|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Marie-Joseph Pierre Teilhard de Chardin [maʁi ʒɔzɛf pjɛʁ tejaʁ də ʃaʁdɛ̃] (* 1. Mai 1881 auf Schloss Sarcenat bei Clermont-Ferrand; † 10. April 1955 in New York) war ein französischer Jesuit, Theologe, Philosoph, Anthropologe, Geologe und Paläontologe. Er steht für den Versuch, Religion und Wissenschaft zu verschmelzen und auszusöhnen.
Inhaltsverzeichnis |
In seinem Werk versuchte Teilhard de Chardin, Wissenschaft und religiösen Glauben miteinander zu versöhnen. Mitte des 20. Jahrhunderts forderte er die in anderen Wissenschaften arbeitenden Kollegen auf, die Evolutionstheorie der Biologie auch in ihren Fachgebieten anzuwenden. Seine evolutive Weltschau ist auch als Versuch zu verstehen, das christliche Weltbild aus seiner jahrhundertealten Erstarrung auf eine moderne, zukunftsweisende Basis zu stellen. Diese soll Glauben und Wissenschaft gleichermaßen umfassen und den Dualismus zwischen Materie und Geist überwinden.[1] Teilhards Ansichten stehen in klarem Kontrast zu biblischem Fundamentalismus und religiösem Kreationismus. Für die katholische Kirche stellte seine evolutionäre Synthese eine Bedrohung traditioneller Theologie dar, so dass viele seiner Werke kritisch bewertet oder sogar (wie bei Le Phénomène Humain) die Veröffentlichung vom Vatikan untersagt wurde.[2]
Teilhard de Chardin wurde am 1. Mai 1881 in Orcines in der Auvergne geboren. Sein Vater arbeitete in der Stadtbibliothek des nahegelegenen Clermont-Ferrand und war naturwissenschaftlich interessiert. Seine Mutter war im Gegensatz dazu streng religiös. Dadurch wurde vielleicht schon der Grundstein gelegt für das Thema, welchem er den Rest seines Lebens widmen sollte: die Verbindung des christlichen Weltbildes mit dem der Naturwissenschaften. Teilhard wurde an einer Jesuitenschule erzogen. Am 20. März 1899 trat er in den Jesuitenorden ein und studierte Geologie, Physik und Chemie. Am Jesuitenkolleg in Kairo lehrte er von 1905 bis 1908 Physik und Chemie und unternahm geologische Exkursionen.
In dieser Zeit las er das 1905 erschienene Werk L'évolution créatrice von Henri Bergson, das auf ihn tiefen Einfluss ausübte. Von 1908 bis 1912 studierte er in Ore Place bei Hastings (Sussex) Theologie und wurde am 24. August 1911 zum Priester geweiht. Daran schloss sich ein paläontologisches Studium in Paris an. Der Erste Weltkrieg, in dem er als Sanitäter unter anderem an der Schlacht um Verdun teilnahm, unterbrach seinen wissenschaftlichen Werdegang und hinterließ tiefe Spuren.
1922 wurde Teilhard promoviert und erhielt eine Professur für Geologie am Institut Catholique de Paris. Er arbeitete hauptsächlich als Geologe und Paläontologe und nahm an vielen Forschungsreisen teil, die ihn etwa nach Burma, Äthiopien, Indien, Java und nach China führten. 1929 gehörte er zu den Entdeckern von Funden des Peking-Menschen in einer der Höhlen von Zhoukoudian. Daneben entwickelte er in Büchern und Briefen sein Denken. Wegen seiner unorthodoxen theologischen Auffassungen geriet er in Konflikt mit der Glaubenskongregation. Seinen Lehrstuhl am Institut catholique hatte er schon 1926 verloren, und er verbrachte die folgenden zwanzig Jahre, unermüdlich forschend, größtenteils in China. Sein Interesse wandte sich mehr und mehr der Evolution und dem Werden des Menschen zu. Ab 1939 wurde er als Ausländer in Peking interniert.
Die Veröffentlichung seines 1940 fertiggestellten Hauptwerkes Le Phénomène Humain sollte er nicht mehr erleben, da Rom noch zehn Jahre danach das Imprimatur verweigerte – einer seiner theologischen Gegner war Vladimír Boublík, der ihm Eklektizismus und Titanismus vorwarf – und er selbst nicht als freier Philosoph außerhalb von Kirche und Orden publizieren wollte. Er sollte überhaupt keine theologischen und philosophischen Werke mehr veröffentlichen. Teilhard wurde 1950 zum Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften ernannt. 1951 wurde er – infolge der Enzyklika Humani generis („Über einige falsche Ansichten, die die Grundlage der katholischen Lehre zu untergraben drohen“) – zum zweiten Mal vom Orden aus Frankreich verbannt. Auch diesmal gehorchte er der Ordensdisziplin. Seine letzten Jahre verbrachte er als Research Associate bei der Wenner-Gren-Stiftung für anthropologische Forschung im amerikanischen Bundesstaat New York. Als er am Ostersonntag 1955 starb, folgten nur wenige dem Sarg.
Nach seinem Tod jedoch konnten seine Bücher gedruckt werden, und sie erreichten in kurzer Zeit Millionenauflagen, nachdem schon seine Vorträge und unter der Hand vervielfältigten Manuskripte auf größtes Interesse gestoßen waren. Sein Optimismus riss jeden mit, wobei dieser umso erstaunlicher schien, weil er auch durch das Erleben zweier furchtbarer Weltkriege nicht gelitten hatte.
Der Biologe Adolf Portmann, bei dem Teilhard immer, wenn er in Basel war, einkehrte, schrieb über ihn: „Die Erforschung des Chinamenschen […] hat seinen Ruf als Erforscher einer erloschenen Lebenswelt begründet und den Grund gelegt für das Vertrauen, mit dem viele Menschen seine weittragenden Folgerungen über die Evolution der Menschheit aufgenommen haben.“ Doch stellt Portmann gleichfalls fest, dass bei ihm sehr häufig „der Prophet dem Forscher die Feder aus der Hand genommen hat“.
1952 wurde er Ehrenmitglied der Society of Vertebrate Paleontology.
Die Bedeutung Teilhard de Chardins liegt in seinem Versuch, den christlichen Glauben mit der damals neuen evolutionären Sicht von Kosmos und Leben zusammenzudenken. Er stieß dabei bis an die Toleranzgrenzen der kirchlichen Lehre vor, wurde jedoch bahnbrechend für das nachfolgende theologische Denken. Teilhard sieht Leben und Kosmos in einer von Gott bewirkten kreativen Bewegung, die noch nicht an ihr Ziel gelangt ist. Kennzeichen dieser Bewegung ist die ständige Zunahme von Organisiertheit und organischer Einheit. Das Streben in diese Richtung, also der Motor der Evolution, ist für Teilhard die Liebe. Diese Liebe, die das letzte Ziel, die organische Einheit alles Seienden, bereits handelnd und leidend vorwegnimmt, war für Teilhard im Herzen eines Menschen vollkommen verwirklicht: in Jesus Christus. So nennt er Christus mit einem biblischen Hoheitstitel aus der Offenbarung des Johannes (Offb 21,6) das Omega oder den „Punkt Omega“, das heißt Ziel, Richtung und Motor der Evolution. So sieht und beschreibt er die „Einigung“ der Welt durch Gott mittels Jesus im Zuge der Evolution in folgenden Worten:
„Auf welche Weise eint er [Anm.: Gott] sie? Indem er […] die Führung und den Plan dessen übernimmt, was wir heute Evolution nennen. Als Prinzip universeller Lebenskraft hat Christus, indem er als Mensch unter Menschen erstanden ist, seine Stellung eingenommen, und er ist seit je dabei, den allgemeinen Aufstieg des Bewusstseins, in den er sich hineingestellt hat, unter sich zu beugen, zu reinigen, zu leiten, und aufs höchste zu beseelen.“
– Teilhard de Chardin: Der Mensch im Kosmos. 1959, Seite 305.
In Sciences et Christ bezieht er Christus noch direkter auf den Omegapunkt:
« Parce que le Christ est oméga, l'Univers est physiquement imprégné, jusque dans sa moelle matérielle, de l'influence de sa surhumaine nature. »
„Weil Christus der Punkt Omega ist, ist das Universum bis in das materielle Mark hinein durchtränkt von dem Einfluss seiner übermenschlichen Natur.“
– Teilhard de Chardin: Sciences et Christ, 1965, Seite 88.
Teilhards Schau ist geprägt von großer naturwissenschaftlicher Kenntnis und zugleich von tiefer Frömmigkeit, vor allem von der Herz-Jesu-Verehrung. Bahnbrechend (und zu seiner Zeit anstößig) ist er darin, die Schöpfung nicht als etwas Abgeschlossenes und Fertiges anzusehen, wie es die biblischen Schöpfungserzählungen nahezulegen scheinen, sondern als einen bis ans Ende der Zeit fortdauernden Prozess mit noch ungeahnten Ergebnissen, der in der physikalisch-biologischen Welt, aber auch in der geistigen Welt wirkt. Schöpfung und Evolution ist für ihn dadurch kein Gegensatz mehr. Neu gedacht hat er auch das Verhältnis von „notwendiger“ Entwicklung und menschlicher Freiheit. Theologischer Anknüpfungspunkt ist ihm dabei die Lehre vom Heiligen Geist (Spiritus Creator), dessen Wirken kein bloß vergangenes ist und der mit der geschöpflichen Freiheit zusammenwirkt. Seine Überlegungen zur Evolution des Menschen, insbesondere hinsichtlich dessen geistiger und spiritueller Aspekte, werden oft mit denen des indischen Philosophen Aurobindo verglichen, der den gegenwärtig lebenden Menschen als Übergangswesen zu einer höheren Entwicklungsstufe ansieht.
Teilhards Metaphysik bietet einen panpsychistischen Lösungsvorschlag für das Leib-Seele-Problem: Er geht davon aus, dass allen physischen Dingen geistige Eigenschaften innewohnen. Teilhard behauptet allerdings nicht, dass beispielsweise unbelebte Dinge oder technische Artefakte ein volles Bewusstsein haben und z. B. Schmerzen erleben können. Vielmehr stellt Teilhard die Theorie auf, dass in der Wirklichkeit eine gestufte Form der Geistigkeit anzutreffen ist: Nur dann, wenn eine Entität in physischer Hinsicht ausreichend komplex ist, kann auch die korrespondierende geistige Seite komplexe Züge annehmen. Ein Atom etwa ist nicht ausreichend komplex, um ein Bewusstsein zu haben. Ein Lebewesen wie der Mensch hat jedoch eine ausreichend komplexe Anordnung des Physischen, so dass die korrespondierende geistige Anordnung ein bewusstes Erleben aufweist.
Unter Teilhardismus verstand ein besonders papst- und konzilstreuer Teil von Theologie und Episkopat in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren eine Umdeutung des literarischen Schaffens des Jesuiten Teilhard de Chardin in eine Art von „neuer“ Humanismus-Dogmatik. Nicht die nur teilweise akzeptablen Sondermeinungen Teilhards selbst, sondern die aggressiv-euphorische Deutung derselben durch Modetheologen in der durch die nachkonziliare Kirchenkrise geprägten Epoche waren Gegenstand der Kritik. Insbesondere Philosophen wie Jacques Maritain (1966), Jean Guitton (1986), Dietrich von Hildebrand, aber auch Theologen wie Hans Urs von Balthasar (Cordula, 1966) kritisierten die Naivität eines vorgeblich auf Teilhard gestützten „neuen“ Christentums vehement. Schon mit der Ölkrise 1973 kühlte die Teilhard-Begeisterung merklich ab; während des Pontifikats von Papst Johannes Paul II. wurden die antiquierten Positionen einer Art von Neo-Modernismus bereits fast nur noch anhand von kirchenpolitischen Disziplin-Fragen „stellvertretend“ abgehandelt. Derzeit wird Teilhard de Chardin, insbesondere von Naturwissenschaftlern, überwiegend kritisch beleuchtet.
Die beiden Hauptwerke:
Die neun Bände der Oltner Werkausgabe:
Weitere Ausgaben:
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Teilhard de Chardin, Pierre |
| ALTERNATIVNAMEN | Teilhard de Chardin, Marie-Joseph Pierre (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Jesuit, Theologe, Philosoph, Anthropologe, Geologe und Paläontologe |
| GEBURTSDATUM | 1. Mai 1881 |
| GEBURTSORT | Schloss Sarcenat bei Clermont-Ferrand |
| STERBEDATUM | 10. April 1955 |
| STERBEORT | New York |