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Richard Münch (* 13. Mai 1945 in Niefern) ist ein deutscher Soziologe.
Nach Studium und Promotion (1971) an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg habilitierte Münch 1972 an der Universität Augsburg. Anschließend nahm er einen Ruf an die Universität zu Köln (1974–1976) an und hatte anschließend eine ordentliche Professur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (1976–1995) sowie seit 1995 an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg inne. Er weilte zu mehreren Gastaufenthalten an der University of California, Los Angeles (UCLA).
Arbeitsschwerpunkte von Münch sind die soziologische Theorie, historisch-vergleichende Soziologie und soziologische Gegenwartsdiagnose.
Münch war zunächst ein relativ orthodoxer Vertreter des von Talcott Parsons begründeteten Strukturfunktionalismus und seiner Systemtheorie. Er trug entscheidend dazu bei, Parsons' „grand theory“ in Deutschland sowohl gegen die Konkurrenz akteurzentrierter Ansätze (Symbolischer Interaktionismus, Theorie der rationalen Entscheidung) als auch gegen die Systemtheorie Niklas Luhmanns zu verteidigen. Münch gilt als der 'amerikanischste' deutsche Soziologe.
In „Theorie des Handelns“ (1982) entwirft Münch eine Rekonstruktion der Theorien von Talcott Parsons sowie Émile Durkheims und Max Webers, wobei das von Parsons geschaffene und von ihm modifizierte „AGIL-Schema“ („four functions paradigm“) als Bezugsrahmen fungiert. Die zentrale Aussage ist, dass funktionale Differenzierung in autonome Systeme kein „fundamentales Bauprinzip der Moderne“ sei (so Rezensent Bernhard Giesen), sondern „ein sekundärer Vorgang, dessen Betonung den integrativen Kern der modernen Ordnung eher verdeckt“. Parsons war von der Kritik (Symbolischer Interaktionismus, Theorie der rationalen Entscheidung) vorgeworfen worden, die Mikroebene individuellen Handelns gegenüber der Makroebene gesellschaftlicher Normen und Strukturen zu vernachlässigen. Münch betont dagegen gerade die „Koexistenz von individueller Handlungsautonomie und sozialer Ordnung“ als „zentrale Idee der Moderne“.
In „Die Kultur der Moderne“ (1986, 2 Bde.) versucht Münch, die Entwicklung der modernen Gesellschaft seit dem 17. Jahrhundert vergleichend an den Beispielen Großbritannien, der USA, Frankreichs und Deutschlands zu zeigen. Dabei ordnet er diesen Ländern jeweils eine Funktion des „AGIL-Schemas“ von Talcott Parsons zu, die die nationale Spieltart der Kultur der Moderne jeweils idealtypisch präge. So seien die USA in allen Gesellschaftsbereichen von der Dominanz der Marktwirtschaft und dem daraus resultierenden Konkurrenzdenken geprägt (Marktkultur), Frankreich vom Herrschaftsanspruch des Zentralstaats (Staatskultur), Großbritannien (Stichwort „Gentleman's Agreement“) von einer Kompromisskultur, Deutschland (Stichwort „Dichter und Denker“) von kulturellen Streben nach Konsens (im Gegensatz zum Kompromiss), der möglichst wissenschaftlich fundiert ist. Dieses analytische Raster überträgt Münch auf verschiedene konkrete Problemfelder, so etwa auf die Analyse von Unterschieden in der Umweltpolitik der verglichenen nationalen Gesellschaften.
Dass Münch die zentrale Triebkraft der Moderne in der permanenten Spannung zwischen der Realität und den eigenen normativen Ansprüchen sieht, unterscheidet ihn wesentlich von Niklas Luhmann. Nach Luhmann gibt es keine gesellschaftsweiten, verbindlichen Wertvorstellungen: Im Wirtschaftssystem zählt nur Zahlungsfähigkeit; in der Politik nur Macht etc. Demgegenüber betont Münch im Anschluss an Parsons die gegenseitige Durchdringung („Interpenetration“) der Werte der einzelnen Funktionssysteme mithilfe von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien (bei ihm Geld, Macht, Reputation, kulturelle Symbole, „Werte“). Luhmann betont die autopoietische Geschlossenheit der Systeme, Münch gerade die Offenheit für die Kommunikationsmedien der jeweils anderen Systeme. Implizit bleibt dabei jedoch das Kultursystem mit seinen normativen „Werten“ maßgeblich. Luhmanns Kritik an normativen Gesellschaftstheorien als aristotelischem, „alteuropäischem Denken“ weist Münch zurück; Luhmanns Theorie sei vielmehr „altdeutsch“, „aus der Sicht des Verwaltungsjuristen“ konstruiert und enthalte daher einen „heimlichen Staatszentrismus“.
In den 1990er Jahren wandte sich Münch von der theoretischen und historischen Soziologie ab und stärker der empirischen Gegenwartsdiagnose zu. In zwei Werken zur „Kommunikationsgesellschaft“ (1992, 1995) betonte er die Intensivierung der globalen Kommunikationsströme und deren Bedeutung für die Entwicklung der Moderne, deren zentrales Wesen er in permanenter, dialektischer Selbstkritik wegen der Nicht-Erfüllung eigener Versprechen sieht. Anders als Jürgen Habermas betrachtet Münch die Moderne nicht nur als „unvollendetes“, sondern auch „unvollendbares Projekt“. Versuche, die Moderne als „verwirklicht“ zu erklären, mündeten in Totalitarismus; der Kommunismus sei ein solches Projekt gewesen.
Auch wenn Münch Habermas näher steht als Luhmann, weist er doch dessen kritische gewendete Systemtheorie („Kolonisierung der Lebenswelt durch die Systeme“) zurück, da sie letztlich keinen theoretisch abgesicherten Gegenentwurf gegen Luhmanns affirmative Systemtheorie, keine eigene „grand theory“ zu bieten habe. Habermas' Entwurf der „idealen Sprechsituation“ sei zudem naiv-utopisch; in der entfesselten Kommunikationsgesellschaft gebe es kein Zurück in einen beschaulichen, bildungsbürgerlichen Diskurs, in dem nur das bessere Argument zähle. Allenfalls könne und müsse man versuchen, mit dieser Utopie im Hinterkopf immer wieder zu versuchen, die „Inflation der Worte“ (der diese als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium ebenso unterliegen wie Geld) einzudämmen.
Zugleich jedoch erteilt Münch auch Theorien der Postmoderne eine Abfuhr; er hält sie für ähnlich resignativ wie von New Age oder dem Buddhismus inspirierte Gesellschafts-Esoterik, die den Versuch, die Gesellschaft nach normativen Aspekten umzugestalten, für endgültig gescheitert betrachte und mit einer Laissez-faire-Mentalität den Rückzug in die Innerlichkeit fördere.
In seinen neueren Buchveröffentlichungen wandte sich Münch, der Europa bis dahin zumindest implizit meist einen Modernitätsrückstand gegenüber der US-amerikanischen Gesellschaft unterstellt hatte, den sich zunehmend integrierenden europäischen Gesellschaften mehr positives Interesse zu.
Europa erscheint nun tendenziell als Ort einer „gemäßigteren“ Moderne, die deren destruktiven Folgen eher durch Solidarität zu mildern in der Lage sei. Womöglich macht sich dabei auch eine Rezeption von Ideen der Globalisierungskritik bemerkbar.
Die deutsche Hochschulpolitik folgt - so seine Analyse in „Die akademische Elite“ - zunehmend dem amerikanischen Modell, ohne dieses verstanden zu haben. Dabei werden die Stärken des deutschen Universitätswesens zunehmend zerstört; die verwendeten Methoden zur Evaluation wissenschaftlicher Qualität sind fragwürdig und werden nicht ausreichend kritisch reflektiert. Es konnten sich Machtstrukturen etablieren, die dazu führen, dass Fördermittel immer wieder in die gleichen Kanäle fließen und so bestehende Strukturen fatal stärken.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Münch, Richard |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Soziologe |
| GEBURTSDATUM | 13. Mai 1945 |
| GEBURTSORT | Niefern bei Pforzheim |