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Die Geschichte der Philosophie hat die Entwicklung des theoretischen Nachdenkens über die Welt und die in ihr herrschenden Prinzipien vom Beginn der europäischen Philosophie im Griechenland des 6. Jahrhunderts v. Chr. bis zur Gegenwart zum Gegenstand. Als philosophische Disziplin nimmt die Philosophiegeschichtsschreibung interpretierend zu den historischen Entwürfen Stellung, versucht diese in ihrem jeweiligen Zusammenhang zu verstehen und untersucht, ob und inwiefern sich hieraus Lehren für die Gegenwart ziehen lassen.
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Philosophie, dass sie im Lauf ihrer Geschichte immer wieder grundsätzlich neue Erklärungsmodelle hervorgebracht hat. Anders als in den Sachwissenschaften kann in der Philosophie hingegen in vielen Teilbereichen nicht oder kaum von einem Wissensfortschritt gesprochen werden. Hingegen müssen Philosophen sich jeweils mit ihren Grundfragen an die Erkenntnisse der Sachwissenschaften anpassen und deren aktuellen Wissensstand zur Erklärung der Welt heranziehen. Aus diesem systematischen Unterschied zu den Wissenschaften erklärt sich das besondere Interesse der Philosophie an der eigenen Ideengeschichte.
Es können unterschiedliche Aspekte als „Typen der Geschichtsbezugs“[1] zur Klärung des historischen Selbstverständnisses betrachtet werden:
Philosophiegeschichte kann man personenorientiert, werkorientiert oder problemorientiert angehen. Ein weiterer Ansatz besteht in der Einteilung nach groĂźen Epochen, wobei die wesentlichen Personen mit ihren wesentlichen Werken und ihre Antworten zu den wesentlichen Fragen herausgearbeitet werden.
Inhaltsverzeichnis |
Jede Strukturierung des geschichtlichen Prozesses ist willkürlich. Sie dient der Herausarbeitung gemeinsamer Merkmale bestimmter Epochen und ist damit bereits Interpretation. Dabei besteht leicht die Gefahr zu großer Vereinfachungen durch Etikettierungen und Schubladendenken. Die Bestimmung eines Epochenbewusstseins ist aus geschichtswissenschaftlicher Sicht problematisch.[2] Immanuel Kant warnte: „Namen, welche einen Sectenanhang bezeichnen, haben zu aller Zeit viel Rechtsverdrehung bei sich geführt“[3] Martin Heidegger vertrat die Auffassung: „Die Metaphysik begründet ein Zeitlalter, indem sie ihm durch eine bestimmte Auslegung des Seienden und durch eine bestimmte Auffassung der Wahrheit den Grund seiner Wesensgestalt gibt.“[4] Demgemäß unterschied er eine griechische, eine christliche und eine neuzeitliche Auslegung des Seienden.[5] Gegen eine solche harte Strukturierung der geschichtlichen Entwicklung wendet Kurt Flasch ein: „Es lassen sich immer wieder Texte auffinden, die das Epochenschema falsifizieren“[6]. Epochenstrukturen sind geprägt durch die Intentionen dessen, der sie verwendet und führen notgedrungen zu Verzerrungen. Flasch plädiert daher für einen weitgehenden Verzicht auf derartige historische Kategorien. Diese können bestenfalls Tendenzen zum Ausdruck bringen und einer groben Strukturierung dienen, ohne dass der jeweilige Begriff inhaltlich scharfe Abgrenzungen ermöglicht.
Eine Periodisierung, die der in der Geschichte der Geschichtsschreibung aus europäischer Sicht üblich gewordenen Einteilung folgt, findet sich auch verbreitet in Darstellungen zur europäischen Philosophiegeschichte.[7]
| Epoche | Strömung |
|---|---|
| Antike | Vorsokratiker – Griechische Klassik – Hellenismus (Stoa, Epikureismus, Skeptizismus) – Spätantike (Neuplatonismus) |
| Mittelalter | Patristik – Scholastik |
| Frühe Neuzeit | Humanismus – Renaissance - Barockscholastik - Rationalismus - Empirismus - Sensualismus - Aufklärung |
| 19. Jahrhundert | Romantik – Idealismus – Positivismus – Materialismus – Eigenständige Denker – Neukantianismus – Lebensphilosophie – Pragmatismus |
| 20. Jahrhundert | Phänomenologie – Kritischer Realismus – Philosophische Anthropologie – Neopositivismus – Analytische Philosophie / Sprachphilosophie – Existenzphilosophie – Hermeneutik – Neomarxismus / Kritische Theorie – Kritischer Rationalismus / Wissenschaftstheorie – Strukturalismus |
| Gegenwart | Poststrukturalismus – Postmoderne |
Bei einer so groben Unterteilung gehen selbstverständlich viele einzelne Gesichtspunkte und Meinungen unter. Deren Betrachtung soll den einzelnen Abschnitten über die jeweiligen größeren Perioden vorbehalten bleiben. Die Einteilung beinhaltet des Weiteren eine Ausblendung der nichteuropäischen Philosophiegeschichte, da diese vor allem in China und Indien weitgehend eigenständig verlief und einer gesonderten Darstellung bedarf.
Eine narrative Darstellung der Geschichte der Philosophie anhand der Biografien einzelner Philosophen wird als problematisch angesehen, wenn dabei deren Einbindung in ihre historischen gesellschaftlichen Zusammenhänge verborgen bleibt. Insbesondere die Fokussierung auf einzelne „große“ Denker birgt die Gefahr einer Heroisierung.[8] Eine Betrachtung der Philosophiegeschichte kann nicht unabhängig von der allgemeinen politischen und kulturellen Geschichte und der geistesgeschichtlichen Entwicklung vorgenommen werden. Dennoch stehen große Philosophen exemplarisch für das Denken ihrer Zeit und haben durch ihre Arbeiten wegweisende Konzepte für die Zukunft entwickelt, mit denen sie nicht nur den Zeitgeist aufgenommen und strukturiert, sondern ihn auch fortentwickelt haben. Das Interesse der Philosophiegeschichte ist darauf gerichtet, diese Besonderheiten, das „Bleibende“, zu erfassen und herauszuarbeiten. In dieser Hinsicht werden die Argumente und Theorien der herausragenden Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte auch in der Rezeption als Repräsentationen bestimmter Gedanken herangezogen.
Wenn man sich mit der Geschichte der Philosophie befasst, sollte man sich auch immer darüber im Klaren sein, dass man dies mit einer vorgeprägten Sichtweise aufgrund der eigenen Vorbildung und Einstellungen macht und damit interpretiert. Vielfach besteht die "Forderung einer „philosophierenden Geschichte der Philosophie“, weil nur so ein Ertrag für den entsteht, der sich mit Philosophiegeschichte befasst.[9] Martin Heidegger bemerkte hierzu: „Wir mögen noch so fleißig zusammenscharren, was Frühere schon gesagt haben, es hilft uns nichts, wenn wir nicht die Kraft der Einfachheit des Wesensblickes aufbringen.“[10]
Indem die ersten Philosophen selbst durch Nachdenken und Diskutieren – auch Philosophieren genannt – die Welt erklärten, wurde die Philosophie zur Alternative zur mythischen Religion und ihrer Ordnung. In der Spätantike kam es vor allem durch Augustinus zur Verbindung von Philosophie und christlicher Theologie. Mit Bekanntwerden der Schriften des Aristoteles im 13. Jahrhundert wurde die Philosophie aufgewertet und insbesondere durch Thomas von Aquin mit der Theologie in einer philosophiegeschichtlich besonders wirksamen Synthese von Glaube und Wissenschaft harmonisch verbunden. Erste Trennungen finden sich bei Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham. Beginnend mit der Renaissance erfolgte in der Neuzeit eine schrittweise Säkularisierung, die zu einer grundlegenden Trennung in der Aufklärung führte.
Bis in die Gegenwart lehnen viele Philosophen weitgehend die Religion ab und betrachten die Philosophie als der Religion überlegen. Andererseits gab es immer wieder mathematisch und naturwissenschaftlich hoch gebildete Philosophen von Blaise Pascal bis Carl Friedrich von Weizsäcker, die ihre Positionen aus einem tiefen Glauben heraus begründen.
Seit dem Mittelalter ist Philosophie ein universitäres Lehrfach. Es war zunächst ein ergänzendes und hierarchisch untergeordnetes Lehrfach zur Theologie. Erst seit der Säkularisation im 17. Jahrhundert sind Philosophie und Theologie weitgehend getrennt. Mit Kant und Nietzsche ging die Hoffnung auf metaphysische Gewissheit verloren. Nikolaus Kopernikus, Charles Darwin und Albert Einstein veränderten das Weltbild gravierend. Aussagen über das Sein, den Sinn des Lebens, aber auch über den Ursprung der Werte wurden fraglich. In der Moderne verbleibt der Philosophie überwiegend die Aufgabe der Reflexion und der Diskussion mit den Fachwissenschaften über ihre Voraussetzungen, d.h. die Bedingungen der Möglichkeit Wissen zu erlangen. Die seit dem 18. Jahrhundert an den großen Universitäten eingerichteten philosophische Lehrstühle gerieten im 19. und 20. Jahrhundert in ihrer inhaltlichen Ausrichtung zunehmend unter den Spezialisierungsdruck der sich verselbständigenden Fachwissenschaften. Seit der Aufklärung, aber besonders unter dem Eindruck des sowjetischen Marxismus und vor allem des Nationalsozialismus wurden Ideologie und Totalitarismus immer mehr Feindbilder der Philosophie. So findet der Diskurs der Philosophie an den Universitäten häufig nicht nur von der Religion, sondern auch von den Sozialwissenschaften, von Literatur und Kunst weitgehend abgetrennt als theoretische Philosophie mit einer starken Betonung von Wissenschaftstheorie, Sprachanalyse und Logik statt. Darüber hinaus sind die Universitäten in ihrem Selbstverständnis geprägt durch die Vermittlung der sogenannten philosophischen Disziplinen Logik, Ethik, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Philosophiegeschichte im Rahmen der Lehrerausbildung. Dennoch gibt es auch in der Fachwissenschaft immer wieder Impulse am öffentlichen Diskurs der Gegenwart teilzunehmen wie z.B. in ethischen Fragen zur Technik, zur Ökologie, zur Genetik, in der Medizin oder in der interkulturellen Philosophie.
Seit im 18. Jahrhundert die Aufklärer Voltaire, Rousseau und Diderot (als Impulsgeber der Enzyklopädie mit dem Ziel der Aufklärung durch Wissen) in Frankreich philosophes genannt wurden, versteht man hier in der Tradition von Montaigne allgemein unter Philosophen gelehrte Schriftsteller, die sich über populäre, also über alle angehende Themen auslassen – so auch Goethe und Schiller. Denker des 18. und 19. Jahrhunderts wie Adam Smith, Abraham Lincoln, Jean Paul, Friedrich Nietzsche, Émile Zola, Leo Tolstoj, Karl Marx, Sigmund Freud oder Søren Kierkegaard wurden ebenso populär als Philosophen verstanden, wie in der Gegenwart so unterschiedliche Geister wie Erich Fried, Ernst Jünger, Robert Jungk, Paul Watzlawick, Hans Magnus Enzensberger, Umberto Eco, Carl Friedrich von Weizsäcker, Stanisław Lem und Peter Sloterdijk.
Zur Vertiefung siehe auch die Literaturangaben der Artikel zu den einzelnen Perioden der Philosophiegeschichte.
FĂĽr weitere Hinweise siehe auch die Literaturangaben der Artikel Chinesische Philosophie, Indische Philosophie, Buddhistische Philosophie, JĂĽdische Philosophie, Islamische Philosophie, Afrikanische Philosophie.