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Schamanismus ist ein wissenschaftlicher Begriff, der die Welt der Glaubensvorstellungen und spirituellen Praktiken von Schamanen bezeichnet. Schamanismus hat schon früh das Interesse jener Forscher erregt, die sich mit Ethnologie, Religion und Religionsgeschichte beschäftigten, vor allem da Schamanen in vielen Naturreligionen die Fähigkeit zugeschrieben wird, in Bewusstseinszuständen wie der Ekstase in jenseitige Welten vorzudringen, indem sie die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit überschreiten.
Die Grenzen zwischen Schamanismus und Religion sowie zwischen Schamanismus und Magie sind fließend und werden in der Forschung kontrovers diskutiert. Auch zwischen den Forschungsdisziplinen, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, wie Ethnologie, Kulturanthropologie, Soziologie, Psychologie, Religionsgeschichte und anderen, besteht Uneinigkeit über Definitionen und Erklärungen des Schamanismus.
Der sibirische Schamanismus prägt immer noch stark das Bild des Schamanen, da er seit dem Ende des 17. Jahrhunderts, als Reisende aus Sibirien und Innerasien erstmals darüber berichteten, als Urbild angesehen wurde. Erst im 20. Jahrhundert erkannte man die Ähnlichkeiten mit Erscheinungen in vielen anderen Regionen der Erde. Gleichzeitig erbrachte die Vorgeschichtsforschung zunehmend Indizien für weit zurückliegende schamanische Formen, möglicherweise bis 30.000 Jahre vor unserer Zeit. Religionswissenschaftler erkennen in bestimmten Glaubensvorstellungen und Ritualen der Weltreligionen die Spuren früherer schamanistischer Traditionen. Heute sind schamanische Praktiken bei vielen Völkern, wie den Aborigines Australiens, den San Südafrikas oder den Indianern und Inuit Amerikas häufig und lassen sich neben oder in den jeweils vorherrschenden Religionen in vielen ethnischen Gruppen nachweisen.
Wegen des geheimnisvollen Nimbus, der den Schamanismus umgibt, erlebt er vor dem Hintergrund vor allem der strikt säkularen, materialistischen westlichen Welt[1] gegenwärtig eine Art Renaissance als sogenannter Neoschamanismus, ein Begriff der Esoterik, der Bestrebungen bezeichnet, aus dem Schamanismus abgeleitete Praktiken für eine spirituelle Entwicklung ohne viel zeitlichen Aufwand nutzbar zu machen.
Der von Eliade in den 1950er Jahren verwendete Begriff „Schaman-ismus“ (statt des älteren „Schamanentum“, das eher die lokalen Unterschiede betonte)[2] leitet sich vom deutschen Lehnwort „Schamane“ ab; ein Begriff, der sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Deutschland nachweisen lässt. Das Wort entstammt dem evenkischen (d. h. tungusischen) šaman, dessen weitere Etymologie umstritten ist. Das Wort könnte eine Ableitung von der tungusischen Wurzel ša- (denken, wissen) sein. Eine weitere Interpretation des Wortes greift auf die mandschu-tungusische Bedeutung „mit Hitze und Feuer arbeiten“ zurück. Vor allem im 19. Jahrhundert wurde sein Charakter als Lehnwort diskutiert: Vertreter der Theorie, der Schamanismus sei von Indien oder Tibet nach Zentralasien und Sibirien gekommen, leiteten den tungusischen Ausdruck vom indischen (Pali) samana her, was auf eine Beziehung zum Buddhismus hindeuten könnte. Allerdings bleibt die Entlehnungshypothese auch dann möglich, wenn man den Schamanismus als eigenständiges Phänomen begreift.
Bereits der sibirische Raum kennt aber keinen einheitlichen Begriff für die Figur des Schamanen. In Tuva, Khakassien und der Altai-Region bezeichnen sich Schamanen als kham (khami, gam, cham), wobei die Ähnlichkeiten zum Begriff des Kami auffällt, der für den japanischen, noch stark schamanisch[3] gefärbten Schintoismus zentral ist.[4] Die Schamanengesänge werden kham-naar genannt. Anstelle des tungusischen šaman gibt es im Mongolischen die Begriffe böö (männlich oder geschlechtsneutral) und zairan (männlich, oder Titel für „große“ Schamanen) und udagan für die Schamanin; in den Turksprachen heißt der Schamane kham. Im Zuge der Islamisierung ersetzte bei vielen Turkvölkern bakshi (aus sanskr. bhikshu) als generischer Begriff für vorislamische religiöse Spezialisten den einheimischen Ausdruck kham. Zahlreiche weitere Bezeichnungen für die Person des Schamanen waren regional stark begrenzt.[5]
Bei den Grundbegriffen fallen nicht nur religions- und medizingeschichtliche Bedeutungsunterschiede, sondern auch lokale Varianten auf; so werden etwa die amerikanischen Schamanen meist als Medizinmänner bezeichnet. Diese begrifflichen Unschärfen finden sich vielfach auch in der Forschungsliteratur.
(Quellen siehe unter[11])
Der Schamanismus wird wegen der Schwierigkeit, ihn klar gegen die eigentliche Religion im klassischen Sinne abzugrenzen, häufig recht allgemein phänomenologisch und anthropologisch als Auftreten „von Schamanen im Rahmen eines komplexen Systems von Glaubensvorstellungen“ definiert.[12] Es ist dies eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, dem sich alle kontroversen Forschungsmeinungen anschließen können. Weitgehend Einigkeit besteht in der Feststellung, dass es sich beim Schamanismus um die älteste, genauer nachweisliche Form religiösen Denkens beim Menschen handelt.[13] Der Schamanismus ist jedenfalls seit der frankokantabrischen Höhlenkunst des Aurignacien im Jungpaläolithikum relativ sicher nachweisbar, also ab etwa 30.000 B. P.,[14] nachdem die Entdeckung der Chauvet-Höhle mit ihren erstaunlich perfekten, einen langen Vorlauf voraussetzenden Bildern (sie kennen bereits die Perspektive) diese Grenze weit nach hinten geschoben hat.[15] Er ist bis heute weltweit in zahlreichen Religionen, Ethnien und Kulturen präsent, wobei Begräbniskulte, wie es sie schon bei den Neandertalern gab, etwa in den Höhlen von Shanidar und La Ferrassie vor 60.000 Jahren und in den Höhlen von Qafzeh und Skhul in Israel vor 90.000 bis 120.000 Jahren, auf ein noch viel höheres Alter religiöser Äußerungen hinweisen. Religiöses Erleben, das mit der Entstehung des menschlichen Bewusstseins verbunden zu sein scheint, begann vermutlich beim Homo erectus vor 500.000 Jahren, wie als Kulthandlungen interpretierbare arrangierte und bearbeitete Knochenreste Verstorbener vermuten lassen.[16][17]
Einen wichtiger objektiven Hinweis auf die Verbindung zwischen prähistorischer Felskunst und schamanischen Praktiken hat unterdessen Lorblanchet gefunden. Im Selbstversuch stellte er fest, dass, wenn man die dabei häufig eingesetzte Farbe Manganoxid, wie dies noch bei den Aborigines praktiziert wurde, als Farbschlamm in den Mund nimmt und auf die Felswand bläst, sich eine halluzinogene Wirkung einstellt, so dass eine der zentralen Bewusstseinszustände von Schamanen entsteht.[18]
Schamanen sind Menschen, die sich mit Hilfe von Ekstasetechniken auf transzendenten Wegen in metaphysische Regionen begeben, um dort für ihr gesellschaftliches Umfeld bestimmte nützliche Ziele zu erreichen.[19] Sie sind keine Priester im klassischen Sinne, die in systematisierten Religionen eine hierarchisch definierte Mittlerposition zwischen Gläubigen und Gottheit einnehmen und die Machtansprüche des religiösen Apparates vertreten. Vielmehr werden sie von der Gemeinschaft (Familie, Sippe oder Stamm) als Vermittler zwischen Diesseits und Jenseits betrachtet. Ihre Fähigkeiten beruhen nicht auf menschlich bestimmten Auswahlprinzipien, sondern werden ihnen von metaphysischen Mächten oft regelrecht aufgezwungen und machen sie zum Teil zweier Welten. Nur so ist ihre Vermittlertätigkeit überhaupt möglich. Die Übergänge zum Magier, Medizinmann oder Zauberer sind jedoch fließend und nicht genau abgrenzbar.[20] Oft folgen diese Bezeichnungen nur ethnologischen, kulturspezifischen bzw. lokalen Traditionen (z. B. bei den Indianern, siehe unten) und sagen wenig oder nichts über das eigentliche geistige Substrat der ausgeübten Techniken aus. Trotz vieler Gemeinsamkeiten variieren sowohl die praktizierten Riten wie die dafür benötigten Utensilien zwischen den Ethnien erheblich. Das klassische, am sibirischen Schamanen orientierte Vollbild ist nicht überall gegeben. Vielmehr bestehen weltweit zahlreiche interkulturelle Varianten des Schamanismus und der Schamanen, so dass sich ein doktrinäres Vorgehen bei der Interpretation aus zeitlichen wie räumlichen Gründen verbietet.
Ausschlaggebend für das Verständnis von Schamanen und Schamanismus war zunächst jedoch tatsächlich der sibirische Schamanismus. Er gilt heute in der Forschung (siehe Forschungsgeschichte des Schamanismus) historisch als Vorbild für ein – wie man später erstaunt herausfand – weltweites Religionsphänomen. Heute gilt er jedoch nur noch als ethnischer Spezialfall und keinesfalls als eine Art Urbild, da er ebenfalls zahlreiche Entwicklungen durchgemacht hat, zahlreiche Varianten aufweist (vor allem in Richtung nach Osten und Innerasien, wo die Ureinwohner Sibiriens ursprünglich herkamen) und insbesondere buddhistische, später auch christliche Einflüsse aufgenommen hat. Ihn als Urbild anzusetzen wäre außerdem eine unzulässige Vermischung von Ethnologie und prähistorischer Archäologie. Weitaus ältere Formen sind zum Beispiel der Schamanismus der Aborigines oder der San. Auch Aleuten, Eskimos und Indianer zeigen vielfach ein älteres Bild. Inzwischen ist es Konsens geworden, den sibirischen Schamanismus als eine – allerdings methodisch wichtige – ethnische Variante unter vielen anderen anzusehen. Bestimmte grundlegende Phänomene (Himmelsreise, Trance, Heilungen, Jenseitsreise, Riten etc.) sind bei ihm besonders einfach zu beobachten. Deshalb hat man sie lange Zeit in ihrer sibirischen Form als praktikable Modelle genommen, ohne jedoch einen Absolutheitsanspruch zu formulieren. Auch in diesem Artikel dient die Bezugnahme auf eine Art allgemein akzeptierten Standard als Referenzmodell, zumal der sibirische Schamanismus auch ethnisch mit dem amerikanischen und asiatischen eng verbunden ist.[21]
(Siehe dazu auch Forschungsgeschichte des Schamanismus)
Die ersten europäischen Reisenden beschrieben den Schamanismus seit Ende des 17. Jahrhunderts bei verschiedenen indigenen Völkern Sibiriens und Innerasiens in meist kolonialistisch-westlicher Überheblichkeit als primitiv. Die frühesten, meist deutschen und von der Aufklärung inspirierten Erforscher Sibiriens wie Georg Wilhelm Steller, Johann Gottlieb Georgi, Gerhard Friedrich Müller und andere verurteilten den Schamanismus als „erbärmliches und vulgäres Spektakel“ der Einheimischen und als „Irrglauben“ der Eingeborenen. Johann Gottfried Herder erneuerte das Verständnis indigener Religionen und schuf damit eine Gegenbewegung. Im Verlauf der deutschen Romantik verklärten dann Autoren wie Ferdinand von Wrangel den Schamanismus und bezeichneten Schamanen als „eingeborene Genies“, die als „kreative Persönlichkeiten mit scharfem Verstand, starkem Willen und sprühender Einbildungskraft“ ihrer Berufung folgten. Friedrich Schlegel zeigte in seiner Monographie Über die Sprache und Weisheit der Indier Verbindungen zwischen dem altindischen und germanischen Raum auf und war der Erste, der Sanskrit bei der Etymologie des Schamanismus-Begriffs mit einbezog.[23]
Weitere Faktoren, welche das Verständnis des Schamanismus beeinflussten, waren die russische Landnahme Sibiriens ab dem 17. Jahrhundert, die orthodoxe Christianisierung im 19. Jahrhundert und die Oktoberrevolution im 20. Jahrhundert. Durch diese sozial, wirtschaftlich und politisch-religiös umwälzenden Vorgänge wurde der Schamanismus zunächst als etwas Primitives, Unterentwickeltes, Heidnisches und zuletzt gesellschaftlich Reaktionäres diskriminiert.
Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff dann im Gefolge der Forschungen von Wilhelm Radloff nach und nach von diesem spezifischen kulturellen Raum auf ähnliche Erscheinungen weltweit übertragen, als man Ähnlichkeiten erkannte. Die sich nun als Wissenschaft etablierende Ethnologie entwickelte zunächst dazu allerlei teils abstruse Theorien, in denen man etwa den Schamanismus als Zeichen „arktischer Hysterie“ (so der Anthropologe William W. Howells noch 1948) und den Schamanen selbst als psychopathischen Außenseiter seiner Gesellschaft denunzierte.[24] Mircea Eliade war es schließlich, der den Schamanismus aus einer kulturphilosophischen, mitunter allerdings sehr spekulativen Perspektive betrachtete und in ihm die gemeinsame Urreligion der Menschheit sah, die älteste Form des Heiligen, wobei er ihn allerdings verklärte und Schamanen als charismatische Heldengestalten ansah.
Solche Änderungen der wissenschaftlichen Sichtweisen spiegeln sich auch in der Terminologie. Die Bezeichnung eines Schamanen als Medizinmann wird von den indigenen Bevölkerungen Nordamerikas als einseitig und abwertend kritisiert, da sie dessen Funktion auf die Aufgabe eines exotischen „Wunderheilers“ einschränkt. George Catlin, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die amerikanischen Indianergebiete bereiste und darüber wertvolle und ausführliche Berichte hinterließ, schreibt: „Die Indianer bedienen sich jedoch nicht des Wortes »Medizin«, sondern jeder Stamm hat ein eigenes Wort dafür, das gleichbedeutend ist mit »Geheimnis« oder »Geheimnismann«“. Die Bezeichnung entstammte vielmehr dem Wortschatz und Sprachgebrauch der Weißen, die die genaue Funktion der indianischen Schamanen damals nicht begriffen und nur deren Funktion als Arzt bzw. Heiler sahen, die allerdings erst vor dem Hintergrund des geheimen Schamanenwissens möglich war. Da die französischen Händler einen Arzt als médecin bezeichneten, kam es zu diesem irreführenden Sprachgebrauch,[25] zumal es bei den Indianern durchaus auch Schamanenpriester gab, die nicht gleichzeitig Medizinmänner waren, etwa bei den Pawnee.[26] Für noch abfälligere Bezeichnungen wie „Zauberdoktor“ usw. gilt ähnliches.
Ob der Schamanismus eine eigene Religionsform ist oder nicht, ist umstritten und hängt von unterschiedlichen Definitionen von Religion ab. Hoppál etwa meint, nachdem er zunächst den Schamanismus nicht als Religion im traditionellen Sinnen definierte: „Der Schamanismus ist ein kognitives Universum, das höchstens von außen betrachtet wie eine Glaubensvorstellung wirkt, von innen gesehen aber eine tiefe Überzeugung darstellt, denn sie wissen, sie wissen glaubend, und sie haben die (heilende) Kraft des Schamanen oft erfahren“.[27] Eine allgemein anerkannte und dazu scharf umrissene Definition von Schamanismus existiert jedenfalls nicht, vielmehr gibt es mehrere, je nach der ethnologischen, prähistorischen, kulturanthropologischen, psychologischen oder religionsgeschichtlich orientierten Betrachtungsweise. Meist versteht man darunter heute allgemein ein religiöses und/oder magisches Phänomen, das einen religiösen Mittler mit bestimmten psychischen Eigenschaften in seinem Zentrum hat.[28]
Zentrale Figur des Schamanismus und ihr eigentlicher Wesenskern ist somit der Schamane – der Priester ist das in den systematisierten Religionen ja nicht, sondern die Gottheit –, dessen besondere psychische Eigenschaften ihn zu Reisen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits befähigen, indem er aus sich heraus tritt (zu griech. ékstasis: Aussichherausgetretensein), und der diese besondere Fähigkeiten zum Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Als wesentliche Elemente der schamanischen Praxis gelten daher die Interaktion mit Geistwesen, Trance bzw. Ekstase (veränderte Bewusstseinszustände) und das Motiv der Seelenreise. Insgesamt nimmt man an, dass es sich beim Schamanismus um eine der ältesten Formen des religiösen Verhaltens beim Menschen handelt.[29] Es ist aus weltweit hinterlassenen Zeugnissen zu erschließen und bis heute in verschiedenen Ethnien und Kulturen zu erkennen.[30] Damit hat das Phänomen Schamanismus von vornherein einen ethnisch-kulturellen wie einen prähistorisch-religiösen, dazu einen nicht zu unterschätzenden sozialen Aspekt. Der Religionswissenschaftler Joseph Campbell schreibt denn auch:
„Die gesellschaftliche Funktion des Schamanen war es, als Dolmetscher und Vermittler zwischen dem Menschen und den Mächten hinter dem Schleier der Natur zu wirken.“
– Mythologie der Urvölker, S. 327
Prähistoriker wie André Leroi-Gourhan, Henri Édouard Breuil, David Lewis-Williams und Annette Laming-Emperaire vermuten Hinweise auf Frühformen des Schamanismus schon in steinzeitlichen Funden, insbesondere in der frankokantabrischen Höhlenkunst.[31] Sie sind sich aber uneinig, ob es sich dabei nun um Schamanismus oder um Magie handelt, die als Begriff allerdings genauso unbestimmt definiert und ebenso umstritten ist wie der Schamanismus. Beide Begriffe sind aus der vorliegenden Literatur theoretisch nicht sinnvoll abzugrenzen, so dass sie etwa Leroi-Gourhan gleichrangig bespricht und auch den Begriff der „Religion“ nur in sehr beschränktem Sinn verwendet als „Manifestation solcher Tätigkeiten,… die den materiellen Bereich überschreiten“.[32] Da das schamanische und das magische Konzept ineinander übergehen, wie auch Eliade konstatiert,[33] bietet es sich an, beide hier gleichrangig zu besprechen und den grundlegenden Unterschied zwischen den aktiv magischen und den passiv schamanischen Praktiken im Einzelfall als sinnvolle Differenzierung zu verwenden:
Tatsächlich kommen schamanische und magische Praktiken häufig als Mischformen vor, was die Schwierigkeiten bei ihrer Einordnung im jeweils akuten Fall mit erklärt.[37] In seiner Definition umschrieb Vajda 1964 den Schamanismus mit folgenden acht Hauptcharakteristika:
Vor allem diese Diskrepanz zwischen Schamanismus auf der einen und Magie auf der anderen Seite bereitet bis heute Probleme. Selten lassen sich reine Formen dieser beiden Weltbewältigungstechniken finden, die sich der Mensch erdachte, um das ihm Unverständliche zu erkennen und es auf diese Weise beeinflussen zu können; jedoch eher defensiv im Schamanismus und eher aggressiv in der Magie, so dass Eliade kursorisch feststellt: „Im allgemeinen lebt der Schamanismus mit anderen Formen von Magie und Religion zusammen“.[33] Man entgeht den enzyklopädischen Definitionsproblemen des Schamanismus am besten dadurch, dass man grundsätzlich zwei parallele, vor allem anthropologisch ausgerichtete Konzepte[39] akzeptiert, welche gleichzeitig die beiden hauptsächlich in der Forschung diskutierten Richtungen und deren jeweilige Interessenvektoren repräsentieren:
Auf diese Weise lassen sich Mischformen zwischen beiden Konzepten postulieren und akzeptieren, die durchaus vorwiegend magisch daherkommen können. Selbst die schamanischen Spuren in den großen Weltreligionen lassen sich so befriedigend im Sinne einer „methodischen Mengenlehre“ darstellen, bei der die Beziehungen der verschiedenen Teilmengen von Interesse sind. Die moderne Forschung geht zunehmend diesen Weg. Dass die Trennung dieser beiden Betrachtungsaspekte keineswegs willkürlich ist, sondern dass ihr ein übergreifendes psychologisches Muster zugrunde liegt, hat schon Joseph Campbell erkannt, denn er schreibt im 1. Teil seines 1959 erstmals erschienenen, grundlegenden Werkes zur „Mythologie der Urvölker“:
„Als wesentlicher Punkt, …, lässt sich festhalten, dass im Erscheinungsbild der Mythologie und Religion zwei Faktoren unterschieden werden müssen: der nicht-historische und der historische. Im religiösen Leben der »zupackenden«, allzu geschäftigen oder schlicht unbegabten Mehrheit der Menschen überwiegt der historische Faktor. Das ganze Ausmaß ihrer Erfahrung bewegt sich im öffentlichen Bereich ihrer Kultur und lässt sich historisch untersuchen. In den geistigen Krisen und Erkenntnissen der »einfühlenden« Personen mit mystischem Einschlag jedoch ist es der nichthistorische Faktor, der überwiegt, und für sie ist die Bilderwelt ihrer Überlieferung – einerlei wie hoch entwickelt sie sein mag – lediglich ein mehr oder weniger taugliches Mittel dazu, eine Erfahrung wiederzugeben, von der sie jenseits des Gesichtskreises dieser Bilderwelt mit unmittelbarer Gewalt getroffen wurden. Denn religiöse Erfahrung ist psychisch und im tiefsten Sinne spontan; sie vollzieht sich im Inneren und wird von historischen Umständen gefördert oder behindert, ist aber von der Hudson-Bay bis Australien, vom Feuerland zum Baikalsee in gleichem Maße konstant.“
– Die Mythologie der Urvölker, S. 296.
Hultkrantz definiert: „Der Schamanismus bildet ein religiöses Glaubenssystem, das auf religiöser Erfahrung und sakralen Mythen sowie auf Riten beruht. Letztere finden ihren Ausdruck durch kulturspezifische schamanistische Techniken, unter denen Trance oder Ekstase eine hervortretende Rolle spielen.“[40]
Frühformen des Schamanismus in der Religionsgeschichte sind rein historisch betrachtet relativ eindeutig und nur insofern umstritten, als Uneinigkeit darüber herrscht, ob sie eher im Paläolithikum oder im Neolithikum anzusiedeln sind.[41] Problematisch wird der Schamanismus als postuliertes Phänomen der Gegenwart in den unterschiedlichsten Ethnien und sogenannten Naturreligionen, mit dem anschließenden Versuch einer historischen Einordnung oder gar Ableitung. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass selbst statische Gesellschaften von sogenannten Naturvölkern innerhalb größerer Zeiträume Veränderungen unterliegen. Deren Ursache, etwa Klima- und andere Umweltveränderungen, Wanderungen oder Invasoren, sind wegen der Schriftlosigkeit solcher Völker meist kaum bekannt, genauso wenig wie die Faktoren, die auf die imaginativen Bereiche dieser Kulturen eingewirkt und diese verändert haben. Lediglich die Mythen dieser Völker können Hinweise bieten, doch ist diese Quelle, wie Thomas Mann in der Einleitung zu Joseph und seine Brüder schreibt und worauf sich Campell in der Einleitung zu „Mythologie der Urvölker“ ausdrücklich bezieht, „möglicherweise gänzlich unerlotbar“. Ein Beispiel für diese wissenschaftliche Problematik ist das angeblich völlige Fehlen des Schamanismus auf dem afrikanischen Kontinent, in Melanesien mit Neuguinea, in Polynesien, im gesamten Bereich der archaischen Hochkulturen und ihren Einflussgebieten einschließlich der präkolumbianischen Hochkulturen, in Europa, Vorder-, Mittel- und Südasien sowie in den zentralen Teilen Indonesiens.[42] In Anbetracht des terminologischen Wirrwarrs bei diesen sogenannten Naturreligionen seien daher zunächst einige konzeptuell überwölbende und/oder konkurrierende, sich überschneidende oder auch nur phänomenologisch oder als Teilaspekte relevante Begriffe mit ihren Beziehungen zum Schamanismus kurz dargestellt.
Die komplexe Beziehung der beiden Begriffe Magie und Schamanismus wurde schon weiter oben dargestellt, auch die Umstrittenheit dieser Beziehung in der Wissenschaft. Dies liegt vor allem an definitorischen Unschärfen sowie an der Tatsache, dass der neutrale Begriff „Schamane“ nach und nach die diskreditierten oder noch unschärferen Begriffe wie Zauberer, Hexe(r), Medizinmann, Magier etc. ersetzte.[43] Religionsgeschichtlich lassen sich somit Schamanismus und Magie nicht voneinander trennen oder gar abgrenzen. Sie sind vielmehr, wie schon Bronislaw Malinowski feststellte, wie die Religion unterschiedliche Teile des Sakralen, also des Übernatürlichen, die sich in ihren Zwecken unterscheiden. Dabei sind Magie und Schamanismus auf unterschiedliche Weise zielgerichtet. Religion entspricht hingegen einem System von Handlungsformen, das seinen Zweck in sich selbst hat. Religiöse Handlungen werden ausgeführt, weil es Brauch ist, sie angeordnet wurden oder weil ein Mythos dies verlangt.[44] Die Beschreibung der Beziehungen der drei Begriffe erfolgte psychologisch bei Sigmund Freud und Carl Gustav Jung, ökonomisch und soziologisch bei Max Weber, Émile Durkheim, Marcel Mauss und Karl Marx, kulturphilosophisch bei Oswald Spengler, Leo Frobenius und de facto zumindest partiell auch bei Mircea Eliade, ja sogar evolutionsbiologisch und anthropologisch mit teils bedenklichen Folgen bei Herbert Spencer und Edward Tylor. Die jeweiligen Perspektiven sind nie völlig falsch, indes auch nie vollständig. Die vorwiegend ethnologische Betrachtungsweise hat sich allerdings, abgesehen von den bis zu einem gewissen Grade spekulativen archäologischen Befunden zu den vorgeschichtlichen Religionen, inzwischen als die objektivste durchgesetzt. (Weiteres siehe unter „Forschungsgeschichte“)
Der französische Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss verfolgte einen strikt soziologischen Ansatz. Er sah die sozialen Bedingungen als entscheidende Determinante der Unterscheidung zwischen magisch aktivem Schamanen und Religion: „Es ist also die Anschauung, die den Magier und seine Einflüsse schafft.“[45] Die Magie ist demnach der Religion entgegengesetzt und vor allem geschicktes Handeln, wobei der Schamane an die Realität seiner Macht glaubt. Schamane, Hexer und Häuptling sind Resultat von Rollenkonstruktionen, die durch kollektive Erwartungen gesichert und bestätigt werden. Die Bewertung von Besessenheitsphänomenen hängt dabei von den Grenzen der Normalität ab, welche in der Gesellschaft gezogen sind. Heilige Dinge sind somit stets soziale Dinge. Die Funktion des Opfers ist dabei, eine Verbindung zwischen der heiligen und der sozialen Welt herzustellen.[46] Der belgische Religionsanthropologe Julien Ries hebt den Unterschied zwischen religiösen und magischen Riten wie folgt hervor: „So möchten wir unterstreichen, dass die Magie vom Wunsch nach Beherrschung mit Hilfe besonderer kosmischer Kräfte bestimmt wird, während sich die Religion der Transzendenz zuwendet. Die religiösen Riten sind im Kontext der Hierophanien wirksam, während die magischen Riten Mächte zu Hilfe rufen, die keine Beziehung zum Sakralen haben (J. Cazeneuve: Sociologie du rite, Paris 1971)“.[47]
Zuerst seien einige verwandte Begriffe betrachtet, die in der Theorie mitunter eng mit dem Schamanismus verwoben sind oder waren und teils ergänzende oder konkurrierende, von oft isolierten Phänomenen ausgehende Konzepte ausbildeten oder in deren Mittelpunkt standen bzw. noch stehen.
Animatismus
Animatismus galt zeitweise als allererste Form religiösen Denkens, wurde daher auch als Präanimismus bezeichnet und vor allem in den 1920er Jahren heftig diskutiert. Die von Adolf Ellegard Jensen so genannte Zaubertheorie wurde von ihm in Mythos und Kult bei Naturvölkern heftig kritisiert und ist heute obsolet.[48] Ihr Urheber, Konrad Theodor Preuss, legte seiner Theorie einen eher verschwommenen Begriff des Zauberns zugrunde, bei dem der Mensch glaube, er könne auf die Götter einwirken und die Erfüllung seiner Wünsche erzwingen, also ein wesentlich magisches Verhalten, das erst für das Neolithikum eindeutig zu belegen ist.[49] Die Zaubertheorie, die im Gegensatz zum Animismus richtige Götter vorsah, galt zunächst als großen Fortschritt gegenüber der Animismustheorie Tylors.
(Quellen siehe unter[50])
Animismus
Der von Edward Burnett Tylor 1871 eingeführte Begriff Animismus wird häufig missverständlich im Sinne von Pantheismus verwendet. Man muss dabei unterscheiden zwischen:[51]
„Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Erklärung eines einzelnen Phänomens, sondern gestattet es, das Ganze der Welt als einen einzigen Zusammenhang, aus einem Punkt zu begreifen. Die Menschheit hat, wenn wir den Autoren folgen wollen, drei solche Denksysteme, drei große Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht: die animistische (mythologische), die religiöse und die wissenschaftliche. Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die folgerichtigste und erschöpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos erklärt.“
– Totem und Tabu, S. 127
Freuds und Piagets Meinung allerdings, der Animismus sei bei Kindern (und Neurotikern) der westlichen „zivilisierten“ Gesellschaften derselbe wie bei Erwachsenen der sogenannten Naturvölker oder „primitiven Gesellschaften“, wurde von Margaret Mead bereits 1928/1929 widerlegt, die bei Untersuchungen von Kindern des Manus-Volkes auf Neuguinea nachwies, dass diese keinerlei Anzeichen einer Personifizierung von Gegenständen zeigten.[54] Sie zog daraus den Schluss, dass bereits der kindliche Mensch Tendenzen zum animistischen wie auch zum rationalen Ursache-Wirkungs-Denken besitzt, die je nach dem Erziehungsmuster gefördert oder unterdrückt werden, wobei im Falle der Manus im Verlaufe des Erziehungsprozesses eher die rationale, nicht animistische Denkweise bei den Kindern unterdrückt wurde und sie daher erst als Erwachsene zum animistischen Denken tendierten.[55]
(Quellen siehe unter[56])
Animalismus
Gemeint ist hier nicht der philosophisch-soziologische Begriff Werner Sombarts, vielmehr das religionsgeschichtliche Konzept, das im engeren Sinne die kultische Verehrung bestimmter Tiere umschreibt, die als beseelt und damit als Sitz höherer Mächte angesehen werden. Er gehört noch in die schamanische Vorstellungswelt der Jäger und Sammler. Ausdruck des Animalismus ist die sogenannte Jagdmagie, die Vorschriften für die Vorbereitung, Ausführung und Beendigung der Jagd enthält und in deren Zentrum der Herr der Tiere oder die Herrin der Tiere steht, die um Erlaubnis gebeten und für den Verlust, den sie durch die Jagd erlitten haben, entschädigt werden müssen (etwa durch Opferung bestimmter Teile wie Knochen, Fell etc.).[57] Viele Höhlenbilder und Felsbilder werden von der Forschung als Jagdmagie gedeutet, obwohl es hier zahlreiche Kontroversen gibt. Insgesamt findet sich hier bereits eine Verengung des Animismus auf bestimmte Tiere. Bereits auf den Felsbildern des Paläolithikums findet man dabei Hinweise auf die Theriokephalie, die Tierköpfigkeit menschlicher Gestalten, die hier noch als eventuell maskentragende Schamanen gedeutet werden.[58] Im Neolithikum ist die Theriokephalie, in ihrer Maskenform ohnehin eine Spätentwicklung im Zusammenhang mit Hochreligionen (siehe unten). dann aber möglicherweise bereits Zeichen des Überganges von Tiergöttern zu Göttern mit Tierattributen, wie man sie etwa im ägyptischen Pantheon reichlich findet.[59]
(Quellen siehe unter[60])
Totemismus
„Im Totemismus kann man sozusagen zwei Verhältnisglieder unterscheiden, ein Subjekt (eine Menschengruppe) und ein Objekt (ein Totem)“. Man unterscheidet einen Sippentotemismus, einen geschlechtergebunden Totemismus und einen Individualtotemismus. Totems sind meist Tiere, seltener Pflanzen, sehr selten Gegenstände. Sie sind nicht göttlicher Natur oder ein höheres Wesen, sondern signalisieren eine intensive Verbindung[61]
Der schon von John Ferguson McLennan, Émile Durkheim, James George Frazer und anderen eingeführte und theoretisch diskutierte Begriff des Totems ist in Sigmund Freuds berühmter Schrift Totem und Tabu einer tiefenpsychologisch-kulturanthropologischen Analyse unterzogen worden, die bis heute weitgehend Gültigkeit hat. Der von den nordamerikanischen Indianern (den Ojibwa, einem Stamm der Algonkin) geprägte Terminus bezeichnet zunächst die unter dem Schutz des durch das Totem bezeichneten Tiergeistes stehende Stammes- oder Clanidentität, welche durch eine mystische Verwandtschaft begründet ist. Ein Totem gilt aber auch als Schutztier von Einzelpersonen. Es ist damit eine spezielle Ausdrucksform des Animalismus, bei der die integrative und Schutzfunktion eines häufig gefährlichen oder imposanten Tieres im Vordergrund steht, das gewöhnlich von der Jagd ausgenommen bleibt. Es ist jedoch schwierig, ein Totem als Phänomen allgemeingültig und mit allen weltweiten Varianten zu definieren, wie Claude Lévi-Strauss gezeigt hat.[62] In der Religionsgeschichte ist der Totemismus daher die Gesamtheit der Theorien, die im Totem den Ursprung der Religion oder die Grundlage von Verhaltensweisen und Institutionen in archaischen Gesellschaften sehen wollen.[63] Hinweise für einen Totemismus liefert bereits die paläolithische Höhlenkunst, vor allem der Bärenkult.[64] Auch im frühen Neolithikum hat es den Totemismus eindeutig gegeben.[65] In rezenten Kulturen ist ein Totem jedoch häufig nur noch ein rein äußerliches, figuratives Symbol der Gruppenzusammengehörigkeit. Die älteste, relativ sicher interpretierbare Form des Totemismus findet sich bei den Aborigines Australiens.[66] Vor allem bei S. A. Tokarew bildete der Totemismus eine wesentliche Grundlage seiner Deutung früher und „primitiver“ Religionen, die er wie alle Religionen als „eine Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, eine Form der Ideologie“ betrachtete.[67]
(Quellen siehe unter[68])
Fetischismus
Der Fetisch (zu lat. factitius: nachgemacht, künstlich; in den afrikanischen Sprachen gibt es dafür keine Entsprechung) – gemeint ist hier nicht die der Anthropologie entlehnte psychologische, sondern die religionsgeschichtliche Bedeutung –, bezeichnet einen Gegenstand mit metaphysischer persönlicher oder unpersönlicher Macht. Dieses ursprünglich aus Westafrika stammende Konzept ist im Grunde wie der Totemismus eine eingeschränkte Spielart animistischer Grundvorstellungen, die ohnehin zu einer gewissen Partikularisierung neigen,[69] nicht jedoch, wie der französische Geograph Charles de Brosses 1760 in seinem Buch Du culte des dieux fétiches annahm, der Ursprung aller Religion.[70]Jeder Gegenstand kann zum Fetisch werden. Amulette sowie die sogenannten Wächterfiguren des afrikanischen Ahnenkultes sind Spezialfälle des Fetisches, der ansonsten durchaus magische Qualitäten entfalten kann und bei Versagen einfach durch einen neuen ersetzt wird. Der Fetischismus ist somit keine eigentliche Religion, sondern ein Phänomen, das in andere Religionen eingebettet ist und von der Macht höherer Wesenheiten abhängt. Der christliche Reliquienkult des Mittelalters ist im übrigen wohl ein Restbestand des animistischen Fetischismus. Verbreitet ist der Fetischismus in der Moderne vor allem im aus Westafrika, vor allem Benin stammenden Voodoo. Ob es sich bei fetischistischen Vorstellung mehr um abstrakt symbolische Vorgänge oder um konkret reale handelt, also um den noch in der christlichen Theologie (z. B. bei der Eucharistie) virulenten Unterschied zwischen „bedeuten“ und „sein“, ist umstritten.
Pantheismus
Der vom niederländischen Theologen J. de la Faye 1709 geprägte Begriff des Pantheismus (zu griech. pan: alles und griech. théos: Gott) hat mit den frühen religionsgeschichtlichen Phänomenen etwa des Animismus nichts zu tun, wird aber gerne mit ihnen verwechselt. Vielmehr handelt es sich dabei um eine vor allem im 18. Jahrhundert in Europa aktuelle philosophische Strömung, die ihren Höhepunkt im Pantheismusstreit fand, an dem sich unter anderem Herder, Goethe und Immanuel Kant beteiligten und der letztlich in den deutschen Idealismus des 19. Jahrhunderts und in die Romantik mündete.
Dieser auch „Allgottlehre“ genannte philosophische Pantheismus postuliert, dass Gott in allen Dingen lebt (Spinoza: Sive deus sive natura), ja das Leben des Weltalles selbst ist, Gott und Natur eins seien. Gemeint ist hier, obwohl bereit griechische Philosophen der Antike das Konzept erdachten, ausschließlich der abrahamitische Gott, nicht die von Geistern bevölkerte und durch sie belebte Natur in der Vorstellung der Menschen der Vorgeschichte. Eine Variante davon ist der Panvitalismus, der das All als solches für grundsätzlich von belebter Materie erfüllt sieht. Eine weitere philosophische Variante stellt der Panentheismus dar. Inwieweit all diese Konzepte von dem Menschen inhärenten animistischen Vorprägungen bestimmt sind, ist eine interessante Frage, die in den Bereich führte, der durch die evolutionäre Erkenntnistheorie bestimmt wird.
(Quellen siehe unter[71])
Polytheismus
Im Unterschied zum seit dem 17. Jahrhundert philosophisch diskutierten Deismus, der einen unpersönlich und passiv außerhalb der Welt stehenden Schöpfergott postuliert (Uhrmachergott) und dem Theismus, der an einen einzelnen Schöpfergott als persönlichen und eingreifenden Weltlenker-Gott glaubt, der aber nicht wie im Pantheismus in allen Dingen wohnt, versteht man unter Polytheismus allgemein die Verehrung vieler, meist personal und funktional differenzierter Götter (griech. polýs: viel), vor allem im Gegensatz zum Monotheismus (griech. mónos: allein, einzeln, einzig), der nur eine einzige, meist als absolut allmächtig empfundene Gottheit kennt. Eine Zwischenform stellt der Henotheismus dar (griech. hén, Gen. henós: einer), bei dem ein höchster Gott verehrt wird, der jedoch andere, niederere Götter neben sich hat (afrikanische Religionen zeigen das Phänomen oft). Religionsgeschichtlich lässt sich häufig eine Entwicklungslinie Polytheismus → Henotheismus → Monotheismus ziehen.[72] Ob diese Linie mit Animismus/Schamanismus → Animalismus → Theismus/Polytheismus beginnt, ist allerdings hoch umstritten. Nur die Tatsache, dass Animismus/Schamanismus die früheste erkennbare Form religiösen Verhaltens darstellen, ist einigermaßen akzeptiert.[41]
(Quellen siehe unter[73])
Priestertum
Der Priester (aus griech. presbýteros: der Ältere) wiederum ist ein Produkt dieser Entwicklungslinie und hat sich, dies ist kaum umstritten,[74] vom Schamanen/Magier, der ja bereits Opferzeremonien leitete – das lateinische Wort für Priester ist sacerdos. also der „das Opfer Gebende“, ähnlich griech. ireys zu iereion Opfertier – zum in einer speziellen Schule ausgebildeten Religionsfunktionär entwickelt, dessen Machtposition sich aus der vor allem kultischen Wissens- und Mittlerrolle zwischen Gott/Göttern und dem Gläubigen ergibt. Roman Herzog weist darauf hin, dass bereits der Schamane schon gewisse priesterliche Eigenschaften besessen haben dürfte, die ihm als Einzelperson ohne organisatorische Basis dennoch aus seiner Deutungsmacht über die jenseitigen Dinge zuwuchsen. Das eigentliche Priestertum im moderneren Sinne begann erst nach der Entstehung solcher bald machtrelevanten Substrukturen, wie sie im Neolithikum aufgrund der ortsgebundenen Wirtschaftsweise notwendig wurden und relativ bald zu einem religiösen Spezialistentum führten, das sich neben dem militärischen und administrativen auszubilden begann.[75]
Dabei könnte es im Monotheismus wiederum eine Weiterentwicklung gegeben haben zu dem, was vor allem christliche Priester ihre Berufung nennen und was wiederum erstaunliche Ähnlichkeiten zu den oft schmerzhaften Berufungen der Schamanen aufweist.[76] Auch Religionsstifter, Heilige und Kirchenväter wie Paulus von Tarsus, Hieronymus, Augustinus, Antonius von Padua und Propheten haben derartige oft intensive Berufungen erlebt, die wie bei den Schamanen durchaus nicht immer freiwillig waren, sondern mitunter Resultat eines schmerzhaften, oft mit heftiger Gegenwehr verbundenen Erkenntnisprozesses, in dessen Verlauf durchaus ekstatische Elemente auftraten.
Das äußere wie innere Wesen des Priestertums wurde allerdings im Laufe der Geschichte und in den verschiedenen Religionen naturgemäß ganz verschieden verstanden und zeigt ein Spektrum, das vom kirchlichen Verwaltungsbeamten und oft erblichen Tempel-Machtpolitiker bis zum mystischen Heiligen reicht und vor allem im letzteren Falle oft noch erhebliche schamanische Anteile enthält. Gemeinsam ist all diesen Formen jedoch der Anspruch einer engen Beziehung zum oder gar der Herrschaft über den Bereich des Heiligen als Grundlage religiöser Erfahrungen weltweit, wie sie auch Eliade als Bewusstseinsstruktur postuliert.[77] Über diese Sphäre verfügte im Grunde bereits der Schamane,[78] der mitunter auch die Bezeichnung Zauberpriester führt. Manche Ethnien kennen beide Funktionen des kultischen Experten und des Zauberpriesters in Personalunion, aber immer mehr auch getrennt. Gewöhnlich behält im Laufe der Entwicklung ersterer die Oberhand,[79] vor allem dann, wenn sich die kulturellen und ökonomischen Grundlagen etwa vom Jäger-Sammler (Schamanentum und/oder Magier) zum Bauern und Hirten (Priestertum) wandeln.[80]
Max Weber, der als Hauptunterscheidungskriterium zwischen Schamane/Magier und Priester die fehlende Rationalisierung der metaphysischen Vorstellung und die fehlende Ethik sowohl beim priesterlosen Kult wie bei den kultlosen Zauberern benennt (zu denen er auch die Schamanen rechnet, die vor allem an epileptischen Anfällen zu erkennen seien[81]), trifft in seiner „Religionssoziologie“ ebenfalls diese funktionale Unterscheidung zwischen beiden Wirksphären und weist zu Beginn seines Kapitels § 2. Zauberer – Magier auf das verbindende Merkmal des Magischen hin:
„Die soziologische Seite jener Scheidung aber ist die Entstehung eines „Priestertums“ als etwas von den Zauberern zu Unterscheidendes[82] Der Gegensatz ist in der Realität durchaus flüssig, wie fast alle soziologischen Erscheinungen. Auch die Merkmale der begrifflichen Abgrenzung sind nicht eindeutig feststellbar. Man kann entsprechend der Scheidung von „Kultus“ und „Zauberei“ als „Priester“ diejenigen berufsmäßigen Funktionäre bezeichnen, welche durch Mittel der Verehrung die „Götter“ beeinflussen, im Gegensatz zu den Zauberern, welche „Dämonen“ durch magische Mittel zwingen. Aber der Priesterbegriff zahlreicher großer Religionen, auch der christlichen, schließt geradezu die magische Qualifikation ein. Oder man nennt „Priester“ die Funktionäre eines regelmäßigen organisierten stetigen B e t r i e b s der Beeinflussung der Götter, gegenüber der individuellen Inanspruchnahme der Zauberer von Fall zu Fall.“
– Wirtschaft und Gesellschaft. S. 259
(Quellen siehe unter[83])
Diese Spuren sind vielfältiger, als man gemeinhin denkt.[84] Eine Untersuchung der Wandlungsprozesse in ihren Entwicklungsphasen könnte Antworten auf die Frage nach den Ursachen und ersten Formen des religiösen Denkens liefern, also nach der grundlegenden Psychologie der Religionen. Da der Schamanismus nun einmal die älteste uns bekannte und erschließbare Form dieses religiösen Denkens darstellt[85] und zudem bis heute in nicht wenigen Ethnien praktiziert wird (siehe „Ethnischer Schamanismus“), scheint hier eine Möglichkeit gegeben, die Urformen dieses Denkens ohne die enormen Zeitdistanzen, die sonst die Erforschung früh- und vorgeschichtlicher Religionen behindern, in vivo zu untersuchen. Dabei sind allerdings die potentiellen Diskrepanzen zwischen „ethnisch“ und „historisch“ sorgfältig zu beachten.
In praktisch allen Religionen[86] bis hin zu den „modernen“ Weltreligionen finden sich zahlreiche schamanische und magisch interpretierbare Reste. Allerdings handelt es sich dabei nicht um regelrechte Schamanenpraktiken, sondern um Brauchtum, tradierte Rituale und Symbole, die sich zumindest formal bis heute gehalten haben und dabei alte religiöse Reste von grundsätzlicher Natur mittransportieren. Dazu gehören etwa Jenseits-, Geister-, Seelenwanderungs- und Unsterblichkeitsglaube sowie der Glaube an besonders begabte oder beauftragte Mittler. Dabei liegt vermutlich weniger eine Aussage über den Glauben unserer Ahnen vor als über die grundlegende Verwandtschaft unseres Bewusstseins und seiner Strukturen mit dem ihrigen. Dieses moderne Bewusstsein steht nach Rupert Riedl dem unserer Ahnen, das bei ihnen als Anpassungsprodukt an ihre noch relativ einfache Welt entstanden war, weit näher als wir zugeben mögen. Dies erklärt nicht wenige unserer heutigen zivilisatorischen Probleme, da, so Riedl, die zivilisatorische Entwicklung der genetischen davongaloppiert sei.[87] (Weiteres siehe unten „Kognitiver Dualismus“ und „Participation mystique“).
Derartige Einflüsse finden sich nicht nur bei den alten mediterranen Kulturkreisen und ihren längst ausgestorbenen Religionen, sondern auch, wie Hultkrantz feststellt, im Hinduismus, Daoismus, Schintoismus, Zoroastrismus oder Buddhismus, die durch den Schamanismus besonders massiv beeinflusst wurden,[88] ebenso wie in den indigenen asiatischen, ozeanischen, australischen, amerikanischen und afrikanischen Religionen, denen man aufgrund ihres meist sehr viel höheren Alters und damit ihrer Nähe zu „altertümlichen Konzepten“, die inzwischen in der Esoterik modernistisch für den Westen adaptiert wurden, noch eine gewisse Archaik zuschreiben könnte. Zudem gilt speziell für den Buddhismus eine gewisse Ausnahme von der Regel, dass der Schamanismus durch die Entwicklung von staatlichen Systemen und Priesterhierarchien behindert wird, denn die buddhistische Religion und die ostasiatischen Königreiche haben mit dem lokalen Schamanismus koexistiert und ihn ideologisch inspiriert.[89]
Auch in den abrahamitischen Religionen des Monotheismus finden sich potentielle schamanische Spuren, zumal hier zumindest das Judentum ebenfalls sehr alt ist sowie nach Finkelstein und Silberman eine Vergangenheit im Polytheismus besitzt.[90] Im katholischen und orthodoxen Christentum, einmal abgesehen von allerlei Brauchtum, sind die Transsubstantiation während der Messe oder der Exorzismus, aber auch die Höllenfahrt Christi, dazu die Wunder, die er gewirkt haben soll (Dämonenaustreibungen und Heilungen bis hin zur Wiedererweckung von Toten) durchaus schamanisch-magisch grundiert. Ebenso zeigt die kosmologisch dreigeteilte Welt (hier Paradies, Erde, Hölle/Fegefeuer) diese Symptomatik. Die Versuchungen Jesu zeigen überdies Züge eines ekstatischen Erlebnisses.
Auch der Protestantismus hat zahlreiche dieser Traditionen und Vorstellungen übernommen. Ähnliches gilt für die Vorstellungen von Dschinns und Engel im Islam, der ohnehin viele dieser Elemente aus der altarabischen und stark schamanisch-magisch konfigurierten Religion übernommen hat und mit der Himmelfahrt Mohammeds, der Mi'radsch bzw. Isra,[91] zudem als Jenseitsreise ebenfalls ein zentrales Schamanenelement besitzt (sogar mit einem begleitenden Tiergeist, dem Pferd Buraq).[92] Diese Jenseitsreise kennt mythisch zahlreiche Vorgänger: Der Orpheus-Mythos dürfte allerdings wie andere einschlägige Mythen eine Form des neolithischen Fruchtbarkeitsmythos vom „Sterbenden Gott“ sein. Er war schon altägyptisch im Osirismythos präsent und erscheint in zahlreichen Agrarmythen weltweit bis hin zur Dema-Gottheit Jensens. Selbst die Schutzengel des Christentums finden sich als Schutzgeister schon im Schamanismus,[93] ebenso die Dämonen,[92] desgleichen die Vorstellungen vom Seelengeleit (christlich: Aussegnung) und von der Unterwelt. Überhaupt sind Segen und Weihe kaum kaschierte Abkömmlinge schamanischer Schutzzauber, also das Herbeirufen von Schutzgeistern, so wie Verfluchungen („der Teufel soll ihn holen“) und Bannung deren negative Spuren repräsentieren. Die bildliche Vorstellung des Teufels lässt sich auf den archaisch-schamanischen Ziegendämon zurückführen, der in der Bibel als Asasel und in der griechisch-römischen Mythologie als Pan auftritt.[94] Auch ekstatische Zustände, Auditionen und Visionen werden berichtet,[95] zuerst im Pfingstwunder, später dann durchgängig und bis heute in der christlichen und muslimischen Mystik[96] wie z. B. im Sufismus. Auch in den östlichen Religionen treten alte schamanische Praktiken und deren geistige Horizonte mit Meditation und Ekstase in den Vordergrund und werden für die religiöse Struktur bestimmend. Selbst der Ahnenkult hat vor allem im Christentum – der Islam verbietet ihn in den Hadith, wenn auch eher erfolglos[97] – noch deutliche Spuren hinterlassen, zum Beispiel in den Bräuchen des Halloween (Allerseelen),[98] überhaupt der gesamten Heiligenverehrung, die nichts anderes darstellt als eine Bitte um Hilfe an Totengeister, welche als machtvolle Mittler auftreten.[99] Beim prophetischen Potential überlappen sich zudem die Funktionen von Schamanen, Propheten und Priester, zumal vor allem Propheten wie Ezechiel oder Mohammed durchaus ekstatische Zustände erlebten.[100] Weitere potentielle Parallelen sind etwa die bereits auf Felsbildern dargestellte Adorantenhaltung, das Fasten, rituelle Gewandungen, die Verwendung von Duftstoffen und Weihwasser, das reinigende Räuchern (im indianischen Schamanismus weit verbreitet), Reliquien (vgl. Fetischismus) usw. Rituelle Reinheit ist in vielen Religionen in bestimmten Situationen obligat, nicht nur die Waschungen der Muslime, die Mikwe der Juden oder die Taufe der Christen. Schon die Schamanen führten solche Reinigungsriten mit Bädern und Räucherungen aus,[101] desgleichen Initiationsriten, die sich etwa in Kommunion und Konfirmation erhalten haben oder im jüdisch-muslimischen Bereich mit Brit Mila bzw. Beschneidung und Bar Mizwa. Solche Initiationsriten werden von den Prähistorikern schon als Motive der Höhlenmalereien etwa der Franko-kantabrischen Sphäre vermutet.[102] Auch das im Christentum nur noch symbolisch praktizierte Opfern geht als Verbindungsmechanismus zwischen Sakralem und Profanem auf diese alten Ursprünge zurück. Bereits im Neolithikum mussten Teile der Jagdbeute den Fruchtbarkeitsgöttern, die oft chthonische Erd- und Todesgötter waren, überlassen werden, um sie zu besänftigen. Im Schamanismus galt dann ähnliches für den Herrn der Tiere.[103]
Neuropsychologie
Die für eine Gesamtsicht unerlässlichen neurophysiologischen und neuropsychologischen Grundlagen von Trance/Ekstase, Besessenheit und Schamanismus sind im 3. Kapitel der »Trance als multisensuelle Kreativitätstechnik« der Giebichsteiner Vorlesungen von Jürgen W. Kremer erläutert.[104] Insgesamt sind diese als ASC (Altered State of Consciousness) bezeichneten Vorgänge als materielles Substrat der psychologischen hochkomplex und interferieren zudem heftig mit dem Leib-Seele-Problem. Lewis-Williams entwirft ein entsprechendes Modell dazu.[105] Entscheidend vor allem bei der Trance sind hier offenbar neurophysiologische Vorgänge im präfrontalen Kortex, wie entsprechende SPECT-Untersuchungen an meditierenden buddhistischen Mönchen und Nonnen nachwiesen.[106] Giselher Guttmann beschreibt die Überraschung der Ethnologin Felicitas Goodman, als ihr auffiel, dass auf vielen prähistorischen Darstellungen dieselben Körperhaltungen zu finden sind, wie sie Naturvölker einnehmen, wenn sie jene Veränderung der Bewusstseinslage herbeiführen wollen, die mit Trance bezeichnet und durch rhythmisches Rasseln mit einer Frequenz von 200 bis 210 Schlägen pro Minute erzielt wird. Derart in Trance Befindliche bringen lebhafte bildlich erlebte Geschichten hervor, deren Inhalte wiederum von der eingenommenen Position abhängig sind und ganz unerwartet in den Bereich uralter Mythen führen, wie sie uns zum Teil mit verblüffender Übereinstimmung in verschiedenen Kulturkreisen begegnen. Bei solchen Trancen steigt das zerebrale Grundpotential um einige Millivolt an, und es zeigen sich phasenhaft langsame Wellen im EEG, die sonst nur im mitteltiefen Schlafzustand auftreten. Diese Theta-Phasen korrelierten mit besonders intensiven Tranceerlebnissen.[107]
Der Weg zur Trance führt über zahlreiche Meditationstechniken. Diese reichen von einfachen Atemübungen über monotone Bewegungen und die Konzentration auf ein Objekt, wie sie etwa bei der Hypnose üblich ist, bis hin zu asketischen und qualvoll-unlustbetonten Manövern, wie sie manche nordamerikanischen Indianerstämme etwa beim Sonnentanz praktizieren.[108]
Die neurophysiologischen Vorgänge sind noch nicht vollständig geklärt. Bei Halluzinogenen spielen jedoch Veränderungen von Neurotransmittersystemen und ihrer Rezeptoren eine wichtige Rolle. Das menschliche Gehirn besitzt mit der Amygdala an der Innenseite der Temporallappen (der sogenannte Mandelkern), zudem eine Struktur (es gibt weitere wie den Hippocampus), die alle eingehenden Signale mit Hilfe angeborener oder erworbener Programme emotional filtern (es sind 109 bit/sec, die auf 30 bis 40 Hertz, der maximalen Arbeitsfrequenz des Erwachsenengehirns[109], herunterselektiert werden[110]), werten und zur Speicherung nach der Theorie der somatischen Marker von Antonio Damasio isolierten emotionalen Ordnungsfunktionen in die verschiedenen Gedächtnisebenen weiterleiten oder aussortieren.[111] Halluzinationen können durch eine teilweise Ausschaltung oder Fehlfunktion dieses Systems ausgelöst werden, die durch die oben beschriebenen Meditationstechniken selbstinduziert sein kann. Ist die Selektivität dieses Systems derart vorübergehend geschwächt, gestört oder gezielt außer Kraft bzw. verzerrt, dringen auch unwahrscheinlichere Wahrnehmungen durch. Sie werden zu Bildern, Tönen, Gerüchen usw. zusammengesetzt und dann als wahr angenommen. So erklären sich Visionen, Halluzinationen, „Glaubenserlebnisse“ unter Meditation oder Trance, Einfluss von Drogen, Hysterien, Erkrankungen wie Schizophrenie usw. Auch bestimmte „jenseitige Wahrnehmungen“ vor allem bei Kindern bzw. Pubertierenden, bei denen dieses Kontrollsystem noch nicht völlig ausgereift ist, sowie bei Frauen in endokrinen Ausnahmezuständen (z. B. Klimakterium, Schwangerschaft) erklären sich so zwanglos mit einer noch nicht völlig erstarrten bzw. pubertär oder spezifisch hormonell gestörten Filterfunktion. Bei Epilepsie kann diese Funktion ebenfalls gestört sein, was die ursprüngliche Charakterisierung der sibirischen Schamanen (sogenannte „arktische Hysterie“) als Epileptiker erklärt.
Ursache „Kognitiver Dualismus“
Hultkrantz stellt in seinem Buch über den amerikanischen Schamanismus einleitend fest: „Merkwürdigerweise haben die meisten Schamanismusforscher diesen Dualismus in der Weltsicht schamanischer Völker und seine Konsequenzen übersehen.“ Er meint damit die Spaltung dieser Weltsicht in eine natürliche und eine präexistente, durch Mythen begrifflich erfasste übernatürliche Region, in der die Götter und Geister sowie die Toten wohnen – und in beiden existiert der Mensch. Gleichzeitig sind beide Welten voneinander getrennt, und der Schamane überschreitet diese Grenzen mit Hilfe der Trance. Der Mensch wird aus dieser spirituellen Welt geboren und kehrt mit dem Tode in sie zurück.[112]
Auch Jensen weist ausdrücklich auf diesen „psychophysischen Dualismus“ hin.[113] Der Grund für diese Konstanz fundamentaler dualistisch-religiöser Konzepte über viele Jahrtausende in immer neuen Varianten und in praktisch allen Religionen liegt, wie Kognitionspsychologen vor allem im Rahmen der Evolutionären Erkenntnistheorie postulieren, unter anderem im bereits von Konrad Lorenz in Das sogenannte Böse festgestellten grundsätzlichen kognitiven, sich auch als Polarität äußernden Dualismus innerhalb der Grundstruktur menschlichen Denkens.[114]
Dieser Dualismus und die daraus erwachsende lineare, unvernetzte Kausalität konkurrierte vorgeschichtlich mit dem eher animistisch mystifizierenden Schamanismus. Im Laufe der Entstehung eines Welterklärungsmodells im Rahmen einer evolutionären Überlebensstrategie entstand eine Verbindung, bei der nur irrational zu beantwortende Fragen in ein scheinkausales Muster eingebaut wurden. Durch unterschiedliche Schwerpunktsetzungen entstanden ganz unterschiedliche religiöse Ausdrucksformen. Dies ergibt sich zwangsläufig aus der von Marcel Mauss festgestellten sozialen Bindung religiöser Phänomene, da soziale Bedingungen umweltbedingt und damit wirtschaftsbedingt stark schwanken können (etwa bei der neolithischen Revolution), wie bereits Max Weber im ersten Kapitel seiner Religionssoziologie feststellte.[115] Allerdings ist der Gedanke der sozioökonomischen Dominanz schon in der Geschichtsphilosophie von Karl Marx vorgeprägt. Auch moderne Autoren wie Roman Herzog folgen ihm;[116] und Max Weber hat in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus eine enge Beziehung zwischen Wirtschaftsethik und Weltreligionen hergestellt.[117]
Dieser dualistisch-animistische Antagonismus mitsamt der linearen Pseudo-Kausalität und dem weiter unten dargestellten irrationalen Mystizismus hat sich als mächtige Antriebskraft der geistig-religiösen Entwicklung erwiesen. Die aktive Dynamik beider Komponenten ergibt sich eindeutig aus den Forschungen von Margaret Mead. Sie hat nachgewiesen, dass beide Komponenten bereits im Kindesalter anlagebedingt gleichberechtigt nebeneinander vorhanden sind und erst im Verlauf einer spezifischen persönlichen wie kulturellen Entwicklung unterschiedlich gewichtet werden, so dass im Erwachsenenalter jeweils eine der beiden Komponenten dominiert,[118] In der westlichen Moderne herrscht das lineare Ursache-Wirkungs-Denken mitsamt der damit einhergehenden Pseudo-Finalität vor, das ebenfalls dualistisch konfiguriert ist.[119] Dabei manifestiert sich der kognitive, die Weltanschauung präformierende Dualismus in immer anderen Varianten. Dazu gehören wie in den fernöstlichen Religionen – und auch im Schamanismus – polare Ergänzungen (Yin Yang), die sich eschatologisch ausgleichen, oder wie in den alten indoeuropäischen und modernen westlichen Großreligionen eher dualistisch-oppositionelle bis manichäische, mit Theodizee-Problemen ringende Anschauungen – mit allen Gefahren, die solche angesichts moderner Komplexitäten ungenügenden Denkstrukturen mit sich bringen.[120] Dass es sich dabei nicht nur um eine seltsam anmutende Vermischung von Kulturanthropologie, Religionsgeschichte und Psychologie handelt, der Dualismus vielmehr ganz grundsätzlicher Natur ist (und eben deshalb so schwer eliminierbar), notiert Rupert Riedl in seinem Aufsatz „Bewusstseins-Lenkung im sprachlichen Denken“ (1988/89):
„Was wir als Form-Funktion-Dualität im Mittelbereich unserer Lebenswelt kennen, lässt sich nämlich gegen die niedersten Komplexitätsschichten bis zum Teilchen-Welle-Dualismus in der Mikrophysik verfolgen und gegen die höheren Schichten bis in die Materie-Geist-Dualität und den Leib-Seele-Dualismus.“
– Das Bewusstsein. Multidimensionale Entwürfe, S. 409
Der Philosoph Karl R. Popper wiederum führt den religiösen Dualismus auf die Wechselwirkung von Körper und Bewusstsein, Leib und Seele zurück, das Leib-Seele-Problem und schreibt:[121]
„Es gibt eine Fülle wichtiger prähistorischer und natürlicher historischer Beweise zur Unterstützung der Hypothese, dass der dualistische Glaube und der Glaube an Wechselwirkung zwischen Körper und Bewusstsein sehr alt ist. Abgesehen von Folklore und Märchen wird er durch alles das belegt, was wir über primitive Religion, Mythos und magischen Glauben wissen. Da ist zum Beispiel der Schamanismus mit seiner charakteristischen Lehre, dass die Seele des Schamanen den Körper verlässt und auf die Reise geht; bei den Eskimos sogar zum Mond.“
– Karl R. Popper, John C. Eccles: Das Ich und sein Gehirn
Ursache „Participation mystique“
Eine vergleichsweise ähnliche Konstanz findet sich auch bei der anderen Komponente, jener eher diffusen magischen Vorstellung,[122] wie sie vor allem in den Stadien der Entwicklungspsychologie etwa C. G. Jungs, Lawrence Kohlbergs, Jean Piagets oder Rolf Oerters konzeptionell vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter als Projektion auftritt. Wo sie von starken dualistisch-rationalen Elementen überlagert wird, sucht sie immer wieder Ausgleiche. Dies ist in der modernen Esoterik, aber auch in bestimmten religiösen Erscheinungen der Massenpsychologie zu erkennen, wie sie zum Beispiel Gustave Le Bon beschreibt.[123] Lucien Lévy-Bruhl hat diese Participation mystique auch ethnologisch interpretiert, ebenso wie Sigmund Freud etwa in Totem und Tabu. C. G. Jung übernahm den Begriff von Lévy-Bruhl zur Beschreibung der primitivsten Beziehungen des Ich zur Welt und zu der es umgebenden Gruppe oder Stammesgemeinschaft, und integrierte dieses Konzept in sein System der Archetypen. Participation mystique bezieht sich dabei auf einen Zustand primitiver Identität zwischen Selbst und Objekt, das ein Ding, eine Person oder eine Gruppe sein kann. Sie ist außerdem Teil der Persönlichkeitsentwicklung.[124] Dieses bei Erwachsenen weiterbestehende magische Denken findet man heute, abgesehen von indigenen Völkern mit sogenannten Naturreligionen oder solchen mit entsprechenden Traditionen, insbesondere in der westlichen Esoterik – und als animistisch-schamanisches Überbleibsel auch in den Weltreligionen. In der Forschung stand besonders dieser Aspekt im Zentrum des Interesses, etwa bei Eliade mit seiner universalistischen, impressionistischen und teils romantischen Interpretation, die von späteren Wissenschaftlern zum Teil übernommen wurde. Inzwischen wird Eliade von Sozialanthropologen und Religionswissenschaftlern allerdings stark kritisiert.
Oswald Spengler kombinierte beide Erklärungsmuster, als er das Phänomen als strikt dualistisch definierte. Er bezeichnet es mit dem Begriff magische Seele, stellt es neben die apollinische und die faustische Seele und räumt seiner kulturhistorischer Analyse viel Platz ein.[125] Er schreibt:
„Das magische Seelenbild trägt die Züge eines strengen Dualismus zweier rätselhafter Substanzen, Geist und Seele. Zwischen ihnen herrscht weder das antike, statische, noch das abendländische funktionale Verhältnis, sondern ein völlig anders gestaltetes, das sich eben nur als magisch bezeichnen lässt.“
– Der Untergang des Abendlandes, S. 390
Der Gehirnphysiologe John C. Eccles räumt in seinem Dialog, den er mit Karl Popper über das Problem von Ich, Seele, Körper und Bewusstsein führte, ein:[126]
„Wir sind uns einig, dass wir uns mit unserer winzigen Intelligenz und unserem Verständnis nur so weit in die großen Mysterien wagen können, die uns bei unserem Versuch, alles in der Existenz in der Erfahrung zu erklären, von allen Seiten gegenüber stehen. Die Wissenschaft ist auf ihrem begrenzten Feld von Problemen sehr erfolgreich; doch die großen Probleme, das mysterium tremendum, in der Existenz von allem, was wir kennen, dies ist nicht in irgendeine wissenschaftlichen Weise erklärbar. So lassen wir es dabei bewenden. Wir leben mit Mysterien, die wir erkennen müssen, wenn wir zivilisierte Wesen sein sollen, und die unserer Existenz ins Auge blicken.“
– Karl R. Popper, John C. Eccles: Das Ich und sein Gehirn
Für die Typologie des Schamanismus lassen sich unterschiedliche Kriterien finden, die meist durch bestimmte philosophisch-religiöse oder andere Relativismen vorbelastet oder schlicht veraltet sind. Klaus E. Müller leitet daher die Schamanismusformen vor allem aus ihrem neutral zu wertenden rezenten Verbreitungsbild und den dabei anzutreffenden sozioökonomischen Grundlagen ab.[127] Er unterscheidet so drei Typen:
Typologische Zusammenhänge mit ur- und frühgeschichtlichen Religionsformen des Paläolithikums und Neolithikums sowie der Bronzezeit, aber auch mit frühhistorischen Religionen, vor allem, wenn sie weitgehend wie etwa im Falle der Skythen, Slawen, Kelten, Germanen,[129] Etrusker usw. noch schriftlos waren oder man ihre Schrift noch nicht oder nur begrenzt lesen kann, sind dabei weit schwieriger einzuordnen und entsprechend umstritten. Sie werden daher weiter unten separat betrachtet. Auch in den rezenten Formen gibt es Übergangsbereiche und Kombinationsmöglichkeiten, so dass hier nur die Grundzüge aufgezeichnet werden sollen.
Primärer Elementarschamanismus
Rezente Verbreitung: Vor allem bei Jäger-Sammler-Gesellschaften und Völkern mit der ökonomischen Grundlage Fischfang verbreitet, insbesondere dann, wenn sie in abgelegenen Bereichen oder auf Inseln leben. Aktuelle Beispiele sind: Tschuktschen und andere sibirische Ethnien,[130] Eskimos und Aleuten, Feuerland-Indianer, Aborigines, Andamaner, Batek (Malaiische Halbinsel), Yaruro-Indios in Venezuela und andere.
Charakteristika: Der Schamane wird von Tiergeistern berufen und ist vor allem für den Jagderfolg zuständig, wirkt aber auch als Medizinmann und überwacht den Fortpflanzungserfolg der Gruppe. Seine Funktion ist also die Fürsorge für die Seelen von Tier und Mensch. Dabei benutzt er vorwiegend durch Konzentration/Meditation/Trance ausgelöste Ekstasetechniken, um in die Jenseitsreise eintreten zu können, die seine Freiseele mit Hilfe von Geistern unternimmt, um dort korrigierend und helfend auf Störungen im Diesseits einzuwirken. Das Ritual ist wenig ausgeprägt, und Drogen, Kostüme oder spezielle Hilfsmittel kommen kaum oder nur sporadisch und in einfacher Form vor. Schamaninnen sind selten.
Soziale Basis: Lokalgemeinschaften oder Verwandtschaftsgruppen (Lineages, Sippen).
Sekundärer Komplexschamanismus
Rezente Verbreitung: In den Grenzbereichen des Elementarschamanismus, also vor allem bei Hirtennomaden Nord- und Innerasiens sowie bei tropischen Pflanzergesellschaften, vor allem wenn die Jagd zentrales ökonomisches Element ist (z. B. Indios Südamerikas).
Charakteristika: Dieselben Funktionen und Techniken wie beim Elementarschamanismus; dazu treten Funktionen, die durch die nun vorwiegende Sesshaftigkeit bestimmt sind, also auch bei Transhumanz. Die Berufung erfolgt nun vor allem durch Ahnengeister oder durch die Totenseelen früherer Schamanen (letzteres vor allem bei Tungusen und Gruppen im Altai-Gebirge), die später auch die Schutzgeister des Schamanen sind. Das Amt wird nun oft vom Vater auf den Sohn oder von der Mutter auf die Tochter vererbt. Entsprechend hat der Schamane auch priesterliche Aufgaben, etwa bei Geburt, Namensgebung, Bestattung, und führt Agrarriten durch. Riten, Tracht und Utensilien gewinnen nun immer größere Bedeutung und werden komplex; in Zelten entstehen Kultstätten. Bei der Trance werden spezielle Techniken und halluzinogene Drogen eingesetzt. Die Bindung an den persönlichen Schutzgeist wird intensiver und verlangt nach Opfergaben; auch die anderen Geister müssen derart bei Laune gehalten werden. Vor allem gilt dies für die Randbereiche Hochasiens, bei Tungusengruppen sowie den Bergbauern des südlichen und westlichen Himalaya (Hindukusch und Nepal). Vermehrt gibt es nun auch weibliche Schamanen.
Soziale Basis: Verwandtschaftsverbände und Dorfgemeinschaften.
Besessenheitsschamanismus
Rezente Verbreitung: Vor allem bei bäuerlichen Dorfgesellschaften Südostasiens (China, Tibet, Taiwan, Korea, Japan, teils auch Nepal), auch in Polynesien. Ob die Besessenheitsformen Afrikas oder in den afrokaribischen Religionen hierher gehören, ist umstritten.
Charakteristika: Meist wird das Amt jetzt von Frauen ausgeübt. Die Bindung an die Geistmacht (auch Gottheit) ist nun lebenslang und trägt noch Züge der älteren Bindung an einen Schutzgeist. Diese Geistmacht wird jetzt in einem kleinen Tempel kultisch verehrt und empfängt Opfer und Dienste. Die Aufgaben entsprechen denjenigen des Komplexschamanismus und enthalten zentrale medizinische Komponenten sowie Beratung und Wahrsagen. Hingegen begibt sich der Schamane nicht mehr auf eine Jenseitsreise, vielmehr tritt sein persönlicher Partnergeist in ihn ein, heilt, prophezeit usw. Es findet damit keine Ekstase im klassischen Sinne mehr statt, also kein Aus-sich-heraus-Treten der Schamanenseele, sondern eine Besessenheits-Séance, bei der der Schamane das Verhalten, ja die Tracht des ihn ergreifenden Geistes annimmt. Falls der Schamane von mehreren Geistern nacheinander ergriffen wird, muss er während einer Séance eventuell mehrfach die Kleider wechseln. Im Unterschied zu anderen Besessenheitskulten erfolgt jedoch das Eintreten des Geistes in den Schamanen auf dessen Einladung, nicht überfallartig oder gegen den Willen des Betroffenen. Müller definiert den Unterschied zwischen Besessenheitsschamanismus und „Besessenheitskulten“ so: „Typisch für den Schamanismus gegenüber den gängigen ‚Besessenheitskulten†bleibt jedoch, dass der Schamane die Geistmacht, wann immer eine Séance geboten erscheint, freiwillentlich zu sich zu bescheiden vermag, also nicht irgendwann und überraschend gleichsam von ihr überwältigt wird, ihr lediglich passives Organ ist.“[131] Diese relativ heikle, weil vor allem subjektiv-introspektiv zu bewertende und damit mit erheblichen Unsicherheiten behaftete Unterscheidung wird insbesondere für Afrika und seine zahlreichen Besessenheitskulte wichtig.
Soziale Basis: Ăśbliche Klientel ist die Dorfgemeinschaft.
Bei der nun folgenden Darstellung der einzelnen Aspekte, werden die Charakteristika der Schamanen beschrieben, ohne auf ihr spezifisches Auftreten im Rahmen der jeweiligen, oben geschilderten Schamanismusformen genauer einzugehen, außer in besonders bezeichnenden Ausnahmefällen oder wenn Differenzierungen dies erfordern. Dargestellt ist vorwiegend die Situation im elementaren und Komplexschamanismus. Grundlage ist im Allgemeinen und wenn nicht anders beschrieben das Erscheinungsbild der sibirischen Schamanen[132] sowie die Darstellung Klaus E. Müllers.[133] Ergänzend wurden die Darstellungen der Encyclopædia Britannica sowie spezielle ethnographische Werke zu Rate gezogen.[134]
Besonderes Merkmal des Schamanenamtes ist der Einsatz bestimmter Formeln und ritueller Handlungen, vor allem zur Erzielung eines Trancezustandes, um Kontakt zur „Götter- und Geisterwelt“, insbesondere zu den Ahnen aufzunehmen. Es werden anlassbezogen unterschiedliche Methoden verwendet, um in Ritualen die Wirkung der Beschwörungsformeln zu verstärken bzw. um einen Schutz für sich und andere aufzubauen (z. B. Verbrennen von Räucherwerk, Schlagen bestimmter Rhythmen auf besonderen Schamanentrommeln, Tanz, Trancetanz, Gesang, im Elementarschamanismus nicht, sonst häufiger psychedelische Drogen, Fasten, Schwitzen, Meditation). Religiös bedingte Trancezustände werden im Allgemeinen interpretiert als Übergang in einen anderen Seinszustand, eine jenseitige Welt wie etwa die Keltische Anderswelt oder die Traumzeit der Aborigines und als Kommunikation mit Geistern oder wie im Buddhismus als Übergang in die Nichtseinswelt des Nirwana, die hier als höchstes Ziel der Religion gilt.
Dem Schamanen werden besondere Kenntnisse und Fähigkeiten der Heilung und Weissagung sowie verschiedenste spezifische Kräfte zugestanden, über die andere Menschen nicht verfügen.
Der vorwiegend kultisch definierte, definitorisch umstrittene Begriff Schamane bezeichnet allgemein einen Menschen, der im Mittelpunkt des religiösen und kulturellen Phänomens des Schamanismus steht und oft auch über magische Kompetenzen verfügen kann. Er wird von seinem Umfeld als Medizinmann oder Zauberer angesehen, der in seinen ekstatischen Trance-Reisen Kontakt mit der Welt der Geister, seien es nun Natur-, Tier- oder Ahnengeister, ermöglicht oder durch zeitweise Integrierung dieser Geister in sein »Ich« deren Macht ausübt. Auch Jenseitsreisen (der Schamanenflug[135]) zu den mächtigsten metaphysischen Entitäten innerhalb der schamanischen Kosmologie wie dem Hochgott oder dem Herrn bzw. der Herrin der Tiere werden ihm zugetraut.
Allgemeine Funktionen[136]
Da ein Schamane vor allem die Funktionen eines Medizinmanns, Wahrsagers und Zauberers ausübt, gehören zu seinen Aufgaben Krankenheilung, mitunter einschließlich der Geburtshilfe, Rituale um Tod und Sterben, Abwehr „böser Geister“, Wettervorhersage, Finden von Jagdwild, Weissagung (Prophetie), Traumdeutung, soziale Regulierung und der Umgang mit geistig gestörten Menschen. Des Weiteren fungiert der Schamane als Lehrer in einigen Lebensbereichen, die das soziale Umfeld direkt betreffen. Ebenso fungiert er als Erzähler, Sänger und Dichter von Mythen und Geschichten und nimmt für die Gemeinschaft die Rolle des Bewahrers von Wissen ein.
Status und Macht[137]
Er war hoch, ohne dass der Schamane allerdings einen persönlichen Nutzen daraus zu ziehen vermochte oder besondere Privilegien genoss.
Politischen Einfluss hatten Schamanen kaum. Sie waren „nicht von dieser Welt“. Gelegentlich waren ihre prophetischen und magischen Gaben während kriegerischer Auseinandersetzungen gefragt, ohne dass sie allerdings an den Auseinandersetzungen direkt teilnahmen oder gar Operationen leiteten.
Gleichzeitig wurde von ihnen hohe Opferbereitschaft, Selbstlosigkeit und Selbstdisziplin verlangt.
Gruppensolidarische und soziale Funktion des Schamanen[138]
Die rituelle Tätigkeit nicht nur der des sibirischen Schamanen war auf den Erhalt des Lebens in der Gemeinschaft im Zusammenspiel mit der Harmonie des Kosmos ausgerichtet.[139] Schamanensitzungen waren und sind daher stets wichtige Gemeinschafterlebnisse im Dienste der Gruppensolidarität. denn die Anwesenden nehmen in vielfältiger Form aktiv daran teil, indem sie etwa Worte, Beschwörungen und Lieder des Schamanen wiederholen.
Anrufung und Regeln
Die Anrufung eines Schamanen setzt bei den Völkern Sibiriens bis heute die strenge Einhaltung bestimmter Regeln voraus.
Szenerie
Schamanensitzungen finden gewöhnlich an unterschiedlichen Orten statt: in den Wohnräumen oder im Zelt des Schamanen, einem speziellen, großen und meist mit einem Baum als Repräsentanz des Weltenbaumes ausgestatteten Schamanenzelt, vor allem bei Kranken, aber auch in den Räumen des Klienten (Hütte, Zelt) oder in der freien Natur nach bestimmten kosmologischen Regeln, die vor allem von den Gesetzen der Harmonie geprägt sind (etwa am Zusammenfluss von Wasserläufen).
Der Schamanismus ist grundsätzlich dualistisch. Unterschieden wird die profane, diesseitige Welt der Menschen von der sakralen, jenseitigen der Geister und Ahnen.[140] Die kosmologische Konzeption des Schamanismus enthält fünf Grundannahmen:[141]
Die hier ausschließlich aus praktischen Gründen vorgenommene Unterteilung folgt den oben unter „Problematik des Schamanismuskonzeptes“ dargestellten Kriterien. Es wird dabei unterschieden zwischen einem ethnischen, also gegenwärtig beobachtbaren oder in naher Vergangenheit wissenschaftlich untersuchten Schamanismus und (prä-)historisch erschlossenen Formen mit eventuellen Überbleibseln in gegenwärtigen Religionen, deren Motivationen und magische Komponenten teils von erheblichen spekulativen Unsicherheiten geprägt sind. Beide Formen unterscheiden sich abgesehen von der zeitlichen Dimension durch den Grad der wissenschaftlichen Plausibilität, Methodik, vor allem aber durch Interpretation. Sie werden hier jedoch gleichrangig als Schamanismus eingestuft, da sie dessen wesentliche Kriterien – Animismus, Ahnenverehrung, Geisterglaube, Kosmologie, Ekstasetechniken usw. – in unterschiedlichem Ausmaße und mit unterschiedlicher Beweisbarkeit erfüllen. Ob und gegebenenfalls wie der prähistorische Schamanismus in den ethnischen übergeht oder ob es sich um zwei verschieden zu bewertende, voneinander unabhängige Phänomene handelt, ist eine letztlich nicht zu beantwortende Frage. Chronologisch folgt auf die Beschreibung des prähistorischen Schamanismus eine kurze Diskussion der potentiellen schamanischen Elemente in einigen frühen Religionen vor allem Alteuropas und der alten Hochkulturen und der etwaigen schamanischen Reste in den aktuellen Weltreligionen, worauf eine Kurzbeschreibung der verschiedenen rezenten ethnischen Schamanismusformen folgt. Zur generellen Diskussion der Problematik des prähistorischen Schamanismus vgl. Hoppál.[142]
Die unter diesem Rubrum zusammengefassten Phänomene sind aufgrund der oft schwachen archäologischen Belege weit spekulativer als die ethnischen. Sie gehören aber trotz dieser Unsicherheiten mutmaßlich ebenfalls zum hier vor allem anthropologisch definierten Formenkreis des Schamanismus.
Als man im „klassischen“ Bereich des sibirischen Schamanismus drei Jahrtausende alte Felsbilder mit anthropomorphen Darstellungen entdeckte, die eine Art Geweihkrone zeigen, wie es sie im sibirischen Schamanismus bis heute gibt, vermuteten russische Forscher vor allem aufgrund der Kontinuität der dortigen Bevölkerung mindestens einen jungsteinzeitlichen Ursprung des Schamanismus. Andere Forscher hielten diese Darstellungen für jünger und verwiesen auf den potentiellen Einfluss des Buddhismus. Andere Felsbildzonen der Erde, etwa der Aborigines Australiens,[143] der San Südafrikas[144] sowie vor allem der kalifornischen Indianer[145] sowie archäologische Befunde im Bereich der Skythen[146] lassen jedoch ebenfalls auf einen sehr frühen Beginn des Schamanismus schließen.[147]
Die Existenz eines vorgeschichtlichen Schamanismus gilt in der Forschung inzwischen als zumindest sehr wahrscheinlich. Neuere Forschungsergebnisse sehen die mit Bildern geschmückten Orte des Jungpaläolithikums als Kultorte der Gemeinschaft, die als Opferorte teils über Jahrtausende bis in unsere Zeit genutzt wurden. Dies gilt vor allem für den klassischen Schamanismusbereich Sibirien.[148]
Mögliche metaphysische Grundvorstellungen des paläolithischen Schamanismus:
Zu diesen eher metaphysischen Faktoren tritt ein weiteres, vor allem physisch bestimmtes Muster, das im Rahmen des grundlegenden Dualismus, wie er religiös in jener Zeit sich manifestierte, notwendig auch metaphysische Qualitäten besaß:
Grundsätzlich wird die Zuordnung der Schamanismusformen mit den Übergängen zu etablierten Religionen, wie sie sich im Neolithikum parallel zur zunehmenden sozialen Schichtung der Bevölkerung zu vollziehen beginnen, immer problematischer. Elementarer und Komplexschamanismus scheinen originär an Wild- und Feldbeuterkulturen gebunden zu sein, wobei unter Feldbeuter eine Wirtschaftsform verstanden wird, bei der Pflanzen nur gelegentlich und eher planlos gesetzt werden und keine Vorratswirtschaft betrieben wird.[158] In entwickelten agrarischen Gesellschaften, in denen Schamanismus als Komplexschamanismus auftritt (vor allem Südamerika, Himalaya, Südamerika, Teile Südostasiens und Indonesiens), wandelte sich der Schamane nach und nach zum Priester:[159] Neben zeremoniellen Opfern vollzog er die in seinem gesellschaftlichen Umfeld eng an den Tod und die Erde gekoppelten Fruchtbarkeitsriten für Land, Mensch und Tier. Er war zudem für alle Zeremonien bei Geburt, Hochzeit, Tod, Amtsübernahme verantwortlich. Geister-, Ahnen- und Seelenglaube waren dabei immer noch die Grundlage, desgleichen ekstatische Techniken, die hier vorwiegend im Rahmen eines Besessenheitsschamanismus auftreten.[160]
Infolge der durch die neolithische Revolution ausgelösten sozialen und ökonomisch-politischen Dynamik lassen sich ausgehend vom paläolithisch vorgeformten Schamanismus folgende religiöse Weltbilder, Menschenbilder und daraus folgende Entwicklungen und Strukturen feststellen:
Schamanische Elemente verlieren nun progredient an Bedeutung und/oder erhalten neue inhaltliche Bezüge. Ries nennt dies den Schritt des Homo religiosus „von der Hierophanie (ein von Eliade geprägter Begriff) zur Theophanie“.[168]
Ein Bericht über den Schamanismus wäre nicht vollständig ohne die Übergangsphänomene und Synkretismen, die er in späteren, vor allem in den systematisierten Religionen hinterlassen hat, und zwar bis heute. Die Anpassungsvorgänge an die neuen Wirtschaftsformen im Laufe der neolithischen Revolution haben sich in den später entstehenden frühen Staaten mit ihren zunehmend als Herrschaftsinstrument genutzten Religionen fortgesetzt.[169]
Besonders in den Religionen früher Hochkulturen lassen sich zahlreiche Reste beobachten, die man durchaus auch als ursprünglich schamanisch bezeichnen könnte. Viele der unter Prähistorischer Schamanismus zum Paläo- und Neolithikum aufgelisteten religiösen Phänomene sind in ihnen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und mit verschiedenen Schwerpunkten, noch lebendig und „lassen eine Kulturtradition von der vorvergangenen Zeit erkennen“ (Müller-Karpe). Dazu treten aber zunächst in Ägypten und Mesopotamien religionsgeschichtliche Neuerungen, die für eine frühe hochkulturelle Situation grundsätzlich typisch sind: „Mythologie, Sakralkönigtum, explizite Jenseitsvorstellungen und Theologie“.[170] Der Ethnologe Klaus Müller stellt zu dieser problematischen Situation fest, dass der Schamanismus in den angrenzenden altweltlichen Entstehungsgebieten der Archaischen Hochkulturen durchaus ursprünglich bestanden haben könnte, dann aber, wie analog auch in den mesoamerikanischen und andinen Hochkulturen, verdrängt bzw. ausgelöscht worden sein dürfte.[42] Zumindest finden sich in diesen Kulturen noch reichliche Spuren eines offenbar vorher bestehenden Schamanismus, der in den nordamerikanischen Indianerkulturen, bei den Indios des Amazonasgebietes und Feuerlands noch durchaus bis heute besteht.
Ähnliches gilt auch für andere alte Religionen der Mittelmeerregion und des Mittleren Ostens (Kleinasien, Palästina, Iran, Altarabien), soweit überhaupt verlässliche Informationen darüber vorliegen, ebenso bei den ohnehin meist neolithischen vorindoeuropäischen Völker Europas, also allen Völkern vor dem Eintreffen der Indoeuropäer mit Ausnahme solcher, die später eine Hochkultur entwickelten, wie etwa die Etrusker, später dann für die indoeuropäischen Völker selbst, etwa Griechen, Römer, Kelten, Germanen und Slawen. Allerdings gibt es dazu kaum sichere Belege, vor allem bei Völkern ohne oder mit bisher nicht entzifferten Schriften, deren Traditionen später griechisch, römisch, christlich oder islamisch überformt wurden. Oft wurden schamanische Grundformen nach und nach völlig umgewandelt, so wie etwa die heutigen Halloween-Bräuche, bei denen gelegentlich ein Zusammenhang mit dem keltischen Fest Samhain konstruiert wird und die heute im christlichen Gewande von Allerheiligen auftreten.[171] Auch die Meditation eines Buddhisten hat zum Beispiel eine völlig andere Qualität als die eines Schamanen, und der japanische Staatsschintoismus wurzelt zwar sehr direkt und rituell recht eindeutig in einem altertümlichen Schamanismus.[172] Seine Konzepte haben mit diesem aber nur noch wenig gemein, ebenso wenig wie der Hinduismus, Buddhismus (Lamaismus, Tantrismus, Yoga) oder Daoismus zwar vergleichbare Wurzeln haben, aber ganz andere geistige Welten entwickelten. Die Frage nach diesen Ursprüngen bleibt von theoretisch-religionswissenschaftlichem Interesse.[173] Aussagen über den schamanischen Gehalt solcher Religionen sind hochspekulativ und unterliegen im Verlaufe der wissenschaftlichen Diskussion starken Schwankungen. Dennoch sollen im Folgenden ganz kurz die wesentlichen schamanischen Indizien einiger alter, vor allem ausgestorbener Religionen zusammengefasst werden.
Schwieriger als bei den alten Kulturen ist die Beurteilung der Situation in Religionen, die heute noch lebendig sind (siehe dazu oben „Mögliche Spuren von Schamanismus in den modernen Religionen und ihre Ursachen“). Dies gilt auch dann, wenn sie wie vor allem in Süd- und Ostasien der Schintoismus oder Buddhismus, Daoismus oder Hinduismus oder wie in der Karibik und in Südamerika Voodoo und andere ethnische Religionsformen erhebliche meditativ-ekstatische Elemente enthalten und dem ursprünglichen Schamanismus formal, wenn auch mit meist magischer Orientierung, recht nahe zu stehen scheinen und häufig Formen der Besessenheit enthalten. Doch die geistig-religiösen Gehalte haben sich schon aufgrund des synkretistischen Charakters dieser Religionen völlig geändert, obgleich etwa Geister, Engel und Dämonen, die nebst zahlreichen anderen archaischen Resten auch in Judentum, Christentum und Islam[174] vorkommen, durchaus ihre Wurzeln in schamanischen Vorstellungen haben dürften.[175] Die christliche und islamische Hagiographie ist voll von solchen religiös-magischen Geschichten mit dämonischen Folterungen, Himmelfahrten, Unterweltreisen, ekstatischen Situationen, Heilmagie, Totengeleit usw. Zwar kann man sie nicht mehr als schamanisch bezeichnen, doch verschmelzen hier möglicherweise indoeuropäische mit altorientalischen Vorstellungen.[176] Aufgrund all dieser Unsicherheiten sollen vor allem die lebendigen Großreligionen, soweit sie nicht in den ethnischen Schamanismus einbezogen sind, in der Darstellung hier ausgespart werden. Die Diskussion ihrer eventuellen schamanischen Überreste dürfte religionsgeschichtlich Ansatzpunkte bieten, jedoch weder sicher beleg- noch ausreichend begründbar sein. Vor allem fehlt häufig die Ekstase als zentrales Element des Schamanismus; sie tritt nur am Rande oder in völlig anderen Zusammenhängen auf, oder gar wie fast durchweg in Afrika in vorwiegend magischem Gewand und mit massiver Besessenheitssymptomatik. Damit bleibt als zentraler Zusammenhang Eliades Aussage im ersten Kapitel seiner Geschichte der religiösen Ideen: „Das ‚Heilige†ist also ein Element der Symbolstruktur des Bewusstseins des Homo religiosus und nicht ein Stadium in der Geschichte dieses Bewusstseins“.[177] „Das Symbol wiederum spielt eine wesentliche Rolle beim Funktionieren des menschlichen Seelenlebens. Es stellt eine Verbindung zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten her,…, auf das das Bewusstsein – ohne Symbole – keinen Zugriff hätte.“[178] Will heißen: dieses Bewusstsein bedient sich einer ganzen Reihe grundlegender und teils sehr alter Elemente und Verhaltensmuster wie Gebet, Opfer, Ekstase, Ritus, Mythos etc. in jeweils ganz verschiedenen Kombinationen und Gewichtungen, um dieses Heilige unter wechselnden zeitlichen und räumlichen Bedingungen auszudrücken[179] und so die zeitbedingt ganz unterschiedlichen Bedürfnisse und Leerstellen in diesem Bewusstsein mit den in ihnen entstehenden Fragen und Ängsten[180] im Sinne einer Participation mystique zu füllen. C. G. Jung nannte diesen Symbolmechanismus Archetypen.[181]
Unter dieser Rubrik sind alle Schamanismusformen zusammengefasst, die weltweit gegenwärtig noch in Erscheinung treten oder über die fundierte wissenschaftliche Beobachtungen, Analysen und Berichte der jüngeren Vergangenheit vorliegen, das heißt in etwa ab dem 18./19. Jahrhundert. Dazu hält Leroi-Gourhan fest, dass das, was man „Vorgeschichte“ nennt, die Zeit also, von der uns keine schriftlichen Zeugnisse überliefert sind, etwa im östlichen Mittelmeerraum um 3000 v. Chr. endet, bei den Eskimos zum Beispiel aber erst im 19. Jahrhundert,[182] und bei manchen Völkern Amazoniens erst vor wenigen Jahrzehnten bis wenigen Jahren (man vermutet dort bis heute noch mehrere Dutzend unentdeckte Ethnien). Die Phänomenologie dieser rezenten Schamanismusformen muss die oben dargestellten Prinzipien und Kriterien innerhalb einer akzeptablen Variationsbreite unter Berücksichtigung lokaler Besonderheiten weitgehend erfüllen. Übergänge zu magisch betonten Formen und entsprechende Mischformen, vor allem im Falle Afrikas, werden mit berücksichtigt (und sind im letzteren Falle im Artikel afrikanische Religionen genauer beschrieben). Dargestellt sind hier vor dem Hintergrund der klassischen drei Schamanismustypen Elementar-, Komplex- und Besessenheitsschamanismus die größeren regionalen Besonderheiten und ihre potentiellen Ursachen und Zusammenhänge, soweit eruierbar. Hauptquellen für Eurasien sind die Werke von Hoppál, Kasten und Gorbatcheva, für Nord- und Südamerika das von Hultkrantz u. a. sowie Eliade. Für den Problemfall Afrika sowie für den australisch-ozeanischen Raum wurden weitere Werke benutzt. Vgl. auch den Artikel „Shamanism#Regional Variations.
Die Forschungsgeschichte des Schamanismus, der bis heute ein nur begrenzt begreifbares und umstrittenes religiöses Phänomen darstellt, beschreibt weniger diesen selbst als vielmehr die geistesgeschichtlichen Veränderungen in den Köpfen der Interpretatoren, insbesondere, was die Deutung des Religionsbegriffes angeht.
Sämtlichen Forschungen zum Schamanismus liegt, wie schon die Etymologie des Wortes Schamanismus ausweist, die Übertragung eines zunächst einzelsprachlichen Begriffs auf anderssprachliche Kulturen zugrunde. Zuerst geschah dies nur im sibirischen Raum, der von der Forschung als kulturelle Einheit konstruiert wurde, anschließend wurden die Konzepte „Schamane“ und „Schamanismus“ global angewendet. Es gibt in fast allen frühen Kulturkreisen ähnliche, damit oft einhergehende Erscheinungen, wie Animismus, Animalismus, Totemkult, Ahnenkult, Geisterglaube, Praktiken der Naturreligionen usw., ohne dass diese jeweils schon als Schamanismus zu kennzeichnen wären (zu den einzelnen Begriffen siehe oben).
Beim Auftreten animistisch-schamanischen Gedankengutes in der Menschheitsgeschichte sind offenbar zwei Faktoren entscheidend:
Schlüssige Theorien zum Schamanismus müssen beide Aspekte ausreichend berücksichtigen, wie das die Kulturanthropologie tut, und zwar im zeitlichen Längs- wie situativen Querschnitt. Da sie meist nur auf einem von beiden basieren, werden sie automatisch angreifbar und instabil, vor allem dann, wenn dieser zweite Aspekt noch prähistorisch und ethnologisch weiter unterteilt wird, wobei die prähistorische Variante weit schwieriger zu belegen ist. Es folgt eine Zusammenfassung der wichtigsten theoretischen Ansätze.
Wertung
Ethnologie und Religionssoziologie liefern noch die brauchbarsten Ergebnisse für Erklärungsansätze des Schamanismus-Phänomens, selbst wenn sie mitunter ideologisch eingefärbt sind, der jedoch die sozialistische Ideologie in diesem Falle durchaus behutsam und sachdienlich einsetzte.
Psychologische Theorien[186]
Hierbei wird der Schamanismus häufig psychopathologisch betrachtet, also als krankhafte Erscheinung.
Evolutionsbiologische und ältere anthropologische Theorien
Für diese wissenschaftsgeschichtlich vor allem dem 19. Jahrhundert entstammenden Sichtweisen gelten ähnliche Einschränkungen. Der Schamanismus läuft dabei Gefahr, entweder aus einer kolonialistisch überheblichen Perspektive als „primitiv“ eingestuft zu werden, oder rein biologistisch betrachtet zu werden.[52]
Die moderneren anthropologischen, nicht mehr evolutionär determinierten Sichtweisen sind hingegen meist eng mit den ethnologischen verschwistert (siehe unten).
Kulturhistorische Theorien
Man kann hier zwei Bereiche unterscheiden:
Ethnologische und soziologische Theorien
Diese Kategorien, die wie besonders im Falle der Ethnologie stark anthropologisch bestimmt sein können, überlagern und überschneiden sich, so dass vor allem nach Schwerpunkten unterschieden werden muss. Entsprechend ergeben sich in etwa folgende hauptsächliche Richtungen:
(Siehe dazu auch „#Geschichte des Schamanismusverständnisses“)
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Schamanen begann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als deutsche Forscher im Auftrag der neu gegründeten Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften St. Petersburg nach Sibirien reisten und die ersten vollständigen Beschreibungen von schamanischen Séancen vorlegten. Im Geiste der Aufklärung zeigten sie Skepsis gegenüber den Vorführungen der Schamanen.
Sie behandelten die Techniken der Schamanen als ein Teil der Sitten und Gebräuche, bezeichneten jedoch die Schamanen-Gebräuche als „Aberglauben“.[187]
Am Ende des 18. Jahrhunderts wich die Skepsis der ersten Forscher, und der Schamanismus wurde als eine frĂĽhe Form von Religion gedeutet. Pallas gestand den Schamanen zu, eine Form von Heilung zu praktizieren.
Im weiteren Verlauf der Schamanismusforschung, die damals nur den sibirischen Schamanismus im Blick hatte entstand eine gegenläufige Richtung, denn während die Forscher im 18. Jahrhundert die Schamanen oft als Scharlatane dargestellt hatten und ihre Techniken eher beiläufig beobachteten, interessierte sich die Sibirienforschung im 19. Jahrhundert zunehmend für die eigentlichen Schamanentraditionen.
Im frühen 20. Jahrhundert verfestigte sich zunächst die Vorstellung, der Schamanismus komme nur im äußersten Nordasien vor.
Spätere sowjetische Autoren diskutierten auf der Grundlage der marxistisch-leninistischen Ideologie das Entstehen und die Veränderungen des Schamanismus und warfen die Frage auf, ob es sich dabei um ein junges, älteres oder sehr altes Phänomen handele, indes der Schamanismus im Westen vor allem als archaisches System wahrgenommen wurde.[188] Nachdem die Oktoberrevolution zunächst Verbesserungen für die Bewohner Sibiriens gebracht hatte, wurden die dortigen Schamanen in der Sowjetunion zunehmend verfolgt, da sie sich dem sozialistischen Weltbild entzogen. Gleichzeitig zerschlug man durch Kollektivierung, Masseneinwanderungen und Industrialisierung sowie durch ein Internatssystem die ökonomischen und kulturellen Voraussetzungen des Schamanismus und seiner gesellschaftlichen Basis.
Erster Ansatzpunkt in der Richtung Psychologische und psychoanalytische Deutung des Schamanismus war die oben bereits dargestellte Deutung des Schamanismus als psychopathogenes Phänomen. In der ersten Hälfte des 20. Jh. wurde dann versucht, die schamanischen Praktiken mit Hilfe psychoanalytischer Sichtweisen zu erklären, ohne ihn gleichzeitig als Geisteskrankheit zu verunglimpfen.[189]
Um 1970 hielt der Behaviorismus Einzug in die Forschung. So ging zum Beispiel Raymond Prince davon aus, dass die Schamanen während ihrer Séancen, stimuliert durch Endorphine, einen veränderten Bewusstseinszustand erreichen und dass auch der Heilungsprozess auf Endorphine zurückzuführen sei.[190]
Ein vor allem durch Romantik und Idealismus sowie den Kolonialismus bestimmtes Geschichts- bzw. Zeitmodell des 19. Jahrhunderts, nach dem zeitgenössische „primitive“ Kulturen mit prähistorischen, etwa steinzeitlichen Kulturen gleichzusetzen seien, hatte schon früh zu der Spekulation geführt, der Schamanismus sei bereits in frühester Vergangenheit verbreitet gewesen. Vollständig beweisbar ist diese Theorie bis heute nicht.
Erste Hälfte 20. Jahrhundert[191]
Diese Epoche der Forschung war vor allem geprägt von philosophisch-ideologischen Prämissen. Solche Deutungsversuche kranken vor allem an der unklaren Unterscheidung zwischen Schamanismus, Magie und Totemismus.
Mircea Eliade[192]
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von Eliades teils sehr spekulativer, universalistischer und teils romantisierend impressionistischer These.
Die meistgenannten aktuellen Theorien sind:
Das Konzept von Lewis-Williams dürfte die aktuellste und mit den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen bisher am besten kompatible Deutung des Schamanismus-Phänomens im ethnischen wie im vorgeschichtlichen Bereich sein.
Die ethnologische Erforschung des Schamanismus begann erst, als bereits das Christentum und andere Religionen wie der Buddhismus mehr oder weniger starken Einfluss auf die untersuchten Kulturen genommen hatte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm man allgemein an, dass der Schamanismus ein „aussterbendes Phänomen“ sei. Besonders in Sibirien und Innerasien schienen durch die atheistische sozialistische Politik die Schamanen Verfolgungen ausgesetzt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kann jedoch das Wiedererstarken schamanischer Traditionen in verschiedenen ex-sowjetischen Republiken (besonders in Südsibirien) sowie in der Mongolei beobachtet werden.[195] Die postsozialistischen Schamanen beziehen sich auf die vorsozialistischen Traditionen, und gleichzeitig präsentieren sie sich als Teil der (Post-)Moderne: Heutige Schamanen leben oft in Städten, sie haben eine weltliche Ausbildung, sie weisen Zertifikate aus, bieten ihre Dienste in Schamanenzentren an, knüpfen Kontakte zu Touristen und werden als Symbole einer postsozialistischen nationalen Identität benutzt. Auch in anderen Teilen der Welt erleben schamanische Praktiken gegenwärtig einen Wiederaufschwung. Allerdings hat dieser „Scheinschamanismus“ (so Müller) die Verbindung mit der einstigen Schamanenwelt verloren. Sie kehrten nach Ende der Sowjetzeit zwar zurück, doch die alte Kultur, die sie und ihre Vorstellungen hervorgebracht hatte, war untergegangen, und so haben sie auch nicht mehr die alte, durch existenzielle Bedingungen bestimmte Legitimation, die darin bestand, zwischen Mensch- und Geisterwelt vermitteln zu können. Sie leben, leiden und sterben nicht mehr für ihre Gemeinschaft, stehen nicht mehr in ihrer Mitte, „sondern teilen ihre Klientel mit den ‚Stadtschamanen†und anderen selbstberufenen ‚Heilern†am Rande ihnen fremder Sozietäten“.[196]
Der Schamanismus hat im Rahmen der Esoterik und der New-Age-Bewegung vor allem seit den 1960er Jahren eine modernistische Wiederbelebung erfahren, die zu einem regelrechten Ethno-Boom ausartete. Wesentlich dazu beigetragen hat der Anthropologe Carlos Castaneda mit seinen Büchern über den indianischen Schamanen Don Juan Matus, dessen wirkliche Existenz bis heute umstritten ist.[197] Mit dem eigentlichen Schamanismus hat dies aber nur die Äußerlichkeiten gemein, die geistigen Grundlagen sind andere und hängen wie zahlreiche ähnliche Phänomene mit der Unsicherheit vor allem junger Menschen[198] mit der Komplexität der modernen Welt zusammen, die durch Abwehrmechanismen wie Projektion, Introjektion, Verdrängung etc. kompensiert werden und dabei zu den verschiedensten, oft systematisierten Ersatzstrukturen führen. Ähnliche Phänomene wie etwa die Séancen des 19. Jahrhunderts zeigen vergleichbare Symptomatiken. Der Unterschied zum eigentlichen Schamanismus besteht vor allem in der Verschiedenheit der praktisch gelebten Weltbilder und in der Distanz zu ihnen. Gemeinsam ist beiden Phänomenen allerdings das grundlegende menschliche Bedürfnis der Participation mystique, die sich in den verschiedensten Religionen und ihren mystischen Bewegungen immer wieder etabliert hat und sich heute in zahlreichen, meist fernöstlichen oder indianischen Spielarten äußert, darunter auch im Neoschamanismus. Der dabei auftretende Mystizismus „bezeichnet eine Einstellung, bei welcher der Geist in direkte, unmittelbare und innere Kommunikation mit einem heiligen Prinzip tritt, welches den Sinnen und der Vernunft verschlossen ist“.[199]
Der moderne sibirische Schamanismus nach der Existenz der Sowjetunion nimmt dabei eine Art Zwischenstellung ein, da er oft noch sehr direkt im klassischen Schamanismus fußt, wie er vor der Sowjetzeit lebendig gewesen war und dessen Traditionen versucht weiterzuführen, wenn auch mit modernen Organisationsformen. Kasten notiert dazu: „Viele der […] Besonderheiten des heutigen Schamanismus (Anm.: in Russland), der vom Land in die Stadt gezogen ist, zeigen, dass dieser durch Versuche seiner künstlichen Rekonstruktion deutliche inhaltliche Veränderungen erfahren hat. Im Unterschied dazu stehen neuere Entwicklungen des Schamanismus in ländlichen Gebieten, wo dessen Wiederaufleben eher auf der Grundlage tatsächlicher Traditionen erfolgt.“[200]
Dieses Literaturverzeichnis enthält neben den direkt im Text erwähnten Quellen zur allgemeinen Übersicht auch die in den Unterartikeln Schamane, Ethnischer Schamanismus, Forschungsgeschichte des Schamanismus, Schamanische Kosmologie, Schamanismus in systematisierten Religionen und Prähistorischer Schamanismus zitierten Werke. In den Unterartikeln selbst sind hingegen nur die dort jeweils direkt als Belege angeführten Werke in den Literaturverzeichnissen enthalten. (OA = Originalausgabe bei älteren Werken.)
Allgemeine und spezielle Nachschlagewerke
Schamanismus in Vor- und FrĂĽhgeschichte
Schamanismus in historischen und lebenden Religionen, Mythologie
Ethnischer Schamanismus
Psychologie, Ethologie, Kulturanthropologie, Religionssoziologie, Neoschmanismus, Sonstiges
Eine bibliographisch vollständige Liste der zur Erstellung dieses Artikels herangezogenen Werke, einschließlich Veröffentlichungsdaten, findet sich oben.