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Rassentheorien (zusammenfassend auch als Rassenkunde oder Rassenlehre bezeichnet) sind wissenschaftlich ĂŒberholte Theorien, welche die Menschheit in verschiedene Rassen einteilen. Die âRassenâ wurden primĂ€r aufgrund Ă€uĂerlicher Merkmale wie Hautfarbe, Behaarung oder SchĂ€delform unterschieden, hĂ€ufig wurden aber auch zusĂ€tzliche Unterschiede im Charakter und den FĂ€higkeiten entsprechender Individuen angenommen.
In verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Milieus und zu verschiedenen Zeiten erfuhr die Bezeichnung âRasseâ jeweils unterschiedliche Verwendungen bei Versuchen zur Gruppierung oder Klassifizierung des Menschen. Damit war oft auch eine Ab- und Aufwertung von Bevölkerungsgruppen verbunden. In der Anthropologie wurde Rasse vom spĂ€ten 17. Jahrhundert bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts als Bezeichnung zur Klassifizierung von Menschen verwendet, seit dem 19. Jahrhundert vielfach synonym mit Volk.[1] Daneben entstanden auch in der Ethnologie und der Soziologie auf den Menschen bezogene Rassekonzepte.
Derartige Untergliederungen der Menschheit waren zum Teil nur neutrale Versuche einer Klassifizierung, zum anderen Teil aber auch mit Wertungen verbunden und daher als scheinbare wissenschaftliche Grundlagen fĂŒr den Rassismus bis hin zu seinen schlimmsten AuswĂŒchsen im Holocaust geeignet. In der Biologie wird die Art Homo sapiens heute weder in Rassen noch in Unterarten unterteilt. Molekularbiologische und populationsgenetische Forschungen haben seit den 1970er Jahren gezeigt, dass eine systematische Unterteilung der Menschen in Unterarten ihrer enormen Vielfalt und den flieĂenden ĂbergĂ€ngen zwischen geographischen Populationen nicht gerecht wird. Zudem wurde herausgefunden, dass der gröĂte Teil genetischer Unterschiede beim Menschen innerhalb einer geographischen Population zu finden ist.[2] Die Einteilung des Menschen in biologische Rassen entspricht damit nicht mehr dem Stand der Wissenschaft.
Mit den Rassen in der Tierzucht oder den Sorten der PflanzenzĂŒchtung sind die vermeintlichen Menschenrassen nur entfernt zu vergleichen, da Haustierrassen und Kulturpflanzensorten auf kĂŒnstliche Weise âreinrassigâ vermehrt (also gezĂŒchtet) werden und daher genetisch hochgradig uniform sind, wĂ€hrend natĂŒrliche Populationen aufgrund des Hardy-Weinberg-Gesetzes immer eine gewisse genetische Vielfalt aufweisen und zudem in der Regel mit angrenzenden Populationen im stĂ€ndigen Austausch stehen. Von den Rassentheorien abzugrenzen ist der vielfach an sie anknĂŒpfende, teils aber auch direkt implizierte Rassismus, der zwischen angeblich höher- und minderwertigen Menschenrassen unterscheidet und ZusammenhĂ€nge zwischen rassisch bedingten Eigenschaften und der Kulturentwicklung behauptet.
Inhaltsverzeichnis |
Die Verwendung des Wortes Rasse ist vereinzelt in romanischen Sprachen seit dem frĂŒhen 13. Jahrhundert nachgewiesen.[3] Vermehrt gebrĂ€uchlich wurde es im 15. Jahrhundert, und zwar hauptsĂ€chlich bei der Beschreibung von Adelsfamilien und in der Pferdezucht.[4] In der Folgezeit fand es zunehmend Verwendung fĂŒr verschiedenste Arten menschlicher Kollektive, etwa fĂŒr Religionsgemeinschaften (âchristliche Rasseâ) oder auch fĂŒr die Menschheit insgesamt (âmenschliche Rasseâ).[5] Zur Klassifikation von Menschen im Sinne einer anthropologischen Taxonomie wurde es wohl erstmals 1684 von François Bernier benutzt.[6] WĂ€hrend der Begriff der Rasse im Französischen und im Englischen âzu einem zentralen Begriff der Geschichtsschreibungâ (Geulen) avancierte, blieb er im Deutschen jedoch zunĂ€chst eher unbedeutend und erlangte erst im spĂ€ten 19. Jahrhundert eine gröĂere PopularitĂ€t. In diesem Sinne war Deutschland, wie der Historiker Christian Geulen schreibt, âeine verspĂ€tete Nationâ.[7]
In der biologischen Anthropologie war die Unterteilung der Art Homo sapiens in verschiedene Rassen bis in das spĂ€te 20. Jahrhundert ĂŒblich.[8] Seit den 1970er Jahren erwuchsen jedoch aufgrund genetischer Untersuchungen zunehmend Zweifel an der Berechtigung, von menschlichen Rassen zu sprechen.[9] 1995 konstatierten die Teilnehmer einer internationalen Konferenz gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung, dass der Begriff der Rasse in seiner Anwendung auf die menschliche Vielfalt âvöllig obsolet gewordenâ sei, und riefen dazu auf, ihn âdurch Anschauungen und Schlussfolgerungen auf der Grundlage des heutigen VerstĂ€ndnisses genetischer Vielfaltâ zu ersetzen.[10]
EnzyklopĂ€dien wie der Brockhaus oder Meyers Lexikon bezeichnen in ihren aktuellen Ausgaben (Brockhaus ab 2006) derartige typologisch-rassensystematische Kategorien als âveraltetâ.[11] Auf der Grundlage der neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse sprach sich 2008 das Deutsche Institut fĂŒr Menschenrechte insbesondere gegen die Verwendung des Begriffs âRasseâ in Gesetzestexten aus.[12] Im Artikel 3 (âGleichheit vor dem Gesetzâ) des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland wird er dennoch weiterhin verwendet. Dies gilt auch fĂŒr Art. 14 der EuropĂ€ischen Menschenrechtskonvention sowie fĂŒr Art. 1 Abs. 1 des 14. Zusatzprotokolls zu dieser Konvention[13], das vom 4. Nov. 2000 stammt und am 1. April 2005 in Kraft trat. Diese Bezugnahmen auf den Begriff âRasseâ sind jedoch nicht als gesetzgeberische BestĂ€tigungen einer Rassentheorie anzusehen, sondern sie bringen zum Ausdruck, dass eine unterschiedliche Behandlung von Menschen aufgrund ihrer Zuordnung zu verschiedenen Rassen diskriminierend und daher abzulehnen ist. In der GesetzesbegrĂŒndung zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz heiĂt es, dass das Gesetz nicht die Existenz menschlicher Rassen annimmt, sondern dass derjenige, der sich rassistisch verhĂ€lt, dies annimmt.[14]
NĂ€heres zum Gebrauch und zur Etymologie des Wortes Rasse siehe Rasse.
Eine systematische Klassifizierung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft entwickelte schon Aristoteles.[15] Dabei ĂŒbernahm er die damals unter den Griechen herrschende Ăberzeugung, dass alle anderen Völker (âBarbarenâ) in charakterlicher und kultureller Hinsicht unterlegen seien, und erklĂ€rte dies aus den andersartigen klimatischen VerhĂ€ltnissen, denen sie ausgesetzt waren. Dieses Konzept des Barbaren wurde von den Römern ĂŒbernommen. Mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion trat jedoch ein neues Klassifikationsschema an seine Stelle, das die Menschen nach ihrer Religion unterschied: Christen, Juden, Heiden und HĂ€retiker, spĂ€ter ergĂ€nzt durch die Muslime.[16] Diese Klassifikation blieb in der christlichen Welt bis in die frĂŒhe Neuzeit maĂgebend.
Die Einteilung der Menschen nach ihrem Glauben wurde problematisch, als in Spanien nach dem Abschluss der Reconquista (Vertreibung der Mauren) 1492 die Zwangsbekehrung der zahlreichen Juden zum Christentum verordnet wurde und in der Folge viele der zwangsweise âBekehrtenâ insgeheim ihre bisherige Religion weiter pflegten oder dessen verdĂ€chtigt wurden. In diesem Zusammenhang erlangte neben der Reinheit des Glaubens auch die Reinheit des âBlutesâ (d. h. der Herkunft) Bedeutung, und fĂŒr den letzteren Aspekt wurde der Begriff der Rasse eingefĂŒhrt, der sich somit auf eine jĂŒdische, christliche oder auch maurische Herkunft bezog.[17]
Eine bedeutende Rolle bei der weiteren Etablierung des Rassebegriffs und der Entwicklung von Rassentheorien spielte der europĂ€ische Kolonialismus (einschlieĂlich der Eroberung Amerikas und des transatlantischen Sklavenhandels) seit dem 15. und 16. Jahrhundert, wodurch fortlaufend neues Wissen ĂŒber bislang unbekannte Weltteile, Völker und Sitten verfĂŒgbar wurde. Dabei stĂŒtzten sich die Kenntnisse ĂŒber fremde âRassenâ in jener Zeit zu groĂen Teilen auf Berichte von Eroberern und Missionaren, welche stark rassistisch geprĂ€gt waren.[18] Beliebt waren in den damaligen Reiseberichten auch das Motiv des âedlen Wildenâ, die religiöse Interpretation auf Grundlage der biblischen Genesis oder die Gleichsetzung fremder Völker mit den Verlorenen StĂ€mmen Israels.[19]
In der AufklĂ€rung war âRasseâ zunĂ€chst kein biologischer Begriff, sondern ein historisches Konzept.[20] So betrachtete der französische Historiker Henri de Boulainvilliers in seiner 1727 erschienenen Geschichte des französischen Adels den Adel und das Volk als zwei getrennte Rassen, deren Auseinandersetzungen die Geschichte Frankreichs prĂ€gten. Dieses Konzept bereicherte Augustin Thierry nach der Revolution durch die Vorstellung, dass der Adel germanischer oder frĂ€nkischer Abstammung sei und das gallisch-keltische Volk somit die Herrschaft einer fremden Rasse abgeschĂŒttelt habe.[21] Ăhnliche Ansichten waren zuvor auch schon in England entwickelt worden, wo Rechtsgelehrte wie Edward Coke und John Selden das Herrscherhaus der Stuarts als normannische Fremdrasse der angelsĂ€chsischen Bevölkerung gegenĂŒbergestellt hatten.
Das BedĂŒrfnis, die Menschheit zu klassifizieren, erwuchs aus der der AufklĂ€rung eigenen Ăberzeugung, dass die Welt eine sinnvolle Ordnung aufweise, in welcher auch der Mensch seinen Platz habe, und dass es der menschlichen Vernunft möglich sei, diese Ordnung zu erkennen. Traditionell wurde dabei eine hierarchische Stufenleiter (scala naturae) angenommen, in der der Mensch ĂŒber den Tieren stand, aber durch eine kontinuierliche Folge von ĂbergĂ€ngen mit diesen verbunden war. Daher wurden die Affen als die am höchsten stehenden Tiere in die unmittelbare NĂ€he der âniedrigstenâ Menschen gestellt, als welche man gewöhnlich die Schwarzen ansah.[22] Dem entsprach die im Verlauf des 18. Jahrhunderts zunehmende Tendenz in Reiseberichten, die âWildenâ nicht mehr als edel und in positiver Weise ursprĂŒnglich darzustellen, sondern als zurĂŒckgeblieben und minderwertig.[23]
Carl von LinnĂ©, der BegrĂŒnder der biologischen Systematik, unterteilte in der ersten Auflage von Systema Naturae (1735) die Menschen nach ihrer geographischen Herkunft in EuropĂ€er, Amerikaner, Asiaten und Afrikaner. ZusĂ€tzlich gab er noch jeweils eine Hautfarbe an, die er jedoch in den spĂ€teren Auflagen des Werks mehrfach Ă€nderte.[24] Ab der 1758 erschienenen 10. Auflage[25] ordnete er auĂerdem jeder der vier VarietĂ€ten ein Temperament und eine Körperhaltung zu: Den roten Americanus bezeichnete er als cholerisch und aufrecht, den weiĂen Europaeus als sanguinisch und muskulös, den gelben Asiaticus als melancholisch und steif und den schwarzen Afer als phlegmatisch und schlaff. Die Einteilung nach Temperamenten fuĂte noch auf der antiken Vier-Elemente-Lehre und der an diese anschlieĂenden Lehre von den vier KörpersĂ€ften, und sie war somit essentialistisch und nicht empirisch.[24]
Der erste Naturforscher, der in systematischer Weise die Bezeichnung âRasseâ bei der Unterteilung der Menschheit verwendete und in diesem Sinn in der Wissenschaftssprache etablierte, war Georges-Louis Leclerc de Buffon in seiner Histoire naturelle (1749).[26]
1775 erschienen zwei Werke von Johann Friedrich Blumenbach und Immanuel Kant, in denen die gesamte Menschheit in vier VarietĂ€ten bzw. Rassen eingeteilt wurde. Bei Kant war â wie bei vielen seiner Zeitgenossen[27] â mit der Unterscheidung von Rassen eine Ăber- bzw. Unterordnung verbunden: Seiner Ansicht nach unterschieden die Rassen sich in ihrer BildungsfĂ€higkeit. An der Spitze der Vernunftbegabten standen die weiĂen EuropĂ€er.[28] So schrieb er: âIn den heiĂen LĂ€ndern reift der Mensch in allen StĂŒcken frĂŒher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer gröĂten Vollkommenheit in der âraceâ der WeiĂen. Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.â[29] Die ErklĂ€rung der Rassenunterschiede durch das Klima ĂŒbernahm Kant zeitweilig von französischen Vordenkern wie Montesquieu[30]; spĂ€ter distanzierte er sich davon und betonte die Erblichkeit der Rassenmerkmale.[31] Blumenbach vertrat im Gegensatz zu Kant die Ansicht, dass es keine eindeutig voneinander abgrenzbaren und unwandelbaren Rassetypen gebe, sondern dass eine Rasse unmerklich in die andere ĂŒbergehe. Er kritisierte auch, dass man (namentlich LinnĂ©) bisher die Rassen zu schematisch nach den Kontinenten eingeteilt habe, und ergĂ€nzte 1795 seine Einteilung um eine fĂŒnfte VarietĂ€t.[32] Eine Unterscheidung unterlegener und ĂŒberlegener Rassen lehnte er ab.[33] Er war aber auch der Erste, der im Kontext einer anthropologischen Taxonomie von einer eigenen âjĂŒdischen Rasseâ sprach.[34]
Neben physischen Faktoren wie der Hautfarbe und der geographischen Verbreitung spielten bei rassentheoretischen Erörterungen jener Zeit vielfach auch Ă€sthetische und moralische Bewertungen eine Rolle.[35] So legte schon François Bernier in seiner Nouvelle Division de la Terre (1684) besonderen Wert auf die unterschiedliche Schönheit der Frauen der verschiedenen Rassen.[36] Christoph Meiners schrieb in seinem Grundriss der Geschichte der Menschheit (1785): âEines der Hauptmerkmale der StĂ€mme und Völker ist die Schönheit oder HĂ€sslichkeit des ganzen Körpers oder des Gesichtes.â[37] Als Schönheitsideale dienten in diesem Zusammenhang Kunstwerke der griechischen Antike, und auch bei der moralischen Bewertung orientierte man sich an dem antiken Ideal der MĂ€Ăigung und der Beherrschung der Leidenschaften, das vor allem durch die zeitgenössischen religiösen Wiedererweckungsbewegungen des Methodismus und Pietismus vermittelt wurde.[35] Mit der Physiognomik und der Phrenologie kamen zeitweilig sehr populĂ€re Lehren hinzu, die ZusammenhĂ€nge zwischen der Ă€uĂeren Erscheinung eines Menschen und der geistig-moralischen Ebene postulierten und bald auch in den Bereich der Rassentheorien Eingang fanden.[38]
In der Neuen Welt und insbesondere in den USA hatte eine Einteilung der Menschheit groĂen Einfluss, die der britische Historiker Edward Long 1774 in seiner History of Jamaica (Kapitel Negroes) vornahm und die 1788 auch im Columbia Magazine abgedruckt wurde.[39] Long kannte Schwarze nur als Sklaven, und er behauptete einen grundlegenden Unterschied zwischen ihnen und den WeiĂen. Insgesamt unterteilte er die Gattung Homo in drei Arten: WeiĂe (im weitesten Sinn), Neger (Negroes) und Orang-Utans (einschlieĂlich anderer schwanzloser Affen). Diese Abhandlung bildete die theoretische Grundlage des anti-negriden Rassismus in Nordamerika.
Die erste HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts war, wie der Historiker Christian Geulen schreibt, âdie Epoche der wohl breitesten und vielfĂ€ltigsten Verwendung des Rassenbegriffsâ.[40] WĂ€hrend er in der Naturwissenschaft nur am Rande rezipiert wurde, erfreute er sich in anderen Bereichen, von der Kategorisierung der neuen sozialen Lebensformen in den ausufernden Elendsquartieren der Arbeiter in IndustriestĂ€dten bis zur Kennzeichnung individueller Merkmale, groĂer Beliebtheit. In der zweiten HĂ€lfte des Jahrhunderts jedoch machte sich, angestoĂen durch die 1859 publizierte Evolutionstheorie Charles Darwins, eine âBiologisierungâ der Ethnologie geltend, wodurch der Begriff der Rasse wieder verstĂ€rkt als biologische Kategorie wahrgenommen wurde.[41]
Als neue Quelle fĂŒr Kenntnisse fremder âRassenâ kamen im 19. Jahrhundert Berichte von Forschungsreisen hinzu, an denen Zoologen, Anthropologen und Völkerkundler teilnahmen.[42] Unter den Naturwissenschaftlern und Naturphilosophen jenes Jahrhunderts, die sich mit der Materie befassten, waren neben Blumenbach Georges Cuvier, James Cowles Prichard und Louis Agassiz bedeutend. Cuvier zĂ€hlte drei Rassen, Prichard sieben, Agassiz acht. Andere Autoren entwickelten noch feinere Unterteilungen; so unterschied Jean Baptiste Bory de Saint-Vincent 24 und Joseph Deniker allein in Europa 29 Rassen.[43] Die Tendenz, eine immer gröĂere Anzahl von Rassen zu unterscheiden und den Begriff der Rasse dem der Nation anzunĂ€hern, machte sich besonders ab Mitte des 19. Jahrhunderts geltend.[44]
GroĂen Einfluss erlangte der französische Schriftsteller Arthur de Gobineau mit seinem 1852 bis 1854 in vier BĂ€nden erschienenen Essai sur l'inĂ©galitĂ© des raçes humaines (Versuch ĂŒber die Ungleichheit der menschlichen Rassen), in dem er das etablierte Motiv des Rassenkampfes durch das Thema Rassenvermischung ergĂ€nzte und versuchte, die Geschichte der Völker und Nationen auf diese beiden Faktoren zurĂŒckzufĂŒhren.[45] Entscheidend fĂŒr die kulturelle Entwicklung sei, dass sich fortschreitende Völker in ihren Rasse-Eigenschaften von anderen unterscheiden, und die Vermischung der Rassen fĂŒhre zum Niedergang. Dies wurde von zahlreichen anderen Autoren aufgegriffen und bildete die theoretische Grundlage fĂŒr vielfĂ€ltige rassistische Praktiken bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. (Die Vorstellung, dass Rassenmischung schĂ€dlich sei, war damals plausibel, da man die Vererbung an das Blut gebunden dachte, bei dessen fortschreitender Mischung wertvolle Anlagen durch VerdĂŒnnung verloren gehen.[46]) Folgenreich war auch Gobineaus Ăbertragung des ursprĂŒnglich in der Sprachwissenschaft geprĂ€gten Begriffes âArierâ in den Bereich der Rassentheorien.[47] Sein Essai entfaltete seine Wirkung vor allem im deutschen Sprachraum, wo sich der Komponist Richard Wagner und dessen Umfeld (Cosima Wagner, Karl Ludwig Schemann) stark dafĂŒr einsetzte.[48]
Ein weiteres Motiv der âRassenkundeâ, das gegen Ende des Jahrhunderts aufkam und bald sehr populĂ€r wurde, war die Eugenik: die Idee, die Entwicklung von Rassen kĂŒnstlich zu steuern.[49] Zu den einflussreichsten Verfechtern dieses Anliegens gehörten Francis Galton und Houston Stewart Chamberlain. Ăhnliche Ansichten vertrat auch Ernst Haeckel.[50]
Ende des 19. Jahrhunderts war die Entwicklung der Rassentheorien im Wesentlichen abgeschlossen.[51] Um die Jahrhundertwende trat die Eugenik in den Vordergrund der rassentheoretischen Erörterungen, und in den folgenden Jahrzehnten wurde sie in der Praxis umgesetzt. Erste Projekte zur ZĂŒchtung von ârassisch hochwertigenâ Menschen durch gezielte Partnerwahl wurden in Deutschland und England schon in den 1890er Jahren begonnen, und parallel traten in den USA und in Skandinavien erste Fortpflanzungsverbote und Zwangssterilisationen sogenannter âMinderwertigerâ in Kraft.[52] Auch in auĂereuropĂ€ischen Kolonien wurden eugenische Projekte gestartet, und 1912 fand in London der erste eugenische Weltkongress statt. In den 1920er und 1930er Jahren galt die Eugenik als eine der innovativsten Wissenschaften, und sie wurde fast ĂŒberall auch staatlich unterstĂŒtzt.[53]
Die schĂ€rfste Zuspitzung und Radikalisierung erfuhr das rassenbiologische Denken im Nationalsozialismus.[54] Dort war es nicht nur Bestandteil der Propaganda, sondern ein zentraler Punkt der Ideologie und der betriebenen Politik. Adolf Hitlers Buch Mein Kampf enthielt ein umfangreiches Kapitel ĂŒber Eugenik, und den von ihm entfesselten Krieg einschlieĂlich der sogenannten Konzentrationslager betrachtete er als einen Ăberlebenskampf zwischen Rassen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und den GrĂ€ueln des Holocaust setzte die UNESCO 1949 ein Komitee von Anthropologen und Soziologen aus verschiedenen LĂ€ndern ein, das eine ErklĂ€rung zur Rassenproblematik erarbeitete, die 1950 veröffentlicht wurde.[55] Darin wurde festgehalten, dass im allgemeinen Sprachgebrauch zumeist Menschengruppen als âRassenâ bezeichnet wurden, welche der gĂŒltigen Definition dieses Begriffs in der Wissenschaft nicht entsprachen, etwa Amerikaner, Katholiken oder Juden. Insofern im Rahmen der Wissenschaft von Menschenrassen gesprochen werde (etwa bei der Unterscheidung von Mongoloiden, Negroiden und Caucasoiden), beziehe sich das nur auf physische und physiologische Unterschiede. Dagegen gebe es keine Belege fĂŒr nennenswerte Rassenunterschiede bei geistigen Eigenschaften wie der Intelligenz oder dem Temperament. Ebenso gebe es keine bedeutenden rassisch bedingten Unterschiede in sozialer oder kultureller Hinsicht. Und des Weiteren gebe es aus der Sicht der Biologie keine Hinweise darauf, dass eine Vermischung von Rassen nachteilige Auswirkungen habe. An diese ErklĂ€rung schloss sich 1965 das Internationale Ăbereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung an. In der Praxis blieb allerdings in den SĂŒdstaaten der USA noch bis in die spĂ€ten 1960er Jahre die Rassentrennung erhalten, und in SĂŒdafrika wurde die Apartheid erst 1990 ĂŒberwunden.[56]
Ein frĂŒher Kritiker der Rassentheorien LinnĂ©s, Kants und Blumenbachs war Johann Gottfried Herder, der in seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784â1791) eine Einteilung der Menschheit in Rassen ablehnte.[57]
Um 1900 traten im deutschen Sprachraum kritische Stimmen auf, die der Rassenbiologie eine Mitverantwortung fĂŒr den zunehmenden Antisemitismus zuschrieben und antisemitische Erscheinungen innerhalb der Biologie und Anthropologie ansprachen.[58] Die Existenz von Menschenrassen wurde dabei jedoch nicht grundsĂ€tzlich in Zweifel gezogen; die Kritik wendete sich speziell gegen die Annahme einer arischen und einer semitischen (jĂŒdischen) Rasse und gegen die Wertung von Rassen als höher oder niedriger stehend.[59]
Als Reaktion auf die rassistische Politik der Nationalsozialisten schrieben Julian Huxley und Alfred C. Haddon ihr 1935 erschienenes Buch âWe Europeans: A Survey of Racial Problemsâ, in dem sie darlegten, dass es fĂŒr die Annahme verschiedener, voneinander abgegrenzter Menschenrassen innerhalb Europas keine wissenschaftliche Grundlage gebe.[60] Derartige Klassifikationen anhand phĂ€notypischer oder somatischer Merkmale und darauf basierende Bewertungen lehnten sie als pseudowissenschaftlich ab. Sie forderten, den Terminus âRasseâ aus dem wissenschaftlichen Vokabular zu streichen und anstelle von Menschenrassen von âethnischen Gruppenâ zu sprechen, da diese keinen biologischen Bezug besitzen, sondern soziologisch definiert sind. Die biologische Systematisierung der europĂ€ischen Menschentypen sei ein subjektiver Vorgang und der Mythos des Rassismus lediglich ein Versuch, den Nationalismus zu rechtfertigen. An der Untergliederung der gesamten Menschheit in drei groĂe Gruppen hielten sie jedoch fest, wobei sie allerdings vorschlugen, auch in diesem Fall nicht mehr von Rassen, sondern von Unterarten zu sprechen.[61]
Bis in die 1990er Jahre hinein blieb aber die Rede von Menschenrassen in der Biologie gebrĂ€uchlich. So enthĂ€lt Kindlers EnzyklopĂ€die Der Mensch (1982) zwei Kapitel ĂŒber âDie Rassenvielfalt der Menschheitâ und âRassengeschichte und Rassenevolutionâ[62], und im Herder Lexikon Biologie von 1983 bis 1987, Nachdruck 1994, beginnt der Eintrag Menschenrassen mit den Worten: âWie andere biologische Arten ist auch der heutige Homo sapiens (Mensch) in jeweils relativ einheitliche Rassen mit charakteristischen Genkombinationen gegliedertâ.[63] Entsprechend nannte auch der Historiker Imanuel Geiss in seiner 1988 erschienenen Geschichte des Rassismus die Existenz von Menschenrassen âals realhistorische RealitĂ€t in ihrer ElementaritĂ€t unbestreitbarâ.[64]
Populationsgenetiker wie Richard Lewontin und Luigi Luca Cavalli-Sforza argumentieren seit den 1970er Jahren, dass Ă€uĂerliche Unterschiede wie Haut- und Haarfarbe, Haarstruktur und Nasenform lediglich Anpassungen an unterschiedliche Klima- und ErnĂ€hrungsbedingungen sind, die nur von einer kleinen Untergruppe von Genen bestimmt werden. TatsĂ€chlich Ă€hneln nordamerikanische Indianer in den Ă€uĂeren Merkmalen, die traditionell zur Unterscheidung von Rassen herangezogen werden, mehr den EuropĂ€ern als den sĂŒdamerikanischen Indianern, obwohl sie mit letzteren herkunftsmĂ€Ăig viel nĂ€her verwandt sind, und die seit langer Zeit von der ĂŒbrigen Menschheit isolierten australischen Aborigines erscheinen den Schwarzafrikanern relativ Ă€hnlich.[65][9]
In der Deklaration von Schlaining erklĂ€rte eine Gruppe von Wissenschaftlern 1995, dass sich die Unterscheidung von Menschenrassen als in sich homogener und klar gegeneinander abgrenzbarer Populationen aufgrund jĂŒngster Fortschritte der Molekularbiologie und der Populationsgenetik als unhaltbar erwiesen habe.[10] Die genetische Vielfalt der Menschheit sei nur gradueller Natur und lasse keine gröĂeren DiskontinuitĂ€ten erkennen. Daher sei jeder typologische Ansatz zur Unterteilung der Menschheit ungeeignet. Des Weiteren seien die erblichen Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen nur gering im Vergleich zur Varianz innerhalb dieser Gruppen. Aufgrund Ă€uĂerlicher Unterschiede, die nur Anpassungen an verschiedene Umweltbedingungen seien, grundlegende genetische Unterschiede anzunehmen, sei ein Trugschluss. Eine im Tenor ĂŒbereinstimmende, aber auf die besonderen, historisch bedingten VerhĂ€ltnisse in den USA zugeschnittene ErklĂ€rung gab die American Association of Anthropologists 1998 heraus.[66]
Populationsgenetische Studien ergaben, dass etwa 85 % der genetischen Variation innerhalb solcher Populationen wie der Franzosen oder der Japaner zu finden sind.[9][67] Dagegen sind die genetischen Unterschiede zwischen den traditionell aufgrund der Hautfarbe unterschiedenen Rassen mit etwa 6 bis 10 % vergleichsweise gering. Hinzu kommt, dass auch diese vermeintlich rassenspezifischen Unterschiede bei genauerer Untersuchung der geographischen Verbreitung keine klaren Grenzen erkennen lassen. Die ĂbergĂ€nge zwischen den âRassenâ sind (mit Ausnahme der australischen Aborigines) flieĂend. Diese empirischen Befunde, die durch Fortschritte bei der Sequenzierung von DNA und Proteinen ermöglicht wurden, fĂŒhrten dazu, dass heute die groĂe Mehrheit der Anthropologen eine Aufteilung der Menschheit in Rassen ablehnt.
Die Diskrepanz zwischen der Verschiedenheit in der Ă€uĂeren Erscheinung und der Gleichförmigkeit der genetischen Ausstattung erklĂ€ren Luca und Francesco Cavalli-Sforza in ihrem Buch Verschieden und doch gleich (1994) folgendermaĂen: âDie Gene, die [im Verlauf der Evolution] auf das Klima reagieren, beeinflussen die Ă€uĂeren Merkmale des Körpers, weil die Anpassung an das Klima vor allem eine VerĂ€nderung der KörperoberflĂ€che erforderlich macht (die sozusagen die Schnittstelle zwischen unserem Organismus und der AuĂenwelt darstellt). Eben weil diese Merkmale Ă€uĂerlich sind, springen die Unterschiede zwischen den Rassen so sehr ins Auge, dass wir glauben, ebenso krasse Unterschiede existierten auch fĂŒr den ganzen Rest der genetischen Konstitution. Aber das trifft nicht zu: Im Hinblick auf unsere ĂŒbrige genetische Konstitution unterscheiden wir uns nur geringfĂŒgig voneinander.â[68]
Der Anthropologe Ulrich Kattmann vertritt die Ansicht, âdass die Rassenklassifikationen der Anthropologen von den AnfĂ€ngen bis heute nicht naturwissenschaftlich fundiert sind, sondern Alltagsvorstellungen und sozialpsychologischen BedĂŒrfnissen entspringenâ.[69] Zudem seien sie grundsĂ€tzlich mit einer wertenden Diskriminierung verbunden und somit rassistisch. Als Beispiel fĂŒr die sozialpsychologische Bedingtheit nennt Kattmann die weitgehend willkĂŒrliche Konstruktion der Hautfarben.[70] So werden die Chinesen seit LinnĂ© als âgelbâ bezeichnet, obwohl ihre Haut keineswegs gelb ist, sondern in der durchschnittlichen Pigmentierung derjenigen âweiĂerâ SĂŒdeuropĂ€er entspricht.