|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Selbstzensur ist Zensur, die sich Menschen oder Institutionen selbst auferlegen, z. B. hinsichtlich Meinungs- und Publikationsfreiheit. Sie tritt unter anderem bei Verlegern, Journalisten, Filmproduzenten, Wissenschaftlern, Künstlern sowie Medien aus vielfältigen Motiven auf.
Die Grenzen zwischen Freiwilligkeit und Zwang können bei der Selbstzensur verschwimmen: So kann ein investigativ arbeitender Journalist eine Enthüllung zurückhalten, da er sich des Wahrheitsgrades unsicher ist, oder aber, weil die von der Enthüllung betroffenen Personen die Macht haben, ihm im Falle der Veröffentlichung zu schaden. Man spricht in der Kritik an der Selbstzensur auch von „vorauseilendem Gehorsam“ und bildlich von der „Schere im Kopf“.[1]
Inhaltsverzeichnis |
Die Motive der Selbstzensur in den Medien sind vielfältig:
Vorzensur bzw. Präventivzensur darf in Deutschland laut Artikel 5 des Grundgesetzes von staatlicher Seite aus zwar nicht stattfinden. Nach erfolgter Veröffentlichung sind hingegen Einschnitte, Indizierung oder Verbote möglich. Dies kann z. B. bei Verletzungen gegen das Persönlichkeitsrecht, Volksverhetzungen aber auch bei Behördenvorwürfen der Unzüglichkeit und Gewaltverherrlichung geschehen.
Deshalb versuchen Autoren, einer solchen Nachzensur bzw. Prohibitivzensur durch selbst auferlegte Beschränkungen zuvorzukommen. So haben sich Mechanismen der Selbstzensur entwickelt, meist freiwillige Selbstkontrolle oder freiwillige Selbstverpflichtung genannt, wie z. B. Richtlinien für zu veröffentlichende Inhalte durch den Pressekodex, die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft und die Selbstkontrolle der Unterhaltungssoftware.
Auch Angst vor nachteiligen zivilrechtlichen, wirtschaftlichen, sozialen oder beruflichen Folgen kann zur Selbstzensur führen. Allgemein ist ein Journalist gezwungen, bei einer Veröffentlichung als Abhängiger (in einem Medium, das einem nicht selbst gehört) auf die Vorlieben und Interessen des Veröffentlichers Rücksicht zu nehmen. Dies kann bei einem großen Medienunternehmen z. B. Rücksicht auf dessen Geschäftsinteressen auch in anderen Bereichen sein (etwa keine Kritik an Unternehmen, die zum selben Konzern gehören). Bedeutend kann auch der Einfluss der Werbenden in dem Medium sein. Werbung bildet bei den meisten Medien die Haupteinnahmequelle und kann bei Wegfallen zur Insolvenz führen (siehe auch: Werbung#Werbung und Medien). Um die Unabhängigkeit zu gewährleisten, empfehlen daher Institutionen wie der Pressekodex oder der Medienkodex von Netzwerk Recherche eine klaren Trennung zwischen Werbung und den Artikeln.[2] Die Grenze zwischen Journalismus und PR verschwindet jedoch zunehmend.
Ein bedeutender werdendes Beispiel von Einschränkungen durch Veröffentlichungszusammenarbeiten ist der „eingebettete Journalismus“, wo der Journalist z. B. bei einer Militäreinheit selber mitfährt und berichtet. Um einer Militärzensur zuvor zu kommen, werden dabei sicherheitsrelevante Informationen (z. B. genaue Position) vermieden. Zugleich liegt eine günstige Berichterstattung im Sinne des Journalisten, damit er weiterhin die genehmigungspflichtige Position des eingebetteten Journalisten arbeiten darf. Auch andere Sicherheitsbedenken, z. B. bei dem Aufzeigen von Lücken in der Nahrungsmittelsicherheit wegen der Gefahr von Nachahmern, führen zur Forderung nach Selbstzensur in diesen Bereichen.[3]
Eine Selbstzensur kann auch stattfinden, wenn ein Medium seinen Lesern, Hörern oder Zuschauern keine Akzeptanz von ungewohnten Ansichten bzw. zur bisherigen Berichterstattung entgegengesetzte Positionen zutraut. Gesellschaftlich umstrittene Themen finden auf diese Weise oft nur wenig Resonanz in der öffentlichen Diskussion, Tabuthemen werden oft gar nicht erst aufgegriffen. Deswegen kritisieren unabhängige Medien und Bürgerrechtsorganisationen (z. B. American Civil Liberties Union, Democracy Now) große Nachrichtenmedien oft, für kontroverse Beschreibungen nicht mutig genug zu sein, eher eine einheitliche Position zum Thema einzunehmen und für diese Position durchgehend zu werben.
In dem Buch Manufacturing consent kommen die Autoren Edward S. Herman und Noam Chomsky zu der Schlussfolgerung, dass allgemein die Eigentümerschaft von Medien durch Unternehmen zu mehr Selbstzensur und weniger Vielfalt führt.
In nicht-autoritären Systemen sind physische Bedrohungen unüblich. Es kann jedoch durch Außeneinflüsse zu einer zukünftigen Karriereeinschränkung kommen sowie durch juristische Auseinandersetzungen – zum Beispiel Rechtsprozesse – zu schweren finanziellen Schäden.
Da z. B. der Axel Springer Verlag umfangreich gegen die kritischen Reportagen von Günter Wallraff über die Boulevardzeitung Bild vorging, war z. B. eine Dokumentation bereits vor rechtlichen Schritten aus Angst vor dem Verlag über 33 Jahre mit einem Sperrvermerk versehen. Erst als der Axel Springer Verlag 2010 ankündigte, keine rechtlichen Schritte zu unternehmen, gab der WDR den Film frei.[4] Der Journalist Thomas Schuler bezweifelte 2000 die Seriosität von Guido Knopps Professorentitel, da er ihn von der Siewerth-Akademie hat, deren Führungspersonal laut Schuler unter anderem mit der rechtsgerichteten Organisation „Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis“ verbunden ist. Gegen den Artikel wurden zahlreiche Rechtsmaßnahmen seitens der Siewerth-Akademie ergriffen und obwohl Schuler vor Gericht gewann, veröffentlichte die Berliner Zeitung den Artikel daraufhin vorsichtshalber nicht im öffentlich verfügbaren Archiv.[5]
Physische Bedrohungen führen oft zu einer besonders drastischen Selbstzensur, so ist in Diktaturen[6] eine Nachzensur wegen der Bedrohungsatmosphäre oft gar nicht erst nötig; auch durch mächtige außerstaatliche Unternehmungen, z. B. die Drogenkartelle in Mexiko[7], kann eine Bedrohungsatmosphäre entstehen. Eine Selbstzensur kann vereinzelt auch aus Angst vor einzelnen gewaltbereiten Radikalen resultieren. So wurde Salman Rushdies 1988 in englischer Sprache erschienener Roman Die Satanischen Verse nach Drohungen aus islamistischen Kreisen zunächst von keinem deutschsprachigen Verlag angenommen. Es bedurfte einer Verlagsneugründung, „Artikel 19 Verlag“, allein zu dem Zweck, die Herausgabe dieses Romans in Deutschland zu ermöglichen.
Im Zeitalter globalisierter Kommunikation ist die Gefahr gewachsen, dass sich gesellschaftliche Gruppen durch eine Veröffentlichung verletzt fühlen (oder angeben/vorgeben, sich verletzt zu fühlen); damit steigt vielfach auch die Gefahr durch einzelne Radikale bzw. Fanatiker, insbesondere im religiösen Bereich. In diesem Zusammenhang werden die Grenzen der künstlerischen Freiheit diskutiert; gelegentlich wird gefordert, auf mögliche Verletzungen religiöser Gefühle freiwillig zu verzichten.[8]
In dem Bestreben, niemanden durch Worte zu verletzen oder auszugrenzen, also um Diskriminierung durch Sprechen und Schreiben zu vermeiden, haben sich bestimmte Sprachregelungen herausgebildet. Neben z. B. der Vermeidung von rassistischen/verhetzenden Bezeichnungen für gesellschaftliche Gruppen werden auch akustische Signale benutzt, welche als vulgär empfundene Ausdrücke oder verbale Beleidigungen in Sendungen übertönen („bleeping“).[9] Eine weitere Maßnahme ist die leicht zeitversetzte Ausstrahlung von 'Direktsendungen', um noch rechtzeitig Verstöße gegen den Kodex vor der Übertragung ausblenden zu können.[10]
Dieses insbesondere in US-Medien auftretende „bleeping“ ist jedoch teils auch rechtlich festgelegt. Eine New Yorker Revisionsgericht kippte jedoch 2010 die unter der Präsidentschaft von George W. Bush ausgeweitete strenge Zensur für das Fluchen und andere Unanständigkeiten in US- Radio- und Fernsehsendern.[11]
Eine Selbstzensur in der Forschung kann sowohl aus ethischen Beweggründen (z. B. bei der Erforschung von Waffen als auch im Rahmen der bioethischen und medizinethischen Diskussion[12]) als auch im Hinblick der Wirkungen auf die berufliche Zukunft erfolgen.
Einen starken Einfluss hat auch hier, wer bzw. welche Organisation das Projekt finanziert und was für Erwartungen an das Projekt gestellt werden. Wenn bestimmte Erwartungen für das Ergebnis der Studie existieren, kann der Wissenschaftler dieses Ergebnis (unabhängig vom Wahrheitsgehalt) gezielt herbeiführen, um auch in Zukunft finanziell gefördert zu werden.[13][14] In Deutschland fallen z. B. Studien in der Pharmaforschung teils weniger kritisch aus als im Ausland. Eine Ursache dafür ist, dass diese Forschung in Deutschland nahezu ausschließlich von Pharmaunternehmen betrieben wird, während z. B. in Italien die Pharmaunternehmen einen Teil ihrer Marketingausgaben in einen Fonds einzahlen. Aus diesem Fonds werden dann unabhängige Studien zur Arzneimittelanwendung finanziert.[15]
Eine Studie vom Bayerischen Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung zeigt, dass die zunehmende Bedeutung von Drittmitteln (und damit Abhängigkeit von dem Finanzier der Drittmittel) zu geringerer Vielfalt in der Forschung führt und die Wissenschaftler versuchen, ihre Ergebnisse dem Mainstream anzugleichen.[16]
Einer der bekanntesten Theologen, die nach einer Zeit der Selbstzensur nicht länger schweigen wollten oder konnten, war der Theologieprofessor Martin Luther. Er durchlebte eine reformatorische Wende und verfasste dann 1517 seine berühmten 95 Thesen.
Viele katholische Theologen praktizieren Selbstzensur. Die katholische Kirche maßregelt - auch nach dem zweiten vatikanischen Konzil, bei dem der Index Librorum Prohibitorum abgeschafft wurde - Theologen mit abweichenden Meinungen. Prominente Opfer dieser Praktiken sind zum Beispiel Hans Küng (1979 wurde ihm die Missio canonica entzogen), Uta Ranke-Heinemann (sie wurde 1970 Professorin für katholische Theologie; 1987 wurde ihr die Missio canonica entzogen) und Eugen Drewermann (1991 entzog Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt ihm die katholische Lehrbefugnis, im Januar 1992 die Predigtbefugnis; im März 1992 wurde er vom Priesteramt suspendiert).
Wie ungewöhnlich offene Worte von katholischen Theologen sind, belegen folgende Aspekte:
Anstand - Blasphemie - Bundesprüfstelle - Deutscher Presserat - Deutscher Werberat - Euphemismus - Filmzensur - Geschichte der Zensur - Hays Code - Medienethik - Pornobalken - Sprachtabu