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Rassismus ist eine Ideologie, die âRasseâ in der biologistischen Bedeutung als grundsĂ€tzlichen bestimmenden Faktor menschlicher FĂ€higkeiten und Eigenschaften deutet. Der Begriff Rassismus entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der kritischen Auseinandersetzung mit auf Rassentheorien basierenden politischen Konzepten. In anthropologischen Theorien ĂŒber den Zusammenhang von Kultur und rassischer Beschaffenheit wurde der biologische Begriff der Rasse mit dem ethnisch-soziologischen Begriff âVolkâ vermengt.
Rassismus zielt dabei nicht auf subjektiv wahrgenommene Eigenschaften einer Gruppe, sondern stellt deren Gleichrangigkeit und im Extremfall die Existenz der anderen in Frage. Rassische Diskriminierung versucht typischerweise, auf (projizierte) phÀnotypische und davon abgeleitete persönliche Unterschiede zu verweisen.
UnabhĂ€ngig von seiner Herkunft kann Rassismus jeden Menschen betreffen. Die Konvention der Vereinten Nationen unterscheidet nicht zwischen rassischer und ethnischer Diskriminierung.[1] Ein erweiterter Rassismusbegriff kann auch eine Vielzahl anderer Kategorien mit einbeziehen. Menschen mit rassistischen Vorurteilen diskriminieren andere aufgrund solcher Zugehörigkeit, institutioneller Rassismus verweigert bestimmten Gruppen Vorteile und Leistungen oder privilegiert andere. Rassistische Theorien und Argumentationsmuster dienen der Rechtfertigung von HerrschaftsverhĂ€ltnissen und der Mobilisierung von Menschen fĂŒr politische Ziele.[2] Die Folgen von Rassismus reichen von Vorurteilen und Diskriminierung ĂŒber Rassentrennung, Sklaverei und Pogrome bis zu sogenannten âEthnischen SĂ€uberungen" und Völkermord.
Rassismus, im strengen Sinne des Wortes, erklĂ€rt soziale PhĂ€nomene anhand pseudowissenschaftlicher AnalogieschlĂŒsse aus der Biologie. Als Reaktion auf die egalitĂ€ren UniversalitĂ€tsansprĂŒche der AufklĂ€rung versucht er eine scheinbar unantastbare Rechtfertigung sozialer Ungleichheit durch den Bezug auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Kultur, sozialer Status, Begabung und Charakter, Verhalten, etc. gelten als durch die erbbiologische Ausstattung determiniert. Eine vermeintlich natur- oder gottgegebene, hierarchisch-autoritĂ€re Herrschaftsordnung und die daraus gefolgerten HandlungszwĂ€nge dienen der Rechtfertigung von Diskriminierung, Ausgrenzung, UnterdrĂŒckung, Verfolgung oder Vernichtung von Individuen und Gruppen â sowohl auf individueller als auch auf institutioneller Ebene. Hautfarbe, Blut und Gene, aber auch Sprache, Religion oder Kultur stabilisieren die Abgrenzung zwischen den verschiedenen Gruppen und sollen die Vorrangstellung des Eigenen vor dem Fremden sichern. Der zivilisatorische Fortschritt der Moderne wird als dekadente, einer natĂŒrlichen Ungleichheit der Menschen widersprechende, Verfallsgeschichte interpretiert.[3]
Die Wurzeln des Rassismus reichen zurĂŒck bis in die frĂŒhe Geschichte der Menschheit. Der Historiker Imanuel Geiss sieht in den historischen Grundlagen des indischen Kastenwesens die âĂ€lteste Form quasi-rassistischer Strukturenâ (Geiss, S. 49 f.).[4] Laut Geiss nahmen sie ihren Anfang spĂ€testens mit der Eroberung Nordindiens durch die Arier gegen 1500 v. Chr.; âHellhĂ€utige Eroberer pressten unterworfene DunkelhĂ€utige als âSklavenâ in die Apartheid einer Rassen-Kasten-Gesellschaft, die sich auf Dauer in der ursprĂŒnglichen Form nicht halten lieĂ, aber zur extremen Fragmentierung und Abschottung der Kasten als unĂŒbersteigbare Lebens-, Berufs-, Wohn-, Essens- und Ehegemeinschaften fĂŒhrteâ (ebenda).[4] Im antiken Griechenland wurden die Barbaren zwar nicht als ârassisch minderwertigâ, sondern ânurâ als kulturell, bzw. zivilisatorisch ZurĂŒckgebliebene betrachtet,[5] aber auch hier sprechen einige Historiker von prototypischem â oder auch âProto-Rassismusâ.
Der âmoderneâ Rassismus entstand im 14. und 15. Jahrhundert und wurde ursprĂŒnglich eher in religiöser als in naturwissenschaftlicher Diktion artikuliert (Fredrickson, S. 14).[6] Ab 1492, nach der Reconquista, der RĂŒckeroberung Andalusiens durch die Spanier, wurden Juden und Muslime als «fremde Eindringlinge» oder schlicht als âmarranosâ (Schweine) verfolgt und aus Spanien vertrieben. Zwar existierte die formale Möglichkeit der (mehr oder weniger freiwilligen) Taufe, um Vertreibung oder Tod zu entrinnen, jedoch wurde angenommen, bzw. unterstellt, dass die Conversos (konvertierte Juden) oder Moriscos (konvertierte Mauren) weiterhin heimlich ihren Glauben ausĂŒbten,[7] wodurch den Konvertiten faktisch die Möglichkeit genommen wurde, vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Das âJĂŒdischeâ oder das âIslamischeâ, aber auch das âChristlicheâ, wurde zum inneren Wesen, zur âEssenzâ des Menschen erklĂ€rt und die Religionszugehörigkeit so zur unĂŒberwindlichen Schranke. Die Vorstellung, die Taufe oder Konversion reiche nicht, um den Makel zu tilgen, essentialisiert oder naturalisiert die Religion und gilt vielen Historikern daher als Geburt des modernen Rassismus. Die Vorstellung, ein Jude oder Moslem behielte auch dann sein jĂŒdisches oder muslimisches âWesenâ, wenn er seine Religion geĂ€ndert hat -, es liege ihm gewissermaĂen im Blute â ist im Kern rassistisch. âDie alte europĂ€ische Ăberzeugung, dass Kinder dasselbe âBlutâ haben, wie ihre Eltern, war eher eine Metapher und ein Mythos als ein empirischer wissenschaftlicher Befund, aber sie sanktionierte eine Art genealogischem Determinismus, der in Rassismus umschlĂ€gt, wenn er auf ganze ethnische Gruppen angewandt wirdâ (Fredrickson, S. 15).[6] Die âEstatutos de limpieza de sangreâ (âStatuten von der Reinheit des Blutesâ), erstmalig niedergelegt 1449 fĂŒr den Rat der Stadt Toledo, gelten einigen Autoren als Vorwegnahme der NĂŒrnberger Rassegesetze.[8] âDie spanische Doktrin von der Reinheit des Blutes war in dem MaĂe, wie sie tatsĂ€chlich durchgesetzt wurde, zweifellos eine rassistische Lehre. Sie fĂŒhrte zur Stigmatisierung einer ganzen ethnischen Gruppe aufgrund von Merkmalen, die â so die Behauptung â weder durch Bekehrung noch durch Assimilation zu beseitigen waren.â (Fredrickson, S. 38 f.).[6] Aus der christlichen Glaubensgemeinschaft, der eigentlich jeder angehört, der durch die Taufe zu einem Teil der Gemeinschaft geworden ist, war eine Abstammungsgemeinschaft, ein RassenĂ€quivalent, geworden â ein Vorgang, in dem sich fast 500 Jahre vor dem Nationalsozialismus das rassistische Ideologem vom âVolkskörperâ mit den damit einhergehenden Vorstellungen, beispielsweise von der âUnreinheit des jĂŒdischen Blutesâ, ankĂŒndigt.
Dieser mittelalterliche Rassismus blieb jedoch zunĂ€chst eingebunden in den Zusammenhang mythischer und religiöser Vorstellungen, es fehlte der Bezug auf eine naturwissenschaftlich begrĂŒndete Biologie. Erst als religiöse Gewissheiten in Frage gestellt, und die Trennung zwischen Körper und Seele zugunsten eines materialistisch-naturwissenschaftlichen Weltbildes aufgehoben wurden, waren die geistesgeschichtlichen Voraussetzungen fĂŒr einen Rassismus neuzeitlicher PrĂ€gung gegeben.[9] âDer Rassismus konnte sich in dem MaĂe zu einer komplexen Bewusstseinsform entwickeln, wie sich rassistische Bewusstseinselemente aus den theologischen Bindungen des Mittelalters âemanzipierenâ konnten.â[10] Pseudowissenschaftliche Rassentheorien sind gewissermaĂen ein âAbfallprodukt der AufklĂ€rungâ,[11] deren scheinbar naturwissenschaftliche Argumentation auch und gerade von groĂen AufklĂ€rern rezipiert wurde. âMit ihrem leidenschaftlichen, manchmal an Fanatismus grenzenden Bestreben, die Welt »logisch« zu ordnen, mit ihrer Manie, alles zu klassifizieren, haben die Philosophen und Gelehrten der AufklĂ€rung dazu beigetragen, jahrhundertealten rassistischen Vorstellungen eine ideologische KohĂ€renz zu geben, die sie fĂŒr jeden anziehend machte, der zu abstraktem Denken neigte.â[12]
So schrieb Voltaire 1755: «Die Rasse der Neger ist eine von der unsrigen völlig verschiedene Menschenart, wie die der Spaniels sich von der der Windhunde unterscheidet [..] Man kann sagen, dass ihre Intelligenz nicht einfach anders geartet ist als die unsrige, sie ist ihr weit unterlegen.».[13][14] UrsprĂŒnglich metaphysisch und religiös begrĂŒndet, erhielt der Rassismus durch die AufklĂ€rung ein weiteres, ein sĂ€kulares Fundament.
Teilte 1666 der Leydener Professor Georgius Hornius die Menschheit in Japhetiten (WeiĂe), Semiten (Gelbe) und Hamiten (Schwarze), weil er gemÀà der biblischen Ăberlieferung glaubte, die gesamte Menschheit stamme von den drei Söhnen Noachs, Japhet, Sem und Ham ab, so stellte keine 20 Jahre spĂ€ter, 1684, der französische Gelehrte François Bernier eine Rassensystematik vor, in der er die Menschen anhand Ă€uĂerer Merkmale, wie Hautfarbe, Statur und Gesichtsform in vier bis fĂŒnf ungleich entwickelte Rassen kategorisierte. Lastete auf den Schwarzen zuvor der Fluch des Ham[15] und auf den Juden die kollektive Schuld des Gottesmordes, so wurden nun »wissenschaftliche« GrĂŒnde angefĂŒhrt die deren »rassische« Andersartigkeit oder Minderwertigkeit »beweisen« sollten.
Naturforscher wie LinnĂ©, Buffon, Blumenbach, Immanuel Kant und viele andere katalogisierten und klassifizierten Tier- und Pflanzenreich, aber auch die damals bekannte Menschheit und schufen so die Grundlagen der "Naturgeschichte des Menschen", der Anthropologie. Doch war deren Arbeit von Anfang an durch ĂŒberlieferte Mythen und Vorurteile belastet. Besonders die von der mittelalterlichen Theologie ĂŒberlieferte und in die sĂ€kulare neuzeitliche Wissenschaft ĂŒbernommene Scala Naturae, die »Stufenleiter der Wesen«, spielte dabei eine gewichtige Rolle. Diese Vorstellung ordnete allem Leben einen festen Platz in einer Hierarchie »niederer« und »höherer« Wesen zu. Sie trug einerseits zur Bildung von Theorien ĂŒber Evolution und Höherentwicklung bei, fĂŒhrte jedoch andererseits, ĂŒbertragen auf den Menschen, zur Unterscheidung Ă€lterer und jĂŒngerer »Rassenschichten«, die mit »primitiv« und »fortschrittlich« gleichgesetzt wurden.[16] â HĂ€tten sich die Anthropologen darauf beschrĂ€nkt, die Menschengruppen nach ihren physischen Merkmalen zu gliedern und daraus keine weiteren SchlĂŒsse zu ziehen, wĂ€re ihre Arbeit so harmlos wie die des Botanikers oder Zoologen und lediglich deren Fortsetzung gewesen. Doch stellte sich schon gleich zu Beginn heraus, dass diejenigen, die die Klassifikationen vornahmen, sich das Recht anmaĂten, ĂŒber die Eigenschaften der Menschengruppen, die sie definierten, zu Gericht zu sitzen: indem sie von den physischen Merkmalen Extrapolationen auf geistige oder moralische vornahmen, stellten sie Hierarchien von Rassen auf.â[17] âWas immer LinnĂ©, Blumenbach und andere Ethnologen des 18. Jahrhunderts beabsichtigt hatten â sie waren jedenfalls die Wegbereiter fĂŒr einen sĂ€kularen beziehungsweise "wissenschaftlichen" Rassismusâ (Fredrickson, S. 59).[6]
Durch die Wertung phĂ€notypischer Merkmale anhand Ă€sthetischer Kriterien, sowie ihrer VerknĂŒpfung mit geistigen, charakterlichen oder kulturellen FĂ€higkeiten bereiteten die im 18. Jahrhundert ausgearbeiteten Rassentypologien den Boden fĂŒr den voll entfalteten biologischen Rassismus des 19. und 20. Jahrhunderts (vgl. Fredrickson, S. 61-63).[6] Joseph Arthur Comte de Gobineau, den Poliakov als den âgroĂen Herold biologisch gefĂ€rbten Rassismusâ bezeichnet, gilt als Erfinder der arischen Herrenrasse und BegrĂŒnder der modernen Rassenlehre, bzw. als theoretischer Vordenker des modernen Rassismus.[18] Den Niedergang seines Standes erklĂ€rte der französische Adlige als Folge der rassischen Degeneration. Zudem prophezeite er, dass die Vermischung des Blutes unterschiedlicher Rassen unweigerlich zum Aussterben der Menschheit fĂŒhre.[19]
Im 20. Jahrhundert haben sich in vielen LĂ€ndern ausgeprĂ€gte Formen des Rassismus herausgebildet, die zum Teil zu offiziellen Ideologien der jeweiligen Staaten wurden â Beispiele sind:
Seit der UNESCO-Deklaration gegen den "Rasse"-Begriff[20] auf der UNESCO-Konferenz »Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung« im Jahre 1995 im österreichischen Stadtschlaining wird nicht nur jede biologische, sondern auch jede soziologische Ableitung rasseÀhnlicher Kategorien geÀchtet:
Der 21. MĂ€rz ist der Internationale Tag gegen Rassismus. Im Jahr 2006 steht dort die BekĂ€mpfung der alltĂ€glichen Diskriminierung, des sog. Alltagsrassismus im Vordergrund. UNO-Berichterstatter ĂŒber Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ist Doudou DiĂšne.
Rassismus als soziales und psychologisches PhĂ€nomen existiert unabhĂ€ngig von Rassentheorien,[21] als rassistisch zu beschreibende Gruppenkonflikte lassen sich bis in die frĂŒhe Menschheitsgeschichte nachweisen.[4] Rassismus als systematisches LehrgebĂ€ude dagegen entwickelte sich seit dem ausgehenden 18. Jh. im kontinentalen Europa und der angelsĂ€chsischen Welt.[3]
Der Begriff âRassismusâ tauchte jedoch erst zu einem Zeitpunkt auf, als am Rassenbegriff oder zumindest an einigen seiner Verwendungen Zweifel aufkamen. Er entstand im frĂŒhen 20. Jahrhundert, in der Auseinandersetzung mit völkischen Theorien; âund in der Endung â-ismusâ schlug sich die Auffassung von Historikern und anderen Autoren nieder, dass es sich dabei um fragwĂŒrdige Ansichten und Ăberzeugungen handele, nicht um unbestreitbare Naturtatsachenâ (Fredrickson, S. 159).[6] Die Rassisten selbst hingegen verstanden sich positiv als Vertreter einer âRassenkundeâ oder âRassenlehreâ und lehnten infolgedessen «Rassismus» zur Umschreibung ihrer Ansichten ab (Geiss, S. 17 u. 341).[4] Meyers Lexikon definierte 1942 Rassismus folgendermaĂen:
Pionierarbeit in vielerlei Hinsicht leistete ThĂ©ophile Simar. Sein 1922 erschienenes Werk âĂtude critique sur la formation de la doctrine des races au XVIIIe siĂšcle et son expansion au XIXe siĂšcleâ gilt als das erste, in dem die Begriffe «Rassismus» und «rassistisch» Anwendung fanden. Darin setzte er sich Ă€uĂerst kritisch mit der These der germanischen bzw. teutonischen Ăberlegenheit ĂŒber die anderen europĂ€ischen â besonders die romanischen â Völker auseinander und kam dabei zu dem Schluss, dass derartige Konzepte wissenschaftlich nicht stichhaltig seien und ausschlieĂlich politischen Zwecken dienen (Fredrickson, S. 161 - 162).[6]
Im Jahre 1935 kritisierten Julian Huxley und Alfred C. Haddon in ihrem Buch âWe Europeans: A survey of Racial problemsâ, dass es fĂŒr die Idee verschiedener, voneinander abgegrenzter Menschenrassen keinerlei wissenschaftliche Beweise gebe. Klassifikationen anhand phĂ€notypischer oder somatischer Merkmale und darauf basierende Bewertungen sowie jede Form von âRassenbiologieâ lehnten sie als pseudowissenschaftlich ab. Sie forderten daher, das Wort Rasse aus dem wissenschaftlichen Vokabular zu streichen und durch die Bezeichnung âethnische Gruppeâ zu ersetzen. Die Rassentheorien der Nazis bezeichneten sie als âGlaubensbekenntnis eines leidenschaftlichen Rassismusâ. âDer Rassismus ist ein Mythos und ein gefĂ€hrlicher dazu. Er ist ein Deckmantel fĂŒr selbstsĂŒchtige ökonomische Ziele, die in ihrer unverhĂŒllten Nacktheit hĂ€sslich genug aussehen wĂŒrden.â Die biologische Anordnung der europĂ€ischen Menschentypen sei ein subjektiver Vorgang und der Mythos des Rassismus ein Versuch, den Nationalismus zu rechtfertigen.[23]
Jacques Barzun klassifizierte in seinem richtungsweisenden Werk âRace: a Study in Superstitionâ von 1937 den «Rassengedanken» (racialism)[24] als modernen Aberglauben und eine Form irregeleiteten Denkens.[25] Rasse, so erklĂ€rte er, âwar in Deutschland ein Mittel, um dem deutschen Volk nach der nationalen Erniedrigung von Versailles und danach ein GefĂŒhl der Selbstachtung zurĂŒckzugeben.â Er beschreibt ferner, wie auch schon frĂŒher und an anderen Orten Rassismus dazu benutzt wurde, um dem «Nationalen» Aufschwung zu verleihen (vgl. Fredrickson, S. 167).[6] Bereits im ersten Kapitel wies er darauf hin, dass nicht nur die deutsche Einstellung gegenĂŒber den Juden rassistisch sei, sondern ebenso die Annahme der «weiĂen Ăberlegenheit gegenĂŒber den Schwarzen», die Furcht vor der asiatischen «Gelben Gefahr» oder die Ăberzeugung, Amerika mĂŒsse die angelsĂ€chsische Rasse davor beschĂŒtzen durch sĂŒdeuropĂ€isches, jĂŒdisches oder das «Blut der Neger» verunreinigt zu werden. Seine umfassende Analyse der rassistischen Ideenwelt seiner Zeit beinhaltete u. a.:
GröĂeren Bekanntheitsgrad erlangte der Begriff «Rassismus» erst durch den Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, dessen zwischen 1933 und 1934 verfasste Analyse und Widerlegung der nationalsozialistischen Rassendoktrin posthum, in englischer Ăbersetzung, unter dem Titel âRacismâ veröffentlicht wurde. In dem 1938 erschienenen Werk erklĂ€rte Hirschfeld den Aufstieg des deutschen Antisemitismus als Folge der Probleme, die aus der Niederlage im Ersten Weltkrieg erwuchsen. Rassismus diene als Sicherheitsventil gegen ein KatastrophengefĂŒhl und scheine fĂŒr die Wiederherstellung der Selbstachtung zu sorgen, zumal er sich gegen einen leicht erreichbaren und wenig gefĂ€hrlichen Feind im eigenen Land richte und nicht gegen einen achtenswerten Feind jenseits der nationalen Grenzen.[26] Dem Konzept der "Rasse" konnte auch er nichts abgewinnen, was von wissenschaftlichem Wert wĂ€re; stattdessen empfahl er die Streichung des Ausdrucks, âsoweit damit Unterteilungen der menschlichen Spezies gemeint sindâ.[27] Doch bot auch Hirschfeld keine formale Definition des «Rassismus» und machte auch nicht deutlich, worin seiner Ansicht nach der Unterschied zum Begriff der «Xenophobie» besteht, den er ebenfalls verwandte.
Die erste Rassismus-Definition stammt von der Amerikanerin Ruth Benedict. In ihrem 1940 erschienenen Buch âRace â Science and Politicsâ bezeichnet sie Rassismus als âdas Dogma, dass eine ethnische Gruppe von Natur aus zu erblicher Minderwertigkeit und eine andere Gruppe zu erblicher Höherwertigkeit bestimmt ist. Das Dogma, dass die Hoffnung der Kulturwelt davon abhĂ€ngt, manche Rassen zu vernichten und andere rein zu erhalten. Das Dogma, dass eine Rasse in der gesamten Menschheitsgeschichte TrĂ€ger des Fortschritts war und als einzige auch kĂŒnftig Fortschritt gewĂ€hrleisten kannâ.
Bereits diese frĂŒhe Definition verwendet «Rasse» und «ethnische Gruppe» synonym, der Terminus «Rasse» wird dabei als soziologische Kategorie aufgefasst und kommt ohne biologischen Bezug aus. Benedict unterschied zunĂ€chst scharf zwischen religiösen und rassischen Differenzkonzepten und versuchte so den Rassismusbegriff auf den biologischen Rassismus einzugrenzen. Im weiteren Verlauf ihrer Studien gab sie diese Trennung jedoch auf und leitete eine «funktionale Ăquivalenz» zwischen religiösem Fanatismus und solchen Abneigungen her, die mit Merkmalen der physischen Erscheinung oder der Abstammung gerechtfertigt werden. Beide fĂŒhren, so Benedict, zu Formen der Verfolgung, fĂŒr die lediglich unterschiedliche Rechtfertigungen formuliert werden, die sich aber in ihrem Wesen nicht unterscheiden.âIn den Augen der Geschichte jedenfalls bleibt der Rassismus lediglich ein anderes Beispiel fĂŒr die Verfolgung von Minderheiten zum Vorteil derer, die an der Macht sindâ (Fredrickson, S. 168).[6] PopulĂ€r wurde Benedicts Definition durch Martin Luther King, der sie mehr als 25 Jahre spĂ€ter in seinem Buch âWhere do we go from here: Chaos or Community?â verwandte.
1965 definiert die UNO im Internationalen Ăbereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung den Begriff der âRassendiskriminierungâ als: âjede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, AusschlieĂung, BeschrĂ€nkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, GenieĂen oder AusĂŒben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeintrĂ€chtigt wird.â
In der Wissenschaft existieren heute verschiedene Definitionen des Begriffs Rassismus. Tragweite, GĂŒltigkeit und ErklĂ€rungsmacht der jeweiligen Definitionen variieren je nach Deutungsebene und Schwerpunkt. Der Begriff ist stark ideologisiert, so dass die Akzeptanz oder Ablehnung verschiedener Definitionen auch von politischen oder ethischen PrĂ€ferenzen abhĂ€ngen kann. Die jeweils extremsten Deutungen weiten den Begriff entweder sehr aus, bis hin zum sog. âSpeziesismusâ, oder schrĂ€nken ihn stark ein, so dass er lediglich den âklassischenâ, also auf Rassentheorien basierenden Rassismus umfasst[28], oder verlangen zwingend ein ĂŒber bloĂe Diskriminierung hinausgehendes eliminatorisches Element, oder stellen den Begriff sogar gĂ€nzlich in Frage, weil es sich dabei um eine âevolutionspsychologische SelbstverstĂ€ndlichkeitâ handele.[29] DefinitionsgegenstĂ€nde können historische TatbestĂ€nde sein, praktische Strukturen und Prozesse aber auch Theorien, Ideologien, Denkmethoden und abstrakte Konzepte oder der «Rassismus an sich».
Der marxistische Rassismusforscher Ătienne Balibar stellte fest, âdass es nicht «einen» invarianten Rassismus, sondern «mehrere» Rassismen gibt, die ein ganzes situationsabhĂ€ngiges Spektrum bilden [..] Eine bestimmte rassistische Konfiguration hat keine festen Grenzen, sie ist ein Moment einer Entwicklung, dass je nach seinen eigenen latenten Möglichkeiten, aber auch nach den historischen UmstĂ€nden und den KrĂ€fteverhĂ€ltnissen in den Gesellschaftsformationen einen anderen Platz im Spektrum möglicher Rassismen einnehmen kann.â[30]
Der Historiker Patrick Girard sah bereits 1976 die Notwendigkeit eines differenzierteren Rassismusbegriffes: âZum Beispiel waren offensichtlich Juden, Indianer und Schwarze alle Opfer verschiedener Spielarten des Rassismus. Sie waren das aber auf Grund ganz unterschiedlicher Voraussetzungen in ganz verschiedenen Epochen und aus ganz verschiedenen GrĂŒnden. Daher ist es vorzuziehen, von «Rassismen» und nicht von «Rassismus» zu sprechen, wobei der Antisemitismus, wie wir sehen werden, eine Sonderstellung einnimmtâ.[31]
Auch der Soziologe Stuart Hall u. a. unterscheiden aus praktischen und analytischen ErwÀgungen heraus zwischen dem «allgemeinen Rassismus» und seinen verschiedenen Ausformungen, den Rassismen:
âEs gibt keinen Rassismus als allgemeines Merkmal menschlicher Gesellschaften, nur historisch-spezifische Rassismen.[32]â
âEmpirisch hat es viele Rassismen gegeben, wobei jeder historisch spezifisch und in unterschiedlicher Weise mit den Gesellschaften verknĂŒpft war, in denen er aufgetreten ist.[33]â
âIch habe bislang ĂŒber den allgemeinen Begriff des Rassismus gesprochen, ĂŒber Rassismus im allgemeinen. Aber wo immer wir Rassismus vorfinden, entdecken wir, dass er historisch spezifisch ist, je nach der bestimmten Epoche, nach der bestimmten Kultur, nach der bestimmten Gesellschaftsform, in der er vorkommt. Diese jeweiligen spezifischen Unterschiede muss man analysieren. Wenn wir ĂŒber konkrete gesellschaftliche RealitĂ€t sprechen, sollten wir also nicht von Rassismus, sondern von Rassismen sprechen.[34]â
In gleicher Weise argumentiert der Historiker George M. Fredrickson:
âDiese KontinuitĂ€ten [strukturelle Ăhnlichkeiten von biologisch begrĂŒndetem und «neuem kulturellem Rassismus»] weisen meiner Ansicht nach darauf hin, dass es eine allgemeine Geschichte des Rassismus und eine Geschichte partikulĂ€rer Rassismen gibt; doch um die verschiedenen Formen und Funktionen des allgemeinen PhĂ€nomens zu verstehen, mit denen wir uns befassen, ist es notwendig, den jeweils spezifischen Kontext zu kennen.[35]â
Die Soziologen LoĂŻc Wacquant und Albert Memmi empfehlen, âein fĂŒr alle mal auf die allzu dehnbare Reizvokabel Rassismus zu verzichten oder sie allenfalls zur Beschreibung empirisch analysierbarer Doktrinen und Ăberzeugungen von Rassen zu verwenden;â[36] bzw. den Terminus «Rassismus», wenn ĂŒberhaupt, dann ausschlieĂlich zur Bezeichnung des Rassismus im biologischen Wortsinne zu gebrauchen (Memmi, S. 121).[37]
Memmi fasst den «Rassismus im weiteren Sinne» als einen «allgemeinen Mechanismus» auf, der jedoch in verschiedenen Spielarten auftritt, von denen der «Rassismus im engeren Sinne» nur eine ist. Weil ein Rassismus sich ohne ein VerstĂ€ndnis des anderen nur unzureichend begreifen lasse und der «Rassismus im weiteren Sinne» wesentlich stĂ€rker verbreitet sei, schien es ihm sinnvoll, âden biologischen Rassismus, historisch eine relativ junge Erscheinung, einer allgemeineren und viel Ă€lteren Verhaltensweise unterzuordnenâ (Memmi, S. 97).[37] âTatsĂ€chlich stĂŒtzt sich die rassistische Anklage bald auf einen biologischen und bald auf einen kulturellen Unterschied. Einmal geht sie von der Biologie, dann wieder von der Kultur aus, um daran anschlieĂend allgemeine RĂŒckschlĂŒsse auf die Gesamtheit der Persönlichkeit, des Lebens und der Gruppe des Beschuldigten zu ziehen. Manchmal ist das biologische Merkmal nur undeutlich ausgeprĂ€gt, oder es fehlt ganz. Kurz, wir stehen einem Mechanismus gegenĂŒber, der unendlich mannigfaltiger, komplexer und unglĂŒcklicherweise auch stĂ€rker verbreitet ist, als der Begriff Rassismus im engen Wortsinne vermuten lieĂe. Es ist zu ĂŒberlegen, ob man ihn nicht besser durch ein anderes Wort oder eine andere Wendung ersetzt, die sowohl die Vielfalt als auch die Verwandtschaft der einzelnen Formen des Rassismus zum ausdruck bringtâ (Memmi, S. 165 â 166).[37] âDer Begriff Rassismus passt genau fĂŒr die biologische Bedeutungâ und solle daher kĂŒnftig ausschlieĂlich fĂŒr den Rassismus im biologischen Sinne gebraucht werden. Zur Bezeichnung der allgemeinen Erscheinung schlug Memmi ursprĂŒnglich Ethnophobie vor, entschied sich jedoch 1982 fĂŒr den Begriff Heterophobie, denn âdamit lieĂen sich jene phobischen und aggressiven Konstellationen begrifflich fassen, die gegen andere gerichtet sind und mit unterschiedlichen - psychologischen, kulturellen, sozialen oder metaphysischen â Argumenten gerechtfertigt werden, und von denen der Rassismus im engeren Sinne lediglich eine Variante wĂ€reâ (Memmi, S. 121â122).[37] âMit «Rassismus» soll ausschlieĂlich die Ablehnung des anderen unter Berufung auf rein biologische Unterschiede, mit «Heterophobie» soll die Ablehnung des anderen unter Berufung auf Unterschiede jedweder Art gemeint sein. Damit wird der Rassismus zu einem Sonderfall der Heterophobieâ (Memmi, Seite 124).[37] Mit dem Begriff «Heterophobie» lieĂen sich nach Ansicht Memmis auch weitere terminologische Probleme lösen, weil er einerseits alle Spielarten einer âaggressiven Ablehnung des anderenâ erfasse und sich umgekehrt auch leicht in seine verschiedenen Formen ummĂŒnzen lasse. âStatt von Antisemitismus[38] zu sprechen, einem offensichtlich ungenauen Terminus[39], könnte man den Begriff «Judenphobie» gebrauchen, der eindeutig die Angst vor dem JĂŒdischen und dessen Ablehnung bezeichnet; dasselbe gilt fĂŒr die Begriffe «Negrophobie», «Arabophobie» usw.â (Memmi, S. 123).[37]
Die in der Rassismusforschung aktuell am breitesten akzeptierte Definition stammt von dem französischen Soziologen Albert Memmi:
Diese Definitionen ist nicht auf rassenbiologisch begrĂŒndete Rassismen beschrĂ€nkt, so stĂŒtzt sich die ârassistische Anklage bald auf einen biologischen und bald auf einen kulturellen Unterschied. Einmal geht sie von der Biologie, dann wieder von der Kultur aus, um daran anschlieĂend allgemeine RĂŒckschlĂŒsse auf die Gesamtheit der Persönlichkeit, des Lebens und der Gruppe des Beschuldigten zu ziehen.â(Memmi, S. 165 f.).[37][40]
Sie beinhaltet drei Elemente, die Memmi fĂŒr wesentlich erachtet und denen auch in der aktuellen Rassismusforschung zentrale Bedeutung zukommt.[41] Memmi betont, dass keines dieser Elemente fĂŒr sich allein schon den Rassismus ausmache, dieser entstehe erst durch die VerknĂŒpfung (Memmi, S. 44).
Die Grundlage des Rassismus besteht in der nachdrĂŒcklichen (Ăber)Betonung oder Konstruktion tatsĂ€chlicher oder fiktiver Unterschiede zwischen Rassist und Opfer. âDer Unterschied ist der Angelpunkt rassistischer Denk und Handlungsweiseâ (Memmi, S. 48).[37] Memmi weist ausdrĂŒcklich darauf hin, dass es sich dabei um einen «allgemeinen Mechanismus» handelt, er â[Der Rassismus] beschrĂ€nkt sich weder auf die Biologie noch auf die Ăkonomie, die Psychologie oder die Metaphysik; er ist eine vielseitig verwendbare Beschuldigung, die von allem Gebrauch macht, was sich anbietet, selbst von dem, was gar nicht greifbar ist, weil sie es je nach Bedarf erfindetâ (Memmi, S. 83).[37] âDie Rassisten verabscheuen die Araber jetzt nicht mehr wegen ihrer sonnenverbrannten Haut oder ihrer levantinischen GesichtszĂŒge, sondern weil sie - «machen wir uns doch nichts vor» - einer lĂ€cherlichen Religion anhĂ€ngen, ihre Frauen schlecht behandeln, grausam oder einfach rĂŒckstĂ€ndig sindâ (Memmi, S. 101).[37] Die Benutzung des Unterschiedes sei zwar fĂŒr die rassistische Argumentation unentbehrlich, âaber es ist nicht der Unterschied, der stets den Rassismus nach sich zieht, es ist vielmehr der Rassismus, der sich den Unterschied zunutze machtâ. Dabei spiele es keine Rolle, ob der Unterschied real sei oder reine Fiktion, fĂŒr sich allein wichtig oder unbedeutend. âWenn es keinen Unterschied gibt, dann wird er vom Rassisten erfunden; gibt es ihn hingegen, dann wird er von ihm zu seinem Vorteil interpretiertâ (Memmi, S. 167).[37]
Das bloĂe Aufzeigen einer Verschiedenheit zwischen zwei Individuen oder Gruppen stellt, so Memmi, fĂŒr sich allein genommen noch keinen Rassismus dar. âDer Rassismus liegt nicht in der Feststellung eines Unterschieds, sondern in dessen Verwendung gegen einen anderenâ (Memmi, S. 214).[37] âDer Rassismus ist die Wertung [..]â, er beginnt dort, wo der Unterschied eine Interpretation[42] erfĂ€hrt und ihm eine (zusĂ€tzliche) Bedeutung beigemessen wird, in der Art, dass sie (ab)wertend wirkt und Nachteile fĂŒr den Bewerteten nach sich zieht.[43] âErst im Kontext des Rassismus nimmt diese Betonung des Unterschieds eine besondere Bedeutung an [..]â (Memmi, S. 166).[37] Die Hervorhebung von tatsĂ€chlichen oder eingebildeten Unterschieden ist fĂŒr Memmi lediglich ein âbequemes Werkzeug fĂŒr etwas ganz anderes, nĂ€mlich die Infragestellung des Opfersâ. Woraus sich als Konsequenz ergibt, dass die Merkmale des anderen stets negative sind, sie bezeichnen etwas Schlechtes, wĂ€hrend die Merkmale des Rassisten gut sind. âDer Rassist ist liebenswert, weil sein Opfer verabscheuungswĂŒrdig ist. Die Welt des Rassisten ist die des Guten, die Welt seines Opfers die des Bösenâ (Memmi, S. 98-99).[37]
Verallgemeinerung wird von Memmi in zweifacher Hinsicht aufgefasst, sie drĂŒckt sich zum einen als «Entindividualisierung» oder «Entpersönlichung» die gleichsam mit einer «Entmenschlichung» einhergeht, zum anderen als «Verabsolutierung» oder «Verewiglichung» aus; er spricht in diesem Sinne von einer âdoppelten Verallgemeinerungâ. âDie Beschuldigung richtet sich fast immer zumindest implizit gegen fast alle Mitglieder der Gruppe, so dass jedes andere Mitglied derselben Beschuldigung ausgesetzt ist, und sie ist zeitlich unbegrenzt, so dass kein denkbares Ereignis in der Zukunft dem Prozess jemals ein Ende machen kannâ (Memmi, S. 114).[37] Das Individuum wird nicht mehr fĂŒr sich betrachtet, sondern als Mitglied einer Gruppe, deren Eigenschaften es zwangslĂ€ufig, a priori besitzt, es wird entindividualisiert. âZugleich verdient die gesamte Fremdgruppe, der das Stigma des SchĂ€dlichen und Aggressiven anhaftet, dass man sie angreift; umgekehrt verdient jeder Angehörige der Fremdgruppe a priori die Sanktion [..]â (Memmi, S. 116).[37] Mit dem Verlust der IndividualitĂ€t geht der Verlust der persönlichen und menschlichen Rechte und WĂŒrde einher. Der Mensch wird nicht in differenzierender Weise beschrieben; âer hat nur das Recht darauf, in einem anonymen Kollektiv zu ertrinkenâ (vgl. Memmi, S. 183 - 186).[37] Jeder wirkliche oder erfundene Mangel des Einzelnen wird auf die ganze pseudoverwandtschaftliche Gruppe ausgedehnt und gleichzeitig wird der Einzelne aufgrund eines kollektiven Makels verurteilt. âIndividuelles und kollektives Merkmal stehen in einer Art dialektischem VerhĂ€ltnis zueinanderâ (vgl. Memmi, S. 170 f.).[37]
Die andere Form der Verallgemeinerung ist die zeitliche Unbegrenztheit der Beschuldigungen. âDer Rassist möchte in dem Stempel, den er dem Gesicht seines Opfers aufdrĂŒckt, dessen endgĂŒltige ZĂŒge sehen. Nicht nur, dass das Opfer einer Gruppe angehört deren Mitglieder alle diese Makel tragen, sie tun es auĂerdem fĂŒr immer. Damit hat alles seine Ordnung fĂŒr die Ewigkeit. Ein fĂŒr allemal sind die Bösen böse und die Guten gut [..]â (Memmi, S. 117 f.).[37]
FĂŒr Memmi dient Rassismus primĂ€r der Herrschaftssicherung, Sinn und Zweck des Rassismus liegt in der Vorherrschaft (Memmi, S. 60).[37] SekundĂ€r kompensiert er psychologische Defizite, âman festigt die eigene Position gegen den Anderen. Psychoanalytisch gesprochen ermöglicht der Rassismus eine individuelle und kollektive StĂ€rkung des Ichsâ (Memmi, S. 160).[37] âUm groĂ zu sein, genĂŒgt es dem Rassisten, auf die Schultern eines anderen zu steigenâ (Memmi, S. 202).[37]
WĂ€hrend bei Memmi die Wertung ein zentrales Element darstellt, verzichtet George M. Fredrickson vollstĂ€ndig auf dieses Kriterium, wodurch seine Definition auch bestimmte ethnozentrische, vor allem aber ethnopluralistische Konzepte einschlieĂt (vgl. Fredrickson, S. 18 f.).[6] Fredricksons Theorie oder Konzeption des Rassismus aus dem Jahr 2002 basiert lediglich auf zwei Komponenten: «Differenz» und «Macht».
Nicht die «Differenz», sondern bereits das âGefĂŒhl der Differenzâ dient - nach Fredrickson - Rassisten als Motiv zur MachtausĂŒbung, bzw. als Rechtfertigung um âethnorassisch Andereâ grausam oder ungerecht zu behandeln. Zur Konstruktion von «wir» und «sie» bedarf es keines realen Unterschiedes, es reicht bereits ein «gefĂŒhlter Unterschied». Weder konkretisiert er die Art der MachtausĂŒbung, diese kann von âeiner inoffiziellen, aber durchgĂ€ngig praktizierten sozialen Diskriminierung bis zum Völkermordâ reichen (Fredrickson, S. 16 f.);[6] noch legt er fest, ob die Differenz biologischer, kultureller, religiöser oder sonstiger Natur ist. âGewöhnlich greift die Wahrnehmung des Anderen als «Rasse» jedoch Differenzen auf, die in irgend einem Sinne «ethnisch» sind. Nach der Definition des Politikwissenschaftlers Donald L. Horowitz grĂŒndet EthnizitĂ€t «auf einem Mythos gemeinsamer Abstammung, die zumeist mit vermeintlich angeborenen Merkmalen einhergeht. Eine gewisse Vorstellung von Merkmalszuschreibung und einer daraus resultierenden AffinitĂ€t sind vom Konzept der EthnizitĂ€t untrennbar.» Die Kennzeichen und Identifizierungsmerkmale, an die man dabei gewöhnlich denkt, sind Sprache, Religion, BrĂ€uche sowie (angeborene oder erworbene) physische Eigenschaften. Eines oder mehrere davon (manchmal alle), können als Quellen ethnischer Verschiedenheit dienen; jedes von ihnen kann Verachtung, Diskriminierung oder Gewalt seitens der anderen Gruppe hervorrufen, die das Merkmal oder die Merkmale, die zum Kriterium des ethnisch Anderen geworden sind nicht teilt. Man kann, wie ich es in einem frĂŒheren Essay einmal getan habe, das Wesen des Rassismus als hierarchisch geordnete EthnizitĂ€t beschreiben; mit anderen Worten, Differenz wird unter Einsatz von Macht zu etwas, das HaĂ erregt und Nachteile mit sich bringtâ (Fredrickson, S. 142).[6]
WĂ€hrend Memmi den Fokus auf die Hierarchisierung, also die Wertung der Differenzen legt, betont Fredrickson besonders deren Verabsolutierung; die «Differenz», die âethnorassischeâ Andersartigkeit muss dauerhaft sein und ohne die Möglichkeit die Unterschiede zu ĂŒberbrĂŒcken. Die Gruppenkonstruktion wird dadurch biologisiert oder auch essentialisiert, dass die ethnischen, kulturellen oder sonstigen Differenzen zu unĂŒberbrĂŒckbaren, quasi-biologischen Unterschieden erklĂ€rt werden; die Gruppenkonstruktion wird zum RassenĂ€quivalent. âZwar mögen Shoah und Entkolonialisierung auf Dauer Regimes in MiĂkredit gebracht haben, die ich als «offen rassistisch» bezeichnet habe; doch sollte diese gute Nachricht nicht zu der Ăberzeugung aufgebauscht werden, der Rassismus als solcher sei tot oder liege im Sterben [âŠ] Was als «neuer Rassismus» in den USA, GroĂbritannien und Frankreich bezeichnet wurde, ist eine Denkweise, die kulturelle Differenzen anstelle von genetischer Ausstattung verdinglicht und zu Wesensunterschieden erstarren lĂ€sst, die also mit anderen Worten Kultur zum funktionalen Ăquivalent von Rasse machtâ (Fredrickson, S. 144).[6] âVon der Existenz einer rassistischen Einstellung kann man sprechen, wenn Differenzen, die sonst als ethnokulturelle betrachtet werden, fĂŒr angeboren, unauslöschlich und unverĂ€nderbar erklĂ€rt werdenâ (Fredrickson, S. 13).[6]
Rassismus, so Fredrickson, âleugnet die Möglichkeit, dass die Rassisten und ihre Opfer in derselben Gesellschaft zusammenleben können, es sei denn auf der Grundlage von Herrschaft und Unterordnungâ, in Anlehnung an Pierre-AndrĂ© Taguieff spricht er von Rassismen der Inklusion und solchen der Exklusion.[44] Ebenfalls gilt als ausgeschlossen, dass die ethnorassische Differenz aufgehoben werden kann, wenn Menschen ihre IdentitĂ€t Ă€ndern (Fredrickson, S. 17).[6] Dauerhaftigkeit und UnĂŒberbrĂŒckbarkeit der Differenz sind fĂŒr Fredrickson das entscheidende Merkmal, um Rassismen von anderen Formen der Intoleranz und Diskriminierung abzugrenzen. âEs könnte sinnvoll sein, einen anderen Begriff, etwa «Kulturalismus», zu verwenden, um die UnfĂ€higkeit oder die mangelnde Bereitschaft zur Duldung kultureller Differenzen zu beschreiben; doch wenn eine echte Assimilation angeboten wird, wĂŒrde ich auf die Verwendung des Rassismusbegriffs verzichtenâ (Fredrickson, S. 14 - 15).[6]
Jedoch gelte es zwischen verschiedenen Konzeptionen von Kultur zu unterscheiden. âGeht man davon aus, dass Kultur historisch konstruiert ist und etwas FlieĂendes, zeitlich und rĂ€umlich Variables darstellt, das sich an Ă€uĂere UmstĂ€nde anpassen kann, dann ist der Begriff Kultur dem der Rasse diametral entgegengesetzt. Aber Kultur kann in einem solchen MaĂe verdinglicht und essentialisiert werden, dass sie zum funktionalen Ăquivalent des Rassenbegriffs wirdâ (Fredrickson, S. 15).[6] âEin deterministischer kultureller Partikularismus kann das gleiche bewirken wie ein biologisch begrĂŒndeter Rassismus [âŠ]â (Fredrickson, S. 16)[6] Die Grenzlinie zwischen «Kulturalismus» und Rassismus ist, nach Fredrickson, rasch ĂŒberschritten, âKultur und sogar Religion können so sehr zu Wesensmerkmalen erstarren, dass sie als funktionales Ăquivalent fĂŒr biologischen Rassismus dienen können. Das gilt seit einiger Zeit in gewissem Umfang fĂŒr die Wahrnehmung der Schwarzen in den USA und GroĂbritannien sowie fĂŒr die der Muslime in einigen vorwiegend christlichen Nationenâ (Fredrickson, S. 148).[6]
FĂŒr Christoph Butterwegge ist Rassismus ein âDenken, das nach körperlichen bzw. nach kulturellen Merkmalen gebildeten GroĂgruppen unterschiedliche FĂ€higkeiten, Fertigkeiten, und/oder Charaktereigenschaften zuschreibt, wodurch selbst dann, wenn keine gesellschaftliche Rangordnung (Hierarchie) zwischen ihnen entsteht, die Ungleichverteilung sozialer Ressourcen und politischer Rechte erklĂ€rt, also die Existenz von Privilegien bzw. der Anspruch darauf legitimiert, die GĂŒltigkeit universeller Menschenrechte hingegen negiert wird.â[45]
Nach Manfred Kappeler benachteiligt Rassismus gröĂere Gruppen von Menschen aufgrund ihrer biologisch oder kulturell begrĂŒndeten Fremdheit und bestreitet ihren Anspruch auf Menschen- bzw. BĂŒrgerrechte sowie MenschenwĂŒrde. Sein âzutiefst inhumaner Kernâ bestehe darin, dass er Menschen nicht als Persönlichkeiten mit eigenen Anlagen und Begabungen, sondern nur als Mitglieder ihrer »Rasse« oder ihres «Kulturkreises» ansehe und ihnen damit jede individuelle, ĂŒber vermeintliche Kollektiveigenschaften hinausgehenden Entwicklungsmöglichkeiten abspreche.[46]
Menschenrechte und -wĂŒrde stehen auch fĂŒr den Historiker Georg Kreis im Mittelpunkt, ebenfalls betont er die Verallgemeinerung der Differenz:
FĂŒr Philomena Essed ist Rassismus âeine Ideologie, eine Struktur und ein Prozess, mittels derer bestimmte Gruppierungen auf der Grundlage tatsĂ€chlicher oder zugeschriebener biologischer oder kultureller Eigenschaften als wesensmĂ€Ăig andersgeartete und minderwertige «Rassen» oder ethnische Gruppen angesehen werden. In der Folge dienen diese Unterschiede als ErklĂ€rung dafĂŒr, dass Mitglieder dieser Gruppierungen vom Zugang zu materiellen und nicht-materiellen Ressourcen ausgeschlossen werden. Rassismus schlieĂt immer den Gruppenkonflikt hinsichtlich kultureller und materieller Ressourcen ein.â â[âŠ] Rassismus ist ein strukturelles PhĂ€nomen. das bedeutet, dass ethnisch spezifizierte Ungleichheit in ökonomischen und politischen Institutionen, im Bereich von Bildung und Erziehung und in den Medien wurzelt und durch diese Strukturen reproduziert wird.â [48]
Damit erweitert sie den Begriff «Rassismus» dahingehend, dass sie damit nicht nur eine Ideologie oder konkrete historische Erscheinungsformen verbindet, sondern auch reale Strukturen und Prozesse, wodurch ihre Definition auch PhÀnomene, beispielsweise Alltagsrassismus oder institutionellen Rassismus, beinhaltet.
Robert Miles hingegen versteht unter Rassismus einen âProzess der Konstruktion von Bedeutungenâ, durch den âbestimmten phĂ€notypischen und/oder genetischen Eigenschaften von Menschen Bedeutungen der Gestalt zugeschrieben werden, dass daraus ein System von Kategorisierungen entstehtâ, in dem den Betroffenen âzusĂ€tzliche (negativ bewertete) Eigenschaften zugeordnet werdenâ.[49] Diese Definition betont wiederum den ideologischen Aspekt des Rassismus. Gleichzeitig verknĂŒpft sie ihn aber eng mit dem âProzess der Rassenkonstruktionâ und beschrĂ€nkt ihn so auf seine klassische Variante.
Fredrickson bemerkt, dass der Begriff «Rassismus» hĂ€ufig unprĂ€zise und unreflektiert verwendet wĂŒrde, um die feindseligen oder negativen GefĂŒhle eines «Volkes» oder einer ethnischen Gruppe gegenĂŒber einer anderen und die aus dieser Einstellung resultierenden Handlungsweisen zu beschreiben (Fredrickson, S. 9).[6]
Kurt Horstmann schlug vor, nicht jegliche Diskriminierung irgendwelcher Gruppen als Rassismus zu bezeichnen und hĂ€lt es fĂŒr angebracht, u. a. in der FlĂŒchtlingsforschung auf den Ausdruck «Rassismus» zu verzichten und stattdessen auf die Begriffe «Fremdenfeindlichkeit», «Xenophobie», «AuslĂ€nderfeindlichkeit» und dergleichen auszuweichen.[50]
Die Frage, ob es im alten Griechenland und im alten Rom Rassismus gegeben habe, wird unterschiedlich beantwortet. Sie ist im Zusammenhang damit zu sehen, wie die antiken Griechen seit Homer und Herodot die âBarbarenâ sahen.
David Theo Goldberg, der das âKonzept der AusschlieĂungâ als zentral fĂŒr die Untersuchung und Unterscheidung rassistischer Diskriminierungen betrachtet [51] verneint Rassismus, weil die Griechen die âBarbarenâ gerade nicht kategorisch verabscheuten (siehe Homer, Herodot, Aischylos, Xenophon und andere).
Auch Yves Albert Dauge bestreitet, dass es in der römischen Welt Rassismus gegeben habe.[52] Obschon in der Antike ĂberlegenheitsgefĂŒhle eines Stammes oder Volkes ĂŒber andere Gruppen und ethnische, religiöse oder kulturelle Stereotype verbreitet waren, existiert fĂŒr die Begriffe âRasseâ oder âRassismusâ kein exaktes Ăquivalent in der griechischen oder lateinischen Sprache. Aus dem gleichen Grunde sieht auch Christopher Tuplin keine Veranlassung, von Rassismus in der griechischen Welt zu sprechen; die Diskussion des Rassismus mĂŒsse seiner Meinung nach eine Definition von Rasse einschlieĂen.[53]
Autoren wie Christian Delacampagne oder Benjamin Isaac, Professor fĂŒr Alte Geschichte an der UniversitĂ€t Tel Aviv, sind anderer Auffassung und betonen, dass einerseits dem Rassenbegriff analoge ideologische Konstruktionen existiert hĂ€tten und andererseits Rassismus ohnehin im Kern kulturell argumentiere.[54][55] Beide verweisen ausfĂŒhrlich auf Aristotelesâ Konstruktion des Barbaren und eine mit ihr betriebene Legitimation der Sklaverei. Barbaren sei ein minderes Menschsein zugeschrieben worden, weil sie nur bedingt ĂŒber Vernunft verfĂŒgten.[56]
Benjamin Isaac benutzt fĂŒr die Antike, neben âfrĂŒhem Rassismusâ oder âantikem Rassismusâ, hauptsĂ€chlich den Begriff âProto-Rassismusâ, der in den 1970er Jahren von dem französischen Ăgyptologen Jean Yoyotte geprĂ€gt wurde.[57] Er will damit zweierlei zum Ausdruck bringen: Zwar habe es in der Antike eine Art von Rassismus gegeben, aber dieser habe sich vom klassischen Rassismus unterschieden, wie er sich im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt hat. Doch ist der antike Rassismus insofern Proto-Rassismus, also VorlĂ€ufer des Rassismus, als er â nach Isaac â spĂ€teres rassistisches Denken beeinflusst hat. FĂŒr Isaac zeichnet sich Rassismus dadurch aus, dass hierbei Individuen oder ganze Gruppen von Menschen mit unverĂ€nderlichen körperlichen oder geistigen Eigenschaften in Verbindung gebracht werden. Diese kollektiven Eigenschaften sind fĂŒr den Rassisten vorgegeben, sie können nicht verĂ€ndert werden, da sie entweder vererbt oder aber durch klimatische und sonstige geografische Bedingungen erzwungen wurden. Einige Stereotype seien bereits in der Antike zur Legitimierung imperialistischer Aggressionen gegenĂŒber âminderwertigenâ Völkern benutzt worden.
Antike Elemente des Proto-Rassismus seien ferner zu grundlegenden Bausteinen des modernen Rassismus geworden. Sie seien ĂŒber Autoren des 18. Jahrhunderts den BegrĂŒndern der modernen rassistischen Ideologie ĂŒbermittelt worden. Die griechisch-römische Antike kenne zwar keine Theorie eines biologischen Determinismus, dennoch finde sich schon frĂŒh spĂ€testens ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. die Vorstellung, dass Menschen je nach ihrer geografischen Herkunft entsprechende Eigenschaften besitzen.[58] Nach dieser Theorie seien die Menschen im heiĂen SĂŒden intelligenter, wenn auch Ă€ngstlicher und zaghafter als die Menschen im kalten Norden, die auf Grund der unwirtlichen Landschaft erfinderisch, impulsiv, wenn auch leichtsinnig seien.[59] Athen und spĂ€ter dann Rom hĂ€tten sich als ideale Mitte zwischen Extremen gesehen, wobei das angenehme Klima Griechenlands und Italiens als Argument gedient habe. Proto-Rassismus gibt es nach Isaac zum einen also in diesen anthropogeografischen Vorstellungen â zum anderen hat vor allem Aristoteles (und nach ihm andere) die Ansicht vertreten, dass gewisse Menschen zum Sklavendasein geboren wurden. Es gibt gemÀà dieser Ansicht Menschen höherer Ordnung und solche einer niedrigeren Ordnung. Auch diese Unterscheidung zeugt, nach Isaac, von Proto-Rassismus: The question to be considered is what are the explanations given in ancient literature for the presumed superiority or inferiority of specific groups. If these consist of theories regarding heredity or unalterable exterior influences, it is possible to speak of proto-racism.
Antiker (Proto-)Rassismus zeigte sich nach Isaac insbesondere in Form der so genannten âKlimatheorieâ, die unterschiedlichen nichtgriechischen Völkern gewisse Eigenschaften zuschreibt. Sie spiegelt sich erstmals in der pseudo-hippokratischen Schrift âĂber die Umweltâ (lateinisch âDe aeribus aquis locisâ, Abk.: âaer.â). Wahrscheinlich gab es eine ursprĂŒngliche Klimatheorie, die von dieser und anderen Schriften rezipiert wurde. Im Hinblick auf das mythische Volk der âMakrokephalenâ, welches der Verfasser der aer. als historisches Volk beschrieb, wird klimatheoretischer Proto-Rassismus mit der Vorstellung der Vererbbarkeit der entsprechenden Merkmale vermengt. Diese AusfĂŒhrung der Theorie bleibt jedoch uneindeutig â sicher nicht zuletzt wegen des beschrĂ€nkten Wissens damaliger Zeit hinsichtlich der Erbbiologie. Der Klimatheorie ist in aer. immer die Theorie der InferioritĂ€t von Fremdvölkern aufgrund ihrer politischen Verfassung (Despotie) beigeordnet. Ob nun die Politik und Ordnung (Nomos) oder die Natur des Menschen (Physis) ausschlaggebend fĂŒr das Bild des Fremden sein sollte, ist nicht genau zu beantworten. Durch die sophistisch geprĂ€gte Rhetorik, die möglichst Vertreter unterschiedlicher Theorien fĂŒr sich gewinnen möchte, war das AusmaĂ und die Art und Weise der Anwendung der Klimatheorie vielgestaltig.[60]
Vincent Rosivach schrieb[61], dass das (meist) rote und blonde Haar der Thraker und anderer Völker im Norden Griechenlands oft als Kennzeichen der minderwertigen Menschen galt. Thraker bildeten die erste ethnisch geschlossene Gruppe von Sklaven im Athen archaischer Zeit. Sie sind unter Solon angekauft worden. Menschen mit diesem PhĂ€notyp traten in Athen fast ausschlieĂlich als Sklaven auf. Entsprechende Assoziationen seitens der restlichen Bevölkerung waren die Folge. In Komödien wurden die Charaktere von Sklaven ausschlieĂlich mit rotem Haar dargestellt. âRot-â bzw. âBlondschopfâ waren typische Sklavennamen.
Ein bekannteres Beispiel fĂŒr solche ethnisch einheitliche âcattle slaveryâ ist aus klassischer Zeit die Institution der skythischen Staatssklaven (Polizeiaufgaben).[62]
Gegen die Annahme der Existenz eines Hautfarbenrassismus in der Antike wendet sich seit den 1980er-Jahren Frank M. Snowden, Jr..
Tendenziell galten in Athen jene, die nicht mĂ€nnliche BĂŒrger oder Periöken waren, als minderwertig. Diese dichotome Sichtweise wertete also Frauen und Fremden en bloc ab.[63] So ist fraglich, ob versklavte Griechinnen (bspw. die Melierinnen nach 427 v. Chr.) ĂŒberhaupt noch als Griechinnen angesehen wurden, wenn die Griechen â nach Platon - ĂŒberhaupt nicht unfrei sein konnten.[64] Wenn die Frauen des griechischen Stadtstaates also doch unfrei wurden, konnten sie womöglich nicht mehr als Griechinnen gelten.
Bei Platon gab es neben dieser dichotomen Sichtweise, die alles Unathenische als weibisch (bzw. weiblich), fremd, feige, verlogen, standpunktlos, primitiv oder dekadent abtat, einige âArgumentationshilfenâ, die eine unterschiedliche Bewertung der verschiedenen Fremdvölker aus griechischer Sicht als damalige attische oder griechische communis opinio als Basis nahelegt. So setzt er in seiner âPoliteiaâ die drei Seelenteile in Beziehung zu den einzelnen Fremdvölkern zugewiesenen Charaktereigenschaften; ihm gelten Thraker und Skythen als kriegerisch, Phönizier und Ăgypter als erwerbsstrebig.[65] Sein SchĂŒler Aristoteles nennt die gleichen Beispiele kriegerischer Völker.[66] Thraker und Skythen, die beiden Fremdvölker im Norden, werden also von beiden als kriegerisch benannt, als zum Herrschen bzw. zur besten Herrschaft geeignet, nennen beide ausschlieĂlich das eigene Volk.
Eine einfachere Differenzierung als Platon nimmt Aristoteles vor, wenn er ein Europa-Asien-GefĂ€lle unter den nichtgriechischen Völkern postuliert, die kleinasistischen seien âsklavischerâ.[67] Nach Aristoteles seien diejenigen, die von Natur aus sklavisch sein, nicht eindeutig von der Natur durch körperliche Erscheinung und charakteristische Merkmale gekennzeichnet.[68] Die servile Eigenart wird den Barbaren insbesondere deswegen von Aristoteles zugesprochen, da es ihnen an den politischen Strukturen mangele, die eine Gemeinschaft der Freien und Gleichen ermöglichen.[69]
In Asien gibt es ebenfalls weit zurĂŒckreichende Formen rassistischer Diskriminierung, die klassenbezogene und kulturbezogene Grundlagen hatten und ohne Rassenbegriff funktionierten. Die Chinesen entwickelten schon Jahrhunderte vor den Griechen kulturalistische Vorstellungen von Barbaren. Nachdem sie ursprĂŒnglich davon ausgingen, dass diese durch den Kontakt mit der chinesischen Kultur zivilisiert werden könnten, wurden sie schlieĂlich mit Tieren verglichen, die kulturell grundsĂ€tzlich defizitĂ€r seien. Frank Dikötter hat darauf hingewiesen, dass es im Kaiserreich China eine lang wĂ€hrende eigene rassistische Tradition gab, ehe man dort mit dem europĂ€ischen Rassengedanken in Kontakt kam.
Das gilt auch fĂŒr Indien, wo Kastenschema und UnberĂŒhrbarkeit mit Hilfe von organischen Metaphern (Purusha) und Vermischungsverboten legitimiert wurden. Diese Biologisierung sozialer Unterschiede war durchaus nicht einzigartig. Sie wurde im Zuge der durch den europĂ€ischen Imperialismus importierten Rassentypologie und mit Hilfe des auf sie gestĂŒtzten arischen Mythos einer völkischen Interpretation unterzogen, die behauptete, das Kastenschema wĂ€re das Produkt hellhĂ€utiger arischer Einwanderer, die die dunkelhĂ€utige Urbevölkerung unterworfen hĂ€tten. Gail Omvedt schreibt dazu: âPunjabi Brahmans and Punjabi Untouchables were ethnically the same, and Tamil Brahmans and Tamil Untouchables were not racially different.â (etwa: âDie Brahmanen des Pundschab und die UnberĂŒhrbaren des Pundschab waren ethnisch identisch, und die tamilischen Brahmanen unterschieden sich in der Rasse nicht von den tamilischen UnberĂŒhrbaren.â)
Sozial begrĂŒndete Kastendifferenzen gab es auch in Japan. Die rassistische Diskriminierung der Buraku, einer mit niederen und als unrein geltenden TĂ€tigkeiten beschĂ€ftigten Kaste, reicht bis ins 14. Jahrhundert zurĂŒck. Neben diesem nach innen gerichteten Rassismus gab es auch die nach auĂen gerichtete rassistische Diskriminierung der Ainu. Sowohl auf die Buraku als auch auf die Ainu wurde spĂ€ter der von den EuropĂ€ern entlehnte Rassenbegriff angewandt und so, wie Richard Siddle, Michael Weiner und andere gezeigt haben, deren auf Kastendenken und Kulturchauvinismus gestĂŒtzte Diskriminierung rassisiert. In allen FĂ€llen wird deutlich, dass Rassismus ohne Rassen funktioniert und im Kern kulturalistisch bestimmt ist.
Der Proto-Rassismus des europĂ€ischen Mittelalters lĂ€sst sich an verschiedenen Indikatoren aufzeigen. Einmal ist es die Zeit eines umkĂ€mpften Bildes vom Afrikaner, zu dem Peter Martin Material zusammengetragen hat, das auf widersprĂŒchliche Konzeptionen verweist, die zwischen Wolfram von Eschenbachs schöner schwarzer Königin Belakane und den schwarzen moslemischen Teufeln des Rolandsliedes schwanken. SpĂ€ter treten mit den judenfeindlichen Pogromen wĂ€hrend des ersten Kreuzzuges und der groĂen Pest Ideologien und Praktiken der Ausgrenzung und Vernichtung zutage, die fĂŒr LĂ©on Poliakov und andere zur Geschichte des Antisemitismus und Rassismus gehören. Entgegenhalten lieĂe sich dem allerdings, dass die Ablehnung der Juden sich vornehmlich religiös artikulierte. (s. Antijudaismus)
Das Jahr 1492 steht mit dem Fall von Granada, der Vertreibung der Mauren und Juden aus Spanien und der europĂ€ischen Entdeckung Amerikas fĂŒr eine Vermengung und Ăberlagerung unterschiedlicher praktischer und ideologischer Formen rassistischer Diskriminierung.
Norman Roth und andere haben gezeigt, wie der Antisemitismus in der Politik der Blutsreinheit (limpieza de sangre) gegenĂŒber den Juden seine moderne Form anzunehmen begann. Zielgruppe dieser Politik waren zum Christentum konvertierte Juden oder deren Nachkommen (Marranos), deren religiösem Bekenntnis weiterhin misstraut wurde. Ihnen gegenĂŒber wurde mit der Frage nach der Blutsreinheit ihre Herkunft geltend gemacht und nach bis zu einem Sechzehntelanteil angeblich jĂŒdischen Blutes gefahndet. Es galt sogar als gefĂ€hrlich, christliche Kinder von Ammen aus konvertierten Familien stillen zu lassen, weil sich deren Milch angeblich schĂ€dlich auswirken könne.
Erste Begegnungen der Seefahrer aus Spanien 1492 mit dem indigenen Volk der Arawak verliefen friedlich, die Arawaken baten den Seefahrern laut dem Logbuch von Kolumbus unter anderem Baumwolle an und die Seefahrer tauschten unter anderem Glasperlen ein.[70] In seinem Logbuch betrachtete sie Christoph Kolumbus aber bereits zu diesem Zeitpunkt als zukĂŒnftige Untertanen oder gar als Sklaven.[70] Die Eroberung Amerikas hatte mit der massenweisen Versklavung und dem Genozid[71] an den Indianern, der nach Jared Diamond jedoch vor allem durch eingeschleuste Seuchen erfolgte (das eigentliche Ziel war die vollstĂ€ndige Unterwerfung der Indianer, nicht die Auslöschung)[72] und der anschlieĂenden Verschleppung afrikanischer Sklaven gleich zwei rassistische Dimensionen. In der Auseinandersetzung zwischen BartolomĂ© de Las Casas und Juan Gines de Sepulveda ĂŒber die Frage, ob die indigene Bevölkerung des spĂ€teren Amerika Menschen seien und wie sie behandelt werden mĂŒssten, wurde einerseits nach wie vor auf den von Aristoteles geprĂ€gten Begriff des Barbaren zurĂŒckgegriffen. Andererseits begann sich aufgrund der Herausbildung einer vielfĂ€ltig gemischten Gesellschaft ein an Hautfarben orientiertes Kastensystem zu entwickeln, das zahlreiche Blutskombinationen und Abschattierungen kannte. Imanuel Geiss hat eine der gĂ€ngigen Unterteilungen dokumentiert:
Colin Tatz, Direktor des Centre for Comparative Genocide Studies in Sydney, erlĂ€utert in diesem Zusammenhang, dass der so genannte Rassismus ohne Rassen kein neues, sondern ein altes, dem am Rassenbegriff orientierten Rassismus vorausgehendes Konzept ist. Den europĂ€ischen Völkermördern in Amerika stand der Rassenbegriff noch nicht zur VerfĂŒgung. Sie bedienten sich zur Legitimation ihres Vorgehens der ĂŒberkommenen kulturalistischen Vorstellung von Barbaren als minderwertiger Menschen.
Im Zuge der Eroberung Amerikas kamen weitere rassistische Aspekte zum Ausdruck: als Eroberung mit ausgrenzenden Folgen fĂŒr die Indianer, als transatlantische Sklaverei und als Machtkampf um die Teilhabe an einer postulierten weiĂen Vorherrschaft.
â Hauptartikel: Geschichte der Sklaverei in Nord- und SĂŒdamerika
â Hauptartikel: Sklaverei in den Vereinigten Staaten
Die transatlantische Sklaverei war ökonomisch ein DreiecksverhĂ€ltnis, in dem Billigwaren, Schnaps und Waffen aus Europa zumeist unter Einbezug afrikanischer und arabischer[73] SklavenhĂ€ndler gegen Sklaven aus Afrika und diese gegen amerikanische Kolonialwaren eingetauscht wurden (siehe Atlantischer Sklavenhandel). Die Kolonisierung Amerikas vom 16. bis 19. Jahrhundert ging mit einer Massenversklavung von Afrikanern einher, die in allen Teilen des dĂŒnn besiedelten Doppelkontinents als billige ArbeitskrĂ€fte eingesetzt wurden. Dies betrifft nicht nur die britischen, niederlĂ€ndischen, schwedischen, französischen und spanischen Kolonien, aus denen spĂ€ter die USA entstanden sind, sondern in noch gröĂerem Umfang Brasilien und die europĂ€ischen Kolonien in der Karibik. Auf dem nordamerikanischen Festland erlangte die Sklaverei besonders drastische AusprĂ€gungsformen.
Sklaverei war auch bei den Indianern Nordamerikas eine Erscheinung, jedoch noch nicht in allgemeiner Verbreitung. ZunĂ€chst nutzten sie wie die EuropĂ€er zur Legitimation ihres Vorgehens ĂŒberkommene Vorstellungen ĂŒber die in Kriegen Unterlegenen und die Gouverneure der Kolonien versuchten eine Aversion zwischen Indianern und Schwarzen zu schĂŒren um eine Zusammenarbeit zu verhindern. WĂ€hrend z. B. die Seminolen, entflohenen afroamerikanischen Sklaven Zuflucht gewĂ€hrten (Schwarze Seminolen ), fĂŒhrten etwa die Cherokee nach ihrer versuchten Anpassung an die Gesellschaft der europĂ€ischen Einwanderer (siehe FĂŒnf Zivilisierte StĂ€mme) auch die Sklaverei ein und betrieben sie in Ă€hnlicher HĂ€rte wie die europĂ€ischen bzw. US-amerikanischen Sklavenbesitzer.[74][75][76]
Die transatlantische Sklaverei war ein System, das, wie Orlando Patterson formuliert hat, neben ihrem ökonomischen KalkĂŒl den âsozialen Todâ der Sklaven bezweckte. Seine Analyse macht deutlich, dass der Kern rassistischer Diskriminierung in der Zerstörung der sozialen und kulturellen IdentitĂ€t derer liegt, die ihr unterworfen werden. SchĂ€tzungen ĂŒber die Anzahl der Betroffenen schwanken zwischen elf Millionen und 15 Millionen Die wichtigsten europĂ€isch geprĂ€gten Betreiber dieser Gewinn und Entmenschlichung verbindenden Politik waren im 18. Jahrhundert nach von Albert Wirz wiedergegebenen Zahlen: â1. England mit einem Anteil von 41,3 %, 2. Portugal (29,3 %), 3. Frankreich (19,2 %), 4. Holland (5,7 %), 5. Brit. Nordamerika/USA (3,2 %), 6. DĂ€nemark (1,2 %), 7. Schweden und Brandenburg (0,1 %).â
Ab dem 17. Jahrhundert entwickelte sich der Besitz von Sklaven neben dem Landbesitz zu einem zentralen Statusmerkmal.[77] Die Sklavenfrage entzweite in den USA zunehmend die SĂŒd- von den Nordstaaten, da in den Nordstaaten die Industrialisierung einsetzte und die Anzahl der Sklaven langsam abnahm,[78] wĂ€hrend die Besitzer der riesigen Reis- und Baumwollplantagen in den SĂŒdstaaten weiterhin Sklaverei in wachsendem AusmaĂ betrieben. In der viel beachteten PrĂ€ambel zur UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung hatte Thomas Jefferson das Leben, die Freiheit und das Streben nach GlĂŒck zum unverĂ€uĂerlichen Menschenrecht erklĂ€rt. Obwohl die Sklaverei hier nicht direkt angesprochen wurde, geriet sie unter Rechtfertigungsdruck.[79]
Der Rassismus entwickelte sich ebenfalls unterschiedlich, die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei (siehe Abolitionismus), hatte in den Nordstaaten stĂ€rkeren Zulauf als in den SĂŒdstaaten. Auch nach der formalen Abschaffung der Sklaverei unter Abraham Lincoln, existierten jedoch noch weiterhin Probleme des Rassismus und noch bis ins 20. Jahrhundert wurde von einigen Historikern die These vertreten, dass die Sklaverei fĂŒr Schwarze zu ihrer Zivilisierung nötig sei.
â Siehe auch: White Supremacy
Im 17. Jahrhundert war der Rassismus unter den weiĂen Bediensteten, die Ă€hnliche Arbeiten verrichteten, in den Kolonien noch kaum ausgebreitet. Der Historiker Kenneth M. Stampp, Verfasser mehrerer Standardwerke zur Sklavereigeschichte, beurteilte die schwarzen und weiĂen Arbeiter allgemein als âbemerkenswert uninteressiert an den sichtbaren Unterschiedenâ.[80] Dies sorgte fĂŒr Unbehagen bei den Besitzern und es wurde als GegenmaĂnahme z. B. in Virginia 1691 ein Gesetz zum Verbot von Ehen zwischen WeiĂen und Schwarzen oder Indianern erlassen.[80] Teils halfen die weiĂen Arbeiter auch den schwarzen Sklaven bei Widerstandsaktionen. Ab dem 18. Jahrhundert nahmen mit dem Anwachsen der rasseneingeteilten Sklaverei und dem Einsetzen der weiĂen Arbeiter als deren bezahlte Aufseher, der Rassismus zu und die Rebellionen von weiĂen Bediensteten ab.[81]
Das System der White Supremacy nahm in Amerika unterschiedliche Formen an, die jeweils WeiĂsein als zentrale Norm der Teilhabe an politischen Rechten und sozialen Entfaltungsmöglichkeiten setzten.[82] In Brasilien schlug sie sich unter anderem in der Politik des branqueamento nieder, mit der die âweiĂenâ Brasilianer die âbrasilianische Rasseâ verbessern und durch Zumischung von mit Hilfe von europĂ€ischen Einwanderern importierten âweiĂen Blutesâ das âschwarze Elementâ in der brasilianischen Bevölkerung bis zum Jahre 2012 zum Verschwinden bringen wollten. Brasilien gilt auch als extremes Beispiel fĂŒr die âsoziale Konstruktionâ von Rasse, wo eine direkte Zuweisung von Hautfarbe und sozialem Erfolg (bis heute) der Fall ist und sich bei einer Person der soziale Aufstieg auch in der Einordnung in eine "weissere" Farbklasse widerspiegelt.[83]
In den USA kam die White Supremacy nicht nur in der Politik der Rassentrennung zum Ausdruck, sondern Ă€uĂerte sich auch als Verdacht ungenĂŒgender âWeiĂheitâ gegenĂŒber verschiedenen europĂ€ischen Einwanderergruppen. Karen Brodkin hat fĂŒr die Juden und Noel Ignatiev fĂŒr die Iren beschrieben, wie diese in langwierigen und schmerzhaften Prozessen âweiĂ werdenâ beziehungsweise Anteil an der lokalen FĂŒhrungsschicht erlangen konnten. So wurde den irischstĂ€mmigen Amerikanern unterstellt, sie hĂ€tten ihre âWeiĂeâ in einem rassistischen Qualifikationsprozess, das heiĂt durch teilweise gewalttĂ€tige wie gehĂ€ssige Absetzbewegungen von anderen Minderheiten ĂŒberhaupt erst errungen.
Umgedreht hat der Anthropologe John Ogbu die umstrittene These vom âacting whiteâ (weiĂ agieren oder auch schauspielern) aufgestellt, nach der die schwarze Minderheit (ehemaliger Sklaven) in den USA Ogbu zufolge einen als kastenartig beschriebenen internen Zusammenhalt aufweise und dadurch Schwarze selber den Aufstieg mitverwehren.
In Philadelphia wiederholte sich das Muster der Auseinandersetzungen zwischen aufstrebenden Minderheiten und etablierter Herrschaft mehrmals, so beim Wahlaufstand von 1742, zwischen den QuĂ€kern und aufstrebenden Deutschamerikanern, dem LombardstraĂenaufstand von 1842, einer dreitĂ€gigen StraĂenschlacht zwischen Vertretern der schwarzen und der irischen Gemeinde und den Ă€hnlich gelagerten Philadelphia Nativist Riots 1844, die antikatholisch und antirisch ausgerichtet waren. Eine bis heute andauernde allgemeine Weigerung der schwarzen Community, mit den irischstĂ€mmig dominierten Sicherheitsbehörden zu kooperieren, gilt mit als lokaler Hintergrund des erbittert ausgetragenen und international Aufsehen erregenden Streits um Schuld oder Unschuld von Mumia Abu-Jamal, der wegen Mordes an dem irischstĂ€mmigen Polizisten Daniel Faulkner zum Tode verurteilt worden war.[84]
Ein spezifisches PhĂ€nomen von Abgrenzung und erfolgreicher Assimilation hingegen beschreibt James Hunter anhand schottischer Einwanderer in Nordamerika. Indem vor allem mĂ€nnliche Trapper und Fallensteller in indianische Dynastien einheirateten, wurden sie schnell und problemlos zu Indianern. Dies fĂŒhrte dazu, dass etwa bei den Nez PercĂ© schottische Nachnamen verbreitet sind und die TrĂ€ger mit groĂem Stolz ihre Vorfahren in mĂ€nnlicher Linie teilweise bis in das Jahr 1000 in Schottland zurĂŒckfĂŒhren können. Diese "schottischen Indianer" suchten und fanden bei einzelnen indianischen StĂ€mmen auch Strukturen vor, welche denen ihres Herkunftslandes Ă€hnelten und ĂŒberwanden so fĂŒr EnglĂ€nder und andere EuropĂ€er als unĂŒberwindbar angesehene Barrieren.[85] Dies stieĂ seitens der EnglĂ€nder in der Neuen Welt auf erhebliche, auch rassistische Vorbehalte, in dem Sinne wurden ursprĂŒnglich kolonial geprĂ€gte Konflikte und Strukturen aus dem britischen BinnenverhĂ€ltnis in die USA ĂŒbertragen.
Im Zeitalter des Imperialismus lieĂ Leopold von Belgien eine Schreckensherrschaft (KongogrĂ€uel) im Kongo errichten. In Australien fĂŒhrte der Rassismus der Arbeiterbewegung zur exklusiven âweiĂenâ StaatsgrĂŒndung unter dem Motto "White Australia" . In Ostasien fiel das europĂ€ische Vorbild auf fruchtbaren Boden und lieĂ sich Japan als Hoffnung der nicht-weiĂen Rassen prĂ€sentieren. in den USA wurde die Ideologie des âmanifest destinyâ auf imperiale Politik ĂŒbertragen und als Zivilisationsmission ausgegeben.
Die britische Herrschaft in Indien ist insoweit differenziert zu sehen, als die lokalen Herrschaftsformen lange beibehalten wurden. Vom 18. bis Mitte des 19. Jahrhundert war es nicht weiter auffÀllig, wenn britische Soldaten und Angestellte der Ostindienkompagnie sich mit indischen Frauen verheirateten. Die gemeinsamen Kinder und die so etablierten Gemeinden wurden damals Eurasier genannt. Erst mit dem stÀrkeren Nachwandern von britischen und europÀischen Frauen und nach dem Sepoyaufstand wurden die Angloinder von Briten wie Indern stÀrker separiert und gemieden und spielen bis in die Gegenwart als Anglo-Indian eine besondere Rolle.
Die Modernisierung der Meiji-Zeit fĂŒhrte in Japan auch zur Entwicklung imperialistischer Ambitionen, die unter anderem im chinesisch-japanischen Krieg und im russisch-japanischen Krieg umgesetzt wurden. Unter der Parole âAsien den Asiaten!â bediente man sich dabei einerseits einer ideologischen Umkehrung des europĂ€isch-amerikanischen Stereotyps von der âGelben Gefahrâ und warnte die asiatische Staatengemeinschaft vor der âweiĂen Gefahrâ. Andererseits wurde die eigene aggressive und expansionistische Kolonialpolitik mit rassistischem Paternalismus legitimiert. Danach sollte sich die asiatische Bevölkerung aus den âfĂŒnf Rassenâ der Japaner, Chinesen, Koreaner, Mandschu und Mongolen zusammensetzen, von denen die japanische âYamato-Rasseâ am weitesten entwickelt und am fortschrittlichsten und deswegen berufen wĂ€re, die anderen zu erleuchten, kulturell und moralisch zu vervollkommnen und vor allem zu fĂŒhren. Bis heute werden â so Jared Diamond - in Japan Untersuchungen, nach denen mit gewisser Wahrscheinlichkeit die Japaner selber hauptsĂ€chlich von koreanischen Einwanderern abstammen, nicht ohne WiderstĂ€nde zur Kenntnis genommen.
Als der von Japan bei den Friedensverhandlungen von Versailles eingebrachte Vorschlag einer ErklĂ€rung zur Gleichberechtigung der Rassen trotz mehrheitlicher Zustimmung zurĂŒckgewiesen wurde, verstĂ€rkte dieses seine imperialistischen Anstrengungen im pazifischen Raum.[86] Die sich zuspitzenden WidersprĂŒche zwischen den japanischen und den Ambitionen Englands und der USA fĂŒhrten schlieĂlich zu der als âRassenkriegâ gefĂŒhrten militĂ€rischen Auseinandersetzung, die John Dower, Gerald Horne und andere beschrieben haben.
Historisch gesehen gab es in Japan stets eine Diskriminierung der Buraku. Noch heute werden viele Menschen der Minderheit der Buraku in Japan diskriminiert. Obwohl sie sich weder in Religion, Sitten, noch im Aussehen merklich von anderen Japanern unterscheiden, galten sie als eigene Rasse. Sie wurden teilweise sogar als Hinin (éäșș, âNicht-Menschenâ) bezeichnet. Sie mussten in bestimmten Ortschaften leben, ihre Kinder durften keine normalen Schulen besuchen und sie durften nur als unrein betrachtete Berufe wie den des TotengrĂ€bers ausĂŒben. Im Jahre 1871 wurden die Buraku den anderen Japanern rechtlich gleichgestellt. Noch heute haben die Buraku mit Diskriminierung zu kĂ€mpfen. Da auch der Familienname Auskunft ĂŒber die Herkunft geben kann, ist es den Nachfahren der Burakumin seit einigen Jahren erlaubt, ihren Namen zu Ă€ndern.
Von 1915 bis 1917 wurden die seit Jahrtausenden in Ost-Anatolien siedelnden Armenier im Osmanischen Reich Opfer eines Genozids.
In der Weimarer Republik war neben der antisemitischen Propaganda auch die Agitation gegen die Besetzung des Rheinlandes nicht nur in den KampfblĂ€ttern der extrem rechten Parteien bzw. politischen Gruppierungen von ârassistischer Begleitmusikâ durchzogen. Anlass boten hier besonders die teilweise aus Afrika stammenden französischen Besatzungstruppen. Die in dieser Zeitspanne geborenen Kinder einiger schwarzer Soldaten und deutscher Frauen wurden zum Teil als âGefahr fĂŒr die deutsche Rassenreinheitâ instrumentalisiert. Die betroffenen Kinder wurden als so genannte âRheinlandbastardeâ spĂ€ter von den NS-Behörden erfasst und vielfach zwangssterilisiert.
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Rassismus war ein Teil der Ideologie des Nationalsozialismus. Nach der sogenannte âRassenkundeâ ging die NS-Forschung davon aus, dass es höherwertige und minderwertige Menschenrassen gebe. Danach lieĂe sich die gesamte Menschheit in drei Rassengruppen einteilen:
Juden, aber auch Sinti und Roma, wurden der semitischen Rasse zugerechnet (vgl. hierzu NĂŒrnberger Rassengesetze). Hochwertige Menschen konnten dabei nur aus der ersten Gruppe stammen. Die Mitglieder jeder Rasse hĂ€tten die Aufgabe, diese Rasse ârein zu haltenâ, weshalb sexueller Kontakt zwischen Angehörigen der âhohenâ und der âminderwertigenâ Rasse (Rassenschande) verhindert werden sollte. Bestimmten, von den Nationalsozialisten als âRasseâ definierten Gruppen wie Juden oder Zigeunern (Gruppe 3) unterstellten sie, dass diese âdie Herrenrasse (Gruppe 1) zersetzenâ wollten und daher zum Schutze der âVolksgemeinschaftâ vernichtet werden mĂŒssten. Auch die Slawen galten als âUntermenschenâ.
Die theoretischen pseudo-wissenschaftlichen Grundlagen lieferten neben Adolf Hitler selbst (Mein Kampf) primĂ€r die NS-Ideologen Alfred Rosenberg und Hans F. K. GĂŒnther in zahlreichen Publikationen. Allerdings ist dabei zu bemerken, dass ihre Gedanken auf Ă€lteren rassistischen Theorien aufbauten, und der Rassismus bis 1933 in ganz Europa relativ stark verbreitet war. Neu war am NS-Rassismus, dass die Wissenschaftsfreiheit unter politischen Vorbehalt gestellt wurde.[87] Unter den zahlreichen Rassetheoretikern des 19. und frĂŒhen 20. Jahrhunderts hatten der Franzose Arthur de Gobineau (1816â1882) und der Brite Houston Stewart Chamberlain (1855â1927) den stĂ€rksten Einfluss auf die nationalsozialistische Rassenideologie. Hitler, der Chamberlain 1923 traf, galt als groĂer Bewunderer seines Werks.
Die Opfer des NS-Rassismus wurden in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, zwangssterilisiert, deportiert und ermordet. Die gesamte Gesundheitsvorsorge, Sozialpolitik sowie die Bevölkerungspolitik wurden unter ârassischenâ Gesichtspunkten gleichgeschaltet, die auch die ZulĂ€ssigkeit von EheschlieĂungen bestimmten. Zu diesem Programm gehörten auch AhnenpĂ€sse. Der aufgrund dieser AhnenpĂ€sse zu fĂŒhrende Ariernachweis bzw. der âGroĂe Ariernachweisâ war Bedingung fĂŒr eine Karriere bei der SS. Ohne die Zusammenarbeit von NS-Stellen und Kirchengemeinden, deren Eintragungen zu Geburten in KirchenbĂŒchern herangezogen wurden, wĂ€re diese Arbeit nicht zu bewĂ€ltigen gewesen.
Der NS-Rassismus beschrĂ€nkte sich nicht auf Menschen, sondern richtete sich auch gegen KulturgĂŒter. Beispielsweise wurde Jazz als âNegermusikâ diffamiert und verworfen sowie Werke missliebiger KĂŒnstler galten als entartete Kunst.
In den 1990er Jahren kam es in der Bundesrepublik Deutschland, vermehrt in den Neuen BundeslĂ€ndern, zu rassistisch motivierten Pogromen und AnschlĂ€gen. Die aufsehenerregendsten waren der Brandanschlag von Mölln, der Brandanschlag von Solingen, die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen, die Ausschreitungen von Hoyerswerda, die Hetzjagd in Guben, die MordanschlĂ€ge auf Amadeu Antonio Kiowa und Samuel Yeboah und die Magdeburger Himmelfahrtskrawalle. Viele dieser Ausschreitungen und Morde wurden von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen verĂŒbt, die der sogenannten Naziskin- oder Neonaziszene zuzurechnen sind. Auch SachbeschĂ€digungen, die sich zum Beispiel gegen jĂŒdische Friedhöfe richten oder als rassistische Graffiti sichtbar werden, waren keine Ausnahme.[88]
VorfĂ€lle mit rassistischem Hintergrund waren zuvor in West-Deutschland nur vereinzelt öffentlich wahrgenommen worden, wie zum Beispiel die 1981 erfolgte Selbsttötung des elfjĂ€hrigen Tadesse Söhl, ĂŒber dessen BeweggrĂŒnde es erst infolge literarischer und filmischer Verarbeitung in den 1990er Jahren zur öffentlichen Diskussion kam.
Laut einem Bericht der Bundeszentrale fĂŒr Politische Bildung ĂŒber rassistische Vorurteile, geschrieben von Werner Bergmann, gab es von 1990 bis 2003 mehr als 100 Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland. Im Bericht wird erwĂ€hnt, dass in der Vergangenheit der Europarat und die Vereinten Nationen mehrmals Kritik am Vorgehen der deutschen Polizei an AuslĂ€ndern geĂŒbt hĂ€tten. Einem Bericht der EuropĂ€ischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) von 2003 zufolge sind âSchwarzeâ als eine âĂ€uĂerlich erkennbare Minderheitâ in Deutschland besonders von Rassismus betroffen.[89] Das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz zĂ€hlt in seinem Bericht ĂŒber das Jahr 2005 insgesamt 355 Straftaten mit Fremdenfeindlichen und 49 Straftaten mit antisemitischen Motiven auf.[90]
In den deutschsprachigen LĂ€ndern wird oftmals bis zum heutigen Zeitpunkt angenommen, dass Rassismus in erster Linie in Form von Xenophobie (v. griech.: xenos fremd, Gast/phĂłbos Furcht) vorhanden ist. Zwischen Rassismus und Xenophobie besteht eine Verwandtschaft, insbesondere die Gemeinsamkeit in mangelnder interkultureller Kompetenz, allerdings sind Rassismus und Xenophobie nicht einfach gleichzusetzen. Im rassistischen deutschen Nationalsozialismus wurden einheimische âNichtarierâ (Juden) viel schlechter behandelt als auslĂ€ndische âArierâ (beispielsweise Skandinavier und andere Nord- und WesteuropĂ€er). Von der Xenophobie nimmt man dagegen an, dass sie keine Rassenbegriffe kennt, sondern eher einen Ethnopluralismus befördert. Man nimmt auch an, dass rassistisch denkenden Menschen hĂ€ufig nicht bewusst ist, dass sie rassistisch denken, was gleichzeitig impliziert, dass sie ihre Wahrnehmungen nicht mit dem Begriff âRasseâ verbinden. Der Begriff der Xenophobie (Furcht vor dem Fremden) wird daher oftmals auch benutzt, um das eigentliche Problem Rassismus nicht offen ansprechen zu mĂŒssen.
Diese generelle Annahme wird unterstĂŒtzt durch Untersuchungen in der Schweiz, wo aufgrund einer Studie der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus anzunehmen ist, dass Rassismus im engeren Sinne in der Schweiz sehr viel weiter verbreitet ist, als ursprĂŒnglich angenommen.[91] So sind Schwarze trotz Assimilierung, Integration und EinbĂŒrgerung auch nach Jahrzehnten gesellschaftlich marginalisiert und werden, teilweise sogar unter eindeutiger Nennung der Hautfarbe als abwertendem Faktor, bei Bewerbungen zurĂŒckgewiesen.
So wird in der Rassismusforschung vermehrt darauf hingewiesen, dass Rassismus kein individuelles Problem sei, sondern dass rassistisches Wissen von gesellschaftlichen Diskursen bestimmt werde. Nach Arndt ist Rassismus âan gesellschaftliche Gegebenheiten geknĂŒpft, die sehr widerstandsfĂ€hig und resistent, vielleicht sogar irreparabel sind.â Das bedeutet, dass Rassismus â(k)ein individuelles Problemâ ist und deshalb âauch nicht individuell bewĂ€ltigbarâ ist. Dazu gehöre es auch, âsich bewusst zu machen, dass durch die OmniprĂ€senz des Rassismus in Vergangenheit und Gegenwart sozialpolitische IdentitĂ€ten gewachsen sind â dass das HerzstĂŒck des Rassismus die Konstruktion und Hierarchisierung von Schwarzen und WeiĂen ist.â Arndt beschreibt die gesellschaftlichen Aspekte dieser Konstruktionen âIn der vom Rassismus geprĂ€gten Sozialisation wurden diese Konstrukte vermittelt und globalen Macht- und HerrschaftsverhĂ€ltnissen zugrunde gelegt. Eine RealitĂ€t soziopolitischer IdentitĂ€ten wurde geschaffen. Wir werden nicht als Schwarze oder WeiĂe geboren, sondern zu diesen gemacht. Dies macht es erforderlich, Schwarze und WeiĂe Erfahrungen und Perspektiven wahrzunehmen und zu reprĂ€sentieren. Wo dies ignoriert wird, kann Rassismus nicht ĂŒberwunden werden.â [92]
Seit den 1990er Jahren findet auch ein Perspektivwechsel in der Wissenschaft statt. So sind - wie in der Kritischen WeiĂseinsforschung - nicht vorrangig die Objekte des Rassismus der Gegenstand der Forschung, sondern die Strukturen, die Rassismus ermöglichen.[93]
Ăber die Ursachen rassistischen Denkens gibt es schon immer verschiedene Vorstellungen. Nach rationalistisch orientierten Theorien bildete sich der klassische Rassismus im 18. Jahrhundert heraus. FĂŒhrende Theoretiker der westlichen Welt (wie Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel) versuchten damals, die rassischen Unterschiede wissenschaftlich zu erklĂ€ren. Sie nahmen an, dass die menschlichen Rassen nicht nur biologische (vorwiegend körperliche) Unterschiede aufweisen, sondern auch feststehende und unverĂ€nderbare Merkmale hinsichtlich ihrer MentalitĂ€t und ihres Charakters. SpĂ€ter schien die moderne Biologie und Genetik im Gefolge von Charles Darwin dazu Anhaltspunkte zu liefern. Andere Vertreter der AufklĂ€rung, wie Johann Gottfried Herder, distanzierten sich dagegen klar von der Einteilung der Menschen in Rassen,[94] in dem er schrieb:
Nach 1945 trat offener Rassismus in der Wissenschaft zurĂŒck.
Psychologisch orientierte Theorien sehen die Ursachen rassistischen Denkens vor allem in psychisch begrĂŒndeten Abgrenzungstendenzen zwischen der eigenen Gruppe und Fremdgruppen, die der StĂ€rkung des IdentitĂ€ts- und SelbstwertgefĂŒhls dienen und meist mit stereotypen Vorurteilen und Klischees gegenĂŒber den âAnderenâ und âFremdenâ einhergehen.
Dabei kommt der Projektion eigener psychischer Komponenten auf die fremde Gruppe als Mittel zur BewÀltigung eigener innerer Konflikte besondere Bedeutung zu (siehe Abwehrmechanismus). So sieht die Psychoanalytikerin Julia Kristeva die Abwehr des Fremden als Abwehr projizierter unbewusster, angstauslösender Aspekte des Eigenen, bei der all jene Komponenten des Fremden Angst auslösen, die nicht in den eigenen "symbolischen Haushalt" zu integrieren seien.
Sie befĂŒrwortet das EingestĂ€ndnis und das Akzeptieren der Nichtintegrierbarkeit des Fremden, und befĂŒrwortet einem Auskommen mit ihm jenseits traditioneller Strategien wie Nivellierung, Ausgrenzung, Auslöschung, Ăberhöhung oder Erniedrigung.[97]
Eher gruppenpsychologisch orientierte AnsĂ€tze wie die Theorie der Sozialen IdentitĂ€t nach Henri Tajfel verweisen auf die Relevanz der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen fĂŒr das Selbstbild eines Individuums. Nach ihm konstituiere sich eine Gruppe in Abgrenzung zu anderen Gruppen, wobei bestimmte Unterscheidungsmerkmale stereotypisierend und zum Teil abwertend hervorgehoben wĂŒrden.
Soziologisch orientierten Theorien (siehe unter Begriffliche Dimensionen) gilt Rassismus als Ideologie, die der Aufwertung der eigenen Gruppe und der Stabilisierung des eigenen SelbstgefĂŒhls dient und in diesem Sinn eine Abwertung und Ausgrenzung anderer Menschen vornimmt.
Der Rassismus ist von Formen kultureller oder religiöser Intoleranz abzugrenzen, die auf der Basis der gleichen psychologischen Mechanismen ebenfalls zu Ablehnung und UnterdrĂŒckung anderer Menschengruppen fĂŒhren. Anders als beim Rassismus wird die Differenz zur eigenen Gruppe in diesen FĂ€llen aber nicht als erblich und unverĂ€nderbar angesehen. Durch die religiöse Konversion oder die Annahme einer anderen kulturellen IdentitĂ€t ist eine Integration unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen grundsĂ€tzlich möglich.
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