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Röhm-Putsch

Als Röhm-Putsch bezeichnete die nationalsozialistische Propaganda die Ereignisse von Ende Juni/Anfang Juli 1934 um die Ermordung Ernst Röhms, des Stabschefs der SA, und weiterer SA-FunktionĂ€re sowie anderer von der nationalsozialistischen FĂŒhrung als feindlich eingeschĂ€tzter Personen. Unter den vermutlich etwa 200 Toten waren auch bekannte Persönlichkeiten wie z. B. Kurt von Schleicher, Hitlers AmtsvorgĂ€nger als Reichskanzler, und seine Ehefrau Elisabeth von Schleicher. Daneben gab es aufgrund von Verwechslungen auch Zufallsopfer, die zu Hitler und seinem Regime keine nennenswerte Beziehung hatten. Die vor allem auf Betreiben von Hitler und Hermann Göring lange vorbereitete SĂ€uberungswelle wurde durch Kommandos der SS mit UnterstĂŒtzung durch Gestapo und Reichswehr durchgefĂŒhrt. Zu Grunde lagen dem Blutbad NS-interne ideologische Differenzen und machtpolitische Spannungen zwischen der SA und Teilen der NSDAP, auf deren Seite Hitler stand.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Neben dem von der NS-Propaganda verbreiteten Begriff Röhm-Putsch war ursprĂŒnglich der Ausdruck Röhm-Revolte vorherrschend. Die Morde wurden also als prĂ€ventive Maßnahme gegen einen angeblich unmittelbar bevorstehenden Putsch Röhms dargestellt. Auf diese Weise sollte ihnen der Schein einer gewissen Legitimation verschafft werden. Obwohl es Putsch-PlĂ€ne tatsĂ€chlich nicht gab, hat sich bisher in der deutschen Geschichtswissenschaft der damalige Propaganda-Begriff „Röhm-Putsch“ gehalten.[1] Alternativen sind Juni-Morde oder Ausschaltung der SA. Der Volksmund sprach auch von der Nacht der langen Messer.

Vorgeschichte

Die SA hatte wesentlich zur Machtergreifung beigetragen. Noch am 31. Dezember 1933 dankte Hitler Röhm in einem besonders herzlichen Schreiben fĂŒr dessen „unvergĂ€ngliche(n) Dienste“ und versicherte ihm fĂŒr das neue Jahr seine Freundschaft. Röhm konnte sich zum Ärger Görings und Goebbels' als zweiter Mann im Staate sehen und kam in den Genuss (wahrscheinlich von ihm selbst erzwungener) öffentlicher Bevorzugungen in der Umgebung Hitlers. Röhm soll auch umfangreiche MachtansprĂŒche – so die Ernennung zum Kriegsminister – an Hitler herangetragen und diesen auch mit kompromittierenden Informationen erpresst haben. Aber der Status der SA zur NSDAP und die „Deutungshoheit“ ĂŒber die nationalsozialistische Bewegung blieben zunĂ€chst ungeklĂ€rt. WĂ€hrend Röhm und die SA-FĂŒhrung die SA als eigentliche TrĂ€gerin der Bewegung sahen, wollten die NSDAP-Oberen dieser nur die Stellung einer Ordnungstruppe der Partei zugestehen. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 verschĂ€rften sich die Spannungen. Zum einen kamen die wahllosen Ausschreitungen der SA der Herrschaftssicherung durch die NSDAP nicht zugute, zum anderen wollte die SA mittelfristig die Reichswehr beerben. GemĂ€ĂŸ dem Versailler Vertrag von 1919 umfasste die Reichswehr 100.000 Mann. Die SA hatte rund vier Millionen Mitglieder. Außerdem legte die SA-FĂŒhrung großen Wert auf den sozialistischen Aspekt und wollte einen Umbau der Gesellschaft sowie Enteignungen nach dem 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920.

Ernst Röhm (rechts) mit Kurt Daluege und Heinrich Himmler im August 1933

Röhm verfolgte weitreichende politische Ziele. So erschien im Januar 1934 in den Nationalsozialistischen Monatsheften und im Völkischen Beobachter ein Beitrag Röhms, in dem er verkĂŒndete, das Ziel der nationalsozialistischen Revolution sei noch nicht erreicht. SA und SS wĂŒrden, wenn es sein mĂŒsse, sterben fĂŒr die Idee des Hakenkreuzes.

In derselben Ausgabe der Nationalsozialistischen Monatshefte erschien aber auch ein Beitrag von Rudolf Heß, in dem er erklĂ€rte, fĂŒr SA und andere Teilorganisationen bestehe nicht die geringste Notwendigkeit, ein Eigendasein zu fĂŒhren. Zu dieser Zeit erhielt der Chef des preußischen Geheimen Staatspolizeiamtes, Rudolf Diels, den Auftrag, Material gegen die SA zu sammeln. Nachdem Röhm am 1. Februar dem Reichswehrminister Werner von Blomberg eine Denkschrift ĂŒbersandt hatte, wonach die kĂŒnftige Funktion der Reichswehr auf ein reines Ausbildungsheer beschrĂ€nkt sein solle, stellte Blomberg bei einer Befehlshaberbesprechung fest, der Versuch einer Einigung mit der SA sei gescheitert. Auch Reichswehrdienststellen erhielten nun den Auftrag, Material gegen die SA zu sammeln.

Hitler wies in einer Ansprache vor Gauleitern am 2. Februar in Berlin die Darstellung Röhms zurĂŒck, die Revolution sei noch nicht beendet. Hitler war fĂŒr seine KriegsplĂ€ne angewiesen auf die UnterstĂŒtzung der Wirtschaft und die der Reichswehr, welcher er das Waffenmonopol zugesichert hatte. Daher wollte er den Ruf des StraßenkĂ€mpfers ablegen. Dies stand in Konflikt zum Willen Röhms, die SA in eine regulĂ€re Armee umzuwandeln. Am 28. Februar gab Hitler vor den Spitzen von SA und Wehrmacht bekannt, fĂŒr seine PlĂ€ne sei eine Miliz ungeeignet, es komme nur eine Wehrmacht mit allgemeiner Wehrpflicht in Frage. Hauptauftrag fĂŒr die Sturmabteilungen sei die politische Erziehungsarbeit. So warnte er die SA ausdrĂŒcklich, ihm in dieser Frage Schwierigkeiten zu machen.

Zwar unterzeichneten Blomberg und Röhm anschließend ein Abkommen, in dem die ungeteilte Verantwortung der Reichswehr fĂŒr alle Fragen der Kriegsvorbereitung und KriegsfĂŒhrung festgelegt wurde, Röhm aber kritisierte bei einer Zusammenkunft mit SA-FĂŒhrern diese ZurĂŒcksetzung der SA, was ObergruppenfĂŒhrer Viktor Lutze Heß hinterbrachte. Anschließend wurde Lutze von Hitler auf dem Berghof zu einer mehrstĂŒndigen Unterredung empfangen.

Von der SS wurden unbegrĂŒndete GerĂŒchte ĂŒber einen Putsch durch Röhm sowie ĂŒber dessen homosexuelle Neigungen verbreitet, letzteres zu dieser Zeit ein schwerer Makel und Straftatbestand (§ 175), der Hitler allerdings davor nicht gestört hatte. („Die Partei ist kein Internat fĂŒr höhere Töchter, sondern eine Kampforganisation.“) Die HomosexualitĂ€t Röhms war sogar ein offenes Geheimnis, unter anderem durch die Zeitung „Der gerade Weg“ von Fritz Gerlich hervorgehoben. Hitler spielte nach Röhms Ermordung gleichwohl Entsetzen ĂŒber die dann verbreitete Information ĂŒber Röhms HomosexualitĂ€t vor.

Im April startete die Reichswehr eine Wehrpropaganda-Kampagne, in der die Armee zum alleinigen WaffentrĂ€ger der Nation erklĂ€rt wurde. Im Mai wurden die militĂ€rischen Dienststellen erneut angewiesen, ĂŒber VerstĂ¶ĂŸe der SA gegen die im Februar abgeschlossene Vereinbarung zu berichten.

SA-MarschĂŒbung, Mai 1932

Indessen hielt Röhm weiterhin Reden, in denen er die SA und die nationalsozialistische Revolution in den Mittelpunkt stellte. Er veranstaltete im FrĂŒhjahr 1934 großangelegte GelĂ€ndeĂŒbungen und Mobilmachungen. Im Mai erging eine Anweisung Röhms, Berichte zum Thema Feindseligkeiten gegen die SA zu sammeln.

Am 11. Mai startete Goebbels eine seit Wochen vorbereitete Kampagne gegen „Miesmacher und Nörgler“, die er im Juni betrĂ€chtlich ausweitete. Noch am 11. Mai verteidigte er dabei aber ausdrĂŒcklich die SA.

Am 4. Juni kam es zu einer rund fĂŒnf Stunden dauernden Aussprache zwischen Hitler und Röhm, woraufhin Röhm wegen eines rheumatischen Leidens eine Kur in Bad Wiessee antrat und am 8. Juni einen generellen Urlaub der SA fĂŒr Juli verfĂŒgte.

Letzter Auslöser fĂŒr die folgende sich ĂŒber mehrere Tage hinweg erstreckende gezielte Ermordung zahlreicher Menschen war möglicherweise die Marburger Rede des Vizekanzlers Franz von Papen am 17. Juni an der UniversitĂ€t Marburg. Papen wandte sich gegen die rigide Presselenkung, gegen die Vorherrschaft einer einzigen Partei und ganz besonders gegen die BefĂŒrworter einer zweiten nationalsozialistischen Revolution.

Am selben Tag drohte Hitler auf einer Kundgebung des thĂŒringischen NSDAP-Gaus in Gera, die „geballte Faust der Nation“ werde jeden niederschmettern, der es wage, auch nur den leisesten Versuch einer Sabotage zu unternehmen. Die Verbreitung von Papens Rede wurde durch Goebbels unterdrĂŒckt; das BemĂŒhen Papens, deshalb mit ReichsprĂ€sident Paul von Hindenburg zu sprechen, konnte Hitler hinauszögern.

Am 21. Juni suchte Hitler Hindenburg auf Gut Neudeck auf. Sowohl der dort anwesende Blomberg als auch der kranke Hindenburg selbst forderten ihn auf, endlich etwas gegen die revolutionĂ€ren Unruhestifter zu unternehmen, sonst werde das Kriegsrecht verhĂ€ngt werden mĂŒssen.

Am 22. Juni rief Hitler den ihm ergebenen Viktor Lutze an und befahl ihm, von jetzt an keine Befehle aus MĂŒnchen mehr zu befolgen, sondern nur noch seine eigenen. Himmler eröffnete an diesem Tag dem FĂŒhrer des SS-Oberabschnittes Mitte, Karl von Eberstein, dass Röhm mit der SA putschen wolle und er – v. Eberstein – deshalb seine SS-VerbĂ€nde in stille Alarmbereitschaft versetzen und mit der Reichswehr Kontakt aufnehmen solle.

Am 23. Juni informierte der Chef des Allgemeinen Waffenamtes der Reichswehr, Oberst Friedrich Fromm, seine Offiziere ĂŒber Putschabsichten der SA. Die SS sei auf Seiten der Reichswehr, ihr könnten Waffen ausgehĂ€ndigt werden.

In den folgenden 48 Stunden teilte Hitler Reichswehrminister Blomberg mit, er werde am 30. Juni persönlich eingreifen und mit den Putschisten abrechnen. Daraufhin setzte der Chef der Heeresleitung, General Werner von Fritsch, die gesamte Reichswehr in Alarmbereitschaft.

Am 25. Juni sprach Rudolf Heß im Reichssender Köln und kritisierte „Provokateure“, die versuchten, Volksgenossen gegeneinander aufzuhetzen und dieses verbrecherische Spiel mit dem Ehrennamen einer zweiten Revolution zu bemĂ€nteln.

Ermordung Röhms

Um den 25. Juni wurden die SS- und SD-FĂŒhrer nach Berlin berufen, wo ihnen Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich erklĂ€rten, eine Revolte der SA stehe unmittelbar bevor, weshalb Abwehrmaßnahmen vorbereitet werden mĂŒssten. UngefĂ€hr zur gleichen Zeit wurde die Reichswehr ĂŒber einen bevorstehenden Putsch informiert, woraufhin fĂŒr SS und SD Waffen, Transportraum, Unterbringungsmöglichkeiten und Eingreifreserven bereitgestellt wurden. Papens Redenschreiber Edgar Jung wurde bereits zu dieser Zeit verhaftet (und in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli ermordet). Hitler, Göring und andere Spitzen des Regimes einigten sich schließlich auf eine „Reichsliste“ der zu Ermordenden und Festzunehmenden.

Am 27. Juni erschien der Kommandeur der SS-Leibstandarte, Sepp Dietrich, im Reichswehrministerium und erbat sich von dem zustĂ€ndigen Stabsoffizier zusĂ€tzliche Waffen und Munition fĂŒr einen geheimen und sehr wichtigen Auftrag des FĂŒhrers, woraufhin alles GewĂŒnschte zur VerfĂŒgung gestellt wurde.

Am 28. Juni waren die technischen Vorbereitungen abgeschlossen. An diesem Tag wurde Röhm aus dem Verband der Deutschen Offiziere ausgestoßen, ohne dass er selbst oder die Öffentlichkeit etwas davon erfuhr. Hitler begab sich an diesem Tag mit Göring und Lutze nach Essen, um an der Hochzeit von Gauleiter Terboven teilzunehmen. WĂ€hrend der Feier traf die Nachricht ein, Hindenburg werde Papen voraussichtlich am 30. Juni empfangen, worauf sich Hitler sofort in sein Hotel bringen ließ.

Auf einen Anruf Himmlers hin, der meldete, die Berliner SA wolle in 48 Stunden losschlagen, flog Göring auf Weisung Hitlers zurĂŒck nach Berlin, um die hier vorgesehenen Aktionen einzuleiten. Röhms Adjutant erhielt telefonisch den Befehl, dafĂŒr zu sorgen, dass alle SA-FĂŒhrer am spĂ€ten Vormittag des 30. Juni bei einer Besprechung mit Hitler in Röhms Urlaubsort Bad Wiessee anwesend wĂ€ren. Röhm selbst zeigte sich gegenĂŒber seinem Adjutanten erfreut ĂŒber diese AnkĂŒndigung.

Am 29. Juni erschien im parteiamtlichen Völkischen Beobachter ein ungewöhnlicher Aufsatz Blombergs, in dem er versicherte, die Reichswehr stehe hinter dem FĂŒhrer des Reiches Adolf Hitler. Am Vormittag besichtigte Hitler Arbeitsdienstlager, am Nachmittag des 29. Juni fuhr er nach Bad Godesberg und traf im Rheinhotel Dreesen mit Goebbels und gegen 20 Uhr mit SS-ObergruppenfĂŒhrer Sepp Dietrich zusammen, der zuvor von der Reichswehr Waffen organisiert hatte. Dietrich hatte nach MĂŒnchen zu fliegen und sollte sich von dort telefonisch bei ihm zum Empfang weiterer Befehle melden. Gleichzeitig wurden 220 Mann der Leibstandarte mit der Bahn nach Oberbayern gebracht.

Goebbels, der eigentlich ein Vorgehen gegen die „Reaktion“ um Papen erwartet hatte, erfuhr jetzt, dass der Hauptschlag gegen Röhm und die SA gefĂŒhrt werden sollte. Hitler begrĂŒndete ihm dies damit, es gebe Beweise, dass Röhm zum Zwecke des Hoch- und Landesverrats mit François-Poncet, Schleicher und Strasser konspiriere.

In der Nacht vom 29. auf den 30. Juni randalierten in verschiedenen Teilen Deutschlands SA-MĂ€nner, denen GerĂŒchte ĂŒber ein Vorgehen gegen die SA zu Ohren gekommen waren. In MĂŒnchen zogen, aufgerufen durch anonyme Handzettel, in dieser Nacht etwa 3000 SA-MĂ€nner lautstark durch die Stadt. Es gelang jedoch Gauleiter Adolf Wagner, die MĂ€nner zu beruhigen. Die örtlichen SA-Befehlshaber August Schneidhuber und Wilhelm Schmid versicherten ihnen, die SA stehe rĂŒckhaltlos hinter dem FĂŒhrer. Die Verfasser der Handzettel blieben unbekannt, möglicherweise handelte es sich um eine von Himmler, Heydrich oder Wagner selbst veranlasste Provokation.

Bereits um Mitternacht traf Sepp Dietrich in MĂŒnchen ein. Er wurde telefonisch angewiesen, zwei Kompanien der Leibstandarte Adolf Hitler abzuholen und um spĂ€testens elf Uhr in Bad Wiessee zu sein. Am 30. Juni 1934 gegen zwei Uhr morgens startete Hitlers Flugzeug vom Flugplatz Hangelar, gegen vier Uhr traf er in Begleitung von Goebbels und Lutze in MĂŒnchen ein.

Er begab sich mit seinem Gefolge sofort in das dortige Innenministerium und bestellte die örtlichen SA-Befehlshaber Schneidhuber und Schmid zu sich. Hitler hielt ihnen die nĂ€chtliche Aktion der SA vor, bezichtigte sie des Verrates und degradierte sie eigenhĂ€ndig, indem er ihnen die SchulterstĂŒcke herunterriss. Beide wurden auf der Stelle verhaftet und in das GefĂ€ngnis Stadelheim verbracht.

Gegen fĂŒnf Uhr verließ Hitler das Innenministerium und begab sich, ohne auf die Ankunft Dietrichs und seiner zwei Kompanien zu warten, in Begleitung von Goebbels und Lutze sowie ausgesuchten SS-MĂ€nnern nach Bad Wiessee. Kurz nach halb sieben hielten die drei Wagen vor dem Hotel Hanselbauer.

Dazu Hitlers Fahrer Erich Kempka: „Mit der Peitsche in der Hand betrat Hitler das Schlafzimmer Röhms in der Pension „Hanselbauer“ in Bad Wiessee, hinter sich zwei Kriminalbeamte mit entsicherter Pistole. Er stieß die Worte hervor: ‚Röhm, du bist verhaftet!‘ Verschlafen blickte Röhm aus den Kissen seines Bettes und stammelte: ‚Heil, mein FĂŒhrer!‘ ‚Du bist verhaftet!‘, brĂŒllte Hitler zum zweiten Male, wandte sich um und ging aus dem Zimmer.“ So erging es auch den anderen SA-FĂŒhrern. Nur Edmund Heines, der mit einem anderen Mann im Bett ĂŒberrascht wurde, leistete Widerstand.

Als ein Lastwagen mit der schwerbewaffneten Stabswache der obersten SA-FĂŒhrung erschien, entstand eine fĂŒr Hitler kritische Situation. Es gelang Hitler jedoch, die Leibwache Röhms durch scharfe Befehle zum Abzug zu veranlassen, wĂ€hrend ihr Chef Julius Uhl als Gefangener im Keller saß. Auf dem RĂŒckweg kehrte die Wache zwischen Wiessee und Gmund wieder um, aber da war es bereits zu spĂ€t, denn man hatte die Gefangenen inzwischen in der Gegenrichtung ĂŒber Rottach-Egern Richtung MĂŒnchen abtransportiert.

Auf dem MĂŒnchner Hauptbahnhof wurden inzwischen die mit den NachtschnellzĂŒgen aus allen Teilen Deutschlands zur anberaumten Konferenz angereisten SA-FĂŒhrer von Beamten der bayerischen Politischen Polizei festgenommen, darunter Georg von Detten, Manfred von Killinger, Peter von Heydebreck, Fritz von Kraußer, Hans-Joachim von Falkenhausen, Hans Hayn und viele andere.

Ernst Röhm wurde zusammen mit der ĂŒbrigen FĂŒhrungsriege der SA am gleichen Tage ins GefĂ€ngnis in MĂŒnchen-Stadelheim geschafft. Auf Befehl Hitlers wurden die verhafteten, auf der „Reichsliste“ angekreuzten SA-FĂŒhrer Wilhelm Schmid, August Schneidhuber, Hans Hayn, Peter von Heydebreck, Hans Erwin von Spreti-Weilbach und Edmund Heines von einem Kommando unter Sepp Dietrich in Stadelheim erschossen. Bei Röhm hatte Hitler zunĂ€chst noch Skrupel. Röhm wurde dann aber doch am Sonntag, dem 1. Juli 1934 gegen 18 Uhr in Stadelheim auf Befehl Hitlers von Theodor Eicke und dem SS-HauptsturmfĂŒhrer Michel Lippert aufgefordert, mit einer Pistole binnen zehn Minuten Selbstmord zu begehen. Als alles ruhig blieb, wies Eicke einen Vollzugsbeamten an, die Pistole aus der Zelle Röhms zu holen. Als Eicke und Lippert schießend in die Zelle eindrangen, stand Röhm mit ĂŒber der Brust aufgerissenem Hemd in der Mitte der Zelle.[2][3] Eicke erschoss ihn.

Weitere Verhaftungen und Morde

Im Rahmen der Aktion wurden weitere SA-Angehörige ĂŒberall in Deutschland verhaftet und ohne Prozess ermordet. Gegen zehn Uhr traf Hitler im Braunen Haus ein. Auf sein Zeichen hin rief Goebbels in Berlin an und gab das Stichwort „Kolibri“ durch. Daraufhin zogen die Kommandos los. Die in der „Reichsliste“ aufgefĂŒhrten höheren SA-FĂŒhrer wurden aufgegriffen und in der Lichterfelder Kadettenanstalt reihenweise erschossen. Dort starb auch der Berliner SA-GruppenfĂŒhrer Karl Ernst, der in Bremen unmittelbar vor Antritt seiner Hochzeitsreise aufgegriffen wurde und bis zuletzt an einen Scherz glaubte.

Im Rahmen der Mordaktion wurden auch Oppositionelle aus Politik und Kirche verhaftet und erschossen, darunter

Die wenigsten dieser so Ermordeten hatten enge politische oder persönliche Verbindungen zu Ernst Röhm. Vielfach wurden auch alte Gegner, Kritiker und Mitwisser ermordet, so etwa Kahr, der Hitler beim Putsch 1923 die UnterstĂŒtzung versagt hatte, oder Schleicher und Strasser.

Ermordet wurden auch

Außerdem kam es mehrfach „umstĂ€ndehalber“, wie sich hohe NS-FĂŒhrer herausredeten, zur Ermordung Unbeteiligter wie der Ehefrau Schleichers oder des Musikkritikers Wilhelm Eduard Schmid in MĂŒnchen. Dieser war von den Mördern mit dem SA-FĂŒhrer Wilhelm Schmid verwechselt worden und wurde umgebracht. In Schlesien ließ bei der Aktion der SS-FĂŒhrer Udo von Woyrsch neben Dutzenden von SA-FĂŒhrern auch einige SS-Rivalen ermorden.

Die Anzahl der Mordopfer blieb ein Staatsgeheimnis. Nach Angaben des neuen Stabschefs der SA, Viktor Lutze, wurden 82 SA-Mitglieder liquidiert, darunter fast die gesamte SA-FĂŒhrung. Nachforschungen, die wegen des verbrecherischen Charakters des Regimes erst nach 1945 unternommen werden konnten, veranschlagen die Zahl der Getöteten deutlich höher. 1957 konnten 191 Personen namentlich identifiziert werden, die wĂ€hrend der Aktion ums Leben gekommen waren.[4] Heutige SchĂ€tzungen gehen davon aus, dass 150 bis 200 Menschen in den drei Tagen vom 30. Juni bis zum 2. Juli ermordet wurden.[5][6]

AusgefĂŒhrt wurden die Aktionen vor allem von der SS einschließlich des SD, unterstĂŒtzt von der Gestapo, der Landespolizeigruppe „General Göring“ und der Reichswehr, die sich damit am Mord an ihren GenerĂ€len beteiligte.

FĂŒr die Hinterbliebenen der Ermordeten wurde ein von dem SS-General Franz Breithaupt verwalteter Sonderfonds eingerichtet, aus dem sie auf Staatskosten versorgt wurden. So erhielten die Witwen der getöteten SA-FĂŒhrer je nach dem Dienstgrad des Ermordeten zwischen 1000 und 1600 Mark monatlich. Kurt von Schleichers Stieftochter bezog bis zu ihrem 21. Lebensjahr monatlich 250 Mark und Carl Hasso von Bredow, der Sohn des Generals von Bredow, erhielt eine monatliche Erziehungsbeihilfe von 150 Mark.[4]

Rechtfertigung und Konsequenzen

Nicht zuletzt durch den Umstand, dass die Opfer aus politisch unterschiedlichen Gruppen kamen, war die Öffentlichkeit verwirrt. Zudem war die Informationspolitik der Regierung darauf aus, die UmstĂ€nde zu verschleiern. Hitler setzte auf die Wirkung der „sexuellen Denunziation“, die auf moralische EntrĂŒstung statt auf politische AufklĂ€rung setzt. Hitler gab an, durch „schwerste Verfehlungen“ Röhms gezwungen worden zu sein, ihn abzusetzen. Die nĂ€chste (von Hitler verfasste?) „ErklĂ€rung der Reichspressestelle der NSDAP“ nannte die „bekannte unglĂŒckliche Veranlagung“ Röhms als Ursache fĂŒr „schwerste Belastungen“, denen der FĂŒhrer ausgesetzt gewesen sei. Wem das nicht genĂŒgte, der sollte durch die Schilderung der Verhaftungsszenen sittlich entrĂŒstet werden. HomosexualitĂ€t als klassisches Muster sexueller Denunziation wurde in den weiteren Stellungnahmen zum Einsatz gebracht. „Die DurchfĂŒhrung der Verhaftung zeigte moralisch so traurige Bilder, dass jede Spur von Mitleid schwinden musste. Einige SA-FĂŒhrer hatten sich Lustknaben mitgenommen. Einer wurde in der ekelhaftesten Situation aufgeschreckt und verhaftet.“[7]

Gesetz ĂŒber Maßnahmen der Staatsnotwehr vom 3. Juli 1934

In der offiziellen Berichterstattung wurde Hitler als das Opfer eines hinterhĂ€ltigen Putsches dargestellt. Am 3. Juli, also nachtrĂ€glich, wurden die Maßnahmen formal durch ein von Hitler (nach den Bestimmungen des ErmĂ€chtigungsgesetzes) erlassenes Gesetz, das Gesetz ĂŒber Maßnahmen der Staatsnotwehr vom 3. Juli 1934 (Reichsgesetzblatt I S. 529) legalisiert. Der einzige Artikel des Gesetzes lautete: Die zur Niederschlagung hoch- und landesverrĂ€terischer Angriffe am 30. Juni, 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens. Deutschland war damit zu einem Staat mit WillkĂŒrherrschaft geworden, in dem die Meinung des FĂŒhrers Gesetz war. Hitler machte sich durch die Erschießung ohne Gerichtsurteil zum Richter ĂŒber Leben und Tod und, wie er es selbst ausdrĂŒckte, zum „obersten Gerichtsherren“, wodurch die Justiz offen erkennbar gleichgeschaltet war. Rechtlich weniger anspruchsvoll wurden die VorgĂ€nge in der Propaganda auch als „SĂ€uberungsaktion“ gegen homosexuelle Praktiken bezeichnet, die ĂŒber Röhm hinaus in der SA verbreitet gewesen seien. Dieses Thema wurde auch noch nach 1945 in Spielfilmen betont.

Reichswehrminister Blomberg beglĂŒckwĂŒnschte am 3. Juli im Namen des Kabinetts Hitler zum erfolgreichen Abschluss der Aktion. Am 4. Juli wurden im Rahmen einer Zeremonie in Berlin die Beteiligten mit einem „Ehrendolch“ ausgezeichnet.

Hitler selbst trat erst etwa zwei Wochen nach dem Massaker an die Öffentlichkeit, die bis dahin auf zusammenhanglose und teils widersprĂŒchliche Meldungen aus Radio und Zeitungen angewiesen war. Die im Rundfunk ĂŒbertragene Reichstagsrede vom 13. Juli 1934[8] stieß daher trotz ihrer LĂ€nge und ZĂ€higkeit auf große Aufmerksamkeit. Hitler beendete die Rede wie folgt:

„Wenn mir jemand den Vorwurf entgegenhĂ€lt, weshalb wir nicht die ordentlichen Gerichte zur Aburteilung herangezogen hĂ€tten, dann kann ich ihm nur sagen: in dieser Stunde war ich verantwortlich fĂŒr das Schicksal der deutschen Nation und damit des deutschen Volkes oberster Gerichtsherr. Meuternde Divisionen hat man zu allen Zeiten durch Dezimierung wieder zur Ordnung gerufen. [
] Ich habe den Befehl gegeben, die Hauptschuldigen an diesem Verrat zu erschießen, und ich gab weiter den Befehl, die GeschwĂŒre unserer inneren Brunnenvergiftung und der Vergiftung des Auslandes auszubrennen bis auf das rohe Fleisch. [
] Die Nation muss wissen, dass ihre Existenz [
] von niemandem ungestraft bedroht wird. Und es soll jeder fĂŒr alle Zukunft wissen, dass, wenn er die Hand zum Schlag gegen den Staat erhebt, der sichere Tod sein Los ist.“[9]

„Der FĂŒhrer schĂŒtzt das Recht“

Der prominente Staatsrechtler Carl Schmitt lieferte kurze Zeit spĂ€ter die formaljuristische Rechtfertigung der VorgĂ€nge in einer Schrift unter dem Titel Der FĂŒhrer schĂŒtzt das Recht nach.[10]

Folgen

Nach den Morden hatte die SA ihre politische Bedeutung verloren, die SS wurde selbstÀndig und nahm eine wichtige Rolle ein.

Die FĂŒhrung der Reichswehr ließ nach dem Tod von ReichsprĂ€sident Paul von Hindenburg im folgenden August die Reichswehr auf Hitler vereidigen.

Reichswehr

Die ReichswehrfĂŒhrung förderte die Ernennung Hitlers zum ReichsprĂ€sidenten und damit auch zu ihrem Oberbefehlshaber fĂŒr den Preis der Entmachtung der SA und der (spĂ€ter nicht eingehaltenen) Zusicherung, die Reichswehr wĂŒrde der einzige WaffentrĂ€ger im Reich bleiben. Dass Röhms Anspruch, die Reichswehr in die SA einzugliedern und damit selbst zum Oberbefehlshaber zu werden, eine grĂ¶ĂŸere Herausforderung an Hitler als an sie selbst war, sahen die GenerĂ€le nicht. Letztlich bezahlten sie Hitler fĂŒr etwas, was dieser ohnehin hĂ€tte tun mĂŒssen. Es wurden Teile der AusfĂŒhrenden offiziell mit Waffen aus ReichswehrbestĂ€nden ausgerĂŒstet. Man akzeptierte die offizielle BegrĂŒndung Hitlers, er habe im Notstand als „oberster Gerichtsherr der Nation“ gehandelt, obwohl Hitler zwei GenerĂ€le (von Schleicher und von Bredow) unter fadenscheinigen VorwĂ€nden ermorden ließ.

Die Reichswehr unterstĂŒtzte die Mordaktion, weil mit der SA eine gefĂ€hrliche und zugleich verachtete Konkurrenz ausgeschaltet wurde.[11] FĂŒr viele BĂŒrger war die Hinnahme der Morde durch die Reichswehr ein wichtiger Grund, die ErklĂ€rungen Hitlers zu akzeptieren.

Die Behauptung Hitlers, Schleicher und Bredow hĂ€tten Landesverrat betrieben, erregte die gesamte GeneralitĂ€t. Die Wehrkreiskommandeure und die Befehlshaber wurden bei Reichswehrminister Werner von Blomberg vorstellig und beschwerten sich, dass er nichts gegen diese Diffamierung unternehme. Niemals hĂ€tten die beiden Generale Landesverrat betrieben; die GeneralitĂ€t forderte eine sofortige Untersuchung. Blomberg versprach, eine Dokumentation zu den VorfĂ€llen zu liefern, tat dies aber nicht. Nur einer der Generale, Generalleutnant Wolfgang Fleck gab sich dauerhaft nicht zufrieden. Als er die Unterlagen nicht bekam, reichte er seinen Abschied ein, weil er in die ReichswehrfĂŒhrung kein Vertrauen mehr setzen könne. Wörtlich schrieb er an Blomberg: „[
] es ist bisher in der preußischen Armee nicht ĂŒblich gewesen, dass der Wehrmachtsminister seine Wehrkreiskommandeure belĂŒgt [
]“.[12]

Aber noch von anderer Seite wurde gegen die Ermordung Schleichers Sturm gelaufen. Der greise Generalfeldmarschall August von Mackensen und ein Freund Schleichers, Generaloberst z.V. Kurt von Hammerstein-Equord, versuchten vergeblich, wĂ€hrend der Mordtage Hindenburg zu erreichen, der von seinen beiden Adjutanten Oskar von Hindenburg und Wedige von der Schulenburg hermetisch abgeschirmt wurde. Daraufhin hofften sie, durch eine Denkschrift den ReichsprĂ€sidenten aufzuklĂ€ren, aber die Schrift erreichte ihn nie. Das Memorandum wurde nach dem Tode Hindenburgs vervielfĂ€ltigt und an alle höheren Offiziere verteilt. Unterdessen bedrĂ€ngten die beiden fortwĂ€hrend Blomberg sowie den Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner von Fritsch, sich fĂŒr die Rehabilitierung einzusetzen. Sie sorgten fĂŒr eine dermaßen angespannte Stimmung im Offizierkorps, dass es Blomberg ratsam erschien, selber bei Hitler vorstellig zu werden, da sonst eine gefĂ€hrliche Spaltung im Offizierskorps zu befĂŒrchten sei.

Hitler hatte zu jener Zeit schwerwiegendere Sorgen und konnte Spannungen innerhalb der Armee nicht gebrauchen. In einer geschlossenen Versammlung der Spitzen von Regierung, Partei und Reichswehr, die der Außenpolitik gewidmet war, gab Hitler am Ende seiner Rede bekannt, Untersuchungen hĂ€tten ergeben, dass die GenerĂ€le von Schleicher und von Bredow irrtĂŒmlich erschossen worden seien. Um dem Andenken der beiden unschuldig Erschossenen GenĂŒge zu tun, sollten sie auf die Ehrentafeln ihrer Regimenter gesetzt werden. Allerdings durfte diese ErklĂ€rung nicht veröffentlicht werden, was Mackensen jedoch nicht daran hinderte, an den jĂ€hrlichen Treffen aktiver und ehemaliger Generalstabsoffiziere am Geburtstag Schlieffens die Rehabilitierung zu verlesen und die „Erschießung“ als Mord zu bezeichnen.

Trotz Hitlers Versprechen, dass die Reichswehr das militÀrische Monopol behalten solle, erhielt die SS schon wenige Wochen nach den Morden die Erlaubnis, eigene bewaffnete VerbÀnde aufzustellen.

Konservative

Die Konservativen, allen voran der ehemalige Reichskanzler Franz von Papen, waren mit dem Anspruch angetreten, Hitler „einzurahmen“. Sie hatten wenig Erfolg damit. Im FrĂŒhjahr, als die Schwierigkeiten Hitlers mit der SA ruchbar wurden und das nahe Ableben Hindenburgs sicher erschien, machten sie nochmal einen Anlauf. In seiner viel beachteten Marburger Rede fand von Papen deutliche Worte gegen die WillkĂŒrherrschaft der Nationalsozialisten und forderte zur Besinnung auf. Die Aktion zur Ermordung der SA-Spitze war fĂŒr Hitler eine willkommene Gelegenheit, auch mit seinen konservativen Gegnern abzurechnen. So ließ er unter anderem den Redenschreiber von Papens, den Publizisten Edgar Julius Jung, ermorden. Von Papen selbst wagte er wegen dessen Beliebtheit bei Hindenburg nicht zu ermorden; er wurde als Botschafter nach Wien abgeschoben. NatĂŒrlich durfte auch eine anerkennende Botschaft Hindenburgs nicht fehlen. Es ist unbekannt, ob Hindenburg diese Botschaft selbst verfasst hat und was er von den VorgĂ€ngen ĂŒberhaupt noch mitbekommen hat.

Die Aktionen um den angeblichen Röhm-Putsch bedeuteten somit auch den Sieg Hitlers ĂŒber die Konservativen. Hitler selbst wertete diesen Erfolg höher als den Prestigeverlust, den er durch die AffĂ€re erlitten hatte.

Röhm und Hitler

Röhm war eine der wenigen Personen, mit denen sich Hitler duzte. Seine Verdienste um die Bewegung waren in Hitlers Augen bedeutend. Hitler zögerte daher lange, bis er ihn ermorden ließ, und duldete auch danach nicht, dass in seiner Gegenwart abfĂ€llig ĂŒber Röhm gesprochen wurde.

Juristische Aufarbeitung

WĂ€hrend der NS-Zeit kam es naturgemĂ€ĂŸ zu keiner strafrechtlichen Verfolgung der im Verlauf der Röhm-AffĂ€re verĂŒbten Tötungsdelikte. Aufforderungen an das Reichsjustizministerium, das Reichsgericht und Ă€hnliche Stellen, die RechtmĂ€ĂŸigkeit einzelner Tötungen zu prĂŒfen oder nachzuweisen, wurden von den verantwortlichen Staatsstellen konsequent unter Verweis auf das Gesetz ĂŒber Maßnahmen der Staatsnotwehr vom 3. Juli 1934 abgelehnt, das alle Handlungen einschließlich der ohne Gerichtsurteil erfolgten Erschießungen dieser Tage nachtrĂ€glich, und damit unter Verletzung des rechtsstaatlichen Grundsatzes, dass Gesetze keine rĂŒckwirkende GĂŒltigkeit haben können, fĂŒr rechtens erklĂ€rte. Die einzige Ausnahme bildete die strafrechtliche Verfolgung der Mörder des schlesischen Stadtbaurates Kuno Kamphausen, der einer eigenmĂ€chtigen Aktion untergeordneter lokaler SS-FĂŒhrer zum Opfer fiel, die die Ereignisse des 30. Junis zur Begleichung einer privaten Rechnung nutzten. Die Verantwortlichen wurden zum Teil zu kĂŒrzeren Zuchthausstrafen verurteilt und zum Teil freigesprochen. Auf Druck der SS-FĂŒhrung waren alle Beteiligten bis 1937 wieder auf freien Fuß gesetzt. Ein Ă€hnliches Verfahren wegen sieben weiterer unautorisierter Morde an unpolitischen Personen, wie es Hitler in seiner Reichstagsrede vom 13. Juli 1934 angekĂŒndigt hatte, wurde im Herbst 1934 nach Beginn der Vorermittlungen niedergeschlagen, nachdem Hitler es sich offenbar anders ĂŒberlegt hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Ereignisse des Röhm-Putsches in ihrem Gesamtzusammenhang im Rahmen der NĂŒrnberger Prozesse thematisiert. Zu einer systematischen Untersuchung von EinzelfĂ€llen kam es aber erst durch bundesdeutsche Gerichte: Der erste in diesem Zusammenhang durchgefĂŒhrte Prozess war das Verfahren gegen den ehemaligen SS-FĂŒhrer Kurt Gildisch, der 1949 durch einen Zufall als Mörder des am 30. Juni in seinem BĂŒro im Reichsverkehrsministerium auf Befehl Reinhard Heydrichs erschossenen Ministerialdirektors Erich Klausener identifiziert werden konnte: Gildisch wurde am 24. Mai 1951 durch ein Urteil des Schwurgerichts Berlin unter Berufung auf das Alliierte Kontrollratsgesetz Nr. 10 wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach der Aufhebung dieses Urteils durch den Bundesgerichtshof am 5. Februar 1953 – das diese Entscheidung damit begrĂŒndete, dass deutsche Gerichte nach GrĂŒndung der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr befugt gewesen seien, das Kontrollratsgesetz anzuwenden – wurde Gildisch am 18. Mai 1953 wegen Mordes wiederum zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, was der BGH am 15. Dezember 1953 bestĂ€tigte. Im Urteil vom 18. Mai 1953 gelangte das Schwurgericht zu der die juristische Fundierung fĂŒr alle spĂ€teren Verfahren bildenden Feststellung der juristischen Unstatthaftigkeit bzw. Nichtigkeit des Gesetzes vom 3. Juli 1934:

„Entgegen der Ansicht der Verteidigung, dass die Rechtswidrigkeit der Tat deshalb entfalle, weil durch das Gesetz ĂŒber Maßnahmen der Staatsnotwehr vom 3. Juli 1934 die Erschießungen im Zusammenhang mit der Röhm-Revolte nachtrĂ€glich legalisiert seien, ist das Schwurgericht der Ansicht, daß dieses Gesetz [
] unerheblich ist. Dieses Gesetz ist selbst rechtswidrig, da es im Widerspruch zu jeglichen rechtsstaatlichen Prinzipien steht.“

Das Schwurgericht stellte sich außerdem – in FortfĂŒhrung der in den NĂŒrnberger Prozessen begonnenen Linie – auf den Standpunkt, dass das Argument, „auf Befehl“ bzw. aus einem UntergebenenverhĂ€ltnis heraus Tötungsdelikte ausgefĂŒhrt zu haben, die Exekutoren der Mordbefehle vom 30. Juni bis 2. Juli 1934 nicht von ihrer Schuld entbinde, unrechtmĂ€ĂŸige Tötung durchgefĂŒhrt zu haben, und somit keinen Anspruch auf Straflosigkeit begrĂŒnden könne, eine Auffassung, die PrĂ€zedenzfall-Charakter fĂŒr die weiteren Verfahren hatte:

„Das Schwurgericht verkennt nicht, dass der Angeklagte sich in einer gewissen schwierigen Situation befand. Er hatte sich aber der SS, einer Organisation, die blinden Gehorsam verlangt, aus freien StĂŒcken verpflichtet. Er musste daher auch die Gefahr auf sich nehmen, dass er einmal in eine derartige schwierige Situation geriet. Wer sich freiwillig fremden Willen unterwirft, bleibt strafrechtlich verantwortlich. Dass der Angeklagte nur auf Befehl handelte, entschuldigt ihn keineswegs. Das Strafrecht kennt auch keinen Entschuldigungsgrund des blinden Gehorsams und kann ihn nicht anerkennen, weil es damit die Grundlagen der Verantwortlichkeit des Menschen als Person aufgeben wĂŒrde.“

Außer dem Prozess gegen Gildisch fanden in den 1950er Jahren noch weitere Verfahren gegen untergeordnete SS-FĂŒhrer und SS-Leute statt, die an der Organisation und DurchfĂŒhrung der Morde beteiligt waren: So wurde 1954 der ehemalige SS-StandartenfĂŒhrer Hans Himpe vor dem Schwurgericht beim Landgericht Berlin wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Er hatte 1934 als Chef der Hirschberger SS-Standarte den Befehl seines Vorgesetzten, vier jĂŒdische BĂŒrger von Hirschberg „auf der Flucht“ zu erschießen, an seine SS-Leute weitergegeben, die daraufhin die Morde tatsĂ€chlich ausfĂŒhrten. Nachdem er fĂŒr schuldig befunden worden war, wurde Himpe zunĂ€chst zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt, die nach einer Revisionsverhandlung mit Urteil vom 12. September 1955 zu sechs Jahren Zuchthaus reduziert wurde. Der ehemalige SS-ObertruppfĂŒhrer Erich Böttger und der ehemalige SS-UnterscharfĂŒhrer Otto Gasse waren als AusfĂŒhrende dieser Tat bereits im Jahr 1951 durch das Schwurgericht beim Landgericht Schweinfurt zu Strafen von acht bzw. vier Jahren verurteilt worden (Verfahrensaktenzeichen KS 2/51). Der ehemalige SS-Angehörige Herbert Bischoff musste sich derweil 1952 vor dem Schwurgericht Kassel wegen der Ermordung des Arztes Erich Lindemann im schlesischen Glogischdorf verantworten. Er wurde schließlich am 10. Oktober 1952 des Mordes fĂŒr schuldig befunden und zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt (Verfahrensaktenzeichen 3 KS 5/52). Der ehemalige SS-ObersturmbannfĂŒhrer Josef Makosch, FĂŒhrer der SS-Standarte in Frankenstein, und sein Untergebener, der UntersturmfĂŒhrer Erich Moschner, wurden 1953 vom Schwurgericht beim Landgericht Hannover wegen der Erschießung des SA-Angehörigen Enders in der NĂ€he von Schweidnitz abgeurteilt (Verfahrensaktenzeichen 2 Ks 1/53). Der SS-FĂŒhrer Richard Skarabis wurde schließlich im Jahr 1956 vom Schwurgericht beim Landgericht Braunschweig wegen der von ihm befohlenen Erschießung der Kommunisten Reh und Köppel zu vier Jahren Haft verurteilt, von denen ĂŒber zweieinhalb Jahre durch die Untersuchungshaft als verbĂŒĂŸt galten, wĂ€hrend die ĂŒbrigen 486 Tage in eine dreijĂ€hrige BewĂ€hrungsstrafe umgewandelt wurden (Verfahrensaktenzeichen 1 KS 1/56).

Der wohl meistbeachtete Röhm-Putsch-Prozess kam zustande, nachdem die Staatsanwaltschaft beim Landgericht MĂŒnchen I am 4. Juli 1956 Anklage gegen den ehemaligen Kommandanten der Wachmannschaften im KL Dachau Michel Lippert und gegen den Befehlshaber der Leibstandarte Adolf Hitler, Sepp Dietrich, wegen der Ermordung von Ernst Röhm sowie weiterer SA-FĂŒhrer wĂ€hrend der Tage des „Röhm-Putsches“ erhob (Verfahrensaktenzeichen 3 Ks 4/57). Das Hauptverfahren fand im Mai 1957 statt und endete damit, dass Lippert und Dietrich wegen eines „gemeinschaftlich begangenen Verbrechens der Beihilfe zum gemeinschaftlich begangenen Totschlag“ zu 18 Monaten GefĂ€ngnis verurteilt wurden. Der Bundesgerichtshof bestĂ€tigte das MĂŒnchner Urteil am 20. Mai 1958.

Im Jahr 1957 fand vor dem Schwurgericht des Landgerichts OsnabrĂŒck ein Verfahren gegen Udo von Woyrsch und MĂŒller-Altenau statt, die 1934 als FĂŒhrer des SS-Oberabschnitts Schlesien bzw. des dortigen SD-Abschnitts als Beauftragte Görings und Himmlers mit der Leitung der dortigen Aktionen zur „Niederschlagung“ des angeblichen Putsches betraut waren. Gegenstand des Verfahrens war die Erschießung von zwanzig Personen in den zu ihrem ZustĂ€ndigkeitsgebiet gehörenden StĂ€dten Breslau, Hirschberg, Landeshut, LeobschĂŒtz, Glogau und Waldenburg in der Zeit vom 30. Juni bis 2. Juli 1934. Woyrsch wurde am 2. August 1957 wegen Beihilfe zum Totschlag in sechs FĂ€llen zu zehn Jahren Haft verurteilt, wĂ€hrend er in einem Fall wegen erwiesener Unschuld und in den ĂŒbrigen FĂ€llen aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde. MĂŒller-Altenau wurde in allen FĂ€llen aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Auf Initiative von Woyrsch kam es im Anschluss an das Urteil zu einer Vielzahl von staatsanwaltschaftlichen Untersuchungsverfahren wegen Meineides gegen Personen, die im Prozess ausgesagt hatten. All diese Verfahren wurden im Laufe der 1960er Jahre eingestellt.

Der SS-ObergruppenfĂŒhrer Erich von dem Bach-Zelewski, der 1934 fĂŒr Ostpreußen zustĂ€ndig war, wurde nach langwierigen Vorermittlungen im Januar 1961 in NĂŒrnberg wegen der am 2. Juli 1934 erfolgten Tötung des Anton von Hohberg und Buchwald angeklagt. Das Gericht kam zum Ergebnis, dass die Tat auf Befehl von dem Bach-Zelewskis erfolgt sei und verurteilte ihn dafĂŒr zu lebenslanger Haft. Die Strafe wurde 1972 aus GesundheitsgrĂŒnden ausgesetzt.

Der SS-FĂŒhrer Heinz Fanslau, der am 1. Juli 1934 den SA-Angehörigen BlĂ€sner bei Tilsit erschossen hatte, wurde aufgrund dieser Tat im Juli 1963 durch das Schwurgericht MĂŒnchen wegen Beihilfe zum Mord zu drei Jahren Haft verurteilt.

Die Staatsanwaltschaften MĂŒnchen bzw. Berlin leiteten Ende der 1960er Jahre Untersuchungsverfahren wegen der Ermordung des ehemaligen Reichskanzlers von Schleicher und des Oppositionellen Herbert von Bose ein, die beide am 30. Juni 1934 im Berliner Raum erschossen wurden. Diese Verfahren mussten schließlich eingestellt werden, ohne dass es zu einer Anklageerhebung gekommen wĂ€re, da TĂ€ter nicht ermittelt werden konnten und die wahrscheinlichen Auftraggeber verstorben waren.

Überlebende

Personen, die der Ermordung entgingen oder zumindest verhaftet wurden oder werden sollten, waren unter anderem:

  • Konrad Adenauer, ehemaliger BĂŒrgermeister von Köln und Vorsitzender des Preußischen Staatsrates, wurde am 30. Juni 1934 von der Gestapo verhaftet und fĂŒr ein paar Tage im GefĂ€ngnis von Potsdam festgehalten.[13]
  • Werner von Alvensleben, ehemaliger Verbindungsmann des Generals von Schleicher und fĂŒhrendes Mitglied des Deutschen Herrenklubs; wurde verhaftet und einige Tage im KZ Lichtenberg festgehalten. Friedrich Glum berichtete in seinen Memoiren, Alvensleben sei der Erschießung nur deshalb entgangen, weil es ihm gelungen sei, Heinrich Himmler unmittelbar vor dem Zugriff des SS-Kommandos, das ihn festsetzen sollte, ĂŒber Telefon zu erreichen. Himmler habe sodann die dazutretenden SS-Leute, die Alvensleben den Hörer aus der Hand rissen, mit ihrem Kopf dafĂŒr verantwortlich gemacht, dass Alvensleben nichts geschehen wĂŒrde.[14]
  • Heinrich BrĂŒning, ehemaliger Reichskanzler, erhielt im Mai einen Zettel zugesteckt, der besagte, dass sein Leben in Gefahr sei, und floh danach ins Ausland.
  • Bernhard Wilhelm von BĂŒlow, StaatssekretĂ€r im AuswĂ€rtigen Amt, auf Veranlassung Görings von der Todesliste gestrichen.
  • Rudolf Diels, der von Himmler und Heydrich verdrĂ€ngte erste Chef der Gestapo gab 1949 in seinen Memoiren an, beide hĂ€tten die Gelegenheit des 30. Juni nutzen wollen, um auch ihn zu liquidieren. Nur die schĂŒtzende Hand seines Gönners Göring habe ihn, Diels, vor der Erschießung bewahrt. Zur Sicherheit habe er sich außerdem am 30. Juni 1934 auf einen Jagdausflug begeben, so dass er – fĂŒr mögliche Mörder unauffindbar – mit seinem Jagdgewehr auf einem Hochsitz gesessen hĂ€tte.[15]
  • Karl Leon Du Moulin-Eckart, ehemaliger Leiter des SA-Geheimdienstes, entkam, da das Flugzeug, das ihn zur Erschießung nach Berlin bringen sollte, aufgrund einer Panne nicht starten konnte. Zum Teil wird auch die Protektion Himmlers fĂŒr seine Schonung verantwortlich gemacht.
  • Jenö von Egan-Krieger, ehemaliger GeschĂ€ftsfĂŒhrer der DNVP; wurde fĂŒr einige Tage im GefĂ€ngnis von Potsdam festgehalten.
  • Hermann Ehrhardt, ehemaliger Freikorps-FĂŒhrer und Konkurrent Hitlers um die FĂŒhrung der deutschen Rechten; das SS-Kommando zog ab, weil Ehrhardt, von bewaffneten Getreuen gewarnt und umgeben, es an einem Waldsaum nahe seines Anwesens erwartete. Er entkam in die Schweiz.[16]
  • Hellmuth Elbrechter, Berliner Zahnarzt und Redakteur der Zeitschrift Die Tat, Berater und Verbindungsmann von Schleicher, BrĂŒning und Gregor Strasser; entkam der Ermordung, da der am 30. Juni zufĂ€llig nicht in Berlin anwesend war.
  • Edmund Forschbach, DNVP-Politiker, konnte untertauchen und spĂ€ter in die Niederlande fliehen.
  • Theodor Groppe, Generalmajor, Kommandeur der Grenzschutzdivision in Gleiwitz, NS-Gegner und spĂ€terer WiderstandskĂ€mpfer.
  • Otto von Heydebreck, Journalist, Bruder des SA-GruppenfĂŒhrers Hans Peter von Heydebreck. Als Freund des ehemaligen Kanzlers BrĂŒning wurde er von Heydrich auf die Mordliste gesetzt, konnte aber nach rechtzeitiger Warnung untertauchen. WĂ€hrend Freunde ihn in wechselnden Quartieren versteckten, setzten sich Generale und hohe Beamte fĂŒr ihn ein.[17]
  • Siegfried Kasche, SA-GruppenfĂŒhrer, konnte Göring ĂŒberreden, sein Leben zu schonen.
  • Hans von Kessel, Journalist, Bruder von Eugen von Kessel, entging der Ermordung, da er sich in Stockholm aufhielt.[17]
  • Wilhelm Freiherr von Ketteler, Mitarbeiter des Vizekanzlers Franz von Papen, Mitglied der konservativen Oppositionsgruppe um Herbert von Bose; konnte bei der Besetzung der Vizekanzlei durch die SS entkommen, indem er sich als Besucher ausgab.
  • Manfred von Killinger, SA-FĂŒhrer
  • Ernst Klein, Journalist
  • Hanns Elard Ludin, FĂŒhrer des SA-Gau-Sturms Baden, wurde verhaftet, aber von Hitler persönlich begnadigt
  • Bernhard Lippert, Diplomat, Neffe von Ernst Röhm, wurde verhaftet, aber nicht erschossen, nachdem man feststellte, dass er nichts von der angeblichen Verschwörung wusste.
  • Franz Mariaux, Journalist, Frankreichkorrespondent der Ullstein-Presse; wurde bereits einige Tage vor dem 30. Juni von der Gestapo verhaftet, aber – wahrscheinlich wegen Berichten der Auslandspresse und eventuell nach Protesten der französischen Botschaft – der regulĂ€ren Polizei ĂŒbergeben und wieder freigelassen.
  • Eugen Ott, ehemaliger Mitarbeiter Kurt von Schleichers, stand angeblich auf der Todesliste, weilte aber zum Zeitpunkt des vorgeblichen Röhm-Putsches bereits als MilitĂ€rattachĂ© in Japan.[18]
  • Franz von Papen, Vize-Kanzler in der Regierung Hitler, auf Veranlassung von Göring von der Mordliste gestrichen und in Schutzhaft genommen.
  • Rolf Reiner, SA-FĂŒhrer
  • Gerhard Roßbach, ehemaliger FreikorpsfĂŒhrer
  • Friedrich Carl von Savigny, Mitarbeiter der Kanzlei des Vizekanzlers, verhaftet, aber aufgrund eines MissverstĂ€ndnisses nicht erschossen.
  • Otto Schmidt-Hannover, ehemaliger Fraktionsvorsitzender der DNVP im Reichstag, floh vor dem Eintreffen eines Festnahmekommandos aus seiner Breslauer Heimat an die KĂŒste, nachdem General von Kleist ihn gewarnt hatte.[19]
  • Johannes Ludwig Schmitt, Arzt und Klinikbesitzer in MĂŒnchen; geriet wahrscheinlich auf die Mordliste, weil er Hitlers Erzfeind Otto Strasser zur Flucht ins Ausland verholfen hatte. Er entkam, weil das Gestapo-Kommando, das am 30. Juni zu seiner Ermordung ausgeschickt wurde, nicht wusste, dass er bereits seit April verhaftet war und im GefĂ€ngnis Stadelheim einsaß. Er wurde dort bis zum 2. Juli von einem Hausmeister in einem Holzverschlag vor der SS versteckt.
  • Walther Schotte, konservativer Publizist und Redenschreiber von Papens. Schotte wurde verschiedentlich fĂ€lschlich als ermordet gemeldet, kam nach Angaben eines Freundes „gerade noch so eben mit dem Leben davon“.[20]
  • Paul Schulz, ehemaliger Reichsinspektor der NSDAP und enger Mitarbeiter von Gregor Strasser, wurde von der Gestapo durch SchĂŒsse schwer verletzt, stellte sich tot und konnte entfliehen.
  • Roderich Graf von Thun, GeneralsekretĂ€r der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Deutscher wurde am 1. Juli vorĂŒbergehend verhaftet und im Geheimen Staatspolizeiamt gefangen gehalten.
  • Gottfried Treviranus, konservativer Politiker, entkam der Gestapo, indem er bei ihrer Ankunft – im Tennis-Dress – ĂŒber seine Gartenmauer sprang und durch die angrenzenden GĂ€rten floh.
  • Fritz GĂŒnther von Tschirschky, Mitarbeiter der Vizekanzlei, entging der Ermordung, da zwei verschiedene Mordkommandos sich nicht einigen konnten, wer fĂŒr ihn zustĂ€ndig sei, dann durch Intervention Papens und des niederlĂ€ndischen Botschafters gerettet.
  • Wilhelm von Preußen, ehemaliger Kronprinz des deutschen Reiches, auf Görings Veranlassung von der Mordliste gestrichen.
  • Prinz Ernst Heinrich von Sachsen, dritter Sohn des letzten Königs von Sachsen[21]

Verfilmung

Literatur

Zeitgenössische Schriften

  • Anonym: Weissbuch ĂŒber die Erschiessungen des 30. Juni, Éditions du Carrefour, Paris 1934. (Vorwort Georg Branting)
  • Anonym[22]: Das deutsche Volk klagt an. Hitlers Krieg gegen die FriedenskĂ€mpfer in Deutschland. Ein Tatsachenbuch., editions Carrefour, Paris 1936. (Als Faksimile-Nachdruck Hrsg. Katharina Schlieper, Laika Verlag, Hamburg, 2012, ISBN 978-3-942281-20-1)
  • Klaus Bredow [= Konrad Heiden]: Hitler rast. Der 30. Juni. Ablauf, Vorgeschichte und HintergrĂŒnde, Volksstimme Verlag, SaarbrĂŒcken 1934.
  • Otto Strasser: Die deutsche BartholomĂ€usnacht, Reso Verlag, ZĂŒrich 1934.

Forschungsliteratur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. ↑ so zum Beispiel Carola Stern, Thilo Vogelsang, Erhard Klöss und Albert Graff (Hrsg.): dtv-Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert. dtv, MĂŒnchen 1974, S. 691; Wolfgang Wippermann: Der konsequente Wahn. Ideologie und Politik Adolf Hitlers. Bertelsmann, GĂŒtersloh, MĂŒnchen 1989, S. 125; Klaus Hildebrand: Das Dritte Reich. 6. Auflage. Oldenbourg, MĂŒnchen 2003, S. 16; Heinz Höhne: „Gebt mir vier Jahre Zeit“. Hitler und die AnfĂ€nge des Dritten Reiches. Ullstein, Berlin 1996, S. 6; Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): EnzyklopĂ€die des Nationalsozialismus. Klett-Cotta, Stuttgart 1997, S. 703f; Frank Gutermuth und Arno Netzbandt: Die Gestapo. Nicolai, Berlin 2005, S. 68.
  2. ↑ Ian Kershaw: Hitler. Bd. 1, Stuttgart 1998, S. 659.
  3. ↑ Zdenek Zofka: Die Entstehung des NS-Repressionssystems. BLZ-Report 01/04 , Bayerische Landeszentrale fĂŒr politische Bildungsarbeit, Aufruf vom 2. Februar 2007, [1]
  4. ↑ a b  Der Furcht so fern, dem Tod so nah. In: Der Spiegel. Nr. 20, 1957, S. 20ff ({{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}, online).
  5. ↑ Charles Bloch: Die SA und die Krise des NS-Regimes 1934, S. 104.
  6. ↑ Peter Longerich: Die braunen Bataillone. Geschichte der SA, S. 219.
  7. ↑ (Domarus, zit. nach Koch, a.a.O., S. 17.)
  8. ↑ Reichstagsrede vom 13. Juli 1934 im Audioformat mp3 [2]; das Protokoll der Rede ist wiedergegeben unter [3]
  9. ↑ Adolf Hitler, Rede vor dem Reichstag am 13. Juli 1934, zitiert nach: Norbert Frei: Der FĂŒhrerstaat. 7. Auflage. 2002, ISBN 3-423-30785-4, S. 37.
  10. ↑ Carl Schmitt: Der FĂŒhrer schĂŒtzt das Recht. In: Deutsche Juristen-Zeitung. 39, 1934, S. 945–950.
  11. ↑ Wolfgang Benz:Deutscher Widerstand 1933–1945, Informationen zur politischen Bildung. Auszug aus Heft 243 (online).
  12. ↑ H.F. Berndorff: General zwischen Ost und West. Hamburg 1953, S. 312.
  13. ↑ Hans Peter Mensing (Hrsg.): Adenauer im Dritten Reich. 1991, S. 219. 1947 gab Adenauer an, dass zusammen mit ihm ein Major Jenö von Egan-Krieger verhaftet worden sei.
  14. ↑ Friedrich Glum: Zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. 1964, S. 456.
  15. ↑ Rudolf Diels: Lucifer ante Portas. 1949.
  16. ↑ Ernst von Salomon: Der Fragebogen. Rowohlt, Hamburg 1951, S. 439–441.
  17. ↑ a b Eduard Calic: Reinhard Heydrich. S. 155.
  18. ↑ NDB. Bd. 19, Berlin 1999, S. 649 f.
  19. ↑ Otto Schmidt-Hannover: Umbruch oder Anarchie. 1959. Seinem Biographen Terhalle zufolge ist nicht eindeutig zu klĂ€ren, ob Schmidt-Hannover nur verhaftet oder auch getötet werden sollte (vgl. Maximilian Terhalle: Otto Schmidt (1888–1971). 2006, S. 380.).
  20. ↑ Henry Bernhard: Finis Germaniae. Aufzeichnungen und Betrachtungen. 1947, S. 41.
  21. ↑ Prinz Ernst Heinrich von Sachsen: Mein Lebensweg. Vom Königsschloß zum Bauernhof. Verlag der Kunst Dresden, 2004, ISBN 3-86530-015-4.
  22. ↑ Geschrieben von Maximilian Scheer, unter Mithilfe zweier Mitarbeiter, die namentlich unbekannt geblieben sind, wahrscheinlich jedoch Erich Birkenhauer und Bruno Meisel waren.
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