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Paul(-Otto) Schmidt (* 23. Juni 1899 in Berlin; † 21. April 1970 in Gmund bei München) war von 1924 bis 1945 Chefdolmetscher im Auswärtigen Amt, Büroleiter des Ministers, zudem ab 1935 offizieller Dolmetscher Adolf Hitlers und ab 1940 SS-Standartenführer.[1]
Inhaltsverzeichnis |
1917/1918 nahm Schmidt als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und wurde an der Westfront verwundet. Danach studierte er neuere Sprachen in Berlin und arbeitete gleichzeitig für eine amerikanische Zeitungsagentur. Ab 1921 nahm er an Kursen des Auswärtigen Amts (AA) zur Ausbildung von Konferenzdolmetschern teil, bei denen er sich bereits durch seine herausragende Gedächtnisleistung hervortat. Im Juli 1923 nahm Paul Schmidt – noch während der Examensvorbereitungen – den ersten Auftrag vom Sprachendienst des AA an, und zwar am Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag.
Nach einem Sprachstudium in Berlin war Schmidt kurz im Fremdsprachenamt der Reichsregierung tätig. Ab 1924 jedoch arbeitete er als Dolmetscher im Auswärtigen Amt. Unter Gustav Stresemann stieg Schmidt bis zum Chefdolmetscher auf, eine Funktion, die er selbst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten bis 1945 bekleidete. Er war in dieser Rolle beteiligt an den Verträgen von Locarno und nahm auch an vielen weiteren wichtigen internationalen Konferenzen teil.
Weitere wichtige Stationen seiner Karriere waren:
1943 trat Schmidt in die NSDAP ein.
Als der Schweizer Gesandte Peter Anton Feldscher am 12. Mai 1943 im Auftrag der britischen Regierung beim Auswärtigen Amt anfragte, ob Bereitschaft bestünde, 5000 jüdische Kinder aus dem deutschen Herrschaftsbereich nach Palästina ausreisen zu lassen, erarbeitete dessen für „Judenangelegenheiten“ zuständiges Referat Inland II unter Horst Wagner und Eberhard von Thadden eine propagandistische Zurückweisung dieses im Amtsjargon als Feldscher-Aktion bezeichneten Rettungsversuches, die auch Schmidt als Büroleiter Ribbentrops vorgelegt wurde und die er am 29. Juni 1943 mit dem handschriftlichen Vermerk versah: „Ich halte das vorgeschlagene Verfahren für ausgezeichnet.“[2]
Die „letzte Amtshandlung“ Schmidts als „Leiter des Ministerbüros im Auswärtigen Amt“ im April 1945 bestand, so der Historiker Hans-Jürgen Döscher, in der Vernichtung geheimer Dokumente, so dass die Alliierten „nur noch leere Panzerschränke“ in der Wilhelmstraße 74 vorfanden.[3]
Im Mai 1945 wurde Schmidt von den Amerikanern verhaftet und interniert. Er gehörte zu den Diplomaten, die bei ihren Verhören durch die Alliierten im Oktober 1945 den deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 „nicht etwa als Eskalation des deutschen Angriffskrieges, sondern als notwendigen strategischen Schritt zur Selbstverteidigung werteten“.[4] 1948 wurde Schmidt entlassen. 1950 erfolgte vor der Spruchkammer Miesbach seine Einstufung als „Entlasteter“, woraufhin er seine Tätigkeit als Übersetzer fortsetzte.
Schmidt leitete ab 1952 ein Dolmetscher- und Spracheninstitut in München. Bei der Bundestagswahl 1953 kandidierte er für die rechtskonservative Deutsche Partei, verpasste jedoch den Einzug ins Parlament. Im Wintersemester 1952/53 übernahm er die Funktion des Rektors des Sprachen- und Dolmetscher-Instituts München. 1967 verzichtete er aus Altersgründen auf eine erneute Kandidatur.
1965 wurde u. a. auch gegen Paul-Otto Schmidt wegen seiner positiven Stellungnahme vom Juni 1943 zur Verhinderung der Ausreise von 5000 jüdischen Kindern nach Palästina ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren „wegen Mordes“ eingeleitet, das im April 1970 aufgrund Schmidts Tod endete.[5]
Statist auf diplomatischer Bühne nennt Schmidt die um seine Verstrickungen in die NS-Vernichtungspolitik bereinigten und in der Tendenz apologetischen Memoiren, die er als persönliche Erinnerungen eines wichtigen Ohrenzeugen an 21 Jahre europäische Außenpolitik aus nächster Nähe darstellt.
Die Darstellung beginnt mit seinen Fronterfahrungen während des Ersten Weltkrieges bei der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 und dem Einsatz als Aushilfe als Konferenzdolmetscher vor dem Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag, den er 24-jährig schon vor dem Universitätsexamen absolviert.
Dann schildert Schmidt den Weg über die Londoner Konferenz (1924) zu Dawes-Plan und Ruhrkampf[6] bis zum Vertrag von Locarno und die Rolle, die Aristide Briand und Gustav Stresemann dabei einnahmen, wie die Genfer Abrüstungsverhandlungen im Rahmen des Völkerbundes, an denen Heinrich Brüning teilnahm, ebenso wie Ribbentrops Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes bis hin zum grotesken Einsetzen einer französischen Marionettenregierung im Oktober 1944[7] aus nächster Nähe, immer im Bemühen, seinem Anspruch gerecht zu werden „eine lebendige Beurteilung der Geschehnisse“[8] zu liefern.
Bemerkenswert sind dabei insbesondere die Bilder, die Schmidt von Arthur Neville Chamberlain (energisch, Hitler zum Zurückweichen drängend)[9] sowie von Franco und Pétain vermittelt, die den Bündnisangeboten Hitlers nach seinem Sieg über Frankreich widerstanden.[10]
Da nach seiner Überzeugung Sachkenntnis für das Dolmetschen wichtiger ist als die Sprachbeherrschung[11] und ihm aufgrund der Übersetzungstechnik (bei der grundsätzlich geschlossene Redebeiträge im Zusammenhang wiedergegeben werden) ausführliche Aufzeichnungen zu all diesen Verhandlungen vorliegen, entsteht ein atmosphärisch dichtes, aber auch recht detailliertes Bild.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schmidt, Paul-Otto |
| ALTERNATIVNAMEN | Schmidt, Paul |
| KURZBESCHREIBUNG | Chefdolmetscher im Auswärtigen Amt |
| GEBURTSDATUM | 23. Juni 1899 |
| GEBURTSORT | Berlin |
| STERBEDATUM | 21. April 1970 |
| STERBEORT | München |