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Die Radiokohlenstoffdatierung, auch 14C-Datierung, C14-Datierung/ -methode, Radiokarbon-Datierung/ -methode (lat. carbo âKohleâ), ist ein Verfahren zur radiometrischen Datierung von kohlenstoffhaltigen, insbesondere organischen Materialien. Der zeitliche Anwendungsbereich liegt zwischen 300 und etwa 60.000 Jahren.
Das Verfahren beruht darauf, dass in abgestorbenen Organismen die Menge an gebundenen radioaktiven 14C-Atomen gemÀà dem Zerfallsgesetz abnimmt. Die Radiokohlenstoffdatierung wird in der archÀologischen Altersbestimmung, ArchÀobotanik und QuartÀrforschung angewandt.
Entwickelt wurde die Radiokohlenstoffdatierung 1946 von Willard Frank Libby (1908â1980)[1], der fĂŒr diese Leistung 1960 mit dem Nobelpreis fĂŒr Chemie ausgezeichnet wurde.
Inhaltsverzeichnis |
In der Natur kommen drei Isotope des Kohlenstoffs vor: 12C, 13C, 14C. Isotopenuntersuchungen zeigen, dass der Anteil am Gesamtkohlenstoffgehalt in der Luft fĂŒr 12C etwa 98,89 %, fĂŒr 13C etwa 1,11 % und fĂŒr 14C 0,000.000.000.1 % (=10â10 %) betrĂ€gt. Auf 1012 (1 Billion) 12C-Kerne kommt so statistisch nur ein einziger 14C-Kern. Im Gegensatz zu 12C und 13C ist 14C nicht stabil und wird deswegen auch Radiokohlenstoff genannt.
14C wird stĂ€ndig durch Kernreaktionen in der oberen Schicht der ErdatmosphĂ€re neu gebildet. Wenn die kosmische Strahlung auf Atome der AtmosphĂ€re trifft, werden durch Spallation Neutronen freigesetzt. Wenn das in der AtmosphĂ€re mit Abstand hĂ€ufigste Isotop, das Stickstoff-Isotop 14N, von einem solchen Neutron getroffen wird, so kann die Kernreaktion 14N(n,p)14C erfolgen, in der dieses Neutron eingefangen und dafĂŒr ein Proton abgespalten wird. Dadurch entsteht aus dem 14N-Kern ein 14C-Kern:
WĂ€hrend 12C und 13C stabil sind, zerfĂ€llt 14C mit einer Halbwertszeit von 5730 ± 40 Jahren (sog. âCambridge-Halbwertszeitâ) durch ÎČâ-Zerfall zu 14N, einem Elektron und einem Antineutrino:
Zwischen stÀndiger Neubildung und stÀndigem Zerfall bildet sich ein ungefÀhres Gleichgewicht aus; die Schwankungen im Anteil der 14C-Kerne am Kohlenstoff in der AtmosphÀre werden weiter unten im Abschnitt "Zeitliche Schwankungen" beschrieben.
Der in der AtmosphĂ€re erzeugte Radiokohlenstoff verbindet sich mit dem Luftsauerstoff zu Kohlenstoffdioxid. Durch die Photosynthese der Pflanzen gelangt 14C so anschlieĂend in die BiosphĂ€re. Da Lebewesen bei ihrem Stoffwechsel stĂ€ndig Kohlenstoff mit der AtmosphĂ€re austauschen, stellt sich in lebenden Organismen dasselbe VerteilungsverhĂ€ltnis der drei Kohlenstoff-Isotope ein, wie es in der AtmosphĂ€re vorliegt.
Wird dieser Austausch unterbrochen, dann Àndert sich das VerhÀltnis zwischen 14C und 12C, weil die zerfallenden 14C-Kerne nicht mehr durch neue ersetzt werden; (der Kohlenstoff wird fossil). Es gilt das Zerfallsgesetz:
Der hierfĂŒr entscheidende Startzeitpunkt ist das Ende des Stoffaustauschs mit der AtmosphĂ€re, also der Tod des Lebewesens. So ist das VerhĂ€ltnis zwischen 14C und 12C eines organischen Materials ein MaĂ fĂŒr die Zeit, die seit dem Tod eines Lebewesens â beispielsweise dem FĂ€llen eines Baums â vergangen ist. Mithin ist es ein MaĂ fĂŒr das Alter des Materials. Auch in nicht-organische Stoffe kann biogener Kohlenstoff und damit Radiokohlenstoff gelangen, beispielsweise in geschmolzene Metalle oder mit anderen thermischen Verfahren gewonnene Werkstoffe. Das 14C-Alter zeigt dann den Zeitpunkt der Herstellung an, evtl. zuzĂŒglich des Alters des verwendeten organischen Kohlenstoffs.
Die Radiokohlenstoffdatierung ist somit die Messung des VerhĂ€ltnisses der Mengen der Kohlenstoff-Isotope 14C zu 12C einer Probe sowie eines Standards, der das VerhĂ€ltnis zu Beginn des Alterungsprozesses reprĂ€sentiert. Der 14C-Gehalt einer Probe kann entweder durch ZĂ€hlung der zerfallenden 14C-Kerne im ZĂ€hlrohr, im FlĂŒssigkeits-Szintillations-Spektrometer oder durch ZĂ€hlung der noch vorhandenen 14C-Kerne mit der Beschleuniger-Massenspektrometrie bestimmt werden. Letztere Methode benötigt weniger Material als die ersten beiden, ist dafĂŒr aber aufwĂ€ndiger und teurer.
Die DurchfĂŒhrung erfordert neben der Anwendung der Physik auch zahlreiche Schritte mit Hilfe der angewandten Chemie, um die Probe mit einem ZĂ€hlrohr (nach Libby), der FlĂŒssigszintillationsspektrometrie oder mit dem Verfahren der Beschleuniger-Massenspektrometrie untersuchen zu können. Die folgende Darstellung des Untersuchungsvorgangs ist sehr stark vereinfacht.
Das zu untersuchende organische Material muss zu reinem Kohlenstoff reduziert werden, um eine Bestimmung durchfĂŒhren zu können. Viele andere Stoffe mĂŒssen also aus der Probe vorher entfernt werden. Hierzu sind vor der eigentlichen Untersuchung eine Vielzahl von chemischen Schritten notwendig. Im folgenden wird beispielhaft die Vorbereitung von Holz (ohne Nadelhölzer) dargestellt, wie sie in entsprechenden Laboratorien gebrĂ€uchlich ist.
Die Probe wird ĂŒber Nacht in 4% Natronlauge bei 60 °C (Wasserbad) gekocht. Am nĂ€chsten Tag erfolgt eine SĂ€ure-Lauge-SĂ€ure-Behandlung (4% SalzsĂ€ure 30 min, 3 mal 4% Natronlauge 1 Stunde, 4% SalzsĂ€ure 1 Stunde). Bei Proben, die sehr genau gemessen werden mĂŒssen (Kalibration z.B.) wird das Holz auf Cellulose reduziert, wobei nach dem zweiten Laugeschritt die Lauge durch Natriumchloritlösung (mit SalzsĂ€ure gemischt bis pH 3) ersetzt wird.
Das erhaltene reine Zellulosematerial wird mit Kupfer(I)-oxid und Silber in einer evakuierten Quarzampulle hoch erhitzt. Hierbei verbrennen die organischen Bestandteile zu CO2, Stickstoffoxid, Schwefeloxid und Halogenverbindungen. Das Silber bindet das entstandene Schwefeloxid und die Halogenverbindungen.
Das CO2 kann nun mit einem ZĂ€hlrohr gemessen werden oder es wird fĂŒr die FlĂŒssigszintillationsspektrometrie in Benzol umgewandelt. Oder es wird mit Eisen und Wasserstoff zu reinem Kohlenstoff reduziert, um anschlieĂend eine 14C-Bestimmung mittels der Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS) durchzufĂŒhren.
Die klassische Methode fĂŒr Radiokohlenstoffmessungen, wie sie schon von Libby benutzt wurde, ist der direkte Nachweis des radioaktiven Zerfalls in einem ZĂ€hlrohr. Hierbei wird als ZĂ€hlgas das aus der Probe durch Verbrennung gewonnene CO2 verwendet. Aufgrund der langen Halbwertszeit und der geringen HĂ€ufigkeit von 14C betrĂ€gt die AktivitĂ€t eines Mols modernen Kohlenstoffs nur etwa 3 ZerfĂ€lle pro Sekunde. Um eine Genauigkeit von 40 Jahren zu erreichen, mĂŒssen aber insgesamt mehr als 40.000 ZerfĂ€lle gezĂ€hlt werden. Um eine hohe PrĂ€zision der Messung zu erzielen, sind also, neben einer guten Abschirmung des ZĂ€hlrohres gegen die natĂŒrliche Strahlung, relativ groĂe Probenmengen (bis zu 1 kg des Ausgangsmaterials) und eine lange Messdauer erforderlich. Da bei sehr alten Proben nur noch sehr wenig 14C enthalten ist, können diese mangels ZĂ€hlrate nur mit entsprechend kleinerer PrĂ€zision (Fehler von maximal 5000 Jahren) gemessen werden. Bei einem Probenalter von mehr als etwa 50.000 Jahren ist nur noch so wenig 14C in der Probe enthalten, dass die Nachweisgrenze erreicht ist.
Eine sehr verbreitete Methode der Messung des radioaktiven Zerfalls von 14C ist die FlĂŒssigszintillationsspektrometrie. Der zu datierende Kohlenstoff wird dazu in einer Vakuumlinie ĂŒber mehrere Zwischenstufen in Benzol umgewandelt. Diesem wird anschlieĂend ein organischer Szintillator beigemischt. Der Szintillator wandelt die Energie der beim Zerfall von 14C entstehenden Elektronen in Lichtpulse um. Diese werden dann im Spektrometer von hochempfindlichen Photomultipliern verstĂ€rkt und gezĂ€hlt. Dieses Verfahren besitzt gegenĂŒber der ZĂ€hlrohrmethode den Vorteil, dass mehr Kohlenstoff in der Messkammer untergebracht werden kann. Dadurch sind bei gleicher Genauigkeit kĂŒrzere Messzeiten möglich. AuĂerdem sind fĂŒr die Radiokohlenstoffdatierung optimierte Spektrometer kommerziell erhĂ€ltlich, wĂ€hrend die ZĂ€hlrohre Eigenentwicklungen der jeweiligen Labore sind.
Durch die Entwicklung der Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS), welche die Methoden der Massenspektrometrie und kernphysikalische Untersuchungsmethoden miteinander vereinigt und so die Messung kleinster IsotopenverhĂ€ltnisse bis zu 10â15 ermöglicht, wurde Ende der 1970er Jahre der direkte Nachweis von 14C-Atomen möglich, ohne erst deren Zerfall abwarten zu mĂŒssen. Deshalb können mithilfe dieser Methode auch weitaus kleinere Probemengen als bei Messungen mit der ZĂ€hlrohrmethode verwendet werden, was der Radiokohlenstoffmethode ganz neue Anwendungsgebiete erschloss. Die typische GröĂe einer Probe fĂŒr die Beschleuniger-Massenspektrometrie betrĂ€gt etwa 1 mg; mit dieser Probenmenge können innerhalb einer Messzeit von etwa einer Stunde 40.000 14C-Atome einer modernen Probe nachgewiesen werden bzw. eine Genauigkeit von 0,5 % erreicht werden, was einem Fehler von 40 Jahren entspricht. Im Gegensatz zur ZĂ€hlrohrmethode ist hierzu allerdings eine weitaus aufwĂ€ndigere und teurere Technik erforderlich.
Eine frische Kohlenstoff-Probe enthÀlt nur etwa 1 Teil pro Billion (ppt) 14C-Atome. Auf 1012 Atome des Isotops 12C kommt also ein 14C-Atom. So enthÀlt beispielsweise eine Tonne Kohlenstoff lediglich 1 ”g 14C.
Die Nachweisgrenze von 14C liegt bei 1 Teil pro Billiarde (ppq), entsprechend einer Konzentration von etwa einem Tausendstel der Menge an 14C in einer frischen Probe und wird durch BeschrĂ€nkungen der MessgerĂ€te sowie in sehr geringen Mengen vorhandenes âUntergrund 14Câ aus anderen Quellen bestimmt. Durch den radioaktiven Zerfall nimmt die Menge von 14C mit der Zeit ab. Nach 10 Halbwertszeiten, das sind ca. 57.300 Jahre, liegt der Anteil unterhalb der Nachweisgrenze. Die Radiokohlenstoffmethode ist daher nur fĂŒr jĂŒngere Proben anwendbar. FĂŒr die Altersbestimmung erdgeschichtlicher Fossilien z. B. in Bernstein, Braunkohle, Steinkohle oder Diamanten, ist sie unbrauchbar.
Wie bei jeder physikalischen Messung teilt sich der Messfehler auf in einen statistischen Fehler und einen systematischen Fehler. Zum statistischen Fehler trÀgt zum Beispiel bei der ZÀhlrohrmethode die statistische Natur des radioaktiven Zerfalls bei.
Als MaĂ fĂŒr die Messgenauigkeit wird meist der einfache Standardfehler des Messwertes angegeben, welcher sich aus der Standardabweichung errechnet. Grob gesprochen bedeutet dies, dass bei sehr hĂ€ufig wiederholter Messung derselben Probe etwa zwei von drei Ergebnissen innerhalb dieser Spanne, des Konfidenzintervalls, liegen werden und eines auĂerhalb.
Dieser Fehler, der vom Labor in der leicht lesbaren Form ±n Jahre angegeben wird, beschreibt also tatsĂ€chlich nur die Unsicherheit in der Bestimmung des IsotopenverhĂ€ltnisses. FĂŒr die Unsicherheit der Altersbestimmung mĂŒssen die in den nĂ€chsten Abschnitten beschriebenen Fehlerquellen zusĂ€tzlich berĂŒcksichtigt werden. Insbesondere sind dies:
Die 14C-Methode misst den Todeszeitpunkt eines Organismus, der nicht notwendigerweise auch der Zeitpunkt ist, bei dem eine archĂ€ologische Schicht abgelagert wurde. Wurde also in einem prĂ€historischen Haus ein alter Balken wiederverwendet, wird die Datierung dieses Balkens zwar den Balken selbst richtig datieren, aber nicht den Baubeginn des Hauses. Allgemein ausgedrĂŒckt: wie bei jeder radiometrischen Datierungsmethode muss der Zusammenhang zwischen tatsĂ€chlich datiertem physikalischen Ereignis â das ist der Abschluss des Kohlenstoff-Isotopensystems in der Probe von der Umwelt â und dem zu datierenden historischen Ereignis hergestellt werden. Ein Eichbaum kann ein Alter von mehreren hundert Jahren erreichen, Holzkohle aus seinen inneren Ringen liefert ebenfalls ein eventuell um mehrere Jahrhunderte âzu altesâ Datum fĂŒr den Zeitpunkt des Absterbens des Baumes. Bei der Datierung der Ăberreste relativ kurzlebiger Organismen wie Pflanzensamen oder Knochen spielt dieses Problem im Vergleich zur GröĂenordnung der Messgenauigkeit keine Rolle.
Libbys Team hatte bei der Entwicklung der Radiokohlenstoffdatierung fĂŒr 14C eine Halbwertszeit von 5568±30 Jahren verwendet, nach Auswertung aller zum damaligen Zeitpunkt verfĂŒgbaren Messergebnisse. Aufgrund zunehmender Verbesserung der MessgerĂ€te wurde der Wert durch spĂ€tere Messungen revidiert zu 5730±40 [2]. Da bereits eine ganze Reihe von Datierungsergebnissen publiziert worden war, einigte man sich darauf, wegen der Vergleichbarkeit von Datierungsergebnissen weiterhin den zuerst benutzen Wert zu verwenden (âLibby-Halbwertszeitâ) und das Ergebnis dann als âkonventionelles 14C-Alterâ zu bezeichnen. GegenĂŒber der Verwendung des revidierten Wertes (âCambridge-Halbwertszeitâ) ergibt sich auĂerdem nur ein Faktor von 1,03. Wenn es auf die Bestimmung von Kalenderdaten ankommt, wird dies natĂŒrlich, zusammen mit den anderen dann noch notwendigen Korrekturen, berĂŒcksichtigt.
NatĂŒrliche zeitliche Schwankungen des 14C/12C-VerhĂ€ltnisses wurden erstmals 1958 durch Hessel de Vries [3] nachgewiesen, indem er zeigte, dass sich das 14C/12C-VerhĂ€ltnis zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert um ca. 2 % Ă€nderte. HauptsĂ€chlich drei Faktoren spielen fĂŒr die natĂŒrlichen Schwankungen eine bedeutende Rolle.
Weiter werden manchmal singulÀre Ereignisse wie etwa nahe Supernovaexplosionen diskutiert.
Durch Messungen, die zur Aufstellung der INTCAL98 Kalibrierkurve[4] fĂŒhrten, aber auch durch einige zeitlich weiter zurĂŒckfĂŒhrende Messungen, welche beispielsweise auf maritimen Sediment-Bohrkernen aus dem Cariaco-Becken (vor der NordkĂŒste Venezuelas) beruhen, konnte inzwischen die Abweichung des 14C/12C-VerhĂ€ltnisses vom heutigen Wert bis zu -48âka zurĂŒckverfolgt werden. Dabei zeigt sich, dass neben den kurzfristigeren Schwankungen ein genereller Anstieg des 14C (= Abweichung vom heutigen 14C/12C-VerhĂ€ltnis in Promille) auf Werte bis zu ĂŒber 800 Promille (Cariaco-Daten)[5] zu einer Zeit um etwa 40 kaBP erreicht werden (entspricht einer Abweichung zwischen Radiokohlenstoffalter und Kalenderalter von etwa 5000 Jahren). Zwischen 40 kaBP und 42âkaBP fĂ€llt das 14C abrupt auf heutige Werte ab, und schwankt zwischen etwa 0 und â200 Promille im Zeitraum zwischen 42 kaBP und 50 kaBP. Neben dem Gipfel bei 40âkaBP gibt es noch kleinere Gipfel bei 34 kaBP, 29 kaBP und 17 kaBP. Andere DatensĂ€tze (Sedimente aus dem Suigetsu-See, Bahama speleotherm) zeigen gleiche Strukturen, weisen aber fĂŒr Zeiten vor 25 kaBP Offsets im Vergleich zu den Daten aus dem Cariaco-Bohrkern auf, welche umgerechnet in Radiokohlenstoff-Jahre etwa in der GröĂenordnung von etwa 1000 Jahren liegen.
Der Vergleich dieser Daten mit berechneten Produktionsraten, in welchen publizierte Ănderungen des geomagnetischen Feldes ĂŒber den entsprechende Zeitraum eingingen, zeigen, dass die langfristigen Ănderungen und die gefundenen Peaks sich im Allgemeinen gut durch Ănderungen des Erdmagnetfeldes erklĂ€ren lassen, wobei auch reduzierte Kohlenstoffsenken wĂ€hrend Vereisungszeiten und andere Ănderungen des Kohlenstoffzyklus eine Rolle zu spielen scheinen[5]. Die Peaks bei 34âkaBP und 40âkaBP stimmen zeitlich gut mit Peaks der Radionuklide 36Cl und 10Be ĂŒberein, welche in Eisbohrkernen nachgewiesen wurden. FĂŒr kurzzeitige Schwankungen konnte eine Korrelation mit der SonnenaktivitĂ€t und der Temperatur der nördlichen HemisphĂ€re nachgewiesen werden.[6] Die 14C-Produktionsraten sind dabei niedriger, wenn die SonnenaktivitĂ€t (Sonnenflecken) hoch ist.
Der Suess-Effekt ist nach Hans E. Suess (1909â1993) benannt und beschreibt den Einfluss der Industrialisierung auf den 14C-Gehalt in der AtmosphĂ€re. Mit Beginn der Industrialisierung vor ca. 150 Jahren wurden vermehrt fossile Brennstoffe wie Erdöl und Kohle verwendet. Diese Stoffe enthalten kein nachweisbares 14C mehr, da sie wesentlich Ă€lter als ca. 10 Halbwertszeiten (ca. 60.000 Jahre) sind. Dadurch wird ein erheblich zu groĂes Alter der Probe vorgetĂ€uscht. Bei der Verbrennung werden daher nur 12C und 13C (nicht radioaktiv) der fossilen Brennstoffe frei und verdĂŒnnen die Menge des radioaktiven 14C in der AtmosphĂ€re. Durch die VerdĂŒnnung des 14C in der AtmosphĂ€re kommt es zu einem verringerten Ausgangswert des 14C in den Organismen, welcher bei der Bestimmung des 14C-Alters berĂŒcksichtigt werden muss.
Durch die EinsĂ€tze und atmosphĂ€rischen Tests von Kernwaffen zwischen 1945 und 1963 wurde die Menge an 14C in der AtmosphĂ€re stark erhöht. Bis heute ist das 14C/12C-VerhĂ€ltnis noch nicht wieder auf den Wert vor 1945 gesunken. Die oben genannte Altersformel kann in diesem Zeitbereich also nicht angewendet werden. Allerdings gibt es fĂŒr jedes Jahr Referenzproben, und aufgrund der starken Schwankung können Proben auf ±1 Jahr genau datiert werden.
Die durch die Kernwaffenversuche verursachte massive lokale Erzeugung von 14C in der AtmosphĂ€re konnte auch benutzt werden, um das zeitliche Verhalten und vor allem den rĂ€umlichen Transportprozess von 14C genau zu untersuchen. Damit konnte bestĂ€tigt werden, dass 14C sich in der AtmosphĂ€re innerhalb kurzer Zeit weltweit homogenisiert. Damit wurde ein frĂŒheres Forschungsresultat von Ernest C. Anderson[8] ĂŒber die rĂ€umliche HomogenitĂ€t des 14C in der AtmosphĂ€re bestĂ€tigt. Diese HomogenitĂ€t ist eine wichtige Voraussetzung fĂŒr die Kalibrierung und Anwendung der 14C-Methode.
Da die Isotope 12C, 13C und 14C unterschiedlich schwer sind, werden sie bei Transportprozessen und chemischen Umsetzungen geringfĂŒgig unterschiedlich leicht bewegt bzw. freigesetzt (Isotopenfraktionierung), so dass sich ihr MischungsverhĂ€ltnis Ă€ndert. Bei der Photosynthese z. B. wird dadurch das VerhĂ€ltnis von 14C zu 12C in der Pflanze gegenĂŒber der Luft verringert. FĂŒr das VerhĂ€ltnis 13C zu 12C gilt das gleiche, wobei hier der Effekt nur halb so groĂ ist. Aufgrund des hohen Anteils von 13C am Gesamtkohlenstoff von ca. 1 % lĂ€sst sich dieser Effekt beim 13C verhĂ€ltnismĂ€Ăig leicht messen, so dass anschlieĂend der Effekt fĂŒr 14C berechnet und bei der Altersbestimmung berĂŒcksichtigt werden kann.
Ein wichtiger Unterschied in der Isotopenfraktionierung besteht zum Beispiel zwischen C3-Pflanzen und C4-Pflanzen. Das VerhĂ€ltnis 13C / 12C kann so auch anhand von Knochen beispielsweise wichtige Hinweise ĂŒber die ErnĂ€hrung liefern.
In bestimmten FĂ€llen ist die Ausgangskonzentration des zu datierenden Objekts nicht diejenige der AtmosphĂ€re, sondern die eines anderen gröĂeren Kohlenstoffreservoirs. Die zur Datierung von Grundwasser herangezogene gelöste KohlensĂ€ure zum Beispiel setzt sich zusammen aus Carbonat des Untergrundes, das vor sehr langer Zeit gebildet wurde, also 14C-frei ist, und dem durch die Zersetzung von Pflanzenmaterial im Boden gebildetem Kohlendioxid. Wird dieses bei der Altersberechnung nicht miteinbezogen, werden zu groĂe Alter ermittelt (Hard-Water Error). Auch in der Antarktis frisch gefangene Fische wĂŒrden auf mehrere hundert Jahre 14C-datiert, wenn man nicht berĂŒcksichtigen wĂŒrde, dass sie ĂŒber die Nahrungskette Kohlenstoff aus Wasser aufnehmen, das sich aus sehr alten Eismassen bildet.
Eine weitere Korrektur kann notwendig werden, wenn die gemessene Probe durch einen Stoff mit einem anderen Radiokohlenstoffalter verunreinigt wurde und diese durch die Reinigungsprozeduren bei der Probenvorbereitung nicht vollstĂ€ndig beseitigt werden konnte. Je nach Umfang der Verunreinigung liegt dann das gemessene Radiokohlenstoffalter zwischen dem Alter der Probe und dem Radiokohlenstoffalter des verunreinigenden Stoffs. Ist der Umfang der Kontamination bekannt, gilt fĂŒr die Verschiebung des gemessenen Radiokohlenstoffalters zum wirklichen Alter der Probe folgende Formel:
Besteht der Verdacht einer Kontamination ohne den genauen Umfang zu kennen, so kann eine Probe in mehrere Teilproben aufgeteilt und an jeder Teilprobe unterschiedliche chemischer Reinigungsprozeduren durchgefĂŒhrt werden. Dies fĂŒhrt in der Regel dazu, dass eigentliches Probenmaterial und eventuell vorhandenen Kontamination unterschiedlich stark angegriffen werden und sich das VerhĂ€ltnis der beiden in den einzelnen Teilproben unterschiedlich Ă€ndert. Eine Kontamination, welche das Alter merklich verfĂ€lscht, macht sich dann in stark voneinander abweichenden Datierungen der Teilproben bemerkbar. Dies kann als Kriterium dienen, um auf die ZuverlĂ€ssigkeit eines Radiokohlenstoffalters zu schlieĂen.
Das in Jahren Before Present (BP) inklusive Standardabweichung angegebene Datum bezieht ein Messergebnis des konventionellen 14C- oder AMS-Labors auf das Jahr 1950. Dieses mit dem Zusatz âBPâ angegebene Rohdatum ist ein reines Messergebnis und hat keinen kalendarischen Wert, da die Berechnung auf dem Modell einer konstanten 14C-Entstehungsrate basiert. Ende der 1950er Jahre stellten Wissenschaftler fest, dass die Produktion von 14C-Isotopen und damit der 14C-Gehalt der AtmosphĂ€re im Verlauf der Erdgeschichte erheblichen Schwankungen unterworfen war[9][10], was durch kurz- und langfristige Zyklen der Sonnenflecken sowie Schwankungen des Erdmagnetfeldes verursacht wird.
Daher mĂŒssen alle 14C-Rohdaten mit dem realen 14C-Gehalt zu Lebzeiten des organischen Probenmaterials kalibriert werden, was zu Abweichungen von bis zu mehreren Tausend Jahren bei der Angabe in Sonnenjahren fĂŒhrt.[11] Kalibrierte 14C-Rohdaten werden international mit calBP gekennzeichnet. Zur Homologisierung mit antiken Kalendern ist besonders in der ArchĂ€ologie auch die Angabe in calBC (before Christ) oder BCE (before Common Era), im deutschen Sprachraum kalibr. v. Chr. ĂŒblich. WĂ€hrend ein calBP-Datum immer 1950 Jahre gröĂer ist als das entsprechende calBC-Datum, gibt es keine lineare Beziehung zwischen dem BP-Rohdatum und dem zugehörigen kalibrierten Datum calBC bzw. kalibr. v. Chr.
Die von der IntCal Working Group (IWG) im Jahre 2004 autorisierte Kalibrierung von 14C-Daten (INTCAL04) reichte nur bis 26.000 BP zurĂŒck.[12] Nachdem eine auf datierten Korallen erstellte Kalibrationskurve aus dem Jahre 2005[13] noch auf methodische Kritik gestoĂen war[14], liegt nun seit 2009 auch eine von der IWG autorisierte Kalibrationskurve bis 50.000 BP vor, die sich auf unabhĂ€ngige marine Archive stĂŒtzt.[15][16] Zugrunde gelegt werden hier die Uran-Thorium-datierten SpelĂ€otheme (Hulu-Höhle, China[17]; der Bahamas[18]), datierte Korallenriffe sowie die Sauerstoff-Isotopenuntersuchung von benthischen Foraminiferen. Zum Wiggle Matching weltweit messbarer geologischer Ereignisse (zum Beispiel Tephren bekannter VulkanausbrĂŒche) werden auch die laminierten grönlĂ€ndischen Eisbohrkerne (GRIP, GISP2, NGRIP) hinzugezogen. Das Kölner Labor CALPAL[19][20] sowie das Quaternary Isotope Lab der University of Washington[21] bieten eine Kalibrierungssoftware fĂŒr die Zeitspanne Ă€lter als 26.000 an, was in Europa die archĂ€ologischen Kulturen des frĂŒhen JungpalĂ€olithikums und spĂ€ten MittelpalĂ€olithikums abdeckt. Die Kalibrierung archĂ€ologischer Einzeldaten >26.000 BP bis zu etwa 50.000 BP ist nach wie vor umstritten, da Kalibrationskurven nur einen gemittelten Wert der Abweichung von Sonnenjahren geben, der in EinzelfĂ€llen weit höher ausfallen kann. Als hochauflösender Bereich in Kalenderjahren wird auch bei der INTCAL09-Kurve nur der mittels Dendrochronologie abgesicherte Zeitbereich bis 12.594 cal BP angesehen.[15] FĂŒr das Jahr 2011 wurde von der IntCal Working Group ein Update der INTCAL-Kurve angekĂŒndigt.[15]
In den frĂŒhen 1960er Jahren wurden erste Kalibrationskurven erstellt, die auf der Dendrochronologie besonders langlebiger BĂ€ume, wie der Bristlecone-Pine und dem Riesenmammutbaum beruhten. Inzwischen konnte das System der Dendrochronologie auf viele Teile der Welt ausgedehnt werden. Die Bristlecone-Pines-Chronologie reicht inzwischen ĂŒber 9 000 Jahre zurĂŒck. Der Hohenheimer Jahrringkalender reicht lĂŒckenlos bis ins Jahr 10 461 v. Chr. zurĂŒck, also in die JĂŒngere Dryas (Stand 2004). Die ostmediterrane Kurve umfasst den Zeitraum bis 1800 v. Chr.
Aus den Labordaten ergibt sich zunĂ€chst das (âkonventionelleâ) 14C-Alter B.P. (before = vor, present = standardisiert auf 1950) einschlieĂlich der zugehörigen Streuung/Standardfehler. Daraus kann mit Hilfe der beschriebenen Kalibrierungsverfahren das kalibrierte Kalenderalter in cal B.P. mit weiterer Streuungsangabe ermittelt werden, daraus anschlieĂend die kalendarische Zeitspanne v. Chr. (BC) oder n. Chr. (AD = Anno Domini).
VerlĂ€uft die Kalibrierungskurve ĂŒber einen lĂ€ngeren Abschnitt flach (man spricht dann von einem Plateau), fĂŒhrt das dazu, dass Knochen oder Holzkohle, deren Entstehung mehrere hundert Jahre auseinander liegen, dasselbe konventionelle 14C-Alter aufweisen. Das ist zum Beispiel bei dem Bandkeramischen Plateau zwischen 5500 und 5200 BC cal der Fall, dann wieder in den Bereichen 3100â2900, 2850â2650 und 2600â2480 BC (Endneolithisches Plateau).
Inzwischen werden die Schwankungen der Kalibrationskurve auch verwendet, um 14C-Datierungen zu prĂ€zisieren, z. B. durch das von Bernhard Weninger von der UniversitĂ€t Köln entwickelte âWiggle-matchingâ. Das ist möglich, wenn prĂ€zise Daten vorliegen, deren relative Abfolge durch unabhĂ€ngige Quellen, etwa der Stratigrafie eines archĂ€ologischen Fundortes belegt sind. Damit kann entschieden werden, in welchen Abschnitt der Kalibrationskurve diese Daten am besten hinein passen. Die Kalibrierung von konventionellen 14C-Altern kann online oder mithilfe frei verfĂŒgbarer Software schnell durchgefĂŒhrt werden, wenn z. B. bei Ă€lteren Veröffentlichungen kein kalibriertes Alter angegeben wurde. Online oder als Download stehen Calib, OxCal, CalPal und Wincal zur VerfĂŒgung.
Die Möglichkeit, durch Messung von 14C zu datieren, wurde erstmals 1949 durch die von J. R. Arnold und W. F. Libby publizierte âCurve of Knownsâ gezeigt, in der anhand von verschiedenen Proben bekannten Alters die inverse AbhĂ€ngigkeit des 14C-Gehalts vom Alter der jeweiligen Probe gezeigt wurde.[22] Bis dahin standen vor allem messtechnische Probleme im Vordergrund, insbesondere die Unterscheidung des relativen schwachen Signals aus dem radioaktiven Zerfall des 14C von Hintergrund-Signal der UmgebungsradioaktivitĂ€t.
In der Folgezeit wurden einige Voraussetzungen fĂŒr die zuverlĂ€ssige Datierung mittels Radiokohlenstoffdatierung ĂŒberprĂŒft. So konnte die Annahme bestĂ€tigt werden, dass das 14C/12C-VerhĂ€ltnis in der globalen AtmosphĂ€re rĂ€umlich hinreichend homogen ist[8] bzw. schlimmstenfalls zu lokalen Fehlern fĂŒhren, welche in der GröĂenordnung der sonstigen Messgenauigkeit der Radiokohlenstoffdatierung liegen. SpĂ€testens mit den Arbeiten von Suess[9] und deVries[10] wurde jedoch klar, dass das 14C/12C-VerhĂ€ltnis zeitlichen Schwankungen unterliegt, welche fĂŒr eine genaue Datierung durch die Radiokohlenstoffdatierung berĂŒcksichtigt werden mĂŒssen.
Diese Entdeckung fĂŒhrte seit Beginn der 1960er zur Entwicklung von Kalibrationskurven, welche sich zunĂ€chst auf Dendrochronologien von langlebigen RiesenmammutbĂ€umen und Bristlecone Pines stĂŒtzten.[23] SpĂ€tere PrĂ€zisions-Kalibrationskurven wurden mit Hilfe von Dendrochronologien von kurzlebigeren BĂ€umen wie dem Hohenheimer Jahrringkalender aufgestellt. Neben Dendrochronologien wurden spĂ€ter zunehmend auch andere unabhĂ€ngige Methoden (Messungen an Korallen, Eisbohrkernen, Sedimentschichten, Stalagmite) verwendet, um die auf der Dendrochronologie basierenden Kalibrationskurven zu ĂŒberprĂŒfen und zu verlĂ€ngern. Dies fĂŒhrte zu der 2004 veröffentlichten Kalibrationskurve INTCAL04, welche bis 26.000 BP zurĂŒckreicht.[24]
Ein weiterer Meilenstein war die Anwendung der Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS) fĂŒr die Radiokohlenstoffdatierung durch Harry Gove im Jahr 1977.[25] Damit konnte die Radiokohlenstoffdatierung an viel kleineren Probenmengen durchgefĂŒhrt werden als bei der ZĂ€hlrohrmethode.
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Dieser Artikel wurde am 28. Mai 2005 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen. |