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Philosophie der Biologie

Die Philosophie der Biologie (auch Biophilosophie) beschäftigt sich mit den philosophischen Voraussetzungen und Bedingungen sowie mit den Konsequenzen biologischer Forschung und Theoriebildung. In einem weiteren Sinn werden in der Biophilosophie auch biologische Konzepte innerhalb der Philosophie diskutiert.

Inhaltsverzeichnis

Bedeutung der Biophilosophie

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erhielt die Philosophie der Biologie einen großen Bedeutungsschub, der mit der wissenschaftlich-technischen Entwicklung in der Biologie, aber auch in der Entwicklung der Gesellschaft begründet wird. Die Naturschutzdebatte und das Aufkommen der Ökologie lenkte die Aufmerksamkeit auf die Frage der anthropologischen Ursachen auf das Naturgeschehen. Die Technisierung und Ökonomisierung der Biologie in der Biotechnologie und Gentechnologie fordert dagegen ethische, ontologische und epistemologische Antworten. Und zuletzt stellen die Ergebnisse der kognitiven Neurobiologie neue Fragen nach einer technischen Anwendbarkeit und nach dem Menschenbild innerhalb der Biologie.[1]

Themenbereiche

Das wichtigste Themengebiet der Biophilosophie sind nach wie vor die Methodologie und Wissenschaftstheorie der Biologie. Methodologische Notwendigkeiten bestimmen in dieser positivistischen Position ontologische und epistemologische Bedingungen.[2] Daneben existieren auch methodenkritische Ansätze, die die Genese der wissenschaftlichen Erkenntnisse kontextualistisch in einen sozialen, wirtschaftlichen, wissenschaftshistorischen, ideengeschichtlichen usw. Zusammenhang stellen.[3] Hier werden die Entstehungsbedingungen biologischer Theorien selbst – bis hin zu einer bioethischen Reflexion - hinterfragt. Hieran knüpft wiederum eine ‚ontologische Funktion‘ der Biophilosophie an.[4] So stellen sich beispielsweise die Fragen des Status' von Modellorganismen in der biotechnischen Forschung, die ethischen Fragen im Zusammenhang mit Tierversuchen und allgemeiner die Frage nach dem Subjektstatus aller Beteiligten am wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Darüber hinaus bildet die epistemologische Funktion der Biophilosophie das Verhältnis der Methodologie der Forschung zu ihren Forschungsgegenständen ab. Dazu werden etwa die zugrunde liegenden Menschenbilder, Naturvorstellungen und Subjektvorstellungen thematisiert, so z. B. in Reflexionen auf die Entstehung der Darwinistischen Evolutionstheorie,[5] in Analysen und Erklärungen der Kontroverse zwischen organizistischen, individualistischen und interaktionistischen Theorien ökologischer Gesellschaften[6] und in Analysen der Annahme eines Gleichgewichts der Natur.[7] Im methodischen Kulturalismus wird der Zusammenhang biologischer Theorien mit technischen Praktiken thematisiert.[8] Debatten zur Möglichkeit einer „Reduktion“ der Psychologie auf Gehirnvorgänge durch die Neurowissenschaften behandelt die Neurophilosophie.

Vertreter

Bekannte Philosophen mit biologischem Fokus sind zum Beispiel Gerhard Vollmer, Philip Kitcher, Elliott Sober, Günther Witzany, Kim Sterelny, David Hull, John Dupré, Donna Haraway, Isabelle Stengers und Michael Ruse.

Abgrenzung zu anderen Disziplinen

Innerhalb der angewandten Philosophie hat sich in den letzten Jahren die Bioethik als ein eigenständiger Zweig der zeitgenössischen Philosophie etabliert. Sie beschäftigt sich weniger mit den Inhalten der Biologie als mit deren praktischen Konsequenzen. Vor allem die Möglichkeit der genetischen Manipulation menschlichen Erbguts hat zu einer anhaltenden Debatte über die ethischen Grenzen biotechnologischer Fortschritte geführt.

Weitere angrenzende Disziplinen sind:

Literatur

  • Francisco Jose Ayala, Robert Arp (Hgg.): Contemporary Debates in Philosophy of Biology, Wiley-Blackwell, Malden, MA 2010.
  • Michael T. Ghiselin: The triumph of the Darwinian method. University of California Press, Berkeley 1969.
  • Marjorie Grene, David Depew: The Philosophy of Biology: An Episodic History, Cambridge University Press, 2004, ISBN 0-521-64380-5.
  • David L. Hull, Michael Ruse (Hgg.): The Cambridge Companion to the Philosophy of Biology, Cambridge University Press, Cambridge 2008, ISBN 978-0-521-61671-3. (D. Boersema: Review)
  • David L. Hull, Michael Ruse: The Philosophy of Biology, Oxford Readings in Philosophy, Oxford University Press, Oxford 1998, ISBN 0-19-875212-1.
  • Thomas Kirchhoff: Systemauffassungen und biologische Theorien. Zur Herkunft von Individualitätskonzeptionen und ihrer Bedeutung für die Theorie ökologischer Einheiten. Technische Universität München 2007, http://mediatum2.ub.tum.de/node?id=685961. ISBN 978-3-931472-15-3.
  • Ulrich Krohs, Georg Toepfer (Hrsg.): Philosophie der Biologie. Eine Einführung. Suhrkamp, Frankfurt 2005.
  • Martin Mahner, Mario Bunge: Philosophische Grundlagen der Biologie. Springer, Heidelberg 2000.
  • M. Matthen, C. Stephens (Hgg.): Philosophy of Biology, Handbook of the Philosophy of Science, Elsevier, Amsterdam 2007.
  • Ernst Mayr: Das ist Biologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1998.
  • Ernst Mayr: Eine neue Philosophie der Biologie. Piper, München 1991.
  • Anthony O'Hear: Philosophy, Biology and Life, Royal Institute of Philosophy Supplements, Cambridge University Press, Cambridge 2005.
  • Alex Rosenberg, Daniel W. McShea: Philosophy of Biology. A Contemporary Introduction, Routledge Contemporary Introductions to Philosophy, Routledge, New York 2008.
  • Michael Ruse: The Philosophy of Biology, London 1973.
  • Sahotra Sarkar, Anya Plutynksi (Hgg.): A Companion to the Philosophy of Biology, Blackwell Companions to Philosophy, Blackwell, London 2008.
  • Julius Schaxel: Grundzüge der Theoriebildung in der Biologie. Gustav Fischer, Jena 1922.
  • Elliott Sober: Philosophy of Biology, Dimensions of Philosophy Series, Oxford University Press, Oxford 1993
  • Kim Sterelny, Paul E. Griffiths: Sex and Death. An Introduction to Philosophy of Biology. University of Chicago Press, Chicago 2000. (D. Boersema: Review)
  • Gerhard Vollmer: Biophilosophie. Reclam: Stuttgart 1995.
  • Gerhard Vollmer, Biophilosophie, in: P. Sitte (Hg.): Jahrhundertwissenschaft Biologie. Die großen Themen, München 1999, 381-406.
  • Marcel Weber: Philosophy of Experimental Biology, Cambridge Studies in Philosophy and Biology, Cambridge University Press, Cambridge / New York 2005.

Einzelnachweise

  1. Kristian Köchy: Biophilosophie zur Einführung, Junius, 2008, S. 11 ff.
  2. Kristian Köchy: Biophilosophie zur Einführung, Junius, 2008, S. 31.
  3. Timothy (Tim) Lenoir: Politik im Tempel der Wissenschaft, Frankfurt, 1992, S. 5ff. und Kap. I.
  4. Kristian Köchy: Biophilosophie zur Einführung, Junius, 2008, S. 27.
  5. Michael T. Ghiselin: The triumph of the Darwinian method. University of California Press, Berkeley 1969; Silivan S. Schweber: The Origin of the Origin revisited. In: Journal of the History of Biology, Band 10, Nr. 2, 1977, S. 229–316.
  6. Thomas Kirchhoff: Systemauffassungen und biologische Theorien. Zur Herkunft von Individualitätskonzeptionen und ihrer Bedeutung für die Theorie ökologischer Einheiten. Technische Universität München 2007, http://mediatum2.ub.tum.de/node?id=685961.
  7. Siehe z. B. Frank N. Egerton: Changing concepts of the balance of nature. In: Quarterly Review of Biology, Band 48, Ne.2, 1973, S. 322–350.
  8. Siehe z. B. Mathias Gutmann: Begründungsstrukturen von Evolutionstheorien. In: Krohs, U. & Toepfer, G. (Hg.), Philosophie der Biologie. Eine Einführung. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2005.

Weblinks

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