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Pro-Ana (von pro: fĂŒr und Anorexia nervosa: Magersucht) und Pro-Mia (Bulimia nervosa: Ess-Brechsucht) sind Bewegungen von Mager- beziehungsweise Ess-BrechsĂŒchtigen im Internet. Sie entstanden Anfang des 21. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten und breiteten sich von dort auch nach Europa aus. Die AnhĂ€nger von Pro-Ana, fast ausschlieĂlich junge Frauen, tauschen sich ĂŒber spezielle Pro-Ana-Websites aus. Sie stellen dort die Magersucht bildhaft als extremes Schlankheitsideal dar, dem sie sich mit radikalen MaĂnahmen nĂ€hern, mit dem Ziel Zufriedenheit mit sich und ihrem Aussehen zu erreichen. Die Magersucht erhĂ€lt dabei den Anklang einer Art der Selbstverwirklichung, der SouverĂ€nitĂ€t und der Macht ĂŒber den eigenen Körper, die gegen eine feindselige Umwelt verteidigt werden muss. Die Assoziation von âAnaâ mit dem Namen âAnnaâ ist gewollt und steht fĂŒr eine idealisierte Personifikation der Magersucht. Sie kommt insbesondere im âBrief von Anaâ zum Ausdruck, der sich auf den Webseiten der Bewegung als ein zentrales Manifest findet.
Die Zahl der Pro-Ana-Seiten im deutschsprachigen Raum wird auf mehrere hundert geschÀtzt (Stand 2007).[1]
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Die aufgrund des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages eingerichtete Website jugendschutz.net untersuchte 2006/2007 insgesamt 270 deutschsprachige Pro-Ana-Websites und stellte folgende, typischerweise immer wiederkehrende Inhalte fest:[2]
Neben BMI-Rankings werden in einigen Foren Wettbewerbe (sogenannte contests) organisiert, bei denen das Mitglied mit der gröĂten Gewichtsabnahme oder dem niedrigsten BMI gewinnt. Viele Nutzer der Foren schreiben ein Ess- und Gewichts-Tagebuch, in dem Essverhalten und Gewichtsverlauf dokumentiert werden. Typisch ist auch die Suche nach einem twin (Zwilling), einem Partner mit gleichen KörpermaĂen und Alter zur gegenseitigen UnterstĂŒtzung beim weiteren Abnehmen. Die meisten Foren sind nicht-öffentlich und verlangen das AusfĂŒllen eines detaillierten Aufnahme-Fragebogens zur Freischaltung.
In einer Ă€lteren und kleineren Studie hat der Mediziner Mark L. Norris die Inhalte von zwölf englischsprachigen Pro-Ana-Webseiten untersucht und kam zu Ă€hnlichen Ergebnissen. Demnach enthielten sieben davon einen vorgeschalteten Hinweis (Disclaimer). Dieser forderte Personen ohne Essstörung auf, die Seite zu verlassen, enthielt die Angabe, dass es sich um ein Seite handelt, die die Pro-Ana-Bewegung unterstĂŒtzt oder enthielt eine Aufforderung an MinderjĂ€hrige, die Seite nicht zu betreten. Zentraler Bestandteil der HĂ€lfte der Webseiten waren geschĂŒtzte Webforen, in denen sich angemeldete und von einem Moderator zugelassene Besucher gegenseitig dazu animieren, weiter an Gewicht zu verlieren. Die Webseiten selbst beinhalteten Bilder und Zitate, die als Trigger (engl. fĂŒr Auslöser) bezeichnet werden (Siehe auch: Trigger) und weiter zur impulsiven Verminderung des Gewichts bewegen sollen. Die Bilder, auch Thinspirations genannt, waren in allen bis auf einen der FĂ€lle zu finden und zeigten Prominente (diese sind hĂ€ufig mit Bildbearbeitungsprogrammen auf ein abgemagertes Aussehen retuschiert[4]), Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Magersucht, aber auch als Negativbeispiele fettleibige Menschen. Daneben fanden sich bei acht der Seiten âZehn Geboteâ, Anleitungen zur Gewichtsreduktion, zur Ablenkung vom Essen und dem Gedanken daran, oder ein Rechner zur Ermittlung des Body-Mass-Index. Dazu kamen auf neun von den Seiten Gedichte und Kurzgeschichten und auf fĂŒnf der Seiten allgemeine Informationen zu Essstörungen und Links zu verschiedenen Institutionen oder anderen Pro-Ana-Seiten. Nur eine der untersuchten Seiten bezeichnete Anorexia nervosa als Wahl eines Lebensstils (âlifestyle choiceâ), wĂ€hrend fast die HĂ€lfte der Seiten-Betreiber diese als Mittel zur UnterstĂŒtzung von Menschen mit Essstörungen sahen.[5]
Zur Charakterisierung gibt es mehrere Ansichten: Die Literaturwissenschaftlerin Roxanne Kirkwood definiert Pro-Ana als eine Bewegung, die Magersucht als Wahl und Lebensstil statt als eine Krankheit ansieht. Dabei bemerkt Kirkwood aber, dass die Bewegung diesen Standpunkt nicht aktiv anderen Personen nahelegt. Der Soziologe Nick Fox spricht hingegen von einer Bewegung, deren AnhĂ€nger eine Heilung ablehnen (âanti-recoveryâ).
Norris charakterisiert Pro-Ana als eine Internetbewegung, die Anorexia nervosa als vorteilhaft darstellt.[5]
Nach der Darstellung einer magersĂŒchtigen Studentin, die von ZEIT online zu ihrer Sicht befragt wurde, sind sich die Pro-Ana-AnhĂ€nger bewusst, dass Magersucht eine lebensbedrohliche Krankheit ist. Die meisten von ihnen haben nach ihrem Eindruck bereits eine Therapie gemacht. Die Studentin glaubt, dass die Betroffenen deshalb an Pro-Ana teilnehmen, weil sie vor der Magersucht resigniert und die Hoffnung auf eine Heilung aufgegeben haben.[6] Elisabeth Bader und Barbara Novak von der Ăsterreichischen Gesellschaft fĂŒr Essstörungen sehen die Situation weitaus kritischer: Sie glauben, dass Pro-Ana-AnhĂ€nger â[die Anorexie] oftmals gar nicht als Krankheit anerkennen und sich der Begleiterscheinungen und Folgekrankheiten nicht bewusst sind.â
Pro-Mia entspricht, abgesehen vom Bezug auf Bulimie, dem Wesen nach Pro-Ana. Die AnhĂ€nger beider Bewegungen schlagen trotz ihres starken Internetbezugs auf ihren Webseiten auch ArmbĂ€nder als Erkennungssymbole vor: in Rot fĂŒr AnhĂ€nger von Pro-Ana, in Lila fĂŒr Pro-Mia. Darauf aufbauend hat sich eine Farb- und Form-Symbolik entwickelt. Blau soll fĂŒr Selbstverletzendes Verhalten (SVV, âRitzenâ) stehen, Schwarz fĂŒr Depressionen, GrĂŒn fĂŒr die Teilnahme an einer Therapie, WeiĂ fĂŒr selbst auferlegtes Fasten und Hungern, Rosa bzw. Pink fĂŒr die DSM-IV-TR-Kategorie der âEating disorder not otherwise specifiedâ (ED-NOS). Die Libelle stellt bildhaft den verzerrten Blick bezĂŒglich Körperbau-Ăsthetik dar, die Daunenfeder bezĂŒglich Gewicht.
Die Pro-Ana-Szene differenziert sich inzwischen zunehmend in with ana (âmit Anaâ), bei der die Essstörung als Ausdrucksform und Ventil tiefergreifender Probleme begriffen wird und Selbsthilfe stattfinden kann und ansetzen muss sowie ana til the end (atte, âAna bis zum Endeâ), bei der die AnhĂ€ngerinnen auch den Tod in Kauf nehmen oder sogar bewusst anstreben.[7]
Die Existenz der Bewegung hat in den Medien und insbesondere bei Organisationen, die sich mit Essstörungen auseinandersetzen, mehrfach verstörte bis warnende Reaktionen ausgelöst. Elisabeth Bader und Barbara Novak von der Ăsterreichischen Gesellschaft fĂŒr Essstörungen sehen Pro-Ana als âeine Verherrlichung der Magersucht bis hin zur fanatischen Hingabe an diese.â Georg Ernst Jacoby, Chefarzt an der Klinik am Korso, eine Fachklinik, die auf Essstörungen spezialisiert ist, warnt vor Pro-Ana-Webseiten und vertritt den Standpunkt, dass sie sehr gefĂ€hrlich seien, weil sie nicht nur MagersĂŒchtige weiter in die Krankheit hineinzögen, sondern weil dadurch auch Gesunde zur Magersucht verfĂŒhrt werden könnten. Nach seiner Auffassung sollten diese Webseiten analog zur Zigarettenwerbung verboten werden. Er sieht auĂerdem durch Pro-Ana den Konsens in Gefahr, dass Magersucht eine gefĂ€hrliche Krankheit ist.[6] Die Academy for Eating Disorders, die nach eigenen Angaben der weltweit gröĂte Berufsverband von Personen ist, die sich mit Essstörungen beschĂ€ftigen, weist neben den schwerwiegenden körperlichen Konsequenzen insbesondere darauf hin, dass es eines der Diagnosekriterien der Magersucht ist, dass die Betroffenen sie verleugnen oder nicht ernst nehmen. Der Verband geht davon aus, dass Pro-Ana-Webseiten dies verstĂ€rken können und fordert eine nachhaltige Behandlung von Essstörungen.[8]
Die Psychologin Julie Hepworth, die eine kontrovers diskutierte Studie ĂŒber die Teilnahme an Pro-Ana-Webseiten erstellt hat, folgert dagegen, dass die Ăngste ĂŒbertrieben sind. Bei den ĂŒber einen Zeitraum von sechs Wochen hinweg untersuchten Webseiten hatten sich demnach die Teilnehmer nicht in ihrem Verhalten gegenseitig weiter angeheizt, sondern sich durch den sozialen Kontakt eine emotionale StĂŒtze gegeben, die ihnen half, ihre Probleme besser in den Griff zu bekommen. Die Studie berichtet weiter, dass die Webseiten weniger von MagersĂŒchtigen genutzt wurden, sondern eher von Frauen, die lediglich Informationen zum Abnehmen suchten.[9]
Karen Dias, Studentin am interdisziplinĂ€ren Centre for Women's and Gender Studies der University of British Columbia, nimmt explizit eine von der herrschenden Interpretation von Pro-Ana abweichende Sicht ein. Sie sieht die Gefahren der Magersucht als solche, stellt aber fest, dass die konventionelle Therapie schlechte Erfolgsraten habe. Von Essstörungen betroffene Frauen auf Pro-Ana- oder Pro-Mia-Webseiten könnten demnach dort einen Zufluchtsort finden, an dem sie der bestĂ€ndigen Kontrolle und Steuerung durch ihre Umgebung entzogen sind, und wo sie weiterhin die Definitionshoheit ĂŒber ihr Erleben haben. Die Tatsache, dass bestimmte Webseiten vom Netz genommen werden, an anderer Stelle aber Ă€hnlich wieder auftauchen, zeige wie sehr die Betroffenen einen Ort suchen, wo âGeschichten ĂŒber ihren Körper erzĂ€hltâ werden können. Hier könnten sie Dinge sagen, die sie (noch) nicht ihrer Familie oder einem Therapeuten sagen können. Die typische Isolation der Essgestörten könne so durchbrochen werden. Das Ausformulieren von Gedanken zum Thema Anorexie könne es der Betroffenen erleichtern, sich von diesen Gedanken letztlich zu distanzieren. SchlieĂlich interpretiert Dias Pro-Ana als subversiv und diskutiert, ob sie Teil einer âdritten Welle des Feminismusâ sein könnten.
Nach BemĂŒhungen der National Association of Anorexia Nervosa and Associated Disorders (ANAD) mit einer Kampagne per Fax[10] und Ă€hnlichen BemĂŒhungen weiterer VerbĂ€nde[11] sind Angelfire, Yahoo,[12] MSN,[13] Lycos, MySpace,[14] Tripod[15] und andere Anbieter dazu ĂŒbergegangen, Pro-Ana-Webseiten und Dienste zum Betrieb entsprechender Web-Gemeinschaften vom Netz zu nehmen, die ĂŒber ihre kostenlosen Angebote öffentlich zugĂ€nglich gemacht wurden. Sie taten dies auf der Grundlage der ethischen Richtlinien in ihren Nutzungsbedingungen. Einige Anbieter[16] sollen dies jedoch auch mit dem Hinweis auf Meinungsfreiheit abgelehnt haben. Die ANAD hat fĂŒr die Suche nach Pro-Ana-Webseiten und die Benachrichtigung der entsprechenden Diensteanbieter sogar eine Vollzeitkraft eingestellt.[17] Ebay hat Produkte, die im Zusammenhang mit der Bewegung stehen (Erkennungsschmuck), auf seine Liste der unerlaubten HandelsgĂŒter gesetzt.[18][19]
In Frankreich hat im April 2008 die Französische Nationalversammlung einen Gesetzesvorschlag[20] verabschiedet, der die âAnstiftung zur Magersuchtâ unter Strafe stellt. Laut Gesetzesentwurf drohen bis zu 2 Jahre GefĂ€ngnis und 30.000 Euro Geldstrafe fĂŒr âdenjenigen, der andere anspornt, exzessiv abzunehmenâ beziehungsweise bis zu 3 Jahre Haft und 45.000 Euro Geldstrafe, wenn ein Mensch zu Tode kommt.
In Deutschland hat die jugendschutz.net GmbH am 23. April 2008 einen Bericht[21] vorgelegt, nach dem 80 % der Foren und Websites zum Thema Magersucht jugendgefĂ€hrdend seien. Die Organisation erreichte nach eigenen Angaben die Entfernung von 70 % dieser Angebote. Die BundesprĂŒfstelle fĂŒr jugendgefĂ€hrdende Medien indizierte im Dezember 2008 ein deutschsprachiges Blog zum Thema, da dort die Störung extrem positiv dargestellt und glorifiziert wĂŒrde. [22]
Weiter als Pro-Ana und Pro-Mia geht die Antipsychiatrie, eine Bewegung, deren AnhÀnger jegliche Einordnung in die medizinische Kategorie der psychischen Störung ablehnen, darunter auch Essstörungen. Sie vertritt stattdessen den Standpunkt, dass solche Einordnungen lediglich eine gesellschaftliche Konstruktion darstellen.
Nach der Beschreibung der Betreiberin der Webseite pure ana,[23] die selbst magersĂŒchtig ist, werden die Bezeichnungen âMagersuchtâ und âAnaâ in der Pro-Ana-Bewegung als unterschiedliche Begriffe fĂŒr zwei Blickwinkel verstanden, fĂŒr die Krankheit und fĂŒr ihr VerstĂ€ndnis als Lebensstil. FĂŒr sie sind diese jedoch âim Grunde genommen ein und dasselbe PhĂ€nomenâ. Weil das VerstĂ€ndnis der Magersucht als Lebensstil eine mangelnde Krankheitseinsicht darstellt, glaubt sie, dass es selbst Teil der Krankheit ist, wobei sie auf die Ăbereinstimmungen mit den Diagnosekriterien hinweist.[24]
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Dieser Artikel wurde am 31. Oktober 2006 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen. |