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Patrick Roth wuchs in Karlsruhe auf und besuchte das humanistische Bismarck-Gymnasium, an dem er 1972 die ReifeprĂŒfung ablegte. Unmittelbar nach dem Abitur ging er nach Paris, die französische Sprache zu lernen und u.a. an der CinĂ©mathĂšque ein privates Filmstudium zu betreiben, das vier bis sieben Filme pro Tag umfasste. Ab 1974 studierte er Anglistik, Germanistik und Romanistik an der UniversitĂ€t Freiburg im Breisgau.
1975 erhielt er ein einjĂ€hriges Stipendium des DAAD fĂŒr die University of Southern California in Los Angeles, wo er Filmproduktion und Regie am Cinema Department studierte. Nach Ablauf des Stipendiums beschloss er, sich auf Dauer in den Vereinigten Staaten niederzulassen.
1978 entstand sein erster eigener Kurzfilm The Boxer, 1980 der Film The Killers, eine Bearbeitung der gleichnamigen Short Story von Charles Bukowski. 1981 bis 1984 absolvierte er eine Schauspielerausbildung bei dem Regisseur Daniel Mann und arbeitet als Co-Autor und Dialogue-Coach bei verschiedenen Produktionen mit.
Seit den 1980er Jahren schrieb Roth eine Reihe von Hörspielen fĂŒr deutsche Rundfunksender und TheaterstĂŒcken, die er ĂŒberwiegend selbst inszenierte. Er arbeitete als Filmjournalist fĂŒr deutsche Zeitungen, zuerst als Auslandskorrespondent fĂŒr das Cinema Magazin, spĂ€ter dann v.a. fĂŒr die SĂŒddeutsche Zeitung. 1986 wurde er Mitglied der Hollywood Foreign Press Association und der Motion Picture Association of America und damit stimmberechtigt bei den Golden Globe-Preisverleihungen.
Seit den 1990er-Jahren ist Roth als Schriftsteller bekannt. Er publiziert Novellen, Romane, ErzĂ€hlungen und ErzĂ€hlzyklen, die biblisch-mythische Stoffe mit Filmmotiven verbinden und die gegensĂ€tzlichen SphĂ€ren von Alltag und Transzendenz verknĂŒpfen.
2001 hielt er die Poetik-Vorlesungen an der UniversitÀt Frankfurt am Main, 2004 hatte er die Poetik-Dozentur an der UniversitÀt Heidelberg inne. Im Sommersemester 2008 lehrte er, ebenfalls im Rahmen einer Poetik-Dozentur, an der UniversitÀt Hildesheim.
2006 kehrte er zu seinen filmischen AnfĂ€ngen zurĂŒck und drehte im Auftrag des ZDF den autobiographischen Film-Essay In My Life â 12 Places I Remember, eine Nachzeichnung seines Weges als deutscher Schriftsteller in Amerika.
Patrick Roth ist seit 1999 Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. Er lebt in Santa Monica bei Los Angeles.
Am Anfang von Roths Schriftstellertum steht die Liebe zum Kino, die in privaten Filmstudien an der CinĂ©mathĂšque von Paris (1971â1972) vertieft und im Studium der Filmproduktion und Regie am Cinema Department der âUniversity of Southern Californiaâ (1975â1976) professionalisiert wurde. Erste kĂŒnstlerische Arbeiten sind zwei Kurzfilme, fĂŒr die Roth in Drehbuch, Regie, Schnitt und Produktion verantwortlich zeichnet. The Boxer (1978) erzĂ€hlt die Geschichte eines Ex-Champions, der nach zwanzig Jahren Revanche vom frĂŒheren Rivalen fordert. Am Santa-Monica-Strand kommt es zur neuerlichen Begegnung, die unerwartet in eine Epiphanie unterm Pier mĂŒndet. The Killers (1980), eine filmische Adaption der gleichnamigen Short Story von Charles Bukowski, stellt dagegen den Abgesang auf jegliche Erlösung dar: Der Plan zweier harmloser Stadtstreicher, eine Beverly-Hills-Villa auszurauben, endet in einer unvorhergesehenen Orgie sinnloser Gewalt.[1]
Als Schriftsteller erregte Roth groĂes Aufsehen mit seiner Christus-Trilogie, die aus drei Texten besteht: Riverside (1991), Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten (1993) und Corpus Christi (1996). Sie wurden 1998 unter dem Gesamttitel Resurrection (engl.: Auferstehung), dem Leitmotiv der Trilogie, zusammengefasst und neu herausgegeben. In ihnen verarbeitet der Autor im Rahmen von Kriminalhandlungen neutestamentliche Motive in einer neuartigen Vermischung von Kunst- und Umgangssprache.[2]
Als seine zentralen Inspirationsquellen nennt Roth den Film und die Stadt des Films, Los Angeles, des Weiteren die Literatur, die Bibel und die Tiefenpsychologie der Schule von C.G. Jung, insbesondere in der Lesart von Edward F. Edinger, des amerikanischen Tiefenpsychologen, der Jungs Werk vielfach kommentierte.[3]. Roths literarische Vorbilder sind Hölderlin, Kleist, Goethe, Hebel, Celan und Joyce. Zu Roths Lieblingsregisseuren zĂ€hlen insbesondere Charlie Chaplin, Orson Welles, John Ford, Akira Kurosawa, Ingmar Bergman, Alfred Hitchcock und Michelangelo Antonioni. Spuren dieser kĂŒnstlerischen Leitbilder finden sich in fast allen seiner Texte. Zum Beispiel wird Kleists Das Erdbeben in Chili in der ErzĂ€hlung Die Frau, die den Dieb erschoĂ anverwandelt und weitererzĂ€hlt oder Edgar Allan Poes Schauergeschichte Das verrĂ€terische Herz wird in die Gegenwart der sechziger Jahre ĂŒbertragen und als abgrĂŒndige Liebesgeschichte eines Karlsruher OberschĂŒlers zu seiner englischen Privatlehrerin neu erzĂ€hlt (beide im ErzĂ€hlzyklus Die Nacht der Zeitlosen, 2001). Der Plot von John Fords Westernklassiker Der Mann, der Liberty Valance erschoĂ unterliegt wie eine Folie dem Roman Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten (1993): Wie im Film wird die Geschichte vom Protagonisten selbst aus der RĂŒckschau erzĂ€hlt, wie der Film setzt der Roman das Ende an den Anfang, so dass Vergangenheit und Gegenwart sich zu einem Kreis schlieĂen. Meine Reise zu Chaplin (1997) gilt als deutlichste Hommage Roths ans Kino. Der autobiographische Ich-ErzĂ€hler schildert aus der Perspektive des Filmstudenten, wie ihm Chaplins Film City Lights, dt. Lichter der GroĂstadt zur kĂŒnstlerischen Offenbarung wurde. Höhepunkt der ErzĂ€hlung ist die Schilderung der Schlusssequenz zwischen BlumenmĂ€dchen und Tramp, die mit filmischen Mitteln so in Sprache ĂŒberfĂŒhrt wird, dass der Leser die Szene zu sehen beginnt.
Typisch fĂŒr Roths Stil ist die visuell-szenische ErzĂ€hlweise, die den ErzĂ€hlstoff in Bilderreihen ĂŒberfĂŒhrt. Sie bewirkt gröĂtmögliche Unmittelbarkeit und AuthentizitĂ€t. Genuin filmische ErzĂ€hlmittel wie Dissolve, dt. Ăberblendung und Suspense, die er in seinen Poetikvorlesungen als literarische Grundprinzipien erlĂ€utert, strukturieren seine Texte. Die filmische Machart soll den Leser emotional am Geschehen beteiligen, mit dem Ziel, ihm eigene Erfahrungen zu ermöglichen. Roth versteht seine Literatur in diesem Sinn als âPassagenbereiterinâ [4], die Durchgang in die Region seelischen Erlebens schaffen soll. Sie grĂŒndet auf dem empirischen Finden des Stoffs innen (in der eigenen Psyche) und auĂen (in Bibel, Literatur, Film). Roth selbst fasst die genuin empirische Grundlage seines Schreibens in die Formel âno fictionâ, womit er seine Literatur als ânicht erfundenâ im Sinne von ânicht konstruiertâ bezeichnet. [5] Mit diesem Bekenntnis zur AuthentizitĂ€t steht Roth in einem starken Gegensatz zu den spielerischen Tendenzen der Postmoderne, wie Michaela Kopp-Marx betont: âLeicht könnte man in âno fictionâ die Wurzeln von Roths Ausnahmestellung innerhalb einer zunehmend marktorientierten Literatur erkennen. Was sein Werk auszeichnet â der Reichtum an BezĂŒgen zum klassischen Kino Hollywoods wie zu den heiligen Texten der Bibel â tĂ€uscht auf den ersten Blick darĂŒber hinweg, dass es sich um ein Schreiben handelt, das zutiefst auf Erfahrung grĂŒndet, auf dem Erleben eines Inneren, dem â mit allen Mitteln des versierten ErzĂ€hlers â authentisch Ausdruck verliehen wird.â [6] Damit einher geht Roths Bestreben, seine Kunst mit IntensitĂ€t aufzuladen, die auch die groĂe Emotion, den Enthusiasmus und das Pathos nicht scheut. Nach Reinhold Zwick âist der Autor ein Regisseur geblieben, ein Regisseur der Spracheâ.[7]. Roth selbst fĂŒhrt seine Liebe zum Kino, seine intensive LektĂŒre der Bibel und sein Schreiben in Bildern auf ureigene Erfahrungen mit dem Unbewussten zurĂŒck. In seinem Film In My Life berichtet er von einem Traumerlebnis, das ihm mit 25 Jahren geschah und sein Leben verĂ€nderte:
âPlötzlich war ein zweites Zentrum in Sicht gekommen. Eine heimliche Mitte schien auf, mit der ich bis zu diesem Zeitpunkt â ein Leben lang â nicht gerechnet hatte. Neue nach oben gestoĂene Schichten hatten das Alte durchbrochen, zogen mich in Bann: Mein Sehen, FĂŒhlen, Schreiben wurde â nachhaltig â beeinfluĂt. Das Apartment unterm Dach war mein Aornum in Thesprotis, also die Stelle, woâs damals zur Unterwelt hinabfĂŒhrte. Den Traum selbst⊠â einen solchen Quell-Traum darf man nicht verraten. Die BĂŒcher â und das eigene Leben â gehen im Kreis um ihn, zirkumambulieren seine zentrale Erfahrung, suchen ihn in immer neuen Bild- und Sinn-Aspekten zusammen-zu-sammeln, diesen groĂen Traum.â
â [8].
Traum-Bilder und Visionen finden sich wiederkehrend in Roths Texte eingewebt. Sie verweisen auf die Wirklichkeit des Unbewussten, die hinter der OberflĂ€che verborgen liegt und diese von Zeit zu Zeit durchbricht. âDer Einbruch eines GröĂeren, Göttlichen in die menschliche RealitĂ€tâ ist ein Spezifikum von Roths Literatur[9]. Das Unterlegen seiner ErzĂ€hlungen und Romane mit einer zweiten Sinnschicht hat ihm auch Kritik eingetragen und wurde verschiedentlich als symbolische Ăberfrachtung moniert. Die sichtbare Wirklichkeit auf eine andere umfassendere Wirklichkeit hin zu öffnen, beschreibt der Autor als eines seiner zentralen kĂŒnstlerischen Anliegen, das er mit dem filmischen Mittel des Dissolve zu realisieren sucht: âAls Schriftsteller lege ich es darauf an, diese andere â unten immer schon wartende Schicht â, Bedeutungsschicht, im Geschriebenen durchscheinen zu lassen, als hielte ich die beschriebene Handlung in einem dauernden oder immer wieder ansatzweise aufscheinenden Dissolve.â [10]. Die Vereinigung von Bereichen, die als gegensĂ€tzlich empfunden werden, ist ein Markenzeichen von Roths Literatur. Die âKombination der Pole von Bibel und Hollywood ist nachgerade zu Roths Etikett in der Ăffentlichkeit gewordenâ (Hans-RĂŒdiger Schwab).
Die Welt der Bibel und der Apokryphen ist neben dem Kino und der Psyche die dritte wichtige Bezugsquelle von Roths Schreiben. Biblisches Heilsgeschehen wie Auferstehung und Totenerweckung, christliche Mysterien wie Eucharistie und Taufe sind wiederkehrende Motive, die entweder direkt in Szene gesetzt werden oder auf die indirekt angespielt wird. Roth greift durchgĂ€ngig auf christliche Themen, Vorstellungen und Bilder zurĂŒck, ohne dass er einer ausgesprochen christlichen Literatur zuzurechnen wĂ€re. Seine âSonderstellung im heutigen Literaturbetriebâ [11] beruht nicht zuletzt darauf, dass er â gegen die Moden der Zeit â den Stoffkreis der Bibel fĂŒr die Gegenwartsliteratur wiederentdeckte und ihr neue Deutungen abgewinnt. Roths Sicht auf dieses zentrale Kulturgut ist symbolisch: âPatrick Roth liest die Bibel als mythologischen Text, als Reservoir prĂ€gnanter Muster und Werte, die Grundprinzipien menschlicher Existenz und seelischen Erlebens Ă€hnlich wie die Alchemie, das MĂ€rchen, der Mythos exemplarisch abbilden.â [12].
Roth berĂŒhrt Extreme: Deutschland und Amerika, Mythos und Gegenwart, Film und Literatur, Alltag und Transzendenz gehen in seinem Werk Synthesen ein. Der Autor versteht das ZusammenfĂŒhren von Getrenntem als das eigentliche Ziel seiner kĂŒnstlerischen Arbeit: âWorin besteht nun meine Aufgabe als Schriftsteller? Immer wieder darin, das UnbewuĂte, Unpersönlich-Numinose und Zeitlose mit dem BewuĂtsein, mit dem Persönlich-Individuellen, mit dem ganz und gar Zeitlichen in Beziehung zu setzen, Schnittstellen der BewuĂtwerdung dieser uns alle bestimmenden GegensĂ€tze zu schaffen, zu entdecken, freizulegen.â[13].
Das Erscheinen der GegensĂ€tze, z.B. das plötzliche Entzweibrechen eines sicher geglaubten VerhĂ€ltnisses oder eines ganzen Lebensentwurfs, durchzieht Roths Geschichten wie ein rotes Band. Oft setzt die Handlung im Zustand eines aufgelöst Chaotischen ein, das sich im Verlauf des ErzĂ€hlens neu zu ordnen beginnt. Am Ende des ErzĂ€hlprozesses hat sich das Zerbrochene zu einer neuen Ordnung gefĂŒgt. Neue Einsichten wurden dabei gewonnen, ein Lebensinn hat sich offenbart. Diese erlösende Sinnhaftigkeit, die im Durchgang durch Krisen und Konflikte gewonnen wird, ist ein charakteristisches Merkmal von Roths ErzĂ€hlen. [14] Besonders anschaulich wird es in dem Geschichtenzyklus Starlite Terrace (2004), dessen Erscheinen der Literaturkritiker Hubert Winkels zum Anlass nahm, die Eigenart von Roths Literatur zusammenfassend zu beschreiben:
âBiografie, Filmstil und apokalyptische Vision durchdringen sich zu einem Bild der Welt, in dem jedes Detail in unbewusster Zuordnung Teil eines Grossen ist. Die Asche im Pool wird zum Sternenzelt, das Weltall verdichtet sich zu einem schnaubenden Pferdekopf, das Partyfeuer zum reinigenden Weltenbrand. Es sind solche Ăbersteigerungen, die man zu Unrecht fĂŒrchtet in der Literatur. Die Literatur darf das Erhabene und das Pathos reiten wie ein Sternenross â wenn sie kann. Und Roth kann es wie niemand sonst. Das ist, marketingtechnisch gesprochen, sein Alleinstellungsmerkmal. Und die Bewunderung hierfĂŒr wird auch dann nicht geschmĂ€lert, wenn man den an Wahnsinn grenzenden Exzess der Sinnhaftigkeit des Weltgeschehens nicht teilt. Dass noch die trivialste Beziehungskrise [âŠ] eine Kommunikation mit dem ans Absolute grenzenden Eigenen bedeutet, daran kann uns diese extrem aufgeladene Literatur erinnern. Sie ist geradezu ein Erinnerungsmodell und -verfahren, das man lesend erleben kann. Sie fordert nachdrĂŒcklich die aktive Versenkung, von der sie erzĂ€hlt. Man kann sich sperren, aber unberĂŒhrt bleiben kann man nicht. â
â [15]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Roth, Patrick |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Schriftsteller und Regisseur |
| GEBURTSDATUM | 25. Juni 1953 |
| GEBURTSORT | Freiburg im Breisgau |