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Rex Todhunter Stout (* 1. Dezember 1886 in Noblesville, Indiana; â 27. Oktober 1975 in Danbury, Connecticut) war ein US-amerikanischer Schriftsteller.
Er wurde bekannt durch seine Kriminalromane um den ĂŒbergewichtigen Privatdetektiv Nero Wolfe. Zwischen 1933 und 1975 verfasste er insgesamt 33 Romane und 41 ErzĂ€hlungen dieser Serie. Bevor er mit 46 Jahren seinen ersten Nero-Wolfe-Roman schrieb, war er ein erfolgreicher GeschĂ€ftsmann gewesen. Zeitlebens trat er fĂŒr die Wahrung individueller Freiheitsrechte ein und machte sich insbesondere um die Urheberrechte von Schriftstellern verdient. WĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs betrieb er als Vertreter verschiedener Organisationen in Radiosendungen, Zeitungsartikeln und Reden eine unerbittliche Ăffentlichkeitsarbeit gegen Nazi-Deutschland. Er war ein âgenuin politischer Autorâ[1], dem die Nero-Wolfe-Serie als Vehikel politischer Kommentare diente.[2]
Rex Stout, der einer Familie von QuĂ€kern entstammte, war das sechste von neun Kindern von John Wallace Stout (1848â1933), einem Lehrer, und Lucetta Elizabeth Stout, geb. Todhunter (1853â1940).[3] Er war noch kein Jahr alt, als die Familie sich auf einer Farm in Kansas niederlieĂ, die sein GroĂvater bewirtschaftete.[4] FrĂŒh zeigte er eine erstaunliche geistige Entwicklung. Mit anderthalb Jahren â so sein spĂ€terer WeggefĂ€hrte und Biograf John McAleer â lernte er lesen, mit vier las er die Bibel und The History of the Decline and Fall of the Roman Empire von Edward Gibbon, und wenig spĂ€ter ĂŒbersetzte er das Novum Organum von Francis Bacon ins Englische.[5] Mit neun machte er in Begleitung eines Lehrers eine Tournee durch Kansas, um an Schulen seine auĂergewöhnliche FĂ€higkeit vorzufĂŒhren, ĂŒberaus schnell lange Zahlenreihen zu addieren.[6] Zwei Jahre spĂ€ter wurde er âspelling championâ[7], also Buchstabiermeister von Kansas. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr las er alle 1126 BĂŒcher der vĂ€terlichen Bibliothek und lernte sĂ€mtliche Sonette Shakespeares auswendig.[8] 1899 zog die Familie nach Topeka, wo er bis 1903 die High School besuchte und nebenbei als BĂŒrogehilfe fĂŒr die Atchison, Topeka and Santa Fe Railway arbeitete.[9] Sein Aufenthalt an der University of Kansas in Lawrence war nur von kurzer Dauer. Noch im selben Jahr trat er eine Stelle als Buchhalter in einer kleinen Firma an und arbeitete zusĂ€tzlich als Platzanweiser in einem Theater.[10] 1905 lieĂ er sich von der Navy anwerben und diente von 1906 bis 1908 als Yeoman[11] auf der Jacht des amerikanischen PrĂ€sidenten Theodore Roosevelt. An Bord der âUSS Mayflower (PY-1)â segelte er nach Santo Domingo, Puerto Rico, GuantĂĄnamo, Havanna, Französisch-Guayana, Barbados, Port-au-Prince, Martinique und Argentinien.[12]
Nach seinem Ausscheiden aus der Navy zog Stout zunĂ€chst nach New York und ging in den folgenden Jahren unzĂ€hligen TĂ€tigkeiten in verschiedenen Bundesstaaten nach. So arbeitete er u. a. als Buchhalter, warb fĂŒr Zeitschriften, war Angestellter in einem Kaufhaus und Ausrufer auf Stadtrundfahrten durch Manhattan, er war Klempnergehilfe in Pittsburgh, Pennsylvania, fischte Shrimps vor New Orleans, Louisiana, verkaufte Körbe und Decken in New Mexico, war FremdenfĂŒhrer in Albuquerque und in Colorado Springs, Hotelpage in Spokane, Washington, und Koch in Duluth, Minnesota, er verkaufte BĂŒcher in Chicago, Illinois, und fĂŒhrte ein Hotel in St. Louis, Missouri.[13]
In den Jahren 1910 und 1911 â Stout verdiente seinen Lebensunterhalt noch immer mit Gelegenheitsarbeiten â veröffentlichte er drei Gedichte in der Literaturzeitschrift The Smart Set,[14] ehe er 1912 seine erste Kriminalgeschichte, A Professional Recall, bei der Zeitschrift The Black Cat unterbrachte und nach Burlington in Vermont zog, um dort vier weitere Geschichten zu Papier zu bringen. ZurĂŒck in New York, widmete er sich ganz dem Schreiben und verfasste seinen ersten Fortsetzungsroman, Her Forbidden Knight, der zwischen August und Dezember 1913 im All-Story Magazine veröffentlicht wurde.[15] Bis 1916 erschienen in derselben Zeitschrift drei weitere Fortsetzungsromane und in verschiedenen Magazinen insgesamt 32 Short Stories, darunter auch Science-Fiction-, Abenteuer- und Liebesgeschichten.[16] Stout wurde nach Wörtern bezahlt und lebte von der Hand in den Mund. Mittlerweile dreiĂig Jahre alt, steckte er in einer Sackgasse, denn trotz der Entbehrungen, die er auf sich nahm, kam er seinem Ziel, ein ernsthafter Schriftsteller zu werden, keinen Schritt nĂ€her. Er beschloss, das Schreiben einstweilen aufzugeben und erst wieder damit anzufangen, wenn er finanziell unabhĂ€ngig wĂ€re.[17] Stout verstummte bis 1929.
1916 begegnete Stout Fay Kennedy, der sechs Jahre jĂŒngeren Schwester eines Schulfreundes aus Topeka, der er eine Woche lang New York zeigte, um ihr auf der Stelle einen Heiratsantrag zu machen. Am 16. Dezember 1916 traten die beiden in Chicago vor den Traualtar[18] â fĂŒr Stout ein Grund mehr, sein Leben auf eine solidere Basis zu stellen.
Stouts acht Jahre Ă€lterer Bruder John Robert (âBobâ) hatte die Idee zu einem Schulsparkassensystem. Stout arbeitete einen Plan aus, und gemeinsam grĂŒndeten sie den âEducational Thrift Serviceâ. WĂ€hrend Bob von New York aus das prosperierende Unternehmen leitete, reiste Stout mit seiner Frau quer durchs Land von Schule zu Schule, um fĂŒr das neuartige Sparkassensystem zu werben und es einzurichten. 1918 war es bereits in ĂŒber zweihundert Gemeinden eingefĂŒhrt.[19] 1919 â mittlerweile ĂŒbernahmen Angestellte den AuĂendienst â lieĂ sich das Ehepaar in New York nieder. Stout fĂŒhrte von nun an das Leben eines erfolgreichen GeschĂ€ftsmannes. TagsĂŒber arbeitete er in seinem BĂŒro im Woolworth Building, und nach Feierabend dinierte er in vornehmen Restaurants, lud zu Partys, besuchte Konzerte, ging ins Theater und zu Lesungen. Er hatte Zugang zum kulturellen und politischen Establishment New Yorks und wurde Mitglied in der American Civil Liberties Union. Zu seinen Bekannten gehörten Schriftsteller, Journalisten, Kritiker und Politiker wie John Dos Passos, Ford Madox Ford, Dorothy Parker, Robert E. Sherwood, Edmund Wilson, Heywood Broun, Paul Robeson, Norman Thomas, Alfred E. Smith, Scott Nearing, Thorstein Veblen und Carl van Vechten.[20]
1925 betreute der âEducational Thrift Serviceâ drei Millionen SchĂŒler in ĂŒber dreiĂig Bundesstaaten. Stout war ein gemachter Mann, der es sich nun leisten konnte, arbeitsmĂ€Ăig ein wenig kĂŒrzerzutreten und sich verschiedenen anderen Projekten zuzuwenden. Zusammen mit einem seiner engsten Freunde, Egmont Arens, gab er eine zwölfbĂ€ndige Luxusausgabe der Memoiren Casanovas in der Ăbersetzung von Arthur Machen mit eigens hierfĂŒr von Rockwell Kent angefertigten Illustrationen heraus â angesichts der Zensur ein gewagtes Unternehmen. Es waren eher Liebhaberei und Abenteuerlust als Profitstreben, die ihn dazu bewogen, 24.000 US-Dollar zu investieren. Trotzdem warf das GeschĂ€ft Gewinn ab.[21] 1926 steuerte Stout 4.000 US-Dollar zur GrĂŒndung des linksgerichteten Magazins The New Masses bei und wurde Vorstandsmitglied.[22] 1928 kehrte er der Zeitschrift den RĂŒcken, weil er mit ihrer immer radikaler werdenden Ausrichtung nicht einverstanden war.[23] Von 1926 bis 1928 war er Vorsitzender von âVanguard Pressâ[24], einem Verlag, der Klassiker der Literatur zu erschwinglichen Preisen neu auflegte und BĂŒcher mit nach links tendierenden Inhalten publizierte.[25]
Am 1. Dezember 1926, seinem 40. Geburtstag, beschloss Stout, sich aus dem âEducational Thrift Serviceâ zurĂŒckzuziehen.[26] Sein in den vergangenen zehn Jahren angehĂ€uftes Vermögen eröffnete ihm die Möglichkeit, eine Bildungsreise anzutreten und seine schriftstellerischen Ambitionen aufleben zu lassen. Im Dezember 1927 setzten er und seine Frau nach Europa ĂŒber. Von London aus, wo er George Bernard Shaw und Gilbert Keith Chesterton begegnete, reiste das Ehepaar nach Paris weiter, um dort in Gertrude Steins von Schriftstellern und KĂŒnstlern frequentiertem Salon in der rue de Fleurus 27 zu verkehren und u. a. mit Ernest Hemingway, Thornton Wilder und James Joyce zusammenzutreffen.[27] Stout, dessen besonderes Interesse archĂ€ologischen AusgrabungsstĂ€tten galt, startete im Sommer 1928 zu einer Rundreise, die ihn ĂŒber Arles im SĂŒden Frankreichs, Dubrovnik im damaligen Jugoslawien, Athen, Kairo und Tunis bis nach Casablanca fĂŒhrte. Zum Jahresende besuchte er Belgien, Italien und Spanien, bevor er, zurĂŒck in Paris, im Februar 1929 mit der Niederschrift seines ersten ernsthaften Romans, How Like a God, begann, den er bereits einen Monat spĂ€ter vollendete.[28]
Im FrĂŒhling 1929 kehrte Stout mit seiner Frau in die Vereinigten Staaten zurĂŒck und zog nach Brewster, New York, wo er 1927 ein 18 Acre groĂes StĂŒck Land erworben hatte, das sich bis nach Danbury, Connecticut, erstreckte.[29]
Am 24. Oktober 1929 kam es zum Zusammenbruch des US-amerikanischen Aktienmarktes, bei dem Stout beinahe sein gesamtes Vermögen verlor. Immerhin verfĂŒgte er noch ĂŒber genĂŒgend Mittel, um 1930, wĂ€hrend er an seinem zweiten Roman, Seed on the Wind, arbeitete, auf seinem Land in Connecticut ein Haus zu bauen, das er âHigh Meadowâ nannte und in dem er bis zu seinem Tod lebte und schrieb.[30] How Like a God und Seed on the Wind fanden bei der Kritik durchaus Anklang â eine Einnahmequelle, die es dem Ehepaar ermöglicht hĂ€tte, den gewohnten Lebensstandard zu bewahren, stellten sie jedoch nicht dar. Aus dem erfolgreichen GeschĂ€ftsmann war ein einsiedlerischer Schriftsteller geworden.[31]
Die Abgeschiedenheit in âHigh Meadowâ zermĂŒrbte Fay, die sich nach Gesellschaft und nach dem Glamour New Yorks sehnte und der Zeit nachtrauerte, als sie an der Seite ihres Mannes fĂŒr den âEducational Thrift Serviceâ gearbeitet hatte. Zwischen den Eheleuten begann es zu kriseln.[32] 1931 lernte Stout die knapp dreiĂigjĂ€hrige Pola Hoffmann kennen.[33] Im Februar 1932 wurde die Ehe mit Fay geschieden,[34] und am 21. Dezember desselben Jahres heiratete Stout Pola,[35] die ihm zwei Töchter schenkte, am 5. Oktober 1933 Barbara und am 4. Mai 1937 Rebecca.[36]
Nach insgesamt vier avantgardistischen Romanen besann sich Stout âauf sein natĂŒrliches ErzĂ€hltalent und verschrieb sich [âŠ] dem Detektivroman, in dessen Grenzen er der hohen Literatur so nahe kam, daĂ sich kein Wertunterschied mehr erkennen lĂ€Ătâ[37]. Mit dem Schreiben von Kriminalromanen konnte er zudem seinen materiellen Status aufrechterhalten.[38] Im Oktober 1933 begann er im Alter von 46 Jahren die Arbeit an seinem ersten Nero-Wolfe-Roman Fer-de-Lance, der âaus der Tradition des akademischen RĂ€tselromans kommtâ[39], in dem Wolfes Ermittlungsmethode aber auch schon âwesentlich psychologischer Artâ[40] ist. Am 24. Oktober 1934 erschien Fer-de-Lance unter dem Titel Point of Death in gekĂŒrzter Fassung in The American Magazine und zwei Tage spĂ€ter als Buch bei âFarrar and Rinehartâ.[41] Columbia Pictures erwarb die Filmrechte, sicherte sich eine Option auf weitere Geschichten und verfilmte Fer-de-Lance zwei Jahre spĂ€ter unter dem Titel Meet Nero Wolfe. Ebenfalls 1934 wurde Stouts Politthriller The President Vanishes anonym veröffentlicht und noch im selben Jahr von Paramount Pictures verfilmt. 1935 schrieb Stout seinen zweiten Nero-Wolfe-Roman, The League of Frightened Men, der 1937 unter demselben Titel verfilmt wurde.[42] Bis 1938 verfasste er vier weitere Nero-Wolfe-Romane, einen Krimi um die Detektivin Theodolinda âDolâ Bonner, The Hand in the Glove, und zwei Romane, ehe er sich ausschlieĂlich dem Kriminalroman widmete. Bis 1941 entstanden acht weitere Krimis, darunter zwei um Nero Wolfe und drei um den Privatdetektiv Tecumseh Fox.[43] Stout hatte sich einen Namen gemacht und konnte seine Familie lĂ€ngst allein mit der Schriftstellerei ernĂ€hren.[44]
Zwischen 1941 und 1945 schrieb Stout nur vier Nero-Wolfe-ErzĂ€hlungen, aber keinen einzigen Roman. Die verhaltene literarische Produktion war seinem Engagement wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs geschuldet. Er trat den âFriends of Democracyâ bei, einer Organisation, die gegen linken und rechten Extremismus kĂ€mpfte, und wurde 1942 ihr PrĂ€sident.[45] Er opponierte in ihrem Namen gegen das America First Committee und sprach sich bereits im April 1940, als sich die Vereinigten Staaten noch neutral verhielten, fĂŒr eine UnterstĂŒtzung GroĂbritanniens aus.[46]
Stout war in weiteren Organisationen aktiv. 1941 unterstĂŒtzte er finanziell die GrĂŒndung des âFight for Freedom Committeeâ und forderte als dessen Sprecher am 1. August 1941 in einer Radiosendung die sofortige KriegserklĂ€rung der Vereinigten Staaten an Deutschland.[47] AuĂerdem war er MitbegrĂŒnder des Freedom House[48], von 1941 bis 1946 Vorsitzender des âWritersâ War Boardâ[49], von 1943 bis 1945 PrĂ€sident von âAuthorsâ Guildâ und von 1943 bis 1946 PrĂ€sident der âSociety for the Prevention of World War IIIâ.[50]
Als Diskussionsteilnehmer in verschiedenen Radiosendungen, u. a. regelmĂ€Ăig in Our Secret Weapon von August 1942 bis Oktober 1943, machte Stout sich fĂŒr den Krieg gegen Nazi-Deutschland stark.[51] Seine extrem deutschfeindliche Gesinnung gipfelte in dem Essay We Shall Hate, or We Shall Fail, der am 17. Januar 1943 im New York Times Magazine erschien und heftige Kritik hervorrief.[52] Stouts ungebremster Hass gegen Deutschland isolierte ihn von anderen Mitstreitern im Kampf gegen den Faschismus wie John P. Marquand, Max Eastman und Dorothy Thompson. Letztere, die wie Stout an der GrĂŒndung des âFreedom Houseâ beteiligt gewesen war und sich in Zeitungsartikeln und Reden vehement dem Faschismus entgegenstellte, brandmarkte er sogar als âGerman apologistâ[53], als Verteidigerin Deutschlands, weil sie das deutsche Volk als Opfer des Nazi-Regimes bezeichnete, wĂ€hrend er die Ansicht vertrat, dass das deutsche Volk die Schuld an Hitler trage.[54] Es folgte eine heftige Auseinandersetzung, die zum Austritt der beiden aus dem âFreedom Houseâ fĂŒhrte. Nach einer klĂ€renden Aussprache kehrten sie aber schon bald dorthin zurĂŒck, um sich wieder gemeinsam ihrem politischen Anliegen zu widmen, ohne dass Stout seine radikale Haltung gegenĂŒber Deutschland als Ganzem aufgab.[55]
Im Oktober 1943, ein Jahr vor der PrĂ€sidentschaftswahl, befĂŒrwortete Stout in der Radiosendung Wake Up America das Vorhaben des amtierenden PrĂ€sidenten Franklin D. Roosevelt, aufgrund der nationalen Notlage fĂŒr eine vierte Amtszeit zu kandidieren.[56]
Im Januar 1945 begab Stout sich als Kriegsberichterstatter an die europĂ€ische Front und machte Station in Aachen und Köln, in den Vogesen, in Paris, im Apennin, in Rom, Neapel und Florenz, um im FrĂŒhjahr ĂŒber Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko, Dakar, Natal in Brasilien und Puerto Rico nach New York zurĂŒckzukehren.[57]
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wandte Stout sich in verstĂ€rktem MaĂe dem Schreiben zu und veröffentlichte zwischen 1946 und 1966 jedes Jahr einen Nero-Wolfe-Roman und insgesamt 34 Nero-Wolfe-ErzĂ€hlungen. Seinen Schaffensprozess verglich er mit dem Auslösen einer Explosion.[58] Er machte sich keine Notizen, bevor er zu schreiben anfing, und ĂŒberarbeitete das Geschriebene weder wĂ€hrend der Entstehung noch nach der Fertigstellung. Nicht lĂ€nger als sechs Wochen benötigte er, um einen Roman druckreif herunterzuschreiben.[59]
Stout stand also hinreichend Zeit zur VerfĂŒgung, auch weiterhin auf anderen Gebieten zu agieren. In den Nachkriegsjahren galt sein Augenmerk der Frage, wie man dauerhaften Frieden in der Welt sichern könne. 1946 richtete er im Namen des âWritersâ Boardâ eine von mehr als tausend prominenten Amerikanern unterschriebene Petition an PrĂ€sident Truman, mit der dieser gedrĂ€ngt werden sollte, auf eine Umwandlung der soeben gegrĂŒndeten Vereinten Nationen in eine Weltregierung um den Preis nationaler SouverĂ€nitĂ€t hinzuwirken.[60] 1949 war Stout MitbegrĂŒnder und Vorsitzender des âWritersâ Board for World Governmentâ.[61]
War Stout wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs ein Feind des Faschismus gewesen, zog er Anfang der 1950er Jahre gegen den Kommunismus zu Felde,[62] insbesondere gegen die âbig liesâ[63], die groĂen LĂŒgen Stalins. Dessen ungeachtet verabscheute er in gleichem MaĂe die antikommunistische Kampagne McCarthys[64] und protestierte gegen die Hinrichtung des wegen Atomspionage fĂŒr die Sowjetunion angeklagten Ehepaars Ethel und Julius Rosenberg am 19. Juni 1953. Seine Kritik richtete sich nicht gegen die Todesstrafe als solche, sondern gegen die Haltlosigkeit der Zeugenaussagen von Harry Gold, David Greenglass und Elizabeth Bentley.[65]
Stout wurde 1951 zum PrĂ€sidenten der âAuthorsâ Leagueâ gewĂ€hlt und hatte das Amt bis 1955 inne.[66] Ăberzeugt, âdaĂ die Arbeit eines geistig schaffenden KĂŒnstlers ihrem Wert entsprechend bezahlt werden sollteâ[67], nahm er sich der Rechte von Schriftstellern an und wirkte am Urheberrechtsgesetz beratend mit, das sich am 1952 beschlossenen Welturheberrechtsabkommen orientierte und im November 1954 in Kraft trat.[68]
1958 ĂŒbernahm Stout die PrĂ€sidentschaft der Mystery Writers of America. Ein Jahr spĂ€ter wurde er mit dem Grand Master Award fĂŒr sein Lebenswerk ausgezeichnet.[69]
Mit The Doorbell Rang, einem der âerfolgreichsten und spektakulĂ€rsten Romane [der Nero-Wolfe-Serie âŠ], worin Stout die Ăbergriffe amerikanischer Staatsorgane in die PrivatsphĂ€re der BĂŒrger, die illegalen Ăberwachungsusancen des FBI mit grimmigem Witz entlarvtâ[70], geriet er 1965 ins Visier des FBI-Direktors J. Edgar Hoover, den er in einem Interview als eine Bedrohung der Grundfesten der Demokratie bezeichnete.[71] Zudem veröffentlichte er im November desselben Jahres in der Zeitschrift Ramparts mit The Case of the Spies Who Werenât eine Kritik ĂŒber ein Buch[72], das der Frage nach der Rolle des FBI im Spionagefall um das Ehepaar Rosenberg nachging. Diese Kritik stellte eine noch schĂ€rfere Attacke gegen Hoover und das FBI dar als The Doorbell Rang.[73] Stout wurde in eine schwarze Liste aufgenommen, die dem FBI feindlich gesinnte Personen enthielt.[74] Er glaubte jedoch nicht, dass Hoover sich zu seinem Roman Ă€uĂern wĂŒrde, denn âwenn das FBI Krach schlĂŒge, wĂ€re dies nur dem Verkauf des Buchs förderlichâ[75]. Hoover indes hielt seine Zunge nicht im Zaum. In einem Zeitungsartikel wurde er mit den Worten zitiert: âWenn sich ein Spezialagent jemals so auffĂŒhrte wie in Mr. Stouts Buch dargestellt, erhielte er die sofortige KĂŒndigungâ[76]. The Doorbell Rang verkaufte sich besser als jeder frĂŒhere Nero-Wolfe-Roman und bescherte Stout, der bis dahin in weiten Teilen der Ăffentlichkeit als ein Verfechter der bĂŒrgerlichen Freiheit gegolten hatte, der nur zur Zerstreuung Detektivgeschichten schreibe, eine breitere Leserschaft und eine höhere Anerkennung als Schriftsteller.[77]
Stout sah die persönliche Freiheit nicht nur durch das FBI bedroht, sondern auch durch die kommunistische PrĂ€senz in SĂŒdostasien.[78] Ăhnlich wie im Zweiten Weltkrieg, als er ein hartes Vorgehen gegen Nazi-Deutschland propagierte, begrĂŒĂte er nun das offene Eingreifen der Amerikaner im Vietnamkrieg und unterschrieb im November 1965 eine dementsprechende ErklĂ€rung. Andere Mitunterzeichnete waren Dean Acheson, Lucius Clay, James B. Conant und der spĂ€tere PrĂ€sident Richard Nixon.[79]
WĂ€hrend in den folgenden Jahren die Proteste gegen den Vietnamkrieg immer lauter wurden, blieb Stout bei seiner Haltung und hieĂ 1969 in einem Schreiben an den soeben in sein Amt eingefĂŒhrten PrĂ€sidenten Nixon dessen Vietnampolitik gut.[80] Gleichwohl bezeichnete er Nixon nach dessen RĂŒcktritt im August 1974, auf die Watergate-AffĂ€re anspielend, als die gröĂte Gefahr, der die amerikanische Demokratie jemals ausgesetzt gewesen sei.[81]
In seinem letzten Lebensjahrzehnt zog Stout sich weitgehend aus der Ăffentlichkeit zurĂŒck, behielt aber sein Interesse an Politik bei und gab vereinzelt Interviews. Schwere Krankheiten machten ihm in zunehmendem MaĂe zu schaffen, vermochten ihn aber nicht vom Schreiben abzuhalten. Im Januar 1975 vollendete er seinen letzten Nero-Wolfe-Roman, A Family Affair. Am 27. Oktober 1975 starb Rex Stout in âHigh Meadowâ auf seinem Land in Connecticut im Alter von 88 Jahren. FĂŒnf Tage spĂ€ter wurde ein Teil seiner Asche in seinem Garten verstreut.[82]
Ihm zu Ehren wurde 1979 der Nero Wolfe Award ins Leben gerufen.
âStout ist der Politiker unter den eminenten Autoren des Kriminalromans.â[83] Der Konflikt zwischen den Persönlichkeitsrechten des Einzelnen und den Interessen des Staates durchzieht die Nero-Wolfe-Geschichten, die sich am Zeitgeschehen orientieren und von Anspielungen sowohl auf auĂenpolitische Fragen als auch auf inneramerikanische Probleme wie kriminelle UnregelmĂ€Ăigkeiten in staatlichen Ămtern, Erpressungen in Einwandererbehörden und Korruption in WohltĂ€tigkeitsorganisationen, in der Kriegswirtschaft und im politischen Apparat begleitet werden. In The Rubber Band (1936) etwa protestieren Juden gegen deutsche Schiffe, werden Sozialpolitiker als Kommunisten verdĂ€chtigt und italienische Exilanten von Faschisten attackiert, in Too Many Women (1947) wird die Frage nach dem wirtschaftlichen Aufbau Deutschlands, insbesondere des Ruhrgebiets, gestellt, und in The Golden Spiders (1953) empört sich Nero Wolfe ĂŒber die Einwanderungsquote.
Einige Romane Stouts sind vorrangig politisch. Too Many Cooks (1938) und A Right to Die (1964) handeln von der staatsbĂŒrgerlichen Gleichberechtigung von Schwarzen und WeiĂen und Over My Dead Body (1940) von amerikanischen Firmen, die mit Nazi-Deutschland Finanzbeziehungen unterhalten. The Second Confession (1949) hat die kommunistische Infiltration eines Industriekonzerns und The Black Mountain (1954) die kommunistische Herrschaft in Montenegro, dem Heimatland Nero Wolfes, zum Gegenstand. The Doorbell Rang (1965) nimmt das FBI aufs Korn, und in A Family Affair (1975) werden Nixon und die Watergate-AffĂ€re thematisiert.[84]
Stout âkonnte nur ein paar Brocken Deutsch und unterhielt zur deutschen Dichtung keine nĂ€here Beziehung. [âŠ] Wichtiger und folgenreicher als seine literarische Unkenntnis war jedoch seine politische Antipathie gegen Deutschland.â[85] Diese âGermanophobieâ[86] beschrĂ€nkte sich indes nicht auf die Zeit der Diktatur Hitlers. Auch in den Folgejahren zĂ€hlte Stout zu den entschiedenen Deutschland-Kritikern. Er drang auf eine BeschrĂ€nkung der wirtschaftlichen Strukturen und auf die Entmilitarisierung Deutschlands sowie auf die Konfiszierung deutscher Vermögenswerte, um ein Wiedererstarken Deutschlands und einen erneuten Krieg zu verhindern, und verurteilte den Plan der Vereinigten Staaten, Deutschland zum mĂ€chtigsten Industriestaat in Europa aufzubauen, um im Falle eines Krieges gegen die Sowjetunion einen starken VerbĂŒndeteten zu haben. Er prophezeite, dass die Deutschen gemeinsame Sache mit den Kommunisten machen wĂŒrden.[87] 1949 untersagte er einem Verleger aus politischer Ăberzeugung, seine BĂŒcher in deutscher Sprache herauszugeben â eine Weigerung, von der er in den 1950er Jahren allerdings Abstand nahm.[88] In den 1960er Jahren schloss er sich der kritischen Meinung Karl Jaspersâ an, der in seinem Buch Wohin treibt die Bundesrepublik? (1966) eine gröĂere Einflussnahme des Volkes auf das politische Geschehen forderte, und lieĂ Nero Wolfe in The Father Hunt (1968) Jaspersâ Buch â in der englischen Ăbersetzung The Future of Germany â zustimmend lesen.[89]
Nur ein einziges Mal, in Before Midnight (1955), zitiert Stout einen Buchtitel auf Deutsch: Die Geschichte des Teufels â ein Scherz, der in der deutschen Ausgabe Vor Mitternacht (1957) unter den Tisch fiel.[90] âGestrichen oder verkĂŒrzt sind hĂ€ufig auch die fĂŒr Stout typischen Bemerkungen zur politischen AktualitĂ€t.â[91] Alles AnstöĂige â auch Stouts Antipathie gegen Deutschland â wurde aus seinen BĂŒchern verbannt, wodurch er zu einem gefĂ€lligen Unterhaltungsautor verfĂ€lscht wurde. Des Weiteren finden sich die wenigen Stellen, wo er deutsche Wendungen gebraucht, nicht wieder. Wörter wie âschlampickâ, âWeltschmerzâ und âWanderlustâ wurden kurzerhand gestrichen. In manchen Romanen wurden ganze Passagen ausgelassen und andere Abschnitte vermeintlich humorvoll ausgeschmĂŒckt. In If Death Ever Slept (1957) heiĂt es etwa âit was plainâ (dt.: âes war klarâ), was die Ăbersetzerin Renate Steinbach in Der Schein trĂŒgt (1959) zu âbei dem sogar einem begriffsstutzigen Dorftrottel klargeworden wĂ€reâ aufblĂ€ht. Und âWolfe grimacedâ (dt.: âWolfe zog eine Grimasseâ) in Too Many Cooks (1938) wird durch den Ăbersetzer Carl Brinitzer in Zu viele Köche (1957) zu âWolfe sah aus wie eine Kreuzung aus Hiob und UnglĂŒcksrabeâ. Wenn Archie Goodwin, der Assistent Nero Wolfes, im selben Roman sagt: âand then youâll ask whoever stabbed Laszio to raise his hand and his hand will shoot up, and then all youâll have to do is ask who paid himâ (dt.: âund dann werden Sie, wer immer Laszio erstochen hat, bitten, seine Hand zu heben, und seine Hand wird emporschnellen, und dann mĂŒssen Sie nur noch fragen, wer ihn bezahlt hatâ), liest man in der Ăbersetzung: âUnd dann können Sie die zehn kleinen Negerlein fragen, wer Laszio ermordet hat. âBitte die Hand hochheben, werâs getan hat!â Und dann wird sich der TĂ€ter natĂŒrlich sofort melden. //Zehn kleine Negerlein,/ Die werden sich dann freuân,/ Einer hat Laszio umgelegt,/ Da warenâs nur noch neun.// Und dann brauchen Sie nur noch zu fragen, von wem er das Geld bekommen hat.â WillkĂŒrliche HinzufĂŒgungen wie diese machen aus dem lakonischen ErzĂ€hler Archie Goodwin einen gemĂŒtlichen SchwĂ€tzer[92] â eine Unsitte, ĂŒber die bereits Marlene Dietrich in einem Brief an Stout ihr Missfallen Ă€uĂerte: âThey try to copy the jargon of Archie â frightful.â[93] (dt.: âSie versuchen den Jargon Archies nachzuahmen â schrecklich.â)
Von 1929 bis 1931 veröffentlichte Stout bei âVanguard Pressâ, bis 1944 bei âFarrar and Rinehartâ und danach bei Viking Press, allesamt New York.
postum
Die Gedichte erschienen in der Literaturzeitschrift The Smart Set.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Stout, Rex |
| ALTERNATIVNAMEN | Stout, Rex Todhunter (vollstÀndiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 1. Dezember 1886 |
| GEBURTSORT | Noblesville, Indiana |
| STERBEDATUM | 27. Oktober 1975 |
| STERBEORT | Danbury, Connecticut |