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Igor Strawinskis Petruschka (französisch Pétrouchka, russisch Петрушка) ist ein Ballett. Es wurde am 13. Juni 1911 in Paris unter der Leitung von Pierre Monteux uraufgeführt. Die pantomimische Choreographie stammte von Michel Fokine, die Kostüme und das Bühnenbild von Alexander Benois. Von Letzterem stammt auch der Beiname des Werkes „Ballett der Straße“.
Inhaltsverzeichnis |
Nachdem Strawinski zuvor hauptsächlich Kleinformen wie Lieder komponiert hatte, geht er ab ca. 1903 auf Anregung von Rimski-Korsakow zu größeren Formen über. Als er nach der Premiere des Feuervogels 1910 über Nacht als Ballettkomponist berühmt wurde, bekam er direkt den nächsten Auftrag. Erörtert wurde ein Werk über das heidnische Russland, woraus das für die Musikgeschichte enorm wichtige, 1913 uraufgeführte Le sacre du printemps wurde. Bei Vorarbeiten zum Sacre kam ihm jedoch die Idee für ein weiteres Werk, welches von einer wild gestikulierenden Gliederpuppe handeln sollte, woraus schließlich 1911 Petruschka hervorging. So berichtet er in seiner Schrift Erinnerungen (1936): „Bei dieser Arbeit hatte ich die hartnäckige Vorstellung einer Gliederpuppe, die plötzlich Leben gewinnt und durch das teuflische Arpeggio ihrer Sprünge die Geduld des Orchesters so sehr erschöpft, dass es sie mit Fanfaren bedroht. Daraus entwickelt sich ein schrecklicher Wirrwarr, der auf seinem Höhepunkt mit dem schmerzlich-klagenden Zusammenbruch des armen Hampelmannes endet“[1]. Petruschka wurde ursprünglich als Konzert für Orchester und Klavier entworfen, wurde aber auf Anregung von Djagilew, dem Begründer und damaligen Impresario des Ballets Russes, zu einer Ballettmusik umgeschrieben. Im historischen Kontext lässt sich Petruschka somit der zweiten Schaffensperiode Strawinskis zuweisen: Der Zeit seiner großen Ballette unter der Zusammenarbeit mit dem Ballets Russes. Es nimmt im Schaffen Strawinskis also eine bedeutende Rolle ein. Diese drei Werke (Feuervogel, Petruschka und Sacre) begründeten den Weltruhm Strawinskis - spätere Werke konnten an diesen Erfolg nicht mehr anknüpfen [2], auch wenn sie trotz mehrerer stilistischer Änderungen stets den typisch tänzerischen Charakter von Strawinskis Werken behielten. Zudem gilt Petruschka als Höhepunkt des neurussischen Charakterballets von Djagilew und Fokine.
3 Flöten (dritte Flöte auch als Piccolo), 2 Oboen, 1 Englischhorn, 3 Klarinetten in B (dritte auch als Bassklarinette), 2 Fagotte, 1 Kontrafagott, 4 Hörner in F, 3 Trompeten in C und B, 3 Posaunen, 1 Tuba, Pauke, Triangel, Becken, Große Trommel, Kleine Trommel, Tambourin, Tamtam, Xylophon, Celesta, Harfe, Klavier, Streicher
Hauptcharaktere: Ballerina, Petruschka, Mohr, Gaukler
Die Uraufführung am 13. Juni 1911 im Théâtre du Chatelet in Paris war ein großer Erfolg für alle Beteiligten. Sowohl das Bühnenbild, als auch die Choreographie und die musikalische Ausführung wurden vom Publikum und den Ausführenden als sehr gelungen bezeichnet. [5] In späteren Äußerungen Strawinskis zur Uraufführung wird dies dann wieder relativiert. So empfand er einige Massenszenen als eher unpassend, hatte sich den Gaukler und den Mohren völlig anders vorgestellt und fand vor allem die entscheidende Szene des verhöhnenden Petruschka als undeutlich und missverständlich herausgearbeitet (Strawinski bezeichnet Fokin im weiteren Verlauf dabei auch als einen seiner unangenehmsten Mitarbeiter und unerfreulichsten Zeitgenossen). [6]
Wie alle seine Werke überarbeitete Strawinski auch Petruschka mehrfach. Gleichzeitig zur 1912 als Partitur erschienenen Originalfassung erarbeitete er einen Klavierauszug zu vier Händen für Übezwecke. Diese Versionen wurden wegen zahlreicher Fehler 1914 neu aufgelegt. 1921 arbeitete er eine Fassung für Klavier solo in drei Sätzen aus (eine Auftragsarbeit von Rubinstein). 1947 erschien eine revidierte Auflage Strawinskis, die ebenfalls wieder als Klavierfassung aufgelegt wurde. Diese sieht im Wesentlichen eine starke Reduzierung des Orchesterapparates von 68 auf 45 Musiker vor, was wohl auch der Anpassung an die deutlich kleineren Orchester der Nachkriegszeit geschuldet ist. Zusätzlich wurden diverse Tempoangaben komplett geändert, die Streicher wurden besser eingesetzt und das Klavier bekam eine bedeutendere Rolle, sodass es wieder eher der ursprünglich konzertanten Vorstellung des Werkes entspricht[7]. Außerdem wurde für die konzertante Aufführung der Schluss geändert. Strawinski selbst mochte diesen Schluss zwar nicht, wurde aber trotzdem zu dessen Ausarbeitung überredet, weil die Handlung sonst nicht verständlich sei.
Sowohl für die Originalfassung wie auch für die überarbeitete Version von 1947 gibt es die Fassung einer Orchestersuite. Hierbei handelt es sich um eine Art Vorschlag, welche Nummern des Werkes bei der Aufführung ausgelassen werden können. Diese Suite ist somit auch nicht als eigenständiger Druck erschienen, sondern nur als aufführungspraktisches Mittel zu verstehen. Des Weiteren erschienen ab 1936 mehrere Transkriptionen, von denen lediglich eine Fassung für Violine und Klavier, die unter dem Titel Danse Russe aufgelegt wurde, autorisiert wurde.
Über eine Fassung für Klavier-Duo der Pianisten Babin und Vronsky äußerte sich Strawinski sehr erfreut.
Zuletzt erschien 1956 eine Trickfilm-Suite, die in den Warner Bros. Tonstudios in Los Angeles aufgenommen wurde.
Das Ballett ist unterteilt in drei stilistisch unterschiedliche Bilder. Der Jahrmarkt als erstes und letztes Bild rahmt die Handlung des Marionettentheaters ein - Petruschkas unerwiderte Liebe zur Ballerina als zweites und die Szene beim Mohren als drittes Bild. Strawinski verwendet hierfür eine spezielle Form der Collage, die Schablonentechnik: Aus einem Klangteppich heben sich Einzelszenen durch ihre charakteristischen Motive und Rhythmen hervor. Das erste Bild imitiert typische Klangeindrücke von einem Jahrmarkt:
Das zweite und dritte Bild sind geprägt von Charakterisierungen der Protagonisten:
Petruschka hebt sich stilistisch deutlich von der vorangegangenen Romantik ab. Die verwendeten Kompositionsprinzipien führen zu einem unemotionalen Klangeindruck, der dem Klangideal der Romantik widerstrebt. Statt überwiegend homogenen Strukturen, die einen musikalischen Zusammenhang vermitteln, werden Gegensätze methodisch und mechanisch exponiert. Dies geschieht durch das für Strawinski typische Kompositionsverfahren der Schablonentechnik. Dabei werden vorgegebene, zumeist gegensätzliche Elemente der Komposition variabel durch Kombination, Kürzung/Erweiterung und/oder Wiederholung verknüpft. Als Elemente können melodische oder rhythmische Elemente, einzelne Motive und/oder komplexe Strukturen verwendet werden. Das Ergebnis ist eine Wirkung im Sinne des Kontrapunkts. Jedoch sind nicht mehr nur einzelne Stimmen gegeneinander gesetzt, sondern Stilrichtungen oder Klangeindrücke. Ein Beispiel hierfür ist der Walzer der Ballerina und des Mohren. Hierbei werden die tänzerische Natur der Ballerina, repräsentiert durch einen Tanz von Joseph Lanner mit dem gänzlich unpassenden „holprigen“ Motiv des Mohren kombiniert. Der Walzer Lanners wird bei Ziffer 140 nicht wie üblich im 3/4-Takt begleitet, sondern mit einer 6/8-Bewegung verfremdet.
Wenn der Walzer bei Ziffer 149 wiederholt wird, dann spielen Harfen und Bratschen zwar im erwarteten 3/4-Takt, das Cello bricht aber wieder aus. Hinzu kommt das nun vollkommen unpassende Motiv des Mohren, der folgerichtig auch gezwungen ist, seine Versuche in den Walzer einzustimmen, abzubrechen.
Die Szene stellt also mit Hilfe der Schablonentechnik dar, wie wenig das Paar des Mohren und der Ballerina harmonisieren. Zahlreiche weitere Beispiele lassen sich in den Jahrmarktszenen finden, wenn mehrere Akteure gleichzeitig ihre Motive vortragen und somit das Gewirr eines Jahrmarkts verkörpern. Hier schafft das Gegensätzliche, statt der Verwirrung wie im Walzer, eher ein Gefühl der Vertrautheit mit der Szenerie. Die Komplexität der Verknüpfungen mehrerer Schablonen kann dabei natürlich beliebig kompliziert ausfallen.