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Peter Albert David Singer (* 6. Juli 1946 in Melbourne, Australien) ist ein australischer Philosoph und Ethiker.
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Seine Eltern waren Wiener Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus nach Australien auswanderten. Er verlor mehrere Verwandte im Holocaust.[1] Singer hat in Oxford, an der New York University und der La Trobe University gelehrt und war von 1977 bis 1999 Professor fĂŒr Philosophie an der Monash University in Melbourne, Australien. 1999 berief man ihn als DeCamp Professor of Bioethics an das Center for Human Values der Princeton University.
Singer ist seit 1968 mit Renata Diamond verheiratet. Das Paar hat drei Töchter.
Singer vertritt eine Variante des Utilitarismus, hierbei des PrĂ€ferenzutilitarismus. Die Bewertung von Handlungen oder Handlungsregeln soll sich demnach bemessen an der ErfĂŒllung der PrĂ€ferenzen der Betroffenen, die zur ethischen Urteilsfindung miteinander verrechnet werden mĂŒssen. Eine BegrĂŒndung dafĂŒr, ĂŒberhaupt moralisch zu handeln ist nach Singers Ăberzeugung nicht rational beweisbar unter Absehung von individuellen PrĂ€ferenzen und des jeweiligen Wesens der Individuen.[2] Bekannt ist er sowohl fĂŒr seine Ausarbeitung des von ihm vertretenen Ethikansatzes wie dessen vielfĂ€ltige Anwendungen, unter anderem in diversen Fragen der Bioethik.
Sein 1975 in englischer Sprache erschienenes Buch Animal Liberation gilt als maĂgebliches Werk der zeitgenössischen Diskussion ĂŒber den moralischen Status von Tieren in der Tierrechtsbewegung und ethischen Diskussion. Gemeinsam mit Tom Regan gilt Singer daher als BegrĂŒnder der modernen Tierethik. In diesem Buch beschreibt er eine Diskriminierung und Ausbeutung von Tierarten aufgrund eines angenommenen Vorranges der Spezies Mensch. Singer spricht daher von âSpeziesismusâ. Die Zugehörigkeit zu einer Spezies dĂŒrfe nach ihm aber fĂŒr sich selbst keine moralische Relevanz haben. Kriterium fĂŒr ethische Bewertungen dĂŒrfe und mĂŒsse einzig die FĂ€higkeit sein, bestimmte PrĂ€ferenzen zu besitzen â und in genau diesem MaĂe seien Lebewesen, ungeachtet ihrer Spezieszugehörigkeit, in das ethische KalkĂŒl einzubeziehen. Darunter fĂ€llt fĂŒr Singer in Anlehnung an Jeremy Bentham bereits die Eigenschaft, Schmerz empfinden zu können, womit dann die Zuschreibung einer PrĂ€ferenz entsprechender Schmerzvermeidung korreliert. Insbesondere bei SĂ€ugetieren und Vögeln gebe es hinreichende Hinweise fĂŒr die Zuschreibung von Schmerzempfinden.[3]
Zu den Konsequenzen dieser Argumentation zĂ€hlt die moralische Empfehlung eines Boykotts von Produkten aus nahezu allen Formen der Tierhaltung, insbesondere aber der Massentierhaltung (zum Beispiel durch Vegetarismus oder Veganismus). Viele Tierversuche stĂŒnden, so Singers Resultate, in keinem rational rechtfertigbaren VerhĂ€ltnis zum in Kauf genommenen Leid der Tiere. Tierversuche seien daher gröĂtenteils moralisch falsch. Allerdings könne es moralisch gerechtfertigte Tierversuche geben, nĂ€mlich, wenn als Resultat dieser Versuche mehr Leid verhindert wird (und damit mehr PrĂ€ferenzen der Leidvermeidung erfĂŒllt werden) als durch die Versuche selbst entsteht.
Zu der Frage, in welchen FĂ€llen das Töten von Tieren moralisch verwerflich ist, Ă€uĂert sich Singer in Animal Liberation â Die Befreiung der Tiere kaum. Er begrĂŒndet dies mit der hohen KomplexitĂ€t dieser Fragestellung und verweist darauf, dass schon allein der Schmerz der Tiere in der modernen Gesellschaft eine umfassende Ănderung des Verhaltens gegenĂŒber Tieren verlangt. Die Tötungsfrage und der damit verbundene Wert des Lebens wird in seinem Buch Praktische Ethik ausfĂŒhrlich erörtert.
In seinem Buch Praktische Ethik bezieht Peter Singer noch deutlicher Stellung und arbeitet seine Form des PrĂ€ferenzutilitarismus allgemein aus und wendet sich auf verschiedenen Gebieten der angewandten Ethik an. Im allgemeinen Teil des Buches bezieht er Stellung zu grundlegenden Fragen der normativen Ethik wie: Welche Zwecke und Mittel sind wann genau legitim? Warum soll der Mensch ĂŒberhaupt moralisch handeln? Wie kann er erkennen, was in einem konkreten Problemfall moralisch gutes Handeln wĂ€re? Singer begrĂŒndet dabei ein Prinzip der gleichen InteressenabwĂ€gung, das Gleichheit nicht auf gleiche Behandlung, sondern auf gleiche BerĂŒcksichtigung der Interessen bezieht. Es gibt fĂŒr ihn keine moralische Rechtfertigung fĂŒr die Nicht-BerĂŒcksichtigung von Interessen. Auch bei der FĂ€higkeit, Schmerz und Wohlergehen zu empfinden, seien entsprechende PrĂ€ferenzen (Schmerz zu vermeiden und Wohlergehen zu erreichen) zuzuschreiben, was insb. auch Tiere mit solchen FĂ€higkeiten in das utilitaristische KalkĂŒl einbezieht.
Singer misst der biologischen Zugehörigkeit eines Wesens zur menschlichen Spezies an sich selbst keine moralische Relevanz bei. Relevant werden nur Eigenschaften wie Schmerzempfinden und Selbstbewusstsein (welche bei manchen biologischen Menschen fehlen und andererseits bei manchen nichtmenschlichen Tieren vorhanden sind). Eine Bevorzugung allein auf Grund einer Spezieszugehörigkeit bezeichnet er als âSpeziesismusâ, der sich moralisch nicht rechtfertigen lasse. Als âPersonenâ versteht Singer Wesen, die sich ihrer selbst, in einem zeitlichen Kontinuum bewusst sind. Diesen schreibt er aufgrund der dadurch ausbildbaren weitergehenden PrĂ€ferenzen mit Bezug auf diese âbesonderen Wertâ zu.
Die moralische Bewertung einer Tötung anderer Lebewesen ist nach diesem Ansatz abhĂ€ngig von deren individuellen Eigenschaften (und den Eigenschaften aller ĂŒbrigen Betroffenen, etwa von Angehörigen). Die Tötung eines anderen Lebewesens verstoĂe, so Singer, im Allgemeinen gegen das Interesse des Lebewesens, weiterleben zu wollen, und sei daher in den meisten FĂ€llen moralisch schlecht.
Peter Singer Ă€uĂert sich in diesem Buch auch zu SchwangerschaftsabbrĂŒchen, einer Tötung von Neugeborenen und Sterbehilfe. Weitere Themen sind die weltweite Armut, die Asylproblematik und Themen der ökologischen Ethik.
Singers Ethik wird kontrovers diskutiert und hat auch auĂerhalb von philosophischen Fachpublikationen Reaktionen provoziert. So wird er unter anderem von Theologen und Interessenvertretern von Menschen mit Behinderung (vgl. Franz Christoph) kritisiert. WĂ€hrend im angelsĂ€chsischen Raum seine Position als eine legitime unter vielen aufgefasst wurde, gab es in Deutschland scharfe Reaktionen auf das Buch Praktische Ethik und auf Einladungen Singers nach Deutschland. BefĂŒrchtet wurde insbesondere in Fachzeitschriften der SonderpĂ€dagogik ein âDammbruch des eigentlich Indiskutablenâ und die Etablierung der Position Singers als vertretbaren Standpunkt.[4]
Erhitzte Kontroversen fĂŒhrt Singer selbst auf aus dem Zusammenhang gerissene Zitate und ein mangelndes GesamtverstĂ€ndnis seiner Thesen zurĂŒck. In Writings on an Ethical Life hat er daher versucht, seine Ansichten knapp zusammenzufassen. AuĂerdem fĂŒhrt er die Angriffe auf seine Person und Thesen auch darauf zurĂŒck, dass bestimmte normative Vorgaben fĂŒr seine Kritiker nicht in Frage zu stellen seien, etwa solche, welche sich aus religiösen Ăberzeugungen speisen, beispielsweise, wenn Menschen, nicht aber Tieren eine Seele zugesprochen wird. In der zweiten Auflage von Praktische Ethik schildert Singer die Debatte im Kapitel âWie man in Deutschland mundtot gemacht wirdâ aus seiner Sicht.
Von Behindertenorganisationen wird befĂŒrchtet, es werde einer MentalitĂ€t (politischer) Raum und mitunter schlieĂlich rechtliche Legitimation gegeben, die letztlich gesellschaftliche Einstellungen zu Menschen mit Behinderung hervorrufen könne, welche in der Vergangenheit die nationalsozialistischen Euthanasieprogramme möglich werden lieĂen. An deutschen UniversitĂ€ten wurden darum Veranstaltungen, die Singers Thesen zum Gegenstand der philosophischen Diskussion machen wollten, gestört, verhindert und die Veranstalter bedroht.[5] Singer argumentiert, dass Eltern zusammen mit den zustĂ€ndigen Ărzten ĂŒber das Weiterleben eines SĂ€uglings entscheiden sollten, der an einer unheilbaren Krankheit wie Anenzephalie leidet und dessen Leben daher niemals auch nur minimale Befriedigung erfahren wird. Das Lebensrecht von erwachsenen behinderten Personen zweifelt er nicht an.
Unklar bleibt fĂŒr einige Kritiker der Status nicht artikulierter oder spĂ€ter erst artikulierbarer Interessen. Auch Singer selbst stimmt zu, dass auch einer schlafenden Person Interessen zuzuschreiben und diese in ethische AbwĂ€gungen einzubeziehen seien â da die betreffende Person sie nach dem Aufwachen wieder artikulieren wĂŒrde. Letzteres wĂŒrde etwa fĂŒr komatöse Individuen nicht der Fall sein; auch die Zuschreibung von Interessen an Embryonen erscheint fraglich, andererseits aber auch, Embryonen prinzipiell keine Rechte zuschreiben zu können. Ethiker wie Donald Bagley Marquis versuchen, auch in solchen FĂ€llen â gegen Singer â zu begrĂŒnden[6], dass Interessen zuzuschreiben und zu schĂŒtzen seien. Ein weiterer Problemfall sind beispielsweise Interessen, welche mangels besserer Einsicht oder Unfreiheit des Willens nicht artikuliert werden können, etwa von DrogenabhĂ€ngigen oder bei zeitweiligen SuizidwĂŒnschen. Auch hier könnte den Betreffenden ein schĂŒtzenswertes Interesse etwa an der Unversehrtheit des eigenen Lebens zugeschrieben werden.
Singers 2009 erschienenes Buch The Life You Can Save wurde seitens William Easterly aufgrund der nach dessen Ansicht irrefĂŒhrenden Metapher des ertrinkenden Kindes und Singers Fokus auf den Geberaspekt der Entwicklungshilfe kritisiert.[7]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Singer, Peter |
| ALTERNATIVNAMEN | Singer, Peter Albert David (vollstÀndiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | australischer Philosoph und Ethiker |
| GEBURTSDATUM | 6. Juli 1946 |
| GEBURTSORT | Melbourne, Australien |