|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Paul Carell (eigentlich Paul (Karl) Schmidt; * 2. November 1911 in Kelbra; â 20. Juni 1997 in Rottach-Egern) war im Zweiten Weltkrieg Pressechef von AuĂenminister Joachim von Ribbentrop und SS-ObersturmbannfĂŒhrer. In den 1950er Jahren war er Journalist bei der âZeitâ und dem Magazin âDer Spiegelâ, ab den 1960er Jahren bei verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen des Verlegers Axel Springer, als dessen persönlicher Berater und Sicherheitschef er bis zum Tod des Verlegers 1985 fungierte. Er war ab den 1960er Jahren zudem Bestsellerautor von BĂŒchern zum Zweiten Weltkrieg, insbesondere zum Unternehmen Barbarossa. Ab 1993 gibt es auch die Eigenbezeichnung âCarell-Schmidtâ, z. B. auf der GrĂŒndungsurkunde der Hans-Filbinger-Stiftung, der TrĂ€gerin des Studienzentrums Weikersheim.
Inhaltsverzeichnis |
In einfachen, aber gesicherten VerhĂ€ltnissen als einziges Kind seiner alleinerziehenden Mutter Henriette Schmidt im Haus seines GroĂvaters, des Schuhmachermeisters Karl Schmidt, in der Kleinstadt Kelbra am Nordhang des KyffhĂ€usergebirges aufgewachsen,[1] trat Schmidt 1931 als Oberprimaner der NSDAP (Mitglieds-Nr. 420.853) und der SA bei.[2] Als Psychologie-Student der UniversitĂ€t Kiel war er Leiter des dortigen âKampfausschusses wider den undeutschen Geist.â Diese âKampfausschĂŒsseâ agitierten als Speerspitze der deutschen Studentenschaft gegen âjĂŒdischen Intellektualismusâ.[3] Die âAktion wider den undeutschen Geistâ bereitete die BĂŒcherverbrennungen einen Monat spĂ€ter vor. Folglich trat er am 10. Mai 1933 als studentischer Redner bei der BĂŒcherverbrennung in Kiel auf.[2] Er hatte verschiedene Positionen im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund inne und ĂŒbernahm 1935/36 kommissarisch das Amt des GaustudentenfĂŒhrers von Schleswig-Holstein. WĂ€hrend seines Studiums ist er 1931 der Kieler Burschenschaft Arminia im ADB beigetreten, 1934 wurde er Mitglied der Burschenschaft Hansea Hamburg.[4]
1936 wurde Schmidt in Kiel mit seiner Dissertationsschrift BeitrĂ€ge zur Lehre von Bedeutungsbildern in den indogermanischen Sprachen zum Dr. phil. promoviert.[2] AnschlieĂend war er Assistent am Psychologischen Institut der UniversitĂ€t Kiel. Hier lernte er auch Karlfried Graf DĂŒrckheim kennen, der ihn 1936 in die Dienststelle Ribbentrop holte. Schmidt arbeitete zunĂ€chst in der sogenannten âMaterialstelleâ, die Informationen fĂŒr Ribbentrop zusammenstellte.[5] 1938 wurde Schmidt Mitglied der SS (Nr. 308.263).[2] und kam als Legationsrat II. Klasse in die Presse- und Nachrichtenabteilung des AuswĂ€rtigen Amts (AA).[2] Dabei löste er kurzfristig Rudolf Likus als Pressereferent Ribbentrops ab, durch den sich Ribbentrop wĂ€hrend der Konferenz von MĂŒnchen nicht ausreichend ĂŒber die auslĂ€ndische Presse informiert fĂŒhlte. Schmidt erhielt auĂerdem den Auftrag, eine âNachrichtenbeschaffungsstelleâ fĂŒr den Minister aufzubauen. TatsĂ€chlich baute er die Presseabteilung des AuswĂ€rtigen Amts in den Jahren 1939/40 im In- und Ausland erheblich aus.[5] In der SS stieg Schmidt bereits 1940 zum ObersturmbannfĂŒhrer auf. Im selben Jahr wurde er Pressesprecher fĂŒr AuĂenminister Joachim von Ribbentrop und Gesandter I. Klasse. In dieser Position war ihm die Nachrichten- und Presseabteilung im AuswĂ€rtigen Amt unterstellt. Am 10. Oktober 1940 wurde Schmidt zum Ministerialdirigenten befördert, am 26. Juni 1941 stieg er zum Ministerialdirektor auf, dem dritthöchsten Dienstrang nach dem des StaatssekretĂ€rs und UnterstaatssekretĂ€rs.[6]
Wichtigste Aufgabe Schmidts war die Leitung der tĂ€glichen Pressekonferenzen seines Ministeriums. Daher wird er als einer der wichtigsten Propagandisten des Nationalsozialismus wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs angesehen. Auch auf die mit 2,5 Millionen Exemplaren auflagenstĂ€rkste NS-Propagandazeitschrift âSignalâ hatte er maĂgeblichen Einfluss. Neuere Forschungen untermauern, dass sein Einfluss dem von Otto Dietrich (Reichspressechef Adolf Hitlers) und von Hans Fritzsche (Pressechef im Reichspropagandaministerium) zumindest ebenbĂŒrtig war.
Schmidt verband persönlichen Antisemitismus mit Streben nach Vorteilsannahme und Karriere. So forderte er in einem Schreiben an UnterstaatssekretĂ€r Martin Luther Ende Dezember 1941 diesen auf, beim Generalbauinspektor darauf hinzuwirken, âeine Judenwohnung zugeteilt zu bekommenâ und bat konkret âum Zuweisung einer 9 bis 10 Zimmerwohnungâ.[7] Dass Schmidt den Holocaust mit Mitteln der Propaganda gerechtfertigt hat, gilt als gesichert. Diese propagandistische Rechtfertigung erfolgte in Zusammenarbeit mit der âKulturpolitischen Abteilungâ, der Franz Six vorstand und der Referatsgruppe âInland IIâ mit ihrem Leiter Horst Wagner â dem Verbindungsmann zwischen Ribbentrop und Himmler â und stellvertretenden Leiter sowie Judenreferenten des AuswĂ€rtigen Amtes, dem promovierten Juristen Eberhard von Thadden.
Als die Deportationen slowakischer Juden Ende Juni 1942 von der dortigen Regierung gestoppt wurden, erhöhte die deutsche Seite den Druck auf MinisterprĂ€sident Tuka: âPaul Karl Schmidt, der Sprecher des AuswĂ€rtigen Amtes, erklĂ€rte derweil in Bratislava der Presse, das Problem der Juden sei ein Problem der politischen Hygiene, das ĂŒberall zu bekĂ€mpfen sei, um den Zerfall des nationalen Organismus zu verhindern.â[8]
Im Mai 1944 erteilte Schmidt RatschlÀge, wie man die Deportation und Ermordung ungarischer Juden rechtfertigen könne, um den Vorwurf eines Massenmords nicht aufkommen zu lassen:
âDie geplante Aktion [gegen die Budapester Juden] wird in ihrem AusmaĂ groĂe Aufmerksamkeit erregen und Anlass zu einer heftigen Reaktion bilden. Die Gegner werden schreien und von Menschenjagd usw. sprechen und unter Verwendung von GrĂ€uelberichten die eigene Stimmung bei den Neutralen aufzuputschen versuchen. Ich möchte deshalb anregen, ob man diesen Dingen nicht vorbeugen sollte dadurch, dass man Ă€uĂere AnlĂ€sse und BegrĂŒndungen fĂŒr die Aktion schafft, z. B. Sprengstofffunde in jĂŒdischen VereinshĂ€usern und Synagogen, Sabotageorganisationen, UmsturzplĂ€ne, ĂberfĂ€lle auf Polizisten, Devisenschiebungen groĂen Stils mit dem Ziel der Untergrabung des ungarischen WirtschaftsgefĂŒges. Der Schlussstein unter eine solche Aktion mĂŒsste ein besonders krasser Fall sein, an dem man dann die GroĂrazzia aufhĂ€ngt.â[9]
Nationalsozialistische EuropaplĂ€ne propagierte Schmidt in dem Handbuch Europa, fĂŒr das AuĂenminister Ribbentrop ein Geleitwort verfasst hatte. Schmidt schrieb dort 1943 ĂŒber die Achse:
âWir Nationalsozialisten mĂŒssen den europĂ€ischen Raum neu ordnen [âŠ]. [Europa kann] in der Zukunft nur in der faschistischen und nationalsozialistischen Lebensform leben. [âŠ] Nachdem die westlichen liberalistischen GrundsĂ€tze ihre Eignung fĂŒr die Ăberwindung der europĂ€ischen Lebensnöte verloren [haben, stehen die beiden LĂ€nder] bei der Gestaltung des europĂ€ischen Staatensystems vor einer groĂen revolutionĂ€ren Aufgabe.â[10]
Schmidt wurde am 6. Mai 1945 verhaftet und war annĂ€hernd zweieinhalb Jahre lang interniert. Es blieb lange offen, ob er als Angeklagter oder als Belastungszeuge vor Gericht erscheinen sollte. Noch im August 1947 legte die Anklagebehörde eine Liste mit 16 Namen vor, gegen die Anklage erhoben werden sollte, darunter auch Paul Karl Schmidt.[11] Doch letztlich trat er im WilhelmstraĂen-Prozess als Zeuge der Anklage auf, belastete insbesondere Reichspressechef Otto Dietrich schwer und stellte sich selbst als Verfechter der demokratischen Pressefreiheit dar.[12]
Von 1965 bis 1971 ermittelte die Staatsanwaltschaft Verden wegen Mordes gegen Schmidt. Doch das Ermittlungsverfahren, welches seine Verwicklung in die Ermordung ungarischer Juden klĂ€ren sollte, wurde ergebnislos eingestellt. Somit musste sich Schmidt niemals vor einem Gericht fĂŒr seine TĂ€tigkeit im NS-Staat verantworten.[13]
Schmidt lebte nach dem Zweiten Weltkrieg in ScheeĂel, wo er von 1958 bis 1974 zweiter Vorsitzender des SchultrĂ€gers Schulgenossenschaft Eichenschule eG des privaten Gymnasiums Eichenschule ScheeĂel war.
Seit den 1950er Jahren verfasste er BeitrĂ€ge fĂŒr die Zeitschrift Kristall, die in einer hohen Auflage erschien. Schmidt verwendete die Pseudonyme Paul Karell, spĂ€ter Paul Carell, sowie andernorts P. C. Holm. FĂŒr Ende 1952 ortet Lutz Hachmeister ihn bei den Initiatoren einer âHundertmann-Gruppeâ, einer anderen (etwas spaĂigen[14]) Bezeichnung fĂŒr den neo-nationalsozialistischen Naumann-Kreis, der vor allem eine Generalamnestie fĂŒr Kriegsverbrecher anstrebte.[15] Hier traf er den ehemaligen SS-FĂŒhrer Six wieder, seinen frĂŒheren Abteilungsleiterkollegen im AuswĂ€rtigen Amt.[16]
Parallel zum oben genannten Ermittlungsverfahren begann Carells zweite erfolgreiche publizistische Karriere. Er arbeitete als freier Mitarbeiter unter verschiedenen Pseudonymen bei Zeitungen, wie âDie Weltâ und âDie Zeitâ (als P. C. Holm). Er schrieb auch in den 1970er Jahren unter dem Pseudonym Vocator politische Kolumnen in der Norddeutschen Rundschau unter deren Chefredakteur Heinz Longerich, dem Vater Peter Longerichs[17] und im âSpiegelâ. In diesem Nachrichtenmagazin lancierte er schon in einem Artikel am 16. Januar 1957 die These von dem die Nationalsozialisten entlastenden AlleintĂ€ter Marinus van der Lubbe beim Reichstagsbrand 1933.[18]
WĂ€hrend die TĂ€tigkeit Schmidts fĂŒr das Nachrichtenmagazin âDer Spiegelâ eher themenbezogen blieb, galt er als einflussreicher Berater sowohl des Axel-Springer-Verlags als auch Axel Springers persönlich, den er in sicherheitspolitischen Fragen beriet, fĂŒr den er als Redenschreiber arbeitete und dessen Sicherheitschef er bis zum Tod des Verlegers war.[19] Als Springers Autor schrieb er von 1958 bis 1979 in der âWeltâ und sogar bis 1991 in âBildâ. In letzterer z. B. am 13. Dezember 1981 zum âRusslandfeldzugâ, âwie es wirklich warâ und am 5. Februar 1991 zum âGolfkriegâ.[20] Programmatisch fĂŒr die vertretene sicherheitspolitische Linie steht ein Artikel in der Welt am Sonntag vom 21. Oktober 1979.[21] Im Vorfeld der sog. Nato-NachrĂŒstung mit atomaren Mittelstreckenwaffen forderte er dort eine Ănderung der Einsatzdoktrin der Bundeswehr in Richtung einer angeblich wĂŒnschenswerten prĂ€ventiven âVorneverteidigungâ.[21] Dieselbe Forderung, ergĂ€nzt mit einem PlĂ€doyer fĂŒr die Neutronenbombe, hatte Schmidt-Carell schon ein Jahr vorher in einem Vortrag vor der Carl Friedrich von Siemens Stiftung gestellt: âDie Lösung des Problems ist die Neutronenwaffe. [âŠ] Die notwendige militĂ€rische Wirkung erhöht fĂŒr den Gegner das Risiko des Einsatzes dieser Waffen und erhöht damit die Abschreckung und die militĂ€rische EffektivitĂ€t. Angesichts der unabdingbaren Vorneverteidigung ist also die Neutronenwaffe die fĂ€llige, dringend notwendige Modernisierung der taktischen Atomwaffe.â[22] Schmidt unterhielt auch âgute Kontakte zum BNDâ und wurde â1970 vom Auslandsgeheimdienst unter dem Decknamen âSchaperââ gefĂŒhrt.[23]
Der Erfolg seiner BĂŒcher Unternehmen Barbarossa und Verbrannte Erde, die vorher als Serien in der Zeitschrift Kristall erschienen waren, machte aus Carell den fĂŒhrenden Nachkriegschronisten des Zweiten Weltkriegs am Schauplatz UdSSR. Dabei hatte Carell auf eine der Sichtweise des Generalfeldmarschalls Erich von Manstein entsprechende Kriegsdarstellung geachtet, der in dieser Hinsicht auf ihn eingewirkt hatte.[24] Im Ullstein Verlag erschien 1980 sein Buch Die Gefangenen ĂŒber das Schicksal deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion. Diese BĂŒcher erfuhren in der Bundesrepublik Deutschland ein ĂŒberwiegend positives Presseecho. So schrieb zum Beispiel Die Welt: âTrĂ€gt zum Abbau von Ressentiments zwischen Deutschen und Russen bei (âŠ) als Historiker qualifiziert.â Der Historiker Bodo Scheurig urteilte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hingegen, dass Carells Darstellung des Russlandfeldzuges jene âverdummt, die zu vergessen geneigt sind und (diejenigen) erbittert, die schwer vergessen können und auf der ganzen Wahrheit bestehen.â[25] Jonathan Littell lĂ€sst in seinem auf Fakten beruhenden Roman Die Wohlgesinnten den Ich-ErzĂ€hler feststellen, dass Carell ein zweibĂ€ndiges Werk ĂŒber den Krieg gegen die Sowjetunion schrieb, ohne ein einziges Mal das Wort âJudeâ zu erwĂ€hnen, eine âhervorragendeâ historiographische Leistung angesichts der NS-Massenverbrechen in diesem Land; kaum etwas weise deutlicher auf die spĂ€tere mentale VerdrĂ€ngung dieser Verbrechen durch die Deutschen hin, als diese Tatsache.[26][27]
1992 Ă€uĂerte Carell die vielfach angezweifelte Behauptung, nach der der Ausgang des Zweiten Weltkrieges nach der Schlacht von Stalingrad noch offen gewesen sei. Letztlich habe allein das Versagen Adolf Hitlers die Niederlage Deutschlands im Krieg herbeigefĂŒhrt. Die FĂŒhrung der Wehrmacht und herausragende Strategen wie Erich von Manstein hĂ€tten ohne diese Einmischung einen Remis-Frieden erzwingen können.
Bis zum Ende seines Lebens leugnete Carell die deutschen Verbrechen an der sowjetischen Bevölkerung.[28] Der Angriff auf die Sowjetunion sei ein PrĂ€ventivschlag gewesen, um einem bevorstehenden Angriff der Roten Armee zuvorzukommen. Sein letztes Buch, das kurz vor der Fertigstellung stand, hatte, so seine Witwe Ilse (Ille) Schmidt, die Geschichte der Bundeswehr zum Thema.[29] Der MilitĂ€rhistoriker Detlef Bald hat herausgefunden, dass die vom Heeresamt der Bundeswehr herausgegebenen âHilfen fĂŒr den Gefechtsdienstâ bis 2009 die Ausbildung der Kampftruppen an Fallbeispielen des Zweiten Weltkrieges orientierten, indem sie auch Quellen aus Paul Carells Bestseller âVerbrannte Erdeâ enthielten.[30] Im Mai 2009 untersagten die Inspekteure des Heeres und der StreitkrĂ€ftebasis die weitere Nutzung von Texten Paul Carells durch Ausbildungseinrichtungen und Truppenteile.[31]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Carell, Paul |
| ALTERNATIVNAMEN | Schmidt, Paul Karl (wirklicher Name); Carell-Schmidt, Paul (ab 1993); Karell, Paul (vorĂŒbergehend); Holm, P. C. |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher NS-FunktionÀr, Autor |
| GEBURTSDATUM | 2. November 1911 |
| GEBURTSORT | Kelbra (KyffhÀuser) |
| STERBEDATUM | Juni 1997 |
| STERBEORT | Rottach-Egern |