Pentateuch
Pentateuch (griechisch Πεντάτευχος „Fünfgefäß“, hebräisch Chumasch - von chamesch „fünf“) ist ein griechischer Ausdruck für die fünf Bücher Moses. Er stammt von den Krügen, in denen Schriftrollen aufbewahrt wurden. Deren Umfang bestimmte auch seine Einteilung in fünf „Bücher“ (griech. biblia). Diese bilden gemeinsam als Tora den ersten Hauptteil des Tanach, der Hebräischen Bibel, bzw. des christlichen Altes Testaments. Der Pentateuch wurde etwa 440 v. Chr. fertiggestellt und ab etwa 250 v. Chr. aus dem Althebräischen in die griechische (Septuaginta) und aramäische Sprache (Targum) übersetzt (siehe Bibelübersetzung). Er erzählt die Geschichte der Menschheit von der Schöpfung der Welt über den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten bis zur Ansiedlung im „Gelobten Land“ Kanaan (heute Israel/Palästina) als Heilsgeschichte JHWHs.
Bezeichnungen der EinzelbücherDer Pentateuch ist in beiden Religionen, die sich auf ihn beziehen, in fünf Bücher eingeteilt. Diese Einteilung stammt aus der begrenzten Größe der in der Synagoge gebräuchlichen antiken Schriftrollen aus Papyrus oder Pergament. Diese werden im Judentum nach dem ersten hebräischen Wort des jeweiligen Textes, im Christentum, welches die Bezeichnungen der Septuaginta übernimmt, jedoch nach den griechisch-lateinischen Bezeichnungen ihres zentralen Themas genannt:
Hauptteile und ÜberlieferungskomplexeDer Pentateuch ist thematisch in drei Hauptteile gegliedert:
Die drei Hauptteile durchziehen sieben große Themenkreise, die als eigenständige Komplexe ursprünglich mündlich überliefert wurden. Sie wurden schon in sehr frühen Glaubensbekenntnissen Gesamtisraels als Stationen einer Heilsgeschichte aneinandergereiht (Dtn 26,5-9):
Diese Reihung umgreift eine Geschichtsperiode von gut 500 Jahren von den nomadischen Anfängen Israels bis zur Besiedelung des fruchtbaren Landes Kanaan. Ihr entspricht die Verknüpfung der
Die Themenkomplexe des Sinaibundes [6] und der Urgeschichte [7] fehlen in den alten Credoformeln Israels, da ihr Einbau in den Pentateuch relativ spät erfolgte. Kristallisationskern und ordnendes Zentrum der Überlieferung ist das Thema der Befreiung aus der Sklaverei, mit der JHWH sich erstmals unter seinem Namen offenbart und Israel zu seinem Bundesvolk „erwählt" (Ex 3). Erst in der Begegnung mit den orientalischen Großmächten und ihrer kosmogonischen Mythologie stellte Israel sein Werden in den größeren Rahmen der Erschaffung der Welt. Die Urgeschichte am Anfang der Bibel ist also der letzte Themenkomplex, der dem Pentateuch zugewachsen ist. Diesen durchzieht ein Spannungsbogen von der Verheißung zur Erfüllung, bezogen besonders auf das Stichwort des „Landes", das Gott durch Unterscheidung von Himmel und Urflut schuf (Gen 1,1-12), um es Mose kurz vor seinem Tod als Erbe Israels zum Segen für alle Völker (Gen 12,3) zu zeigen (Dtn 34,1-4). Einzelinhalte der fünf Bücher MosesDas 1. Buch Mose („Genesis") enthält die
Das 2. Buch Mose („Exodus") enthält
Das 3. Buch Mose („Leviticus") enthält
Das 4. Buch Mose („Numeri") enthält
In ihm sind weitere heterogene Kult- und Sozialgesetze verstreut, die man zum Priestergesetz zählt, das die Bücher 2-4 durchzieht: darunter die Kapitel Num 15, 19, 27-31, 33 + 34, 35 + 36. Das 5. Buch Mose („Deuteronomium") enthält
Zu den in der „Weisung" (Tora) enthaltenen in sich geschlossenen Gesetzeskorpora zählt man
Autorenschaft und EntstehungszeitDer jüdische Talmud und das christliche Neue Testament schreiben diese fünf Bücher dem Mose zu und betrachten die Ereignisse von der Schöpfung bis zur Landverteilung in Kanaan (Dtn 33) als direkte Offenbarung Gottes an ihn. Das 5. Buch Mose endet mit dem Kapitel über seinen Tod (Dtn 34), das der Talmud demgemäß seinem Nachfolger Josua zuschreibt. Mose habe diese Offenbarung zuvor schriftlich festgehalten. Sie sei dann bis auf unwesentliche Kopierfehler wortgetreu überliefert worden: Diese Ansicht vertreten heute noch das Orthodoxe Judentum und ein Teil der Christen, besonders unter Evangelikalen und in verschiedenen Gruppen des fundamentalistischen Christentums. Die Autorschaft des Mose wurde schon im Mittelalter angezweifelt. Der jüdische Gelehrte Ibn Esra bemerkte, dass die Schriften die Ereignisse ohne Ich-Erzähler darstellen und zwischen der Zeit des Mose und der Zeit des Erzählers oder der Erzähler unterscheiden. Er sah Widersprüche, die Mose als Schriftautor ausschließen: So blickt z. B. Gen 12,6 auf die Zeit zurück, als Kanaanäer das Land noch bewohnten, weist also auf eine Aufzeichnung nach der Ansiedelung Israels in Kanaan hin. Ferner hielt Mose die Reden des 5. Buches nach Dtn 1,1 bis zu seinem Tod mündlich, so dass sie bereits ein anderer aufgezeichnet haben müsse. Im 16. Jahrhundert bestritten Reformatoren wie Andreas Karlstadt die Autorschaft des Mose und sahen Esra (etwa 440 v. Chr.) als Redaktor, der die fünf Bücher aus älteren Teilen der Tora zusammengestellt habe. Er erscheint auch im Talmud als Bearbeiter der Tora. Doch erst im 17. Jahrhundert veröffentlichte Baruch Spinoza die Beobachtungen Ibn Esras und leitete damit die historische Pentateuchkritik ein. Im Zuge der Aufklärung wurden dann verschiedene Theorien zur Entstehung des Pentateuch aufgestellt, auf denen die heutige Forschung aufbaut. Auf der Basis einer immer differenzierteren Textanalyse und neuerer archäologischer und altorientalistischer Forschungsergebnisse nehmen heute die meisten Forscher an, dass der Pentateuch seine redaktionelle Endgestalt erst nach dem Babylonischen Exil im 5. Jahrhundert v. Chr. gewann. Sie wird auf Priester in Israel, vor allem am Jerusalemer Tempel, zurückgeführt. Seine ältesten, lange Zeit mündlich überlieferten Stoffe reichen jedoch bis 1500 v. Chr. zurück. Um 440 v. Chr. wurde der Pentateuch als Tora kanonisiert und bildet seitdem den Hauptteil des Tanach mit normativem Charakter für die jüdische Religion. Eine Motivation dafür sieht die Forschung darin, einen Zusammenhalt der Volksstämme in Israel durch eine „definitive“ Religion sicherzustellen und Widersprüche in älteren heterogenen Überlieferungen auszugleichen. Geschichte der PentateuchforschungMit der Aufklärung begann in Europa die historisch-kritische Erforschung der Bibel. Seit dem 18. Jh. wurde die Bibel nicht mehr nur in ihrer Funktion als geoffenbartes Wort Gottes rezipiert, sondern auch in ihrer Gestalt als historisch gewachsenes Buch wahrgenommen und untersucht. Die historisch-kritische Forschung räumte ab dem 18. Jahrhundert auf mit der über Jahrhunderte geltenden Vorstellung, Mose sei der Autor des Pentateuch. Die Autorenschaft des Mose wurde u. a. deshalb bestritten, da Mose nicht über Dinge hätte berichten können, die vor (Weltschöpfung in Gen 1f) oder nach ihm (Tod des Mose in Dtn 34) geschehen waren. Die frühe Forschung beobachtete im gesamten Pentateuch verschiedene Unstimmigkeiten (Spannungen) und Dopplungen (Dubletten), so zum Beispiel:
Weiterhin fiel den Forschern auf, dass es innerhalb des Pentateuch einen ständigen Wechsel der Gottesbezeichnung (v. a. „Elohim” und „JHWH”) gab. Bereits 1711 schloss der Hildesheimer Pfarrer Henning Bernhard Witter daraus auf zwei verschiedene Autoren der Schöpfungsberichte in Gen 1,1 - 2,4 und Gen 2,5 - 3,24. Der erste dieser Autoren benutzte in Gen 1,1 - 2,4a den Gottestitel „Elohim”, der zweite in Gen 2,4b-3,24 den Gottesnamen „JHWH”. Witters Beobachtungen wurden jedoch lange nicht rezipiert. Erst der Franzose Jean Astruc, welcher der Leibarzt des französischen Königs Ludwig XV. war, baute die These Witters 1753 aus und stieß damit die kritische Forschung am Alten Testament an. Er rekonstruierte aus den Mehrfachüberlieferungen innerhalb des Pentateuchs (vor allem der Genesis) zwei durchlaufende und zwei weitere kürzere, ehedem selbständige Quellenschriften, die dem jetzigen Text zugrunde liegen. Diese Quellenschriften hätten je eigene Erzählungen der Frühzeit Israels enthalten und seien von Mose in vier Kolumnen (Astruc nennt diese Quellenschriften A, B, C und D) zusammengestellt worden.[1] Ein späterer, nachmosaischer Redaktor habe die vier Quellen ineinandergearbeitet („redigiert“). Ältere UrkundenhypotheseIn Deutschland weitete Johann Gottfried Eichhorn 1781 die These Astrucs auf den Textkomplex Gen 1 – Ex 2 aus und schied die Quellen in einen vormosaischen Elohist (benannt nach der Verwendung des Gottestitels „Elohim“) und einen nachmosaischen Jehowist (benannt nach der Verwendung des Gottesnamens „JHWH“).[2] Die Schreibung „Jehowist“ entspricht der damaligen Lesung des Gottesnamens „JHWH“, der bis ins 19. Jahrhundert irrtümlich als „Jehova(h)“ gelesen wurde. Karl David Ilgen baute die These Eichhorns weiter aus, indem er noch einen zweiten Elohisten annahm und daher insgesamt drei Quellen unterschied.[3] Forschungsgeschichtlich wurde diese Theorie unter der Bezeichnung Ältere Urkundenhypothese (auch: Quellenhypothese) bekannt, da sie von mehreren (von der Schöpfung bis zur Landnahme reichenden) durchlaufenden Quellenschriften ausging, aus denen der heutige Textbestand des Pentateuchs zusammengearbeitet wurde. Im 19. Jahrhundert entwickelten sich Gegentheorien, die die Entstehung des Pentateuchs anders zu rekonstruieren versuchten. FragmentenhypotheseDie so genannte Fragmentenhypothese ging von zahlreichen, ehedem selbständigen Erzählkränzen aus, die erst sukzessive zu einer Gesamterzählung zusammengearbeitet wurden. Unter einem Erzählkranz versteht die Forschung eine in sich geschlossene Gruppe von Episoden zu einem bestimmten Thema oder einer bestimmten Person, wie etwa die Erzählungen um den Stammvater Abraham oder die Sintflut. Vertreter der Fragmentenhypothese waren der englische Pastor Alexander Geddes sowie der deutsche Forscher Johann Severin Vater. ErgänzungshypotheseAls eine Art Verbindung aus Urkunden- und Fragmentenhypothese entwickelte sich die Ergänzungshypothese (auch: Grundschrifthypothese), deren wichtigster Vertreter Wilhelm Martin Leberecht de Wette war. Nach seiner Rekonstruktion bestand die Genesis zunächst aus einer einzigen Grundschrift oder Quelle (nach de Wette: elohistisch), in die ein jehowistischer Redaktor nach und nach einzelne, sich im Umlauf befindliche Erzählkränze einarbeitete. De Wette beobachtete außerdem die Doppelung vieler Gesetze in Ex 20-23 und Dtn 12-26. Er interpretierte diesen Befund als einen weiteren Hinweis auf verschiedene Autoren und Redaktoren innerhalb der ersten vier Bücher Mose („Tetrateuch“) und des „Deuteronomiums“ (5. Buch Mose). Neuere UrkundenhypotheseÜber viele Jahre bestimmend wurde die so genannte Neuere Urkundenhypothese, die im ausgehenden 19. Jahrhundert von den Alttestamentlern Karl Heinrich Graf, Abraham Kuenen und vor allem von Julius Wellhausen entwickelt wurde. Wellhausen formulierte in seinen Prolegomena zur Geschichte Israels (1886) die These, die Tora und das Buch Josua (bilden zusammen den s. g. „Hexateuch“) seien aus mehreren fortlaufenden, literarischen Quellen zusammengesetzt. Diese ließen sich anhand verschiedener Merkmale, wie etwa der Wahl der Gottesbezeichnung, bestimmtem Vorzugsvokabular oder der theologischen Ausrichtung, unterscheiden. Wellhausen unterschied vier Quellen:
In die jahwistische Quellenschrift (J) arbeitete ein Redaktor (RJE) aus der Zeit unmittelbar nach dem Untergang des Nordreiches Israel im Jahre 722 v. Chr. die elohistische Quelle (E) ein und schuf so das „Jehowistische Geschichtswerk“ (JE). Dieses wurde dann in nachexilischer Zeit wiederum in die Priesterschrift eingearbeitet.[4] Schließlich wurde von einem weiteren Redaktor (nach Wellhausen möglicherweise Esra) das Deuteronomium als eigene Größe hinzugefügt und so entstand der Pentateuch in seiner heutigen Gestalt. Wegen der vier von Wellhausen herausgearbeiteten Quellen, wurde die Neuere Urkundenhypothese manchmal auch als „Vierquellentheorie“ bezeichnet. Obwohl viele Schlussfolgerungen Wellhausens heute nicht mehr vertreten werden, bleibt seine These ein Meilenstein der alttestamentlichen Forschung. Martin Noth baute die These Wellhausens zu Beginn des 20. Jahrhunderts weiter aus und verhalf ihr durch seine „Überlieferungsgeschichtlichen Studien“ (1948) zu langjähriger Geltung und breiter Rezeption in der alttestamentlichen Forschung. Den Forschungsstand zur Mitte des 20. Jahrhunderts fasste der Alttestamentler Gerhard von Rad folgendermaßen zusammen:
Aktuelle ForschungSeit Beginn der 1970er Jahre wird die Neuere Urkundenhypothese zunehmend in Frage gestellt. Erst wurde die Existenz einer elohistischen Quellenschrift, dann die einer jahwistischen Quellenschrift in Frage gestellt (erstmals von Hans Heinrich Schmid). Bei J und E handelt es sich nach Ansicht der neueren Forschung insofern nicht um Quellen, da sie die Kriterien einer eigenständigen Quelle (sinnvoller Anfang, sinnvolles Ende, durchlaufender Erzählfaden und erkennbare Gesamtkonzeption) nicht erfüllen. Daher geht die aktuelle Forschung meist nur noch von einer wirklichen Quelle innerhalb des Pentateuch aus, der Priesterschrift. Allein die Priesterschrift besitzt einen von der Erschaffung der Welt bis zur Landnahme reichenden, durchgehenden Erzählfaden. Sie zeichnet sich durch eine klar erkennbare theologische Linie und wiederkehrende Formulierungen aus. Alle anderen Texte, die zuvor J oder E zugewiesen wurden, werden heute in der Regel zu jüngeren Redaktionen gerechnet oder als ältere Einzeltraditionen angesehen, die keinen gesamten Geschichtsverlauf erzählen. Die Mehrzahl der neueren exegetischen Entwürfe – etwa von Reinhard Gregor Kratz, Erhard Blum, Eckart Otto, Erich Zenger, Jan Christian Gertz, Konrad Schmid, Markus Witte – spricht bei diesen Texten daher einfach von vor- oder nicht-priesterschriftlichen Texten. Auch das Deuteronomium kann streng genommen nicht als Quelle betrachtet werden, da es keinen gesamten Geschichtsverlauf erzählt. Es ist und bleibt in der Forschung stets eine Größe sui generis. Es nimmt sowohl für die Entstehungsgeschichte des Pentateuch wie für die Entstehungsgeschichte des s. g. Deuteronomistischen Geschichtswerkes eine Schlüsselstellung ein. Über seine genaue Verortung (Abschluss des Pentateuch oder Beginn des Deuternomistischen Geschichtswerkes?) ist die Wissenschaft uneins.[6] Die alttestamentliche Einleitungswissenschaft durchläuft momentan einen Paradigmenwechsel, da die jahrelang geltenden Datierungs- und Entstehungsmodelle nicht mehr tragen. Auch inhaltlich vollzieht sich ein Wandel im Verständnis des Pentateuch. So wurde besonders die Figur des Mose als weithin redaktionelles Konstrukt „destruiert", welches sekundär ganz verschiedene, ursprünglich selbstständig überlieferte Traditionskomplexe miteinander verbinden sollte: den Exodus Israels aus Ägypten, den Zug durch die Wüste, die Sinaioffenbarung und den Beginn der Landnahme. Große Verbreitung hat in den letzten Jahren das s. g. Münsteraner Pentateuchmodell erfahren – es stellt jedoch keinen Konsens der aktuellen Forschung dar. Das Modell geht auf den katholischen Münsteraner Alttestamentler Erich Zenger zurück. Zenger geht von drei Quellenschriften aus:
Die Texte, die in diesen Quellen vereint sind, sind verschieden alt und haben eine komplizierte Entstehungsgeschichte. Die endgültige Redaktion des Pentateuchs wird frühestens auf 400 v. Chr. geschätzt, da sich zu dieser Zeit die Samaritaner vom Jerusalemer Zentralheiligtum abspalteten und für sich nur die Tora (also den Pentateuch) als Korpus heiliger Schriften anerkannten. (siehe Samaritanischer Pentateuch.) Somit muss die Entstehung des Pentateuch zu dieser Zeit im großen und ganzen abgeschlossen gewesen sein. Einzelbelege
LiteraturKlassische Entwürfe
Neuere Literatur
Forschungsberichte
Siehe auchWeblinks
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