Suche im Lexikon
Lexikon auf Ihrer Homepage Lexikon als Lesezeichen hinzufügen

Richard Dertsch

Richard Dertsch (* 17. Januar 1894 in Ob (heute Gemeinde Bidingen, Landkreis Ostallgäu); † 14. Dezember 1981 in Kaufbeuren)[1] war ein deutscher Archivar und Bibliothekar.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Kempten und Dillingen nahm Dertsch 1913 das Lehramtsstudium in den Fächern Germanistik, Geschichte und Anglistik an der Universität München auf. Am 1. Weltkrieg nahm er zunächst als kriegsfreiwilliger Krankenpfleger teil, 1917 wurde er noch als Infanterist ausgebildet, kam jedoch nicht mehr an die Front. Nach Wiederaufnahme des Studiums Ende 1918 war er zeitweise im Freikorps Wolf am Kampf gegen revolutionäre Truppen in Bayerisch-Schwaben beteiligt. Seine Dissertation schrieb Dertsch 1924 an der Universität München über die Besiedlungsgeschichte des östlichen bayerischen Mittelschwabens.[2]

Dertsch war seit 1926 Stadtarchivar in Mainz. im März 1930 trat er als erster Beamter der Stadt der NSDAP bei und wurde 1934 von den nunmehrigen Machthabern aus politischen Gründen an die Stelle des bisherigen Leiters der Mainzer Stadtbibliothek und des Stadtarchivs, Aloys Ruppel, gesetzt. Aufgrund seines aktiven Katholizismus kam es jedoch zu Konflikten zwischen Dertsch und dem NS-Regime. Als seine Mitarbeiterin Elisabeth Darapsky im Oktober 1943 wegen staatsfeindlicher Äußerungen verhaftet wurde, schrieb er ihr einen tröstenden Brief ins Gefängnis, woraufhin er mehrere Wochen in Haft genommen, schließlich seines Amtes enthoben und kommissarisch wieder durch Ruppel ersetzt wurde.[3]

Nach Kriegsende bewarb er sich als Leiter des Stadtarchivs Freiburg im Breisgau[4], bekam aber schließlich eine Stelle als Direktor des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek in Kaufbeuren im Allgäu. Seitdem machte er sich vor allem durch Forschungen zu mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Urkunden, Ortsnamen und Besiedlungsgeschichte des östlichen Schwaben einen Namen. Seine Regesten bilden bis heute eine der wichtigsten Grundlagen für die Erforschung der mittelalterlichen Geschichte der Region.

1977 wurde er vom Verband bayerischer Geschichtsvereine mit der Aventin-Medaille geehrt.[5]

Veröffentlichungen (Auswahl)

Mainz

  • Königskrönungen im Mainzer Dom. In: Mainzer Anzeiger, Sonder-Beilage zu Nr. 241 vom 15. Oktober 1928.
  • Aus der Geschichte der Mainzer Metzgerzunft. In: Festbuch der 49. Tagung des Deutschen Fleischerverbandes 7. bis 12. Juli 1929 in Mainz. Mainz, 1929, S. 35–48.
  • Die GrĂĽndung des Mainzer Handelsstandes im 18. Jahrhundert. In: 50 Jahre A. u. E. Fischer in Mainz 1880-1930, Mainz 1930, S. 25–30.
  • Hundert Jahre J. B. Falk, Mainz, Metzgerei u. Wurstfabrikation, Betzelstr. 11: 1831-1931. Mainz, 1931 (zusammen mit Heinrich Schrohe)
  • Zur Mainzer Ortskunde. Die rheinseitige Stadtmauer und ihre Tore. In: Mainzer Zeitschrift, 27 (1932), S. 55–58.
  • Zur FrĂĽhgeschichte von AltmĂĽnster. In: Stadt und Stift. Beiträge zur Mainzer Geschichte. Festschrift fur H. Schrohe, Mainz 1934, S. 37-52.
  • Mainzer Ahnenkunde: Nachweise des Archivs und der Bibliothek der Stadt Mainz. Mainz: Stadtbibliothek, 1935. (zusammen mit Hans Knies)
  • Geburtsbriefe des Mainzer Stadtarchivs aus heute hessischem Gebiet. Neu herausgegeben in: Mitteilungen der Hessischen Familiengeschichtlichen Vereinigung 1925–1953 (Digitales Archiv fĂĽr Geschichte und Genealogie in Hessen, Bd. 1), Bad Nauheim: Genealogie-Service.de, 12/2003.
  • Geburtsbriefe des Mainzer Stadtarchivs aus heute bayerischem Gebiet. In: Blätter des Bayerischen Landesvereins fĂĽr Familienkunde, Bd. 5, H. 7–9, 1936, S. 87–99.
  • Das Pestjahr 1635 in Mainz. In: Beiträge zu Kunst und Geschichte des Mainzer Lebensraumes. Festschrift fĂĽr Ernst Neeb. Mainz, 1936, S. 134–142.
  • Mainz zur Zeit Gutenbergs: Festvortrag gehalten bei der Eröffnungsfeier der Gutenberg-Festwoche der Stadt Mainz am 20 Juni 1937. (Kleiner Druck der Gutenberg-Gesellschaft, 30), Mainz: Gutenberg-Gesellschaft, 1937.
  • Landwirtschaftliche Zählungen und Inventuren des 16. Jahrhunderts. Mainz, 1940.
  • Schicksale der Stadtbibliothek und des Stadtarchivs zwischen 1925 und 1943. In: Fritz Arens, Mainzer Altertumsverein, Mittelrheinisches Landesmuseum Mainz, Staatl. Amt fĂĽr Vor- und FrĂĽhgeschichte, Stadtbibliothek und Stadtarchiv Mainz (Hrsgg.): Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch fĂĽr Archäologie, Geschichte und Kunst, Jahrgang 77/78, 1982/83, S. 165–170. Mainz: Verlag des Mainzer Altertumsvereins, 1982.

Schwaben

  • Die deutsche Besiedlung des östlichen bayerischen Mittelschwabens in ihren geschichtlichen ZĂĽgen. In: Archiv zur Geschichte des Hochstifts Augsburg, Bd. 6, S. 297-432, Dillingen an der Donau: Prof. Dr. Alfred Schröder, 1925. Zugleich: MĂĽnchen, Diss., 1924.
  • Die ländliche Badestube im bayerischen Schwaben. In: Bayerischer Heimatschutz, 21 (1925), S. 41–45.
  • Das Kloster Weihenberg. In: Archiv fĂĽr die Geschichte des Hochstifts Augsburg, Bd. 6, Dillingen a. D.: Selbstverlag A. Schröder, 1926, S. 505–540.
  • Der Maierhof. In: Bayerischer Heimatschutz, 22, S. 71–77, MĂĽnchen: Seyfried 1926.
  • Urkundenregesten zur Geschichte des Klosters Salmannshofen O.S.Fr.. Augsburg, 1929, S. 737–744.
  • Hexenglaube am Bodensee. In: Bayerischer Heimatschutz, MĂĽnchen: Carl Aug. Seyfried & Co., 1929, S. 65–71.
  • Bevölkerungsgeschichte und Bevölkerungsbiologie von Tiefenbach bei Oberstdorf. In: Zeitschrift des Historischen Vereins fĂĽr Schwaben und Neuburg 52, 1936, S. 169–226 (zusammen mit Hanna Homann)
  • Schwäbisches zur Volksforschung. In: Schwabenland, 3, H. 5, S. 165-188, Augsburg 1936.
  • Das Altenburger Urbar von 1569. (Allgäuer HeimatbĂĽcher, 9), Kempten: Oechelhäuser 1938.
  • Das FĂĽssener hochstiftische Urbar von 1398. Kempten (Allgäu): Oechelhäuser, 1940 (= Alfred Weitnauer (Hrsg.): Alte Allgäuer Geschlechter, 17; = Allgäuer HeimatbĂĽcher, 22)
  • Zu- und Abwanderungen in der Pflege Oberdorf 1576-1802. (= Alte Allgäuer Geschlechter, 21; = Allgäuer HeimatbĂĽcher, 31), Kempten: Oechelhäuser, 1940.
  • Das Stiftkemptische Salbuch von 1394. In: Allgäuer Geschichtsfreund 31, NF (1930), S. 1–61 (= Allgäuer HeimatbĂĽcher, 37; Kempten: Oechelhäuser 1941).
  • Tote eines Schweizer Kriegsspitals im Allgäu 1799/1800. Schweizer Familienforscher 14 (1947), S. 113–115.
  • Schwäbische Siedlungsgeschichte. (Schwäbische Heimatkunde, 2). Kempten: Schwabenverlag, 1949.
  • Festschrift zum zwölfhundertjährigen Jubiläum des Heiligen Magnus. (Zusammenstellung; Hrsg.: Stadt FĂĽssen). FĂĽssen: Stadt FĂĽssen, 1950.
  • Kurat Frank (1867–1942). In: Bayerischer Landesverein fĂĽr Heimatpflege e.V. (Hrsg.): Schönere Heimat, 40, S. 23–24, MĂĽnchen, 1951.
  • Landkreis Marktoberdorf. (= Kommission fĂĽr Bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Historisches Ortsnamenbuch von Bayern, Teil Schwaben, 1), MĂĽnchen 1953.
  • Das Urbar des Hochstifts Augsburg von 1366, mit dem Allgäuer Anteil des hochstiftischen Urbars 1427/31. Kempten (Allgäu): Verlag des Heimatpflegers von Schwaben, 1954 (= Alfred Weitnauer (Hrsg.): Alte Allgäuer Geschlechter, 28; = Allgäuer HeimatbĂĽcher, 44, Kempten (Allgäu): Oechelhäuser 1954), Hrsg. zusammen mit Alfred Weitnauer.
  • Die Urkunden der Stadt Kaufbeuren (Stadt, Spital, Kloster) 1240–1500, Augsburg 1955 (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft bei der Kommission fĂĽr Bayerische Landesgeschichte, Reihe 2a: Regesten staatlicher, städtischer und privater Archive, Bd. 3)
  • Register der in den Namenslisten der Landeshuldigung von 1617 vorkommenden Familiennamen, Staatsarchiv Augsburg, FĂĽrststift Kempten, Archiv (Signatur: B 97; Altsignatur: BayHStA, FĂĽrststift Kempten/MĂĽB 015a), 1955.
  • Das Einwohnerbuch des Ottobeurer Klosterstaats vom Jahre 1564. (= Alfred Weitnauer (Hrsg.): Alte Allgäuer Geschlechter, 34; = Allgäuer GeschichtsbĂĽcher, 50), Kempten (Allgäu): Oechelhäuser, 1955
  • Die stark flektierten genetivischen Ortsnamen im Allgäu und seiner Umgebung. In: Blätter fĂĽr oberdeutsche Namenforschung (im Auftrag des Verbandes fĂĽr Flurnamenforschung in Bayern) 1, H.1, 1958.
  • Die Urkunden der FĂĽrstl. Oettingischen Archive in Wallerstein und Oettingen 1197-1350, bearbeitet unter Mitarbeit von Gustaf WĂĽlz, Augsburg (= Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft, Reihe 2a: Urkunden und Regesten; 6), 1959.
  • Reginald Freiherr von Ott aus Mitterteich. Ein Schulfall fĂĽr erschwindelten Adel. In: Blätter des Bayerischen Landesvereins fĂĽr Familienkunde, Jg. 23, MĂĽnchen 1960, S. 303.
  • Das Franziskanerinnenkloster in Kaufbeuren: kurze Geschichte des Klosters. In: Bavaria Franciscana antiqua, 5, Landshut 1961 (80 S.)
  • Stadt- und Landkreis Kaufbeuren. (= Historisches Ortsnamenbuch von Bayern, Teil Schwaben, 3), MĂĽnchen 1960.
  • Ottobeuren und die Ortsnamen auf -beuren. In: Ottobeuren 764 – 1964. Beiträge zur Geschichte der Abtei. (= Sonderband der Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige, 73). Augsburg: Kommissionsverlag Winfried-Werk, 1964.
  • Stadt- und Landkreis Kempten. (= Historisches Ortsnamenbuch von Bayern. Teil Schwaben. Bd. 4), MĂĽnchen 1966
  • Stadt und Landkreis Kempten. (= Historisches Ortsnamenbuch von Bayern, Teil Schwaben, 5), MĂĽnchen 1966.
  • Die Sippe des heiligen Ulrich vom 10. bis zum 20. Jahrhundert. In: Jahrbuch des Vereins fĂĽr Augsburger Bistumsgeschichte, 4, 1970, S. 5–37.
  • Das Wertinger Urbar des Johannes Langenmantel (um 1360). (Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen an der Donau 74, 1972, S. 22–42.
  • Peter Alois Gratz. In: Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben, Bd. 10, WeiĂźenhorn 1973, S. 191–216.
  • Landkreis Sonthofen. (= Historisches Ortsnamenbuch von Bayern, Teil Schwaben, 7), MĂĽnchen 1974.
  • Römische Reisewege im Allgäu. In: Allgäuer Geschichtsfreund, 77. Kempten (Allgäu): Verlag fĂĽr Heimatpflege, 1977.
  • Das Kaufbeurer Tänzelfest – eine Richtigstellung. In: Allgäuer Geschichtsfreund, 80. Kempten (Allgäu), Verlag fĂĽr Heimatpflege, 1980.
  • Zur Geschichte der Kaufbeurer Landschaft. In: Kaufbeurer Geschichtsblätter, Jg. 11, Bd. 5, Kaufbeuren 1988, S. 188–193.
  • Die von Trefern in Unterroth. In Genealogie, H. 1–2, 1992, S. 33-36. (postum)

Literatur

  • Hans Knies: Dr. Richard Dertsch † 14.12.1981. In: Gesellschaft fĂĽr mittelrheinische Kirchengeschichte (Hrsg.): Archiv fĂĽr mittelrheinische Kirchengeschichte 34 (1982), S. 374–375. (Nachruf)
  • Eduard NĂĽbling: Richard Dertsch. In: Kommission fĂĽr bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Zeitschrift fĂĽr Bayerische Landesgeschichte, 45 (1982), S. 673–680. (Nachruf)
  • Adolf Layer: Veröffentlichungen von Richard Dertsch. Eine Bibliographie zu seinem 80. Geburtstag. In: Zeitschrift des Historischen Vereins fĂĽr Schwaben und Neuburg 68, 1974, S. 193–203.
  • Adolf Layer: Schwäbisches Ehrenbuch. Gestalten in und aus Bayerisch Schwaben des 20. Jahrhunderts. WeiĂźenhorn: Anton H. Konrad, 1985, ISBN 3-87437-233-2.
  • Josef Heinzelmann: Später Dank an Richard Dertsch. In: Genealogie 16 (1983), S. 427f.
  • Stadtarchiv Mainz (Hrsg.): Die Urkunden des Stadtarchivs Mainz. Regesten von Richard Dertsch. 4 Teilbände (Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz, 20.1 – 20.4), Mainz 1962–1967.
  • Stadtarchiv Mainz (Hrsg.): Urkunden des Pfarrarchivs von St. Ignaz in Mainz. Regesten von Elisabeth Darapsky und Richard Dertsch. (Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz, 22.2; = Auszug des Bandes 22), Mainz 1974.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. ↑ Deutsche Biographische Enzyklopädie, S. 221.
  2. ↑ Eduard Nübling, Nachruf auf Richard Dertsch, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 45 (1982), S. 673ff.
  3. ↑ Frank Teske: Der Nationalsozialismus in Mainz 1933–45. Terror und Alltag. In: Michael Bonewitz (Hrsg.): Mainz. Vierteljahreshefte für Kultur, Politik, Wirtschaft, Geschichte. 28. Jg., H. 1, Februar 2008, S. 67–69 (hier: S. 68), Mainz: Bonewitz Communication, 2008, ISSN 0720-5945.[1]. Siehe auch: Wolfgang Dobras: Der Nationalsozialismus in Mainz 1933–45 – Terror und Alltag. (Katalog zur Ausstellung des Stadtarchivs Mainz 6. März – 26. April 2008 im Rathaus Mainz; = Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz, Bd. 36), Mainz 2008.
  4. ↑ Stadtarchiv Freiburg im Breisgau, Bestand K1/44-1096 (im schriftlichen Nachlass von Prof. h.c. Dr. Joseph Schlippe)[2]
  5. ↑ Bernhard Schäfer: 100 Jahre Verband bayerischer Geschichtsvereine e.V. – Eine Chronik. München, 2006.[3]
Impressum AGB Datenschutz KundenserviceMediadatenfreenet AGJobsSitemap
gekennzeichnet mit
JUSPROG e.V. - Jugendschutz
freenet ist Mitglied im JUSPROG e.V.