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| Strukturformel | ||||||||||||||||||||||
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| Allgemeines | ||||||||||||||||||||||
| Name | Pyridin | |||||||||||||||||||||
| Andere Namen |
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| Summenformel | C5H5N | |||||||||||||||||||||
| CAS-Nummer | 110-86-1 | |||||||||||||||||||||
| PubChem | 1049 | |||||||||||||||||||||
| Kurzbeschreibung |
farblose, hygroskopische FlĂŒssigkeit mit unangenehmem Geruch[1] | |||||||||||||||||||||
| Eigenschaften | ||||||||||||||||||||||
| Molare Masse | 79,10 g·molâ1 | |||||||||||||||||||||
| Aggregatzustand |
flĂŒssig | |||||||||||||||||||||
| Dichte |
0,98 g·cmâ3[2] | |||||||||||||||||||||
| Schmelzpunkt | ||||||||||||||||||||||
| Siedepunkt |
115 °C[3] | |||||||||||||||||||||
| Dampfdruck | ||||||||||||||||||||||
| pKs-Wert |
5,23 (konjugierte SÀure bei 25 °C)[4] | |||||||||||||||||||||
| Löslichkeit |
mischbar mit Wasser, Ethanol, Aceton, Chloroform, Diethylether und Benzol[5] | |||||||||||||||||||||
| Dipolmoment | ||||||||||||||||||||||
| Brechungsindex |
1,5095[5] | |||||||||||||||||||||
| Sicherheitshinweise | ||||||||||||||||||||||
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| MAK |
5 ml·mâ3[8] | |||||||||||||||||||||
| LD50 | ||||||||||||||||||||||
| Thermodynamische Eigenschaften | ||||||||||||||||||||||
| ΔHf0 | ||||||||||||||||||||||
| Soweit möglich und gebrÀuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen. Brechungsindex: Na-D-Linie, 20 °C | ||||||||||||||||||||||
Pyridin ist eine farblose und leichtentzĂŒndliche chemische Verbindung mit der Summenformel C5H5N. Sie gehört zu den heterocyclischen Stammsystemen und bildet das GrundgerĂŒst der Azine, das aus einem sechsgliedrigen Ring mit fĂŒnf Kohlenstoffatomen und einem Stickstoffatom besteht. Die Bezeichnung Azine leitet sich aus der systematischen Hantzsch-Widman-Nomenklatur ab, nach der Pyridin als Azin bezeichnet wird. In Analogie zu Benzol ist auch die Bezeichnung Azabenzol gelegentlich anzutreffen. Im Jahre 1849 wurde Pyridin erstmals von dem schottischen Chemiker und Mediziner Thomas Anderson beschrieben, welcher die Inhaltsstoffe von Knochenöl untersuchte. Zwei Jahre spĂ€ter isolierte Anderson Pyridin durch fraktionierte Destillation des Ăls erstmals in reiner Form.
In der chemischen Industrie ist Pyridin sowohl ein bedeutender Synthesebaustein fĂŒr die Arzneimittel- oder Herbizidherstellung als auch ein gĂ€ngiges Lösungsmittel fĂŒr chemische Reaktionen. Weltweit werden jĂ€hrlich Zehntausende Tonnen der Verbindung hergestellt und zu groĂen Teilen in der chemischen Industrie weiterverwendet. Historisch wurde Pyridin aus Teer oder als Nebenprodukt der Kohlevergasung gewonnen; auf Grund des gestiegenen Bedarfs sind diese Methoden jedoch im Laufe der Jahre ökonomischeren synthetischen Verfahren gewichen.
Pyridin erfĂŒllt die HĂŒckel-Kriterien fĂŒr AromatizitĂ€t und weist typische heteroaromatische Eigenschaften auf. Seine ReaktivitĂ€t gegenĂŒber elektrophilen Substitutionen ist gegenĂŒber dem homoaromatischen Analogon Benzol deutlich herabgesetzt, wohingegen nukleophile Substitutionen hĂ€ufiger auftreten.
Inhaltsverzeichnis |
Pyridin wurde zweifellos bereits zu alchemistischen Zeiten durch Erhitzen tierischen Materials in unreiner Form erhalten[11]. Die frĂŒheste schriftliche ErwĂ€hnung im Jahr 1851 ist jedoch dem schottischen Naturwissenschaftler Thomas Anderson zuzuschreiben.[12] Er untersuchte die Inhaltsstoffe von Knochenöl, welches durch starkes Erhitzen trockener Knochen erhalten wird. Hierbei erhielt er unter anderem eine farblose, ĂŒbelriechende FlĂŒssigkeit, die er zwei Jahre spĂ€ter erstmals in reiner Form isolieren konnte.[13]
âDie erste dieser Basen, welche ich Pyridin nennen will, ist in der bei etwa 115 °C ĂŒbergehenden Portion enthalten. Diese Portion besitzt einen dem des Picolins sehr Ă€hnlichen, allein noch stĂ€rkeren und stechenderen Geruch. Sie ist vollkommen durchsichtig und farblos, und fĂ€rbt sich in BerĂŒhrung mit der Luft nicht. Sie ist in jedem VerhĂ€ltniĂ in Wasser und leicht in flĂŒchtigen und nicht flĂŒchtigen Oelen löslich. In concentrirten SĂ€uren löst sie sich unter starker WĂ€rmeentwicklung, und bildet sehr leicht lösliche Salze mit denselben.â
â Th. Anderson: Erste Beschreibung von Pyridin.[13]
Den Namen, der sich von griechisch ÏÏ ÏÎżÏ (Pyros) = Feuer ableitet, erhielt Pyridin analog zu der bereits bekannten Stickstoffbase Pyrrol, da die erstmalige Isolierung ebenfalls bei hohen Temperaturen stattfand. Die Endung -in wurde im Einklang mit den bereits etablierten organischen Basen Anilin und Toluidin gewĂ€hlt.
Die chemische Struktur von Pyridin konnte erst Jahrzehnte spĂ€ter endgĂŒltig aufgeklĂ€rt werden. Körner und Dewar postulierten unabhĂ€ngig voneinander die Hypothese, dass eine Analogie zwischen Benzol und Naphthalin sowie Pyridin und Chinolin bestehe, in den Strukturen der erstgenannten mĂŒsse lediglich eine CH-Einheit durch ein Stickstoffatom ersetzt werden.[14] Dies konnte durch Reduktion von Pyridin mittels metallischen Natriums zu Piperidin, dessen Struktur zu dieser Zeit bereits bekannt war, bewiesen werden.
Im Jahre 1877 leitete William Ramsay Acetylen- und BlausĂ€uregas durch ein rotglĂŒhendes Rohr, wobei Pyridin entstand.[15] Dies macht Pyridin zu einer der ersten synthetisch hergestellten heteroaromatischen Verbindungen.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs der Bedarf an Pyridin, weshalb synthetische Methoden zu seiner Gewinnung entwickelt wurden. Ein Durchbruch gelang hierzu dem russischen Chemiker Alexei Jewgenjewitsch Tschitschibabin, der 1924 eine wirtschaftliche Syntheseroute aus kostengĂŒnstigen Synthesebausteinen entwickelte[16], welche auch heute noch zur industriellen Herstellung herangezogen wird.[9]
Es sind nur wenige natĂŒrliche Vorkommen freien Pyridins bekannt. Es konnte jedoch in den flĂŒchtigen Bestandteilen des Eibischs[17] sowie den BlĂ€ttern und Wurzeln der Schwarzen Tollkirsche (Atropa belladonna)[18] nachgewiesen werden. Seine Derivate sind hingegen hĂ€ufig Bestandteil von BiomolekĂŒlen wie den nach ihm benannten Pyridinnukleotiden und natĂŒrlichen Ălen und Gasen.
Pyridin entsteht durch Röst- und Konservierungsprozesse in Nahrungsmitteln und kann in geringen Mengen in deren flĂŒchtigen Bestandteilen nachgewiesen werden. Hierzu gehören gebratenes Huhn[19], Sukiyaki[20], gebratener Schinken,[21] Beaufort-KĂ€se[22], Kaffeearoma[23], schwarzer Tee[24] und Sonnenblumenhonig.[25] Sowohl der Rauch von Tabak[26][27] als auch von Marijuana[28] enthalten Pyridin.
Die systematische Bezeichnung von Pyridin nach dem Hantzsch-Widman-System, welches von der IUPAC empfohlen wird, ist Azin. Im Bereich der Heterocyclennomenklatur werden jedoch oftmals historisch gĂ€ngige Trivialnamen benutzt, weshalb die systematische Bezeichnung weder im Sprachgebrauch noch in der Fachliteratur gĂ€ngig ist. Entgegen der Systematik empfiehlt die IUPAC ausdrĂŒcklich die Beibehaltung der Bezeichnung Pyridin.[29] Die Nummerierung der Ringatome beginnt am Stickstoffatom, welches die höchste PrioritĂ€t besitzt, und setzt sich hiervon ausgehend von 2 bis 6 ĂŒber die Kohlenstoffringglieder fort. Auch eine Zuweisung der Positionen durch Buchstaben des griechischen Alphabets (αâÎł) und die Substitutionsmusternomenklatur, welche in homoaromatischen Systemen ĂŒblich ist (ortho, meta, para) sind teilweise anzutreffen.
Die systematische Bezeichnung des Pyridinrestes lautet Pyridinyl, wobei die Position der VerknĂŒpfung als Zahl vorangestellt wird. Pyridin stellt jedoch auch in diesem Fall eine Ausnahme der Systematik dar, da das historisch ĂŒbliche Pyridyl als Bezeichnung empfohlen wird.[30] Der kationische Pyridinrest, welcher aus der Addition eines Elektrophils an das Stickstoffatom resultiert, wird Pyridinium bezeichnet.
2,6-PyridindicarbonsÀure (DipicolinsÀure)
Historisch wurde Pyridin aus Teer oder bei der Kohlevergasung gewonnen. Im Steinkohlenteer sind jedoch nur etwa 0,1 % Pyridin enthalten[31], welches als Gemisch mit weiteren Substanzen aus der Rohsubstanz ausgetrieben werden kann. Zur Auftrennung des Gemischs sind jedoch mehrstufige Reinigungsprozesse nötig, weshalb angesichts der geringen Ausbeute ein solches Verfahren nicht mehr wirtschaftlich ist. Heutzutage wird nahezu der gesamte weltweite Bedarf durch synthetisches Pyridin gedeckt.[9]
Moderne industrielle Synthesen nutzen die von Tschitschibabin 1924 erstmals publizierte Route[16], wobei es sich um eine Multikomponentenreaktion zwischen Ketonen oder Aldehyden mit Ammoniak handelt. Zur Synthese des unsubstituierten Pyridins werden Formaldehyd und Acetaldehyd benötigt â kostengĂŒnstige Synthesebausteine, welche im MultitonnenmaĂstab verfĂŒgbar sind. In einer Knoevenagel-Reaktion wird hierbei aus je einem Teil der Aldehyde zunĂ€chst Acrolein gebildet, welches mit Acetaldehyd und Ammoniak zu Dihydropyridin kondensiert und dann am Festphasenkatalysator zu Pyridin oxidiert wird. Technisch wird dies als Gasphasenreaktion bei 400â450 °C durchgefĂŒhrt. Die Zusammensetzung des Produktgemischs, bestehend aus Pyridin, einfach methylierten Pyridinen (Picoline) und Lutidinen, ist abhĂ€ngig vom verwendeten Katalysator und kann den BedĂŒrfnissen des Herstellers angepasst werden. Als Katalysatormaterialien dienen Ăbergangsmetallsalze wie Cadmiumfluorid und Mangan(II)-fluorid auf SilicattrĂ€gern, aber auch Cobalt- und Thallium-Verbindungen können zum Einsatz kommen. Das gewonnene Pyridin kann in einem mehrstufigen Prozess von den Nebenprodukten abgetrennt werden und diese können entweder weiterverarbeitet oder durch Demethylierung in Pyridin umgewandelt werden.[9]
Pyridin kann durch Dealkylierung von alkylierten Pyridinen, welche als Nebenprodukte in gÀngigen industriellen Synthesen anfallen, hergestellt werden. Die Dealkylierung verlÀuft entweder oxidativ mit Luft am Vanadiumoxid-Katalysator[32], durch Dampfdealkylierung am Nickelkatalysator[33][34] oder durch Hydrodealkylierung am Silber- oder Platinkatalysator.[35] Hierbei sind Ausbeuten an Pyridin von bis zu 93 % am Nickelkatalysator möglich.[9]
Ein erster bedeutender Syntheseweg von Pyridinderivaten wurde 1881 von Arthur Hantzsch beschrieben.[36] Hierbei werden ein ÎČ-Ketoester (hĂ€ufig Acetessigester), ein Aldehyd (hĂ€ufig Formaldehyd) und Ammoniak beziehungsweise Ammoniumsalze im VerhĂ€ltnis 2:1:1 eingesetzt (Hantzsche Dihydropyridinsynthese). Es wird zunĂ€chst ein zweifach hydriertes Pyridin erhalten, welches in einem anschlieĂenden Schritt oxidativ zum entsprechenden Pyridinderivat umgesetzt werden kann. Knoevenagel zeigte, dass auch unsymmetrisch substituierte Pyridinderivate auf diesem Wege zugĂ€nglich sind.[37]
Die Trimerisierung von einem Teil der Nitrilkomponente und zwei Teilen Acetylen wird als Bönnemann-Cyclisierung bezeichnet. Hierbei handelt es sich um eine Abwandlung der Reppe-Synthese, welche sowohl thermisch als auch photochemisch durchgefĂŒhrt werden kann. WĂ€hrend bei der thermischen Reaktion hohe DrĂŒcke und Temperaturen benötigt werden, kann die photoinduzierte Cycloaddition unter Normalbedingungen bei katalytischem Einsatz von CoCp2(cod) (Cp=Cyclopentadienyl, cod=1,5-Cyclooctadien) sogar in Wasser durchgefĂŒhrt werden.[38] Auf diesem Wege sind eine Reihe von Pyridinderivaten zugĂ€nglich. Bei Verwendung von Acetonitril als Nitrilkomponente wird 2-Methylpyridin erhalten, welches zu Pyridin dealkyliert werden kann.
Mehrere Pyridinderivate treten in biologischen Systemen in teils prominenter Funktion auf. Der exakte biosynthetische Aufbau des Pyridinrings ist abhÀngig vom biologischen System und der genauen Struktur des Pyridinderivats. WÀhrend der biosynthetische Zugang vieler Pyridinderivate noch nicht vollstÀndig geklÀrt ist, gilt der Syntheseweg des Pyridinderivats NicotinsÀure (Vitamin B3) in einigen Bakterien, Pilzen und SÀugetieren als gesichert. SÀugetiere synthetisieren NicotinsÀure oftmals durch oxidativen Abbau der AminosÀure Tryptophan, wobei als Zwischenprodukt das Anilinderivat Kynurenin entsteht. In den Bakterien Mycobacterium tuberculosis und Escherichia coli werden zur Biosynthese hingegen Glycerinaldehyd-3-phosphat und AsparaginsÀure benötigt.[39]
| Kritische GröĂen[40] | ||
|---|---|---|
| Druck | Temperatur | Volumen |
| 6,70 MPa | 620 K | 229 cm3·molâ1 |
| Parameter fĂŒr die Antoine-Gleichung (340â426 °C)[41] | ||
| A | B | C |
| 4,16272 | 1371,358 | â58,496 |
| TemperaturabhĂ€ngigkeit des Dampfdrucks[42] (nach ÎVH0=A·exp(âÎČ·Tr)·(1âTr)ÎČ) zwischen 298 und 388 °C | ||
| A | ÎČ | Tc |
| 55,43 kJ·molâ1 | 0,2536 | 620 K |
Pyridin ist farblos und bei Standardbedingungen flĂŒssig, siedet bei 115,23 °C und gefriert bei â41,70 °C. Es ist eine stark lichtbrechende FlĂŒssigkeit, die bei 20 °C und einer WellenlĂ€nge von 589 nm einen Brechungsindex von 1,5095 aufweist. Bei Standardbedingungen besitzt Pyridin eine mit Wasser vergleichbare Dichte von 0,9819 g·cmâ3.[5] Pyridin weist ein elektrisches Dipolmoment von 2,2 D auf[6], ist diamagnetisch und besitzt eine molare diamagnetische SuszeptibilitĂ€t von â48,7·10â6 cm3·molâ1.[43] In der flĂŒssigen Phase betrĂ€gt die Standardbildungsenthalpie 100,2 kJ·molâ1, in der Gasphase hingegen 140,4 kJ·molâ1.[10] Bei 25 °C besitzt Pyridin eine ViskositĂ€t[44] von 0,879 mPa·sâ1 und eine WĂ€rmeleitfĂ€higkeit von 0,166 W·(m·K)â1.[45] Unter Standardbedingungen ergibt sich ein Dampfdruck von 20,5 hPa.[3] Die Verdampfungsenthalpie betrĂ€gt am Siedepunkt unter Normaldruck 35,09 kJ·molâ1.[42] Am Schmelzpunkt wird eine Schmelzenthalpie von 8,28 kJ·molâ1 realisiert.[46]
Pyridin kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem in der Raumgruppe Pna21 mit den Gitterparametern a = 1752 pm, b = 897 pm und c = 1135 pm und 16 Formeleinheiten pro Elementarzelle. Des Weiteren ist ein kristallines Trihydrat (Pyridin · 3 H2O) bekannt. Dieses kristallisiert ebenfalls im orthorhombischen Kristallsystem, jedoch in der Raumgruppe Pbca mit den Gitterparametern a = 1244 pm, b = 1783 pm und c = 679 pm und acht Formeleinheiten pro Elementarzelle.[47]
Pyridin ist mischbar mit Wasser, Ethanol, Diethylether, Aceton, Benzol und Chloroform.[5] Es reagiert schwach basisch und bildet mit ChlorwasserstoffsĂ€ure (SalzsĂ€ure) ein kristallines Hydrochlorid, welches erst bei 145â147 °C schmilzt.[48]
Pyridin gehört zur Klasse der Heteroaromaten und weist typische Eigenschaften dieser Stoffklasse auf. Durch den Einfluss des elektronegativen Stickstoffs ist der Pyridinring jedoch relativ elektronenarm, wodurch die fĂŒr aromatische Systeme typische elektrophile Substitutionsreaktion gehemmt wird. Im Vergleich zu seinem Kohlenstoffanalogon Benzol zeigt Pyridin somit eine deutlich geringere ReaktivitĂ€t bezĂŒglich aromatischer Substitutionen. Im Gegensatz zu Kohlenstoff-Aromaten besitzt Pyridin jedoch eine vergleichsweise höhere ReaktivitĂ€t bezĂŒglich nukleophiler Substitutionen und der Metallierung des Rings durch stark basische Organometallverbindungen.[49][50] Die ReaktivitĂ€t von Pyridin weist Charakteristika dreier chemischer Gruppierungen auf. Mit Elektrophilen finden elektrophile Substitutionen statt, worin die aromatischen Eigenschaften von Pyridin zum Ausdruck kommen. Mit Nukleophilen regiert Pyridin in 2- und 4-Position und weist somit Ăhnlichkeiten mit der ReaktivitĂ€t von Iminen oder Carbonylverbindungen auf. Die Reaktion mit vielen Lewis-SĂ€uren fĂŒhrt zur Addition an das Stickstoffatom, wodurch Pyridin Ăhnlichkeiten zur ReaktivitĂ€t tertiĂ€rer Amine aufweist. Die FĂ€higkeit durch Oxidation N-Oxide zu bilden ist ebenfalls ein Charakteristikum tertiĂ€rer Amine.[51]
Mit zahlreichen Ăbergangsmetallionen bildet Pyridin Komplexe. Hierbei koordiniert Pyridin stark bevorzugt mit dem freien Elektronenpaar des Stickstoffatoms an das Metallzentrum. η6-Koordination, wie sie bei Benzol auftritt, ist nur durch sterische Blockierung des Stickstoffatoms möglich.[52]
Pyridin weist ein durchkonjugiertes System von sechs Ï-Elektronen auf, welche ĂŒber das gesamte Ringsystem delokalisiert sind. Des Weiteren ist Pyridin planar gebaut und befolgt somit die HĂŒckel-Kriterien fĂŒr aromatische Systeme. Im Gegensatz zu Benzol ist die Elektronendichte jedoch nicht gleichmĂ€Ăig verteilt, was auf den negativen induktiven Effekt des Stickstoffatoms zurĂŒckzufĂŒhren ist. Aus diesem Grund weist Pyridin ein Dipolmoment auf und ist schlechter resonanzstabilisiert als Benzol (Benzol: 150 kJ·molâ1, Pyridin: 117 kJ·molâ1).[53] Die höhere Elektronendichte drĂŒckt sich auch in der verkĂŒrzten BindungslĂ€nge der Stickstoff-Kohlenstoff-Bindung aus (Benzol: 139 pm, Pyridin, C-N: 137 pm)[54], wĂ€hrend die Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindungen die gleiche BindungslĂ€nge wie im BenzolmolkĂŒl (139 pm) aufweisen. Die BindungslĂ€ngen verdeutlichen den aromatischen Charakter von Pyridin. Wie fĂŒr aromatische Systeme ĂŒblich liegen sie zwischen den Werten, welche typischerweise fĂŒr einfachgebundene und doppeltgebundene Atome erwartet werden.
Im PyridinmolekĂŒl sind alle Ringatome sp2-hybridisiert. Das Stickstoffatom stellt das Elektron seines p-Orbitals zur Ausbildung des aromatischen Systems zur VerfĂŒgung, sein freies sp2-Elektronenpaar liegt in der MolekĂŒlebene und weist vom Ring nach auĂen. Dieses Elektronenpaar trĂ€gt nicht zum aromatischen System bei, ist jedoch fĂŒr die chemischen Eigenschaften von Pyridin von groĂer Bedeutung. Auf Grund der periplanaren Anordnung des freien Elektronenpaars wird das aromatische System durch Bindungsbildung an dieser Position nicht aufgehoben, was einen elektrophilen Angriff an dieser Position begĂŒnstigt. Die Trennung des freien Elektronenpaars von aromatischen System bewirkt jedoch auch, dass das Stickstoffatom keinen positiven mesomeren Effekt ausbilden kann. Die ReaktivitĂ€t von Pyridin wird somit zu groĂen Teilen von dem negativen induktiven Effekt des Stickstoffatoms bestimmt.
Pyridin ist ĂŒber fĂŒnf mesomere Grenzstrukturen resonanzstabilisiert und aus diesem Grund stabiler als das hypothetische 1-Aza-1,3,5-cyclohexatrien mit lokalisierten Doppelbindungen. Analog dem Benzol existieren zwei Grenzstrukturen, welche keinen zwitterionischen Charakter besitzen. ZusĂ€tzlich können jedoch drei weitere zwitterionische Grenzstrukturen formuliert werden, welche dem Stickstoffatom eine negative Ladung zuweisen, wodurch die positive Ladung an der 4-Position beziehungsweise einer der beiden 2-Positionen des Rings auftritt. Die Lage der Ladung am Stickstoffatom steht im Einklang mit dessen höherer ElektronegativitĂ€t im Vergleich zu Kohlenstoff.
Viele fĂŒr das homologe Benzol charakteristische Reaktionen laufen an Pyridin nicht oder nur unter aufwĂ€ndigeren Bedingungen beziehungsweise mit schlechter Ausbeute ab. HierfĂŒr sind im Wesentlichen die verringerte Elektronendichte im aromatischen System, welche Pyridin und dessen Derivate fĂŒr elektrophile Substitutionen desaktiviert, sowie die bevorzugte Addition von Nukleophilen am elektronenreichen Stickstoffatom verantwortlich. Die nukleophile Addition am Stickstoffatom fĂŒhrt zu einer weiteren Desaktivierung des Aromaten, wodurch anschlieĂende elektrophile Substitutionen nochmals erschwert sind. Auf der anderen Seite treten radikalische und nukleophile Substitutionen im Vergleich zu Benzol hĂ€ufiger auf und stellen oft sogar den bevorzugten Reaktionsweg dar.[55][6]
Elektrophile Substitutionen an Pyridin laufen in vielen FĂ€llen nicht oder nur unvollstĂ€ndig ab, der Heteroaromat kann jedoch durch elektronenschiebende Funktionalisierung aktiviert werden. GĂ€ngige Alkylierungen und Acylierungen (beispielsweise durch Friedel-Crafts-Alkylierung oder -Acylierung) versagen meist, da sie nur zur Addition am Stickstoffatom fĂŒhren. Substitutionen finden in der Regel an der 3-Position statt, da es sich zum einen um das elektronenreichste Kohlenstoffatom des MolekĂŒls handelt, wodurch eine elektrophile Addition erleichtert wird, zum anderen besitzt der entstehende Ï-Komplex keine Grenzstruktur, welcher dem Stickstoffatom eine positive Ladung zuweist. Dies ist im Falle einer Addition in 2- oder 4-Position der Fall und bewirkt somit einen energetisch ungĂŒnstigeren Ï-Komplex.
Sollen jedoch Substituenten in 2- oder 4-Position eingefĂŒhrt werden, so existieren etablierte Möglichkeiten, die Reaktion entsprechend zu fĂŒhren. Eine hĂ€ufig angewandte Variante ist die DurchfĂŒhrung der elektrophilen Substitution am aktivierten N-oxid des Pyridins und anschlieĂender Desoxygenierung des Stickstoffatoms. Bei dieser Variante werden in der Regel in 2- und 4-Position substituierte Produkte erhalten, da das Sauerstoffatom des N-oxids dem aromatischen System Elektronendichte zur VerfĂŒgung stellt und hiermit die Substitution an diesen Positionen gegenĂŒber einer Substitution in 3-Position begĂŒnstigt. Zur Desoxygenierung können eine Reihe gĂ€ngiger Reduktionsmittel verwendet werden. Es eignen sich allgemein dreiwertige Phosphorverbindungen oder zweiwertige Schwefelverbindungen, welche leicht oxidierbar sind. Als gĂŒnstiges Reagenz wird hĂ€ufig Triphenylphosphan eingesetzt, welches in der Reaktion zu Triphenylphosphinoxid oxidiert wird. Im Folgenden werden ausgewĂ€hlte verbreitete elektrophile Substitutionen an Pyridin exemplarisch erlĂ€utert.[55]
Die direkte Nitrierung von Pyridin lĂ€uft selbst unter drastischen Bedingungen nur mit sehr geringen Ausbeuten ab. 3-Nitropyridin kann jedoch auf anderem Wege durch Reaktion von Pyridin mit Distickstoffpentoxid und Natriumhydrogensulfit hergestellt werden.[56][57] Pyridinderivate, welche das Stickstoffatom sterisch und/oder elektronisch abschirmen, können durch Nitroniumtetrafluoroborat direkt nitriert werden. Auf diesem Wege gelingt die Synthese von 3-Nitropyridin aus 2,6-Dibrompyridin und anschlieĂender Dehalogenierung.[58] Mit Ă€hnlichem Erfolg verlĂ€uft auch die Sulfonierung von Pyridin, die selbst unter scharfen Bedingungen ohne nennenswerten Umsatz ablĂ€uft. Pyridin-3-sulfonsĂ€ure entsteht jedoch durch Kochen in einem Ăberschuss von Oleum bei 320 °C mit akzeptabler Ausbeute.[59] Die BegrĂŒndung fĂŒr dieses Verhalten ist die bevorzugte Addition des Elektrophils Schwefeltrioxid an den Pyridinstickstoff, wodurch der Heteroaromat fĂŒr den zur EinfĂŒhrung der SulfonsĂ€uregruppe benötigten elektrophilen Angriff zusĂ€tzlich desaktiviert wird.[55] Die Sulfonierung mit Oleum verlĂ€uft jedoch glatt in Gegenwart katalytischer Mengen von Quecksilber(II)-sulfat.[60] Der zu Grunde liegende Mechanismus ist bisher nicht geklĂ€rt.[55]
Im Gegensatz zur Nitrierung und Sulfonierung sind die Bromierung und Chlorierung von Pyridin auf direktem Wege möglich. Die Umsetzung von Pyridin mit molekularem Brom in Oleum bei 130 °C zu 3-Brompyridin verlĂ€uft mit sehr guter, die Chlorierung mit molekularem Chlor in Gegenwart von Aluminiumchlorid bei 100 °C zu 3-Chlorpyridin hingegen nur mit mĂ€Ăiger Ausbeute.[55] In Gegenwart katalytischer Mengen an Palladium(II)-chlorid sind auch 2-Brompyridin sowie 2-Chlorpyridin durch Reaktion mit den molekularen Halogenen prĂ€parativ zugĂ€nglich.[55]
Im Gegensatz zu Benzol sind eine Reihe effizienter nukleophiler Substitutionen an Pyridin bekannt. Der Grund hierfĂŒr ist die vergleichsweise geringere Elektronendichte des Heteroaromaten, der Angriffe durch Nukleophile begĂŒnstigt. Hierbei treten sowohl ipso-Substitutionen an Abgangsgruppen-tragenden Ringatomen als auch Reaktionen unter Abspaltung von Hydridionen sowie Eliminierungs-Additions-Reaktionen ĂŒber Heteroarin Zwischenstufen auf. Sie liefern meist die in 2- oder 4-Position substituierten Produkte.[55][50]
An Pyrdinderivaten, welche gute Abgangsgruppen tragen, laufen ipso-Substitutionen in vielen FĂ€llen glatt ab. Hierzu dienen meist brom-, chlor- oder fluorsubstituierte Substrate, aber auch die SulfonsĂ€uregruppe kann als Abgangsgruppe dienen. FĂŒr die Substitution mit Organolithium-Verbindungen ist Fluor die beste Abgangsgruppe. Als Nukleophile können des Weiteren Alkoholate, Thiolate aber auch Amine, bei erhöhtem Druck auch Ammoniak, eingesetzt werden.[49]
Das Hydridion ist allgemein eine sehr schlechte Abgangsgruppe. In der Heterocyclenchemie sind jedoch wenige Reaktionen bekannt, bei denen das Hydridion als Abgangsgruppe fungiert. Hierzu zÀhlt die Tschitschibabin-Reaktion, durch welche in 2-Position aminierte Pyridinderivate hergestellt werden können. Als Nukleophil wird hierzu Natriumamid eingesetzt welches in 2-Position an Pyridin addiert und nach wÀssriger Aufarbeitung der Reaktion 2-Aminopyridin freisetzt. Das Hydridion wird im Verlauf der Reaktion vom Pyridinring abgespalten und bildet mit einem Proton einer weiteren Aminogruppe molekularen Wasserstoff.[61][50]
Bei der Verwendung von Lithiumorganylen als Nukleophile können diese direkt, auf Grund der dirigierenden Wirkung des Stickstoffatoms bevorzugt in 2-Position, an Pyridin addieren. Je nach verwendetem Nukleophil und Substrat kommt es anschlieĂend zur direkten Abspaltung von Lithiumhydrid. Ist das intermediĂ€r entstehende N-Lithiumsalz jedoch persistent, mĂŒssen zur Rearomatisierung unter Freisetzung des substituierten Pyridins oxidative Bedingungen geschaffen werden.[49][50]
Analog zu Benzol ist die Bildung von Heteroarinen als Zwischenprodukt möglich. Hierzu werden Pyridinderivate mit guten Abgangsgruppen mit starken Basen wie Natriumamid und Kalium-tert-butanolat zum Heteroarin eliminiert. Die anschlieĂende Addition eines Nukleophils an der Dreifachbindung verlĂ€uft meist mit geringer SelektivitĂ€t und es wird ein Gemisch aus den beiden möglichen Additionsprodukten erhalten.[49]
An Pyridin laufen verschiedene radikalische Reaktionen ab. Von prĂ€parativem Interesse sind hierbei Dimerisierungen von Pyridin zu Bipyridinen. Die radikalische Dimerisierung von Pyridin mit elementarem Natrium beziehungsweise Raney-Nickel liefern selektiv 4,4âČ-Bipyridin[62] beziehungsweise 2,2âČ-Bipyridin[63], welche bedeutende Grundstoffe in der chemischen Industrie darstellen. Als Namensreaktionen sind radikalische Reaktionen unter sauren Bedingungen an Heteroaromaten als Minisci-Reaktion bekannt. An Pyridin fĂŒhren diese mit hoher SelektivitĂ€t zu den in 2- beziehungsweise 4-Position substituierten Produkten. So ist 2-tert-Butylpyridin aus Pyridin durch Reaktion mit PivalinsĂ€ure, Silbernitrat und Ammoniumperoxodisulfat in schwefelsaurer Lösung mit einer Ausbeute von 97 % durch eine Minisci-Reaktion zugĂ€nglich.[49]
Lewis-SĂ€uren addieren leicht an das Stickstoffatom von Pyridin, wobei Pyridiniumsalze gebildet werden. Mit HalogenwasserstoffsĂ€uren werden analog die entsprechenden Hydrochloride oder Hydrobromide erhalten, welchen gröĂere Bedeutung zukommt. Die Reaktion mit Alkylhalogeniden fĂŒhrt zur Alkylierung des Stickstoffatoms. Hierdurch entsteht eine positive Ladung im Ring, welche die ReaktivitĂ€t von Pyridin stark beeinflusst und sowohl Oxidations- als auch Reduktionsreaktionen erleichtert. Zur selektiven EinfĂŒhrung von Resten an Pyridiniumverbindungen kann die Zincke-Reaktion verwendet werden, wobei die zu Grunde liegenden primĂ€ren Amine benötigt werden.
Die Reaktion mit sekundĂ€ren Aminen fĂŒhrt hingegen zur Ringöffnung, wobei Zincke-Aldehyde erhalten werden.
Durch vollstĂ€ndige Hydrierung mittels Wasserstoff in Gegenwart von Raney-Nickel wird das gesĂ€ttigte Piperidin erhalten.[64] Dabei wird eine ReaktionswĂ€rme von â193,8 kJ·molâ1 freigesetzt.[65] Diese ist etwas geringer als die HydrierwĂ€rme von Benzol mit â205,3 kJ·molâ1.[65]
Unter milderen Bedingungen können teilhydrierte Derivate erhalten werden. So ergibt die Reduktion mittels Lithiumaluminiumhydrid ein Gemisch aus 1,4-Dihydropyridin, 1,2-Dihydropyridin und 2,5-Dihydropyridin.[66] Reines 1,4-Dihydropyridin bildet sich aus Pyridin in Gegenwart organischer Magnesium- und Zink-Komplexe.[67] (Î3,4)-Tetrahydropyridin ist durch elektrochemische Reduktion von Pyridin zugĂ€nglich.[68]
Heute ist Pyridin ein bedeutender Grundstoff in der chemischen Industrie, welcher jĂ€hrlich im KilotonnenmaĂstab hergestellt wird (26.000 t/a, Stand 1989).[9] Es sind weltweit 25 Produktionsstandorte fĂŒr Pyridin bekannt, von welchen sich elf auf europĂ€ischem Boden befinden (Stand: 1999).[28] Zu den bedeutenden Produzenten von Pyridin zĂ€hlen oder zĂ€hlten Degussa, RĂŒtgerswerke, ICI und Koei Chemical.[9] In den vergangenen Jahren wurde die KapazitĂ€t zur Pyridinproduktion jedoch erheblich gesteigert, sodass allein in China seit 2001 Anlagen mit einer KapazitĂ€t von 30.000 t/a entstanden sind.[69] Nach eigenen Angaben ist das amerikanisch-chinesische Joint-Venture Vertellus derzeit WeltmarktfĂŒhrer fĂŒr Pyridin.[70]
Pyridin besitzt weite Anwendungsgebiete in der prÀparativen chemischen Industrie. Es wird als polares, basisches, wenig reaktives Lösungsmittel verwendet[28], welches sowohl als Katalysator, aktivierendes Agens als auch als Base zum Abbinden entstehender SÀuren verwendet wird. Es eignet sich insbesondere zur Dehalogenierung, wobei es als Base der Eliminierungsreaktion fungiert und die entstehende HalogenwasserstoffsÀure unter Bildung eines Pyridiniumsalzes abbindet. In Veresterungen und Acylierungen kann Pyridin zur Aktivierung der eingesetzten CarbonsÀurehalogenide oder -anhydride eingesetzt werden. Eine höhere AktivitÀt bei diesen Reaktionen weisen jedoch die Pyridinderivate DMAP und PPY auf. Auch in Kondensationsreaktionen kann Pyridin als Base eingesetzt werden.
Das Chromatsalz Pyridiniumchlorochromat (PCC) wurde 1975 von Elias Corey und William Suggs entwickelt und dient als starkes Oxidationsmittel, das meist zur Oxidation von Alkoholen eingesetzt wird.[71] Es wird aus der Reaktion von Pyridin mit SalzsÀure und Chrom(VI)-oxid erhalten. Da es krebserregend ist, sollte es jedoch möglichst durch weniger toxische Oxidationsmittel ersetzt werden. Das Cornforth- (Pyridiniumdichromat, PDC) und das Collins-Reagenz sind Àhnliche Chrom-basierte Pyridinverbindungen, welche das gleiche Gefahrenpotential bergen und ebenfalls zur Oxidation eingesetzt werden.
In Metallkomplexen ist Pyridin ein labiler Ligand und kann leicht durch stĂ€rker komplexierende Lewis-Basen ausgetauscht werden, was in der Katalyse ausgenutzt wird. Pyridinkomplexe mit Ăbergangsmetallionen finden als Polymerisations-[72][73] oder Hydrierungskatalysatoren, beispielsweise dem Crabtree-Katalysator[74], Verwendung. Die Katalysatorspezies trĂ€gt zunĂ€chst einen Pyridinliganden, welcher leicht durch das Substrat ausgetauscht wird. Nach Beendigung des Katalysezyklus koordiniert Pyridin wieder am Katalysator und bewirkt so die koordinative AbsĂ€ttigung des Metallions.
In der chemischen und pharmazeutischen Industrie dient Pyridin als Synthesebaustein zur Herstellung einer Vielzahl von Arzneistoffen, Insektiziden und Herbiziden. In groĂen Mengen wird oder wurde Pyridin zur Herstellung der Herbizide Diquat oder Paraquat verwendet, welche ein BipyridingerĂŒst besitzen. Der erste Syntheseschritt zum Insektizid Chlorpyrifos besteht aus der Chlorierung von Pyridin, ebenso ist es die Ausgangsverbindung zur Herstellung des Fungizids Pyrithion.[28] Die quartĂ€ren Pyridiniumsalze Cetylpyridiniumchlorid und Laurylpyridiniumchlorid, welche in einer Zincke-Reaktion aus Pyridin hergestellt werden können, werden als Antiseptikum in Mund- und Zahnpflegemitteln eingesetzt.[6]
Neben Pyridinen sind auch Derivate des Piperidins wichtige Synthesebausteine. Eine gÀngige Synthese von Piperidin besteht in der Reduktion von Pyridin. In industriellen Verfahren kann Pyridin am Nickel-, Cobalt- oder Rutheniumkatalysator bei erhöhter Temperatur glatt zu Piperidin reduziert werden.[76]
Unter anderem wird Pyridin auch in der Farbstoff- und Gummiproduktion als Lösungsmittel eingesetzt[77] und in der Textilindustrie zur Verbesserung der NetzfÀhigkeit von Baumwolle verwendet.[6]
Zur VergĂ€llung von Ethanol zu Brennspiritus werden dem Alkohol Substanzen beigemengt, die diesen fĂŒr den Menschen ungenieĂbar werden lassen und nur schwer durch physikalische Verfahren abzutrennen sind. Pyridin war auf Grund seines bitteren Geschmacks und seiner physikalischen Eigenschaften hĂ€ufig Bestandteil dieses Stoffgemischs, ist heutzutage jedoch meist durch andere Stoffe ersetzt.[6] In geringer Dosierung wird Pyridin jedoch auch als bitterer Geschmacksstoff in Nahrungsmitteln verwendet. In Lösung liegt der Erkennungsschwellwert von Pyridin bei 1â3 mmol·lâ1 (79â237 mg·lâ1).[78]
In seiner Eigenschaft als Base kann Pyridin als Bestandteil des Karl-Fischer-Reagenz eingesetzt werden. In modernen Reagenzien ist es jedoch meist auf Grund der GeruchsbelÀstigung durch eine andere Base ausgetauscht.[79]
Pyridin weist einen Flammpunkt von 17 °C auf und ist folglich leichtentzĂŒndlich. Die ZĂŒndtemperatur ist mit 550 °C angegeben. In einem Bereich von 1,7â10,6 Vol-% bildet Pyridin mit Luft explosive Gemische. Die thermische Zersetzung von Pyridin beginnt oberhalb von 490 °C, wobei als Zersetzungsprodukte Bipyridine, im Wesentlichen 2,2âČ-Bipyridin und in untergeordnetem MaĂe 2,3âČ-Bipyridin und 2,4âČ-Bipyridin, sowie Stickoxide und Kohlenstoffmonoxid gebildet werden.[3] Pyridin ist ferner als gesundheitsschĂ€dlich und wassergefĂ€hrdend Klasse 2 eingestuft.[3] In aquatischen Systemen schĂ€digt Pyridin sowohl tierische als auch pflanzliche Organismen und ist auf Grund seiner Mischbarkeit mit Wasser gut verfĂŒgbar.[80] Die erlaubte Maximale Arbeitsplatz-Konzentration (MAK) in den DACH-Staaten betrĂ€gt 5 ppm.[81]
Der Kontakt mit Pyridin reizt SchleimhĂ€ute und die Haut und es treten Befindlichkeitsstörungen vor allem bezĂŒglich des Magen-Darm-Traktes auf. Ferner weist Pyridin eine geringe neurotoxische Wirkung auf. Eine chronische Exposition mit Pyridin kann auĂerdem Störungen der Leber- und Nierenfunktion hervorrufen. In mehrerern Versuchsreihen konnten die GenotoxizitĂ€t und KlastogenitĂ€t von Pyridin ausgeschlossen werden.[3][28][82]
In den meisten FĂ€llen erfolgt die Aufnahme von Pyridin inhalativ was zur Resorption in der Lunge fĂŒhrt. Die perorale Aufnahme fĂŒhrt hingegen zur Resorption im Gastrointestinaltrakt. Pyridin wird entweder unverĂ€ndert oder metabolisiert ĂŒber Kot oder Urin ausgeschieden. Durch Metabolisierung treten als Hauptprodukte N-Methylpyryliumhydroxid, welches durch N-Methyltransferasen gebildet wird, sowie die Oxidationsprodukte Pyridin-N-oxid und 2-, 3- und 4-Hydroxypyridin, welche durch Einwirkung von Monooxygenasen entstehen, auf. Der Mensch metabolisiert Pyridin jedoch ausschlieĂlich zu N-Methylpyryliumhydroxid.[3][82]
Die Aufnahme toxischer Dosen von Pyridin verursacht SchwĂ€chegefĂŒhle, Ataxie, Salvation und kann Bewusstlosigkeit hervorrufen. Aus dem Jahr 1893 ist ein Todesfall nach versehentlicher oraler Aufnahme einer halben Tasse Pyridin bekannt.[28] Die niedrigste bekannte Letale Dosis (LDLo) fĂŒr die orale Aufnahme von Pyridin bei Menschen betrĂ€gt 500 mg·kgâ1. Pyridin hat in höheren Konzentrationen narkotisierende Wirkung und stellt ab einer Dampfkonzentration von 3600 ppm ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar.[9]
In geringen Mengen wird Pyridin bei industriellen Prozessen freigesetzt und an die Umwelt abgegeben. Es fĂ€llt in Spuren bei der Stahlerzeugung,[83] Kohlevergasung, in Kokereien, der MĂŒllverbrennung und bei Verarbeitung von Ălschiefer an.[28] In der Umgebungsluft eines Ălschiefer-verarbeitenden Betriebes wurden Pyridinkonzentrationen von bis zu 13 ”g·mâ3 [84] beziehungsweise 53 ”g·mâ3 im Grundwasser in der Umgebung einer Kohlevergasungsanlage festgestellt.[85] Nach einer Untersuchung stehen 43.000 US-amerikanische Arbeiter potentiell im Kontakt mit Pyridin.[86]
Das UV/Vis-Spektrum von Pyridin in Hexan weist drei Absorptionsbanden auf. Diese korrespondieren mit einem ÏâÏ*-Ăbergang bei einer WellenlĂ€nge von 195 nm (Extinktionskoeffizient Δ = 7500 l·(mol·cm)â1), einem weiteren ÏâÏ*-Ăbergang bei 251 nm (Δ = 2000 l·(mol·cm)â1) und einem nâÏ*-Ăbergang bei 270 nm (Δ = 450 l·(mol·cm)â1).[55]
Im 1H-NMR-Spektrum von Pyridin weisen die Protonen ausgeprĂ€gte Tieffeldverschiebungen auf. Das Spektrum zeigt drei Signale korrespondierend mit den drei chemisch verschiedenen Protonen im MolekĂŒl. Die Signalintegrale stehen im VerhĂ€ltnis 2:1:2. Das Signal bei tiefstem Feld resultiert von den α-Protonen ÎŽ(α-H) = 8,5 ppm, gefolgt von dem Îł-Proton ÎŽ(Îł-H) = 7,5 ppm und den ÎČ-Protonen ÎŽ(ÎČ-H) = 7,1 ppm. Benzol als carbocyclisches Analogon weist ein Protonensignal bei ÎŽ = 7,27 ppm auf. Die gröĂeren chemischen Verschiebungen der α- und Îł-Protonen im Vergleich zu Benzol resultieren aus der geringeren Elektronendichte im Pyridinring und korrespondieren relativ mit den niedrigeren Elektronendichten in α- und Îł-Position, welche aus den mesomeren Grenzstrukturen abgeleitet werden können. Die chemischen Verschiebungen der 13C-Kerne verhalten sich analog den Protonensignalen (ÎŽ(α-C) = 150 ppm, ÎŽ(ÎČ-C) = 124 ppm, ÎŽ(Îł-C) = 136 ppm). Das 13C-Signal des Benzols liegt hingegen bei 129 ppm. Alle Werte beziehen sich auf lösungsmittelfreie Substanzen.[55]
Zur quantitativen Bestimmung der Pyridinkonzentration in der Umweltanalytik werden in der Regel gaschromatographische oder gekoppelte gas-und massenspektroskopische Methoden angewandt.[28]
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