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Roger Trinquier

Roger Trinquier (* 20. MĂ€rz 1908 in La Baume; † 11. Januar 1986 in Vence) war ein französischer Offizier, der im Indochinakrieg im Norden Laos eine Guerillatruppe kommandierte. SpĂ€ter war er im Algerienkrieg den Para-Einheiten zugeteilt, die unter seiner Leitung fĂŒr die massenhafte Folterung von FLN-VerdĂ€chtigen verantwortlich waren. Seine umstrittenen Ideen zur „modernen KriegsfĂŒhrung“ – auch als französische Doktrin bezeichnet – dienen auch heute noch als Prototyp fĂŒr die BekĂ€mpfung von AufstĂ€ndischen und Terroristen durch Nachrichtendienste anderer Nationen.

Inhaltsverzeichnis

Lebensweg

Bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr besuchte der Sohn eines Bergbauern die Dorfschule seiner Heimat. Danach besuchte er bis zu seinem Abschluss im Alter von 20 Jahren die école normale in Aix-en-Provence. Er wollte Lehrer werden.

MilitÀrische Laufbahn

Als er zum zweijĂ€hrigen Wehrdienst eingezogen worden war, sollte er zum Reserveoffizier ausgebildet werden. Er beantragte jedoch die Übernahme in die Offiziersschule von Saint-Maixent-l'École, die er – speziell zum ĂŒberseeischen Einsatz ausgebildet – 1931 als Leutnant der Marineinfanterie (1870–1961 Colonials genannt) abschloss.

Sein erster Posten war mit Chi-Ma ein weit abgelegener Bergort in Tongking nahe der chinesischen Grenze. Zur BekÀmpfung chinesischer Rauschgiftschmuggler war er gezwungen, die Hilfe von Einheimischen in Anspruch zu nehmen. Dabei erlernte er die Dialekte mehrerer BergstÀmme.

Nachdem er 1937 nach Frankreich zurĂŒckgekehrt war, wurde er bald zur Truppe in der französischen Konzession von Shanghai abkommandiert. Kurz darauf ĂŒbernahm er das Kommando ĂŒber eine der beiden Kompanien, die die französische Botschaft in Peking bewachten. Zu dieser Zeit lernte er Chinesisch und freundete er sich mit seinem US-amerikanischen Kollegen Oberst Marstone an.

Unmittelbar nach Kriegsausbruch in Europa im September 1939 wurde Trinquier, wieder in Shanghai, stellvertretender Bataillonskommandeur. Die französischen Truppen wurden von den japanischen Besatzern nicht entwaffnet, da sie als Truppen des Vichy-Regimes nominell VerbĂŒndete waren. Als die Japaner jedoch das Vertrauen in die Einstellung der Franzosen verloren, wurden die shanghaier Truppen, einen Tag spĂ€ter als ihre Kollegen in Indochina, am 10. MĂ€rz 1945 festgesetzt. Trinquier, der 1942 zum Hauptmann befördert worden war, blieb zwar zeitlebens ein Gegner de Gaulles, er hatte sich jedoch auch nie eindeutig fĂŒr die Vichy-Regierung ausgesprochen.

Indochinakrieg

Roger Trinquier

Er meldete sich freiwillig fĂŒr einen Posten in Indochina. Am 3. Januar 1946 kam er in Saigon an, wo er als ZugfĂŒhrer der Eingreiftruppe Commando Parachutiste Ponchardier zugeordnet wurde. Wie alle Vichy-Offiziere sollte er entlassen werden. Durch die FĂŒrsprache eines ihm aus seiner Zeit in Chi-Ma bekannten hochrangigen Offiziers – dem spĂ€teren Putschisten General Raoul Salan – durfte er im Dienst bleiben.

Zum 1. Februar 1947 wurde er zur Fallschirmspringerschule in Tarbes abgeordnet. Am 14. November 1947 landete Trinquier erneut in Indochina. Diesmal als stellvertretender Kommandeur des 1. Kolonial-FallschirmjĂ€ger-Bataillon, dessen Kommando er im September 1948 ĂŒbernahm, als sein VorgĂ€nger gefallen war. Damit ging die Beförderung zum Major einher. Als nĂ€chstes wurde er wieder nach Frankreich beordert, wo er Kommandant eines FallschirmjĂ€gerausbildungszentrums in FrĂ©jus wurde und anschließend zur kolonialen Fallschirmspringerschule gelangte.

Ab Dezember 1951 leitete er die AktivitĂ€ten der neugeschaffenen GCMA in Laos und dem nördlichen Tongking. Er organisierte eine Truppe, deren Aufgabe es war, die Bergvölker und andere Gruppen als GuerillakĂ€mpfer zur UnterstĂŒtzung im Kampf gegen die Viet Minh zu organisieren, und die bis Mitte 1953 etwa 20.000 Söldner umfasste - wohl die grĂ¶ĂŸte militĂ€rische Einheit, die jemals unter dem Kommando eines Majors stand. Die Leitung der Einheit, die sich mit ausdrĂŒcklicher Billigung des Oberkommandierenden General Salan aus dem Drogenhandel finanzierte[1] (Operation X), ĂŒbernahm er im selben Jahr. Dazu wurde er zum Oberstleutnant befördert. Der „bedauernswerte Zwischenfall" von Dien Bien Phu“[2] brachte seine AktivitĂ€ten zum Ende und zwang ihn, 40.000 Söldner der Gnade der Viet Minh zu ĂŒberlassen. Der am 1. September 1954 abberufene Trinquier erstellte bis zum 15. Dezember eine Abrechnung der vorhandenen Drogengelder, die den BergstĂ€mmen, die nun nicht mehr versorgt werden durften, gehörten. Die Summe wurde (angeblich) von dem General, dem sie ausgehĂ€ndigt worden war, gestohlen.[3]

Algerienkrieg

Kurz nach der Suez-Krise wurde Oberstleutnant Trinquier der 10. FallschirmjĂ€ger-Division des Generals Jacques Massu zugeordnet, die die Aufgabe hatte, Algier von „Terroristen“ zu befreien. Trinquier konnte hier seine Ideen zur „modernen KriegsfĂŒhrung“ voll zur Anwendung bringen. Massu, Trinquier und die FallschirmjĂ€ger der 10. Division machten sich mit wilder Entschlossenheit an ihre Aufgabe, die FLN auszumerzen. Trinquier schuf auch die philosophische Grundlage fĂŒr den Gebrauch der Erzeugung von Angst und Schrecken. FĂŒr einen RevolutionĂ€r sei Folter ein Fluch, so wie es Flak fĂŒr einen Kampfflieger oder Maschinengewehrfeuer fĂŒr einen Infanteristen darstelle. Seine Methoden waren in Algiers erfolgreich, in den Augen der Öffentlichkeit der vierten Republik war dieser „schmutzige Krieg“ nicht tolerierbar.

Die Regierung, deren Innenminister François Mitterrand zunĂ€chst auch Zwangsumsiedlungen anordnete,[4] sah sich gezwungen, nach weltweiten Protesten diese Art des Kampfes zumindest nach außen hin zu beenden. Trinquier wurde kurzzeitig aus den Augen der Öffentlichkeit entfernt, indem er zur FallschirmjĂ€gerschule in Pau abkommandiert wurde. Sein Förderer Salan rief ihn jedoch bald zurĂŒck.

Katanga

Aus Algerien wurde er endgĂŒltig abberufen, um in der Provinz Katanga der Demokratischen Republik Kongo die von Weißen kommandierten Söldnertruppen des PrĂ€sidenten Moise TschombĂ© zu organisieren. Er kam am 25. Januar 1961 in Elisabethville an, wurde jedoch auf Druck der UNO und belgischer Diplomaten am 9. MĂ€rz wieder ausgewiesen.

Zwar war Trinquier am Putschversuch der Organisation de l’armĂ©e secrĂšte gegen de Gaulle am 21. April 1961 nicht beteiligt (er befand sich in Athen), doch war seine militĂ€rische Karriere aufgrund seiner NĂ€he zum Putschisten Raoul Salan effektiv beendet. Seinem Gesuch, in den Ruhestand als Reserveoffizier versetzt zu werden, wurden keine Steine in den Weg gelegt.

Trinquier fand sich keineswegs beschĂ€ftigungslos. Die CIA lud den Terrorspezialisten ein, im Norden Laos' als Nachfolger des Baptistenmissionars und CIA-Agenten William Young die seit 1958 aufgebaute L'ArmĂ©e Clandestine des Vang Pao – in der auch Angehörige der KMT in Birma dienten – weiterzuentwickeln. Nach einigen Monaten löste der CIA-Mann Anthony Posephny (alias Tony Poe) Trinquier ab.[5]

Die folgenden Jahre verbrachte er damit, seine Ideen, die ideologische Parallelen zum frĂŒhen Faschismus Mussolinis aufweisen, auf VortrĂ€gen und Schulungen zu verbreiten.

„Moderne KriegsfĂŒhrung“

Bereits seit seiner Operation in Laos hatte Trinquier in Kontakt mit US-Spezialisten zur AufstandsbekĂ€mpfung (englisch: counter-insurgency) gestanden und seine Methoden der „modernen KriegsfĂŒhrung“ (total und brutal auch besonders gegenĂŒber der Zivilbevölkerung) sowie deren verdeckte Finanzierung durch Drogenhandel, vermittelt. Amerikanisches Personal wurde, vereinzelt ab 1954, systematisch seit ca. 1961, in seinen Terror- und Foltermethoden unterwiesen, die in modifizierter Form bis heute die Grundlage derartiger Maßnahmen in der AufstandsbekĂ€mpfung bilden.

Grundlage ist sein Buch La guerre moderne, dessen englische Übersetzung zum US-Ausbildungskanon gehörte. Jedoch sah sich selbst der Berater von McGeorge Bundy, Michael Forrestal – selbst nicht unbedingt ein Linker – gezwungen, ĂŒber Trinquier zu urteilen: “I should point out that this fellow is a bit of a fascist and ran one of the less attractive 'Paras' operations in Algiers [
](deutsch: "Ich muss betonen, dass dieser Mann etwas faschistisch ist und einige unschöne FallschirmjĂ€ger-Aktionen in Algerien zu verantworten hat")”[6]

Trinquier hielt es fĂŒr angemessen, massenhafte Zwangsumsiedlungen durchzufĂŒhren[7] und „Terroristen“ (oder derartig VerdĂ€chtige) aufs Brutalste zu foltern, um schnellstens Informationen zu erhalten.[8] Auch dies sollte der EinschĂŒchterung der Zivilbevölkerung dienen. Im Gegensatz zu seinen amerikanischen SchĂŒlern bestand er jedoch darauf, sich bei „Befragungen“ auf fĂŒr den Kampf Relevantes zu beschrĂ€nken. Er erkannte „Terroristen“ durchaus als kriegfĂŒhrende Soldaten an.[9]

Werke

  • Le Temps perdu; Paris 1978, ISBN 2226006206
  • La guerre moderne; Paris [c1961], 196S; (engl. Übs.:Modern warfare. A French view of counter-insurgency, London 1964)
  • Le coup d'Ă©tat du 13 Mai; Paris [1962], 271 S
  • Guerre, subversion, rĂ©volution; Paris 1968, 285 S
  • Notre guerre au Katanga; (mit Jacques Duchemin, Jacques Le Bailly) Paris 1963
  • Le premier bataillon de bĂ©rets rouges: Indochine 1947-1949; Paris 1984; ISBN 2259011934
  • Les maquis d'Indochine, 1952-1954; Paris [1976]
  • La Bataille pour l’élection du prĂ©sident de la RĂ©publique; Montargis [1965]

Literatur

  •  Alfred McCoy: The Politics of Heroin. rev. ed. Auflage. New York 1991, ISBN 1-55652-126-X, S. 131–145 (Original 1972).</span>
  •  Bernard Fall: Portrait of the Centurion. In: Roger Trinquier (Hrsg.): Modern Warfare. New York 1964, Einleitung (Online).</span>
  •  FrĂ©dĂ©ric J. L. A. Vandewalle: Une tĂ©nĂ©breuse afaire, ou, Roger Trinquier au Katanga. Ed. de Tam Tam Ommegang, BrĂŒssel 1979.</span>

Jean Larteguy hat in zweien seiner Romane mit Colonel Ronciere und Julien Boisfeuras Figuren geschaffen, die von Trinquier zumindest inspiriert sind.[10]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. ↑ McCoy (1991), S 134
  2. ↑  Roger Trinquier: Le coup d'Ă©tat du 13 mat. Editions l'Esprit Nouveau, Paris 1963.</span>
  3. ↑ Schreiben Trinquiers vom 24. November 1972, abgedruckt: McCoy (1991), S 520ff; und S 144
  4. ↑ Ansperger, Franz; Auflösung der Kolonialreiche; MĂŒnchen 41981, ISBN 3-423-04013-0, S 235
  5. ↑ Cockburn, Alexander; St. Clair, Jeffery; Whiteout; London, New York 1998, ISBN 1-85984-897-4, S 241-4
  6. ↑ Michael Forrestal; Memorandum for John McNaughton, Subject: Vietnam; May, 1st 1964; Secret - declassified 30.Nov.1976, 4 S
  7. ↑ in Algerien seit 21. November 1954 praktiziert - 1,625 Mio. Betroffene in 2000 Dörfern bis 1961; Ansperger(1981), S 235, 239
  8. ↑ vgl. Alleg, Henri; La Question; dt.. als: Die Folter, 1958
  9. ↑ vgl. zu „Methoden:“ La guerre moderne, Teil 2
  10. ↑ en:Roger Trinquier
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