was wohl nicht zuletzt mit dem bei weitem höheren Lebensstandard zusammenhĂ€ngen dĂŒrfte. Es gibt sowohl touristisch orientierte Webseiten, welche die Sprachen nur am Rande streifen, jedoch fast immer darauf hinweisen, dass auf den ABC-Inseln Papiamentu gesprochen wird. Es werden auch Ursprung und hĂ€ufig auch wichtige Wörter und Phrasen des Papiamentu angefĂŒhrt. Auf manchen Websites wird die Sprache allerdings nur als Dialekt bezeichnet. Neben den touristischen Internetseiten gibt es auch Zeitungen und andere offizielle Webseiten im Netz. Dadurch, dass jede Insel, jede Zeitung und zahlreiche Touristenzentren mit eigenen Seiten im Internet prĂ€sent sind, wird versucht, den Menschen das Papiamentu nahe zu bringen. Alles in allem bekommt man den Eindruck vermittelt, es mit einer weiter verbreiteten Sprache zu tun zu haben, als dass dies tatsĂ€chlich der Fall ist.

Obwohl Papiamentu die Muttersprache von rund 90% der Bevölkerung auf den ABC-Inseln ist, bleibt NiederlĂ€ndisch weiterhin die einzige offizielle Sprache. Papiamentu ist aber in den Inselparlamenten als Amtssprache zugelassen. Die Sprache wird seit der 2. HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts in den gedruckten Medien verwendet. Mittlerweile sind alle Medien kreolisch dominiert. Das NiederlĂ€ndische bleibt weiterhin in der Verwaltung und im Schulwesen von Bedeutung. In diesem Zusammenhang ist es bedauerlich, dass sich die ABC-Inseln nicht auf eine einheitliche Orthographie einigen konnten. Probleme ergeben sich auch aus der Tatsache, dass nicht einmal auf Curaçao die Verwendung der Sprache einheitlich ist. Im Gegensatz zu anderen Kreolsprachen befindet sich das Papiamentu aufgrund seiner stabilen Sprachstruktur nicht in einer Phase der Dekreolisierung. Das heißt, dass weder das NiederlĂ€ndische noch das Spanische eventuelle Ziele einer Sprachentwicklung sind. Obwohl HollĂ€ndisch lange Zeit die Sprache des Prestiges war, liegt Spanisch nicht nur geographisch gesehen, sondern auch was den Wortschatz betrifft, bedeutend nĂ€her. Viele Bewohner der ABC-Inseln haben schon im spanischsprachigen Ausland gearbeitet, die Kommunikation verlĂ€uft ohne nennenswerte Probleme. Papiamentu verfĂŒgt unter den Kreolsprachen der Karibik ĂŒber eine beispielhafte Akzeptanz, die durch alle sozialen Schichten geht.

Die Kreolsprache im Schulwesen

Auf den ABC-Inseln herrscht eine sehr komplexe politisch-administrative Situation. FĂŒr das Schulsystem verantwortlich ist die zentrale Regierungsstelle der NiederlĂ€ndischen Antillen, allerdings mit Ausschluss Arubas. Administrative Verantwortung tragen außerdem noch die so genannten „Island Boards“, die es auf jeder Insel gibt. Deshalb kommt es öfters zu Unstimmigkeiten zwischen diesen Stellen. Erst seit dem 19. Jahrhundert gibt es ĂŒberhaupt Bildungsmöglichkeiten fĂŒr Kinder auf den NiederlĂ€ndischen Antillen. Die römisch-katholische Mission ĂŒbernahm vor allem fĂŒr die Kinder aus unteren sozialen Schichten die Erziehung. In diesen so genannten „folk schools“ erfolgte der Unterricht durch die Priester hauptsĂ€chlich auf Papiamentu. Allerdings wurde 1936 Papiamentu als Unterrichtssprache wieder verboten, weil die NiederlĂ€nder wieder mehr politisches und ökonomisches Interesse an den Inseln entwickelten. Hauptgrund dafĂŒr war die Ansiedelung des Shell-Konzerns in den 1920er Jahren und in deren Folge die Einwanderung niederlĂ€ndischer ArbeitskrĂ€fte. In der Verwendung des NiederlĂ€ndischen als Unterrichtssprache lag ein schwerwiegendes soziologisches und soziales Problem: 95% der SchĂŒler sind nicht-niederlĂ€ndischstĂ€mmig und können bis zum Schuleintritt auch heute noch meist kein Wort NiederlĂ€ndisch. Es war unter Androhung von Strafe ausdrĂŒcklich verboten, Papiamentu zu sprechen, weil die Beherrschung der Kreolsprache als Hindernis beim Erwerb des HollĂ€ndischen angesehen wurde. Bei Studien wurde festgestellt, dass – falls die Bildung auf NiederlĂ€ndisch erfolgt – sich bei den SchĂŒlern die produktiven FĂ€higkeiten erst viel spĂ€ter entwickeln und es auch bei der linguistischen und kulturellen Orientierung der Kinder zu Problemen kommen kann. Gerade Kinder, die zu Hause nur Papiamentu sprechen und aus einer niedrigen sozialen Schicht kommen, waren in diesem Schulsystem zu Misserfolg verurteilt. Erfolgt der Unterricht hingegen auf Papiamentu, das die Muttersprache des Großteils der SchĂŒler und SchĂŒlerinnen ist, können viele psychologische Konflikte vermieden werden.

1979 wurde das Gesetz fĂŒr die EinfĂŒhrung von Papiamentu in der Grundschule beschlossen. Erst sieben Jahre spĂ€ter, nĂ€mlich 1986, wurde die Sprache auch tatsĂ€chlich unterrichtet. Damals wurde entschieden, dass Papiamentu tĂ€glich in der Schule unterrichtet werden sollte, der Hauptunterricht erfolgte allerdings auch weiterhin auf NiederlĂ€ndisch. Es gibt lediglich zwei Schulen, in denen der Unterricht ausschließlich auf Papiamentu erfolgt. 1990 gab es erneut eine Diskussion ĂŒber die EinfĂŒhrung des Papiamentu als Unterrichtssprache in der Grundschule. NiederlĂ€ndisch sollte nur noch als Fremdsprache unterrichtet werden. Außer im Kindergarten, in der Grundschule und in den pĂ€dagogischen Akademien wird Papiamentu im Unterricht nicht verwendet. In den mittleren und höheren Schulen erfolgt der Unterricht auf NiederlĂ€ndisch. Mit Grund hierfĂŒr ist, dass sehr viele Studenten in den Niederlanden bzw. im benachbarten SĂŒdamerika studieren mĂŒssen, weil auf den ABC-Inseln – bis auf Technik, Wirtschaft und Recht – keine Studienrichtungen angeboten werden. Weitere GrĂŒnde, die Schulbildung auf NiederlĂ€ndisch beizubehalten, wĂ€ren, dass Papiamentu eine Minderheitensprache ist und vielen Linguisten zufolge noch nicht weit genug ausgebildet ist, um eine EinfĂŒhrung als Unterrichtssprache zu rechtfertigen. DarĂŒber hinaus scheitert das Vorhaben an den Kosten der Umstellung, fehlendem Unterrichtsmaterial und dem Mangel an gut ausgebildetem Lehrpersonal.

Probleme der Standardisierung

Eines der Hauptprobleme der Standardisierung des Papiamentu bezieht sich auf die Loslösung Arubas aus dem Verband der NiederlĂ€ndischen Antillen 1986. Auf den ABC-Inseln gibt es keine kulturelle HomogenitĂ€t. Auf Aruba gab es immer weniger Sklaven als auf Curaçao. Dadurch gibt es einen grĂ¶ĂŸeren Anteil weißer Bevölkerung. Außerdem pflegte Aruba immer einen intensiveren Kontakt zu den spanischsprachigen NachbarlĂ€ndern und fĂŒhlt sich dadurch deren Kultur nĂ€her. Dadurch, dass Curaçao eine Vormachtstellung im Verband der niederlĂ€ndischen Antillen einnahm, hatten die Bewohner Arubas immer das GefĂŒhl einer doppelten AbhĂ€ngigkeit: einerseits von den Niederlanden und andererseits von Curaçao. Diese Faktoren beeinflussten besonders die orthographische Norm des Papiamentu. So ist das Papiamento auf Aruba nach wie vor durch eine stĂ€rker an das Spanische angelehnte Rechtschreibung geprĂ€gt. Man schreibt dort: falsifica (fĂ€lschen), falsificacion (FĂ€lschung), conexion (Verbindung), scur (dunkel). Auf Curaçao hingegen lautet die Schreibweise: falsifikĂĄ, falsifikashon, konekshon, sukĂș. Ein anderer Faktor fĂŒr die Hemmung der Standardisierung ergibt sich daraus, dass bis heute noch keine universitĂ€re Lehre und Forschung des Papiamentu auf den niederlĂ€ndischen Antillen existiert. DarĂŒber hinaus gibt es auf den ABC-Inseln sehr viele Lehrer, die Papiamentu nicht als Muttersprache sprechen, weil sie aus anderen LĂ€ndern (beispielsweise aus Surinam) stammen und die Kreolsprache sehr schlecht beherrschen. Unter anderem deswegen erfĂ€hrt Papiamentu insbesondere seit den 1980er Jahren einen staatlich geförderten, gezielten Ausbau-, Normalisierungs- und Standardisierungsprozess.

Zukunftsperspektiven des Papiamentu

Die Kreolsprache befindet sich derzeit in einer Phase des Ausbaus. Eine Sprache, die sich noch in Entwicklung befindet, ist immer besonderen Gefahren ausgesetzt. Einmal abgesehen von den beiden verschiedenen Schreibweisen der ohnehin kleinen Sprache, droht vor allem Gefahr von einem „niederlĂ€ndisch-intellektuellen“ Papiamentu. Diese Bedrohung geht von Sprechern aus, die im Mutterland studiert haben und sich das NiederlĂ€ndische angeeignet haben. Sie lassen unbewusst niederlĂ€ndische Syntax, Grammatik und Wortschatz in ihre Muttersprache einfließen. Auch jene Linguisten, die sich mit dem Papiamentu befassen, lassen oft unbewusst solche AusdrĂŒcke in ihre Arbeiten einfließen, da diese Wissenschaftler meist Nederlandisten oder Hispanisten sind. Auch in den Zeitungen der NiederlĂ€ndischen Antillen sind des Öfteren so genannte „Barbarismen“ zu finden, wie Halbbildungen oder Verwechslungen, die auf Nederlandismen, Anglizismen und Hispanismen zurĂŒckzufĂŒhren sind. Durch das immer grĂ¶ĂŸer werdende wissenschaftliche Interesse sowie die UnterstĂŒtzung von nationalen und internationalen Kreolisten bestehen gute Chancen, die Standardisierung des Papiamentu erfolgreich abzuschließen und es endgĂŒltig zur Nationalsprache der ABC-Inseln zu machen.

Literatur

  • Iris Bachmann: Die Sprachwerdung des Kreolischen. Eine diskursanalytische Untersuchung am Beispiel des Papiamentu. Narr-Verlag, TĂŒbingen 2005.
  • Eva Eckkrammer: Papiamentu: eine Kreolsprache, die man auch schreiben kann. In: Moderne Sprachen 37, 3, 1993, S. 133-159.
  • Eva Eckkrammer: How to Pave the Way for the Emancipation of a Creole Language. Papiamentu, or What Can a Literature Do for its Language. In: Hoogbergen, Wim (ed.). Born Out of Resistance. On Caribbean Cultural Creativity. Utrecht: Isor-Publications, 1994, S. 359-365.
  • Eva Eckkrammer: Zu Sprachpolitik und „Fachsprachenmanagement” einer Kleinsprache: Papiamentu auf dem Weg zur Vollsprache.In: Budin, Gerhard (ed.). Multilingualism in Specialist Communication. Proceedings of the 10th European LSP Symposium Vienna, 29 Aug.-1 Sept., 1995. Vol.II. Wien: Termnet, 1996, S. 1179-1198.
  • Eva Eckkrammer: ‚Na kaminda pa haña un identidat kompletu‘: Perspektiven und Möglichkeiten des Einwirkens von kreolischer Literatur auf das kulturelle SelbstverstĂ€ndnis einer Minderheit. In: Kattenbusch, Dieter (ed.). Kulturkontakt und Sprachkonflikt in der Romania. Wien: BraumĂŒller (= Ethnos 50), 1997, S. 95-111.
  • Eva Eckkrammer: The Standardisation of Papiamentu: New Trends, Problems and Perspectives. In: Dazzi Gross, Anna-Alice / Lorenza Mondada (eds.). Les langues minoritaires en contexte. Minderheitensprachen im Kontext. Bd. I. Les langues minoritaires entre diversitĂ© et standardisation. Minderheitensprachen zwischen Vielfalt und Standardisierung. NeuchĂątel: Institut de linguistique de lÂŽUniversitĂ© de NeuchĂątel (= Bulletin suisse de linguistique appliquĂ©e 69/1), 1999, 59-74.
  • Eva Eckkrammer: Papiamentu, Cultural Resistance, and Socio-Cultural Challenges: The ABC Islands in a Nutshell. In: Journal of Caribbean Literatures 5/1, 2007, 73-93.
  • Bart Jacobs. 2009. The Upper Guinea origins of Papiamentu. Linguistic and historical evidence. Diachronica 26:3, S. 319-379.
  • Johannes Kramer: Die iberoromanische Kreolsprache Papiamento: eine romanistische Darstellung, Hamburg: Buske 2004 (=Romanistik in Geschichte und Gegenwart, Beiheft; 11), ISBN 3-87548-380-4
  • Philippe Maurer: Les modifications temporelles et modales du verbe dans le papiamento de Curacao (Antilles Neerlandaises). Avec une anthologie et un vocabulaire papiamento-francais . Buske Verlag, Hamburg 1988 (= Kreol. Bibliothek Band 9)

Weblinks

Papiamentu Sorosoro-Fiche:

Einzelnachweise

  1. ↑ Vgl. hierzu: Papiamentus Swadesh-100 Wortliste
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