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Alfred Willi Rudi Dutschke, Rufname Rudi (* 7. MĂ€rz 1940 in Schönefeld bei Luckenwalde; â 24. Dezember 1979 in Aarhus, DĂ€nemark), war ein deutscher marxistischer Soziologe. Er gilt als bekanntester WortfĂŒhrer der westdeutschen und West-Berliner Studentenbewegung der 1960er Jahre.
Dutschke war mit Gretchen Dutschke-Klotz verheiratet, mit der er drei Kinder hatte. Er starb an den SpÀtfolgen eines Attentats, bei dem er schwere Hirnverletzungen davongetragen hatte.
Inhaltsverzeichnis |
Rudi Dutschke, vierter Sohn eines Postbeamten, verbrachte seine Jugendjahre in der DDR. Er war in der evangelischen Jungen Gemeinde von Luckenwalde aktiv, wo er seine âreligiös sozialistischeâ GrundprĂ€gung erhielt. Als Leistungssportler (Zehnkampf) wollte er zunĂ€chst Sportreporter werden. Um seine Chancen fĂŒr eine entsprechende Ausbildung in der DDR zu erhöhen, trat er 1956 in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein.[1]
Durch den Ungarischen Volksaufstand im selben Jahr wurde Dutschke politisiert. Er ergriff Partei fĂŒr einen Demokratischen Sozialismus, der sich gleichermaĂen von den USA und der Sowjetunion distanzierte. Der SED stand er ebenfalls ablehnend gegenĂŒber. Im Gegensatz zum antifaschistischen Anspruch ihrer Staatsideologie sah er die alten Strukturen und MentalitĂ€ten im Osten ebenso fortdauern wie im Westen.[2]
1957 trat er öffentlich gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft und fĂŒr Reisefreiheit ein. Er verweigerte den (damals freiwilligen) Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee und rief andere dazu auf, es ihm gleichzutun. Nach seinem Abitur 1958 und nochmals nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann in einem Luckenwalder Volkseigenen Betrieb verwehrten die DDR-Behörden ihm daher das gewĂŒnschte Sportjournalistikstudium.[3]
Daraufhin pendelte Dutschke regelmĂ€Ăig nach West-Berlin und wiederholte dort zunĂ€chst sein Abitur an der Askanischen Oberschule Berlin, da ein DDR-Abitur im Westen nicht als Hochschulreife anerkannt wurde. Nach bisheriger Quellenlage soll er nebenher Sportreportagen, unter anderem fĂŒr die B.Z. aus dem Axel-Springer-Verlag, geschrieben haben. Im Verlag gibt es darĂŒber aber keine Unterlagen. Stattdessen könnte er sich von Januar bis August 1961 in Chemnitz (damals: Karl-Marx-Stadt) aufgehalten haben.[4] 1961, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer, siedelte er nach West-Berlin ĂŒber, um Soziologie, Ethnologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft an der Freien UniversitĂ€t (FU) zu studieren. Ihr blieb er bis zu seiner Promotion 1973 verbunden.
ZunĂ€chst studierte Dutschke den Existentialismus Martin Heideggers und Jean-Paul Sartres, bald aber auch Marxismus und die Geschichte der Arbeiterbewegung: Er las die FrĂŒhschriften von Karl Marx, Werke der marxistischen Geschichtsphilosophen Georg LukĂĄcs und Ernst Bloch sowie der Kritischen Theorie (Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse). Angeregt durch die Begegnung mit der US-amerikanischen Theologiestudentin Gretchen Klotz â seiner spĂ€teren Frau â las er auch Werke von Theologen wie Karl Barth und Paul Tillich. Aus seinem christlich geprĂ€gten wurde nun ein marxistisch fundierter Sozialismus. Dabei betonte er jedoch immer die Entscheidungsfreiheit des Individuums gegenĂŒber den gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen.[5]
Dutschke verband sein Studium schon frĂŒh mit praktischem Engagement. So gab er etwa die Zeitschrift Anschlag heraus, in der Kritik am Kapitalismus, die Probleme der Dritten Welt und neue politische Organisationsformen thematisiert wurden. Das Blatt galt wegen seiner âaktionistischenâ Ausrichtung im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) damals als âanarchistischâ.[6]
1962 grĂŒndete Dutschke mit Bernd Rabehl eine Berliner Gruppe der MĂŒnchner âSubversiven Aktionâ, die sich als Teil der Situationistischen Internationale verstand. Im Dezember 1964 organisierte er anlĂ€sslich des Staatsbesuchs des kongolesischen Premierministers MoĂŻse TschombĂ© mit einem Dritte-Welt-Kreis eine Demonstration, an der auch der Berliner SDS teilnahm, in dem Dutschke und seine Gruppe im Januar 1965 Mitglieder wurden; im Februar 1965 wurde er in den politischen Beirat gewĂ€hlt und bestimmte die politische Richtung im SDS fortan mit.[7]
Ab 1966 organisierte Dutschke mit dem SDS zahlreiche Demonstrationen fĂŒr Hochschulreformen, gegen die GroĂe Koalition, die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg. Die wachsende Studentenbewegung verknĂŒpfte diese Themen und die Kritik an der mangelnden Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit miteinander und verstand sich nun als Teil einer AuĂerparlamentarischen Opposition (APO).[8]
Am 23. MĂ€rz 1966 heiratete Dutschke Gretchen Klotz. Im Mai 1966 bereitete er den bundesweiten Vietnamkongress in Frankfurt am Main mit vor. Hauptreferate dort hielten bekannte Professoren der Neuen Linken (u. a. Herbert Marcuse, Oskar Negt) und der eher âtraditionalistischenâ Linken auĂerhalb der SPD (Frank Deppe, Wolfgang Abendroth).[9]
In jenem Jahr wollte Dutschke mit einer Arbeit ĂŒber LukĂĄcs bei Professor Hans-Joachim Lieber, dem damaligen Rektor der FU, promovieren. Nach Auseinandersetzungen um das politische Mandat des Berliner AStA und die Nutzung von UniversitĂ€tsrĂ€umen fĂŒr Aktionen gegen den Vietnamkrieg verlĂ€ngerte Lieber Dutschkes Assistentenvertrag an der FU Berlin nicht. Damit schied eine akademische Laufbahn fĂŒr ihn vorerst aus.[10]
Nachdem der Polizist Karl-Heinz Kurras am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien erschossen hatte, riefen Dutschke und der SDS bundesweit zu Sitzblockaden auf, um die AufklĂ€rung der TodesumstĂ€nde zu erzwingen. Zudem forderten sie den RĂŒcktritt der Verantwortlichen fĂŒr den Polizeieinsatz und die Enteignung des Verlegers Axel Springer. Die Studenten machten die kampagnenartige Berichterstattung der Zeitungen seines Verlags fĂŒr Ohnesorgs Tod mitverantwortlich. Ihre Sicht wurde nun auch erstmals von etablierten Medien â dem Spiegel, der Frankfurter Rundschau und der Zeit â aufgegriffen. Jedoch solidarisierten sich nur wenige Professoren, darunter Dutschkes Freund Helmut Gollwitzer, mit den protestierenden Studenten.[11]
Nach der Beisetzung Benno Ohnesorgs nahm Dutschke am Kongress âBedingung und Organisation des Widerstandsâ in Hannover teil.[12] Podiumsdiskussionen und Interviews, u. a. mit Rudolf Augstein, Ralf Dahrendorf und GĂŒnter Gaus, machten Dutschke nun auch bundesweit bekannt.[13] Wichtiger war ihm jedoch der Kontakt zu jungen Arbeitern. Dies zeigte er z. B. bei einem im Februar 1968 von Jungsozialisten im Ruhrgebiet organisierten StreitgesprĂ€ch mit Johannes Rau, damals Fraktionsvorsitzender der SPD im nordrhein-westfĂ€lischen Landtag, zum Thema âSind wir Demokraten?â Auf fĂŒr ihn typische antiautoritĂ€re Art zeigte sich Dutschke unangepasst und respektlos, kritisierte parlamentarische Rituale und Institutionen und forderte eine âEinheitsfront von Arbeitern und Studentenâ. Dieses Ziel behinderte er jedoch hĂ€ufig selbst durch seine akademisch-soziologische Ausdrucksweise.
Sein Auftreten polarisierte die Ăffentlichkeit; er erfuhr zunehmend auch Ablehnung und Hass. Die Zeitungen des Springerverlags und viele Regionalzeitungen setzten ihn â wie die 68er insgesamt, als deren Symbolfigur er nun galt â u. a. mit Hinweisen auf sein âungepflegtes ĂuĂeresâ und seine DDR-Herkunft herab. Als er bei einem âGo-inâ im Weihnachtsgottesdienst 1967 der Berliner Kaiser-Wilhelm-GedĂ€chtniskirche versuchte, eine Diskussion ĂŒber den Vietnamkrieg herbeizufĂŒhren, schlug ein wĂŒtender Gottesdienstbesucher ihn nieder und verletzte ihn.[14] Im Februar 1968 zitierte die Berliner Morgenpost den CSU-Bundestagsabgeordneten Franz Xaver Unertl, der den âSDS-Ideologen Dutschkeâ als âungewaschene, verlauste und verdreckte Kreaturâ bezeichnete.[15]
1966 entwickelte Dutschke das Projekt einer GegenuniversitĂ€t von FU-Studenten und Jungarbeitern. Sie sollten nach dem Vorbild Ă€hnlicher Versuche an den UniversitĂ€ten von Berkeley und Paris eigene Vorstellungen basisdemokratischen Lernens umsetzen und mit dem Aufbau einer fĂŒr SchĂŒler und Arbeiter offenen âGegenuniversitĂ€tâ beginnen.[16] Der letzte Versuch dieses Projekts, das an die Tradition der "Marxistischen Arbeiterschulung" (MASCH) von Karl A. Wittvogel, Karl Korsch und Hermann Duncker in der Weimarer Republik anknĂŒpfen und die AnstöĂe der kalifornischen "free universities" aufnehmen sollte, war das im FrĂŒhjahr 1968 von Rudi Dutschke und Gaston Salvatore gegrĂŒndete "Internationale Nachrichten- und Forschungs-Institut" (INFI). Die - unabhĂ€ngig davon - am 1. November 1967 trotz Verbots des Akademischen Senats im Auditorium maximum der FU gegrĂŒndete âKritische UniversitĂ€tâ wurde auf einer Sitzung der Hochschulpolitiker des Berliner SDS am 18. Juni 1967 im Clubhaus der FU vorbereitet, fĂŒr die Wolfgang Nitsch eine Vorlage "Argumente fĂŒr eine von Studenten selbstorganisierte 'Kritische UniversitĂ€t' in der FU (Freies Studienprogramm der Studentenschaft)" erarbeitet hatte.[17] Im Wintersemester 1967/68 fĂŒhrten etwa 400 West-Berliner Studenten in Eigenregie 33 Arbeitskreise durch. Die drei Hauptaufgaben umriĂ die BroschĂŒre der KU so: "1. Permanente Hochschulkritik und praktische Studienreform; 2. Verbreiterung und Intensivierung politischer Praxis ...; 3. Vorbereitung der Studenten auf die Praxis der Wissenschafts- und Gesellschaftspolitik in ihren kĂŒnftigen Berufen und UnterstĂŒtzung der kritischen Intelligenz in diesem Berufsbereich". Zwei Arbeitskreise thematisierten âWirtschaftskrise und Sozialpolitik in Westberlinâ oder âRechtsstaat und Demokratie in Deutschlandâ.
Nach Ablehnung durch den Akademischen Senat der FU fand am 17. und 18. Februar 1968 an der Berliner TU der Vietnamkongress mit einigen tausend Studenten statt. Dutschke bereitete ihn im Internationalen Nachrichten- und Forschungs-Institut maĂgeblich mit vor. An der Abschlussdemonstration nahmen ĂŒber 12.000 Menschen teil.[18] Dabei rief Dutschke zur massenhaften Desertion US-amerikanischer Soldaten und zur âZerschlagung der NATOâ auf. Die von ihm ursprĂŒnglich geplante, vom Innensenator Kurt Neubauer verbotene Demonstrationsroute nach Berlin-Lichterfelde zur McNair-Kaserne und deren Besetzung hatte er nach GesprĂ€chen mit GĂŒnter Grass, Landesbischof Kurt Scharf und Heinrich Albertz aufgegeben, da die US-MilitĂ€rs fĂŒr diesen Fall Schusswaffengebrauch angekĂŒndigt hatten.[19]
Bei einer vom Berliner Senat mit organisierten âPro-Amerika-Demonstrationâ am 21. Februar 1968 trugen Teilnehmer Plakate mit der Aufschrift âVolksfeind Nr. 1: Rudi Dutschkeâ. Ein Passant wurde mit Dutschke verwechselt, Demonstrationsteilnehmer drohten ihn totzuschlagen.[20]
Ende MĂ€rz 1968 reiste das Ehepaar Dutschke nach Prag, wo er den Prager FrĂŒhling begrĂŒĂte.
Am 11. April 1968 schoss der junge Hilfsarbeiter Josef Bachmann vor dem SDS-BĂŒro am West-Berliner KurfĂŒrstendamm dreimal auf Dutschke. Er traf ihn zweimal in den Kopf, einmal in die linke Schulter. Dutschke erlitt lebensgefĂ€hrliche Gehirnverletzungen und ĂŒberlebte nur knapp nach einer mehrstĂŒndigen Operation.[21]
Bachmann hatte Ausschnitte aus der National-Zeitung bei sich, darunter die Titelzeile âStoppt den roten Rudi jetztâ und Fotos von Dutschke. In seiner Wohnung hing ein selbstgemaltes PortrĂ€t Adolf Hitlers.[22] Man vermutete daher rechtsextreme Motive eines EinzeltĂ€ters.[23] Bachmann hatte in seiner Heimatstadt Peine seit 1961 Kontakte zu Neonazis. Von ihnen hatte er die Tatwaffe gekauft, an ihren SchieĂĂŒbungen teilgenommen und bereits zuvor ein Attentat auf Walter Ulbricht mit ihnen ins Auge gefasst.
Diese HintergrĂŒnde, die erst 2009 aus Unterlagen der DDR-Staatssicherheit und der West-Berliner Polizei öffentlich bekannt wurden, hatte Bachmann bei seiner Vernehmung offen zugegeben. Die Ermittler waren der Möglichkeit, dass Bachmann das Attentat mit anderen geplant haben könnte, nicht nachgegangen.[24]
1968 machten viele Studenten die Springerpresse fĂŒr das Attentat verantwortlich, da diese zuvor monatelang gegen Dutschke und die demonstrierenden Studenten agitiert hatte. Die Boulevardzeitung Bild schrieb z. B. am 7. Februar 1968: âMan darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern ĂŒberlassen.â Sie rief Tage vor dem Attentat zum âErgreifenâ der âRĂ€delsfĂŒhrerâ auf.[25] Bei den folgenden Ausschreitungen â den bis dahin schwersten â wurden das GebĂ€ude des Springerverlags angegriffen und Auslieferungsfahrzeuge fĂŒr seine Zeitungen angezĂŒndet.[26]
Dutschke eignete sich Sprache und GedĂ€chtnis in monatelanger Sprachtherapie mĂŒhsam wieder an. Zur Genesung hielt er sich ab 1969 in der Schweiz, Italien und GroĂbritannien auf. Nach vorĂŒbergehender Ausweisung von dort konnte er 1970 ein Studium an der UniversitĂ€t Cambridge beginnen. Nach dem Regierungswechsel 1970 wurde seine Aufenthaltserlaubnis jedoch aufgehoben. Daraufhin zog er nach DĂ€nemark, wo ihn die UniversitĂ€t Aarhus als Soziologiedozenten anstellte.[27]
Bachmann wurde wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt. Dutschke nahm brieflich Kontakt mit ihm auf, erklĂ€rte ihm, er habe keinen persönlichen Groll gegen ihn, und versuchte, ihm ein sozialistisches Engagement nahezubringen. Bachmann beging jedoch am 24. Februar 1970 im GefĂ€ngnis Selbstmord. Dutschke bereute, ihm nicht öfter geschrieben zu haben: â[âŠ] der Kampf fĂŒr die Befreiung hat gerade erst begonnen; leider kann Bachmann daran nun nicht mehr teilnehmen [âŠ]â[28]
Ab Mai 1972 bereiste Dutschke wieder die Bundesrepublik. Er suchte GesprÀche mit Gewerkschaftern und Sozialdemokraten, darunter Gustav Heinemann, dessen Vision eines blockfreien, entmilitarisierten Gesamtdeutschlands er teilte.[29] Im Juli 1972 besuchte er mehrmals Ost-Berlin und traf dort Wolf Biermann, mit dem er fortan befreundet blieb. Auch mit anderen SED-Dissidenten wie Robert Havemann und Rudolf Bahro nahm er spÀter Kontakt auf.[30] Am 14. Januar 1973 redete er auf einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Bonn erstmals nach dem Attentat wieder öffentlich.
Im gleichen Jahr kehrte Dutschke nach Berlin zurĂŒck, um seine unter dem Titel âZur Differenz des asiatischen und europĂ€ischen Weges zum Sozialismusâ begonnene Dissertation abzuschlieĂen, an der er seit 1971 schrieb.[31] Die Arbeit wurde von den Soziologen Urs Jaeggi und Peter Furth betreut. Mitte 1973 wurde Dutschke zum Dr. phil. promoviert, das Buch erschien im August 1974 in leicht ĂŒberarbeiteter Form im Wagenbach-Verlag als âVersuch, Lenin auf die FĂŒĂe zu stellenâ.[32] Der neue Titel variiert den bekannten Ausspruch von Marx, er wolle âHegel vom Kopf auf die FĂŒĂe stellenâ. Die Arbeit löste nicht die von Dutschke erhoffte Grundsatzdebatte ĂŒber das VerhĂ€ltnis der Linken im Westen zum real existierenden Sozialismus aus. Auch eine wissenschaftliche Karriere im Anschluss an seine Promotion, auf die Dutschkes Freunde gehofft hatten,[33] kam nicht zustande. 1975 erhielt er zwar ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der FU Berlin,[34] doch schloss er keines seiner verschiedenen Buchprojekte mehr ab. Stattdessen wandte er sich wieder verstĂ€rkt der Politik zu.[35]
Im Februar 1974 leitete er eine Podiumsdiskussion ĂŒber Solschenizyn und die Linke, in der er fĂŒr Menschenrechte in der Sowjetunion und im Ostblock eintrat.[36] Seit 1976 war er Mitglied im Sozialistischen BĂŒro, einer âundogmatischenâ linken Gruppe, die beim Zerfall des SDS entstanden war. Hier engagierte er sich fĂŒr den Aufbau einer Partei, die grĂŒn-alternative und linke Initiativen ohne die K-Gruppen vereinen sollte.[37]
Ab Januar 1976 nahm Dutschke Kontakt zu Atomkraftgegnern auf, besuchte Walter MoĂmann und nahm an GroĂdemonstrationen gegen Atomkraftwerke in Wyhl am Kaiserstuhl, Bonn und Brokdorf teil.[38] 1977 wurde er freier Mitarbeiter verschiedener linksgerichteter Zeitungen und Gastdozent an der UniversitĂ€t Groningen in den Niederlanden.[39] Er unternahm Vortragsreisen ĂŒber die Studentenbewegung und nahm am âInternationalen Russell-Tribunalâ gegen Berufsverbote teil. Er begann einen Briefwechsel mit dem Schriftsteller Peter-Paul Zahl, besuchte ihn am 24. Oktober 1977 in dessen Haft und verabredete ein gemeinsames Buchprojekt mit ihm.[40]
Nachdem Rudolf Bahro in der DDR zu acht Jahren Haft verurteilt worden war, organisierte und leitete Dutschke im November 1978 den Bahro-SolidaritĂ€tskongress in West-Berlin.[41] 1979 wurde er Mitglied der Bremer GrĂŒnen Liste und beteiligte sich an ihrem Wahlkampf. Nach ihrem Einzug in das Stadtparlament wurde er zum Delegierten fĂŒr den fĂŒr Mitte Januar 1980 geplanten GrĂŒndungskongress der Partei Die GrĂŒnen gewĂ€hlt.[42]
Am 24. Dezember 1979 ertrank Dutschke in seiner Badewanne infolge eines epileptischen Anfalls, einer SpĂ€tfolge des Attentats.[43][44] Am 3. Januar 1980 wurde er auf dem St.-Annen-Kirchhof in Berlin-Dahlem feierlich beigesetzt. Der Theologe Martin Niemöller hatte ihm sein Grab ĂŒberlassen, nachdem dort zunĂ€chst kein Grabplatz frei war.[45] Etwa 6000 GĂ€ste begleiteten den Trauerzug, Helmut Gollwitzer hielt die Traueransprache.[46] Die EhrengrabstĂ€tte befindet sich in der Reihe 28.
Dutschkes zweiter Sohn Rudi-Marek wurde im April 1980 in DÀnemark geboren. Sein erster Sohn, Hosea Ché, war 1968, seine Tochter Polly Nicole 1969 geboren worden.[47]
Dutschke verstand sich seit seiner Jugendzeit als demokratischer Sozialist. In seiner Studienzeit entwickelte er sich zu einem ĂŒberzeugten revolutionĂ€ren Marxisten, der sich in die freiheitlichen Traditionen der Arbeiterbewegung stellte und sich sowohl vom Reformismus wie vom Stalinismus abgrenzte.[48]
Dutschkes Ziel war die âAbschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaftâ[49] durch eine âWeltrevolutionâ. Damit knĂŒpfte er an den christlichen Sozialismus seiner Jugend an:[50]
âChristentum habe ich insofern bis zu meinem Abhauen aus der DDR nie als Staatskirche, nie als Herrschafts-Opium kennengelernt. Es ging immer darum, die Liebe und Hoffnung auf bessere Zeiten nicht untergehen zu lassen.â
1964 zum Karfreitag schrieb er in sein Tagebuch ĂŒber âder Welt gröĂten RevolutionĂ€râ:[51]
âJesus Christus zeigt allen Menschen einen Weg zum Selbst â diese Gewinnung der inneren Freiheit ist fĂŒr mich allerdings nicht zu trennen von der Gewinnung eines HöchstmaĂes an Ă€uĂerer Freiheit, die gleichermaĂen und vielleicht noch mehr erkĂ€mpft sein will.â
1978 erklÀrte er bei einem Treffen mit Martin Niemöller:[52]
âIch bin ein Sozialist, der in der christlichen Tradition steht. Ich bin stolz auf diese Tradition. Ich sehe Christentum als spezifischen Ausdruck der Hoffnungen und TrĂ€ume der Menschheit.â
Ausdruck dafĂŒr waren die lebenslange Freundschaft zu Helmut Gollwitzer und der Doppelname seines ersten Sohnes âHosea-ChĂ©â, der auf den biblischen Propheten Hosea und den argentinischen Guerilla-KĂ€mpfer Che Guevara anspielte.
Dutschke versuchte, die marxsche âKritik der politischen Ăkonomieâ auf die Gegenwart anzuwenden und weiterzuentwickeln.[53] Er sah das Wirtschafts- und Sozialsystem der Bundesrepublik als Teil eines weltweiten komplexen Kapitalismus, der alle Lebensbereiche durchdringe und die lohnabhĂ€ngige Bevölkerung unterdrĂŒcke. Die soziale Marktwirtschaft beteilige das Proletariat zwar am relativen Wohlstand der fortgeschrittenen IndustrielĂ€nder, binde es dadurch aber in den Kapitalismus ein und tĂ€usche es ĂŒber die tatsĂ€chlichen MachtverhĂ€ltnisse hinweg.
ReprĂ€sentative Demokratie und Parlamentarismus waren daher fĂŒr Dutschke Ausdruck einer ârepressiven Toleranzâ (Herbert Marcuse), die die Ausbeutung der Arbeiter verschleiere und die Privilegien der Besitzenden schĂŒtze. Diese Strukturen sah er als nicht reformierbar an; sie mĂŒssten vielmehr in einem langwierigen, international differenzierten Revolutionsprozess umgewĂ€lzt werden, den er als âMarsch durch die Institutionenâ bezeichnete.
In der Bundesrepublik erwartete Dutschke nach dem Wirtschaftswunder eine Periode der Stagnation: Die Subventionierung unproduktiver Sektoren wie Landwirtschaft und Bergbau werde kĂŒnftig nicht mehr finanzierbar sein. Der dadurch absehbare massive Abbau von ArbeitsplĂ€tzen im SpĂ€tkapitalismus werde eine Strukturkrise erzeugen, die den Staat zu immer tieferen Eingriffen in die Wirtschaft veranlassen und in einen âintegralen Etatismusâ mĂŒnden werde: Dieser aus einer Analyse Max Horkheimers von 1939 ĂŒbernommene Begriff beschreibt einen Staat, der die Wirtschaft lenke, aber das Privateigentum formal beibehalte.[54] Dieser Zustand sei nur mit Gewalt gegen die aufbegehrenden Opfer der Strukturkrise zu stabilisieren.
Im technischen Fortschritt sah Dutschke Ansatzpunkte fĂŒr eine grundlegende GesellschaftsverĂ€nderung: Automatisierung, Computerisierung und Nutzung der Atomkraft zu friedlichen Zwecken lieĂen die Notwendigkeit der Lohnarbeit zunehmend wegfallen.[55] Damit werde Arbeitszeit freigesetzt, die gegen das âSystemâ aktiviert werden könne. FĂŒr den nötigen Umsturz fehle der Bundesrepublik jedoch ein ârevolutionĂ€res Subjektâ. GestĂŒtzt auf Marcuses Der eindimensionale Mensch glaubte Dutschke, ein âgigantisches System von Manipulationâ stelle âeine neue QualitĂ€t von Leiden der Massen her, die nicht mehr aus sich heraus fĂ€hig sind, sich zu empören.â Die deutschen Proletarier lebten verblendet in einem âfalschen Bewusstseinâ und könnten die strukturelle Gewalt des kapitalistischen Staates daher nicht mehr unmittelbar wahrnehmen. Eine âSelbstorganisation ihrer Interessen, BedĂŒrfnisse, WĂŒnscheâ sei damit âgeschichtlich unmöglich gewordenâ.[56]
Dutschke lehnte die reprÀsentative Demokratie in den 1960er Jahren ab, weil er das Parlament nicht als Volksvertretung ansah. In einem Fernsehinterview erklÀrte er am 3. Dezember 1967:[57]
âIch halte das bestehende parlamentarische System fĂŒr unbrauchbar. Das heiĂt, wir haben in unserem Parlament keine ReprĂ€sentanten, die die Interessen unserer Bevölkerung â die wirklichen Interessen unserer Bevölkerung â ausdrĂŒcken. Sie können jetzt fragen: Welche wirklichen Interessen? Aber da sind AnsprĂŒche da. Sogar im Parlament. Wiedervereinigungsanspruch, Sicherung der ArbeitsplĂ€tze, Sicherung der Staatsfinanzen, in Ordnung zu bringende Ăkonomie, all das sind AnsprĂŒche, die muss aber das Parlament verwirklichen. Aber das kann es nur verwirklichen, wenn es einen kritischen Dialog herstellt mit der Bevölkerung. Nun gibt es aber eine totale Trennung zwischen den ReprĂ€sentanten im Parlament und dem in UnmĂŒndigkeit gehaltenen Volk.â
Um diese Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten zu ĂŒberwinden, strebte Dutschke eine RĂ€terepublik an.[58] In einem âGesprĂ€ch ĂŒber die Zukunftâ im Oktober 1967 im Kursbuch entwarf er âdas Modell einer RĂ€terepublik in Westberlinâ. Wie in der Pariser Kommune sollten sich auf der Basis selbstverwalteter Betriebe Kollektive von höchstens dreitausend Menschen bilden, um ihre Angelegenheiten im herrschaftsfreien Diskurs, mit Rotationsprinzip und imperativem Mandat ganzheitlich selbst zu regeln. Polizei, Justiz und GefĂ€ngnisse wĂŒrden dann ĂŒberflĂŒssig. Auch werde man nur fĂŒnf Stunden tĂ€glich arbeiten mĂŒssen:[59]
âFrĂŒher war der Betrieb die Ebene, wo das Leben totgeschlagen wurde. Indem die Fabrik unter eigene Kontrolle genommen wird, kann sich in ihr Leben entfalten. Arbeit kann dann Selbsterzeugung des Individuums bedeuten statt Entfremdung.â
Als Keimzellen solcher Kollektive schlug er politische âAktionszentrenâ vor, die das studentische Milieu mit der Lebenswelt der Arbeiter vermitteln und andere Formen des Zusammenlebens ausprobieren sollten. Dies fand er spĂ€ter in den BĂŒrgerinitiativen, der Alternativ- und Ăkologiebewegung teilweise realisiert.
Der Faschismus wirkte fĂŒr Dutschke auch in seiner Gegenwart fort. In seiner Rede vor dem Vietnam-Kongress vom 18. Februar 1968 sagte er:[60]
âDer heutige Faschismus ist nicht mehr manifestiert in einer Partei oder in einer Person, er liegt in der tagtĂ€glichen Ausbildung der Menschen zu autoritĂ€ren Persönlichkeiten, er liegt in der Erziehung, kurz in der entstehenden TotalitĂ€t der Institutionen und des Staatsapparats.â
Mit Bezug auf Erich Fromms Sozialpsychologie und die 1950 erschienene Studie Theodor W. Adornos und anderer zur autoritÀren Persönlichkeit schrieb er 1968:[61]
âDiese Persönlichkeitsgrundlage des Faschismus wurde auch durch die Ă€uĂerliche Niederlage des Faschismus in Deutschland nicht ĂŒberwunden, konnte vielmehr im wesentlichen ungebrochen in Antikommunismus transformiert werden.â
Vor wie nach dem Attentat grenzte er sich von fast allen bestehenden Parteien ab und suchte stĂ€ndig nach neuen, unmittelbar wirksamen Aktionsformen. Zugleich fand er im italienischen Eurokommunismus Geistesverwandte und erwog schon frĂŒh die GrĂŒndung einer neuen Linkspartei. Doch seine Skepsis gegen eine verselbstĂ€ndigte ârevisionistischeâ Partei-Elite ĂŒberwog.
Seit 1976 engagierte Dutschke sich fĂŒr den Aufbau einer ökosozialistischen Partei, die die neuen auĂerparlamentarischen Bewegungen bĂŒndeln und parlamentarisch wirksam werden lassen sollte. Ab 1978 setzte er sich mit anderen fĂŒr eine grĂŒnalternative Liste ein, die an den kommenden Europawahlen teilnehmen sollte. Im Juni 1979 gewann Joseph Beuys ihn fĂŒr gemeinsame Wahlkampfauftritte. Mit seinem Eintritt in die Bremer GrĂŒne Liste, die als erster grĂŒner Landesverband die FĂŒnf-Prozent-HĂŒrde ĂŒbersprang, hatte er sich schlieĂlich dem Parlamentarismus zugewandt.
Auf dem Programmkongress der GrĂŒnen in Offenbach am Main trat Dutschke in Verbindung mit der âDeutschen Frageâ fĂŒr das Selbstbestimmungsrecht der Nationen und damit fĂŒr ein Widerstandsrecht gegen die MilitĂ€rblöcke in West wie Ost ein. Dieses Thema warf sonst niemand auf, da es der strikten Gewaltfreiheit widersprach, auf die sich die Mehrheit dann festlegte: Die GrĂŒnen verstanden sich damals als streng pazifistische Antiparteienpartei.[62]
Dutschke glaubte wie viele seiner Mitstreiter im SDS, der Vietnamkrieg der USA, die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik und die stalinistischen BĂŒrokratien im Ostblock seien Teilaspekte der weltweiten autoritĂ€ren Kapitalherrschaft ĂŒber die entmĂŒndigten Völker.[63] Jedoch seien die Bedingungen fĂŒr die Ăberwindung des weltweiten Kapitalismus in den reichen Industriestaaten und der âDritten Weltâ verschieden. Anders als Marx es erwartete, werde die Revolution nicht im hochindustrialisierten Mitteleuropa beginnen, sondern von den verarmten und unterdrĂŒckten Völkern der âPeripherieâ des Weltmarkts ausgehen.
Im Vietnamkrieg sah Dutschke den Beginn dieser revolutionĂ€ren Entwicklung, die auch auf andere Dritte-Welt-LĂ€nder ĂŒbergreifen könne. Er bejahte die MilitĂ€rgewalt des Vietcong:[64]
âDieser revolutionĂ€re Krieg ist furchtbar, aber furchtbarer wĂŒrden die Leiden der Völker sein, wenn nicht durch den bewaffneten Kampf der Krieg ĂŒberhaupt von den Menschen abgeschafft wird.â
Dutschke teilte hier die antiimperialistische Theorie von Frantz Fanon im Anschluss an Lenin, wonach der von ârevolutionĂ€rem Hassâ geleitete Befreiungskampf der Völker zuerst die âschwĂ€chsten Gliederâ in der Kette des Imperialismus zerreiĂen werde und dies unterstĂŒtzt werden mĂŒsse: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams! Er unterschied also âbefreiendeâ von âunterdrĂŒckenderâ Gewalt und rechtfertigte erstere im Kontext nationaler BefreiungskĂ€mpfe in der Dritten Welt.[65] Die SolidaritĂ€t mit diesen KĂ€mpfen hielt er auch deshalb fĂŒr notwendig, um wirksame Widerstandsformen in den âMetropolenâ zu finden:[66]
âDie volle Identifikation mit der Notwendigkeit des revolutionĂ€ren Terrorismus und des revolutionĂ€ren Kampfes in der Dritten Welt ist unerlĂ€Ăliche Bedingung fĂŒr [âŠ] die Entwicklung der Formen des Widerstands bei uns.â
Auch fĂŒr die Bundesrepublik lehnte er gewaltsamen Guerillakampf nicht prinzipiell, aber in der gegebenen Situation ab. Sein Aktionskonzept war seit 1965 auf âsubversiveâ, âantiautoritĂ€reâ, auch illegale Regelverletzung ausgerichtet:[67]
âGenehmigte Demonstrationen mĂŒssen in die IllegalitĂ€t ĂŒberfĂŒhrt werden. Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu suchen und unbedingt erforderlich.â
Die Protestformen der APO â Sitzstreiks, âGo-Insâ, TomatenwĂŒrfe und âPudding-Attackenâ auf Staatsbesucher und Herrschaftssymbole, Unterlaufen von Demonstrationsverboten, Verlassen vorgeschriebener Demonstrationsorte und -routen usw. â sollten âdie reprĂ€sentative 'Demokratie' [âŠ] zwingen, offen ihren Klassencharakter, ihren Herrschaftscharakter zu zeigen, sie [âŠ] zwingen, sich als 'Diktatur der Gewaltâ zu entlarvenâ.[68] Die RegelverstöĂe des antiautoritĂ€ren Protests sollten also die Gewalt, auf der die bĂŒrgerliche Gesellschaft Dutschkes Ansicht nach beruhte, sinnlich erfahrbar machen und so breitenwirksam ĂŒber sie aufklĂ€ren.[69]
Benno Ohnesorgs ErschieĂung verstĂ€rkte bundesweite Proteste und damit die PlausibilitĂ€t von Dutschkes Aktionskonzept. Er wollte die zugespitzte Lage nutzen, um eine erfolgreiche Revolution herbeizufĂŒhren, deren objektive Bedingungen seines Erachtens bereits vorlagen:[70]
âDie Entwicklungen der ProduktivkrĂ€fte haben einen ProzeĂpunkt erreicht, wo die Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell möglich geworden ist. Alles hĂ€ngt vom bewuĂten Willen der Menschen ab, ihre schon immer von ihnen gemachte Geschichte endlich bewuĂt zu machen, sie zu kontrollieren, sie sich zu unterwerfen [âŠ].â
Zuvor hatte JĂŒrgen Habermas gemahnt:
Nun ergĂ€nzte er: Die Revolution nur von der Entschlossenheit der RevolutionĂ€re abhĂ€ngig zu machen, statt wie Marx auf die Eigenentwicklung der ProduktionsverhĂ€ltnisse zu setzen, sei eine âvoluntaristische Ideologieâ, die er âlinken Faschismusâ nenne. Dutschkes Vorhaben werde faschistische Tendenzen in Staat und Volk wecken, statt sie zu verringern.[71] Dieser glaubte dagegen:[72]âDiese Welt ist von Gewalt besessen, wie wir wissen. Aber die Befriedigung daran, durch Herausforderung die sublime Gewalt in manifeste Gewalt umzuwandeln, ist masochistisch, keine Befriedigung also, sondern Unterwerfung unter eben diese Gewalt.â
âH[abermas] will nicht begreifen, dass allein sorgfĂ€ltige Aktionen Tote, sowohl fĂŒr die Gegenwart als auch noch mehr fĂŒr die Zukunft 'vermeiden' können. Organisierte Gegengewalt unsererseits ist der gröĂte Schutz, nicht 'organisierte Abwiegelei' a la H[abermas]. Der Vorwurf der 'voluntaristischen Ideologie' ehrt mich.â
Habermas relativierte seinen Vorwurf des âlinken Faschismusâ seit Juli 1967 und nahm ihn im Mai 1968 zurĂŒck.[73]
Im Juli 1967 nannte Dutschke in einem SPIEGEL-Interview Beispiele fĂŒr die geforderte âdirekte Aktionâ: UnterstĂŒtzen streikender Arbeiter durch SolidaritĂ€tsstreiks und Information ĂŒber ihre objektive Rolle etwa in RĂŒstungsbetrieben, die die US-Armee belieferten, Verhindern der Auslieferung von Springerzeitungen, verbunden mit einer Enteignungskampagne, GrĂŒnden einer Gegen-UniversitĂ€t zur umfassenden AufklĂ€rung der Bevölkerung: ĂŒber Konflikte in der Dritten Welt und ihren Zusammenhang mit innerdeutschen Problemen ebenso wie ĂŒber Rechtsfragen, Medizin, SexualitĂ€t usw. Das Werfen von Eiern, Tomaten und Steinen hielt er nicht fĂŒr wirksamen Protest, lehnte es aber auch nicht generell ab. Er bezog sich dabei auf Mario Savio, den AnfĂŒhrer der Studentenproteste in Berkeley.[74]
In seinem mit Hans-JĂŒrgen Krahl verfassten âOrganisationsreferatâ beim Bundeskongress des SDS am 5. September 1967 rĂŒckte Dutschke die Organisation der Proteste in den Mittelpunkt seiner Ăberlegungen und bezog sich auf Begriffe aus der Fokustheorie Che Guevaras:[56]
âDie âPropaganda der SchĂŒsseâ (Che Guevara) in der âDritten Weltâ muĂ durch die âPropaganda der Tatâ in den Metropolen vervollstĂ€ndigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerilla-TĂ€tigkeit geschichtlich möglich macht. Der stĂ€dtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger IrregularitĂ€t als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen.â
Die âsinnliche Erfahrungâ dieser sonst âlatentenâ staatlichen Gewalt und AufklĂ€rung darĂŒber sollten gemeinsam das âfalsche Bewusstseinâ aufheben und die tatsĂ€chliche Unfreiheit zunĂ€chst bei den Akteuren, dann auch bei deklassierten Arbeitern und Arbeitslosen transparent machen. Der RevolutionĂ€r revolutioniere sich damit gleichsam selbst: Dies sei die âentscheidende Voraussetzung fĂŒr die Revolutionierung der Massenâ.
1968 nannte Dutschke weitere Aktionsziele:[75]
âDie Durchbrechung der Spielregeln der herrschenden kapitalistischen Ordnung fĂŒhrt nur dann zur manifesten Entlarvung des Systems als âDiktatur der Gewaltâ, wenn wir zentrale Nervenpunkte des Systems in mannigfaltiger Form (von gewaltlosen offenen Demonstrationen bis zu konspirativen Aktionsformen) angreifen (Parlament, SteuerĂ€mter, GerichtsgebĂ€ude, Manipulationszentren wie Springer-Hochhaus oder SFB, Amerika-Haus, Botschaften der unterdrĂŒckten Nationen, Armeezentren, Polizeistationen u. a. m.).â
Dutschke unterschied Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen; letztere lehnte er zwar nicht prinzipiell, aber fĂŒr die bundesdeutsche Situation ab.[76]Auch an Gewalt gegen Sachen beteiligte er sich nicht aktiv, wenn er auch SprengstoffanschlĂ€ge auf einen Sendemast des amerikanischen Soldatensenders AFN oder ein Schiff mit VersorgungsgĂŒtern fĂŒr die US-Armee in Vietnam mit vorbereitete. Beide AnschlĂ€ge blieben unausgefĂŒhrt.[77][78] Er lehnte bewaffnete Gegengewalt in Westeuropa und den USA aber weiterhin ab:[79]
âWir haben eine prinzipielle Differenz in der Anwendung der Methoden in der Dritten Welt und in den Metropolen.â
Doch er hielt auch in Deutschland eine Situation fĂŒr möglich, die bewaffnete Gegengewalt erfordere: so im Fall einer Beteiligung der Bundeswehr an NATO-EinsĂ€tzen gegen Dritte-Welt-Revolutionen. In einem Fernsehinterview im Dezember 1967 antwortete er in auf die Frage, ob er notfalls selbst mit der Waffe in der Hand kĂ€mpfen wĂŒrde:[80]
âWĂ€re ich in Lateinamerika, wĂŒrde ich mit der Waffe in der Hand kĂ€mpfen. Ich bin nicht in Lateinamerika, ich bin in der Bundesrepublik. Wir kĂ€mpfen dafĂŒr, daĂ es nie dazu kommt, daĂ Waffen in die Hand genommen werden mĂŒssen. Aber das liegt nicht bei uns. Wir sind nicht an der Macht. Die Menschen sind nicht bewuĂt sich ihres eigenen Schicksals, und so, wenn 1969 der NATO-Austritt nicht vollzogen wird, wenn wir reinkommen in den ProzeĂ der internationalen Auseinandersetzung â es ist sicher, daĂ wir dann Waffen benutzen werden, wenn bundesrepublikanische Truppen in Vietnam oder in Bolivien oder anderswo kĂ€mpfen â daĂ wir dann im eigenen Lande auch kĂ€mpfen werden.â
In weiteren Interviews um die Jahreswende 1967/68 bekrÀftigte Dutschke:[81]
âWir dĂŒrfen [âŠ] von vornherein nicht auf eigene Gewalt verzichten, denn das wĂŒrde nur einen Freibrief fĂŒr die organisierte Gewalt des Systems bedeuten. [âŠ] Aber die Höhe unserer Gegengewalt bestimmt sich durch das MaĂ der repressiven Gewalt der Herrschenden. Wir sagen ja zu den Aktionen der AntiautoritĂ€ren, weil sie einen permanenten LernprozeĂ der an der Aktion Beteiligten darstellen.â
In diesem reziproken Sinn verlangte er beim Vietnamkongress im Februar 1968 damals verstĂ€rkte, zielgerichtete und auch illegale Aktionen, um den Vietcong indirekt zu unterstĂŒtzen:[82]
âWenn sich dem Viet-Cong nicht ein amerikanischer, europĂ€ischer und asiatischer Cong zugesellt, wird die vietnamesische Revolution ebenso scheitern wie andere zuvor. [âŠ] Wir wagen es schon, den amerikanischen Imperialismus politisch anzugreifen, aber wir haben noch nicht den Willen mit unserem eigenen Herrschaftsapparat zu brechen, militante Aktionen gegen Manipulationszentren, z.b. gegen die unmenschliche Maschinerie des Springer-Konzerns durchzufĂŒhren, ...â
Dabei wies er auf die Gefahr solcher Aktionen hin:[83]
âDas Problem revolutionĂ€rer Gewalt [ist] der Umschlag von revolutionĂ€rer Gewalt in eine Gewalt, die die Ziele der Gewalt â die Emanzipation des Menschen, die Schaffung des neuen Menschen â vergiĂt.â
Er selbst rief in der Bundesrepublik stationierte US-Soldaten öffentlich und mit FlugblĂ€ttern, die nachts ĂŒber die KasernenzĂ€une katapultiert wurden, zur massenhaften Desertion auf; diese Aufrufe hatte er 1967 vorgeschlagen. Sie wurden seit Januar 1968 vom SDS, spĂ€ter auch von der Gewerkschaftsjugend und einigen UniversitĂ€tsdozenten ĂŒbernommen.[84] Im RĂŒckblick sah Dutschke die damaligen Aktionen als wirksam an:[85]
âNach dem Vietnam-Kongress war der Höhepunkt der faschistoiden Tendenz bald beseitigt.â
Nach dem Attentat auf ihn hielt er diese Position durch, betonte nun aber stĂ€rker das ihm zugeschriebene Konzept vom âMarsch durch die Institutionenâ, das er als âKulturrevolutionâ verstanden wissen wollte. 1971 erklĂ€rte er selbstkritisch:[86]
âEinige von uns hatten die Illusion, daĂ es [1968] eine revolutionĂ€re Situation war.â
FĂŒr Dutschke waren Demokratie und Sozialismus seit seiner Jugendzeit untrennbar. Deshalb solidarisierte er sich mit dem Aufstand des 17. Juni 1953 und dem Ungarischen Volksaufstand 1956:[87]
âDie ArbeiterrĂ€te spiegelten die Untrennbarkeit von Demokratie und Sozialismus wider.â
Seither grenzte er sich bewusst vom Marxismus-Leninismus der Sowjetunion und der von ihr beherrschten Staaten ab. Wie Rosa Luxemburg kritisierte er Lenins Diskussions- und Fraktionsverbote innerhalb der Bolschewiki und wollte mit der VerfĂŒgung der Arbeiter ĂŒber die Produktionsmittel die BĂŒrgerrechte bewahren:[88]
âRosa Luxemburg bestand auf der Erbschaft der bĂŒrgerlichen Revolution, um proletarische Demokratie ermöglichen zu können.â
Er sah die Ideologie der Kommunistischen Internationale als doktrinĂ€ren âLegitimationsmarxismusâ, den jeder kritische Marxist als Ausdruck alter und neuer KlassenverhĂ€ltnisse kritisieren mĂŒsse. Darum fragte er beim Moskaubesuch des SDS im Sommer 1965 nach dem KronstĂ€dter Matrosenaufstand 1921. Dessen gewaltsame Niederschlagung sah er als Abkehr Lenins vom echten Marxismus zu einer neuen âbĂŒrokratischenâ Herrschaftsform an.[89]
Im SDS setzte er sich seit 1965 intensiv mit den DDR-Sympathisanten und âTraditionalistenâ und ihrem an Lenins Konzept einer Kaderpartei angelehnten RevolutionsverstĂ€ndnis auseinander. Ein Spitzel im SDS meldete daraufhin dem Ost-Berliner Ministerium fĂŒr Staatssicherheit, Dutschke vertrete âeine völlig anarchistische Positionâ; der IM Dietrich Staritz meldete im Dezember 1966: Dutschke spricht ausschlieĂlich vom ScheiĂsozialismus in der DDR.[90]
1966 begrĂŒĂte Dutschke Mao Zedongs Kulturrevolution als Beitrag zur erhofften EntbĂŒrokratisierung des Staatskommunismus und zur Ăberwindung der âAsiatischen Produktionsweiseâ. Doch schon im Dezember 1966 ĂŒbernahm er Ernest Mandels Kritik am Maoismus:[91]
â'Echte SelbsttĂ€tigkeit der Massen ist bei Mao nicht gestattetâ â eine verdammt kritische Bemerkung.â
Seit dem 17. Juni 1967 forderte und erwartete Dutschke auch im Ostblock eine durchgreifende Revolution zu einem selbstbestimmten Sozialismus. Den von der Bevölkerung getragenen reformkommunistischen Kurs Alexander DubÄeks im Prager FrĂŒhling begrĂŒĂte er vorbehaltlos. Bei seinem Pragbesuch verlangte er am 4. April 1968 trotz Redeverbots bei einer Veranstaltung der Christlichen Friedenskonferenz eine âinternationale Opposition [âŠ] gegen alle Formen autoritĂ€rer Strukturenâ und fuhr fort:[92]
âIch denke, daĂ es in der Tschechoslowakei eine groĂe Aufgabe gibt: neue Wege zu finden, um Sozialismus, wirkliche individuelle Freiheit und Demokratie miteinander zu verbinden, nicht im bĂŒrgerlichen Sinn, sondern in einem wirklichen sozialrevolutionĂ€ren Sinn. Wir wollen die bĂŒrgerliche Demokratie nicht abschaffen, aber wir wollen sie sehr ernsthaft mit einem neuen Inhalt fĂŒllen.â
Dies konkretisierte er am Folgetag bei einer Vorlesung in der Karls-UniversitĂ€t als âProduzentendemokratie der Betroffenen in allen Lebensbereichenâ.
Nach dem Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei im August 1968 ĂŒbte Dutschke Selbstkritik, weil der SDS mit der FDJ gegen den Vietnamkrieg zusammengearbeitet hatte:[93]
âSind wir gar einem riesigen Fremd- und Eigenbetrug anheimgefallen? [âŠ] Warum geht eine SU (ohne Sowjets), die sozialrevolutionĂ€re Bewegungen in der Dritten Welt unterstĂŒtzt, imperialistisch gegen ein Volk vor, welches selbstĂ€ndig unter FĂŒhrung der kommunistischen Partei die demokratisch-sozialistische Initiative ergriff? [âŠ] Ohne Klarheit an dieser Ecke ist ein sozialistischer Standpunkt der konkreten Wahrheit, GlaubwĂŒrdigkeit und Echtheit unmöglich, werden gerade die UnterdrĂŒckten, Ausgebeuteten und Beleidigten in der BRD und der DDR im besonderen nicht bereit sein, ĂŒber LohnkĂ€mpfe hinaus in den politischen Klassenkampf einzusteigen.â
Von den 1968 entstehenden K-Gruppen, die sich kritiklos an die Volksrepublik China oder Albanien anlehnten, distanzierte sich Dutschke ebenfalls. Im Vorfeld der ParteigrĂŒndung der GrĂŒnen versuchte er, den Einfluss von K-Gruppen-Vertretern zurĂŒckzudrĂ€ngen.[94]
Dutschkes 1974 erschienene Dissertation erklĂ€rte die Ursachen der sowjetisch-chinesischen Fehlentwicklung im Gefolge Karl August Wittfogels mit der marxistischen Gesellschaftsanalyse. Er vertrat hier die Ansicht, dass die Voraussetzungen fĂŒr eine sozialistische Revolution in Russland nie bestanden hĂ€tten: Es habe weder eine feudalistische noch eine kapitalistische Produktionsweise vorgeherrscht, sondern eine âasiatischeâ. Aus ihr habe sich notwendig als Staatsform die âasiatischen Despotieâ entwickelt, die in ungebrochener KontinuitĂ€t von Dschingis Khan bis zu Josef Stalins Zwangskollektivierung und Zwangsindustrialisierung bestanden habe. WĂ€hrend Lenin 1905 noch fĂŒr die Entfaltung des Kapitalismus in Russland plĂ€diert habe, damit dort eine echte Arbeiterklasse heranwachsen könne, sei schon der âOktoberputschâ bzw. die âMachtergreifung der Bolschewikiâ, wie er die Oktoberrevolution nannte, die als RĂŒckfall in die âallgemeine Staatssklavereiâ anzusehen. Die Erziehungsdiktatur, die die Bolschewiki errichtet hĂ€tten, sei notwendig gewesen, um der rĂŒckstĂ€ndigen Bevölkerung den Sozialismus nahezubringen. Von ihr und Lenins Parteien- und Fraktionsverbot sei die Entwicklung zu Stalin eine logische Folge gewesen. Stalins Versuch, die ProduktivitĂ€t der Sowjetunion durch brutale Zwangsindustrialisierung zu steigern, habe ihre AbhĂ€ngigkeit vom kapitalistischen Weltmarkt nie beseitigen können. Er habe nur einen neuen Imperialismus hervorgebracht, so dass militĂ€rische UnterstĂŒtzung von Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und UnterdrĂŒckung von selbstbestimmten Sozialismusversuchen im Ostblock eine logische Einheit darstellten. FĂŒr die westliche Linke könne die Entwicklung zur Sowjetunion kein Modell sein, da sie aus völlig unterschiedlichen sozialökonomischen Voraussetzungen resultiert sei.[95]
Der Stalinismus sei manifester âAnti-Kommunismusâ, der eine âMonopolbĂŒrokratieâ geschaffen habe, die nicht minder aggressiv sei als die âMonopolbourgeoisieâ, die Stalin fĂŒr den deutschen Faschismus verantwortlich machte. Somit sei es kein Zufall, dass seine Gulags und Konzentrationslager nach 1945 aufrechterhalten worden seien. Diesen systembedingten, nicht als âEntartungâ der Politik Lenins zu begreifenden Charakter der Sowjetunion hĂ€tten auch Leo Trotzki, Bucharin, Karl Korsch, Rudolf Bahro, JĂŒrgen Habermas und andere marxistische Kritiker und Analytiker nicht voll erkannt.
Der isolierte âSozialismus in einem Landâ sei eine âantidynamische Sackgassenformationâ, die sich nur noch durch Kredite und Importe aus dem Westen am Leben erhalten könne. Alle ihre scheinbaren inneren ReformanlĂ€ufe seit Chruschtschow und dem XX. Parteitag der KPdSU von 1956 seien nur Mittel zum Ăberleben der ZK-BĂŒrokratie gewesen:[96]
âVon pseudo-linker, gutgemeinter moralisch-romantischer Position kann man es gutheiĂen, Produktionsweisen zu 'ĂŒberspringen', mit einem sozialistischen Standpunkt hatte (und hat) die Moskauer Position desgleichen wie die Pekinger nie etwas zutun.â
Aufgrund dieser eindeutigen Haltung galt Dutschke fĂŒr die DDR-Staatssicherheit bis 1990 als Autor jenes âManifests des Bundes Demokratischer Kommunistenâ, das âDer Spiegelâ im Januar 1978 veröffentlichte. Es forderte wie seine Dissertation den Ăbergang von der asiatischen Produktionsweise des bĂŒrokratischen âStaatskapitalismusâ zur sozialistischen Volkswirtschaft, von der Einparteiendiktatur zu Parteienpluralismus und Gewaltenteilung. Erst 1998 stellte sich Hermann von Berg, ein Leipziger SED-Dissident, als Autor heraus.[97]
Dutschke grenzte sich als antiautoritĂ€rer Marxist stets von allen âKaderâ-Konzepten ab, die sich von der Bevölkerung isolierten und deren Bewusstwerdung verhinderten. Ebenso ablehnend stand er auch dem âIndividualterrorâ gegenĂŒber, den verschiedene linksradikale Gruppen wie die âTupamaros Westberlinâ oder die Rote Armee Fraktion nach dem Zerfall des SDS seit 1970 verĂŒbten.
Am 9. November 1974 starb das RAF-Mitglied Holger Meins an einem Hungerstreik im GefĂ€ngnis. Bei seiner Beerdigung rief Dutschke mit erhobener Faust: âHolger, der Kampf geht weiter!â Auf die heftige Kritik antwortete er nach dem Mord an GĂŒnter von Drenkmann in einem Leserbrief:[98]
ââHolger, der Kampf geht weiterâ â das heiĂt fĂŒr mich, dass der Kampf der Ausgebeuteten und Beleidigten um ihre soziale Befreiung die alleinige Grundlage unseres politischen Handelns als revolutionĂ€re Sozialisten und Kommunisten ausmacht. [âŠ] Die Ermordung eines antifaschistischen und sozialdemokratischen Kammer-PrĂ€sidenten ist aber als Mord in der reaktionĂ€ren deutschen Tradition zu begreifen. Der Klassenkampf ist ein Lernprozess. Der Terror aber behindert jeden Lernprozess der UnterdrĂŒckten und Beleidigten.â
In einem Privatbrief an den spĂ€teren SPD-Bundestagsabgeordneten Freimut Duve vom 1. Februar 1975 erklĂ€rte Dutschke sein Auftreten an Meinsâ Grab fĂŒr zwar âpsychologisch verstĂ€ndlichâ, politisch aber ânicht angemessen reflektiertâ.
Am 7. April 1977 wurde Generalbundesanwalt Siegfried Buback ermordet. Dutschke notierte in sein Tagebuch:[99]
âDer Bruch der linken KontinuitĂ€t im SDS, die verhĂ€ngnisvollen Auswirkungen werden erkennbar. Was tun? Die sozialistische Partei wird immer unerlĂ€sslicher!â
Er sah nun eine ParteigrĂŒndung links von der SPD auch als notwendige PrĂ€vention gegen Terrorismus an.
Im Deutschen Herbst 1977 wurde vielen Linksintellektuellen vorgeworfen, sie hĂ€tten den âgeistigen NĂ€hrbodenâ der RAF geschaffen. In der âZeitâ vom 16. September gab Dutschke diesen Vorwurf an die âherrschenden Parteienâ zurĂŒck und distanzierte sich vom RAF-Terrorismus:[100]
âDer individuelle Terror ist der Terror, der spĂ€ter in die individuelle despotische Herrschaft fĂŒhrt, aber nicht in den Sozialismus. Das war nicht unser Ziel und wird es nie sein. Wir wissen nur zu gut, was die Despotie des Kapitals ist, wir wollen sie nicht ersetzen durch Terrordespotie.â
Dennoch griff ihn z. B. die Stuttgarter Zeitung vom 24. September des Jahres persönlich als Wegbereiter der RAF an:
âEs ist Rudi Dutschke gewesen, der [âŠ] gefordert hatte, das Konzept Stadtguerilla mĂŒsse hierzulande entwickelt und der Krieg in den imperialistischen Metropolen entfesselt werden.â
Dagegen meinte Dutschke, das Attentat auf ihn habe ein âgeistiges, politisches und sozialpsychologisches Klima der Unmenschlichkeitâ hervorgerufen[101] und betonte in einem RĂŒckblick auf seine Entwicklung im Dezember 1978 nochmals:[102]
âIndividueller Terror aber ist massenfeindlich und antihumanistisch. Jede kleine BĂŒrgerinitiative, jede politisch-soziale Jugend-, Frauen-, Arbeitslosen-, Rentner- und Klassenkampfbewegung in der sozialen Bewegung ist hundertmal mehr wert und qualitativ anders als die spektakulĂ€rste Aktion des individuellen Terrors.â
Die Teilung Deutschlands war fĂŒr Dutschke schon seit seiner DDR-Jugend ein Anachronismus:[103]
âDer Faschismus ist weg, warum wird Deutschland nun auch noch gespalten?â
Seine Weigerung, Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee zu leisten, begrĂŒndete er 1957 auch damit, dass er nicht auf Landsleute schieĂen wollte.[104] In einem nach 1990 in seiner Staatssicherheitsakte entdeckten Brief an seinen Schuldirektor schrieb er:[105]
âWas uns dieser FĂŒhrer und dieses Reich gebracht haben, sehen wir erst heute, da an eine Einheit Deutschlands noch nicht wieder zu denken ist. Es soll nicht noch einmal heiĂen: 'Gefallen.' Meine Mutter hat uns vier Söhne nicht fĂŒr den Krieg geboren. Wir hassen den Krieg und wollen den Frieden. Wenn ich auch an Gott glaube und nicht zur Volksarmee gehe, so glaube ich dennoch, ein guter Sozialist zu sein.â
1968 erklÀrte er dazu:[106]
âIch bekannte mich zur Wiedervereinigung, bekannte mich zum Sozialismus, wie er betrieben wurde, und sprach mich gegen den Eintritt in die Nationale Volksarmee aus. Ich war nicht bereit in einer Armee zu dienen, die die Pflicht haben könnte, auf eine andere deutsche Armee zu schieĂen, in einer BĂŒrgerkriegsarmee, und zwar in zwei deutschen Staaten, ohne wirkliche SelbstĂ€ndigkeit auf beiden Seiten, das lehnte ich ab.â
Am 14. August 1961 versuchte er ein TeilstĂŒck der Berliner Mauer einzureiĂen und wurde dafĂŒr in West-Berlin inhaftiert.[107]
Nach der Forderung einer sozialistischen Revolution im Ostblock am 17. Juni 1967 trug Dutschke am 24. Juni zunĂ€chst im engsten Freundeskreis, ab Juli im âOberbaumblattâ in einer Auflage von 30.000 StĂŒck seinen Plan zu einer RĂ€te-Revolution in West-Berlin vor, die auf die DDR ausstrahlen und so langfristig die Spaltung Deutschlands beenden sollte:[108]
âEin von unten durch direkte RĂ€tedemokratie getragenes West-Berlin [âŠ] könnte ein strategischer Transmissionsriemen fĂŒr eine zukĂŒnftige Wiedervereinigung Deutschlands sein.â
Im Oktober 1967 vertiefte er diese Idee einer Wiedervereinigung unter sozialistischen Vorzeichen in einem GesprÀch:[109]
âWenn sich Westberlin zu einem neuen Gemeinwesen entwickeln sollte, wĂŒrde das die DDR vor eine Entscheidung stellen: entweder VerhĂ€rtung oder wirkliche Befreiung der sozialistischen Tendenzen in der DDR. Ich nehme eher das letztere an.â
Danach trat dieses Thema in seinen ĂuĂerungen zurĂŒck. Erst 1977 griff er es mit einer Artikelserie wieder auf und fragte:[110]
âWarum denken deutsche Linke nicht national? Die sozialistische Opposition in der DDR und in der Bundesrepublik mĂŒssen zusammenarbeiten. Die DDR ist zwar nicht das bessere Deutschland. Aber sie ist ein Teil Deutschlands.â
Um die westdeutsche Linke fĂŒr die von ihr vernachlĂ€ssigte ânationale Frageâ zu interessieren und die Behandlung dieses Themas nicht den Nationalisten zu ĂŒberlassen, verwies er auf den von Karl Marx selbst betonten dialektischen Zusammenhang mit der sozialen Frage:[111]
âUnter solchen Bedingungen fĂ€ngt der linke Deutsche an, sich mit allem möglichen zu identifizieren, aber einen Grundzug des kommunistischen Manifestes zu ignorieren: Der Klassenkampf ist international, in seiner Form aber national.â
Diese Ansichten stieĂen jedoch damals auf fast einhellige Ablehnung und manchmal Empörung.[112]
Nach Dutschkes Tod erschien eine groĂe Zahl positiver Nachrufe.[113] Helmut Gollwitzer erinnerte in seiner Trauerrede an das letzte Telefonat Dutschkes an seinem Todesabend. Der Anrufer Heiner Brandt habe ihn an seine AnfĂ€nge bei der christlichen Gemeinde in Luckenwalde erinnert: âRudi, du hast nie verlassen, wovon du ausgegangen bist...â Dem habe Dutschke zugestimmt. Er habe nicht âFĂŒhrer, Chefideologe, AutoritĂ€tâ sein wollen, aber zu den RevolutionĂ€ren gehört, die âauf dieser Erde nicht alt geworden sindâ.[114]
JĂŒrgen Habermas bezeichnete Dutschke als âwahrhaften Sozialistenâ. Er sei â⊠Charismatiker einer Intellektuellenbewegung, der unermĂŒdliche Inspirator, ein hinreiĂender Rhetor, der mit der Kraft zum VisionĂ€ren durchaus den Sinn fĂŒrs Konkrete, fĂŒr das, was eine Situation hergab, verbunden hat.â[115]
Wolf Biermann sang in seinem Trauerlied am 3. Januar 1980 mit Bezug auf persönliche Begegnungen:[116]
âMein Freund ist tot, und ich bin zu traurig, um groĂe GemĂ€lde zu malen â sanft war er, sanft, ein biĂchen zu sanft wie alle echten Radikalen.â
Dieses Bild bestimmte fortan die Wahrnehmung Dutschkes bei vielen Zeitgenossen. So meinte Walter Jens 1981:[117]
âDutschke war ein friedliebender, zutiefst jesuanischer Mensch.â
FĂŒr Ulrich Chaussy begann die âKonstruktion eines Mythosâ schon zu Dutschkes Lebzeiten. Dieser habe seiner Idolisierung zu widerstehen versucht und nur Tage vor dem Attentat auf ihn fĂŒr einen geplanten Fernsehfilm von Wolfgang Venohr seinen RĂŒckzug aus der Studentenbewegung angekĂŒndigt, um der Personalisierung gesellschaftlicher Konflikte entgegenzuwirken. Chaussy erklĂ€rt das Misslingen dieser Absicht wie folgt:[118]
âFast alle ehemaligen Genossen hatten SchuldgefĂŒhle, weil Rudis Tod, weil die Kugeln im Kopf soviel Stellvertretendes hatten, weil jede und jeder spĂŒrte: alle, die in dieser Revolte aufbegehrten, waren gemeint. [âŠ] Das passiert den frĂŒhen Toten eben, den Popstars wie den RevolutionĂ€ren und so auch Rudi Dutschke. Sie selbst können sich nicht mehr einmischen.â
Seit den 1970er Jahren wird besonders Dutschkes VerhÀltnis zu revolutionÀrer Gewalt und dessen möglicher Einfluss auf den Terrorismus der RAF intensiv diskutiert.
1986 stellte JĂŒrgen Miermeister Dutschkes politische Entwicklung anhand von Selbstzeugnissen dar. Er zeigte, dass Dutschke jede Aktionsform reflektierte und mit einer politischen Situationsanalyse verknĂŒpfte. Dieser habe theoretisch auch Attentate auf Tyrannen fĂŒr legitim gehalten, aber nur als unmittelbaren Auslöser fĂŒr eine Volksrevolution. Wegen dieser fehlenden Voraussetzung habe er AnschlagsplĂ€ne auf Diktatoren ebenso wie Terror fĂŒr die Bundesrepublik abgelehnt. Im Ergebnis urteilte Miermeister:[119]
âVor Gewalt gegen Menschen schreckt er â zwar kein Pazifist, aber in letzter Konsequenz weder Anarchist noch putschistischer Marxist-Leninist, sondern Christ â zurĂŒck.â
1987 dokumentierte der Hamburger Sozialwissenschaftler Wolfgang Kraushaar in seiner dreibĂ€ndigen Chronik der westdeutschen Studentenbewegung auch Dutschkes und Krahls âOrganisationsreferatâ von 1967. Er betonte:[120]
âDennoch wĂ€re es verfehlt, hier im nachhinein von einer intellektuellen Vorwegnahme der Roten Armee Fraktion (RAF) zu sprechen. Nicht nur weil es in einem konkret historischen Sinn falsch wĂ€re, sondern auch weil es zwischen dem Aufruf vom Herbst 1967 und der Praxis der RAF eine unĂŒbersehbare qualitative Differenz gibt. Stadtguerilla wird von Dutschke und Krahl noch als Element einer Bewusstseinsstrategie definiert. Der Stellenwert der Militanz ergibt sich aus ihrer propagandistischen Funktion, nicht umgekehrt.â
In ihrer 1996 erschienenen Biografie stellte Gretchen Dutschke-Klotz auch Dutschkes widersprĂŒchliche Haltung zu bewaffneter Gewalt dar:[121]
âAnfang 1969 war auch Rudi bereit, in den Untergrund zu gehen, falls die Bedingungen dafĂŒr gegeben waren. [âŠ] Die IllegalitĂ€t schien Rudi notwendig, wenn es ĂŒberhaupt gelingen sollte, neue Strukturen im herrschenden System aufzubauen. Doch es war eine ungelöste Frage, wie diese IllegalitĂ€t aussehen sollte. Rudi gelang es nicht, legitime Formen der Gewalt sauber von illegitimen zu trennen.â
Er habe AngriffsplĂ€nen mit Molotowcocktails auf eine britische Fluggesellschaft damals nicht widersprochen, nur eigene Teilnahme abgelehnt. Klar sei fĂŒr ihn gewesen, dass auch illegaler Widerstand nicht von der Bevölkerung isolieren und keine Menschen gefĂ€hrden sollte.
In seiner 2001 erschienenen Studie Mythos â68. Die Gewaltphilosophie des Rudi Dutschke meinte Gerd Langguth, Dutschke habe theoretisch und praktisch zur âEnttabuisierungâ von Gewalt in der Bundesrepublik in den 1970er und 1980er Jahren beigetragen.[122]
2003 gab Gretchen Dutschke-Klotz die TagebĂŒcher Dutschkes heraus, die neue Einblicke in seine politische Entwicklung ermöglichten. Im selben Jahr veröffentlichte Michaela Karl die Monographie Rudi Dutschke. RevolutionĂ€r ohne Revolution. Stationen seines Denkens, in der sie sein gewandeltes VerhĂ€ltnis zu revolutionĂ€rer Gewalt in verschiedenen Lebensphasen nachzeichnete und aus dem jeweiligen historischen Kontext erklĂ€rte.[123]
Rudolf Sievers gab 2004 PrimĂ€rtexte von â68ernâ heraus: darunter den kaum bekannten Aufsatz Dutschkes Die geschichtlichen Bedingungen fĂŒr den internationalen Emanzipationskampf, in dem dieser auch die Rolle von revolutionĂ€rer Gegengewalt erörterte.[124]
Wolfgang Kraushaar spitzte Langguths These 2005 in seinem Aufsatz Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf zu. Er kritisierte, Zeitgenossen hĂ€tten Dutschke als âIkoneâ und âgrĂŒn angehauchten, christlichen Pazifistenâ dargestellt. Dies sei im Blick auf zuvor unveröffentlichte Aussagen Dutschkes in seinem Nachlass unhaltbar. Er sei der âErfinder des Konzepts Stadtguerilla in Deutschlandâ gewesen, habe dieses konsequent bis 1969 vertreten und SprengstoffanschlĂ€ge mit vorbereitet, obwohl diese unausgefĂŒhrt blieben und er sich vom spĂ€teren RAF-Terrorismus distanzierte.[125]
Dies löste eine erneute breite Diskussion aus. Thomas Medicus folgerte aus Kraushaars Beispielen, âdass Dutschke propagierte, was Baader und die RAF praktiziertenâ.[126] Lorenz JĂ€ger begrĂŒĂte Kraushaars Aufsatz als Infragestellung einer âDutschke-Legendeâ. Vor allem Erich Fried habe das Bild eines âpazifistischen RevolutionĂ€rsâ aufgebracht, der Ulrike Meinhof vom Weg in die IllegalitĂ€t abgehalten hĂ€tte, wenn sie lĂ€nger Kontakt gehabt hĂ€tten. Doch Dutschke habe âmehrere Gesichterâ gehabt: Er sei schon vor Beginn der Studentenbewegung gewaltbereit gewesen. Seine âSprengstoff-Episodenâ seien Ausdruck und Folge seines Aktionskonzepts gewesen.[127]
JĂŒrgen Treulieb zufolge wurde Dutschke weder bei seiner Beerdigung noch bei der Gedenkveranstaltung in der Freien UniversitĂ€t Berlin am 3. Januar 1980 als Ikone und Pazifist dargestellt. Diese Sicht sei vielmehr ausdrĂŒcklich auch von denen abgelehnt worden, die an Dutschkes frĂŒhen christlichen Pazifismus erinnert hĂ€tten. Diese Nachrufe ĂŒbergehe Kraushaar.[128]
Rainer Stephan warf Kraushaar vor, Begriffe wie antiautoritĂ€r, auĂerparlamentarisch, Bewegung, Revolte, direkte Aktion, Stadtguerilla usw. nicht zu definieren, so dass mögliche Bedeutungsunterschiede nicht sichtbar wĂŒrden. Es sei nicht plausibel, dass schon der frĂŒhe Dutschke die Theorie fĂŒr den Terror geliefert haben solle, von dem er sich spĂ€ter scharf abgrenzte:[129]
âKraushaars eigene, höchst unsystematisch vorgefĂŒhrte Zitate demonstrieren, dass Welten zwischen Dutschkes Ăberlegungen zu einer âStadtguerillaâ und der vollkommen apolitischen Terrorpraxis der RAF liegen.â
Klaus Meschkat erinnerte an Kraushaars frĂŒhere Unterscheidung zwischen Dutschkes und Baaders VerstĂ€ndnis von Stadtguerilla und kritisierte:[130]
âWenn in den nachgelassenen Dokumenten ein Wort wie âStadtguerillaâ auftaucht, so fragt er heute nicht mehr nach dessen Bedeutung im jeweiligen Zusammenhang, ihn interessiert nur das Indiz fĂŒr eine angenommene Bereitschaft zum bewaffneten Kampf Ă la RAF. Ansonsten werden bekannte Anekdoten detailreich nacherzĂ€hlt, mit denen sich Rudi Dutschke mindestens als potentieller Terrorist zu erkennen geben soll...â
Kraushaars âkriminalistische EnthĂŒllungsĂŒbungenâ hĂ€tten mit keinem Wort die historische Situation berĂŒcksichtigt, aus der Dutschkes Haltung sich erklĂ€re. Diesen Kontext zu erklĂ€ren sei aber eigentlich âdie Pflicht eines gewissenhaften Zeithistorikersâ. Gewalt seitens der Studenten zu verurteilen, ohne an den Vietnamkrieg zu erinnern, habe Oskar Negt schon 1972 als Heuchelei erklĂ€rt.[131]
Claus Leggewie stellte eine verÀnderte Forschungslage fest:[132]
âDie Erkenntnisse, die Kraushaar aus dem Dutschke-Nachlass und anderen, lĂ€ngst publizierten Quellen [âŠ] ausgebreitet hat, gebieten, den Mythos des ökopazifistischen, geradezu jesusartigen SDS-FĂŒhrers endgĂŒltig zu verabschieden. Diese Idolisierung zum âsanften Radikalenâ war fĂŒr Zeitgenossen, die Dutschke in den 1960er-Jahren, aber auch spĂ€ter aus der NĂ€he erlebt haben, ohnehin unglaubwĂŒrdig.â
Susanne Kailitz zufolge hatte Dutschke kein in sich schlĂŒssiges Gewaltkonzept. Zum einen habe er antiautoritĂ€re Gewalt als PrĂ€ventionsmittel verstanden, um einen vermeintlich gewaltsamen Charakter des Staates aufzudecken, zum anderen als Reaktion auf erwartete staatliche UnterdrĂŒckung. Einerseits habe er vertreten, diese Repression werde die Revolution beinahe naturgesetzlich herbeifĂŒhren, andererseits, diese sei vom Willen der revolutionĂ€ren Avantgarde, nĂ€mlich der demonstrierenden Studenten, abhĂ€ngig. Kailitz folgert aus dieser Ambivalenz, Dutschke habe Terror und bewaffneten Kampf in den Metropolen nur âaus strategischen GrĂŒndenâ abgelehnt.[133]
Dutschkes Aussagen zur deutschen Nation werden heute verschieden bewertet. Sein ehemaliger Mitstreiter Bernd Rabehl stellt ihn seit 1998 im Sinne seiner eigenen Hinwendung zur Neuen Rechten als âNationalrevolutionĂ€râ dar[134] und bekrĂ€ftigte diese Deutung in seiner fachlich einhellig abgelehnten Dutschkebiografie 2002.[135] Kraushaar dagegen nannte Dutschke 2000 einen ânationalen Linkenâ, der diese Haltung aus RĂŒcksicht auf eine Tabuisierung alles Nationalen in der westdeutschen Linken öffentlich meist zurĂŒckgehalten habe.[136] Tilman P. Fichter und Siegward Lönnendonker arbeiten in ihrer deutschlandpolitischen Streitschrift "Dutschkes Deutschland" heraus, daĂ die charismatische FĂŒhrungspersönlichkeit des SDS leidenschaftlich fĂŒr die Wiedervereinigung Deutschlands eintrat und belegen dies mit z.T. bisher unbekannten Dokumenten.[137]
Gretchen Dutschke-Klotz betonte 2003 gegen beide:[138]
âRudi wollte die UnterwĂŒrfigkeit als Persönlichkeitsmerkmal der deutschen IdentitĂ€t abschaffen. [âŠ] Er war kein âNationalrevolutionĂ€râ, sondern ein internationalistischer Sozialist, der im Gegensatz zu anderen begriffen hatte, dass es politisch falsch war, die nationale Frage zu ignorieren. [âŠ] Er suchte etwas ganz Neues, das nicht anschloss an die autoritĂ€re, nationalchauvinistische deutsche Vergangenheit.â
FĂŒr Klaus Meschkat besteht Dutschkes bleibende Bedeutung in seiner Suche nach wirksamen Widerstandsformen:[139]
âWenn Millionen friedlicher Demonstranten in ganz Europa einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg nicht verhindern konnten â sollten wir nicht erst einmal mit Interesse und Sympathie auf die Versuche Rudi Dutschkes und seiner Freunde zurĂŒckblicken, die amerikanische Kriegsmaschine zum Halten zu bringen?â
2006 erschien der Band Dutschke und Du mit gesammelten AufsĂ€tzen aus der taz. Darin blickte Stefan Reinecke auch auf die Gewaltdebatte des Vorjahres zurĂŒck: Warum Dutschke nicht Vordenker der RAF war.[140]
FĂŒr Ralf Dahrendorf hatten Dutschkes theoretische EntwĂŒrfe und gesellschaftswissenschaftliche Forschungen 2008 keine öffentliche Bedeutung mehr:[141]
âEr war ein konfuser Kopf, der keine bleibenden Gedanken hinterlassen hat. Worauf man zurĂŒckblickt, ist die Person: ein anstĂ€ndiger, ehrlicher und vertrauenswĂŒrdiger Mann. Aber ich wĂŒsste niemand, der sagen wĂŒrde: Das war Dutschkes Idee, die mĂŒssen wir jetzt verfolgen.â
Am 30. April 2008 wurde ein Teil der KochstraĂe in Berlin offiziell zur Rudi-Dutschke-StraĂe umbenannt. Sie grenzt direkt an die Axel-Springer-StraĂe.[142] Der Umbenennungsvorschlag von 2005 löste einen jahrelangen öffentlichen Konflikt aus. Mehrere Klagen von Anwohnern sowie vom in der KochstraĂe ansĂ€ssigen Axel Springer Verlag wurden abgewiesen.[143]
An Dutschkes 68. Geburtstag, dem 7. MÀrz 2008, wurde der Vorplatz des stillgelegten Bahnhofs in seinem Geburtsort Schönefeld (Nuthe-Urstromtal) in Rudi-Dutschke-Platz umbenannt.[144]
Auf dem Campus der Freien UniversitÀt Berlin in Berlin-Dahlem verlÀuft der zu seinen Ehren nach ihm benannte Rudi-Dutschke-Weg.
Mit Rudi Dutschke beschĂ€ftigten sich mehrere Dokumentarfilme, so etwa die Arbeit der Regisseurin Helga Reidemeister aus dem Jahr 1988 Aufrecht gehen, Rudi Dutschke â Spuren oder der Film Dutschke, Rudi, Rebell seines Biographen JĂŒrgen Miermeister, der im April 1998 im ZDF ausgestrahlt wurde.
Rainer Werner Fassbinders Spielfilm Die dritte Generation von 1979 verwendet Archivaufnahmen, auf denen Dutschke zu sehen ist. In dem Spielfilm Der Baader Meinhof Komplex des Regisseurs Uli Edel aus dem Jahr 2008 wird Dutschke von Sebastian Blomberg dargestellt.
Der Regisseur Stefan Krohmer entwickelte zusammen mit Drehbuchautor Daniel Nocke das Doku-Drama Dutschke (2009), das Interviewpassagen und mit inszenierte Szenen aus dem Leben Rudi Dutschkes verbindet. Christoph Bach wurde dafĂŒr 2010 mit dem Deutschen Fernsehpreis als Bester Schauspieler ausgezeichnet.
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Dieser Artikel wurde am 20. Oktober 2005 in dieser Version in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen. |
| Personendaten | |
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| NAME | Dutschke, Rudi |
| ALTERNATIVNAMEN | Dutschke, Alfred Willi Rudi |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher StudentenfĂŒhrer |
| GEBURTSDATUM | 7. MĂ€rz 1940 |
| GEBURTSORT | Schönefeld bei Luckenwalde |
| STERBEDATUM | 24. Dezember 1979 |
| STERBEORT | Aarhus, DĂ€nemark |