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Russische Rückständigkeit ist ein in der westlichen Welt entstandenes und von dort aus verbreitetes nationales Stereotyp. Wegen seines häufigen Auftretens und seines Schlagwortcharakters gilt es als politischer Mythos für die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Westeuropa während der letzten fünf Jahrhunderte. Der Begriff geht immer von einer zu erreichenden (begehrenswerten, vorbildlichen) Norm des fortschrittlichen Westeuropas aus, von der Russland abweicht. Somit wird dieses als verspätet, unterentwickelt und rückständig bezeichnet.
Ursprünge für einen Rückständigkeitsbegriff lassen sich bereits ab dem Mittelalter in Westeuropa finden. Im 16. Jahrhundert wird der Begriff noch flexibel austauschbar mit Attributen wie barbarisch, nordisch und asiatisch bezeichnet. Die Verwendung kennzeichnet eine chauvinistische Haltung westeuropäischer Reisender und Intellektueller in Verbindung mit kulturellen Missverständnissen (vgl. u. a. Siegmund von Herberstein).
Ausgebaut wurde das Konzept der russischen Rückständigkeit während der westeuropäischen Aufklärung im 18. Jahrhundert, wo es mit dem neuaufkommenden Osteuropa-Begriff das Gegenstück zum westeuropäischen Zivilisations- und Kulturbegriff bildet. Innerhalb Russlands wurde dem Rückständigkeitsvorwurf Westeuropas besonders unter Peter I. (1689–1725) und Katharina II. (1762–1796) mit vielen Versuchen der Europäisierung (auch Verwestlichung genannt) entgegengewirkt, die in der Beschäftigung mit aus Westeuropa stammenden philosophischen Theorien, historischen Schriften, Staatsmodellen oder Utopien (u. a. Kant, Hegel, Schelling) ihre Anfänge und unter dem Anstoß von Pjotr Tschaadajew (1794–1856) ihre stärkste Ausprägung in den Westlern fand.