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Der Schlieffen-Plan war ein strategisch-operativer Plan des Generalstabs der preußischen Armee im Deutschen Kaiserreich. Er wurde nach seinem Autor Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen benannt und bildete eine Grundlage der deutschen Operationen zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Der 1905 entwickelte Schlieffen-Plan sah für den Fall eines möglichen Zweifrontenkrieges vor, zunächst die Masse des deutschen Heeres im Westen gegen Frankreich einzusetzen, mit dem Nordflügel die französischen Befestigungen zu umgehen und das französische Heer entscheidend im Rücken zu fassen. Nach einem Sieg über Frankreich innerhalb weniger Wochen sollten die deutschen Truppen nach Osten verlegt werden, um gegen Russland vorzugehen. Schlieffens Absicht war, auf diese Weise einen Krieg des Deutschen Reichs gegen Frankreich und Russland zur gleichen Zeit in zwei aufeinander folgende Feldzüge aufzuteilen. Die Umsetzung des Plans im Ersten Weltkrieg 1914 scheiterte, weil sich die dem Plan zugrunde liegende politische und militärische Ausgangslage inzwischen weiter zuungunsten Deutschlands verändert hatte. Der deutsche Angriff auf das neutrale Belgien, das dem Durchmarsch deutscher Truppen nach Frankreich nicht zugestimmt hatte, war Anlass für den Kriegseintritt Großbritanniens.
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Mit dem deutsch-russischen Rückversicherungsvertrag von 1887 hatte Deutschland versucht, die Gefahr eines Zweifrontenkrieges gegen eine französisch-russische Allianz zu verringern. Der auf drei Jahre abgeschlossene Geheimvertrag sicherte beiden Staaten für den Fall eines Krieges mit einer dritten Großmacht die gegenseitige Neutralität zu. Bismarcks Nachfolger Caprivi lehnte die Erneuerung des Vertrags nach seinem Ablauf 1890 ab.[1] Daraufhin schloss Russland 1891 eine Militärallianz mit Frankreich und trat 1907 der Entente cordiale bei. Der deutsche Generalstab musste aus diesem Grund einen Plan für einen Zweifrontenkrieg vorbereiten. Schlieffens Vorgänger hielten Russland für den leichter zu schlagenden Gegner und planten deswegen, in einem Zweifrontenkrieg im Westen zunächst hinhaltend zu operieren, bis an der Ostfront eine Entscheidung gefallen sein würde.
Schlieffen kehrte diese Strategie um. Russland hatte sein Eisenbahnnetz im Westen ausgebaut und eine Reihe von Festungen errichtet, die sogenannte Narew-Linie. Schlieffen glaubte deswegen nicht an die Möglichkeit eines schnellen Sieges über Russland. Er arbeitete von 1892 bis 1905 einen Plan aus, der eine deutsche Mobilmachung in kurzer Frist vorsah und darauf setzte, zunächst Frankreich in einem kurzen Feldzug zu schlagen, bevor die russische Armee vollständig mobilisiert werden konnte. Nach dem Sieg gegen Frankreich im Westen könnte Deutschland seine Truppen im Osten gegen Russland konzentrieren.
Frankreichs Ostgrenze von Verdun bis Belfort war nach 1871 durch die Barrière de fer gegen Deutschland befestigt worden. Einen Frontalangriff auf diese Verteidigungslinie schloss Schlieffen aus. Schlieffen orientierte sich an der Schlacht von Cannae, in der Hannibal ein zahlenmäßig überlegenes römisches Heer geschlagen hatte, indem er es von den Flanken und vom Rücken her angriff. Die deutschen Truppen sollten Metz und Straßburg umgehen und ein Umfassungsmanöver ausführen. Vorgesehen war eine Zangenbewegung. Der Hauptteil sollte den rechten Flügel bilden, durch Belgien und das Großherzogtum Luxemburg ins nordfranzösische Hinterland vorstoßen, sich dann nach Süden wenden, die untere Seine überschreiten und sich dann nach Osten wenden. Dann sollte er die französischen Kräfte, die vom deutschen linken Flügel im befestigten Terrain Lothringens bekämpft wurden, im Rücken fassen.
Für die notwendigen Truppentransporte wurden in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg eine ganze Reihe strategischer Bahnlinien gebaut. Um 1905 wurde der Plan erneut überarbeitet. Durch die Schwächung Russlands im Russisch-Japanischen Krieg wurde jetzt von einem Einfrontenkrieg ausgegangen.
Als Schlieffens Verabschiedung aus Altersgründen beschlossen war, legte dieser seinen Plan noch einmal in Form einer Denkschrift nieder. Darin wurde die Moselstellung zum Drehpunkt der deutschen Aufmarschplanung: 7/8 der Truppen sollten nördlich und lediglich geringe Kräfte südlich davon aufgestellt werden. Unter Verletzung der holländischen, belgischen und luxemburgischen Neutralität sollten die französischen Festungen umgangen werden. Nach der Umfassung ihrer linken Flanke sollte die französische Armee geschlagen werden. Zog sich diese zurück, war geplant, die Umfassung südlich von Paris bis zurück zur Schweizer Grenze fortzusetzen, um die französische Armee gegen ihre eigene Festungsfront zu drängen und dort in einem Kessel zu zerschlagen. Der Plan von 1905 war hauptsächlich auf einen Einfrontenkrieg ausgerichtet, sah aber den Zweifrontenkrieg vor. Die Gefahr eines Krieges mit Großbritannien reduzierte Schlieffen auf den Kampf gegen ein Expeditionskorps.[2][3]
Schlieffen war von seinem Aufmarsch- und Umfassungsplan gegen Frankreich derartig überzeugt, dass seine letzten Worte auf dem Totenbett gelautet haben sollen: "Macht mir den rechten Flügel stark!"[4]
Schlieffens Plan basierte auf bereits zu seiner Entstehungszeit sehr optimistischen, am Vorabend des Ersten Weltkriegs aber bereits falschen Einschätzungen der politischen und militärischen Lage.
Schlieffen ließ im Mai 1900 Friedrich August von Holstein informieren, dass der Generalstab sich im Falle eines Zweifrontenkrieges von internationalen Vereinbarungen nicht binden lassen werde. Holstein antwortete: „Wenn der Chef des Großen Generalstabs und vollends eine strategische Autorität wie Schlieffen eine solche Maßnahme für erforderlich halte, dann sei es die Pflicht des Diplomaten, sich auf sie einzustellen und sie auf alle mögliche Weise vorzubereiten.“[6] Kein Reichskanzler, weder Hohenlohe noch Bülow erhob einen Einwand gegen den Plan. Wegen der besonderen Stellung des Militärs, das nur dem Kaiser, nicht aber dem Reichskanzler unterstand, gab es vor 1914 keine einzige Sitzung des Kriegsrates, in der Regierungspolitiker sich an Diskussionen über die Pläne des Militärs hätten beteiligen können.[6]
Basil Liddell Hart und Bernard Montgomery sahen den Hauptfehler des Schlieffen-Plans in der nicht ausreichend berücksichtigten Kapazitätsvergrößerung des Transportwesens in den Jahrzehnten vor dem Krieg:„… der Plan hätte vielleicht in die napoleonische Zeit gepasst, aber jetzt seien die Franzosen in der Lage gewesen, Truppen mit der Eisenbahn entlang der Sehne des ‚Sichelschwungs‘ hinter der Front zu verschieben, und deshalb habe er in moderner Zeit nur geringe Aussichten auf Erfolg gehabt. 1914 versagte der Schlieffen-Plan aus logistischen Gründen. Der Vorstoß deutscher Infanterie und bespannter Verbände wurde durch zerstörte Brücken und Eisenbahnlinien aufgehalten, während die Franzosen auf der Eisenbahn schneller waren.[7]“
Als Alfred Graf von Schlieffen 1905/06 aus dem Amt des Generalstabschefs ausschied, hinterließ er seinem Nachfolger Helmuth Johannes Ludwig von Moltke die Denkschrift, welche die Grundzüge des Plans enthielt. Obwohl Schlieffen als Zivilist mehrfach sein Konzept aktualisierte, ging die eigentliche Ausarbeitung der operativen Feldzugspläne von Moltke aus, welcher, anders als von Schlieffen vorgesehen, den linken Heeresflügel zu Ungunsten des rechten verstärkte. Für den jüngeren Moltke war der Plan offenbar zu kühn. Moltke („der Jüngere“) passte den Schlieffen-Plan der veränderten strategischen Lage an. Der offensive rechte Flügel, der durch Belgien stoßen sollte, behielt zwar die im ursprünglichen Plan vorgesehene Stärke, zusätzliche Kräfte wurden aber dem defensiven linken Flügel zugeteilt. Entgegen Schlieffens Rat wurde vom Jahre 1909 ab das Kräfteverhältnis zwischen dem rechten und dem linken deutschen Flügel geändert. Im Plan des Grafen Schlieffen hatte dieses Verhältnis noch 7:1 betragen, nun verschob es sich auf 3:1. Des Weiteren wurde der ohnehin zu schwache rechte deutsche Heeresflügel während des Vormarsches 1914 noch weiter von Truppen entblößt, weil man sich – auch hier gegen die Planung Schlieffens – zu sehr von den Festungen aufhalten ließ, deren Belagerungen Truppen banden, und außerdem zur Stärkung des Ostens vorzeitig zwei Korps abzog, ohne dass diese angefordert worden waren. Moltke sah von einem Angriff auf die Niederlande ab, da er diese als „Luftröhre“ behalten wollte, um von dort im Falle eines längeren Krieges Nahrungsmittel zu importieren. Man glaubte im Großen Generalstab irrtümlich, dadurch den Kriegseintritt Englands vermeiden zu können. Die Verletzung der Neutralität Belgiens und Luxemburgs dagegen sah er als ein notwendiges Übel an. Hätte sie vermieden werden sollen, wäre ein langwieriger Aufmarsch durch das schwer passierbare Gelände der Ardennen notwendig geworden. Das hätte dem Ziel einer raschen endgültigen Entscheidung entgegengestanden.[8]
Die Planungen des Generalstabes gingen gemäß der vorherrschenden strategischen Doktrinen davon aus, weit nach Frankreich hinein vorzudringen und die französische Armee in einer großen Schlacht zu besiegen. Für einen solch tiefen Vorstoß benötigte das deutsche Heer aus logistischen Gründen allerdings eine breitere militärische Basis als es die deutsch-französische Grenze war. Diese Notwendigkeit sowie die beabsichtigte Umgehung der südlichen französischen Festungsgürtel waren der Grund für die Besetzung Belgiens. Nach Ansicht der deutschen Heeresleitung konnte der Krieg gegen Frankreich nur dann offensiv geführt werden, wenn Belgien besetzt werden würde.
Der Grundriss des Schlieffen-Planes war Frankreich bekannt. Die französische Antwort war zunächst die Vertiefung der Verteidigungs- und Hinhalte-Doktrin in Form des verstärkten Festungsbaus, aber ebenso die Vertiefung des Bündnisses mit Russland und die Forderung nach einem raschen russischen Angriff auf Deutschland im Falle eines Krieges.[9] So würde, war der Konflikt erst da, eine französische Zurückhaltung in Kriegserklärung wie Kriegführung den Gegner unter Zeitdruck setzen und ihn zum moralisch anrüchigen Losschlagen gegen Frankreich zwingen, wollte er nicht den russischen Angriff abwarten und damit den Zweifronten-Krieg riskieren. Konnte man die deutschen Truppen dann ausreichend lange hinhalten, so würden die Möglichkeiten der Entente durch den Kampf an zwei Fronten wachsen.
In der Julikrise 1914 sollten sich die Grundannahmen des Schlieffen-Plans negativ auswirken. Da dort eine langsame russische Mobilmachung angenommen war, geriet Deutschland unter Zeitdruck, als Zar Nikolaus II. am 30. Juli 1914 die russische Mobilmachung anordnete. Zwar sollte das mobilisierte Heer nicht sofort Kampfhandlungen vollziehen, doch das Deutsche Reich war nun gezwungen zu handeln. Wollte man den Schlieffen-Plan erfolgreich durchführen, musste man dem Heer unmittelbar den Marschbefehl erteilen, um nicht von einem bereits mobilisierten Russland angegriffen zu werden, während noch gegen Frankreich gekämpft wurde. Dies verhinderte endgültig eine diplomatische Lösung.
In der Praxis schlug der Plan fehl. Schlechte Nachrichtenverbindungen, eigenmächtige Entscheidungen der einzelnen Armeeführer, besonders am rechten Heeresflügel, und mangelnder Durchsetzungswille bei der Führung des Heeres führten Anfang September 1914 in der Schlacht an der Marne zum Scheitern der deutschen Westoffensive und damit des Schlieffen-Plans. Außerdem drang die russische Armee schneller als angenommen in Ostpreußen ein. Dadurch geriet das Deutsche Reich zu Beginn des Krieges in große Bedrängnis.
Insgesamt ist der Schlieffen-Plan als einziger Kriegsplan des Generalstabs eine Folge des direkten Zusammenwirkens von militärischer Führung und Oberbefehlshaber, dem Kaiser Wilhelm II., die eine Mitwirkung der Reichsregierung und zumal des Reichskanzlers nicht notwendig machte (siehe dazu auch Clausewitz und das Primat der Politik). Der Chef des Großen Generalstabs hatte seit 1871 Immediatrecht beim Kaiser (Recht zum jederzeitigen Vortrag). Vor 1890 hatte es eine Fülle von militärischen Planungen gegeben, die aus der Feder des älteren Moltke stammten und beispielsweise einen Offensivkrieg im Osten vorsahen bei gleichzeitiger strategischer Defensive im Westen. Dieser unter dem Begriff „Großer Ostaufmarsch“ bekannte Plan wurde ab 1913 nicht mehr weiterverfolgt, hätte aber 1914 einen begrenzten regionalen Krieg im Osten ermöglicht. Somit war der Schlieffen-Plan 1914 der einzige deutsche Aufmarschplan, der jedoch in keiner Weise zum politischen Szenario passte.
Abgesehen von den militärischen Unzulänglichkeiten des Schlieffen-Plans ist hervorzuheben, dass Schlieffen und sein Nachfolger Moltke aus rein taktischen Erwägungen bereit waren, die Neutralität Belgiens und Luxemburgs zu verletzen (in den ersten Jahren der Planung auch die der Niederlande). Die Verletzung der belgischen Neutralität, die von den europäischen Großmächten (u. a. auch von Preußen) 1830/39 garantiert worden war, musste zwangsläufig den Kriegseintritt Englands herbeiführen und damit das Deutsche Reich von Anfang an in eine politisch wie militärisch höchst schwierige Situation bringen. Allerdings sollte in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass England 1916 auch keinerlei politische Rücksicht zeigte, als es um die Frage der Neutralität Griechenlands ging. Die Entscheidung der Militärs ist von den Reichskanzlern Bülow und Bethmann Hollweg zu keinem Zeitpunkt problematisiert oder verhindert worden.
Vom militärischen Standpunkt aus überspannte der Plan die deutschen Kräfte:
Im Zweiten Weltkrieg plante das Oberkommando des Heeres (OKH) eine Operation, die dem Schlieffen-Plan des Ersten Weltkriegs ähnlich war. Der Plan verfolgte das Ziel, den Alliierten mittels eines schnellen Angriffs durch Belgien in die Flanke zu fallen. Dabei sollten die gegnerischen Heere getrennt und zurückgetrieben, jedoch nicht vollständig vernichtet werden. Dieser Plan wurde aber dann zugunsten des 1940 letztendlich erfolgreichen Sichelschnittes aufgegeben.