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Der Realismus ist eine Denkschule innerhalb der Internationalen Beziehungen, die sich mit dem Charakter und der Verteilung der Macht im internationalen System auseinandersetzt. Durch diese Betrachtungsweise ist er dem überwiegend optimistischen Ansatz des Liberalismus entgegengesetzt.
Der Realismus beherbergt drei große Strömungen, die ihrerseits unterteilt sind, und begründete die Internationalen Beziehungen als systematische Sozialwissenschaft und Forschungsgegenstand. Obwohl die Internationalen Beziehungen vor allem seit dem Ende des Kalten Krieges eine größere Bandbreite an Erklärungsansätzen aufzubieten haben, herrscht der Realismus weiterhin vor.[1]
Inhaltsverzeichnis |
In den 1930er Jahren begannen einige Wissenschaftler wie Frederick Sherwood Dunn, Frederick L. Schuman, Georg Schwarzenberger und Nicholas Spykman[2], einen in den Internationalen Beziehungen vorherrschenden Konsens anzuzweifeln, den spätere Realisten als "Idealismus" geringschätzten. Denn, einem Gründungsmitglied des Institute of International Studies an der Yale University zufolge, sollten sich die Internationalen Beziehungen vorwiegend mit der „besonderen Art der Machtbeziehungen“ befassen, die ein „Gemeinwesen in Abwesenheit einer Autorität“[2] ausmachen würden. Im Gegensatz dazu standen die Internationalen Beziehungen zu dieser Zeit unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges und versuchten vorwiegend, Wege zu einer friedlichen Weltordnung zu entdecken.
Ab dem Ende der 1930er diskreditierten sowohl das weltpolitische Geschehen wie auch darauf aufbauende Analysen den Idealismus. E. H. Carr, ein ehemaliger britischer Diplomat, veröffentlichte im Jahr 1939 sein einflussreiches Werk The Twenty Years Crisis, während Hans Morgenthau in seinem ebenso einflussreichen Werk Politics Among Nations (deutsch: „Macht und Frieden“) als einer der ersten Theoretiker einen systematischen Gegenentwurf zum Idealismus entwickelte, den er Realismus (realism) nannte. Ihre Kritik begründeten sie vor allem anthropologisch, indem sie den Idealismus als mit der nach Macht strebenden menschlichen Natur für unvereinbar erklärten. Dabei beriefen sich Carr, Morgenthau und andere vor allem auf die Schriften von Thukydides, Thomas Hobbes und Niccolo Machiavelli.[3] Durch diesen Rückgriff auf klassische Schriften der politischen Theorie und Geschichtsschreibung und die lange wissenschaftliche Dominanz dieser Thesen kam während der zunehmenden Fächerung des Realismus der Begriff „Klassischer Realismus“ für diesen Erklärungsansatz der internationalen Politik auf.
Durch den Kalten Krieg und den Einzug behavioralistischer Methoden in die Internationalen Beziehungen verschob sich der Erklärungsansatz der internationalen Politik. Hier ragte vor allem Kenneth Waltz hervor, der die anthropologische Herleitung der klassischen Realisten als unzureichend empfand, und legte in Man, the State and War aus dem Jahr 1953 dar, dass Kriege vor allem durch das Fehlen einer Hierarchie in der internationalen Politik zustande kämen, eine These, die sich an Rousseaus Fragment De l'etat de guerre anlehnt. Sein Opus Magnum, Theory of International Politics, veröffentlichte Waltz im Jahre 1979. Hierin konstatierte er, dass die anarchische Struktur des internationalen Systems eine Logik der Selbsthilfe bedinge. Da Waltz einen systemischen, stark mikroökonomisch geprägten Ansatz bemüht, wurde sein Erklärungsmodell nicht nur als Neorealismus, sondern auch als struktureller Realismus (structural realism) bekannt. Verschiedene Autoren, darunter die in Deutschland für ihre kontroverse Veröffentlichung The Israel Lobby and US Foreign Policy bekannten John J. Mearsheimer und Stephen Walt, entwickelten innerhalb des Neorealismus eine theoretische Zweiteilung. Mearsheimer, wie in The Tragedy of Great Power Politics aus dem Jahre 2001 dargelegt, und andere offensive Realisten nehmen an, dass sich ein Staat erst dann relativ sicher wähnen kann, wenn er das internationale System hegemonial dominiert. Damit bestreiten sie die These defensiver Realisten wie Waltz und Walt, die das Streben nach Hegemonie grundsätzlich für zu riskant und zu weit entfernt vom unmittelbaren Überleben im Staatensystem halten.
Der Realismus fußt auf zwei Grundannahmen:
1. Zum einen betrachtet er Staaten als monolithischen Block (Black-Box-Theorie); die Innenpolitik spielt keine Rolle bei der Formulierung der Außenpolitik. Die "Realisten" gehen zum anderen davon aus, dass der Mensch in die Widersprüche von Norm und Realität, von schöpferischen und zerstörerischen Verwirklichungsmöglichkeiten der Freiheit eingebunden ist. Aus diesen Widersprüchen resultiert Angst, aus der Angst der Versuch, durch Machterwerb Sicherheit zu gewinnen. Es herrscht ein offenes, multipolares Staatensystem ohne zentrale Entscheidungs- oder Sanktionsinstanz. Die souveränen Nationalstaaten befinden sich so in einem permanenten Überlebenskampf untereinander und ihre Außenpolitik ist ausschließlich von diesem Kampf bestimmt.
2. Das internationale System ist anarchisch und nicht in der Lage, dauerhafte übergeordnete Machtstrukturen auszubilden. Das wichtigste Staatsziel ist das eigene Überleben und das lässt sich am besten dadurch erreichen, dass ein Staat mächtiger ist als die anderen (die potentiellen Gegner). Deshalb streben die Staaten nach Macht. Die zentralen Variablen für die Machtposition eines Staates sind seine Größe (bei einigen Autoren auch die territoriale Beschaffenheit), seine Wirtschaftskraft und seine militärische Kraft. Eine wichtige Annahme des Realismus ist, dass Macht auf internationaler Ebene ein Nullsummenspiel ist. Bekannte Vertreter des Realismus, sowohl in Theorie als auch Praxis, sind Henry Kissinger und Hans Morgenthau.
Der Realismus stellt ebenfalls eine politische Ethik zur Verfügung, deren minimalistische Prinzipien die Selbstentwicklungsfähigkeit von Gesellschaften betonen und teleologische politische Praktiken als gefährlich einordnen.
Mit der zweiten Auflage des Werks „Politics among Nations“ wurden von Hans Morgenthau die sechs Punkte des Politischen Realismus veröffentlicht:
In Deutschland bemühen sich Carlo Masala, Werner Link und Christian Hacke um eine empirische Anwendung des Realismus; Gottfried-Karl Kindermann, Alexander Siedschlag und Christoph Rohde erweitern den monovariablen Ansatz Morgenthaus mit Hilfe revisionsoffener Analysekategorien.
Auch wenn der Neorealismus als struktureller Realismus bezeichnet wird, weist er Unterschiede zum klassischen Realismus auf. Der wesentliche Unterschied liegt in der Begründung des Machtstrebens der Staaten. Der klassische Realismus sieht dieses Machtstreben anthropologisch begründet (diese Projektion von der Natur des Menschen auf das Verhalten wurde oftmals kritisiert): der Mensch wird als ein nach Sicherheit und Macht strebender Akteur betrachtet. Der Neorealismus geht vom anarchischen internationalen System aus, welches die Staaten vor ein Sicherheitsdilemma stellt. Um diesem zu begegnen, d.h. sein Überleben, seine Sicherheit und Unabhängigkeit zu wahren, versuchen Staaten ihre Macht zu erhalten, auszubauen oder auch nur zu demonstrieren. Während der klassische Realismus auf der Erklärungsebene vom "Akteur" ausgeht, geht der Neorealismus hierbei vom "System der internationalen Beziehungen" aus.
Der offensive Realismus (Vertreter: John Mearsheimer) sieht Macht als ein treibende Kraft für das Verhalten von Staaten im anarchischem internationalen System. Staaten würden jede Gelegenheit nutzen um ihre Macht zu erweitern. Denn dadurch stellt der Staat auf der einen Seite sicher, dass er nicht in Abhängigkeit von anderen Nationen gerät, und auf der anderen Seite, dass er möglichst viele andere Staaten in die Abhängigkeit von sich treibt. Der Staat versucht auf globaler Ebene eine hegemoniale Position zu erwerben.
Der defensive Realismus (Vertreter: Joseph Grieco) behauptet, Staaten würden möglichst den Status Quo verteidigen und mächtige Staaten somit nicht permanent versuchen ihre Macht auszubauen, da ein solcher Versuch der hegemonialen Positionsgewinnung bei anderen Staaten eine "balance of threat" auslöst. Was zur Folge hat, dass andere Staaten sich zu Allianzen zusammenschließen (pooling) um gegen den aufkommenden Hegemon eine möglichst mächtige Gegenposition einnehmen zu können.
Auch der Realismus konnte nie alle Eigenschaften der internationalen Beziehungen abbilden. So ließen sich bereits 1951, drei Jahre nach Morgenthaus Politics Among Nations, die Entstehung der Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl und darauf folgend die Europäischen Gemeinschaften nicht mit dem realistischen Ansatz erklären[4].
Seit dem Ende des Kalten Krieges hat der klassische, aber auch der neue Realismus dann stark an Bedeutung eingebüßt. Beide waren nicht in der Lage, das Ende des Kalten Krieges vorauszusehen - im Gegenteil: es wurde sogar davon ausgegangen, dass eine bipolare Machtverteilung äußerst stabil ist. Großer Gegenspieler des Realismus waren und sind der neoliberale Institutionalismus (auch: Liberalismus, früher: Idealismus) und die marxistisch-strukturellen Theorien. Seit Anfang der 1990er Jahre erwuchs mit dem Sozialkonstruktivismus eine weitere Großtheorie der Internationalen Beziehungen, welcher die realistische Schule zunehmend abzulösen vermag.
Der Unilateralismus der USA unter George W. Bush, die gespaltene außenpolitische Haltung der EU vor dem Irak-Krieg, die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen und andere Prozesse zeigen, dass der Realismus keine Konjunkturtheorie ist, sondern permanente historisch wirksame Kräfte aufzeigt. Der Konstruktivismus ist eher eine soziologische Theorie, die Steuerungsdynamik in Organisationen ohne Zielorientierung erklärt.
Der neoklassische Realismus zeigt, dass das Ende des Kalten Krieges nicht ohne die sowjetische Erkenntnis des eigenen Abstiegs erklärt werden kann. Ideen spielten eine wichtige Rolle. Diese Ideen gab es in der UdSSR schon seit den sechziger Jahren, ließen sich aber gegen die herrschende Elite nicht durchsetzen. Nur der Realismus erklärt, warum die USA eine Präventivdoktrin zur autonomen Gewährleistung ihrer Sicherheit bevorzugen. Im Gegensatz zu den US-Neokonservativen ist der Realismus als Instruktur dabei, den machtzentrierten Alleingang der USA kritisch zu betrachten. Joseph Nye hat den realistischen Begriff der weichen Macht geprägt.
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