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Als Querelle des Anciens et des Modernes [kəˈʀɛl dezɑ̃ˈsjɛ̃ edemɔˈdɛʀn] (französisch für Streit der Alten und der Neuen) bezeichnet man eine geistesgeschichtliche Debatte (Literaturstreit) in Frankreich an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert. Es ging dabei um die Frage, inwiefern die Antike noch das Vorbild für die zeitgenössische Literatur und Kunst sein könne.
Inhaltsverzeichnis |
Aktuell ausgelöst wurde die Debatte am 27. Januar 1687. An diesem Tag trug Charles Perrault (anlässlich der Genesung Ludwigs XIV. von einer Krankheit) in der Académie française sein Gedicht "Le siècle de Louis le Grand" vor, in dem er das Zeitalter Ludwigs XIV als Ideal pries und zugleich die Vorbildfunktion der Antike in Frage stellte:
| La belle Antiquité fut toujours vénérable; | Die schöne Antike verdiente immer Verehrung, |
| Mais je ne crus jamais qu'elle fût adorable. | Doch nie, glaubte ich, Anbetung. |
| Je voy les Anciens sans plier les genoux, | Ich sehe die Menschen der Antike, ohne die Knie zu beugen, |
| Ils sont grands, il est vray, mais hommes comme nous; | Sie sind groß, das ist wahr, doch Menschen wie wir; |
| Et l'on peut comparer sans craindre d'estre injuste, | Und man kann den Vergleich anstellen, ohne ungerecht zu sein, |
| Le Siecle de LOUIS au beau Siecle d'Auguste. | Zwischen dem Zeitalter von LOUIS und dem schönen des Augustus. |
| – | Charles Perrault: Parallèle des anciens et des modernes en ce qui regarde les arts et les sciences. Faksimiledruck der vierbändigen Originalausgabe Paris 1688–1696. Herausgegeben von H. R. Jauß. München: Eidos, 1964. Seite 165. |
Dies erregte unverzüglich den Protest des Akademiemitglieds Nicolas Boileau-Despréaux. Der Streit verschärfte sich, als Perrault ab 1688 die vier Bände seiner "Parallèle des anciens et des modernes" publizierte, worin er seine Angriffe auf die Alten wiederholte, indem er in einem fiktiven Dialog die vermeintlich schwachen Leistungen der Alten mit den modernen Errungenschaften in beinahe allen Bereichen des menschlichen Lebens konfrontiert. Zuletzt musste der jedoch konzedieren, dass die Leistungen der Alten in der Kunst und Literatur offensichtlich nicht mit den allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen zu verrechnen seien. In der Folge bildeten sich zwei Lager heraus, die sich mit zahlreichen Publikationen bekämpften. Außer den Genannten zählten zu den "Alten" unter anderen Jean Racine, Jean de La Fontaine und Jean de La Bruyère, zu den "Neuen" vor allem Bernard Le Bovier de Fontenelle und Jean Desmarets de Saint-Sorlin. Der Streit drehte sich um zwei gegensätzliche ästhetische Modelle: das Prinzip der Nachahmung, das sich an der Antike als absoluten Schönheitsideal orientierte und andererseits das Prinzip der Imagination des Genies, das aus sich selbst schöpft.
Auf Vermittlung Antoine Arnaulds (1612–1694) kam es schließlich zu einem versöhnlichen Brief Boileaus an Perrault und am 30. August 1694 sogar zu einer öffentlichen Umarmung der beiden in der Académie française. Betrachtet man die Reaktion des zeitgenössischen Publikums, so behielten Perrault und seine Partei die Oberhand in dem Streit. Naturgemäß führte die "Querelle" aber zu keinem eindeutigen Sieg, sondern verlief allmählich im Sande.
Allerdings kam es im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts zu einem scheinbaren Wiederaufflammen der Debatte: 1713 publizierte Antoine Houdar de La Motte (1672–1731) – zu diesem Zeitpunkt waren Perrault und Boileau bereits tot – eine Übertragung der Ilias, die gegenüber dem Original deutlich gekürzt und an mehreren Stellen – mit dem Ziel, "Fehler" Homers auszumerzen – verändert war. Dem eigentlichen Text stellte La Motte einen "Discours sur Homère" voran, worin er sein Vorgehen rechtfertigte. Dennoch erregte er den Widerspruch von Anne Dacier (1654–1720), die 1714 mit ihrem Buch "Des causes de la corruption du goût" reagierte. In Verlängerung einer Diskussion aus dem dritten Dialog in Perraults "Parallèle" kam es so zu einer Debatte über den Vorzug von Original oder Übersetzung. Dieser Streit, in den auch andere Autoren, insbesondere François de Salignac de La Mothe-Fénelon (1651–1715), der Abbé Jean Terrasson (1670–1750) und Jean Boivin (1663–1725) eingriffen, endete 1716 ebenfalls mit einer persönlichen Versöhnung der Hauptkontrahenten und ging unter dem Namen "Querelle d'Homère" in die Literaturgeschichte ein.
Auch wenn der Disput sich damit im Wesentlichen erschöpft hatte, wirkten die von der "Querelle" gegebenen Anstöße in die Aufklärungsdiskussion hinein und darüber hinaus bis in die Romantik weiter. Dennoch blieb in der französischen Literatur der antike Einfluss immer stark und lässt sich selbst bei Baudelaire noch nachweisen.
Die Grundlagen der Querelle des Anciens et des Modernes wurde in Frankreich wenigstens 25 Jahre zuvor gelegt. Nach der persönlichen Machtübernahme durch Louis XIV stellte sich die Frage, welches das angemessene kulturelle Dekor für die Illustration dieser Herrschaft sei. Desmarets de Saint-Sorlin vertrat dabei in zahlreichen polemischen Schriften die Auffassung, dass eine moderne französische Literatur nur dann den Anforderungen der Gegenwart entspreche, wenn sie auch christlich sei. So könne es eine neuzeitliche und christliche Monarchie nicht ertragen, wenn sie mit den Mitteln der antiken Kunst und Literatur gepriesen würde, denn mit dem antiken Pantheon könne man keine wahrhaftige Literatur produzieren, zumal die Götter der Antike alles unglaubwürdige Götter einer heidnischen Religion seien. Einzig eine von christlichen Quellen, Heiligenlegenden, Kämpfen zwischen Himmel und Hölle, Einsatz der Engel etc. geprägte Literatur sei eines christlichen Königs würdig. Dabei muss als Hintergrund beachtet werden, dass die Türkenkriege in den 1660er Jahren neue Kreuzzugsgedanken aufkeimem ließen, die Desmarets de Saint-Sorlin selbst in einem Avis du Saint Esprit au Roy (1662) formulierte: An der Spitze eines christlichen Heeres solle Ludwig XIV. die häretischen Staaten wie Holland und England besiegen, um dann mit massiver Unterstützung Europas gegen die Türken im Osten Europas zu einem neuen Kreuzzug aufzubrechen. Die christliche Wendung der Herrschaft des sich ganz säkular gebenden Ludwigs XIV. war also vor allem auch eine Frage der politischen Perspektive, die dem König für sein weiteres Wirken angeboten wurde.
Dagegen zog Nicolas Boileau in seinem Art poétique (1674) zu Felde, in dem er diese Konzeption Desmarets de Saint-Sorlins lächerlich machte und den Einsatz der antiken Götterwelt pries. Zuvor hatte Desmarets de Saint-Sorlin, der bereits dem Tode nahe war, Charles Perrault als seinen intellektuellen Erben und den Sachwalter einer im christlichen Sinne modernen Literatur eingesetzt.
Es ging also weniger um die Vorbildgeltung der Antike als um die Frage, ob eine aktuelle französische Literatur auf der symbolischen Ebene der poetischen Formen das Bündnis mit der katholischen Kirche vorführen sollte oder im Sinne einer relativen Autonomie der künstlerischen Formen weiterhin mit den Mitteln der antiken Kulturen eine moderne französische Literatur produzieren könne. Das Modell dafür hatte beispielsweise Jean de LaFontaine in seinen Fabeln abgeliefert, in denen Handlungsstränge antiker Erzählungen zu Texten des 17. Jahrhunderts verarbeitet wurden.
Da auch Charles Perrault feststellen mußte, dass einer von christlichem Apparat bestimmten Literatur kein Erfolg beschieden war, setzte er in zunehmendem Maße auf das Wunderbare der märchenhaften Erzählungen und lieferte auf diese Weise eine eigene Antwort auf den Streitpunkt der Anciens und der Modernes, indem er sich aus dieser Linie zurückzog und ein weltliches merveilleux erzeugte, das weder der Antike noch dem Christentum verpflichtet war.
Da die französische Kontroverse "Querelle" bereits innerhalb einer längeren europäischen Tradition von Auseinandersetzungen mit ähnlichen Strukturen stand (insbesondere während der Renaissance), wurde der Streit zwischen Perrault und Boileau schnell auch jenseits der Grenzen Frankreichs bekannt und in verschiedenen Ausformungen an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst.
Noch während der Diskussionen in der Académie française veröffentlichte Sir William Temple (1628–1699) als Reaktion auf Fontenelles "Digression sur les Anciens et les Modernes" (1688) seinen "Essay upon the ancient and modern learning" (1690). Auf den wiederum reagierte William Wotton (1666–1727) mit seinen "Reflections upon ancient and modern learning" (1694). So entwickelte sich auch in England ein Streit, in den Richard Bentley (1662–1742) und Alexander Pope (1688–1744) eingriffen. Ihren gängigen Namen "Battle of the Books" bekam die englische Debatte von Temples Sekretär Jonathan Swift (1667–1745), der 1704 anonym seinen Beitrag "Full and True Account of the Battle fought last Friday between the Ancient and the Modern Books in St. James's Library" veröffentlichte.
Als eine kleine deutsche Variante des französischen "Querelle" kann man die Auseinandersetzung zwischen Johann Christoph Gottsched, Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger über das "Wunderbare" betrachten. Eine wichtige Funktion für den Transfer des französischen Streites "Querelle" in den deutschsprachigen Raum hatte Johann Joachim Winckelmann, insbesondere mit seinen "Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst" von 1755. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts taucht die "Querelle"-Thematik bei Johann Gottfried Herder, Friedrich Schiller und Friedrich Schlegel auf, Mitte des Jahrhunderts schon bei Lessing.