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Rudolf Bahro (* 18. November 1935 in Bad Flinsberg; â 5. Dezember 1997 in Berlin) war ein deutscher Philosoph und Politiker. Er gehörte zu den profiliertesten Dissidenten der DDR und wurde durch sein Buch Die Alternative (1977) bekannt.
Inhaltsverzeichnis |
Rudolf Bahro war das Ă€lteste von drei Kindern des Viehwirtschaftsberaters Max Bahro und seiner Frau Irmgard, geb. Conrad. Die Familie lebte bis 1945 in Niederschlesien, zunĂ€chst in dem Kurort Bad Flinsberg, dann in Gerlachsheim bei Lauban, wo Rudolf die Dorfschule besuchte. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Vater zum Wehrdienst einberufen und geriet in polnische Gefangenschaft. Als die Ostfront herannahte, wurde die Familie evakuiert. Auf der Flucht wurde Rudolf von der Mutter und den Geschwistern getrennt, und diese starben bald darauf an Typhus. Rudolf verbrachte mit einer Tante je einige Monate in Ăsterreich und in Hessen und fand schlieĂlich seinen Vater wieder, der in RieĂen (heute Ortsteil von Siehdichum) im Oderland den Hof einer Witwe bewirtschaftete. 1951 heiratete Max Bahro die ebenfalls verwitwete Frieda Reiter in FĂŒrstenberg (Oder), die ihren Sohn Gerhard mit in die Ehe brachte, welcher 7 Jahre Ă€lter war als Rudolf.
Von 1950 bis 1954 besuchte Rudolf Bahro die Oberschule in FĂŒrstenberg. Da fĂŒr die Aufnahme in die Oberschule die Mitgliedschaft in der âFreien Deutschen Jugendâ (FDJ) vorausgesetzt wurde, trat er 1950 widerstrebend in diese ein. Dies war, wie er spĂ€ter kommentierte, das einzige Mal, dass er unter Druck etwas gegen seinen Willen tat. Schon 1952 bewarb er sich dann aber fĂŒr die Mitgliedschaft in der SED, in die er 1954 aufgenommen wurde. Bahro galt als auĂerordentlich intelligent und bestand das Abitur âmit Auszeichnungâ. An der Humboldt-UniversitĂ€t in Berlin studierte er von 1954 bis 1959 Philosophie. Zu seinen Lehrern gehörten Kurt Hager (der spĂ€tere Chefideologe der SED), Georg Klaus und Wolfgang Heise. Das Thema seiner Diplomarbeit lautete âJohannes R. Becher und das VerhĂ€ltnis der deutschen Arbeiterklasse und ihrer Partei zur nationalen Frage unseres Volkesâ.
Bis 1956 war Bahro ein glĂŒhender Verehrer Lenins und Stalins. Die EnthĂŒllungen Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, in denen erstmals die Verbrechen des Stalinismus offen angesprochen wurden, erschĂŒtterten Bahros Weltbild zutiefst. Die bald darauf ausbrechenden Unruhen in Polen und Ungarn verfolgte er mit groĂem Interesse, und er schlug eine ProtesterklĂ€rung an die Wandzeitung, in der er seine SolidaritĂ€t mit den AufstĂ€ndischen bekundete und die restriktive Informationspolitik der DDR-StaatsfĂŒhrung offen kritisierte.[1] Das veranlasste die Staatssicherheit, ihn zwei Jahre lang zu beobachten und zu bespitzeln.
Nach dem Staatsexamen ging Bahro im Auftrag der Partei nach Sachsendorf (heute Ortsteil von Lindendorf) im Oderbruch, wo er die Dorfzeitung Die Linie herausgab und die Bauern dazu bewegen sollte, der Genossenschaft (LPG) beizutreten. 1959 heiratete er die Russischlehrerin Gundula Lembke, die eine Tochter mit in die Ehe brachte und in den folgenden Jahren zwei weitere MĂ€dchen (von denen eines am Tag der Geburt starb) und einen Jungen gebar. 1960 wurde Bahro in die UniversitĂ€tsparteileitung in Greifswald berufen und grĂŒndete dort die Zeitung Unsere UniversitĂ€t, deren verantwortlicher Redakteur er wurde. In diesem Jahr erschien auch sein erstes Buch, ein Band mit Gedichten: In dieser Richtung. Ab 1962 arbeitete er als Referent fĂŒr den Zentralvorstand der Gewerkschaft Wissenschaft in Berlin, ab 1965 als stellvertretender Chefredakteur bei der von der FDJ herausgegebenen Jugend- und Studentenzeitschrift Forum. In dieser Position ergaben sich wiederholt Konflikte mit der zunehmend restriktiven Politik der SED, wodurch Bahro in die Kritik geriet. Wegen des nicht genehmigten Abdrucks von Volker Brauns StĂŒck Kipper Paul Bauch wurde er schlieĂlich 1967 dieses Postens enthoben.
Von 1967 bis 1977 war Bahro in diversen Betrieben der Gummi- und Kunststoff-Industrie im Bereich Arbeitsorganisation tĂ€tig. Diese Konfrontation mit den tatsĂ€chlichen VerhĂ€ltnissen in den Betrieben brachte ihn bald zu der Ăberzeugung, dass die DDR-Wirtschaft sich in einer ernsten Krise befinde und dass der Hauptgrund dafĂŒr darin liege, dass die Arbeiter in den Betrieben praktisch nichts zu sagen hĂ€tten. Diese Ansicht formulierte er im Dezember 1967 in einem Brief an den Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, und er schlug vor, die Verantwortung in den Betrieben im Sinne einer Basisdemokratie den Arbeitern zu ĂŒbertragen. Wenige Wochen danach kam es zu VerĂ€nderungen in der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, welche den Prager FrĂŒhling einleiteten. Bahro nahm daran lebhaften Anteil und befĂŒrwortete die dortige Entwicklung. Im Mai 1968 wurde er zu einem GesprĂ€ch mit einem Mitarbeiter des Zentralkomitees zitiert, der ihm klarmachte, dass seine SolidaritĂ€t mit der âKonterrevolutionâ nicht mehr geduldet werde. Bahro zog daraus die Konsequenz, seine Gedanken systematisch auszubauen und zu publizieren. Dieser Entschluss wurde bestĂ€rkt und modifiziert, als am 21. August 1968 der Prager FrĂŒhling durch einmarschierende Truppen beendet wurde. Das war, wie Bahro spĂ€ter einmal Ă€uĂerte, âder schwĂ€rzeste Tagâ seines Lebens und der Anlass fĂŒr den endgĂŒltigen Bruch mit der SED. Aus taktischen GrĂŒnden entschied er jedoch, diesen Bruch nicht öffentlich zu vollziehen, um sein Buchprojekt nicht zu gefĂ€hrden.
Nach einem vorbereitenden Literaturstudium begann Bahro 1972 mit der nebenberuflichen Arbeit an seiner Dissertation Ăber die Entfaltungsbedingungen der Hoch- und Fachschulkader in volkseigenen Betrieben der DDR, die einen Teil seines Vorhabens in den akademischen Diskurs einbringen sollte. Parallel dazu schrieb er heimlich an einem thematisch breiter angelegten Manuskript, aus dem spĂ€ter das Buch Die Alternative hervorging. 1973 reichte Gundula Bahro die Scheidung ein. Dies war, wie beide Eheleute spĂ€ter Ă€uĂerten, eine VorsichtsmaĂnahme, um insbesondere die Kinder vor zu erwartenden staatlichen Repressalien zu bewahren. Gundula Bahro ging jedoch noch weiter und nahm 1974 mit der Staatssicherheit Kontakt auf, um diese ĂŒber das bis dahin geheimgehaltene Buchprojekt ihres Ex-Ehemannes zu informieren und schlieĂlich auch eine Kopie des Manuskripts zu ĂŒbergeben. Ab dieser Zeit wurde Rudolf Bahro ohne sein Wissen intensiv beobachtet und bespitzelt.
1975 reichte er seine Dissertation an der TH Merseburg ein. Sie wurde zunĂ€chst von drei Gutachtern sehr positiv bewertet. Dann schritt jedoch die Stasi ein, organisierte zwei Gegengutachten und vereitelte damit die Promotion. Die Arbeit an dem Alternative-Manuskript wurde hingegen nur weiter beobachtet und nicht behindert. Bahro kam jedoch zu der Ăberzeugung, dass seine ursprĂŒngliche Absicht, dieses eigentlich fĂŒr DDR-BĂŒrger geschriebene Buch in gröĂerer StĂŒckzahl in der DDR zu verbreiten, nicht zu verwirklichen sei. Im Dezember 1976 erfuhr er, dass eines der Exemplare, die er zur Begutachtung an Freunde und Bekannte verteilt hatte, auf Umwegen in die HĂ€nde der Stasi geraten war. Dies veranlasste ihn, die Arbeit kurzfristig zum Abschluss zu bringen. Ăber MittelsmĂ€nner war inzwischen ein Vertrag mit der EuropĂ€ischen Verlagsanstalt in Köln zustande gekommen. In dem Musikwissenschaftler Harry Goldschmidt fand Bahro einen unverdĂ€chtigen Helfer, der das fertige Manuskript nach West-Berlin schmuggelte. AuĂerdem gelang es, etliche Kopien des Manuskripts per Post an ausgewĂ€hlte Personen in der DDR zu versenden.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Das PhĂ€nomen des nichtkapitalistischen Weges zur Industriegesellschaft â Die Anatomie des real existierenden Sozialismus â Zur Strategie einer kommunistischen Alternative. Die vorangestellte Einleitung beginnt mit dem Postulat, dass die kommunistische Bewegung nicht zu den theoretisch erwarteten VerhĂ€ltnissen gefĂŒhrt habe, sondern im Grunde den kapitalistischen Weg mit lediglich oberflĂ€chlichen VerĂ€nderungen fortfĂŒhre. âDie Entfremdung, die SubalternitĂ€t der arbeitenden Massen dauert auf neuer Stufe an.â[2] Das Buch wolle die GrĂŒnde fĂŒr diese Entwicklung analysieren und Lösungen anbieten.
Der erste Hauptteil ist eine historische Analyse der Entwicklung des Sozialismus in der Sowjetunion. Bahro kommt zu dem Befund, dass dort und in der Folge auch in LĂ€ndern wie der DDR nicht der theoretisch erwartete Sozialismus entstanden sei, sondern eine Art Proto-Sozialismus. Den wesentlichen Grund dafĂŒr sieht er darin, dass die Sowjetunion zum Zeitpunkt der Oktoberrevolution noch weit von dem Entwicklungszustand entfernt war, den Marx in seiner Theorie vorausgesetzt hatte. Dennoch sei der von Lenin eingeschlagene Weg richtig gewesen. Die anschlieĂend von Stalin betriebene massive Industrialisierung bezeichnet Bahro als eine notwendige Weiterentwicklung, wobei er, wie sein Biograph Guntolf Herzberg hervorhebt, den stalinistischen Terror nicht verurteilt, sondern als unvermeidbar rechtfertigt.[3]
Im zweiten Teil analysiert Bahro die real existierende Gesellschaftsform, die seiner Meinung nach fĂ€lschlich als Sozialismus bezeichnet wird und in Wirklichkeit noch immer eine Klassengesellschaft sei. Wie diese Gesellschaft funktioniert, stellt er detailliert dar, und er argumentiert, dass darin die Ursachen fĂŒr die zu beobachtende Stagnation der Wirtschaft lĂ€gen.
Im dritten Teil schlieĂlich entwickelt er LösungsvorschlĂ€ge, welche die Forderung nach einer erneuten Revolution, die nicht nur die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse, sondern auch die Menschen verĂ€ndern mĂŒsse, beinhalten. Im Kern gehe es um die Ăberwindung der SubalternitĂ€t, der âDaseinsform und Denkweise âkleiner Leuteââ. Die Aufteilung der Arbeit sei abzuschaffen, alle Menschen sollten an Wissenschaft und Kunst wie auch an niederen Arbeiten teilhaben.
Am 22. August 1977 veröffentlichte das westdeutsche Magazin Der Spiegel einen Auszug[4] aus dem schon lĂ€nger angekĂŒndigten Buch und ein Interview mit Bahro, wodurch er erstmals öffentlich als Autor dieses Buchs bekannt wurde. Am Tag darauf wurde Bahro verhaftet und in das UntersuchungsgefĂ€ngnis Berlin-Hohenschönhausen gebracht.[5] Am selben Abend strahlten die westdeutschen Fernsehanstalten ARD und ZDF Bahro-Interviews aus, die einige Tage zuvor â von der Stasi heimlich mitgehört, aber nicht behindert â aufgezeichnet worden waren. Diese VorgĂ€nge fanden groĂe Aufmerksamkeit in den westlichen Medien.
Anfang September kam das Buch in den Handel. Die erste Auflage war schon vor der Auslieferung vergriffen, und bald erschienen auch Ăbersetzungen in andere Sprachen. Die Alternative löste eine intensive Diskussion in der westeuropĂ€ischen Linken ĂŒber den Realsozialismus und das VerhĂ€ltnis zu diesem aus. FĂŒr Herbert Marcuse war Bahros Buch âder wichtigste Beitrag zur marxistischen Theorie und Praxis, der in den letzten Jahrzehnten erschienen ist.â[6] Ganz Ă€hnlich Ă€uĂerte sich der von Bahro hoch geschĂ€tzte Trotzkist Ernest Mandel. Lawrence Krader bezeichnete Bahro als âGewissen der Revolution, dessen StĂ€rke die Wahrheitâ sei. Eher kritisch Ă€uĂerte sich Rudi Dutschke, der Bahro ein Verhaftetsein im Leninismus und eine zu geringe Beachtung der Menschenrechte vorwarf und seine LösungsvorschlĂ€ge als âvöllig unrealistischâ einstufte.
Diese inhaltliche Auseinandersetzung wurde begleitet von einer breiten Welle öffentlich bekundeter SolidaritĂ€t mit Bahro. Deren vorlĂ€ufiger Höhepunkt war ein von Heinrich Böll und GĂŒnter Grass initiierter Aufruf in der Londoner Times vom 1. Februar 1978, den auch Arthur Miller, Graham Greene, Carola Stern, Mikis Theodorakis und viele weitere Prominente unterschrieben hatten. In der DDR dagegen wurde die ganze AffĂ€re totgeschwiegen, und auch der inhaftierte Bahro erfuhr nichts von den Reaktionen auf sein Buch und auf seine Festnahme. Selbst von den Kopien, die Bahro noch kurz vor seiner Verhaftung innerhalb der DDR verschickt hatte und die nicht bereits auf dem Postweg abgefangen worden waren, wurde etwa die HĂ€lfte den Behörden ĂŒbergeben.
Ein Buch wie Die Alternative zu schreiben und zu veröffentlichen, war an sich in der DDR nicht strafbar. Daher konstruierte die Staatsanwaltschaft den Tatbestand, Bahro habe aus âGeldgierâ Informationen (und frei erfundene Falschinformationen) fĂŒr den westdeutschen Verfassungsschutz zusammengetragen und diesem durch die Veröffentlichung des Buches âĂŒbermitteltâ. Am 30. Juni 1978 wurde Bahro unter Ausschluss der Ăffentlichkeit[7] wegen âlandesverrĂ€terischer Sammlung von Nachrichtenâ und âGeheimnisverratsâ zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Aus den Akten geht hervor, dass das StrafmaĂ bereits im Vorfeld der Verhandlung feststand, und auch die Bekanntgabe des Urteils fĂŒr die Presse war schon vorab fertig formuliert. Der Prozess, in dem Bahro von Gregor Gysi verteidigt wurde, war demnach nur noch eine FormalitĂ€t. Die daraufhin von Gysi vor dem Obersten Gericht der DDR eingereichte Berufung wurde umgehend als âoffensichtlich unbegrĂŒndetâ zurĂŒckgewiesen.
Die UrteilsverkĂŒndung löste sofort heftige und anhaltende Proteste und SolidaritĂ€tsbekundungen im Westen aus. Den Höhepunkt bildete der vom Komitee fĂŒr die Freilassung Rudolf Bahros veranstaltete âInternationale Kongress fĂŒr und ĂŒber Rudolf Bahroâ, der vom 16. bis 19. November 1978 in West-Berlin stattfand und von ĂŒber 2000 Teilnehmern besucht wurde. Die Breite der SolidaritĂ€tsbewegung illustriert ein Appell an den Staatsrat der DDR in der Frankfurter Rundschau vom 11. Mai 1979, der von Bahro-Komitees in 12 LĂ€ndern organisiert worden und von zahlreichen Prominenten unterzeichnet war. Hinzu kamen Auszeichnungen: Bahro wurde mit der âCarl-von-Ossietzky-Medailleâ der Internationalen Liga fĂŒr Menschenrechte ausgezeichnet und zum Mitglied des schwedischen und des dĂ€nischen P.E.N.-Zentrums ernannt.
Am 11. Oktober 1979 wurde Bahro anlĂ€sslich des 30. Jahrestages der GrĂŒndung der DDR gleichzeitig mit Nico HĂŒbner amnestiert. Am 17. Oktober wurde er zusammen mit seiner frĂŒheren Ehefrau, den beiden gemeinsamen Kindern und seiner LebensgefĂ€hrtin Ursula Beneke in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben. Dies entsprach seinem Wunsch; er hatte bereits im Juli einen entsprechenden Antrag gestellt, weil er in der DDR auch nach dem Ende seiner Haft keine sinnvollen BetĂ€tigungsmöglichkeiten mehr sah.
In der BRD schloss Bahro sich bald der in der Entstehung begriffenen Partei âDie GrĂŒnenâ an. Er setzte sich dafĂŒr ein, sozialistische und wertkonservative Strömungen in der neuen Partei zu vereinigen. Angesichts der ökologischen Krise sei ein âhistorischer Kompromissâ zwischen diesen beiden politischen Richtungen erforderlich. Diesen formulierte er in dem Buch Elemente einer neuen Politik â Zum VerhĂ€ltnis von Ăkologie und Sozialismus (1980). Ein wesentlicher Unterschied zu der Position, die er in der Alternative vertreten hatte, lag darin, dass er nun den klassischen Marxismus ĂŒberwinden wollte, da dieser den grundlegend verĂ€nderten Rahmenbedingungen nicht mehr angemessen sei.
Ein weiteres neues Hauptmotiv in Bahros Denken war die Religion. WĂ€hrend der Haft hatte er sich intensiv mit der Bibel befasst, und bei der Konfrontation mit der LebensrealitĂ€t im Westen fiel ihm auf, dass die Menschen trotz des materiellen Wohlstands nicht glĂŒcklich waren. Er interpretierte das als einen Mangel an Innerlichkeit und Transzendenz und verwarf damit die traditionell materialistische Ausrichtung des Sozialismus. Entscheidend sei das Ziel der Emanzipation des Menschen, das in unterschiedlicher Weise von Karl Marx und von Jesus Christus vertreten worden sei. In diesem Zusammenhang bezog sich Bahro vor allem auf das Urchristentum und auf die Befreiungstheologie.
Anfang 1980 wurde Bahro bei Oskar Negt an der UniversitĂ€t Hannover mit seiner in Merseburg zurĂŒckgewiesenen Dissertation promoviert, die dann als Buch unter dem Titel PlĂ€doyer fĂŒr schöpferische Initiative erschien. 1983 konnte er sich dort auch in Sozialphilosophie habilitieren.
Bei den GrĂŒnen, wo Bahro 1982 als Beisitzer in den Bundesvorstand gewĂ€hlt wurde, vertrat er zunehmend radikale Positionen, mit denen er bald ins Abseits geriet. Angesichts der damaligen Wirtschaftskrise propagierte er einen grundlegenden Umbau der Gesellschaft in wirtschafts-, umwelt- und sozialpolitischer Hinsicht, womit unter anderem ein weitgehender RĂŒckzug aus dem Weltmarkt und eine Abkehr von der Fixierung auf das kapitalistische Industriesystem verbunden sein sollte. Daneben engagierte er sich in der Friedensbewegung, wo er fĂŒr eine Ăberwindung der Blockkonfrontation und fĂŒr ein atomwaffenfreies Europa eintrat.
Unter dem Stichwort âKommune wagenâ mischte sich Bahro in die Diskussion ĂŒber alternative Lebensgemeinschaften ein, die in der GrĂŒndungsphase der GrĂŒnen lebhaft gefĂŒhrt wurde. Damit griff er ein bereits in der Alternative angesprochenes Motiv auf. Die VerĂ€nderung der Gesellschaft mĂŒsse im Kleinen beginnen, und das erfordere eine VerĂ€nderung der Menschen selbst, zu der auch eine Wiederentdeckung der SpiritualitĂ€t gehöre. Dabei bezog er sich insbesondere auf die Ordensgemeinschaft der Benediktiner und auf die mystische Gotteserfahrung.
1981 bereiste er die Koreanische Volksdemokratische Republik, wo er als Staatsgast empfangen wurde. Diese Reise sah er selbst als seine wichtigste Reise an: es sei ein Staat, der âbewundernswerte Aufbauleistung vollbrachtâ habe, und es bestehe dort ein System, in dem âsĂ€mtliche GrundbedĂŒrfnisse mit Sicherheit befriedigt werdenâ.[8]
Im Sommer 1983 verbrachte Bahro im Rahmen einer Vortragsreise durch die USA einige Wochen in der Kommune von Bhagwan Shree Rajneesh (Osho) in Rajneeshpuram (Oregon). Ăber dieses Experiment Ă€uĂerte er sich sehr positiv. Noch wĂ€hrend dieser Vortragsreise und dann auch im grĂŒnen Milieu in Deutschland sah er sich deshalb erheblichen Anfeindungen ausgesetzt. Nachdem Rajneeshpuram bald darauf aufgelöst worden war und Bhagwan die USA verlassen musste, nannte Bahro als Hauptgrund fĂŒr das Scheitern dieses Projekts die unreflektierten Machtstrukturen.
Nachdem die GrĂŒnen im MĂ€rz 1983 erstmals in den Bundestag gelangt waren, stellte sich die Frage, ob man mittelfristig eine Regierungsbeteiligung (mit der SPD) anstreben oder in der Opposition bleiben wolle. Bahro setzte sich entschieden fĂŒr die letztere Option ein und geriet dadurch vor allem mit Joschka Fischer in Konflikt. Es gebe, so Bahro, keinen Bedarf fĂŒr grĂŒne Reformen, sondern fĂŒr eine grundlegend neue Politik. In diesem Zusammenhang gebrauchte er in seiner aufsehenerregenden âHamburger Redeâ[9] im Dezember 1984 einen Vergleich mit der politisch-gesellschaftlichen Situation in der Weimarer Republik: Damals habe es ebenfalls eine breite Bewegung in der Gesellschaft gegeben, die mit den herrschenden VerhĂ€ltnissen unzufrieden war und diese verĂ€ndern wollte. Es komme jetzt angesichts der zu erwartenden Zuspitzung der Krise darauf an, die damaligen Fehler und damit eine neuerliche politische Katastrophe zu verhindern. In der Weimarer Republik habe der âbrauneâ Pol des politischen Spektrums (die Nationalsozialisten) die systemkritische Bewegung aufnehmen können, weil die Linke mit dem âim Gewand völkischer Mythologie daherkommenden Widerstand gegen die entfremdende kapitalistische Entwicklungâ nichts anfangen konnte. Damit die von Bahro erwartete âVolkserhebungâ diesmal gewaltfrei verlaufen könne, sei es wichtig, dass die GrĂŒnen ânicht verlorengehenâ, indem sie Teil des Systems werden. AuĂerdem plĂ€dierte Bahro fĂŒr die Ăberwindung des Rechts-Links-Schemas: Um aus der Minderheitenposition herauszukommen, mĂŒssten die GrĂŒnen auch âins Revier der bayrischen CSU eindringenâ.[10] Bahros Hamburger Rede gipfelte in dem Vorwurf, die âRealosâ um Joschka Fischer wĂŒrden aus Machtgier eine Situation anstreben, die zu einem BĂŒrgerkrieg und einer anschlieĂenden Diktatur fĂŒhren könne, was heftige Proteste seitens der Angesprochenen auslöste. Aber auch die konkurrierenden âFundisâ oder Ăkosozialisten um Jutta Ditfurth, die Bahro bislang als einen VerbĂŒndeten ansahen, waren befremdet.
Im Sommer 1985 trat Bahro aus der Partei aus und konzentrierte sich auf die Arbeit an einem neuen Buch, das 1987 unter dem Titel Logik der Rettung erschien. Darin beschrieb er eine âLogik der Selbstausrottungâ, der die Menschheit gegenwĂ€rtig folge, und stellte dem eine âLogik der Rettungâ entgegen, die im Wesentlichen in einem âBewusstseinssprungâ bestehen mĂŒsse, wenn der Untergang der Menschheit abgewendet werden solle.[11] Notwendig sei eine radikale Umkehr und ein weitgehender RĂŒckzug aus der industriellen âMegamaschineâ. Es komme darauf an, eine entsprechende âRettungspolitikâ in die Wege zu leiten, bevor die sich zuspitzende ökologische Krise zu einem Notstand und damit zwangslĂ€ufig zu einer Notstandsregierung fĂŒhre. Als Kennzeichen dieser Rettungspolitik nannte Bahro u. a. die Orientierung an langfristigen Zielen, den Verzicht auf kurzfristiges Taktieren und die Dezentralisierung der SouverĂ€nitĂ€t.[12] DafĂŒr mĂŒsse eine Mehrheit in der Bevölkerung gefunden werden, und diese Politik mĂŒsse von einer Bewegung getragen sein, die Bahro auch als âUnsichtbare Kircheâ bezeichnete, womit er die seiner Ansicht nach notwendige spirituelle Dimension betonte. Brauchbare AnsĂ€tze zu einer solchen Politik erwartete er eher aus konservativen als aus linken Kreisen, wobei er insbesondere auf den CDU-Politiker und Wachstums-Kritiker Kurt Biedenkopf Bezug nahm. Angeregt durch die Perestroika Michail Gorbatschows hoffte Bahro auf einen âFĂŒrsten der ökologischen Wendeâ, und er schlug die Einrichtung eines konsensorientierten, ĂŒber den Einzelinteressen stehenden Oberhauses Ă€hnlich dem britischen House of Lords vor. Das Buch stieĂ zunĂ€chst auf nur geringe und ĂŒberwiegend negative Resonanz. Kritisiert wurde vor allem Bahros Rede von einem FĂŒrsten der Wende und einer Unsichtbaren Kirche.
1986 veranstaltete Bahro in seinem Haus in Worms sogenannte LernwerkstĂ€tten, in denen ĂŒber seine Ideen diskutiert und meditiert wurde. Dann lernte er Beatrice Ingermann kennen, die in Niederstadtfeld (Eifel) schon seit 1983 ein Ă€hnliches Projekt betrieb, das zugleich eine Lebensgemeinschaft war. Bahro schloss sich diesem Projekt an. 1988 heiratete er Beatrice Ingermann, mit der er bald eine Tochter hatte.
Angesichts des rapiden Zerfalls der DDR zog Bahro Ende 1989 nach Ostberlin, um dem befĂŒrchteten âAusverkauf der DDRâ, ihrem âAufgesogenâ-Werden durch die BRD, entgegenzutreten. Er wollte sich dafĂŒr einsetzen, dass die DDR ihre Autonomie behalten und die seiner Meinung nach wichtigste politische Errungenschaft, den Primat der Politik ĂŒber die Wirtschaft, bewahren könne.
Am 16. Dezember 1989 erhielt Bahro Gelegenheit, vor den Delegierten des auĂerordentlichen Parteitages der SED zu sprechen, deren Vorsitzender eine Woche zuvor sein frĂŒherer Rechtsbeistand Gysi geworden war. Das Hauptthema des Parteitags war die Frage, ob die Partei sich auflösen oder fortbestehen wolle; man entschied sich schlieĂlich fĂŒr den Fortbestand unter dem neuen Namen âSED-PDSâ. Der Antrag Bahros, als Gastredner sprechen zu dĂŒrfen, fand nur eine knappe Mehrheit (54 %), und ihm wurden nur 30 anstelle der beantragten 45 Minuten gewĂ€hrt. Bahro war darĂŒber verĂ€rgert und musste improvisieren. Nach einer Verlesung der Namen aller Personen, die ihm bei der Alternative geholfen hatten, ĂŒbte er Kritik an seinem Vorredner, dem MinisterprĂ€sidenten und stellvertretenden Parteivorsitzenden Hans Modrow, des Weiteren an Karl Marx, Gorbatschow und Boris Jelzin. Im Anschluss daran prĂ€sentierte er kurz seine Vision eines âsozialökologischenâ Umbaus der DDR. Seine radikal-ökologischen Ideen, die zu diesem Zeitpunkt in der DDR noch kaum bekannt waren, lagen weitab von den Fragen, welche die Delegierten bewegten, und die polemische Einleitung erregte heftigen Unmut. Bahro kam zu dem Schluss, dass ihn mit dieser Partei nichts mehr verband.
Im FrĂŒhjahr 1990 begann er mit dem Aufbau eines provisorischen âInstituts fĂŒr Sozialökologieâ an der Humboldt-UniversitĂ€t. Im Unterschied zur ĂŒblichen Auseinandersetzung mit der ökologischen Krise sollte an diesem Institut ganzheitlich gedacht und vor allem auch die tieferen sozialen und kulturellen Ursachen der Krise erforscht und praktische Alternativen entwickelt werden. Bahro begrĂŒndete damit eine eigene gesellschafts- und geisteswissenschaftliche Schule, die nicht mit anderen zu verwechseln ist, die ebenfalls als Sozialökologie bezeichnet werden.[13]
Am 16. Juni 1990 wurde der vorbestrafte Bahro â wiederum vertreten durch Gysi â vom Obersten Gericht der DDR vollstĂ€ndig rehabilitiert. Am 15. September, kurz vor dem Ende der DDR, berief ihn der Minister fĂŒr Bildung und Wissenschaft zum auĂerordentlichen Professor fĂŒr Sozialökologie an die Humboldt-UniversitĂ€t. Ab dem Wintersemester 1990/1991 hielt Bahro regelmĂ€Ăig Vorlesungen zu Fragen der ökologischen Krise, in denen er seine in der Logik der Rettung aufgeworfenen Thesen weiterentwickelte.[14] Die Vorlesungen, zu denen er vielfach auch Gastredner einlud, richteten sich an Studenten aller Semester (Studium generale) und fanden auch reges Interesse bei auĂer-universitĂ€ren Hörern. In den ersten Jahren war das Audimax der UniversitĂ€t durchweg voll besetzt, und im Zusammenhang damit verkaufte sich auch das Buch Logik der Rettung wesentlich besser als zuvor. Das Institut blieb jedoch ein Provisorium, das nur dank der finanziellen Förderung durch die Schweisfurth-Stiftung bestehen konnte. Erst 1995 wurde es als Arbeitsgruppe der Landwirtschaftlich-GĂ€rtnerischen FakultĂ€t in die UniversitĂ€t aufgenommen.
Im Jahr 1990 kam der Vorwurf auf, Bahro strebe eine âĂkodiktaturâ an.[15] Besonders aggressiv vorgetragen wurde er durch den in ZĂŒrich gegrĂŒndeten Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis, der unter dem Titel Der Faschismus der Neuen Linken eine âökofaschistische Diktaturâ als Bahros eigentliches Ziel bezeichnete. Bahro widersprach dem empört, sah sich aber bald mit weiteren derartigen Anschuldigungen konfrontiert. Diese stĂŒtzten sich vor allem auf Zitate aus seinem Buch Logik der Rettung. 1992 schaltete sich auch seine frĂŒhere Parteifreundin Jutta Ditfurth in die Debatte ein, indem sie ihm in ihrer Streitschrift Feuer in die Herzen eine Hinwendung zu esoterischen, autoritĂ€ren und völkischen Ideen vorwarf.[16]
Neben seinen AktivitĂ€ten in Berlin war Bahro noch bis 1991 in der Lernwerkstatt in Niederstadtfeld aktiv, und er plante entsprechende Experimente mit neuen nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsformen in der ehemaligen DDR. Aus einem GesprĂ€ch mit dem sĂ€chsischen MinisterprĂ€sidenten Kurt Biedenkopf im Sommer 1991 entstand das sozialökologische Zukunftsforschungsprojekt LebensGut in Pommritz bei Bautzen.[17] Dort wird auch die an der Humboldt-UniversitĂ€t begonnene ganzheitlich-ökologische ForschungstĂ€tigkeit weitergefĂŒhrt.[18]
Im September 1993 nahm sich Bahros Frau Beatrice nach einem Ehestreit das Leben. Er war darĂŒber so schockiert, dass er sich fĂŒr ein Semester von den Vorlesungen befreien lassen musste. Im FrĂŒhjahr 1994 erkrankte er dann auch körperlich, und im Herbst desselben Jahres wurde eine seltene Form von Blutkrebs (Non-Hodgkin-Lymphom) diagnostiziert. Bahro war davon ĂŒberzeugt, dass seine Erkrankung die Folge traumatischer Erlebnisse wie des Freitods seiner Ehefrau sei und strĂ€ubte sich gegen eine konventionelle Therapie. Stattdessen nahm er diverse âalternativeâ Diagnoseverfahren und Therapien in Anspruch und zog sich vorĂŒbergehend in ein Kloster zurĂŒck. Erst als sich dort sein Zustand dramatisch verschlechtert hatte, lieĂ er sich wieder auf eine Chemotherapie ein. Im Mai 1995 heiratete er auf dem Krankenbett seine LebensgefĂ€hrtin Marina Lehnert, die sich schon lĂ€nger um seine Tochter kĂŒmmerte.
Nach einjĂ€hriger Unterbrechung wegen Krankheit konnte Bahro im Sommersemester 1996 seine LehrtĂ€tigkeit wieder aufnehmen, allerdings nur noch in beschrĂ€nktem Umfang. Seine letzte Vorlesung hielt er im Juli 1997. Danach zog er sich eine LungenentzĂŒndung zu, und auch der Krebs brach wieder aus.
Rudolf Bahro starb am 5. Dezember 1997 in Berlin. Er wurde auf dem dortigen DorotheenstÀdtischen Friedhof beigesetzt.
Einige Jahre nach Bahros Tod kam der Verdacht auf, dass seine Krebserkrankung und die zweier anderer ehemaliger politischer Gefangener durch heimliche Röntgenbestrahlungen wÀhrend der Haft mit ausgelöst worden sein könnte.[19][20]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Bahro, Rudolf |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Journalist, Politiker (BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen), Philosoph |
| GEBURTSDATUM | 18. November 1935 |
| GEBURTSORT | Bad Flinsberg |
| STERBEDATUM | 5. Dezember 1997 |
| STERBEORT | Berlin |