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Roland Barthes [ÊÉlÉÌ baÊt] (* 12. November 1915 in Cherbourg; â 26. MĂ€rz 1980 in Paris) war ein französischer Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts.
Er gilt als einer der markantesten Wissenschaftler im Bereich der strukturalistischen Semiotik bzw. Semiologie. Barthes verwendete die Methoden des Strukturalismus und der Dekonstruktion, aber auch der Psychoanalyse, um moderne gesellschaftliche PhĂ€nomene wie Texte, Filme, Fotografie, Mode, Werbung oder die Liebe zu untersuchen. Indem er die Methoden des Strukturalismus radikalisierte, wurde er zu einem der BegrĂŒnder des Poststrukturalismus. Als Kritiker zu aktuellen und im Wesentlichen literarischen Ereignissen (vgl. z. B. Racine) löste er oft scharfe Auseinandersetzungen aus.
Obwohl seine Werke unter anderem stark durch die LektĂŒre Nietzsches geprĂ€gt sind und Barthes sich der abendlĂ€ndischen Philosophie verpflichtet fĂŒhlt, zog er sich laut Gabriele Röttger-Denker âin der deutschen Fachphilosophie das â nach Adorno â fĂŒr einen Philosophen tödliche Urteil eines bemerkenswerten Schriftstellers zu. Da er nicht weiter beachtet wurde, fanden seine Werke nicht einmal in Fachbibliotheken einen Stammplatz.â[1]
Inhaltsverzeichnis |
1915 wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs wird Roland GĂ©rard Barthes als erster Sohn von Henriette Barth, geborene Binger, und dem FĂ€hnrich zur See Louis Barthes geboren. Er verliert schon frĂŒh seinen Vater, der im Oktober 1916 bei einer Seeschlacht in der Nordsee getötet wird. Die Mutter zieht mit Roland zu der GroĂmutter und Tante vĂ€terlicherseits nach Bayonne im SĂŒdwesten Frankreichs. Dort verbringt er seine Kindheit in einfachen VerhĂ€ltnissen. In Ăber mich selbst reflektiert er den Stellenwert seiner Kindheit: âAn der Vergangenheit fasziniert mich am meisten meine Kindheit; sie allein gibt mir, wenn ich sie betrachte, nicht das Bedauern ĂŒber die entschwundene Zeit.â
1924 zieht die Familie nach Paris um und leidet weiter unter der schwierigen finanziellen Situation. 1927 wird sein Halbbruder Michel geboren.
In Paris absolviert er seine schulische Ausbildung am LycĂ©e Montaigne (1924-1930) und spĂ€ter am renommierten LycĂ©e Louis-le-Grand (1930-1934) wo er in Philosophie unterrichtet wird. Am 10. Mai 1934 erfĂ€hrt er einen Blutsturz mit einer LĂ€sion der linken Lunge. Die kommenden Jahre wird Barthes immer wieder Sanatorien zu Kuraufenthalten aufsuchen mĂŒssen.
1935 schreibt er sich an der Sorbonne fĂŒr Klassische Literatur ein. 1937 wird er vom MilitĂ€rdienst freigestellt und arbeitet wĂ€hrend des Sommers als Französisch-Lektor in Debreczen/Ungarn.
1938 reist er zusammen mit der âGruppe Antikes Theaterâ, die er an der Sorbonne mitbegrĂŒndet hat, nach Griechenland.
1939 erlangt er die Licence in Klassischer Philologie und wird Aushilfslehrer in Biarritz im SĂŒdwesten Frankreichs.
1940 arbeitet er als Lehrer an den Gymnasien Voltaire und Carnor in Paris und verfasst seine Diplomarbeit ĂŒber die griechische Tragödie. Barthes nimmt Gesangsstunden bei Charles PanzĂ©ra.
1941 erleidet er im Oktober einen RĂŒckfall der Lungentuberkulose. Aufenthalt in Sanatorien.
1943 Barthes hĂ€lt VortrĂ€ge ĂŒber Literatur, Musik und Theater in den Sanatorien.
Bis 1947 immer wieder RĂŒckfĂ€lle seines Lungenleidens. Er lebt weiterhin mit seiner Mutter und seinem Stiefbruder unter schwierigen finanziellen VerhĂ€ltnissen in der Pariser Wohnung.
1948 bis 1949 arbeitet er als Bibliothekargehilfe und unterrichtet am Französischen Institut und an der UniversitÀt in Bukarest.
1949 und 1950 verbringt er in Ăgypten als Lektor an der UniversitĂ€t in Alexandria.
Ende 1950 kehrt er nach Paris zurĂŒck und ist bis 1952 in der Direction gĂ©nĂ©rale fĂŒr Kulturbeziehungen tĂ€tig.
1952 bis 1954 absolviert er ein Praktikum am C.N.R.S. im Bereich Lexikologie.
1953 erscheint sein erstes Buch Degré zéro de l'écriture bei Seuil.
1954 bis 1962 verschiedene Lehr- und BeratungstÀtigkeiten.
1962 wird er Direktor an der Ăcole Pratique des Hautes Ătudes.
1977 erscheint sein kommerziell erfolgreiches Buch Fragmente einer Sprache der Liebe in dem er diskret und spielerisch seine HomosexualitĂ€t offenlegt. Barthes erhĂ€lt den Lehrstuhl fĂŒr Literarische Semiologie am CollĂšge de France. Am 25. Oktober stirbt seine Mutter, mit der er bis dahin ohne Unterbrechung zusammengelebt hat.
1980 erscheint das letzte Buch von Roland Barthes: Die helle Kammer. Es ist eine Abschiedsgeste an die Mutter vor der er seine HomosexualitÀt immer verschwiegen hat. Am 26. MÀrz stirbt Barthes und wird in Urt im Grab seiner Mutter beigesetzt.
Von groĂer Bedeutung fĂŒr Barthes war zeitlebens das Theater. Schon als SchĂŒler wirkte er in einer Theatergruppe mit. Dareios gehörte dabei zu seinen wichtigsten Rollen. Seine Abschlussarbeit an der UniversitĂ€t befasste sich mit der griechischen Tragödie. In Essais critiques ist das avantgardistische Theater sein Gegenstand. Nicht nur Brechts Schauspielkunst, sondern vor allem Betrachtungen zur âZuschauerkunstâ und EntwĂŒrfe einer âĂsthetik der Lustâ sind in Barthesâ Texten vielfach ein Gegenstand seiner Arbeit.
Seine linguistischen und semiotischen Arbeiten lassen sich in drei verschiedene Entwicklungsphasen aufteilen. ZunĂ€chst waren die Schriften von Gide, Marx und Brecht fĂŒr Barthesâ Arbeiten zu den Mythen des Alltags (Mythologies) prĂ€gend. Danach folgten die EinflĂŒsse von de Saussure, Jakobson sowie Hjelmslev. In der Absicht, die Semiologie nicht in einer dogmatischen Wissenschaft enden zu lassen, folgte der Ansatz, die Ergebnisse der Soziologie, der Philosophie und der Psychologie in seiner Arbeit zu berĂŒcksichtigen. Angeregt wurde er dabei von den Arbeiten Jacques Lacans.
Gleichwohl ist eine Einteilung von Barthesâ Werk in Phasen auch problematisch. Bemerkenswert ist an seinen Arbeiten immer wieder, dass er, nachdem er den AnstoĂ gegeben hat, diese Arbeiten verlĂ€sst und sich neuen Aufgaben widmet, sobald seine Arbeiten von anderen aufgenommen und weiterentwickelt werden. Dahinter verbirgt sich nach Antje Landmann eine Methode der Verlagerung und des Ortswechsels (Barthes: dĂ©paysement). FĂŒr Stephen Heath ist das entmythologisierende Prinzip des dĂ©paysement fĂŒr Barthesâ Werk von âzentraler Kraftâ. Jonathan Culler sieht darin kritisch einen Eskapismus, der es Barthes leicht mache, sich der Kritik zu entziehen.[2]
Zudem war Barthes ein musikbegeisterter Mensch, vor allem als Pianist und Komponist. Zu seiner Leidenschaft fĂŒr die Malerei regte ihn sein Freund Cy Twombly an.
Am 25. Februar 1980 wurde er in einen Unfall mit einem Kleintransporter verwickelt, an dessen Folgen er einen Monat darauf in einem Pariser Krankenhaus verstarb.
FĂŒr traditionelle Formen der Wissensproduktion â und alle Versuche Barthesâ Arbeiten in Schubladen zu sortieren â ist der poststrukturalistische und anti-logozentrische Barthes besonders in seinem SpĂ€twerk sicherlich eine Ăberforderung.[3] Er selbst lehnte Einordnungen nach EinflĂŒssen von Autoren und Kolleginnen und nach Professionen, wissenschaftlichen Richtungen und Schulen ab. Den Glauben an die IntentionalitĂ€t des Autors wollte er nicht bekrĂ€ftigen. Sich selbst nannte er vorzugsweise âsujet impurâ, unreines Subjekt.[4]
Barthes hat mit seinen Arbeiten nicht nur sehr viel dazu beigetragen, zu erkennen, wie die Herstellung von Wahrheit, Bedeutung und Sinn in der Sprache, im Text, im Diskurs bei allen daran Beteiligten funktioniert und sich strukturiert. Die sich daraus ergebene Möglichkeit der Reflexion und Kritik (wie beispielsweise an den gesellschaftlichen Mythen) hat bei Barthes auch Konsequenzen fĂŒr die eigene Theoriearbeit. Diese soll nicht zur âDoxaâ, zur fixen Lehre verkommen oder als solche enden, sondern den Lesern etwas eröffnen. Der Leser soll dabei â vergleichbar mit Brechts Zuschauerkunst â nicht nur zuschauender und zustimmender Leser bleiben, sondern es soll sich ihm die Möglichkeit bieten, quasi lesend zu schreiben. Schon in Der Tod des Autors (La mort de lâauteur, 1968) deutet sich diese Entwicklung an. Barthes bedient sich dabei Formen und Möglichkeiten der Theoriearbeit, die besonders daran akzentuiert sind, nicht ein fertiges Produkt abzuliefern, sondern selbst als Schreibender im Prozess der Produktion ohne vorher ausgemachtem Ziel fĂŒr alle Beteiligen â also auch fĂŒr den Leser, der dabei sich selbst in den Prozess der Herstellung einbinden kann â wahrnehmbar zu bleiben.
Dazu haben sich auch die GegenstĂ€nde seiner Untersuchung und seiner BeschĂ€ftigung erweitert. Dessen GegenstĂ€nde wie beispielsweise der Text beziehen sich dabei nicht allein auf die Anordnung von Buchstaben auf einem StĂŒck Papier, sondern reichen ĂŒber die jeglichen sprachlichen Ausdrucks im herkömmlichen Sinn möglichen Formen hinaus ebenso auf die Musik, die Fotografie, die Malerei â kurz: Seine BeschĂ€ftigung richtet sich auf alles, was im Prozess vor, in und nach dem Bezeichnen und Bedeuten, seiner RĂ€ume und der daran Beteiligten und nicht Beteiligten geschieht oder auch nicht geschieht. Ziel dieser Betonung des Prozesshaften ist es dabei immer wieder, traditionelle Denkkategorien in Frage zu stellen und stattdessen produktive AnstöĂe zu entwickeln.
So verfĂ€hrt Barthes auch mit den Entwicklungen eigener Kategorien, wenn er in seinem Essay ĂŒber die Fotografie Die helle Kammer (La chambre claire, 1980) im ersten Teil des Buches Konzepte zur Analyse von Fotografien entwickelt, die er im zweiten Teil des Buches mittels intimer ZugĂ€nge auch wieder ĂŒberzeichnet und erschĂŒttert. Das wichtigste Foto seiner Untersuchung ist sogleich das einzige, das er in diesem Band nur beschreibt und nicht abdruckt. Ein wichtiger Ansatz hierbei ist u.a. die Irritation, das Fragment, die Entwicklungen von Leseformen, die sich zunĂ€chst von âBedeutungâ, âSinnâ und âVerstehenâ verabschieden â am deutlichsten im Essay Die Lust am Text (Le plaisir du texte) â, die Unterscheidung zwischen Geno-Text und PhĂ€no-Text. âBarthesâ Texte selbst sind beispielhaft fĂŒr die Diskurse, die beim Betrachten von Bildern oder dem Hören von Musik in Bewegung kommen, sich fortsetzen, sich weiterschreiben.â[5]
Die Vieldeutigkeit seiner eigenen Texte ist ihm wichtig, und das Rauschen der Sprache wird zu einem SchlĂŒsselwort in seinen Texten, âdas Begehren zirkuliert und nicht die Herrschaftâ[6]. So geht es ihm im Schreiben um die Ortlosigkeit der Sprache, um die Atopie â eine Schreibweise, wie sie in dem Essayband Fragmente einer Sprache der Liebe aus dem Jahre 1977 eine gewisse BerĂŒhmtheit erlangte.
Philippe Roger ist der Auffassung, dass sich mit dem âSchlĂŒsselwort der Spiraleâ[7] das ganze Werk Barthes methodisch beschreiben lĂ€sst. In Barthes Arbeiten seines SpĂ€twerks spiegle sich die Kritik und das Bewusstsein ĂŒber einen sich âverselbstĂ€ndigenden Geistâ wider. Gegen diese VerselbstĂ€ndigung erinnert Barthes an dessen Widerpart, den Körper. So beschreibt Gabriele Röttger-Denker âdie Maxime seiner Philosophie: Ăcrire le corps â den Körper schreibenâ[8].
Der erweiterte Begriff des Mythos, der nicht nur eine vielen bekannte ErzĂ€hlung meint, sondern auch die fĂŒr eine Gesellschaft unbewussten und kollektiven Bedeutungen, die sie âvon einem semiotischen Prozess ableitetâ, wird in den Wissenschaften Barthes zugeschrieben.[9]
So gelingt es ihm in Mythen des Alltags 1957 moderne und alte Mythen (wie die der conditio humana am Beispiel der Ausstellung The Family of Man) als eine Form der Naturalisierung und Essentialisierung zu analysieren: âDer Mythos von der conditio humana stĂŒtzt sich auf eine sehr alte Mystifikation, die seit jeher darin besteht, auf den Grund der Geschichte die Natur zu setzen.â[10] Der Analyse zahlreicher Alltagsbeispiele fĂŒr den Mythos in der Form kurzer Essays schlieĂt Barthes die BegrĂŒndung fĂŒr eine wissenschaftliche Vorgehensweise der Analyse der Mythen an und entwickelt hier die Grundlagen fĂŒr eine kritische Semiotik.
Entsprechend der Etymologie des Wortes stellt Barthes fest: âder Mythos ist eine Aussageâ, genauer: âein Mitteilungssystem, eine Botschaft. (âŠ) Man sieht daraus, dass der Mythos kein Objekt, kein Begriff oder eine Idee sein kann; er ist eine Weise des Bedeutens, eine Form.â[11]
FĂŒr eine Definition, was der Mythos ist, seien die unterschiedlichen Wortbedeutungen von Mythos irrelevant: âMan kann mir hundert andere Bedeutungen des Wortes Mythos entgegenhalten. Ich habe versucht, Dinge zu definieren, nicht Wörter.â Barthes beschreibt zunĂ€chst die Form und spĂ€ter fĂŒr eben âdiese Form die historischen Grenzen, die Bedingungen ihrer Verwendungâ, in der auch âdie Gesellschaft wieder in sie eingefĂŒhrt werdenâ mĂŒsse.[11]
Um den Mythos zu erkennen, ist es nicht notwendig, zwischen den mythischen Objekten âeine substantielle Unterscheidung (âŠ) treffen zu wollenâ â denn nicht die Objekte bestimmen, was der Mythos ist, sondern die Art und Weise, wie die Objekte angesprochen werden: âda der Mythos eine Aussage ist, kann alles wovon ein Diskurs Rechenschaft ablegen kann, Mythos werden. Der Mythos wird nicht durch das Objekt seiner Botschaft definiert, sondern durch die Art und Weise, wie er diese ausspricht.â[11]
Der Mythos kennt keine inhaltlichen BeschrĂ€nkungen. Fast alles kann mit einer Aussage, mit einem Mythos versehen werden und dabei gesellschaftlich angeeignet werden: âEs gibt formale Grenzen des Mythos, aber keine inhaltlichen⊠Jeder Gegenstand der Welt kann von einer geschlossenen, stummen Existenz zu einem besprochenen, fĂŒr die Aneignung durch die Gesellschaft offenen Zustand ĂŒbergehen, denn kein â natĂŒrliches oder nichtnatĂŒrliches â Gesetz verbietet, von den Dingen zu sprechen.â[11]
Damit Dinge eine Bedeutung bekommen und nicht mehr allein Materie sind, bedarf es der Gesellschaft. Neben der rein materiellen Seite der Dinge tritt durch die Aussage ĂŒber die Dinge ein gesellschaftlicher Gebrauch zu den Dingen hinzu: âEin Baum ist ein Baum. GewiĂ! Aber ein Baum, der von Minou Drouet ausgesprochen wird, ist schon nicht mehr ganz ein Baum, er ist ein geschmĂŒckter Baum, der einem bestimmten Verbrauch angepasst ist, der mit literarischen WohlgefĂ€lligkeiten, mit Auflehnungen, mit Bildern versehen ist, kurz: mit einem gesellschaftlichen Gebrauch, der zu der reinen Materie hinzutritt.â Erst das gesellschaftliche Ansprechen der Dinge macht sie zu Objekten des Mythos: âSelbstverstĂ€ndlich wird nicht alles zur gleichen Zeit ausgesprochen. Manche Objekte werden Beute des mythischen Wortes nur fĂŒr einen Augenblick, dann verschwinden sie wieder, andere treten an ihre Stelle und gelangen zum Mythos.â[11]
Der Mythos verwandelt âWirklichkeitâ in einen âStand der Aussageâ. Eine grundlegende Bedingung fĂŒr den Mythos ist dabei seine zeitliche und geschichtliche Bestimmtheit, denn Mythen entstehen nicht zwangslĂ€ufig und erwachsen nicht aus dem, was sich die Gesellschaft als âNaturâ vorstellt: âGibt es zwangslĂ€ufig suggestive Objekte (âŠ)? Sicher nicht: man kann sich sehr alte Mythen denken, aber es gibt keine ewigen; denn nur die menschliche Geschichte lĂ€sst das Wirkliche in den Stand der Aussage ĂŒbergehen, und sie allein bestimmt ĂŒber Leben und Tod der mythischen Sprache. Ob weit zurĂŒckliegende oder nicht, die Mythologie kann nur eine geschichtliche Grundlage haben, denn der Mythos ist eine von der Geschichte gewĂ€hlte Aussage; aus der âNaturâ der Dinge vermöchte er nicht hervorzugehen.â[11]
Der Mythos als Botschaft kann in unterschiedlichster Form, ĂŒber unterschiedlichste Medien ĂŒbermittelt werden: âSie kann deshalb sehr wohl auch anders als mĂŒndlich sein, sie kann aus Geschriebenem oder aus Darstellungen bestehen. Der geschriebene Diskurs, der Sport, aber auch die Photographie, der Film, die Reportage, Schauspiel und Reklame, all das kann TrĂ€ger der mythischen Aussage sein.â Entsprechend kann der Mythos nicht durch âsein Objektâ und die Materie des Objekts bestimmt werden, âdenn jede beliebige Materie kann willkĂŒrlich mit Bedeutung ausgestattet werden.â Als Beispiel nennt Barthes den âPfeil, der ĂŒberreicht wird und Herausforderung bedeutetâ. Dieses Ăbergeben ist, unabhĂ€ngig von der materiellen Gestalt des Gegenstands, âebenfalls eine Aussageâ[12].
Diese verallgemeinerte Konzeption von Sprache, die sich nicht nur auf alphabetische Schriftzeichen bezieht, sieht Barthes durch âdie Geschichte der Schriften selbst gerechtfertigtâ, denn âlange vor der Erfindung unseres Alphabets waren Objekte wie das Kipu der Inkas oder Zeichnungen wie die Bilderschriften regelrechte Aussagen gewesenâ. An diesem Punkt behandelt Barthes die Frage nach der wissenschaftlichen Vorgehensweise fĂŒr die Analyse der Mythen, und ob die Analyse von Mythen Gegenstand der Linguistik sein kann: âDas soll jedoch nicht heiĂen, dass die mythische Aussage wie die Sprache behandelt werden mĂŒsse. Der Mythos gehört in eine Wissenschaft, die ĂŒber die Linguistik hinausgeht; er gehört in die Semiologie.â[13]
Ein âsemiologisches Systemâ besteht fĂŒr Barthes â anders als etwa fĂŒr Ferdinand de Saussure â aus drei verschiedenen Termini: dem Bedeutenden (dem Signifikanten bei Saussure), dem Bedeuteten (dem Signifikat) und dem Zeichen, âdas die assoziative Gesamtheit der ersten beiden Termini ist.â[14]
Barthes erlĂ€utert diese Dreistelligkeit am Beispiel der Rose: âMan denke an einen RosenstrauĂ: ich lasse ihn meine Leidenschaft bedeuten. Gibt es hier nicht doch nur ein Bedeutendes und ein Bedeutetes, die Rose und meine Leidenschaft? Nicht einmal das, in Wahrheit gibt es hier nur die âverleidenschaftlichtenâ Rosen. Aber im Bereich der Analyse gibt es sehr wohl drei Begriffe, denn diese mit Leidenschaft besetzten Rosen lassen sich durchaus und zu Recht in Rosen und Leidenschaft zerlegen. Die einen ebenso wie die andere existierten, bevor sie sich verbanden und dieses dritte Objekt, das Zeichen, bildeten. Sowenig ich im Bereich des Erlebens die Rosen von der Botschaft trennen kann, die sie tragen, so wenig kann ich im Bereich der Analyse die Rosen als Bedeutende den Rosen als Zeichen gleichsetzen: das Bedeutende ist leer, das Zeichen ist erfĂŒllt, es ist ein Sinn.â[15]
Der Mythos besteht aus einer Verkettung von semiologischen Systemen. Ein einfaches System bildet analytisch betrachtet aus dem Bedeutenden und das Bedeutete das Zeichen, wobei das Zeichen als assoziatives Ganzes sich ergibt. Der Mythos beinhaltet bereits das erste Zeichen eines semiologischen Systems, nur fungiert es hier als Bedeutendes im zweiten System. So lautet die zentrale Definition in Mythen des Alltags:
âIm Mythos findet man das (âŠ) dreidimensionale Schema wieder: das Bedeutende, das Bedeutete und das Zeichen. Aber der Mythos ist insofern ein besonderes System, als er auf einer semiologischen Kette aufbaut, die bereits vor ihm existiert; er ist ein sekundĂ€res semiologisches System. Was im ersten System Zeichen ist (das heiĂt assoziatives Ganzes eines Begriffs und eines Bildes), ist einfaches Bedeutendes im zweiten. (âŠ) Ob es sich um eigentliches oder um bildliches Schreiben handelt, der Mythos erblickt darin eine Ganzheit von Zeichen, ein globales Zeichen, den Endterminus einer ersten semiologischen Kette. Und gerade dieser Endterminus wird zum ersten oder Teilterminus des vergröĂerten Systems, das er errichtet. Alles vollzieht sich so, als ob der Mythos das formale System der ersten Bedeutung um eine Raste verstellte.â[16]
Wie bereits erwĂ€hnt ist es fĂŒr den Mythos nicht wichtig, ob seine Aussage schriftlich, fotografisch, kĂŒnstlerisch oder in der materiellen Form eines GebĂ€udes, einer Pflanze oder eines Ritus zum Ausdruck gebracht wird: âMan muĂ hier daran erinnern, dass die Materialien der mythischen Aussage (Sprache, Photographie, GemĂ€lde, Plakat, Ritus, Objekt usw.), so verschieden sie auch zunĂ€chst sein mögen, sich auf die reine Funktion des Bedeutens reduzieren, sobald der Mythos sie erfaĂt. Der Mythos sieht in ihnen ein und denselben Rohstoff. Ihre Einheit besteht darin, dass sie alle auf den einfachen Status einer Ausdrucksweise zurĂŒckgefĂŒhrt sind.â[17]
Anhand des Reklamebildes untersuchte Barthes spĂ€ter in Rhetorik des Bildes drei Ebenen von Botschaften: âeine linguistische Nachricht, eine kodierte ikonische (symbolische) und eine nicht kodierte ikonische (buchstĂ€bliche).â[18]
In Die Sprache der Mode vertieft Barthes mit Hilfe der Theorie Louis Hjelmslevs seine Analyse von Metasprache durch eine Definition der Konnotationssprache und kann dadurch âeine beliebige Anzahl von Ebenen aufeinander beziehen.â[19] Die Konnotationssprache ist der Metasprache in der Konstruktion vergleichbar: âEin Zeichen des ersten Systems (ein schwarzes Kleid, das einen festlichen AnlaĂ bedeutet) wird zum Signifikanten des zweiten Systems, dessen Signifikat die Modeideologie oder Moderhetorik bildet.â[20]
Am Rande seiner Untersuchung des Mythos, gleichsam in einer FuĂnote, formuliert Barthes seine ethischen Aspekte auf den Mythos. Danach ist âdas Störende im Mythos gerade, daĂ seine Form motiviert ist.â GĂ€be es so etwas wie eine âGesundheitâ der Sprache, begrĂŒnde sich diese âdurch die WillkĂŒrlichkeit des Zeichensâ. Jeder Mythos jedoch besitzt eine motivierende Form, Sinn wird in Form verwandelt, deformiert, seiner Geschichte beraubt: âDas WiderwĂ€rtige im Mythos ist seine Zuflucht zu einer falschen Natur, ist der Luxus der bedeutungsvollen Formen, wie bei jenen Objekten, die ihre NĂŒtzlichkeit durch einen natĂŒrlichen Ă€uĂeren Schein dekorieren. Der Wille, die Bedeutung durch die ganze BĂŒrgschaft der Natur schwer zu machen, ruft eine Art von Ekel hervor: der Mythos ist zu rein, und gerade seine Motivierung ist zuviel an ihm.â FĂŒr diese Abneigung, die der Mythos fĂŒr Barthes erzeugt, bringt er eine Entsprechung aus dem Bereich der Kunst, die zwischen Natur und der Anti-Natur changiert: âDiese Angewidertheit ist dieselbe, die ich angesichts von KĂŒnsten empfinde, die nicht zwischen der Natur und der Anti-Natur wĂ€hlen wollen und die erste als Ideal und die zweite als Ersparnis benutzen. Ethisch gesehen zeugt es von Niedrigkeit, gleichzeitig in beiden Bereichen spielen zu wollen.â [21]
Barthes legte gegen Ende der 60er Jahre seinen Schwerpunkt auf die Erforschung der Bedingungen der âMöglichkeiten dessen, was gesagt und gedacht werden kannâ, also auf die âKonstitution der Bedeutungsstrukturen. (âŠ) Da man keinen Standpunkt auĂerhalb der eigenen Sprache einnehmen kann, muss man zunĂ€chst die vorgegebenen Strukturen, die Sprache und die Sprechweisen, selbst erforschen, um von dort aus die eigene Kultur umdenken zu können.â [22] Er wendet sich als Semiologe der Kritik des Zeichens an sich zu. In seine Aufzeichnungen nach einer Japanreise schafft er mit L'Empire des signes (1970) einen âGegenmythosâ[22], um die Mythen des Westens âzu ĂŒberformen und dadurch zu entmachten.â
Das Verfahren, das er dabei anwendet, ist das der Pluralisierung und Dezentrierung. FĂŒr seinen Gegenmythos beschreibt er nicht Japan als etwas objektives oder als ein Idealbild, sondern als das, âwas Japan in ihm ausgelöst hatâ[23], und fasst diese ErzĂ€hlung in eine Fiktion: âIch kann auch ohne jeden Anspruch, eine RealitĂ€t darzustellen oder zu analysieren (gerade dies tut der westliche Diskurs mit Vorliebe), irgendwo in der Welt (dort) eine gewisse Anzahl von ZĂŒgen (ein Wort mit graphischem und sprachlichem Bezug) aufnehmen und aus diesen ZĂŒgen ganz nach Belieben ein System bilden. Und dieses System werde ich Japan nennen.â[24]
Das Mittel der Dezentrierung zeigt sich auch in der Komposition von L'Empire des signes selbst: Barthes parodiert hier âzugleich die AnfĂ€nge der anthropologischen Photographieâ, indem er Bild und Text miteinander durch eine âserielle Anordnung verschiedener PhotoportrĂ€ts (âŠ) zu einer texttheoretischen LektĂŒreâ verschrĂ€nkt.[25]
In S/Z kritisiert Barthes die traditionell bevorzugte Position des Signifikats gegenĂŒber dem materiellen BedeutungstrĂ€ger, dem Signifikanten.[22] In L'Empire des signes wendet er sich noch vehementer gegen die âvermeintlich wahre, innere Bedeutungâ, gegen die Instrumentalisierung der Signifikanten. So stellt er am Beispiel des Haiku die Sinn gebende Leseweise des Westens der âsinnlichen LektĂŒreâ entgegen. Dabei ist es nicht âdas Ziel Barthesâ dem Sinn einen Nicht-Sinn als Kontrapunkt entgegenzustellen, sondern er zeigt, wie die Konzentration des Westens von dem vermeintlich âbedeutungsvollenâ Kern abgelenkt werden kann. Er ĂŒbt also keinen direkten Widerstand gegen die okzidentale Ethik der Bedeutung, indem er einfach fĂŒr das Gegenteil plĂ€diert, sondern er zielt darauf, den Begriff der 'Bedeutung' zu verflĂŒssigen, so dass er ungreifbar wird.â[26]
Zwar könne, wie er in seiner Biographie verdeutlicht, Sinn âzwar durchaus im Nichts verschwindenâ, aber der Nicht-Sinn sei die âschlimmste aller Bedeutungsgebungenâ.[27] Gegen diesen Nicht-Sinn stellt er das Konzept der Dezentrierung, wie er es am Haiku erlĂ€utert: Entgegen den Interpretationsversuchen westlicher Art, âob Dechiffrierung, Formalisierung oder Tautologie ⊠die bei uns dazu bestimmt sind, den Sinn zu durchdringen, d. h. in ihn einzubrechenâ, könnten den âHaiku mithin nur verfehlen, denn die Lesearbeit, die mit ihm verbunden ist, liegt darin, die Sprache in der Schwebe zu halten, und nicht darin, sie zu provozieren.â [28]
Im westlichen Denken zielt der Betrachter darauf, sich selbst in dem Fremden zu spiegeln. Mit seinem Buch L'Empire des signes geht es Barthes darum, diesen Spiegel so gut wie zu entleeren. Diese Form der Dezentrierung wird dem westlichen Narzissmus entgegengehalten: âEn Occident, le miroir est un objet essentiellement narcissique: l'homme ne pense le miroir que pour s'y regarder; mais en Orient, semble-t-il, le miroir est vide; (âŠ) le miroir ne capte que d'autres miroirs, et cette rĂ©flexion infinie est le vide meme.â[29] Im Abschnitt âOhne Spracheâ zeichnet er eine andere Wahrnehmung des Fremden auf, die den Reisenden wohl tut, weil er sich in der ârauschende Masse einer unbekannten Spracheâ eine âdelikate Abschirmungâ verschafft: âWelche Ruhe im Ausland! Dort bin ich sicher vor Dummheit, Gewöhnlichkeit, Eitelkeit und weltmĂ€nnischem Gehabe, vor NationalitĂ€t und NormalitĂ€t. Die unbekannte Sprache (âŠ) deren reine Bedeutung ich dennoch wahrnehme, (âŠ) zieht mich in ihre kĂŒnstliche Leere hinein, (âŠ) Ich lebe in einem Zwischenraum, der frei von jeder vollen Bedeutung ist.â Dagegen steht das bĂŒrgerliche Nachfragen âWie sind Sie dort mit der Sprache zurechtgekommen?â als Mythos und Ideologie (âideologische Behauptungâ) des westlichen Denkens, die durch âpraktische Fragen bemĂ€ntelt wird: Kommunikation gibt es nur in der Sprache.â[30]
Durch die âAusdehnung der Signifikantenâ[31] im âAuslandâ/âJapanâ, die fĂŒr den Reisenden âum so vieles weiter als die Sprache istâ, gibt es einen âAustausch der Zeichen trotz der Undurchsichtigkeit der Sprache und zuweilen gar wegen ihrâ, was Barthes als âReichtumâ, âbestrickende Beweglichkeit und SubtilitĂ€tâ beschreibt: âDer Grund liegt darin, dass der Körper dort frei von Hysterie und Narzissmus ist (âŠ) der ganze Körper (âŠ) unterhĂ€lt mit Ihnen eine Art kindlicher Plauderei, der jedoch die vollkommene Beherrschung der Codes alles Regressive und Infantile nimmt.â Barthes erlĂ€utert das am Beispiel einer Verabredung: âEine Verabredung treffen (mit GebĂ€rden, Skizzen und Namen) benötigt mit Sicherheit eine ganze Stunde; aber diese Stunde (âŠ) hat man den ganzen Körper des anderen erkannt, geschmeckt und aufgenommen, hat dieser (ohne wirkliche Absicht) seine eigene ErzĂ€hlung, seinen eigenen Text ausgebreitet.â[32]
Nach Barthes rekonstruiert der Begriff des âSimulacrumâ seinen Gegenstand durch Selektion und Neukombination und konstruiert ihn so neu. Es entsteht eine âWelt, die der ersten Ă€hnelt, sie aber nicht kopieren, sondern einsehbar machen willâ.
âDas Ziel jeder strukturalistischen TĂ€tigkeit [âŠ] besteht darin, ein âObjektâ derart zu rekonstituieren, daĂ in dieser Rekonstitution zutage tritt, nach welchen Regeln es funktioniert (welches seine âFunktionenâ sind). Die Struktur ist in Wahrheit also nur ein simulacrum des Objekts, aber ein gezieltes, âinteressiertesâ Simulacrum, da das imitierende Objekt etwas zum Vorschein bringt, das im natĂŒrlichen Objekt unsichtbar oder, wenn man lieber will, unverstĂ€ndlich blieb.â Roland Barthes Die strukturalistische TĂ€tigkeit. In: Kursbuch. 5. Mai 1966. S. 190-196.
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| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Barthes, Roland |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Literaturkritiker, Schriftsteller, Philosoph und Semiotiker |
| GEBURTSDATUM | 12. November 1915 |
| GEBURTSORT | Cherbourg |
| STERBEDATUM | 26. MĂ€rz 1980 |
| STERBEORT | Paris |