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Die Rote Armee Fraktion (RAF) war eine linksextremistische terroristische Vereinigung in der Bundesrepublik Deutschland. Sie war verantwortlich fĂŒr 34 Morde, mehrere EntfĂŒhrungen und zahlreiche BankĂŒberfĂ€lle und Sprengstoffattentate mit einer Vielzahl von Verletzten und erheblichen SachschĂ€den. Sie wurde 1970 von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler, Ulrike Meinhof und weiteren Personen gegrĂŒndet. Die Anzahl der Mitglieder des sogenannten harten Kerns aller drei Generationen der RAF betrug zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren zwischen 60 und 80 Personen. 27 Mitglieder und Sympathisanten der RAF kamen durch Fremdeinwirkung, Selbstmord, Hungerstreik oder Krankheit ums Leben.[1]
In ihrem SelbstverstĂ€ndnis betrachtete sich die erste Generation der Gruppe als kommunistische, antiimperialistische Stadtguerilla nach sĂŒdamerikanischem Vorbild Ă€hnlich den Tupamaros in Uruguay. Ab 1970 kam es zu einer Kooperation mit der palĂ€stinensischen Fatah in Jordanien. Im sogenannten Deutschen Herbst des September und Oktober 1977 erreichte der Linksterrorismus in Deutschland mit dem Scheitern einer versuchten Freipressung von HĂ€ftlingen der ersten Generation seinen Höhepunkt. 1998 erklĂ€rte sie ihre Selbstauflösung. Die Auseinandersetzung mit der RAF hatte erhebliche gesellschaftspolitische Folgen und wurde zudem Grundlage einer Vielzahl von BĂŒchern, Filmen und Fernsehdokumentationen wie auch TheaterstĂŒcken und Romanen im In- und Ausland.
Inhaltsverzeichnis |
In den 1960er-Jahren wuchs in der Bundesrepublik eine Generation heran, die das Verhalten ihrer Eltern wĂ€hrend des Nationalsozialismus kritischer betrachtete. Der Kapitalismus, die parlamentarische Demokratie und die bĂŒrgerlichen Lebensformen wurden in Frage gestellt.[2] VerstĂ€rkt durch die US-amerikanische BĂŒrgerrechtsbewegung und den Vietnamkrieg entstand in Teilen der Gesellschaft eine ablehnende Haltung gegenĂŒber der Politik der USA. In den groĂen UniversitĂ€tsstĂ€dten Westeuropas kam es zu Demonstrationen der Studenten gegen die US-amerikanische Politik, wobei oft auch andere Themen kritisch angesprochen wurden. In der Bundesrepublik entstand aus der Studentenbewegung die auĂerparlamentarische Opposition, die jedoch bereits 1969 zerfiel. Die stĂ€rker politisierten Jugendlichen nahmen das Ende der Bewegung als Niederlage wahr und versuchten ihre politischen Ideale auf anderen Wegen zu verwirklichen. Viele wurden Mitglieder der SPD oder versuchten anders den Marsch durch die Institutionen.
Die RAF verstand sich als Teil des internationalen Antiimperialismus und war der Ansicht, dass der bewaffnete Kampf gegen den so genannten âUS-Imperialismusâ auch in Westeuropa gefĂŒhrt werden mĂŒsse. In Teilen der ehemaligen Studentenbewegung, den K-Gruppen und aus anderen Kreisen der Bevölkerung gab es zunĂ€chst Sympathien fĂŒr die Gruppe. Dies Ă€uĂerte sich etwa in UnterstĂŒtzungsaktionen und einer weitverzweigten, halblegalen UnterstĂŒtzer-Logistik, vor allem durch die Rote Hilfe. Auch die Liste prominenter Verteidiger der ersten Generation ist ein Indiz dafĂŒr. Die zweite Generation hatte aufgrund der Wahl ihrer Anschlagsziele diese Basis gröĂtenteils verloren und operierte als klandestine, militante und abgeschottete Gruppierung noch entfernter von der Entwicklung der öffentlichen Meinung der Bundesrepublik.
Es lassen sich mehrere Generationen unterscheiden, zwischen denen jeweils keine oder nur geringe personelle KontinuitÀt vorhanden war. Die im Wesentlichen drei Generationen unterscheiden sich zudem durch Organisationsstrukturen und VerÀnderungen in Theorie und Praxis. Trotzdem stellt das Generationenmodell eine Vereinfachung dar.
Die RAF als eine relativ kleine Gruppe wollte nicht als âSpitzeâ oder âAvantgardeâ der revolutionĂ€ren Bewegung in Deutschland fungieren, sondern als Teil dieser. Die Anzahl der direkt im Untergrund aktiven Mitglieder des sogenannten harten Kerns aller drei Generationen betrug zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren zusammengefasst zwischen 60 und 80 Personen. Zu den aktiven UnterstĂŒtzern wurden in dem gesamten Zeitraum etwa 300 Personen gezĂ€hlt. Sie scheiterte bei dem Versuch, den Kreis der bewaffnet KĂ€mpfenden zu vergröĂern. Bei ihren terroristischen AnschlĂ€gen oder Geiselnahmen wurden 34 Menschen von RAF-Mitgliedern ermordet und es gab zahlreiche Verletzte. AuĂerdem starben in der Zeit ihres Bestehens 20 Mitglieder der RAF. Die 1977 bis 1979 in Reaktion auf die RAF-Verbrechen im âDeutschen Herbstâ verabschiedeten Anti-Terror-Gesetze griffen in die Persönlichkeitsrechte aller BundesbĂŒrger ein, wurden aber ĂŒberwiegend als den rechtsstaatlichen Prinzipien genĂŒgend akzeptiert.
In den Medien wurde die RAF anfangs oft als âBaader-Meinhof-Bandeâ oder als âBaader-Meinhof-Gruppeâ bezeichnet. GebrĂ€uchlich ist seit etwa Mitte der 1970er-Jahre ihr selbst gewĂ€hlter, an die Bezeichnung fĂŒr kommunistische Armeen (vgl. Rote Armee der Sowjetunion) angelehnter Name âRote Armee Fraktionâ. Den anfĂ€nglichen Begriff âRote Armeeâ prĂ€gte Gudrun Ensslin in der Kampfschrift âRote Armee aufbauenâ.[3] Statt der alphabetischen Aussprache der AbkĂŒrzung RAF als âErr-A-Effâ hört man hĂ€ufig auch die Sprechweise âRaffâ.
Die Studentenunruhen der spÀten sechziger Jahre hatten prÀgenden Einfluss auf die RAF. Als bei einer Demonstration in Berlin am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg vom Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen wurde, stellte dies einen Wendepunkt dar. Vertuschungsversuche der Behörden nach dem Vorfall trugen zur weiteren Eskalation der bereits angespannten Situation bei.[4][5] In der Protestbewegung entwickelte sich in den Folgejahren ein militanter Teil, aus dem sich dann die erste Generation der RAF und spÀter die Bewegung 2. Juni (1972), die RevolutionÀren Zellen (1973) und die Rote Zora (spÀtestens 1977) entwickelten.[6]
Nach den in der Studentenbewegung gefĂŒhrten Strategiediskussionen um die Legitimation von âGewalt gegen Sachenâ hatten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein am 2. April 1968 mit Hilfe von ZeitzĂŒndern BrĂ€nde in zwei Frankfurter KaufhĂ€usern gelegt, um gegen den Krieg der USA in Vietnam zu protestieren. Die BrĂ€nde verursachten einen Schaden von 673.204 DM. Die Brandstifter wurden schon am 4. April gefasst und in Folge zu je drei Jahren Zuchthaus verurteilt.
Nachdem die Revision des Urteils durch den Bundesgerichtshof beantragt worden war, kamen die Verurteilten zunĂ€chst auf freien FuĂ. Nach Ablehnung des Antrags tauchten Baader und Ensslin unter und beschlossen zusammen mit ihrem Anwalt Horst Mahler die GrĂŒndung einer Stadtguerilla nach lateinamerikanischem Vorbild.[7] Dieser Plan wurde jedoch durch die Verhaftung Andreas Baaders, des fĂŒhrenden Mitglieds der Gruppe, durchkreuzt. Er war nach einem Hinweis des V-Manns Peter Urbach bei einer fingierten Verkehrskontrolle verhaftet worden. Urbach hatte bis dahin eine nie vollstĂ€ndig aufgeklĂ€rte Rolle als Anbieter von illegalen Materialien an Personen der linken Berliner Szene gespielt, was auch Baader und Horst Mahler genutzt hatten.
Eine formelle GrĂŒndung der RAF gab es nicht. Als erste Aktion â und damit Geburtsstunde der RAF â gilt die Baader-Befreiung am 14. Mai 1970. Andreas Baader war in das Deutsche Zentralinstitut fĂŒr Soziale Fragen in Berlin ausgefĂŒhrt worden, weil die Journalistin Ulrike Meinhof als Vorwand angegeben hatte, mit ihm ein Buch ĂŒber Heimzöglinge verfassen zu wollen. Bei dieser Gelegenheit wurde er unter Anwendung von Waffengewalt befreit. Dabei wurde der Institutsangestellte Georg Linke durch einen Schuss schwer verletzt.
Am 5. Juni 1970 erschien in der Zeitschrift Agit 883 als erste öffentliche programmatische ErklÀrung der RAF der Text Die Rote Armee aufbauen![3]
Von Juni bis August 1970 hielten sich Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Horst Mahler, Peter Homann, Brigitte Asdonk und etwa ein Dutzend weitere Personen in einem Camp der Fatah in Jordanien auf und erhielten dort eine militÀrische Ausbildung.[8]
In der Aufbauphase zog die Gruppe die Aufmerksamkeit des Staates zunĂ€chst durch mehrere BankĂŒberfĂ€lle, Fahrzeug- und DokumentendiebstĂ€hle auf sich, die vor allem das Ziel hatten, das Leben im Untergrund aufrechtzuerhalten. So wurden beispielsweise am 29. September 1970 beim sogenannten Dreierschlag mit mindestens 16 Tatbeteiligten in Berlin drei Banken gleichzeitig ĂŒberfallen und dabei ĂŒber 209.000 DM erbeutet. Laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL lagen nur zwei ĂberfĂ€lle in der Verantwortung der RAF, der dritte Ăberfall wurde mit Hilfe von u.a. Georg von Rauch vom Berliner Blues begangen.[9] Am 9. Oktober 1970 wurden Horst Mahler, Irene Goergens, Ingrid Schubert, Brigitte Asdonk und Monika Berberich in der KnesebeckstraĂe 89 in Berlin in Folge der ĂberfĂ€lle verhaftet.
Im April 1971 trat die RAF mit dem Strategiepapier Das Konzept Stadtguerilla an die Ăffentlichkeit.[10] Kurz darauf wurde eine bundesweite Fahndung nach den mittlerweile etwa fĂŒnfzig Gruppenmitgliedern gestartet. Der harte Kern der ersten Generation bestand aus Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Holger Meins, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe.
Die verschĂ€rften FahndungsmaĂnahmen der Polizei und der bereits in den Strategiepapieren angekĂŒndigte bewaffnete Widerstand der RAF-Mitglieder gegen Festnahmen forderten bald Todesopfer.[11] Am 15. Juli 1971 wurde Petra Schelm erschossen, am 22. Oktober und 22. Dezember des Jahres die Polizisten Norbert Schmid und Herbert Schoner. Am 1. MĂ€rz 1972 kam in diesem Zusammenhang erstmals eine Person durch die Polizei ums Leben, die mit der RAF nichts zu tun hatte, der siebzehnjĂ€hrige Lehrling Richard Epple.
1972 ging die Gruppe dazu ĂŒber, auch BombenanschlĂ€ge gegen US-MilitĂ€reinrichtungen oder staatliche Einrichtungen zu verĂŒben. Bei fĂŒnf SprengstoffanschlĂ€gen wurden 1972 insgesamt vier Menschen getötet und ĂŒber 30 verletzt. Am 11. Mai 1972 verĂŒbte das Kommando Petra Schelm auf das Foyer des Terrace Clubs (ehemals I.G.-Farben-Haus) ein Bombenattentat, bei dem der amerikanische Oberstleutnant Paul A. Bloomquist getötet und weitere dreizehn Personen verletzt wurden. Im Juni 1972 wurden die wesentlichen Protagonisten der ersten Generation (Baader, Ensslin, Meinhof, Raspe, Meins, Gerhard MĂŒller) verhaftet.
Im GefĂ€ngnis bezeichneten die Terroristen ihre Haftbedingungen als âIsolationsfolterâ und forderten unter anderem deren Aufhebung und den Status von Kriegsgefangenen. Zur Untermauerung ihrer Forderungen traten sie insgesamt zehn Mal in den Hungerstreik, an dessen Folgen Holger Meins am 9. November 1974 in der JVA Wittlich starb. Amnesty International kritisierte die Haftbedingungen als Isolationshaft und beschwerte sich offiziell bei Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel (SPD), der die VorwĂŒrfe jedoch zurĂŒckwies.[12]
1978 vertrat der RAF-Aussteiger Horst Mahler die Ansicht, dass der Vorwurf der Folter durch Isolation zwar von 1971 bis 1974 berechtigt war, danach jedoch nur noch der Propaganda gedient habe.[13]
Die AktivitÀten der Inhaftierten bewirkten, mit Hilfe ihrer Verteidiger wie beispielsweise der spÀter selbst angeklagten RechtsanwÀlte Klaus Croissant und Siegfried Haag auch breitere Resonanz in der linken Szene. Zu den renommierten AnwÀlten der ersten RAF-Generation gehörten die spÀteren Politiker Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Rupert von Plottnitz sowie der angesehene Jurist Hans Heinz Heldmann.
Es kam auch zur öffentlichkeitswirksamen Intervention des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, der in der Auseinandersetzung um die RAF-Gefangenen zu vermitteln versuchte. Am 4. Dezember 1974 besuchte Sartre Baader in der JVA Stuttgart in Stammheim. Allerdings bezeichnete er nach dem Treffen in einer privaten ĂuĂerung Baader als âArschlochâ.[14]
Im Mai 1975 wurden die Festgenommenen angeklagt und im April 1977 nach 192 Prozesstagen im Stammheimer Prozess unter anderem wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Ulrike Meinhof war bereits am 29. November 1974 aufgrund ihrer Beteiligung an der Baader-Befreiung zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden.
FĂŒhrende Mitglieder der ersten Generation starben zwischen 1976 und 1977 im Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart-Stammheim. Am 9. Mai 1976 wurde Ulrike Meinhof erhĂ€ngt an einem in Streifen gerissenen Handtuch am Zellenfenster tot aufgefunden. Die offizielle Untersuchung stellte Suizid fest. Nach dem Scheitern des Versuchs der zweiten RAF-Generation, die verbliebenen Gefangenen im sogenannten Deutschen Herbst freizupressen, begingen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der sogenannten Todesnacht von Stammheim am 18. Oktober 1977 Selbstmord. Raspe und Baader erschossen sich mit Waffen, die von Rechtsanwalt Arndt MĂŒller eingeschmuggelt worden waren.[15][16] Ensslin erhĂ€ngte sich mittels eines Kabels. Irmgard Möller fĂŒgte sich mit dem anstaltseigenen Besteckmesser vier Stichverletzungen in der Herzgegend zu, die jedoch nicht tödlich waren. Wenige Wochen spĂ€ter, am 12. November 1977, erhĂ€ngte sich auch RAF-GrĂŒndungsmitglied Ingrid Schubert in ihrer Zelle in der JVA MĂŒnchen.
Veröffentlichungen aus dem Jahr 2007 zeigen, dass die RAF-Gefangenen in der JVA Stuttgart auch wÀhrend des Deutschen Herbstes 1977 und unmittelbar vor und unter UmstÀnden sogar wÀhrend der Todesnacht von Stammheim durch Mikrofone in den Zellen und auch durch Abhörvorrichtungen an der von den Gefangenen hergestellten Wechselsprechanlage abgehört wurden. Es wird aber bestritten, dass die Behörden von den Schusswaffen im Hochsicherheitstrakt wussten.
Die zweite Generation bildete sich nach der Festnahme eines GroĂteils der ersten Generation, deren Schriften und ĂuĂerungen vom GefĂ€ngnis aus eine groĂe propagandistische Wirkung in linken Kreisen erzielen konnten. Viele der Mitglieder der zweiten Generation entstammten dem am 12. Februar 1970 gegrĂŒndeten Sozialistischen Patientenkollektiv oder wurden von den RechtsanwĂ€lten der ersten Generation, Siegfried Haag und Klaus Croissant, die spĂ€ter selbst in den Untergrund gingen, rekrutiert. Die Gruppe um Siegfried Haag und Roland Mayer wurde in den Medien als âHaag-Mayer-Bandeâ bezeichnet.
Am 27. Februar 1975, drei Tage vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses, wurde der Spitzenkandidat der Berliner CDU, Peter Lorenz, von Mitgliedern der Bewegung 2. Juni entfĂŒhrt. Die EntfĂŒhrer forderten die Freilassung inhaftierter Terroristen, darunter auch RAF-Mitglieder. Die Bundesregierung ging zum einzigen Mal auf einen derartigen Freipressungsversuch ein. Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann, Ingrid Siepmann, Rolf HeiĂler und Rolf Pohle wurden nach Aden im Jemen ausgeflogen, im Gegenzug wurde Lorenz am 4. MĂ€rz 1975 freigelassen. Die Tatsache, dass einige der freigelassenen Gefangenen spĂ€ter wieder terroristisch aktiv wurden, bestĂ€rkte die Bundesregierung, sich nicht wieder auf Verhandlungen mit Terroristen einzulassen.
Nach dieser Erfahrung wurde fĂŒr die zweite Generation der Rote Armee Fraktion die Befreiung der inhaftierten ersten Generation zum wichtigsten Ziel. Am 24. April 1975 kam es zur Geiselnahme von Stockholm. Sechs RAF-Terroristen besetzten Teile der westdeutschen Botschaft in Stockholm und forderten die Freilassung der inhaftierten RAF-Spitze. Nach der ErschieĂung zweier Diplomaten durch die Botschaftsbesetzer endete die Geiselnahme blutig, weil ein Sprengsatz der Terroristen versehentlich detonierte und das gesamte GebĂ€ude in Brand setzte. Die Terroristen Ulrich Wessel und Siegfried Hausner starben infolge der Explosion. WĂ€hrend des Brandes konnten die ĂŒbrigen Geiseln entkommen, die TĂ€ter wurden verhaftet. Beteiligt waren Hanna Krabbe, Karl-Heinz Dellwo, Lutz Taufer und Bernhard Rössner, die von Andreas Baaders Anwalt Siegfried Haag angeworben waren, der selbst nicht an der Aktion teilnahm. Am 30. November 1976 wurde er verhaftet. Dabei wurden die sogenannten âHaag-Mayer-Papiereâ gefunden. Diese enthielten Planungen fĂŒr die Anschlagsserie des Jahres 1977. Den Ermittlern gelang es jedoch nicht, die kodierten Papiere rechtzeitig zu entschlĂŒsseln. Nach Haags Verhaftung ĂŒbernahm die gerade aus der Haft entlassene Brigitte Mohnhaupt die FĂŒhrung der zweiten Generation der RAF.
Am 7. April 1977 wurden in Karlsruhe vom Kommando Ulrike Meinhof der Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft Georg Wurster von einem Motorrad aus in ihrem Auto erschossen. Die TÀter wurden bis heute nicht identifiziert.
Am 30. Juli 1977 wurde der Vorstandssprecher der Dresdner Bank AG JĂŒrgen Ponto ermordet. Das RAF-Mitglied Susanne Albrecht war mit dem Bankier persönlich bekannt, so dass dieser sie in seinem Privathaus in der Oberhöchstadter StraĂe in Oberursel empfing. Susanne Albrecht, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar erschienen in Pontos Villa. Klar schoss zuerst, daraufhin feuerte auch Mohnhaupt fĂŒnf Mal auf Ponto und traf ihn tödlich. Danach flohen Mohnhaupt, Klar und Albrecht mit dem von Peter-JĂŒrgen Boock gesteuerten Auto. Die Behauptung der Terroristen, Ponto habe sich gegen seine EntfĂŒhrung gewehrt, konnte erst 1991 widerlegt werden.
Am 25. August 1977 scheiterte ein Anschlag auf das GebÀude der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.[17]
Im sogenannten Deutschen Herbst des September und Oktober 1977 erreichte der Linksterrorismus in Deutschland seinen Höhepunkt. Am 5. September 1977 wurde der PrĂ€sident des Bundesverbandes der Arbeitgeber Hanns Martin Schleyer in Köln entfĂŒhrt und bis zum 18. Oktober 1977 gefangen gehalten. Die vier Begleiter Schleyers wurden erschossen. Die EntfĂŒhrer forderten die Freilassung der inhaftierten Mitglieder der ersten Generation der RAF. Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) berief daraufhin den sogenannten GroĂen Krisenstab ein, dem Mitglieder aller Fraktionen des Bundestages angehörten und der faktisch bis zum Ende der Krise die Regierung ĂŒbernahm. Im Oktober 1977 passierte das Kontaktsperregesetz den Bundestag, das die Möglichkeit zum Verbot von GesprĂ€chen zwischen Inhaftierten und ihren AnwĂ€lten ermöglicht. AuĂerdem wurde im Schnellverfahren die Strafprozessordnung dahingehend geĂ€ndert, dass ein Angeklagter in einem Strafverfahren höchstens drei RechtsanwĂ€lte benennen darf. Baader und andere hatten sich zuvor von bis zu 15 Wahlverteidigern gleichzeitig vertreten lassen. Beide Gesetze wurden bereits im Oktober 1977 gegen die RAF-HĂ€ftlinge angewandt.
Die Bundesregierung entschied sich, nicht auf die Forderungen der EntfĂŒhrer einzugehen. Am 13. Oktober 1977 wurde daraufhin die Lufthansamaschine Landshut mit insgesamt 87 Personen an Bord von einem Kommando der palĂ€stinensischen PFLP nach Mogadischu in Somalia entfĂŒhrt, um den Druck auf die Bundesregierung zu verstĂ€rken. Die Geiselnahme wurde am 18. Oktober 1977 gegen 0 Uhr MEZ durch die GSG 9 gewaltsam beendet. 86 Geiseln wurden bei dieser Aktion befreit und drei der vier Terroristen erschossen. FlugkapitĂ€n JĂŒrgen Schumann war zuvor bereits bei einem Zwischenstopp vom AnfĂŒhrer der Terrorgruppe erschossen worden.
Wenige Stunden nach dieser Befreiungsaktion der Landshut-Geiselnahme begingen Baader, Ensslin und Raspe laut einem offiziellen Gutachten in der sogenannten Todesnacht von Stammheim kollektiven Selbstmord. Sie wurden am Morgen in ihren Zellen tot aufgefunden. Hanns Martin Schleyer wurde erschossen, als seine EntfĂŒhrer vom Tod der RAF-Spitze erfuhren. Seine Leiche wurde am 19. Oktober 1977 im französischen MĂŒlhausen aufgefunden. Die IdentitĂ€t der Mörder wird von den Beteiligten der EntfĂŒhrung bis heute geheim gehalten.
1978 gab es ein Ereignis, das nachweislich von staatlicher Seite inszeniert worden war: das so genannte Celler Loch. Der niedersĂ€chsische Verfassungsschutz sprengte am 25. Juli 1978 ein Loch in die AuĂenmauer der JVA Celle, um einen Befreiungsversuch vorzutĂ€uschen, und schob dem einsitzenden, mutmaĂlichen RAF-Mitglied Sigurd Debus Ausbruchswerkzeug unter. Angeblich sollten so V-MĂ€nner in die RAF eingeschleust werden. Die Aktion war von der Bundesregierung genehmigt. Am 11. Mai 1978 wurden Brigitte Mohnhaupt, Peter-JĂŒrgen Boock, Sieglinde Hofmann und Rolf Clemens Wagner im jugoslawischen Zagreb verhaftet, durften jedoch im November in ein Land ihrer Wahl ausreisen, nachdem die Bundesregierung den Austausch von acht Exil-Kroaten verweigert hatte. Die Ausreise erfolgte in den SĂŒdjemen.Am Morgen des 25. Juni 1979 verĂŒbte die RAF einen Anschlag auf den NATO-Oberbefehlshaber in Europa Alexander Haig, als er auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz im NATO-Hauptquartier in Casteau, Belgien war. Die Terroristen hatten ein unter der StraĂe verlaufendes Rohr mit Sprengstoff gefĂŒllt und die Ladung gezĂŒndet, als Haigs Wagenkolonne die Stelle passierte. Sein Mercedes wurde zwar getroffen und zerstört, jedoch konnten sich Haig und sein Fahrer unverletzt in Sicherheit bringen.
Die Bilanz der RAF der Jahre 1978 bis 1982 ist geprÀgt vom Leben im Untergrund und Fahndungsdruck. Viele Gruppenmitglieder hielten sich zwischenzeitlich u. a. im Nahen Osten auf. Die stÀndig konspirativ im Untergrund lebenden Mitglieder fanden kaum noch sichere Quartiere in der Bundesrepublik und wurden bis 1982 nach und nach verhaftet.
Mitglieder der zweiten Generation erfuhren in dieser Zeit organisatorische und finanzielle Hilfe aus der DDR. Zehn sogenannte RAF-Aussteiger tauchten mit Hilfe der Staatssicherheit in der DDR unter. Noch vor der Wiedervereinigung wurden sie im Juni 1990 enttarnt, festgenommen und an die Bundesrepublik ausgeliefert.
Die dritte Generation, nach Informationen des Verfassungsschutzes ein Zusammenschluss von bis zu 20 Personen und 250 UnterstĂŒtzern, wird fĂŒr die AusfĂŒhrung von Sabotageakten und fĂŒr mehrere MordanschlĂ€ge verantwortlich gemacht, denen Persönlichkeiten der bundesdeutschen Politik und Wirtschaft zum Opfer fielen.[18] Der harte Kern soll etwa 15 bis 20 Personen umfasst haben. In einer im Mai 1982 veröffentlichten Schrift (Mai-Papier) hatte die RAF eine Ănderung ihrer Zielsetzung angekĂŒndigt. Dabei stand nicht mehr der Begriff âBig Rausholeâ im Vordergrund, also die Befreiung der inhaftierten Mitglieder der ersten Generation, sondern prĂ€zise geplante Angriffe und Kooperationen mit anderen westeuropĂ€ischen Terrorgruppen des linken Spektrums, wie der Action Directe in Frankreich, den Brigate Rosse in Italien und den Cellules Communistes Combattantes in Belgien.
Die Mitglieder der âdritten Generationâ der RAF sind kaum bekannt. Nicht einmal die HĂ€lfte der bis zu 20 Mitglieder der dritten RAF-Generation kennt die Bundesanwaltschaft mit Namen. Nur Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld werden dezidiert der Kommandoebene zugerechnet. Von den zehn Morden zwischen 1985 und 1993 ist lediglich einer der TĂ€ter bekannt. Anders als in den 1970er-Jahren war die RAF auch innerhalb der radikalen Linken isoliert und konnte nicht auf ein Sympathisantennetz zurĂŒckgreifen.
Am Morgen des 1. Februar 1985 wurde Ernst Zimmermann, Chef des RĂŒstungskonzerns MTU, in seinem Haus erschossen. Die TĂ€ter sind bisher nicht identifiziert. Am 8. August 1985 wurde der US-Soldat Edward Pimental von Birgit Hogefeld oder Eva Haule mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet und seiner Identification Card beraubt. Die Karte wurde am 9. August 1985 benutzt, um fĂŒr einen Sprengstoffanschlag auf die Rhein-Main Air Base zu gelangen. Bei dem Anschlag kamen ein US-Soldat und eine Zivilangestellte ums Leben, elf Personen wurden verletzt. Die Bekennerschreiben trugen die Embleme der RAF[19] und der Action Directe. Der Mord an Pimental wurde in der linken Szene heftig kritisiert, weil er als einfacher Soldat, der lediglich wegen seiner Zutrittsberechtigung zur Luftwaffenbasis ins Visier der Terroristen geraten war, nicht dem herkömmlichen Feindbild entsprach. SpĂ€ter bezeichnete die RAF den Mord als politischen Fehler.[20]
Am 9. Juli 1986 wurde der Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts zusammen mit seinem Chauffeur Eckhard Groppler in StraĂlach durch einen Bombenanschlag des âKommandos Mara Cagolâ der RAF getötet. Der einzige dieser Tat VerdĂ€chtige war der 1999 in Wien von Polizisten erschossene Horst Ludwig Meyer.
Am 10. Oktober 1986 wurde der Diplomat im AuswĂ€rtigen Amt Gerold von BraunmĂŒhl vor seinem Wohnsitz in Bonn-Ippendorf von zwei Personen erschossen. Die TĂ€ter konnten bisher nicht identifiziert werden.
Am 30. November 1989 wurde der Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, in Bad Homburg durch eine Bombe, die sich auf einem prĂ€parierten Fahrrad am StraĂenrand befand, getötet. Sein Chauffeur wurde nur leicht verletzt. Die TĂ€ter sind bisher ebenfalls nicht identifiziert worden.
Am 1. April 1991 wurde der PrÀsident der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder, ermordet. Seine Ehefrau wurde verletzt. Auch in diesem Fall konnten der oder die TÀter nicht ermittelt werden. Zehn Jahre spÀter meldete das Bundeskriminalamt, dass durch eine DNA-Analyse von am Tatort gefundenen Haaren Wolfgang Grams als Beteiligter in Frage komme. Der Wert der Analyse geriet allerdings in die Kritik.
1992 bot Bundesjustizminister Klaus Kinkel (FDP) den RAF-HĂ€ftlingen Haftentlassung an, wenn die Illegalen von weiteren Aktionen absĂ€hen. Die RAF ging indirekt darauf ein und erklĂ€rte, âdie Eskalation zurĂŒcknehmenâ zu wollen. Heute ist bekannt, dass die so genannte Kinkel-Initiative einen Bruch unter den RAF-HĂ€ftlingen auslöste. WĂ€hrend Brigitte Mohnhaupt und andere das Angebot zurĂŒckwiesen, wollten Karl-Heinz Dellwo, Lutz Taufer und andere darauf eingehen.[21]
In der Nacht vom 26. auf den 27. MĂ€rz 1993 kam es zu dem Sprengstoffanschlag auf die JVA Weiterstadt. Ăber 200 Kilogramm Sprengstoff wurden verwendet. Drei UnterkunftsgebĂ€ude und der Verwaltungstrakt der im Bau befindlichen Anstalt wurden zerstört, der Rest der ĂŒber drei Quadratkilometer groĂen Anlage schwer beschĂ€digt. Der materielle Schaden betrug 100 bis 120 Millionen DM. Die JVA konnte erst 1997 in Betrieb genommen werden. Der Tatbeteiligung verdĂ€chtigt wurden zunĂ€chst Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld.[22] Als weitere VerdĂ€chtige gelten aufgrund von DNA-Spuren Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg.[23]
Am 27. Juni 1993 fand ein GSG-9-Einsatz in Bad Kleinen statt, um Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld festzunehmen. Der V-Mann Klaus Steinmetz hatte ein Treffen mit den beiden Gesuchten arrangiert. Obwohl ĂŒber 100 Polizisten, darunter nahezu 40 GSG-9-Beamte und der V-Mann anwesend waren, gelang es nicht, Grams und Hogefeld geordnet festzunehmen. Es kam zu einem Schusswechsel, bei dem der 26-jĂ€hrige GSG-9-Beamte Michael Newrzella und Grams starben; die UmstĂ€nde des Todes von Grams sind umstritten. In der Folge trat Bundesinnenminister Seiters (CDU) von seinem Amt zurĂŒck.
Am 15. September 1999 wurden Andrea Klump und Horst Ludwig Meyer von der österreichischen Polizei aufgegriffen. Bei einem Schusswechsel kam Meyer ums Leben. Ihm wurde vorgeworfen, an der Ermordung Beckurtsâ teilgenommen zu haben â nach Meyers Tod kam es jedoch nicht zu einem Prozess.
1992 prĂ€sentierten die Journalisten Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker â zuerst in einem Fernsehbeitrag der ARD-Sendung Monitor, spĂ€ter in Buchform â die kontroverse These vom RAF-Phantom. Demnach seien die der dritten Generation zugeschriebenen Morde nicht von der RAF, sondern von Geheimdiensten begangen worden. Diese VerdĂ€chtigungen werden von Kritikern wie dem Regensburger Politikwissenschaftler Alexander StraĂner allerdings als Verschwörungstheorie bezeichnet.[24]
Am 20. April 1998 ging bei Reuters in Köln ein achtseitiges, als authentisch eingestuftes Schreiben ein, in dem die RAF ihre Selbstauflösung verkĂŒndete. Darin heiĂt es:[25]
âVor fast 28 Jahren, am 14. Mai 1970, entstand in einer Befreiungsaktion die RAF. Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte.â
Die ErklÀrung endet mit dem Gedenken an die Toten aus den eigenen Reihen, einer Liste von 26 Namen aus der Bewegung 2. Juni, der RevolutionÀren Zellen und der RAF selbst. Die 34 Opfer der RAF werden nicht erwÀhnt. Den Schlusspunkt bildet ein Zitat von Rosa Luxemburg:
âDie Revolution sagt:
ich war
ich bin
ich werde seinâ
Im Jahr 2001 kam das GerĂŒcht auf, die RAF habe sich neu gegrĂŒndet und neue TĂ€ter wĂŒrden auf die immer noch vorhandene Logistik der alten RAF zugreifen. Das gilt jedoch weithin als Ăbertreibung. Nach dem Ermittlungsstand der Behörden ist lediglich bewiesen, dass zwei noch Gesuchte, die der dritten Generation zugerechnet wurden, ein Jahr nach der Selbstauflösung einen Geldtransporter ĂŒberfielen.
Im November 2000 wurde der Haftbefehl gegen Ernst Volker Staub und Daniela Klette vom Bundesgerichtshof wegen des Verdachts der Bildung einer neuen terroristischen Vereinigung und schweren Raubes erweitert.[26] Beide hatten am 20. Juli 1999 einen Geldtransport in Duisburg mit einer Panzerfaust und einem Schnellfeuergewehr ĂŒberfallen und dabei mindestens 1 Million DM erbeutet.[27][28] Am 6. Februar 2001 leitete die Bundesanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen der erneuten GrĂŒndung einer terroristischen Vereinigung gegen Staub und Klette ein. Es bestĂŒnden Anhaltspunkte fĂŒr die GrĂŒndung dieser Gruppe im Jahre 1999. Diese Gruppe könne noch auf Infrastrukturen der alten RAF, insbesondere Waffenverstecke und konspirative Wohnungen zurĂŒckgreifen.[29]
Seit der Mitteilung ĂŒber die Eröffnung des Strafverfahrens wegen der NeugrĂŒndung einer terroristischen Vereinigung 2001 wurde in der Ăffentlichkeit nichts ĂŒber den weiteren Verlauf oder weitere Hinweise auf das Bestehen dieser neuen Organisation bekannt.
In den Schriften der RAF, vor allem in denen von Horst Mahler und Ulrike Meinhof, lassen sich maoistische Tendenzen nachweisen. Die Mitglieder der RAF setzten sich stark mit dem Neomarxismus der Frankfurter Schule auseinander, obgleich die Vertreter dieser Richtung sich entschieden vom Terrorismus distanzierten.
Die RAF-Vertreter opponierten stark gegen den als System bezeichneten Staatsapparat des damaligen Westdeutschlands, der Bundesrepublik Deutschland. Die RAF unterstellte den westlich-europÀischen Gesellschaften, wie schon die studentische APO vor ihr, faschistoide Tendenzen und klagte insbesondere die angeblich nicht aufgearbeitete und immer noch wirkende nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands an.
Die erste Generation - vor allem die frĂŒhere Journalistin Ulrike Meinhof - rechtfertigte die eigene RadikalitĂ€t in mehreren Schriften, u.a. vier Kampfschriften, die nach einer langen Gruppendiskussion entstanden sind. Am 5. Juni 1970 erschien in der Zeitschrift Agit 883 als erste öffentliche programmatische ErklĂ€rung der RAF der Text âDie Rote Armee aufbauen!â[3]
Am gleichen Tag trafen sich Ulrike Meinhof, Horst Mahler, Andreas Baader und Gudrun Ensslin in Berlin konspirativ mit der französischen Journalistin MichĂšle Ray. Auf einem Tonband, dessen Wortlaut der Spiegel spĂ€ter in âunredigierten AuszĂŒgenâ abdruckte, erklĂ€rte Meinhof:
âWir sagen natĂŒrlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heiĂt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, ĂŒberhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natĂŒrlich kann geschossen werden.â
â Ulrike Meinhof[30]
Meinhof rechtfertigte die Befreiung Baaders und die Aufnahme des bewaffneten Kampfes und setzt sich mit den kritischen Reaktionen innerhalb der Linken auseinander. Sie stellte fest: âDie intellektuelle Linke hat die Aktion im groĂen und ganzen abgelehnt.â Diese Kritik könne ignoriert werden, weil âman zu einer politischen Zusammenarbeit kommen muss (âŠ) mit dem Teil des Proletariats, der keine Gratifikation dafĂŒr erhĂ€lt (âŠ) dass er sich ausbeuten lĂ€sst.â Meinhof kritisierte:
â⊠die Linken [haben] begriffen, dass die Revolution nicht von ihnen gemacht werden wird sondern vom Proletariat, dass man also in die Fabriken zu gehen hat und in die Stadtteile und dass die Organisierung stattzufinden hat. Nur sind wir der Auffassung, dass die Organisierung des Proletariats ein Popanz dann ist, wenn man nicht gleichzeitig anfĂ€ngt, das zu tun, was wir jetzt tun, nĂ€mlich die Rote Armee aufzubauen.â
Damit ist der Name genannt, unter dem die Gruppe fortan agiert. Das Wort âFraktionâ wird kurze Zeit spĂ€ter hinzugefĂŒgt. Die RAF erkennt spĂ€ter in Das Konzept Stadtguerilla das Tonband-Interview nicht als Stellungnahme der gesamten Gruppe an.
Ein Jahr nach Die Rote Armee aufbauen! erschien das erste ausfĂŒhrliche Positionspapier der RAF, Das Konzept Stadtguerilla.[10] Die vierzehnseitige Schrift wurde an linke Gruppen und Einzelpersonen verschickt. Es ist die umfassende BegrĂŒndung der âAufnahme des bewaffneten Kampfesâ. Die Schrift ist in sechs Abschnitte unterteilt.
Im ersten Abschnitt Konkrete Antworten auf konkrete Fragen wird die bewaffnete Baader-Befreiung gerechtfertigt. Es wird erklĂ€rt, dass die Zeit zum bewaffneten Kampf nun reif sei. Wörtlich heiĂt es:
âWir behaupten, dass die Organisierung von bewaffneten Widerstandsgruppen zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik und Westberlin richtig ist, möglich ist, gerechtfertigt ist. Dass es richtig, möglich und gerechtfertigt ist, hier und jetzt Stadtguerilla zu machen. Dass der bewaffnete Kampf als âdie höchste Form des Marxismus-Leninismusâ (Mao) jetzt begonnen werden kann und muss, dass es ohne das keinen antiimperialistischen Kampf in den Metropolen gibt. â
AuĂerdem wird auf den Fahndungsdruck hingewiesen, dem die Gruppe seitdem ausgesetzt war. Die SchieĂereien bei Verhaftungsversuchen, denen RAF-Mitglied Petra Schelm und mehrere Polizisten zum Opfer fielen, wurden thematisiert:
âAm 14. Mai, ebenso wie in Frankfurt, wo zwei von uns abgehauen sind, als sie verhaftet werden sollten, weil wir uns nicht einfach verhaften lassen â haben die Bullen zuerst geschossen. Die Bullen haben jedesmal gezielte SchĂŒsse abgegeben. Wir haben zum Teil ĂŒberhaupt nicht geschossen, und wenn, dann nicht gezielt: in Berlin, in NĂŒrnberg, in Frankfurt. Das ist nachweisbar, weil es wahr ist. Wir machen nicht ârĂŒcksichtslos von der Waffe Gebrauchâ. Der Bulle (âŠ) befindet sich nicht im Befehlsnotstand. Wir schieĂen, wenn auf uns geschossen wird. Den Bullen, der uns laufen lĂ€Ăt, lassen wir auch laufen.[10]â
Im zweiten Abschnitt Metropole Bundesrepublik hieĂ es, die sozial-liberale Koalition absorbiere die Unzufriedenheit der auĂerparlamentarischen Opposition. Es wird behauptet, durch Entwicklungs- und MilitĂ€rhilfe an US-Kriegen beteiligt, profitiere die Bundesrepublik von der Ausbeutung der Dritten Welt.
Im dritten Abschnitt Studentenrevolte erklĂ€rt die RAF die Studentenbewegung zu ihrer Vorgeschichte. Diese sei zerfallen, weil es ihr nicht gelungen sei, eine ihren Zielen angemessene Praxis zu entwickeln, heiĂt es.
Im vierten Abschnitt Primat der Praxis wird von einer die Arbeiterklasse vereinenden Strategie gesprochen. Voraussetzung fĂŒr den Vereinheitlichungsprozess sei die ârevolutionĂ€re Initiativeâ und die âpraktische revolutionĂ€re Intervention der Avantgardeâ. Des Weiteren wird der proletarische Internationalismus benannt und die Diktatur des Proletariats angekĂŒndigt. Fazit dieses Abschnittes ist die EinschĂ€tzung, dass es nun Zeit fĂŒr den bewaffneten Kampf sei.
Im fĂŒnften Abschnitt Stadtguerilla wird auf sĂŒdamerikanische GuerillakĂ€mpfer, insbesondere die Tupamaros in Uruguay verwiesen. Schwache revolutionĂ€re KrĂ€fte seien wie in SĂŒdamerika nur zu einer Guerillataktik in der Lage. Wörtlich heiĂt es, das Konzept Stadtguerilla ziele darauf ab, âden staatlichen Herrschaftsapparat an einzelnen Punkten zu destruieren, stellenweise auĂer Kraft zu setzen, den Mythos von der Allgegenwart des Systems und seiner Unverletzbarkeit zu zerstören.â
Im sechsten Abschnitt LegalitĂ€t und IllegalitĂ€t setzt sich Ulrike Meinhof mit der damals populĂ€ren These âMacht kaputt, was euch kaputt machtâ auseinander. Sie warnt vor blindem Aktionismus und vor vorschneller Aufgabe der LegalitĂ€t. Im Weiteren beschreibt sie die RAF als Bindeglied zwischen legalen und illegalen KrĂ€ften und zwischen Widerstandsgruppen aus allen anderen LĂ€ndern. Die RAF sei die sofortige revolutionĂ€re Intervention, als Beitrag zur kommunistischen Weltrevolution. Wörtlich heiĂt es:
âDie Pflicht eines RevolutionĂ€rs ist, immer zu kĂ€mpfen, trotzdem zu kĂ€mpfen, bis zum Tod zu kĂ€mpfen â Es gibt keinen revolutionĂ€ren Kampf und hat noch keinen gegeben, dessen Moral nicht diese gewesen wĂ€re: Russland, China, Kuba, Algerien, PalĂ€stina, Vietnam. (âŠ) Von bewaffneter Propaganda werden wir nicht reden, sondern wir werden sie machen.â
Zusammenfassend ist zu sagen, dass in der ersten RAF-Schrift die klare Abtrennung vom Feind, also vom Staat, im Vordergrund steht. Der bewaffnete Kampf aus dem Untergrund wird gerechtfertigt und ideologisch untermauert. Die RAF sieht sich als Vorreiter einer internationalen kommunistischen Bewegung. Es heiĂt:
â⊠weil wir Kommunisten sind und es davon, ob die Kommunisten sich organisieren und kĂ€mpfen, abhĂ€ngt, ob Terror und Repression nur Angst und Resignation bewirken oder Widerstand und KlassenhaĂ und SolidaritĂ€t provozieren, ob das hier alles so glatt im Sinn des Imperialismus ĂŒber die BĂŒhne geht oder nicht.â
Zwei Monate nach dem Konzept Stadtguerilla erscheint im Juni 1971 in Berlin das Papier Die LĂŒcken der revolutionĂ€ren Theorie schlieĂen â Die Rote Armee aufbauen. Das 65-Seiten-Papier wurde von Horst Mahler in der Haft verfasst. In der Schrift bezeichnet Mahler den âbewaffneten Kampf als höchste Form des Klassenkampfesâ, denn die âbesitzenden Klassenâ hĂ€tten sich âden bestimmenden Einfluss auf die staatlichen Machthebelâ gesichert. Der Rechtsanwalt erklĂ€rt, Voraussetzung fĂŒr die âRevolution der Massenâ sei die âEntwöhnung vom Gehorsam gegenĂŒber der bĂŒrgerlichen Rechtsordnungâ. Nach dem Ausschluss Mahlers aus der RAF im Juni 1974 wird dieser Text von der Gruppe nicht mehr als eine ihrer theoretischen ĂuĂerungen anerkannt.
18 Monate spĂ€ter, im April 1972, wurde das sechzigseitige Papier Rote Armee Fraktion â Stadtguerilla und Klassenkampf im Bundesgebiet verschickt. Verfasserin war Ulrike Meinhof.
Im Vorwort glorifiziert Meinhof den Tod der im Rahmen der RAF-Fahndung erschossenen Gruppenmitglieder und UnterstĂŒtzer Petra Schelm, Georg von Rauch und Thomas Weisbecker. Wörtlich heiĂt es:
âPetra, Georg und Thomas starben im Kampf gegen das Sterben im Dienst der Ausbeuter. Sie wurden ermordet, damit das Kapital ungestört weitermorden kann und damit die Leute weiterhin denken mĂŒssen, dass man nichts dagegen machen kann. Aber der Kampf hat erst begonnen!â
Meinhof versucht in drei Kapiteln die VerknĂŒpfung von Ausbeutung und Politik zu beweisen. In allen Kapiteln wird behauptet, immer mehr Menschen seien mit dem kapitalistischen System unzufrieden, was sich in immer gröĂeren Widerstandsaktionen Ă€uĂere. Immer wieder kommt Meinhof auf die Bedeutung der Praxis, also des bewaffneten Kampfes, zu sprechen. Wörtlich heiĂt es:
âIm gegenwĂ€rtigen Stadium der Geschichte kann niemand mehr bestreiten, dass eine bewaffnete Gruppe, so klein sie auch sein mag, bessere Aussichten hat, sich in eine groĂe Volksarmee zu verwandeln, als eine Gruppe, die sich darauf beschrĂ€nkt, revolutionĂ€re LehrsĂ€tze zu verkĂŒnden.â
Im vierten Abschnitt Ăber aktuelle Einzelfragen wird das Thema Verrat angesprochen. VerrĂ€ter seien von der Revolution auszuschlieĂen, auch wenn sie âarme Schweineâ seien. Was genau damit gemeint ist, bleibt offen. Im Weiteren werden die BankĂŒberfĂ€lle der RAF gerechtfertigt und als âEnteignungsaktionenâ bezeichnet. In den SchlusssĂ€tzen entschuldigt sich Meinhof bei den Sympathisanten, dass die RAF sich bisher mit logistischem Aufbau befasse und keine âpopulĂ€ren Aktionenâ starte. Dies sei nur eine Frage der Zeit, kĂŒndigt sie an. Die Schrift endet mit einigen Parolen, wie âDem Volke dienen!â, âDer revolutionĂ€re Guerilla aufbauen!â und âSieg dem Volkskrieg!â
Die sogenannte zweite RAF-Kampfschrift ist vom Leben im Untergrund geprĂ€gt. Verrat ist zum Thema geworden. Karl-Heinz Ruhland und Peter Homann hatten die Gruppe verlassen und umfangreich ausgesagt. Meinhofs SolidaritĂ€tsappell ist ein eindeutiges Zeichen, dass es fĂŒr die Gruppe 1972 immer schwieriger wird, Quartiere zu finden. Ihre Rechtfertigung der BankĂŒberfĂ€lle ist eine Art Antwort auf in der Linken aufkommende Kritik an diesen Aktionen. Die Sympathisanten, die nun endlich âpopulĂ€re Aktionenâ sehen wollen, werden zur Geduld ermahnt.
Ein halbes Jahr spĂ€ter, im November 1972, erscheint die dritte RAF-Schrift Rote Armee Fraktion â Die Aktion des Schwarzen September in MĂŒnchen â Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes. Verfasserin ist wieder Ulrike Meinhof. Sie kommentiert die am 5. September 1972 erfolgte Geiselnahme von MĂŒnchen, bei der elf Geiseln starben:
âDie Aktion des Schwarzen September hat das Wesen imperialistischer Herrschaft und des antiimperialistischen Kampfes auf eine Weise durchschaubar und erkennbar gemacht wie noch keine revolutionĂ€re Aktion in Westdeutschland oder Westberlin. Sie war gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch.â
Die westdeutsche Linke könne angesichts dieser Aktion ihre politische IdentitÀt wiederfinden, behauptet Meinhof.
Die Schrift ist in vier Abschnitte unterteilt. Imperialismus, Opportunismus, Faschismus und Die antiimperialistische Aktion. Meinhof prangert âdie multinationalen Konzerneâ an, die Kriege gegen die Dritte Welt unterstĂŒtzten. Meinhof setzt sich im zweiten Teil mit Marx-Forschung auseinander und nennt den linken Professor Oskar Negt einen Opportunisten. Dieser hatte zuvor die RAF-Aktionen als âunpolitischâ kritisiert. Immer wieder lobt Meinhof in dieser Schrift die Morde von MĂŒnchen. Die Schrift endet mit dem Satz:
âDie Aktion des Schwarzen September wird aus dem GedĂ€chtnis des antiimperialistischen Kampfes nicht mehr zu verdrĂ€ngen sein.â
Der gesamte Text spiegelt Meinhofs Resignation und Wut wider. Sie schrieb ihn kurz nach ihrer Verhaftung im September und Oktober 1972 in der Zelle in Köln. Jemand schmuggelte ihn nach drauĂen. Es taucht erstmalig der Gedanke auf, verhaftete Genossen durch Terrorakte freizupressen. Die palĂ€stinensischen Terroristen hatten in MĂŒnchen die Entlassung in Israel inhaftierter Komplizen gefordert. Dieser Ansatz wird von Meinhof ĂŒbernommen.
Im Umgang mit der bundesdeutschen Linken, speziell mit der Sympathisantenszene, stellt die sogenannte dritte RAF-Schrift einen Wandel dar. War in der ersten noch die Rede von einer kommunistischen Weltbewegung und in der zweiten von einem liebevollen Umgang miteinander, so enthĂ€lt diese Schrift einige Thesen, die denen der westdeutschen Linken fundamental widersprechen. Nicht nur, dass die Morde an Israelis von MĂŒnchen bejubelt werden, sie sollen sogar der IdentitĂ€tsfindung dienen. Zusammenfassend spiegelt diese Entwicklung die RealitĂ€t wider. Ende 1972 ist die RAF isoliert, im Abseits des linken Spektrums. Nur noch vereinzelt sind Sympathisanten bereit, RAF-Mitgliedern Unterschlupf zu gewĂ€hren. Immer hĂ€ufiger âverratenâ die Unterschlupfgeber die Terroristen. Ulrike Meinhof wird 1972 verhaftet, weil ein Lehrer, der Kontakte zur linken Szene unterhielt, sie erst aufnahm und dann die Polizei informierte. Meinhofs Verbitterung darĂŒber ist der gesamten Schrift anzumerken. Sie scheint nicht zu verstehen, warum die linke Szene den radikalen Weg der RAF nicht billigt. Einige Analysten bewerten die dĂŒsteren Teile dieser sehr theoretisch gehaltenen Schrift als AnkĂŒndigung Meinhofs, sich das Leben zu nehmen. Diese Deutung der Schrift ist umstritten, wird aber ĂŒbergreifend als möglich eingestuft.
1977 erscheint offiziell das 600-Seiten-Buch Texte: der RAF. Eine Zusammenstellung aus Schriften, Selbstbezichtigungsschreiben und ProzesserklÀrungen.
Im Mai 1982 taucht eine zwanzigseitige Grundsatzschrift mit dem Titel Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front, auch Mai-Papier genannt, auf, spĂ€ter wird es von der tageszeitung abgedruckt. Dies war die erste Grundsatzschrift nach zehn Jahren und bis heute die letzte. Die Gruppe behauptet von sich, âdurch die Wirkung, die die Konfrontation entwickelt hat, stĂ€rker als vorher hervorgekommenâ zu sein. Es werden Fehler in den Aktionen des Jahres 1977 eingerĂ€umt und eine neue Formel entworfen, die lautete âGuerilla und Widerstand. Eine Front.â Die Autoren entwerfen das Bild einer noch zu organisierenden âantiimperialistischen Frontâ in Westeuropa, die eng bei âkoordinierten militanten Projektenâ zusammenarbeitet. Die RAF behauptet, dass es weltweit eine âEinheit der imperialistischen Reaktionâ gebe. Es heiĂt weiterhin: âDie Entwicklung in Westeuropa ist zu einem Angelpunkt in der weltweiten Auseinandersetzung geworden.â Die Schrift ist voll von militĂ€rischen AusdrĂŒcken wie Front, Offensive und Mobilisierung. Die RAF versucht mit dieser Schrift, Zustimmung zu ernten und neue AnhĂ€nger zu gewinnen. Vor allem die Autonomen werden zur Zusammenarbeit aufgefordert.[31] Die Schrift enthĂ€lt die Erkenntnis, dass eine Gruppe von zwanzig VorkĂ€mpfern alleine keine revolutionĂ€re Situation herstellen könne und auf UnterstĂŒtzung aus dem sogenannten Widerstand angewiesen sei. Die Schrift kĂŒndigt die Zusammenarbeit mit anderen westeuropĂ€ischen Terrorgruppen, wie der Action Directe in Frankreich, den Brigate Rosse in Italien oder den Cellules Communistes Combattantes in Belgien an.
Das Papier enthÀlt viele SÀtze wie
âwenn der Kampf der Guerilla die eigene Sache ist, kann die Verwirklichung davon nur sein, sich selbst â auf welcher Ebene auch immer politisch und praktisch in den Zusammenhang der Strategie der Guerilla stellen.â
und wird auch von Linken als schwerfÀllig und inhaltslos verurteilt. Die taz schrieb in ihrem Kommentar, das Papier vertusche
âwortgewaltig die eigene Perspektivlosigkeit.â Mit Nachdruck verwehrt man sich gegen âdie Bevormundung durch ein paar Polit-Intellektuelle, die sich besonders revolutionĂ€r vorkommen, weil sie ein Maschinengewehr im Schrank haben. RAF â verpiĂt euch!â
â taz Kommentar[32]
Die auch Widerstandspapier genannte Schrift fand keinen Anklang in der linken Szene und sorgte fĂŒr Ablehnung.
Aus der dritten Generation der RAF gibt es keine Grundsatzschrift und keine belegte theoretische ĂuĂerung, die als Standpunkt der Gruppe zu werten wĂ€re. Bis auf kurze Bekennerschreiben existieren kaum Aufzeichnungen seit 1982.
Die RAF-Schriften wurden in der breiten Ăffentlichkeit nicht diskutiert. Dies galt zum Teil auch fĂŒr viele kritische MeinungsĂ€uĂerungen wie beispielsweise den Text des Göttinger Mescalero ĂŒber das Buback-Attentat oder ein Fernsehinterview Daniel Cohn-Bendits in der ARD zum Tod Schleyers. Diese wurden in der öffentlichen Diskussion kaum differenziert von den Schriften der RAF behandelt und zuweilen als Positionen von âSympathisantenâ der Terroristen diskreditiert.
Theorie und Praxis der RAF wurden von maĂgeblichen linken Intellektuellen der damaligen Zeit verurteilt. In seinen TagebĂŒchern sprach beispielsweise Rudi Dutschke von RAF-Dummheit und sagte:
âDie negativen Auswirkungen der RAF-ScheiĂe sind vielerorts erkennbar, CDU/CSU im besonderen, Regierung im allgemeinen und RAF-Kacke im einzelnen scheinen verheiratet zu sein: um den politischen Klassenkampf zu hemmen!â
â Rudi Dutschke
Nach dem Ăberfall der RAF auf die bundesdeutsche Botschaft in Stockholm sagte Herbert Marcuse, dessen Schriften die Studentenbewegung stark beeinflusst hatten, in einem Interview der ARD auf die Fragen, ob sich die RAF nicht auf ihn berufen könne, und ob die Terroristen politische ĂberzeugungstĂ€ter seien:
âIch betrachte mich immer noch als Marxisten. Der Marxismus lehnt den Terror ⊠individuellen Terror und Terror kleiner Gruppen ohne Massenbasis als revolutionĂ€re Waffe ab ⊠Subjektiv ist anzunehmen, dass sie ihre Aktion fĂŒr eine politische Aktion halten und gehalten haben. Objektiv ist das nicht der Fall. Wenn politische Aktion willentlich zum Opfer von Unschuldigen fĂŒhrt, dann ist das genau der Punkt, wo politische Aktion, subjektiv politische Aktion, in Verbrechen umschlĂ€gt.â
â Herbert Marcuse[33]
Mit Birgit Hogefeld (seit 1993 in Haft) wurde das letzte RAF-Mitglied im Juni 2011 auf BewĂ€hrung entlassen.[34] Christian Klar wurde am 19. Dezember 2008 nach 26 Jahren Haft auf BewĂ€hrung entlassen, Eva Haule (inhaftiert seit 1986) wurde am 17. August 2007 auf BewĂ€hrung entlassen, Brigitte Mohnhaupt (wie Klar seit 1982 inhaftiert) wurde nach 24 Jahren am 25. MĂ€rz 2007 entlassen. Hanna Krabbe war von 1975 bis 1996 inhaftiert. Rolf Clemens Wagner, der vornehmlich in den 1970ern fĂŒr die RAF aktiv war, wurde am 9. Dezember 2003 nach 24 Jahren aus der Haft entlassen. Adelheid Schulz, die unter anderem wegen ihrer Beteiligung an der Schleyer-EntfĂŒhrung zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, wurde am 1. Februar 2002 vom damaligen BundesprĂ€sidenten Johannes Rau begnadigt. Schulz genoss zuvor schon seit Oktober 1998 wegen ihres Gesundheitszustandes Haftunterbrechung. Im Oktober 2001 wurde die Haftstrafe Rolf HeiĂlers zur BewĂ€hrung ausgesetzt, er war 1982 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die Ex-Terroristin Andrea Klump sitzt seit 2001 ebenfalls eine Haftstrafe ab, der Vorwurf der RAF-Zugehörigkeit wird jedoch von Klump bestritten.
Sieben mutmaĂliche Angehörige der RAF wurden bis heute nicht gefasst. Ingeborg Barz soll von Andreas Baader ermordet worden sein, was aber bisher nicht bestĂ€tigt werden konnte. Angela Luther ist ebenfalls bereits seit Anfang der 1970er verschwunden. Von Ingrid Siepmann wird vermutet, dass sie nicht mehr am Leben ist. Die Haftbefehle wurden inzwischen aufgehoben. Der Aufenthalt von Friederike Krabbe wurde zuletzt in Bagdad vermutet. Auch nach Daniela Klette, Ernst Volker Staub und Burkhard Garweg wird weiterhin gefahndet.[35][36]