|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Die römisch-chinesischen Beziehungen waren im Verlauf ihrer Geschichte stets indirekter Natur. Das Römische Reich und Han-China näherten sich im Zuge der römischen Expansion in den Nahen Osten und gleichzeitiger chinesischer Einfälle in Zentralasien allmählich einander an. Die Existenz starker, dazwischenliegender Reiche wie das der Parther und der Kuschans verhinderte aber jedes direkte Aufeinandertreffen der eurasischen Flankenmächte, so dass die gegenseitige Wahrnehmung insgesamt gering und verschwommen blieb.
Nur wenige Versuche der direkten Kontaktaufnahme lassen sich antiken Aufzeichnungen entnehmen: Im Jahr 97 n. Chr. sandte der chinesische General Ban Chao erfolglos einen Botschafter nach Rom.[1][2] Die Anwesenheit mehrerer angeblich römischer Abgesandter wurde in chinesischen Hofannalen festgehalten; die erste diplomatische Mission, die von den römischen Kaisern Antoninus Pius oder Marcus Aurelius ausgegangen sein könnte, soll 166 n. Chr. am chinesischen Hof erschienen sein.[3][4]
Der über zahlreiche Zwischenhändler abgewickelte Güteraustausch zu Lande (auf der sogenannten Seidenstraße) und über den Seeweg hatte vor allen Dingen chinesische Seide und römisches Glas sowie Qualitätsstoffe zum Gegenstand.[5]
In der klassischen Literatur ergeben sich Interpretationsschwierigkeiten durch die Mehrdeutigkeit des lateinischen Namens „Seres“, der sich auf eine Reihe asiatischer Völker in einem großen Bogen von Indien über Zentralasien bis China beziehen kann. In chinesischen Quellen wurde das Römische Reich als „Daqin“ (Großes Qin) bekannt und anscheinend als eine Art Gegen-China am anderen Ende der Welt aufgefasst, dessen Verständnis freilich von Anbeginn durch die Dominanz mythologischer Vorstellungen des Fernen Westens verzerrt wurde.[6]
Inhaltsverzeichnis |
Der Handel Roms mit China begann im 1. Jahrhundert v. Chr., verstärkt durch die hohe Nachfrage der Römer nach chinesischer Seide. Obwohl die Römer bereits die Koische Seide kannten, hielten sie die chinesische Seidenfaser zunächst für ein pflanzliches Produkt:
An anderer Stelle klagt Plinius über die hohen Kosten des Seidenimports:
Der römische Senat erließ (wenn auch mit wenig Erfolg) mehrere Edikte, um das Tragen von Seide aus den oben genannten wirtschaftlichen sowie aus moralischen Gründen zu verbieten. Seidenkleider wurden als dekadent und unsittlich angesehen:
Ganz ähnlich lässt Senecas Zeitgenosse Petronius seinen Neureichen Trimalchio die neue Seidenmode beschreiben:
und:
Der römische Geschichtsschreiber Florus beschreibt den Besuch zahlreicher Gesandtschaften, darunter auch Serer (vielleicht Chinesen), beim ersten römischen Kaiser Augustus, der zwischen 27 v. Chr. und 14 n. Chr. regierte:
Wahrscheinlich im 1. Jahrhundert n. Chr. öffnete sich eine Schifffahrtsroute von den römisch-kontrollierten Häfen in Ägypten und in Nabatäa an der Nordostküste des Roten Meeres über Häfen an den Küsten von Indien und Sri Lanka bis zum chinesisch-kontrollierten Jiaozhi (im heutigen Vietnam, nahe Hanoi). In der ehemaligen Küstenstadt Óc Eo im Mekong-Delta wurden in den 1940er Jahren hunderte römische Münzen entdeckt. Óc Eo könnte auch identisch sein mit dem bei Claudius Ptolemäus erwähnten Hafen „Kattigara“.
Hochwertiges Glas aus römischen Manufakturen in Alexandria und Syrien wurde zu vielen Orten in Asien exportiert, darunter auch nach Han-China. Weitere römische Luxusartikel, die von chinesischen Kunden hochgeschätzt wurden, waren goldbestickte Teppiche und goldfarbige Stoffe, Asbest-Stoffe und Byssus, ein Stoff von den seidenähnlichen Haaren bestimmter im Mittelmeer lebender Muscheln.[9]
Im Jahre 97 n. Chr. überquerte Ban Chao mit einer Armee von 70.000 Mann bei einem Feldzug gegen die Xiongnu, die die Handelsroute attackierten, die heute als Seidenstraße bekannt ist, das Tianshan und den Pamir. Der westlichste Punkt, den er erreichte, war Antiochia Margiana (Merw), nahe dem parthischen Reich. Von hier aus schickte er angeblich einen Gesandten namens Gan Ying nach Daqin (Rom). Gan Ying hinterließ einen detaillierten Bericht der westlichen Länder, obwohl er nur bis Mesopotamien kam. Er beabsichtigte, durch das Schwarze Meer nach Rom zu segeln, aber einige geschäftstüchtige parthische Händler, die ihre lukrative Rolle als Mittelsmann beim Handel zwischen Rom und China aufrechterhalten wollten, erzählten ihm, die Reise würde mindestens zwei Jahre dauern (Gan Ying war zu diesem Zeitpunkt keine zwei Monate von Rom entfernt). Entmutigt kehrte dieser nach Hause zurück. Gan Ying hinterließ einen Bericht über Rom (chinesisch Daqin), der sich auf Quellen aus zweiter Hand verlassen haben dürfte. Er lokalisierte es im Westen des Meeres:
Außerdem beschreibt er die Adoptivmonarchie (möglicherweise waren auch die Konsuln gemeint) von Kaiser Nerva, das Aussehen der Römer und ihre Produkte:
Schließlich beschreibt er Rom korrekterweise als die Hauptwirtschaftsmacht am westlichen Ende Eurasiens:
Maës Titianus war der erste antike Reisende hellenistischer Kultur, der entlang der Seidenstraße von der Welt des Mittelmeeres aus am weitesten nach Osten vordrang. Im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. oder am Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr., während einer Pause in den immer wieder aufflammenden Kämpfen Roms mit den Parthern, erreichte seine Gruppe die berühmte Steinstadt Tashkurgan im Pamir.
Mit der Expansion des Römischen Reiches in den Nahen Osten während des 2. Jahrhunderts nach Chr. eröffnete sich den Römern die Möglichkeit, Seefahrt und Handel im Indischen Ozean weiter auszubauen. An der Küste Indiens wurden mehrere Häfen, die römische Bestandteile enthielten, ausgegraben.
Gruppen von Römern reisten wahrscheinlich weiter ostwärts, entweder auf römischen, indischen oder chinesischen Schiffen. Die erste Gruppe, die jedenfalls behauptete, eine Botschaftermission der Römer nach China zu sein, wurde 166 n. Chr. protokolliert, 60 Jahre nach den Expeditionen des chinesischen Generals Ban Chao in Richtung Westen. Die Gesandtschaft kam „von Antun (chinesisch 安敦, Kaiser Antoninus Pius), König von Daqin (Rom)“ zu Kaiser Huan aus der Han-Dynastie. Da Antoninus Pius 161 n. Chr. starb und das Reich seinem Adoptivsohn Mark Aurel (Marcus Aurelius Antoninus) hinterließ, bleibt unsicher, wer die Mission letztendlich entsandte, da beide Kaiser „Antoninus“ genannt wurden; zudem ist es möglich, dass es sich nicht um eine formale Gesandtschaft gehandelt hat.
Die römische Gesandtschaft kam aus dem Süden (daher wahrscheinlich über das Meer), und betrat China über die Grenze von Jinan oder Tonkin. Eine weitere Tatsache, die dafür spricht, dass die Gesandtschaft über das Meer nach China kam ist, dass zu dieser Zeit in Anxi (Parthien) die Pest wütete. Als Geschenke brachten die Römer Rhinozeroshörner, Elfenbein und Schildpatt, die sie wahrscheinlich zuvor in Südasien erworben hatten. Der Schreiber bemängelt, dass keine Edelsteine unter den Geschenken waren und vermutet, dass diese von den Gesandten unterschlagen worden sind. Die Ärmlichkeit der Geschenke sowie die fehlende Erwähnung der Mission in römischen Schriften weist darauf hin, dass die Gesandtschaft nicht offiziell war. Möglicherweise benutzten einige (syrische?) Kaufleute den Titel einer hochherrschaftlichen Mission, um höhere Gewinne zu erzielen. Ungefähr zur selben Zeit, möglicherweise durch diese Gesandtschaft, erwarben die Chinesen eine Abhandlung über Astronomie von den Römern.
Die Existenz Chinas war den römischen Kartographen dieser Zeit klar bekannt, da Name und Lage Chinas in Ptolemäus Geographia (entstanden um 150 n. Chr.) dargestellt sind. Auf der Karte ist China jenseits der Aurea Chersonesus („Goldene Halbinsel“) lokalisiert, die zur Südostasiatischen Halbinsel gehört. Auf der Karte liegt China am Magnus Sinus („Großer Golf“), der vermutlich den zu dieser Zeit bekannten Gebieten des Chinesischen Meeres entspricht; allerdings zeigt Ptolemäus, dass es nach Südosten ausgerichtet ist statt nach Nordosten. Vom 2. Jahrhundert an gab es umfangreichen Handel über den Indischen Ozean. In Indien und Sri Lanka wurden entlang der Route, die die römische Mission einschlug, viele Handelshäfen mit Verbindungen zu römischen Gemeinden entdeckt.
Nach dieser ersten Begegnung dürften weitere Gesandtschaften entsandt worden sein, die aber nicht protokolliert wurden, bis ein Bericht Geschenke beschreibt, die im frühen 3. Jahrhundert n. Chr. vom römischen Kaiser zu Kaiser Cao Rui (herrschte von 227–239 n. Chr.) aus der Wei-Dynastie nach Nordchina gesandt wurden. Die Geschenke bestanden aus Glasartikeln in einer Vielfalt von Farben. Obwohl während dieser Zeit mehrere römische Kaiser regierten, dürfte die Gesandtschaft, sofern authentisch, von Kaiser Alexander Severus geschickt worden sein, da seine Nachfolger nur kurz regierten und mit Bürgerkriegen beschäftigt waren. Eine weitere Gesandtschaft aus Daqin, die dem Chinesischen Reich Geschenke brachte, wird im Jahre 284 protokolliert. Diese Gesandtschaft wurde vermutlich entweder von Kaiser Probus oder von dessen Nachfolger Carus entsandt.
Der Historiker Homer Dubs äußerte die Hypothese, dass römische Kriegsgefangene, die an die östliche Grenze des Partherreichs versetzt wurden, dort später mit Han-chinesischen Truppen zusammengestoßen sein könnten.[10]
Nach Plinius wurden nach der Niederlage in der Schlacht bei Carrhae (53 v. Chr.) 10.000 römische Gefangene von den Parthern nach Margiana gebracht, um beim Bau der dortigen monumentalen Stadtmauer Fronarbeit zu leisten:
Ungefähr 18 Jahre später etablierte der nomadische Xiongnu-Häuptling Zhizhi ein Reich im nahe gelegenen Talas-Tal, nahe dem heutigen Taraz (Kasachstan). Ein chinesischer Bericht erzählt von ungefähr „hundert Männern“ unter dem Kommando von Zhizhi, die in einer sogenannten „Fischschuppen-Formation“ kämpften, um Zhizhis hölzerne Palisadenfestung in der Schlacht von Zhizhi 36 v. Chr. gegen die Han-Truppen zu verteidigen.
Dubs vertritt die Ansicht, dass dies die römische Schildkrötenformation (testudo) gewesen sein könnte, und dass diese Männer, die von den Chinesen gefangen genommen wurden, das Dorf Liqian (Li-chien) in Yongchang gründeten. Hier sollen die „Überreste einer antiken Festungsanlage“ liegen, „die eine ‚verblüffende Ähnlichkeit‘ mit römischen Verteidigungsstrukturen hatte“.[11] Es gibt aber keinen Beweis, dass diese Männer wirklich Römer waren,[12] Ein DNA-Test der männlichen Einwohner von Liqian ergab Hinweise auf bis zu 56 Prozent kaukasische Vorfahren.[13][14] Insbesondere wurde Liqian aber bereits 104 v Chr. gegründet.
In der modernen historischen Forschung werden in neuerer Zeit neben der (indirekten) Kontaktgeschichte beider Reiche auch vergleichend verschiedene Entwicklungen in Rom und China untersucht.[15]