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Die Priesterbruderschaft St. Pius X. (lat. Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X., OrdenskĂŒrzel FSSPX, umgangssprachlich oft Piusbruderschaft) ist eine Priestervereinigung katholischer Traditionalisten. Sie wurde 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegrĂŒndet, um an Riten und Lehren der römisch-katholischen Kirche festzuhalten, die das Zweite Vatikanische Konzil (1962â1965) aus seiner Sicht aufgegeben hatte. Sie lehnt KonzilsbeschlĂŒsse wie die Ăffnung zur Ăkumene, Religionsfreiheit, KollegialitĂ€t der Bischöfe, Anerkennung des Judentums als Heilsweg (Nostra Aetate) sowie die auf Anordnung des Konzils durchgefĂŒhrte Liturgiereform als âmodernistischâ ab und strebt eine âErneuerung des Priestertumsâ und âVerbreitung und Wiederherstellung der authentischen katholischen Lehreâ an.[1] Seit 1994 ist der von Lefebvre zum Bischof geweihte Bernard Fellay der Generalobere der Bruderschaft.
Seit 1975 hat die Piusbruderschaft keinen kanonischen Status in der römisch-katholischen Kirche mehr und betreibt ohne Erlaubnis der jeweiligen Diözesanbischöfe Priesterseminare, Priorate und Kapellen. Im Jahr 1988 fĂŒhrten illegale Bischofsweihen zur Exkommunikation der vier geweihten und zwei weihenden Bischöfe. Die Exkommunikation der vier Geweihten wurde am 21. Januar 2009 von Papst Benedikt XVI. aufgehoben. Sie und die Priester der Bruderschaft sind weiterhin suspendiert und gelten nach römisch-katholischem Kirchenrecht als âvagante Klerikerâ, die gröĂtenteils in irregulĂ€rer Weise zum Priester geweiht wurden und ohne kirchliche Erlaubnis wirken.
Zur Piusbruderschaft gehören nach eigenen Angaben von 2011 weltweit 551 Priester.[2] Die Zahl der GlĂ€ubigen, die sich zu ihr bekennen, soll nach Angaben von Kardinal DarĂo CastrillĂłn Hoyos von 2007 um 600.000 Personen umfassen, davon 100.000 in Frankreich. Andere Quellen nennen 150.000 AnhĂ€nger.[3] UnabhĂ€ngige und regelmĂ€Ăig ĂŒberprĂŒfte Erhebungen zu den AnhĂ€ngerzahlen sind nicht bekannt.
Im Jahr 1970 erlaubte Bischof François CharriĂšre in seiner Diözese Erzbischof Lefebvre vorlĂ€ufig die GrĂŒndung eines Priesterseminars in EcĂŽne (Schweiz). Seither grĂŒndete die Piusbruderschaft ohne kirchliche Erlaubnis fĂŒnf weitere Priesterseminare: in Flavigny-sur-Ozerain (Frankreich), Goulburn (Australien), Winona (Minnesota) (USA), La Reja (Argentinien) und das Internationale Priesterseminar Herz Jesu in Zaitzkofen, einem Ortsteil von Schierling in der Oberpfalz (Deutschland). Insgesamt unterhĂ€lt sie 750 Messzentren, 161 Priorate, 90 Schulen und zwei sogenannte Instituts Universitaires in 63 Staaten auf allen Kontinenten.[4] Ihr Generalhaus liegt in Menzingen im Schweizer Kanton Zug.
In Deutschland betreibt sie etwa 50 als âZentrenâ bezeichnete Messstandorte, wobei die sogenannten Priorate von den von diesen aus betreuten Kapellen zu unterscheiden sind.[5] Die meisten davon befinden sich im sĂŒddeutschen Raum; fĂŒr Ostdeutschland gibt es nur ein Priorat in Berlin und eine Kapelle in Dresden. Zudem betreibt sie ein Kloster, ein Schwesternnoviziat, ein Altenheim und fĂŒnf Privatschulen: darunter das St.-Theresien-Gymnasium bei Bonn mit MĂ€dcheninternat und zwei Grundschulen in Baden-WĂŒrttemberg.[6] Im Jahr 1997 erhielt sie fĂŒr vier Schulen 1,1 Millionen Euro staatliche Gelder.[7] FĂŒr eine Grundschule mit insgesamt 18 SchĂŒlern und eine Realschule mit etwa 50 SchĂŒlern in SaarbrĂŒcken erhĂ€lt die Bruderschaft jĂ€hrlich Gelder in Höhe von 425.000 Euro vom Saarland.[8] Distriktoberer der deutschen Einrichtungen ist Franz Schmidberger.
Von April 2005 bis Juni 2006 ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Lehrer und Leitung der Realschule in SaarbrĂŒcken wegen Misshandlungen an SchĂŒlern. Das Oberverwaltungsgericht des Saarlandes erlaubte den Weiterbetrieb, da die Schulleitung auf die Verfehlungen eines Lehrers angemessen reagiert habe.[9] 2010 wurde dem angegliederten Internat vom Ministerium fĂŒr Justiz, Gesundheit und Soziales (Saarland) die Betriebserlaubnis entzogen. Grund war, dass mehr InternatsplĂ€tze vergeben wurden, als genehmigt waren. AuĂerdem wurden nicht genehmigte zusĂ€tzliche Wohngruppen festgestellt.[10] Weil das Bildungsministerium durch die VorfĂ€lle im Internat die ZuverlĂ€ssigkeit des SchultrĂ€gers nicht mehr gegeben sah, verfĂŒgte sie anschlieĂend auch die SchlieĂung der Schule selbst. Die Anordnung der sofortige SchlieĂung konnte jedoch erfolgreich angefochten werden.[11] Der anschlieĂende Verwaltungsprozess ĂŒber die Frage der SchlieĂung an sich endete zugunsten der Piusbruderschaft.[12]
In den Diözesen Deutschlands, Ăsterreichs und der Schweiz darf die Piusbruderschaft meist keine römisch-katholischen KirchengebĂ€ude nutzen, auch nicht fĂŒr Beerdigungen, Taufen, EheschlieĂungen oder Wallfahrten. In Lisieux und Lourdes wurden ihr 2005 und in den folgenden Jahren vereinzelt HochĂ€mter in römisch-katholischen Kirchen gestattet.
2002 wurde in der Ukraine die Priesterbruderschaft St. Josaphat mit dem Ziel der âBekehrung des schismatischen Ostens zur Anerkennung des Papstes und der traditionellen katholischen Lehreâ gegrĂŒndet.
Mit dem Sarto-Verlag betreibt die Priesterbruderschaft einen eigenen Verlag[13] mit Online-BĂŒcherversandhandel.
Lefebvre wurde im Juli 1962 zum Generaloberen der Spiritaner gewĂ€hlt und in die Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils berufen. Dort kritisierte er die KollegialiĂ€tsidee, die ökumenische Ăffnung und die Religionsfreiheit, nicht aber die Liturgiekonstitution von 1963. Nach dem Konzil lehnte er jedoch die Liturgiereform ab, verschĂ€rfte seine ĂŒbrige Kritik am Konzil und gab im September 1968 das Amt des Generaloberen auf.
Kurz darauf baten Seminaristen des Französischen Priesterseminars in Rom Lefebvre um ein konservatives Seminar zum Beenden ihrer Studien, um unbedrĂ€ngt an traditionellen Glaubensvorstellungen und Doktrinen festhalten zu können. Er verwies sie zunĂ€chst an die UniversitĂ€t Freiburg in der Schweiz. Nachdem er gebeten worden war, diese Seminaristen persönlich zu unterrichten, wandte er sich an den Diözesanbischof vom Bistum Lausanne-Genf-Freiburg, François CharriĂšre. Dieser genehmigte im Sommer 1969 die GrĂŒndung der Confraternitas Pius X. in seiner Diözese in der Rechtsform einer âpia unioâ (can. 707ff CIC/1917) und genehmigte die Statuten fĂŒr einen Zeitraum von sechs Jahren âad experimentumâ. Kardinal John Joseph Wright, PrĂ€fekt der Kongregation fĂŒr den Klerus, gratulierte Lefebvre brieflich zur GrĂŒndung der Bruderschaft.[14]
1971 lehnte Lefebrve die neue Messordnung, die Paul VI. am 3. April 1969 verkĂŒndet hatte, ab und betrachtete die Liturgiereform von 1969 nun als EinfĂŒhrung von Martin Luthers AbendmahlsverstĂ€ndnis in der katholischen Kirche. Die kirchlichen VerĂ€nderungen seit dem Konzil seien das Ergebnis eines Komplotts liberaler und antichristlicher MĂ€chte. Daraufhin berief KardinalstaatssekretĂ€r Jean-Marie Villot im Auftrag des Papstes[15] eine Kommission ein, die die Angelegenheit untersuchen sollte. Dazu gehörten Kardinal Gabriel-Marie Garrone, Kardinal Wright und Kardinal Arturo Tabera.[14]
Am 21. November 1974 veröffentlichte Lefebvre folgende âGrundsatzerklĂ€rungâ:[16]
âWir hĂ€ngen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele am katholischen Rom, der HĂŒterin des katholischen Glaubens und der fĂŒr die Erhaltung dieses Glaubens notwendigen Traditionen [âŠ] Wir lehnen es hingegen ab, und haben es immer abgelehnt, dem Rom der neo-modernistischen und neo-protestantischen Tendenz zu folgen, die klar im Zweiten Vatikanischen Konzil und nach dem Konzil in allen Reformen, die daraus hervorgingen, zum Durchbruch kam [âŠ] Keine AutoritĂ€t, selbst nicht die höchste in der Hierarchie, kann uns zwingen, unseren Glauben, so wie er vom Lehramt der Kirche seit neunzehn Jahrhunderten klar formuliert und verkĂŒndet wurde, aufzugeben oder zu schmĂ€lern [âŠ] Da diese Reform vom Liberalismus und vom Modernismus ausgeht, ist sie völlig vergiftet. Sie stammt aus der HĂ€resie und fĂŒhrt zur HĂ€resie, selbst dann, wenn nicht alle ihre Akte direkt hĂ€retisch sind! Daher ist es jedem wachen und treuen Katholiken unmöglich, diese Reform anzunehmen und sich ihr, in welcher Weise auch immer, zu unterwerfen.â
Am 13. Februar und 3. MĂ€rz 1975 musste sich Lefebrvre vor der Kardinalskommission in Rom fĂŒr seine Haltung verantworten. Danach erteilte Kardinal Tabera Bischof Pierre Mamie, CharriĂšres Nachfolger, brieflich die Vollmacht, die Piusbruderschaft aufzulösen. Daraufhin entzog Mamie ihr am 6. Mai 1975 die Anerkennung als katholische Organisation.[17] Lefebvre werde bis zum Widerruf seiner ErklĂ€rung vom 21. November 1974 keinerlei kirchliche UnterstĂŒtzung erhalten.
Dieser lehnte gegenĂŒber der Apostolischen Signatur diese Entscheidungen ab, da die Kardinalskommission nicht befugt gewesen sei, seine ErklĂ€rung zu beurteilen. Diese sei persönlicher Art gewesen, so dass allenfalls er selbst dafĂŒr bestraft werden dĂŒrfe. Es gehe nicht an, deshalb die Piusbruderschaft und deren Priesterseminare aufzulösen. Die Apostolische Signatur lehnte diesen Rekurs Lefebvres am 10. Juni 1975 ab, da Papst Paul VI. die Entscheidung der Kardinalskommission in forma specifica befĂŒrwortet habe. Dies bestĂ€tigte dieser in einem persönlichen Brief an Lefebvre. FĂŒr den Vatikan war die Piusbruderschaft fortan keine römisch-katholische Organisation mehr.
Lefebvre erklĂ€rte die Aufhebung der Piusbruderschaft fĂŒr ungĂŒltig: Die Kardinalskommission habe ihre Kompetenz ĂŒberschritten, da der Papst ihre spezifische Entscheidung erst nach Erlass des Rechtsaktes bestĂ€tigt habe.[18] Er setzte seine Arbeit fort und ignorierte die Weisungen des Diözesanbischofs und Roms. Im Konsistorium am 24. Mai 1976 kritisierte Papst Paul VI. ihn deswegen öffentlich und appellierte an ihn und seine AnhĂ€nger, sich zu besinnen.[19]
Trotz zweifachen Verbots durch Erzbischof Giovanni Benelli weihte Lefebvre am 29. Juni 1976 Seminaristen der Piusbruderschaft zu Priestern. In der Predigt dazu bekundete er:[20]
âEs bereitet uns einen ungeheuren und unermesslichen Schmerz, feststellen zu mĂŒssen, dass wir mit Rom Schwierigkeiten haben â wegen unseres Glaubens! [âŠ] Wir befinden uns in einer wahrhaft dramatischen Situation. Wir mĂŒssen uns entscheiden. Es geht um einen sozusagen scheinbaren Gehorsam, denn der Heilige Vater kann von uns nicht mit Recht verlangen, unseren Glauben aufzugeben. [âŠ] Wir entscheiden uns dafĂŒr, unseren Glauben nicht aufzugeben, denn darin können wir uns nicht tĂ€uschen.â
Lefebvre wurde am gleichen Tag von seinem Amt suspendiert (a collatione ordinum), so dass er von nun an keine rechtmĂ€Ăigen Priesterweihen durchfĂŒhren konnte. Kardinal Sebastiano Baggio, PrĂ€fekt der Kongregation fĂŒr die Bischöfe, forderte ihn eine Woche spĂ€ter auf, sich beim Papst fĂŒr die verbotenen Priesterweihen zu entschuldigen. In seinem Antwortschreiben verweigerte Lefebvre dies. Paul VI. solle seinerseits âdie richtige Auffassung der verfĂ€lschten Ideen wiederherstellen, die zu Idolen des modernen Menschen geworden sind: Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit, Demokratie.â[21] Der Papst solle das âunglĂŒckselige Unternehmen eines Kompromisses mit den Ideen des modernen Menschen aufgebenâ, das vor dem Konzil mit einer geheimen Ăbereinkunft zwischen hohen kirchlichen WĂŒrdentrĂ€gern und den Freimaurerlogen begonnen habe.
Daraufhin suspendierte der Papst Lefebvre am 22. Juli 1976 a divinis und entzog ihm damit alle Vollmachten seines Priester- und Bischofsamts. Dennoch empfing er ihn am 11. September 1976 nochmals zu einer Audienz, die ergebnislos verlief.
Lefebvre blieb Leiter der Piusbruderschaft, seit 1982 zusammen mit Franz Schmidberger als Generalvikar mit dem Recht auf Nachfolge. Er wurde zur Symbolfigur fĂŒr konservative und radikale Gegner aller Kirchenreformen seit 1960 in der Tradition der Action française. Die Piusbruderschaft wurde vor allem in Frankreich zu deren Sammelbecken.
Lefebvres AnhĂ€nger besetzten am 27. Februar 1977 die Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet in Paris.[17] Unter der FĂŒhrung des Pariser Priesters François Ducaud-Bourget wurde der amtierende Priester aus der Kirche gewiesen. Die Kirche wird bis heute nur von der Piusbruderschaft genutzt und gilt in Frankreich als deren Hauptquartier. Behördlich wurde mehrmals bestĂ€tigt, dass die Besetzung rechtswidrig war.[22]
Die Piusbruderschaft eröffnete in verschiedenen Staaten weitere kirchlich ungenehmigte Priesterseminare und Kapellen und fĂŒhrte unerlaubte Priesterweihen durch. Sie begrĂŒndet dies im Gegensatz zum Sedisvakantismus mit einer existierenden Kirchenkrise, leitet daraus einen Notstand und damit ein Recht zum Ungehorsam gegenĂŒber Rom und den lokalen Diözesanbischöfen ab.[23]
1987 erklÀrte Lefebvre, er werde einen Nachfolger mit oder ohne Erlaubnis des Vatikans zum Bischof weihen. Denn dieser sei von antichristlichen KrÀften besetzt:[24]
âDa dieses modernistische und liberale Rom sein Werk der Zerstörung der Herrschaft Unseres Herrn weiterverfolgt, [âŠ] sehe ich mich gezwungen [âŠ] die Gnade des katholischen Bischofsamtes [âŠ] weiterzugeben, damit die Kirche und das katholische Priestertum fortfahren zu bestehen.â
Der Vatikan verhandelte daraufhin mit Lefebvre und erreichte, dass er am 5. Mai 1988 ein Protokoll unterschrieb.[25] Im ersten, doktrinalen Teil versprach er als Vertreter der Piusbruderschaft:
Der zweite, juristische Teil sah vor, dass:
Dieses Dokument unterschrieben Lefebvre und Kardinal Joseph Ratzinger â der heutige Papst â und sandten es an Papst Johannes Paul II. mit der Bitte um Zustimmung.
Lefebvre ersuchte am 6. Mai in einem Brief an Kardinal Ratzinger um ein pĂ€pstliches Mandat fĂŒr eine Bischofsweihe am 30. Juni. Sollte ihm dies verweigert werden, sehe er sich verpflichtet, bereits mit der Zusage eines Bischofs im Protokoll zur Bischofsweihe zu schreiten. Am 24. Mai stellte Kardinal Ratzinger dem Erzbischof in Aussicht, dass der Papst am 15. August einen Priester der Bruderschaft zum Bischof ernennen werde, falls man einen geeigneten Kandidaten finde. Im Gegenzug mĂŒsse Lefebvre auf der Basis des am 5. Mai von ihm unterzeichneten Protokolls um Aussöhnung mit dem Papst ersuchen und einen Brief mit Entschuldigungsbitten unterzeichnen. Lefebvre beharrte jedoch weiter auf einer eigenen Bischofsweihe am 30. Juni.
Nachdem in den GesprĂ€chen von Seiten Roms kein genauer Termin fĂŒr die Bischofsweihe genannt wurde und sich auch abzeichnete, dass die vorgesehene Kommission nicht mehrheitlich aus Mitgliedern der Bruderschaft bestehen wĂŒrde, teilte Lefebvre am 3. Juni 1988 in einem Brief dem Papst mit, er werde am 30. Juni die von ihm geplanten Bischofsweihen auch ohne pĂ€pstliche Erlaubnis durchfĂŒhren.
Papst Johannes Paul II. erinnerte Lefebvre am 9. Juni 1988 nochmals brieflich an die von ihm am 5. Mai unterzeichnete Vereinbarung und appellierte an ihn, nicht mit seinem Plan fortzufahren. Dieser werde als schismatischer Akt bewertet, dessen theologische und kanonische Konsequenzen Lefebvre bekannt seien. Als dieser darauf nicht antwortete, machte der Vatikan den Briefwechsel am 16. Juni 1988 öffentlich bekannt.
Am 30. Juni 1988 weihte Lefebvre, assistiert vom emeritierten brasilianischen Bischof AntĂŽnio de Castro Mayer, die Priester der Piusbruderschaft Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson und Alfonso de Galarreta gegen das pĂ€pstliche Verbot zu Bischöfen. In der Predigt dazu begrĂŒndete er den Abbruch der Verhandlungen mit Rom:[26]
âWas ist die Wahrheit fĂŒr diese Menschen? Es ist die Wahrheit des Zweiten Vatikanischen Konzils, dieser konziliaren Kirche. Folglich ist fĂŒr den Vatikan die heute einzige existierende Wahrheit, die konziliare Wahrheit, die Wahrheit des âGeistes des Konzilsâ. Es ist der Geist von Assisi. Das ist heute âdie Wahrheitâ. Diese Wahrheit wollen wir nicht, um alles in der Welt! Der feste Willen der gegenwĂ€rtigen römischen Behörden ist, die Tradition zu vernichten und alle in diesen Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils hineinzuziehen, in diesen Geist von Assisi. Darum haben wir es vorgezogen, uns zurĂŒckzuziehen. Diesem Geist konnten wir nicht zustimmen, das war unmöglich. FĂŒr uns war es nicht möglich, sich einer solchen Obrigkeit zu unterwerfen. Wir hĂ€tten der Amtsgewalt von Kardinal Ratzinger, des PrĂ€sidenten dieser römischen Kommission, die uns hĂ€tte leiten sollen, unterstanden. Wir wĂ€ren ihm ausgeliefert gewesen. Wir wĂ€ren in die HĂ€nde der Personen gefallen, die uns dem Geist des Konzils und dem Geist von Assisi unterwerfen wollen. Das ist unmöglich!â
Ein spÀterer Vermittlungsversuch des französischen Philosophen Jean Guitton scheiterte.
Als Reaktion auf die unerlaubten Bischofsweihen erlieĂ die Kongregation fĂŒr die Bischöfe am 1. Juli 1988 ein Dekret, das Lefebvre, de Castro Mayer und die vier frisch geweihten Piusbischöfe fĂŒr exkommuniziert erklĂ€rte.[27] Am folgenden Tag bestĂ€tigte Papst Johannes Paul II. dieses Dekret mit einem Apostolischen Brief.[28] Der Vollzug illegitimer Bischofsweihen im Ungehorsam gegenĂŒber dem Papst sei ein schismatischer Akt. Die Wurzel dieses Aktes sei ein unvollstĂ€ndiges und widersprĂŒchliches TraditionsverstĂ€ndnis. Niemand, der sich dem universalen Lehramt der Kirche widersetze, das dem Bischof von Rom und dem Kollegium der Bischöfe zukomme, könne der Tradition treu bleiben. Der Papst forderte alle Katholiken mit irgendwelchen Kontakten zur Piusbruderschaft auf, dieser keine UnterstĂŒtzung mehr zukommen zu lassen.
Die Piusbruderschaft bestreitet den Eintritt der Exkommunikation aufgrund einer kirchlichen Notlage.[29]
Einige Priester verlieĂen die Piusbruderschaft sofort nach deren unerlaubten Bischofsweihen und grĂŒndeten noch 1988 die Priesterbruderschaft St. Petrus. Diese erkennt alle Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils und die auf dessen Anordnung durchgefĂŒhrte Liturgiereform an, so dass sie ihrerseits von der katholischen Kirche anerkannt wurde. Dies gilt auch fĂŒr weitere Gruppen ehemaliger AnhĂ€nger Lefebvres, die in den folgenden Jahren mit UnterstĂŒtzung der PĂ€pstlichen Kommission Ecclesia Dei von der Kirche anerkannte altritualistische Gemeinschaften grĂŒndeten. Daneben kam es zu Abspaltungen, welche die LegitimitĂ€t des römischen Papstes in Frage stellen und eine sedisvakantistische Position einnehmen.
Der Vatikan sieht die Piusbruderschaft nicht als schismatisch an[30], sie habe aber keinen âkanonischen Statusâ.[31] Auch bestehe die Gefahr, dass ihre Mitglieder lĂ€ngerfristig zum Schisma tendierten.[32]
Die Piusbruderschaft bestreitet das Vorliegen und Anstreben eines Schismas, erkennt den Papst ausdrĂŒcklich an und betont ihre LoyalitĂ€t ihm gegenĂŒber sowie ihr tĂ€gliches Gebet im Messkanon fĂŒr ihn und die Ortsbischöfe.[33] Die Priesterweihen der Piusbruderschaft sind nach katholischem Kirchenrecht gĂŒltig, die Priester gelten jedoch wegen des Mangels einer gĂŒltigen Inkardination als suspendiert. Lefebvre beanspruchte das Recht, in die eigene Gemeinschaft inkardinieren zu können, nachdem Kardinal Antoniutti, PrĂ€fekt der Kongregation fĂŒr die Ordensleute, zwei Ordenspriestern einen Indult erteilte, von ihrem Orden direkt in die Bruderschaft ĂŒberzutreten, was kirchenrechtlich einer Inkardinationsberechtigung gleichkommt.[34]
Der Vatikan sieht die Messen der Piusbruderschaft als gĂŒltig an, rĂ€t aber von ihrem Besuch ab. Auf eine schriftliche Anfrage antwortete Camille Perl 1995 als damaliger SekretĂ€r der pĂ€pstlichen Kommission âEcclesia Deiâ, Besuche von Messen der Piusbruderschaft seien moralisch unerlaubt (morally illicit).[35] 2002 und 2003 nannte er die Messen nur noch rechtlich unerlaubt (illicit i.âe., contrary to the law). Es sei keine SĂŒnde, daran teilzunehmen, um einfach eine Messe nach der Messordnung von 1962 zu feiern. Ein Katholik könne damit strenggenommen (in the strict sense) die Sonntagspflicht erfĂŒllen. Auch eine moderate Spende bei dortigen Kollekten sei keine SĂŒnde und erscheine vertretbar. Diese Messbesuche könnten allerdings weiterhin nicht empfohlen werden.[36] GlĂ€ubige, die dennoch eine von Priestern der Bruderschaft gehaltene Messe besuchen, riskieren nur dann Sanktionen, wenn sie in der Piusbruderschaft âdie einzig wahre Kirche sehen und dies im Ă€uĂeren Bereich sichtbar machenâ.[37]
Trauungen durch Priester der Piusbruderschaft sind nur gĂŒltig, wenn diese mit Assistenz oder in Delegation des Ortsordinarius oder des Ortspfarrers geschlossen werden. Auch eine von einem Priester der Bruderschaft erteilte Absolution bedarf einer vom Ortsordinarius erteilten oder sich aus dem kirchlichen Priesteramt ergebenden Jurisdiktionsgewalt bzw. Befugnis (âfacultasâ) zur Spendung des BuĂsakraments (Can. 967ff. CIC). Diese ist in einigen FĂ€llen entbehrlich bzw. von Rechts wegen ersetzt (âsuppliertâ) , beispielsweise bei Todesgefahr des Beichtenden (Can. 142 § 2 CIC, Can. 144 CIC, Can. 844 § 2 CIC, Can. 976 CIC).
Die von Johannes Paul II. eingesetzte Dialogkommission Ecclesia Dei unter Kardinal Hoyos fĂŒhrte unregelmĂ€Ăige GesprĂ€che mit der Priesterbruderschaft ohne greifbare Ergebnisse.
Im August 2005 empfing Papst Benedikt XVI. Bernard Fellay und Franz Schmidberger zu einem freundschaftlichen Meinungsaustausch. Im Umfeld seines ersten Konsistoriums am 24. MĂ€rz 2006 verstĂ€rkte der Vatikan sein BemĂŒhen, den AnhĂ€ngern der Piusbruderschaft eine vollkommenere Gemeinschaft mit der Römischen Kirche zu ermöglichen.
Der Papst erleichterte mit dem Motu Proprio Summorum Pontificum vom 7. Juli 2007 die Feier der Messe nach dem Messbuch von 1962. Zugleich ermĂ€chtigte er die Kommission Ecclesia Dei dazu, diese âauĂerordentliche Form des römischen Ritusâ zu organisieren. Kardinal Hoyos erklĂ€rte dazu, der Papst liebe den alten Ritus und wolle den GlĂ€ubigen der Piusbruderschaft damit volle Kirchengemeinschaft ermöglichen. Denn sie seien keine Schismatiker und HĂ€retiker, nur ihre Bischöfe seien 1988 exkommuniziert worden.[38]
Der französische Kirchenhistoriker Luc Perrin sah wenig Aussicht auf Versöhnung, da die Piusbruderschaft nicht nur bei der Liturgie Entgegenkommen fordere. Er wies darauf hin, dass ihre FĂŒhrung jedes Mal, als Einigung mit dem Vatikan möglich war, eine Periode des âKalten Kriegesâ gegen ihn begonnen habe. Wegen fehlender dauerhafter Strukturen seien Verhandlungen stets fehlgeschlagen. Inzwischen seien sowohl bei nationalen Bischofskonferenzen als auch bei den Priestern der Piusbruderschaft enorme WiderstĂ€nde gegen eine Einigung vorhanden.[39]
Am 15. Dezember 2008 schrieb Bernard Fellay im Namen aller vier Bischöfe der Piusbruderschaft an Ecclesia Dei, man sei bereit, der katholischen Kirche zu dienen, ihre Lehren, den Primat Petri und seine Vorrechte zu akzeptieren. Dies erfĂŒllte eine Bedingung des Vatikans zur Aufhebung der Exkommunikation.[40]
Am 21. Januar 2009 hob der PrĂ€fekt der Kongregation fĂŒr die Bischöfe, Giovanni Battista Kardinal Re, aufgrund einer âausdrĂŒcklich[en] vom Heiligen Vater Benedikt XVI. ĂŒbertragenen Vollmachtâ und einer erneuten Bitte Bernard Fellays die Exkommunikation der vier irregulĂ€r geweihten Bischöfe auf. Er begrĂŒndete diesen Schritt damit, dass er dem âspirituellen Unbehagenâ der exkommunizierten Bischöfe mit âvĂ€terlicher EinfĂŒhlsamkeitâ begegne und ihre kirchenrechtliche Lage ĂŒberdenken wolle. Er glaube ihrer schriftlich zugesicherten Bereitschaft, mit dem Vatikan ernsthaft ĂŒber bestehende Differenzen zu reden, um âbald zu einer vollen und zufrieden stellenden Lösung des zugrunde liegenden Problemsâ zu gelangen. Dieses âGeschenk des Friedensâ zum Ende der Weihnachtszeit solle die âEinheit in der Barmherzigkeit der Universalkircheâ fördern und âden Skandal der Spaltungâ ĂŒberwinden. [41]
Das Dekret wurde am 24. Januar bekanntgegeben. Es beinhaltet das Recht zum gĂŒltigen Empfang der Sakramente, aber kein Recht, diese zu spenden und keine Anerkennung der BischofsĂ€mter. Diese werden erst fĂŒr den Fall einer vollen Anerkennung des 2. Vatikanischen Konzils durch die Bruderschaft in Aussicht gestellt.
Wegen ihres zeitlichen Zusammentreffens mit dem Bekanntwerden der Holocaustleugnung von Richard Williamson erschien die Aufhebung der Exkommunikation als Rehabilitation von Ansichten, die fĂŒhrende Mitglieder der Piusbruderschaft vertreten. Dies rief anhaltende inner- und auĂerkirchliche Proteste hervor.[42]
Aus Protest gegen die pÀpstliche Wiederaufnahme eines Holocaustleugners in die römisch-katholische Kirche setzte das israelische Oberrabbinat die Beziehungen zum Vatikan am 21. Januar 2009 unbefristet aus.[43]
Am 23. Januar 2009 warnte die Anti Defamation League den Vatikan schriftlich vor der bevorstehenden Wiederaufnahme Williamsons und der Piusbruderschaft in die römisch-katholische Kirche, die negative Folgen fĂŒr deren VerhĂ€ltnis zum Judentum haben werde. Ebenso warnte der römische Oberrabbiner Riccardo Di Segni den Papst vor negativen Folgen fĂŒr das jĂŒdisch-katholische VerhĂ€ltnis und sprach von einer âtiefen Wundeâ, die eine âBeendigung des Schismasâ und die âWiederaufnahme der Lefebvristen in die Kircheâ reiĂen wĂŒrde.[44]
Der Zentralrat der Juden in Deutschland brach den Dialog mit der katholischen Kirche vorerst ab. Der israelische Minister fĂŒr Religionsangelegenheiten, Jizchak Cohen, empfahl seiner Regierung am 31. Januar den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Vatikan.[45] Diesen Vorschlag wies der israelische AuĂenminister jedoch zurĂŒck.
Kritische Katholiken griffen meist nicht nur Aussagen aus der Piusbruderschaft, sondern auch die Papstentscheidung zur Aufhebung der Exkommunikation an. Der belgische Theologe Jean-Pierre Wils trat am 1. Februar deswegen aus der römisch-katholischen Kirche aus: Die Priesterbruderschaft sei eine âextrem reaktionĂ€re und zutiefst antisemitische Gruppe, die mit Diktatoren und rechtsgerichteten Regimen sympathisiereâ.[46] Die Theologin Uta Ranke-Heinemann nannte die ZurĂŒcknahme der Exkommunikation einen âschweren Fehltrittâ.[47]
Einige deutsche Bischöfe kritisierten den Vatikan, nahmen aber den Papst in Schutz. Karl Lehmann meinte am 2. Februar 2009, Benedikt XVI. habe die Holocaustleugnung Williamsons vor dem Aufhebungsdekret gar nicht kennen können. Kardinal Hoyos aber hĂ€tte sich zuvor ein zutreffendes Bild von Williamson machen mĂŒssen. Dessen Wiederaufnahme sei eine Katastrophe fĂŒr alle Holocaust-Ăberlebenden, fĂŒr die es eine klare Entschuldigung âvon hoher Stelleâ geben mĂŒsse. Dem Konflikt mit der Piusbruderschaft lĂ€gen inhaltlich-dogmatische Fragen zugrunde; sie habe sich nie mit Dignitatis humanae, der Französischen Revolution, der Ăkumene und KollegialitĂ€t der Bischöfe abgefunden. Dies versuche sie durch Konzentration auf die lateinische Liturgie zu verschleiern.[48]
Hans-Jochen Jaschke schlug am 3. Februar 2009 vor, den Prozess der Wiedereingliederung vorlĂ€ufig zu stoppen. Franz-Josef Bode meinte, der Papst dĂŒrfe Holocaustleugnung in der Kirche keinesfalls dulden. Ein Kirchengericht mĂŒsse den Fall Williamson klĂ€ren; dieser mĂŒsse BuĂe leisten. Es sei jedoch kaum vorstellbar, dass die Piusbruderschaft von ihren bisherigen ĂuĂerungen zu den kirchlichen Reformen abrĂŒcken werde. Dann bleibe dem Papst nur die erneute und diesmal endgĂŒltige Exkommunikation. Ăhnlich Ă€uĂerten sich Werner Thissen und Gebhard FĂŒrst.
Reinhard Marx verlangte eine scharfe kirchliche Absage an den Antisemitismus, der Juden und Christen nie wieder entzweien dĂŒrfe. Der fĂŒr Religionsdialog im Vatikan zustĂ€ndige Walter Kasper, den Hoyos nicht vom Aufhebungsdekret informiert hatte, beklagte âFehler im Management der Kurieâ und zu wenig âinterne Kommunikationâ. Die Aufhebung sei nur ein Dialogangebot an die Piusbruderschaft, keine vollgĂŒltige Wiederaufnahme.[49]
Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, beklagte am 6. Februar 2009: Man habe âden Papst leichtfertig ins Messer laufen lassenâ. Kardinal Hoyos hĂ€tte sich vor Bekanntgabe des Aufhebungsdekrets vergewissern mĂŒssen, âwas fĂŒr Personenâ die Betroffenen seien. Gerhard Ludwig MĂŒller zufolge sollten die vier illegal geweihten Bischöfe auf die AusĂŒbung ihrer Weihevollmachten verzichten und könnten nur als einfache Priester eingesetzt werden.[50] Am 15. Februar forderte Lehmann eine rasche Entscheidung des Vatikan zur Piusbruderschaft; es sei âfast lĂ€cherlichâ, abzuwarten, bis Williamson geprĂŒft habe, ob der Holocaust stattgefunden habe. Mit derartigen âhöhnischen Reaktionenâ sei die Entscheidung eigentlich schon gefallen.[51]
Am 5. MĂ€rz 2009 erklĂ€rte die Deutsche Bischofskonferenz, die Piusbruderschaft sei kein Teil der katholischen Kirche und könne dies nur werden, wenn sie alle BeschlĂŒsse des Zweiten Vatikanischen Konzils ohne Abstriche anerkenne. Nötig sei auch eine ernsthafte Distanzierung der ganzen Bruderschaft von Richard Williamson und von antisemitischen Haltungen. Dies sei jedoch zur Zeit kaum zu erwarten. Kein Priester der Bruderschaft dĂŒrfe eine Messe feiern oder Sakramente spenden. Vergangene und angekĂŒndigte Priesterweihen dort verstieĂen gegen das katholische Kirchenrecht; der Vatikan möge daher bald klĂ€ren, welche Folgen dies hĂ€tte.[52]
Hans KĂŒng begrĂŒĂte die eindeutige Bejahung des Ăkumenismus in der ErklĂ€rung, kritisierte aber, die Bischöfe hĂ€tten eine Fehlentscheidung des Papstes erneut als Kommunikationsproblem verschleiert und versĂ€umt, die erneute Exkommunikation der Piusbruderschaft von ihm zu fordern.[53]
FĂŒr den Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth ist die Piusbruderschaft ein âFall fĂŒr den Verfassungsschutzâ, da sie einen âkatholischen Gottesstaatâ anstrebe.[54] Ihre Beobachtung forderten auch Volker Beck (BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen), Klaus Uwe Benneter und Sebastian Edathy (SPD).[55]
Journalisten kommentierten dazu oft die Haltung des heutigen Papstes: âBenedikt wusste, was er tat und mit wem er es zu tun hatte. Niemand im Vatikan kennt die Piusbruderschaft lĂ€nger und wohl auch besser als erâ, schrieb Daniel Deckers (FAZ).[56]
Friedrich Wilhelm Graf schrieb in der NZZ: Wer glaube, der Papst habe nicht gewusst, was er mit der Aufhebung der Exkommunikation der schismatischen Bischöfe tat, könne sich durch die LektĂŒre der Schriften Joseph Ratzingers eines Besseren belehren lassen.[57] Isolde Charim (Taz) meinte: Die Piusbruderschaft habe fĂŒr den Papst Vorbildcharakter, er setze mit ihrer Wiederaufnahme auf eine kĂ€mpferische Kernkirche von Ăberzeugten.[58]
Dem Philosophiehistoriker Kurt Flasch (SZ) zufolge stimmen die Vorstellungen von der Kircheneinheit bei der Piusbruderschaft und Papst weitgehend ĂŒberein. Die Aufhebung der Exkommunikation trotz im Vatikan bekannter antikonziliarer, antisemitischer und antimoderner ĂuĂerungen sei daher gewollt, die möglichen Folgen seien bewusst missachtet worden.[59]
Der österreichische Politiker Ewald Stadler (frĂŒher FPĂ, jetzt Abgeordneter fĂŒr das BZĂ), ein jahrelanger UnterstĂŒtzer der Piusbruderschaft, erklĂ€rte: Diese wolle die Einheit mit Rom gar nicht; Williamson habe seine Holocaustaussagen bewusst getĂ€tigt, um den Einigungsprozess zu zerstören. Stadler verlangte ein Ultimatum des Vatikan an die Piusbruderschaft, um in die kirchliche Einheit zurĂŒckzukehren. Zugleich sollten die einzelnen Diözesen deren Laienmitgliedern die Wiedereingliederung erleichtern.[60]
In ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der GrĂŒnen-Bundestagsfraktion sah die Bundesregierung im Oktober 2010 keine hinreichenden verdachtsbegrĂŒndenden Anhaltspunkte fĂŒr eine verfassungsfeindliche AktivitĂ€t der Piusbruderschaft, so dass diese nicht vom Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz beobachtet wird.[61]
Bernard Fellay verbot Williamson am 27. Januar 2009 bis auf weiteres, Stellungnahmen zu politischen und historischen Sachverhalten abzugeben. Er habe Williamsons Antisemitismus nicht bemerkt. Dieser sei nicht die Position der Bruderschaft.[62]
Am 29. Januar 2009 sagte AbbĂ© RĂ©gis de Cacqueray, Leiter der Piusbruderschaft in Frankreich, die Kirchenkrise sei auf das Zweite Vatikanische Konzil selbst, nicht nur seine Auslegung zurĂŒckzufĂŒhren. Es sei daher an der Zeit, es Papst, Bischöfen und Priestern gegenĂŒber zur Diskussion zu stellen. Der KollegialitĂ€tsbegriff sei fragwĂŒrdig: Die Kirche sei eine Monarchie, an deren Spitze der Papst als König stehe.[63]
Am 1. Februar 2009 reagierte Bernard Tissier de Mallerais in Italien auf den Papstaufruf zur Anerkennung des 2. Vatikanischen Konzils wie folgt:[64]
âWir Ă€ndern unsere Positionen nicht, aber wir haben die Intention, Rom zu bekehren, das heiĂt, Rom zu unseren Positionen zu fĂŒhren.â
Am 10. Februar erklĂ€rte Fellay auf schriftliche Anfrage, er habe Williamson sofort nach der Fernsehsendung vom 21. Januar aufgefordert, âdiesen Unsinn zu korrigierenâ, und am 31. Januar 2009 als Bischof und Leiter des Priesterseminars in La Reja abgesetzt. Er bekrĂ€ftigte, vorher nichts von Williamsons Aussagen zum Holocaust gewusst zu haben. Antisemitische Christen stellten ihr eigenes Heil in Frage, da Christus Jude gewesen sei. Das Christentum sei anderen Religionen ĂŒberlegen, daher wĂŒnsche man sich einen Staat, der es bevorzuge. Zur innerchristlichen Ăkumene gelange man nur, indem âsich die anderen Konfessionen zur Wahrheit der katholischen Kirche bekehren.â[65]
Williamson hatte in einem öffentlichen Brief an Hoyos am 30. Januar bedauert, sein Interview sei âunbedachtâ gewesen, und sich beim Papst fĂŒr die Folgen entschuldigt, aber seine Holocaustleugnung nicht zurĂŒckgenommen. Am 9. Februar erklĂ€rte er, er mĂŒsse die historischen Beweise fĂŒr den Holocaust erst prĂŒfen und werde dazu das Buch von Jean-Claude Pressac (Auschwitz. Technique and operation of the gas chambers) studieren. Das brauche Zeit.[66]
Am 18. Februar 2009 erklĂ€rte Matthias Gaudron im ZDF, die Piusbruderschaft habe Richard Williamson ein Ultimatum bis Ende Februar gesetzt, seine Behauptungen zu widerrufen. Er habe seiner Gemeinschaft damit Schaden zugefĂŒgt. Traditionelle Katholiken hĂ€tten keinen Grund, Hitler und das NS-Regime zu verharmlosen.[67]
Nach seiner staatlich erzwungenen Ausreise aus Argentinien[68] bat Williamson am 26. Februar 2009 in einem offenen Brief an den Vatikan âalle, die sich aufgrund meiner Worte aufrichtig entrĂŒstet haben, vor Gott um Vergebung.â Er habe im schwedischen Fernsehen nur die 20 Jahre alte Meinung eines Nichthistorikers geĂ€uĂert. Dies tue ihm angesichts der Folgen âbesonders der Kirche, aber ebenso den Ăberlebenden und den Verwandten der Opfer der Ungerechtigkeit unter dem Dritten Reichâ gegenĂŒber nun leid. Die Aussagen selbst nahm er wiederum nicht zurĂŒck.[69]
Am 6. MĂ€rz 2009 kritisierte Franz Schmidberger die deutschen katholischen Bischöfe scharf: Sie verweigerten sich einem Dialog mit der Piusbruderschaft und lehnten mit der RĂŒcknahme des Exkommunikationsdekrets implizit die pĂ€pstliche AutoritĂ€t ab. Ihr Vorwurf des Antisemitismus oder Antijudaismus sei Verleumdung der Piusbruderschaft und ein VerstoĂ gegen das Gebot âDu sollst kein falsches Zeugnis geben!â Die Piusbruderschaft habe sich sofort nach Bekanntwerden von Williamsons ĂuĂerungen âklar und unmissverstĂ€ndlich von jeder Art von Verharmlosung der Naziverbrechen distanziertâ.[70] Die von Papst und Bischöfen geforderte Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils blieb aus.[71]
Am 27. Juni 2009 weihte die Bruderschaft trotz Interventionen seitens der deutschen Bischöfe und einer ErklĂ€rung des Vatikans,[72] wonach die Weihen âdurchweg als illegitim anzusehenâ seien im Priesterseminar Zaitzkofen bei Regensburg drei Priester.[73] Der Vorgang wiederholte sich 2010, als die Bruderschaft am 26. Juni 2010 erneut ohne kirchliche Erlaubnis drei Priester weihte.[74]
Am 28. Januar 2009 erklĂ€rte Papst Benedikt XVI. zum Gedenktag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz seine âvolle und unbestreitbare SolidaritĂ€tâ mit den Juden und bat:[75]
âDie Shoah sei fĂŒr alle eine Mahnung gegen das Vergessen, gegen die Leugnung oder die Reduzierung.â
Er forderte die Piusbruderschaft auf, die weiteren notwendigen Schritte zur vollen Kirchengemeinschaft zu tun, das pÀpstliche Lehramt und das Zweite Vatikanische Konzil anzuerkennen.[76]
Nachdem die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel den Papst am 3. Februar zu einer Klarstellung bezĂŒglich der Holocaustleugnung Williamsons aufgefordert hatte[77], verlangte das Staatssekretariat des Vatikans am Folgetag, Williamson mĂŒsse seine Aussagen zum Holocaust vollstĂ€ndig, eindeutig und öffentlich widerrufen. Andernfalls könne er keine Ămter in der katholischen Kirche ĂŒbernehmen. Eine Frist dazu setzte es ihm nicht.[78] Die âvolle Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Lehramts der PĂ€pste Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. sowie Benedikt XVI.â sei die âunerlĂ€ssliche Bedingungâ fĂŒr die âkĂŒnftige Anerkennung der Bruderschaft St. Pius X.â. Die Aufhebung der Exkommunikation habe deren kirchenrechtliche Lage noch nicht verĂ€ndert.[79]
Nach Presseberichten vom 4. Februar 2009 stuften Vatikanvertreter die Sendung des Williamson-Interviews vom 21. Januar 2009 intern als âgezieltes Komplottâ und âbewusst gestellte Falleâ ein, mit der bestimmte Medien dem Papst zu schaden versucht hĂ€tten. Dem widersprachen die schwedischen Journalisten, die das Interview gefĂŒhrt hatten.[80]
Nach einem internen Dossier soll der Papst dagegen von eigenen Mitarbeitern in eine vorbereitete Falle gelockt worden sein. Andere Vatikanvertreter sprachen von âignoranter Schlamperei und mangelhafter Kommunikation in der Kurieâ. Das Vatikanische Staatssekretariat habe die Veröffentlichung des Aufhebungsdekrets am 24. Januar noch vergeblich zu verhindern versucht. Dem widersprach Kardinal Hoyos: Er habe bis zum Dekret des Papstes nichts von antisemitischen Ansichten Williamsons bemerkt. Sein Mitarbeiter Camillo Perl erklĂ€rte, man habe politische Ansichten der Piusbischöfe nicht geprĂŒft, da die meisten KardinĂ€le die Aufhebung ihrer Exkommunikation schon Ende 2007 befĂŒrwortet hĂ€tten, um das bereits eingetretene Schisma zu ĂŒberwinden.[81]
Vatikansprecher Federico Lombardi erklĂ€rte am 6. Februar 2009, die WilliamsonaffĂ€re habe âKommunikationsdefizite in der Kurieâ aufgedeckt. Jede Abteilung kommuniziere eigenstĂ€ndig, ohne immer mit der Presseabteilung des Vatikans zusammenzuarbeiten. Das Aufhebungsdekret sei mangelhaft vorbereitet worden; wĂ€re die Klarstellung des Vatikanischen Sekretariats vom 4. Februar gleichzeitig erfolgt, hĂ€tte die AffĂ€re vermieden werden können. Benedikt XVI. habe vor der Aufhebung der Exkommunikation nichts von den Aussagen Williamsons gewusst.[82]
In einem Brief vom 11. MĂ€rz 2009 an seine Mitbischöfe bedauerte der Papst, dass sein âGestus der Barmherzigkeitâ durch die Holocaustleugnung durch Williamson ĂŒberlagert worden sei. âGrenze und Reichweiteâ der Aufhebung der Exkommunikation seien âbei der Veröffentlichung des Vorgangs nicht klar genug dargestellt wordenâ. Der Heilige Stuhl mĂŒsse in Zukunft aufmerksamer auf Nachrichten aus dem Internet achten. Dann erlĂ€uterte er seine Motive fĂŒr das Aufhebungsdekret: Er denke dabei âzum Beispiel an die 491 Priester. Das Geflecht ihrer Motivationen können wir nicht kennen. Aber ich denke, daĂ sie sich nicht fĂŒr das Priestertum entschieden hĂ€tten, wenn nicht neben manchem Schiefen oder Kranken die Liebe zu Christus da gewesen wĂ€reâ. Trotz mancher âMisstöneâ aus der Bruderschaft fragte er:
âAber sollte die GroĂkirche nicht auch groĂmĂŒtig sein können im Wissen um den langen Atem, den sie hat; im Wissen um die VerheiĂung, die ihr gegeben ist?â
Die Aufhebung der Exkommunikation betreffe nur die âdisziplinĂ€re Ebeneâ und die vier Bischöfe als Personen. Davon sei âder doktrinelle Bereich zu unterscheiden, [âŠ] bei der Amt und Institution in Frage stehenâ. In Bezug darauf gelte:
âSolange die doktrinellen Fragen nicht geklĂ€rt sind, hat die Bruderschaft keinen kanonischen Status in der Kirche und solange ĂŒben ihre AmtstrĂ€ger, auch wenn sie von der Kirchenstrafe frei sind, keine Ămter rechtmĂ€Ăig in der Kirche aus.â
Zur KlĂ€rung dieser wichtigen doktrinellen Fragen solle die Kommission Ecclesia Dei mit der Glaubenskongregation zusammengeschlossen werden. AuĂerdem wĂŒrden deren kollegiale Organe, âbesonders die regelmĂ€Ăige Kardinalsversammlung an den Mittwochen und die ein- bis zweijĂ€hrige Vollversammlungâ sowie âdie Einbeziehung der PrĂ€fekten verschiedener römischer Kongregationen und des weltweiten Episkopats in die zu fĂ€llenden Entscheidungenâ die PrĂŒfung aller Lehrdifferenzen mit der Piusbruderschaft garantieren. Er wies ferner auf Vorbehalte der Piusbruderschaft, aber auch mancher ihrer Gegner gegen die fortlaufende pĂ€pstliche und konzilische LehrautoritĂ€t hin:
âMan kann die LehrautoritĂ€t der Kirche nicht im Jahr 1962 einfrieren [âŠ] Aber manchen von denen, die sich als groĂe Verteidiger des Konzils hervortun, muĂ auch in Erinnerung gerufen werden, daĂ das II. Vaticanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trĂ€gt. Wer ihm gehorsam sein will, muĂ den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt.[83]â
In einer Predigt zu Allerheiligen 1990 im schweizerischen EcĂŽne sagte Lefebvre:
âDie LaizitĂ€t ist der öffentliche Atheismus und das ist eine schwere SĂŒnde. Der Atheismus beruht auf der ErklĂ€rung der Menschenrechte. Die Staaten, die sich seither zu diesem offiziellen Atheismus bekennen, befinden sich in einem Zustand dauernder TodsĂŒnde.â[84]
Am 2. April 2006 erklÀrte der Generalobere der Bruderschaft Bernard Fellay in einer Predigt:
âDa erklĂ€rt [Papst Benedikt] uns, der moderne Staat habe sich seit dem 19. Jahrhundert, wo er von der Kirche verurteilt wurde, verĂ€ndert. Heute sei der moderne Staat besser, versöhnlicher, weniger radikal und folglich musste die Kirche auf dem Konzil bezĂŒglich des VerhĂ€ltnisses zum Staat eine neue Haltung einnehmen. Und indem sich die Kirche eines der fundamentalen Prinzipien des modernen Staates zu eigen machte, nĂ€mlich die NeutralitĂ€t, die Unparteilichkeit allen Religionen gegenĂŒber, konnte die Kirche ihr (eigentliches) Erbe wiederfinden. [âŠ] Anders ausgedrĂŒckt erklĂ€rt der Papst, 1700 Jahre der Kirchengeschichte sei auĂerhalb der Lehre Unseres Herrn abgelaufen; die Kirche habe wĂ€hrend 1700 Jahren ihr Erbe verloren und jetzt wiederentdeckt, indem sie auf den katholischen Staat verzichtet. Wenn das kein Bruch sein soll, was ist es dann?â[85]
Auch der deutsche Distriktobere Franz Schmidberger lehnt die religiöse NeutralitĂ€t des Staates ab und plĂ€diert fĂŒr eine âchristliche Gesellschaftsordnungâ, in der etwa die Todesstrafe gĂ€lte, âkeine zivile Ehescheidungâ vorgesehen sei, eine âUnauflöslichkeit der Eheâ als âeiner ihrer Grundpfeilerâ bestehe, âden vorehelichen und auĂerehelichen Beziehungenâ der âKampfâ angesagt werde und der âVertrieb von empfĂ€ngnisverhĂŒtenden Mittelnâ verboten werde, ebenso wie Zinsspekulation, GroĂbanken, Abtreibung, âGotteslĂ€sterung, HomosexualitĂ€t und Pornographieâ. Er fordert, dass die âGewalt in Staat und Gesellschaftâ ânicht vom Volkeâ, nicht âvon der Basis aus[geht], sondern von Gott [âŠ] folglich bezeichnet das Volk in Wahlen allein diejenigen, die es regieren sollen, verleiht ihnen aber nicht die AutoritĂ€t; ebenso wenig kann es Regierungen beliebig absetzen.â Statt eines Parteiensystems empfiehlt er, dass an deren âStelle jene christlichen MĂ€nner treten, die sich durch sittliche Reife und Lebenserfahrung, durch Gerechtigkeitssinn und Sorge um das Gemeinwohl auszeichnenâ.[86]
Schon in den 1970er Jahren soll Lefebvre in Predigten Aussagen getĂ€tigt haben, wonach die MilitĂ€rjunta von Argentinien und die Diktatur in Chile unter Augusto Pinochet vorbildliche Regierungen seien.[87] Lobende Worte fand er auch fĂŒr die Diktatoren Francisco Franco, AntĂłnio de Oliveira Salazar und den Kollaborateur der Nationalsozialisten Philippe PĂ©tain. Er wurde durch reaktionĂ€re Aristokraten, die sich die Monarchie zurĂŒck wĂŒnschen, und aus autoritĂ€r-republikfeindlichen Kreisen des GroĂbĂŒrgertums finanziell unterstĂŒtzt.[88]
Philippe LaguĂ©rie, der von 1979 bis zu seinem Ausschluss 2004 Mitglied der Piusbruderschaft war, erklĂ€rte 1991, dass die Front National die Partei sei, die am wenigsten weit vom Naturrecht entfernt sei.[89] 1996 hielt er ein Requiem fĂŒr den verurteilten Kriegsverbrecher Paul Touvier und erklĂ€rte sich zum Anwalt Touviers vor Gott. Vor dem letzten Gericht gĂ€be es keine Medien, keine Inszenierungen, keine NebenklĂ€ger und keine Organisationen gegen Rassismus und Antisemitismus.[90]
Die Piusbruderschaft nahm mehrfach an Pilgerfahrten zum Grab PĂ©tains teil. Dabei verglich der französische Distriktobere der Bruderschaft, AbbĂ© Regis de Cacqueray, 2007 den âKampf von PĂ©tain fĂŒr Frankreichâ mit dem âKampf des Lefebvres fĂŒr die katholische Kircheâ.[91]
Markus Heggenberger war als deutscher Distriktoberer auch Referent des inzwischen aufgelösten Cannstatter Kreises der Stuttgarter FDP, den der Verfassungsschutz als rechtsextrem einstufte. Heggenberger, Niklaus Pfluger und weitere deutsche PiusbrĂŒder gaben der âJungen Freiheitâ Interviews.[92] Am 2. Juni 2008 sollte der österreichische Rechtsextremist Richard Melisch in der Kirche des Priorats St. Athanasius in Stuttgart â seit 1984 Sitz des deutschen Distriktoberen â ein Referat zu den âGefahren der Globalisierungâ halten. In der Einladung war von einem âAngriffskriegâ der Globalisierer und einer âAllianz von Pentagon & Wall Streetâ die Rede, die ihre âWelteroberungsplĂ€neâ schriftlich veröffentlicht hĂ€tten. Kurz vor Beginn wurde der Vortrag abgesagt.[93]
FĂŒhrende Vertreter der Priesterbruderschaft sind öfter mit antijudaistischen und antisemitischen Aussagen hervorgetreten. So schrieb Lefebvre am 31. August 1985 an Papst Johannes Paul II., die Feinde der Kirche seien z. B. Juden, Kommunisten und Freimaurer.[94] Damit griff er das seit 1790 bekannte Motiv einer christentumsfeindlichen Allianz von Juden und Freimaurern auf, das eine Wurzel der antisemitischen Verschwörungstheorie vom Weltjudentum ist.
Die belgische Webseite Joods Actueel zitierte eine Passage der amerikanischen Website der Piusbruderschaft, wonach das âinternationale Judentumâ die christlich-katholische Ordnung zerstören wolle: âDas Geld, die Medien und die internationale Politik sind zu groĂen Teilen in den HĂ€nden der Juden.â[95]
Auch Richard Williamson vertrat in Reden und Predigten die antisemitische Theorie eines Weltjudentums.[96] Im Mai 2000 bezeichnete er die antisemitische Hetzschrift Protokolle der Weisen von Zion als Gabe Gottes fĂŒr Menschen, die die Wahrheit wissen wollten.[97] Im MĂ€rz 2008 bezeichnete er sie als authentische Informationsquelle. Aussagen dieser Art wurden von seinen AnhĂ€ngern gefilmt und unter anderem als YouTube-Videos veröffentlicht.[98]
Franz Schmidberger schrieb im Oktober 2008 an alle 27 deutschen römisch-katholischen Bischöfe:
âMit dem Kreuzestod Christi ist der Vorhang des Tempels zerrissen, der Alte Bund abgeschafft, wird die Kirche, die alle Völker, Kulturen, Rassen und sozialen Unterschiede umfasst, aus der durchbohrten Seite des Erlösers geboren. Damit sind aber die Juden unserer Tage nicht nur nicht unsere Ă€lteren BrĂŒder im Glauben, wie der Papst bei seinem Synagogenbesuch in Rom 1986 behauptete; sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, so lange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer VorvĂ€ter distanzieren. Im Gegensatz dazu behauptet das II. Vatikanum, man könne die Ereignisse des Leidens Christi weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen (§ 4).â[99]
Nachdem die Zeitschrift Der Spiegel diese Aussagen veröffentlicht hatte, korrigierte Schmidberger sich am 20. Januar 2009:
âDie Aussage, die heutigen Juden trĂŒgen die Schuld ihrer VĂ€ter, muss auf jene Juden eingeschrĂ€nkt werden, welche die Tötung Jesu Christi gutheiĂen. Sie ist in der zitierten Verallgemeinerung unrichtig.â
Er blieb aber dabei, dass Jesus Christus auch fĂŒr die heutigen Juden der einzige Weg zum Heil, das Judentum also ĂŒberholt sei. Schon weil Jesus und alle Apostel Juden waren, könne âkein aufrechter Christ Antisemit seinâ.[100]
Der Distriktobere der Piusbruderschaft in Ăsterreich, Helmut Trutt, bezeichnete den Verzicht auf Judenmission am 7. Februar 2009 als Irrlehre: Juden sei die Erlösung allein durch Jesus Christus ebenso wie Heiden zu vermitteln.[101]
Am 10. Februar 2009 berichtete der âSpiegelâ ĂŒber antijudaistische Aussagen in der Piusbruderschaft, unter anderem in deren Mitteilungsblatt fĂŒr den deutschen Sprachraum.[102]
Der der Piusbruderschaft nahestehende Theologe Heinz-Lothar Barth vertritt die traditionelle Substitutionstheologie, wonach der neue Bund in Jesus Christus den alten Bund Gottes mit Israel aufgehoben habe, als Hintergrund der tridentinischen Messfeier. Im MĂ€rz 2007 begrĂŒĂte er deshalb dessen Wiederzulassung durch Papst Benedikt XVI., zunĂ€chst mit einer unverĂ€nderten KarfreitagsfĂŒrbitte fĂŒr die Juden nach Messbuch von 1962, und wies die innerkatholische Kritik daran zurĂŒck.[103]
Die ErklĂ€rung Nostra Aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils hatte demgegenĂŒber die Gottesmordtheorie und Substitutionstheologie verworfen und das aktive BekĂ€mpfen des Antisemitismus und Antijudaismus zur christlichen Pflicht erklĂ€rt.[104]
1987 verteidigte Philippe LaguĂ©rie den Vorsitzenden der Front National, Jean-Marie Le Pen, mit den Worten, dieser sei ein Opfer des âjĂŒdischen Finanzkapitalsâ, das Frankreich seit 45 Jahren tyrannisiere. Die Thesen der Holocaustleugner Henri Roques und Robert Faurisson seien âabsolut wissenschaftlich.â Le Pen hatte zuvor den Holocaust in Frage gestellt.[105]
Im April 1989 leugnete Richard Williamson in seiner Predigt wĂ€hrend der Messe im kanadischen Sherbrooke mit Bezug auf das Vernichtungslager Auschwitz den Holocaust. 2008 Ă€uĂerte er sich Ă€hnlich unter Berufung auf den Leuchter-Report.
Am 27. Januar 2009 reagierte Schmidberger nach internationaler Presseberichterstattung auf Williamsons Holocaustleugnung wie folgt:
âDie Verharmlosung der Judenmorde des NS-Regimes und dessen Greueltaten sind fĂŒr uns inakzeptabel. Die Verfolgung und Ermordung von zahllosen Juden im Dritten Reich berĂŒhrt uns Ă€uĂerst schmerzlich, verletzt sie doch zutiefst das christliche Gebot der NĂ€chstenliebe, die keine ethnischen Unterschiede kennt.â[106]
Der Priester und Regionalleiter der Piusbruderschaft in Nordost-Italien, Pater Florian Abrahamowicz, wurde 2007 durch eine lateinische Messfeier fĂŒr den Lega-Nord-Vorsitzenden Umberto Bossi bekannt.[107] Am 30. Januar 2009 bezweifelte er den Vernichtungszweck der Gaskammern und die Gesamtzahl der Holocaustopfer:[108]
âIch weiĂ, dass die Gaskammern zur Desinfektion benutzt wurden. Ich weiĂ nicht, ob darin Menschen zu Tode gekommen sind.â
Weiter behauptete Abrahamowicz, âwenn Williamson den Völkermord an den Armeniern geleugnet hĂ€tte, wĂ€re nichts passiertâ. Im Februar 2009 schloss die Piusbruderschaft ihn wegen dieser ĂuĂerungen aus.[109]
Schmidberger bezeichnete in einem Vortrag vor der Bewegung actio spes unica im MĂ€rz 1989 den Islam als âjene Religion, die unsere VĂ€ter mehrfach unter gröĂtem Einsatz und dem Opfer ihres Lebens zurĂŒckgeworfen haben, da sie sich zum Ziel gesetzt hat, die Erde durch Feuer und Schwert dem Halbmond zu unterwerfen.â; âWas dem Islam im 16. und 17. Jahrhundert mit Waffengewalt nicht gelungen ist, das schafft er heute in der nachkonziliaren Ăra auf friedlichem Wege. Er besetzt Europa. Frankreich wird ĂŒberschwemmt von Arabern, Deutschland von TĂŒrken, England und Skandinavien von Pakistani.â[110]
Am 5. Februar 2009 erklĂ€rte er in einem Interview, der islamische Prophet Mohammed habe nachweislich mit einem acht- oder neunjĂ€hrigen MĂ€dchen âgeschlechtlichen Umgang gepflegtâ. Man könne ihn daher heute als âKinderschĂ€nderâ bezeichnen.[111] Am selben Tag bedauerte er diese Aussage, warf den Medien aber zugleich vor, Aussagen aus der Piusbruderschaft bewusst zu verzeichnen, und stellte Medienkontakte deshalb ein.
Im April 2006 erklĂ€rte Tissier de Mallerais in einem Interview,[112] das von Joseph Ratzinger 1968 veröffentlichte Buch EinfĂŒhrung in das Christentum sei âvoller HĂ€resienâ. Die im Buch vertretenen Positionen seien âschlimmer als Luther, viel schlimmerâ. Ferner erklĂ€rte er:
âSie können Vatikanum II nicht als ein katholisches Werk lesen. Es basiert auf der Philosophie des Immanuel Kant. [âŠ] Ich werde sagen, eines Tages sollte die Kirche dieses Konzil tilgen. Sie wird nicht mehr von ihm reden. Sie muss es vergessen. Die Kirche wird weise daran tun, dieses Konzil zu vergessen.â
Die Schulen der Bruderschaft sollen nach ihrem deutschsprachigen Mitteilungsblatt vom Juli 2005 ânicht nur Wissen vermitteln, sondern ebenso auf die Erziehung und Charakterbildung der SchĂŒler Wert legenâ. Der âkatholische Lehrerâ mĂŒsse die âHauptirrlehren unserer Zeitâ erklĂ€ren, ohne diese âzu lobenâ oder gar âanzunehmenâ. SchĂŒler mĂŒssten sich mit den Lehren von Martin Luther, RenĂ© Descartes, David Hume, Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Jean-Paul Sartre in der Weise beschĂ€ftigen, wie sich Medizinstudenten mit Krankheiten beschĂ€ftigen: mit dem Ziel, diese Krankheiten dann bekĂ€mpfen zu können.[113]
FĂŒr ihre Bekenntnisschulen beruft sich die Piusbruderschaft auf die Erziehungsenzyklika Divini illius magistri von Papst Pius XI. Es sei wichtig, die Werte der âtraditionellen katholischen Kircheâ an Kinder weiterzugeben. Ziel sei es, âfrohe, selbststĂ€ndige junge Menschen heranreifen zu lassen, die gelernt haben, ihr Leben auf der Grundlage christlicher Ăberzeugung und Selbstbeherrschung zu gestalten.â Besonderer Wert werde auf âEhrfurcht vor Gott und den NĂ€chsten, Disziplin, Höflichkeit, Ordnung und die Vermittlung der abendlĂ€ndischen Kultur gelegtâ.[114]
Zum Christopher Street Day von Schwulen, Lesben und Transgendern veranstaltete die Piusbruderschaft am 28. Juli 2007 in Stuttgart eine Gegendemonstration. Ihre AnhĂ€nger versammelten sich mit Protestplakaten mit Aufschriften wie âRettet Kinder vor Perversenâ und âAIDS â GeiĂel der Unzuchtâ und beteten zur âWiedergutmachung der Perversion und Ăbertretung des 6. Gebotes des Dekalogs: âDu sollst nicht Unzucht treiben.ââ öffentlich den Rosenkranz.[115] Peter Lang, Pater des Priorats St. Athanasius in Stuttgart-Feuerbach, erklĂ€rte:
âDer Umzug und seine Teilnehmer zeigen ein Verhalten, das dem Menschen nicht angemessen ist, eine moralische Umweltverschmutzung.â[116]
Niemand verteidige mehr âdie christlichen Werte, wie Familie, Treue, Keuschheit. DafĂŒr mĂŒssen unsere Kinder ansehen, wie pervers Erwachsene sein können.â[117]
Auch gegen den CSD am 1. August 2009 in Stuttgart, veranstaltete die Piusbruderschaft eine Mahnwache.[118]
Zum ebenfalls 2009 stattfindenden vierzigsten Jahrestag der VerkĂŒndigung des zweiten Strafrechtsreformgesetzes (2. StRG) vom 4. Juli 1969, welche sie fĂ€lschlicherweise mit der Reform des § 175 StGB in Verbindung brachten (in Wirklichkeit wurde dies mit dem 1. StRG am 25. Juni 1969 beschlossen und trat mit 1. September 1969 in Kraft; das 2. StrRG trat erst zum 1. Juli 1975 in Kraft) zitierten sie unter der Ăberschrift âJahrestag: HomosexualitĂ€t ist eine Straftatâ den § 175 in der von den Nationalsozialisten 1935 verschĂ€rften Fassung, die bis 1969 in Kraft war. Daneben sprachen sie von âhomosexuellen Moralvergifternâ, âgeschlechtlicher Perversionâ und âsodomitischen UmzĂŒgenâ, dass in den letzten 40 Jahren ein unvorstellbarer Werteverfall stattgefunden habe und Adenauer sich im Grab umdrehen wĂŒrde.[119] Damit â besonders durch die Verwendung des PrĂ€sens in der Ăberschrift â erwecken sie den Eindruck eine neuerliche strafrechtliche Verfolgung von (mĂ€nnlichen) Homosexuellen herbeizusehnen.[120]
In einem ursprĂŒnglich auf den Internetseiten der Priesterbruderschaft in Kanada veröffentlichten und inzwischen dort wieder gelöschten Hirtenbrief vom September 2001 sprach sich Richard Williamson gegen höhere Bildung und Selbstbestimmung fĂŒr Frauen aus:
âFast kein MĂ€dchen sollte zu irgendeiner UniversitĂ€t gehen. [âŠ] Aber wo finden weiterfĂŒhrende MĂ€dchenschulen dann ihrerseits weibliche LehrkrĂ€fte, wenn kein MĂ€dchen mehr ein Studium absolviert? Man braucht keine UniversitĂ€t, um das meiste von dem zu lernen, was MĂ€dchen unterrichtet zu werden brauchen, zum Beispiel Hauswirtschaft, Einrichtung und Unterhalt eines Heims, Pflege und Erziehung der Kinder, die geistige und soziale Vorbereitung auf die Ehe.â[121]
In einer mit den PiusbrĂŒdern verbundenen Schule in Kansas wurde einer Schiedsrichterin die TĂ€tigkeit verboten, da Frauen keine AutoritĂ€t gegenĂŒber MĂ€nnern ausĂŒben sollten.[122] Schmidberger sprach sich gegen die Gleichberechtigung aus:
âWir brauchen heute MĂ€nner, die MĂ€nner sein wollen, Frauen, die Frauen sind und Frau sein wollen, das heiĂt Gehilfin des Mannes und Mutter der Kinder.â[123]