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Ricarda Octavia Huch (* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Schönberg im Taunus, heute Stadtteil von Kronberg; Pseudonym: Richard Hugo) war eine deutsche Schriftstellerin, Dichterin, Philosophin und Historikerin.
Inhaltsverzeichnis |
Ricarda Huch entstammte einer Kaufmannsfamilie, die in ihrer Generation gleich mehrere zum Teil äußerst produktive Literaten hervorbrachte – ihr Bruder Rudolf und ihre Vettern Friedrich und Felix waren ebenfalls bekannte Schriftsteller –, und wuchs in Braunschweig auf. Da das Frauenstudium in Deutschland nicht möglich war, studierte sie in der Schweiz Geschichte und Philosophie und promovierte 1892 an der philosophischen Fakultät der Universität Zürich mit einer historischen Arbeit über „Die Neutralität der Eidgenossenschaft während des spanischen Erbfolgekrieges“. Seit ihren Studientagen war sie mit der Tiermedizinerin Marianne Plehn befreundet, die später die erste deutsche Professorin in Bayern werden sollte. In der Zürcher Pension Walder in Hottingen[1] lernte Huch ihre lebenslange Freundin, die Chemiestudentin Marie Baum, kennen, die in Danzig 1874 geboren wurde († 1964) und ihr 1950 ein biographisches Denkmal setzte: Leuchtende Spur.
Während ihres Studiums an der Universität Zürich arbeitete Ricarda Huch seit 1889 als unbezahlte Hilfskraft in der Stadtbibliothek in Zürich. Ihre Tätigkeit beschränkte sich zunächst auf die formale Erfassung von im Umfang ca. 6000 Broschüren aus der Revolutionszeit der Sammlung Usteri. Zwei Jahre später wurde für die junge Studentin eigens eine Sekretärsstelle geschaffen, die sie am 1. November 1891 antrat. Der Aufgabenbereich umfasste vor allem Korrespondenzen und die Verarbeitung von Druckschriften. Aus den privaten Schreiben Ricarda Huchs geht hervor, dass sie den bibliothekarischen Alltag oft als langweilig und öde, sich selbst als unterfordert empfand. Andererseits schien sie sich im Habitus der Bibliotheksbeamtin auch wieder zu gefallen.
Während ihrer Dienstzeit, die bis 1894 dauerte, erschien in Berlin Ricarda Huchs erstes Bühnenstück Evoë!, das in der Presse wohlwollende Aufnahme fand, wenngleich der enzyklopädisch-gelehrte Stil moniert wurde. Parallel zur bibliothekarischen Tätigkeit begann Huch auch an der Töchterschule zu unterrichten, eine Tätigkeit, welche die Arbeit in der Bibliothek immer stärker an den Rand drängen sollte, bis Ricarda Huch im Herbst 1894 das Entlassungsgesuch einreichte. Nach ihrem Austritt aus der Stadtbibliothek erschien auf das Jahr 1895 das von ihr verfasste Neujahrsblatt über die Nachrichtensammlung des Zürcher Chorherrn Johann Jakob Wick. Inspiriert durch Wicks Beschreibung eines Exorzismus, publizierte Huch darauf im Sonntagsblatt des Bundes eine Novelle mit dem Titel Eine Teufelei. Nachgelassene Papiere des Staatsschreibers Potzmanterle.
Huch arbeitete zunächst als Bibliothekarin und – von diesem Beruf wenig erfüllt – als Lehrerin in Zürich und Bremen. Ab 1897 lebte sie in Wien, wo sie 1898 den Zahnarzt Ermanno Ceconi heiratete. Ihm folgte sie 1898–1900 in seine Heimatstadt Triest, die damals zu Österreich gehörte. In dieser Zeit erarbeitete sie als erste die Geschichte der italienischen Einigung „Risorgimento“ unter der Führung von Giuseppe Garibaldi. Weil sie sich mit dieser Forschung Verdienste um Italien erworben hatte, wurde sie von den italienischen Faschisten geschätzt, weshalb sie im nationalsozialistischen Deutschland nicht verfolgt wurde (s. u.).
Lange lebte sie – mit Unterbrechungen – in München (1912–1916, 1918–1927), wo viele wichtige Bücher entstanden, zum Beispiel ihre Biographie Michael Bakunin und die Anarchie (1923). Hier kam sie auch in Kontakt mit der Frauenbewegung, mit deren Vordenkerinnen Ika Freudenberg und Gertrud Bäumer sie korrespondierte. Katia Mann schildert in ihren Lebenserinnerungen, dass ihre Kinder bei Ermanno Ceconi in zahnärztlicher Behandlung waren.[2] In den Jahren 1927 bis 1932, die sie und ihre Tochter Marietta in Berlin verbrachten, erreichte sie die Nachricht vom Tode Ceconis. Hier entstand eine Arbeit über die deutsche Revolution von 1848/49 Alte und neue Götter (1930).
Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten verweigerte Ricarda Huch eine von den Mitgliedern der Preußischen Akademie der Künste verlangte Loyalitätserklärung gegenüber dem neuen Regime mit der Begründung, dass sie „...verschiedene der inzwischen vorgenommenen Handlungen der neuen Regierung aufs schärfste mißbillige“.[3] Als Protest gegen den Ausschluss von Alfred Döblin aus der gleichgeschalteten Akademie unter ihrem Präsidenten Max von Schillings trat sie noch im Frühling 1933 als erstes Mitglied aus. Dieser Tatbestand wurde im Dritten Reich nicht veröffentlicht.
Das Verhalten der neuen Machthaber ihr gegenüber blieb widersprüchlich. Zwar bekam Huch zu ihrem 80. Geburtstag persönliche Glückwunschtelegramme von Goebbels und Hitler, doch in der Presse durfte ihr Geburtstag nicht erwähnt werden. Man wusste, dass sie dem Nationalsozialismus feindlich gegenüberstand, wollte aber wegen ihrer italienischen Verbindungen und wegen des befürchteten negativen Propagandaeffekts nicht gegen sie vorgehen.
Der erste, 1934 erschienene Band ihrer Deutschen Geschichte, die das Regime als implizite Kritik verstand, wurde von der offiziellen Literaturkritik verrissen. Einzig Reinhold Schneider würdigte ihr Werk in einer Buchrezension[4] und unterstrich ihre Grundaussage sogar mit einer noch in derselben Ausgabe erscheinenden religionsphilosophischen Abhandlung,[5] die kaum anders zu verstehen war denn als offene Kritik daran, dass der Nationalsozialismus das deutsche Volk in fataler Weise zu Gottes auserwähltem Volk verklärt hatte. Der zweite Band konnte 1937 nur unter großen Schwierigkeiten erscheinen, der dritte und letzte, 1941 fertiggestellte Band überhaupt nicht mehr. Er wurde erst 1949, zwei Jahre nach Ricarda Huchs Tod, in Zürich veröffentlicht.
Die Zeit von 1935 bis 1947, in der sie mit ihrer Tochter und deren Ehemann Franz Böhm in Jena lebte, lässt sich bis zum Kriegsende als innere Emigration beschreiben. Diese war bei Huch gekennzeichnet durch zahlreiche Kontakte zu Gegnern des nationalsozialistischen Regimes. Weil es in der Zeit des Nationalsozialismus wenig Häuser gab, in denen ein offenes Wort gesprochen werden konnte, entwickelte sich Ricarda Huchs Wohnung am damaligen Oberen Philosophenweg (heute Ricarda-Huch-Weg) zu einem Gesprächsort, wo neben Künstlern und Wissenschaftlern auch Personen verkehrten, die selbst oder deren Verwandte später am missglückten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt waren. Ihr Schwiegersohn hatte es nur einer Namensverwechselung zu verdanken, dass er nicht im Zuge der Verfolgungen nach dem 20. Juli verhaftet wurde. Er und Huch hatten bei einer privaten Einladung im Mai 1937 die Politik der Nationalsozialisten kritisiert, woraufhin beide vom Hochschullehrer Richard Kolb denunziert wurden[6] und Böhm daraufhin der Lehrauftrag an der Universität Jena entzogen wurde. Huch, und damit auch Böhm, standen allerdings unter der Protektion des nationalsozialistischen Reichsjustizministers Franz Gürtner.[7] 1944 erhielt Huch den Wilhelm-Raabe-Preis.
Den Frauen und Männern des Widerstands ein Denkmal zu setzen, war der mittlerweile greisen Dichterin eine Aufgabe, die sie sich für die Zeit nach dem „Dritten Reich“ vorgenommen hatte. Dieses Projekt, die Lebensläufe der Widerstandskämpfer in Biographien festzuhalten, gelang nicht vollständig. Immerhin gelang es ihr, die Münchener Weiße Rose und die Geschwister Scholl der Nachwelt einzuprägen. Das Werk wurde nach ihrem Tod von dem Autor Günther Weisenborn weitergeführt, aber Huchs ursprüngliche Intention wurde völlig verkehrt. Erst 1997 wurden die Originalarbeiten im Leipziger Universitätsverlag veröffentlicht: In einem Gedenkbuch zu sammeln.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit bemühten sich die kommunistischen und russischen Stellen darum, Ricarda Huch für sich zu gewinnen: So zeichnete die Jenaer Friedrich-Schiller-Universität Huch 1946 mit der Ehrendoktorwürde aus. Auf dem ersten deutschen Schriftstellerkongress nach dem Krieg in Berlin konnte sie einen vielbeachteten Vortrag halten. Zudem war sie Mitglied und Alterspräsidentin der Beratenden Landesversammlung Thüringen[8][9], dem ernannten ersten Vorparlament des wieder errichteten Landes Thüringen. Trotzdem floh sie vor dem neu aufkeimenden Totalitarismus auf deutschem Boden nach Frankfurt am Main, nachdem ihr Schwiegersohn Franz Böhm in Hessen Kultusminister geworden war. Den Reisestrapazen im ungeheizten Zug über die Sektorengrenze war ihre Gesundheit jedoch nicht mehr gewachsen. Im Gästehaus der Stadt Frankfurt in Schönberg starb sie am Morgen des 17. November 1947. Auf dem Hauptfriedhof Frankfurt fand sie ein Ehrengrab (Grablage: Gewann II, 204).[10]
Ricarda Huch war zweimal verheiratet, zunächst mit dem italienischen Zahnarzt Ermanno Ceconi, danach kurz und unglücklich mit ihrem Jugendschwarm und Schwager Richard Huch.
Ricarda Huchs literarisches Werk ist äußerst umfangreich und von thematischer wie stilistischer Breite. So begann sie mit Gedichten, schrieb dann jedoch zunehmend Romane und vor allem historische Werke, die zwischen Geschichtswissenschaft und Literatur angesiedelt sind.
Ricarda Huch widmete sich seit den 1910er Jahren der italienischen, deutschen und russischen Geschichte. Ihre historischen Romane sind meist psychologisch-biographisch. Unter anderem verfasste sie Biographien über Michail Bakunin und Federico Confalonieri. Ihre monumentale deutsche Geschichte entstand zwischen 1934 und 1947 und umfasst sowohl das Mittelalter als auch die Frühe Neuzeit.
Mit der historischen Prosa (historische Romane, Geschichtsbücher) beeinflusste sie nachdrücklich Golo Mann, der auf ihre Deutsche Geschichte eine Fortsetzung, Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, folgen ließ.
Bereits kurz nach ihrem Tod wurden vor allem Mädchengymnasien Ricarda-Huch-Schule genannt, z. B. in Braunschweig-Gliesmarode, Hannover-List, Kiel, Krefeld, Hagen, Gelsenkirchen und Gießen, ebenso Schulen in Dreieich. In Dortmund gibt es eine Ricarda-Huch-Realschule, ebenso in München. Die Zwickauer Ricarda-Huch-Schule für Erziehungshilfe wird ab August 2011 wegen eines Umzugs in Schule Mosel umbenannt. In Bad Hersfeld, Baiersdorf, Bochum, Bremen-Findorff, Brühl, Chemnitz, Dresden, Düren, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Freiburg im Breisgau, Hamburg, Köln-Stammheim, Mainz, Lörrach, Lünen, München, Oldenburg, Neukirchen-Vluyn, Neuss, Nürnberg-Langwasser, Potsdam, Reutlingen, Schneverdingen, Schwabach-Wolkersdorf, Schwerin, Stuhr (Brinkum), Verden, Wilhelmshaven und Zwickau wurden Straßen nach ihr benannt. In Balingen, Ratzeburg und Wien gibt es einen Ricarda-Huch-Weg, in Jena sowohl einen Ricarda-Huch-Weg als auch ein Ricarda-Huch-Haus.
Zur Erinnerung verleiht Darmstadt alle drei Jahre einen Ricarda-Huch-Preis.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Huch, Ricarda |
| ALTERNATIVNAMEN | Richard Hugo (Pseudonym) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Schriftstellerin, Dichterin und Erzählerin |
| GEBURTSDATUM | 18. Juli 1864 |
| GEBURTSORT | Braunschweig |
| STERBEDATUM | 17. November 1947 |
| STERBEORT | Schönberg im Taunus, heute Kronberg |