Suche im Lexikon
Lexikon auf Ihrer Homepage Lexikon als Lesezeichen hinzufügen

Selen

Dieser Artikel behandelt das chemische Element Selen; zur Boxerin dieses Namens siehe Fikriye Selen, zu phonetisch Ă€hnlichen Begriffen siehe Sehlen (BegriffsklĂ€rung) und Selene (BegriffsklĂ€rung).
Eigenschaften
Allgemein
Name, Symbol, Ordnungszahl Selen, Se, 34
Serie Halbmetalle
Gruppe, Periode, Block 16, 4, p
Aussehen grau, glÀnzend
CAS-Nummer 7782-49-2
Massenanteil an der ErdhĂŒlle 0,8 ppm[1]
Atomar [2]
Atommasse 78,96 u
Atomradius (berechnet) 115 (103) pm
Kovalenter Radius 120 pm
Van-der-Waals-Radius 190 pm
Elektronenkonfiguration [Ar] 3d10 4s2 4p4
Austrittsarbeit 5,9 eV [3]
1. Ionisierungsenergie 941 kJ/mol
2. Ionisierungsenergie 2045 kJ/mol
3. Ionisierungsenergie 2973,7 kJ/mol
4. Ionisierungsenergie 4144 kJ/mol
Physikalisch [2]
Aggregatzustand fest
Dichte 4,819 g/cm3
MohshÀrte 2
Magnetismus diamagnetisch (<math>\chi_{m}</math> = −1,9 · 10−5)[4]
Schmelzpunkt 494 K (221 °C)
Siedepunkt 958 K (685 °C)
Molares Volumen 16,42 · 10−6 m3/mol
VerdampfungswÀrme 26 kJ/mol
SchmelzwÀrme 5,4 kJ/mol
Schallgeschwindigkeit 3350 m/s bei 293,15 K
WÀrmeleitfÀhigkeit 0,52 W/(m · K)
Chemisch [2]
OxidationszustÀnde ±2, 4, 6
Oxide (BasizitÀt) SeO2 (stark sauer)
Normalpotential −0,67 V (Se + 2 e− → Se2−)
ElektronegativitÀt 2,55 (Pauling-Skala)
Isotope
Isotop NH t1/2 ZA ZE (MeV) ZP

<tr> <td nowrap>74Se</td> <td nowrap> 0,87 % </td> <td colspan="4"> Stabil</td> </tr> <tr> <td nowrap>75Se</td> <td nowrap> {syn.} </td> <td> 119,779 d </td> <td>Δ</td> <td>0,864</td> <td>75As</td> </tr> <tr> <td nowrap>76Se</td> <td nowrap> 9,36 % </td> <td colspan="4"> Stabil</td> </tr> <tr> <td nowrap>77Se</td> <td nowrap> 7,63 % </td> <td colspan="4"> Stabil</td> </tr> <tr> <td nowrap>78Se</td> <td nowrap> 23,78 % </td> <td colspan="4"> Stabil</td> </tr> <tr> <td nowrap>79Se</td> <td nowrap> {syn.} </td> <td> 3,27 · 105a </td> <td>ÎČ−</td> <td>0,151</td> <td>79Br</td> </tr> <tr> <td nowrap>80Se</td> <td nowrap> 49,61 % </td> <td colspan="4"> Stabil</td> </tr> <tr> <td nowrap>81Se</td> <td nowrap> {syn.} </td> <td> 18,45 min </td> <td>ÎČ−</td> <td>1,585</td> <td>81Br</td> </tr> <tr> <td nowrap>82Se</td> <td nowrap> 8,73 % </td> <td> 1,08 · 1020 a </td> <td>ÎČ−ÎČ−</td> <td>2,995</td> <td>82Kr</td> </tr>

Weitere Isotope siehe Liste der Isotope
NMR-Eigenschaften
  Spin Îł in
rad·T−1·s−1
Er(1H) fL bei
B = 4,7 T
in MHz
77Se 1/2 5,125 5,37 · 10−4 19,0672 (2,3488 T)
Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung aus EU-Verordnung (EG) 1272/2008 (CLP) [5]
06 – Giftig oder sehr giftig 08 – GesundheitsgefĂ€hrdend

Gefahr

H- und P-SĂ€tze H: 331-301-373-413
EUH: keine EUH-SĂ€tze
P: 273-​304+340 [6]
Gefahrstoffkennzeichnung aus EU-Verordnung (EG) 1272/2008 (CLP) [5]
Giftig
Giftig
(T)
R- und S-SĂ€tze R: 23/25-33-53
S: (1/2)-20/21-28-45-61
Soweit möglich und gebrÀuchlich, werden SI-Einheiten verwendet.
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Selen [zeˈleːn] ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Se und der Ordnungszahl 34. Im Periodensystem steht es in der 4. Periode sowie der 6. Hauptgruppe, zÀhlt also zu den Chalkogenen. Es kommt in mehreren Modifikationen vor, die stabilste ist die graue metallÀhnliche Form.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Selen (griech. ÏƒÎ”Î»ÎźÎœÎ·; Selene „Mond“)[7] wurde 1817 von Jöns Jakob Berzelius im Bleikammerschlamm einer SchwefelsĂ€urefabrik entdeckt, der neben Selen auch Tellur (von lat. tellus „Erde“) enthielt.

Vorkommen

In kleinen Mengen kommt gediegenes Selen natĂŒrlich vor. Selenmineralien wie Clausthalit und Naumannit sind selten.

Selen ist, meist in Form von Metallseleniden, Begleiter schwefelhaltiger Erze der Metalle Kupfer, Blei, Zink, Gold und Eisen. Beim Abrösten dieser Erze sammelt sich das feste Selendioxid in der Flugasche oder in der nachgeschalteten SchwefelsÀureherstellung als selenige SÀure.

Selen kann in Tragant-Arten oder im Knoblauch als Se-Methylselenocystein angereichert werden. Die reichhaltigste bekannte Selenquelle unter den Nahrungsmitteln ist die Paranuss.[8]

Als essentielles Spurenelement ist Selen Bestandteil der 21. biogenen AminosÀure, Selenocystein, sowie in Bakterien, Archaea und Eukaryoten enthalten.

Gewinnung und Darstellung

Industriell gewinnt man Selen als Nebenprodukt bei der elektrolytischen Kupfer- und Nickelherstellung aus dem Anodenschlamm durch Abrösten.

Die Reduktion zum elementaren Selen erfolgt durch Schwefeldioxid.

Organisches Selen

In der LebensmittelergĂ€nzung und TierernĂ€hrung (in der TierernĂ€hrung in der EU seit Mai 2005 zugelassen) wird seit einigen Jahren eine organische Selenquelle eingesetzt, die durch die Zucht bestimmter Brauhefen des Typs Saccharomyces cerevisiae (Sel-Plex, Lalmin(TM)) auf selenreichem NĂ€hrmedium (Melasse + Na-Selenit) erzeugt wird. Hefen synthetisieren hohe Anteile an Selenomethionin als AminosĂ€ure und binden so bis zu 2000 ppm Selen auf organische Weise. Die grĂ¶ĂŸte Anlage zur Erzeugung solcher natĂŒrlicher Selenhefen wurde 2004 in SĂŁo Pedro im brasilianischen Bundesstaat ParanĂĄ errichtet.

Eigenschaften

Selen kommt wie Schwefel in mehreren Modifikationen vor:[9]

  • Rotes Selen, löslich in Kohlenstoffdisulfid, besteht zu etwa 30 % aus Se8-Ringen und zu 70 % aus Se8+n, welches sich oberhalb 80 Â°C in das graue Halbleitermetall umwandelt. Elementares rotes Selen ist ein Isolator.
  • Schwarzes amorphes Selen, das sich oberhalb 60 Â°C in das schwarze, glasartige Selen umwandelt. Beide Formen wandeln sich beim ErwĂ€rmen oberhalb von 80 Â°C in die graue, halbmetallische Modifikation um.
  • Graues „metallisches“ Selen ist die stabilste Modifikation und verhĂ€lt sich wie ein Halbmetall.
  • Oberhalb des Schmelzpunktes von 220 Â°C bildet es eine schwarze FlĂŒssigkeit. Der bei weiterer Temperaturerhöhung entstehende Selendampf ist gelb.
  • Bei Abscheidung aus der Dampfphase an einer kĂŒhleren OberflĂ€che (um einiges unter dem Schmelzpunkt) scheidet es sich in Form hexagonaler, metallisch-grauer Kristallnadeln ab.
Schwarzes, graues und rotes Selen (von links)

Die BandlĂŒcke des Selens betrĂ€gt etwa 1,74 eV (an der Grenze vom sichtbaren Licht zum Infrarot).

Durch Belichtung Ă€ndert es seine elektrische LeitfĂ€higkeit. ZusĂ€tzlich zeigt es einen photovoltaischen Effekt. Die LeitfĂ€higkeit wird nicht durch Elektronen in einem Leitungsband verursacht, sondern durch Leitung von Löchern (siehe bei Elektrische LeitfĂ€higkeit und Defektelektron), also positiv geladenen Elektronenfehlstellen, wodurch unter anderem das Vorzeichen des Hall-Effekts negativ wird. Als Mechanismus fĂŒr diese Löcherleitung wird eine so genannte „Hopping-LeitfĂ€higkeit“[10] (der Löcher von einer Kristallfehlstelle zur nĂ€chsten) vorgeschlagen.

Beim Erhitzen in Luft verbrennt Selen mit blauer Flamme zum Selendioxid, SeO2. Oberhalb von 400 Â°C setzt es sich mit Wasserstoff zum Selenwasserstoff, H2Se, um. Mit Metallen bildet es in der Regel Selenide, zum Beispiel Natriumselenid, Na2Se.

Das chemische Verhalten ist dem Schwefel Ă€hnlich, allerdings ist Selen schwerer oxidierbar. Die Reaktion mit SalpetersĂ€ure bildet „nur“ selenige SĂ€ure, eine Selen(IV)-Verbindung.

Isotope

Das Selen weist eine Vielzahl von Isotopen auf. Von den sechs natĂŒrlich vorkommenden Isotopen sind fĂŒnf stabil. Dabei sind die Anteile folgendermaßen verteilt: 74Se (0,9 %), 76Se (9,0 %), 77Se (7,6 %), 78Se (23,6 %), 80Se (49,7 %) und 82Se (9,2 %).

82Se als einziges natĂŒrlich vorkommendes radioaktives Isotop besitzt mit ca. 1020 Jahren eine der lĂ€ngsten derzeitig bekannten Halbwertszeiten ĂŒberhaupt. Daneben kennt man weitere 22 radioaktive Isotope, unter denen 75Se mit einer Halbwertszeit von 120 Tagen und 79Se mit einer Halbwertszeit von 327.000 Jahren[11][12] besondere Bedeutung haben. 75Se findet zur Konstruktion spezieller Gammastrahlenenquellen zur zerstörungsfreien PrĂŒfung von z. B. SchweißnĂ€hten Anwendung.[13] 75Se dient in der Nuklearmedizin in Verbindung mit Methionin als Tracer zur Beurteilung der Pankreasfunktion und mit HomotaurocholsĂ€ure (SeHCAT) zur Beurteilung der Resorption von GallensĂ€uren.[14] 79Se ist Bestandteil von abgebranntem Kernbrennmaterial, wo es bei der Spaltung von Uran mit einer HĂ€ufigkeit von 0,04 % entsteht.

Das seltenste der stabilen Isotope 74Se hat eine gewisse Bedeutung als Spekulationsobjekt erlangt. Es wird immer wieder zu sehr hohen Preisen auf dem Markt angeboten. Außer einigen sehr spezialisierten Anwendungen in der Forschung, wo es zur Markierungszwecken dient, ist fĂŒr dieses Material jedoch keine besondere technische Verwendung bekannt.

Verwendung

Selen ist fĂŒr alle Lebensformen essentiell. Selenverbindungen werden daher als NahrungsergĂ€nzung angeboten und zu Futter- und DĂŒngemittelzusĂ€tzen verarbeitet. In der Glasindustrie verwendet man es zum EntfĂ€rben grĂŒner GlĂ€ser sowie zur Herstellung rotgefĂ€rbter GlĂ€ser. Weitere Anwendungen:

  • Belichtungstrommeln fĂŒr Fotokopierer und Laser-Drucker
  • Bestandteil von Nervenkampfgasen
  • Halbleiterherstellung
  • Latexzusatz zur Erhöhung der AbrasionsbestĂ€ndigkeit
  • Toner fĂŒr Schwarz-Weiß-Fotografien zur Kontrasterhöhung (helle Töne bleiben unverĂ€ndert, man kann dunklere SchwĂ€rzen erreichen, die dunklen Teile wirken insgesamt plastischer), Haltbarkeitserhöhung (nicht eindeutig nachgewiesen) und zur leichten FĂ€rbung der dunklen Bildbestandteile ins aubergine-farbene (ebenfalls zur PlastizitĂ€tserhöhung)
  • zur Herstellung roter Farbpigmente auf der Basis von Cadmiumselenid (wegen des Cadmiumgehaltes heute eher selten)
  • Legierungszusatz zur Verbesserung der mechanischen Bearbeitbarkeit fĂŒr AutomatenstĂ€hle und Kupfer-Legierungen
Selen-Gleichrichter in typischer Bauform
  • Verwendung in dem Selen-Gleichrichter und der Selen-Zelle, heute allerdings weitgehend durch Silicium (Halbleiter) abgelöst.
  • zur BrĂŒnierung von Aluminium, Messing o. Ă€. (Selendioxid)
  • mit Kupfer und Indium Bestandteil der photoaktiven Schicht von CIGS-Solarzellen
  • in analogen Belichtungsmessern fĂŒr die Fotografie
  • Anti-Schuppen-Haarshampoos und Vorbeugung / Therapie von Pityriasis versicolor, einer durch einen Hefepilz verursachten Hauterkrankung
  • unterstĂŒtzend in der HIV-Therapie (gĂŒnstiger Effekt bezĂŒglich der HI-Viruslast umstritten)
  • Umsetzung mit Grignard-Verbindungen, R–Mg–Hal, fĂŒhrt zu Organoselenverbindungen, R-Se-Mg-Hal, aus denen sich durch Hydrolyse Selenole, R–Se–H herstellen lassen
  • Als Zinkselenid wird es zur Herstellung optisch hochreflektiver OberflĂ€chen verwendet, im Infrarotbereich ist es aber transparent und wird hier zur Herstellung von Fenstern und Focuslinsen fĂŒr z. B. CO2-Laser verwendet

Biologische Bedeutung

Selen ist ein essentielles Spurenelement. In der MilchviehfĂŒtterung wird Selen zugesetzt, denn der natĂŒrliche Selengehalt unserer Futtermittel reicht zur Versorgung der Nutztiere oft nicht aus. Das deutsche Futtermittelrecht erwĂ€hnt zur ErgĂ€nzung der Selenversorgung nur die beiden anorganischen Selenquellen Natriumselenit und -selenat als Futterzusatzstoffe. Diese beiden Verbindungen sind ökonomisch sehr gĂŒnstig, stehen aber aufgrund der geringen BioverfĂŒgbarkeit fĂŒr den Organismus aktuell im Kreuzfeuer der Kritik.

Selen wirkt in höheren Konzentrationen jedoch stark toxisch, wobei die Spanne zwischen Konzentrationen, die Mangelerscheinungen hervorrufen und toxischen Konzentrationen sehr gering ist. Des Weiteren ist die ToxizitÀt von Selen abhÀngig von der chemischen Bindungsform.

Selen ist in Selenocystein enthalten, der AminosÀure im aktiven Zentrum des Enzyms Glutathionperoxidase. Darum kann Selen eine wichtige Rolle beim Schutz der Zellmembranen vor oxidativer Zerstörung spielen (RadikalfÀnger). Selen ist auch Bestandteil anderer Enzyme, deren Bedeutung zum Teil noch nicht geklÀrt ist.

Diskussion um Selen

Bevor eine Arbeitsgruppe um Klaus Schwarz am National Institute of Health (USA) Selen als essentiellen Nahrungsbestandteil der Tiere entdeckte, galt Selen als toxische Substanz. In den 1930er-Jahren machten VeterinĂ€re in den „Great Plains“ die hohe Aufnahme selenhaltiger Pflanzen fĂŒr die Alkali-Krankheit und die Blind-Ataxie der Rinder verantwortlich, andererseits berichtete eine Forschergruppe um Schwarz in den 1950er-Jahren, dass Selen einer nekrotischen Leberdegeneration vorbeugt. Etwa gleichzeitig stellte eine Gruppe von Forschern der Oregon State University, der auch O. H. Muth und J. E. Oldfield angehörten, ein Selendefizit bei schwachen KĂ€lbern fest. SpĂ€ter wies Hogue nach, dass Selen der Muskeldystrophie der LĂ€mmer vorbeugt. Diesen Berichten folgend, haben Forscher verschiedener Einrichtungen Studien zum Nutzen der Selensupplementierung auf Leistung und Gesundheit des Milchviehs begonnen. Es wurde beschrieben, dass die vorrangige Rolle des Selens die eines Cofaktors im Glutathionperoxidase-System (GSH-Px) ist. Das GSH-Px zerstört die wĂ€hrend des normalen Fettstoffwechsels gebildeten Peroxide (radikale Sauerstoffverbindungen). Wenn Peroxide ungehindert in der Zelle verbleiben, greifen sie die Zellmembranen an und destabilisieren sie. Hemken erklĂ€rte, dass Selen auch an der Entgiftung gefĂ€hrlicher Medikamente oder Toxine beteiligt ist. Selen spielt noch in mindestens zwei weiteren Systemen eine Rolle: bei der Iodthyronin-Deiodase, einem Enzym, welches das SchilddrĂŒsenhormon T4 aktiviert, und bei der Thioredoxin-Reduktase, einem Enzym, welches die reduzierenden Reaktionen reguliert. Bestimmte Plasma-, Herz-, Muskel- und Nierenproteine enthalten Selen. Jedoch ist die Funktion des Selens in diesen Proteinen noch in weiten Bereichen unklar.

Es gibt viele verschiedene Selenoproteine. In den Selenoproteinen ist Selenocystein enthalten, das auch als 21. AminosĂ€ure bekannt ist. Selenoproteine kommen in dieser Funktion nur in tierischen Organismen vor. Pflanzen bauen Selen je nach Bodengehalt anstelle des Schwefels in ihre AminosĂ€uren ein, besonders in Methionin (Se-Methionin) und in geringem Umfang auch Cystein (Se-Cystein). Nur die sogenannten „Selensammlerpflanzen“ (Selenakkumulator-Pflanzen, z. B. Paradiesnuss), die in selenreichen, ariden Gebieten vorkommen, speichern Selen auch als organisch gebundenes, wasserlösliches Selen oder Selensalze.

Bis dato wurden mindestens 25 Selenoproteine im menschlichen Genom entdeckt[15]:

  • Glutathionperoxidase 1 (GSHPx-1), die zellulĂ€re oder klassische Glutathionperoxidase (im Zytosol, Mitochondrienmatrix);
  • Glutathionperoxidase 2 (GSHPx-2), die gastrointestinale Glutathionperoxidase (in der Darmschleimhaut);
  • Glutathionperoxidase 3 (GSHPx-3), die extrazellulĂ€re oder Plasmaglutathionperoxidase (im Plasma);
  • Glutathionperoxidase 4 (GSHPx-4), die Phospholipidhydroperoxidglutathionperoxidase (an Lipidmembranen, Strukturprotein im SchwanzstĂŒck von Spermien); → antioxidative Enzyme, die Peroxidradikale neutralisieren
  • Thioredoxinreduktase (TrxR) → reduziert das Thioredoxin, das wichtig fĂŒr das Zellwachstum ist, aber auch zahlreiche weitere niedermolekulare und hochmolekulare Substrate.
  • Iodthyronin-5'-deiodinasen (SchilddrĂŒsenhormondeiodinasen) (ID-I, ID-II, ID-III) → katalysieren SchilddrĂŒsenhormone, zum Beispiel Entfernung eines Iod-Atoms aus T4 (Thyroxin), wodurch T3 (Triiodthyronin) entsteht
  • Selenoprotein P (Se-P) → sehr wichtig als Transportprotein von Selen von und zu den Zellen; enthĂ€lt 10 Selenatome
  • Selenoprotein W → in der Muskulatur; Rolle noch unbekannt
  • Selenphosphatsynthetase → katalysiert die Synthese von Monoselenophosphat, einem VorlĂ€ufer von Selenocystein
  • Selenoprotein H, M, N, O, I, K, S, V → Funktion dieser Selenoproteine ist noch weitgehend unverstanden. Mutationen des SEPN1-Gens wurden bei der Multicore-Myopathie beschrieben.
  • Selenoprotein R = Methionine Sulfoxid Reduktase
  • Selenophosphatase Synthetase 2 → katalysiert die Produktion von Selenophosphat

Literatur:

  • W. Marktl: Physiologie und ErnĂ€hrungsphysiologie von Selen. In: Journal fĂŒr Mineralstoffwechsel Nr. 8(3), 2001, Seiten 34–36, PDF.
  • P. F. Surai: Natural Antioxidants. Nottingham University Press, 2002, ISBN 1-897676-95-6.

Selenmangelkrankheiten

→ Hauptartikel: Selenmangel

Erkrankungen aufgrund einer Mangelversorgung mit Selen kommen nur in LĂ€ndern mit extremer Selenunterversorgung wie Nordkorea und Nordostchina sowie einzelnen anderen LĂ€ndern vor. In unseren Breiten können in der Regel nur FrĂŒhgeborene, parenteral ernĂ€hrte Patienten und Alkoholkranke einen Selenmangel entwickeln.

Bekannte Selenmangelkrankheiten sind:

  • Keshan-Krankheit (juvenile Kardiomyopathie), benannt nach der nordostchinesischen Stadt Keshan im Distrikt Heilongjiang in der Mandschurei
Selenmangel begĂŒnstigt eine Mutation des harmlosen Coxsackievirus B3 (CVB3/0), das dadurch virulent wird
Vorkommen: Tibet, Mongolei, Sibirien
  • Kaschin-Beck-Krankheit des Menschen (nutritive Gelenkknorpeldegeneration), benannt nach dem russischen Arzt Nikolai Iwanowitsch Kaschin und der Amerikanerin Melinda A. Beck
Vorkommen: Sibirien, Mongolei, Nordkorea, China; betroffen sind ca. 3 Millionen Menschen
  • Epidemische Neuropathie des Menschen
Vorkommen: Kuba
Selenmangel verursacht eine Mutation des Influenza-A/Bangkok/1/79-Virus, das dadurch virulent wird
Vorkommen: in allen Selenmangelgebieten der Erde
Tierarten: Jungtiere von v. a. WiederkĂ€uern: KĂ€lber, LĂ€mmer, Zicklein, Dromedar- und Lamafohlen
Vorkommen: in allen Selenmangelgebieten der Erde
Tierarten: v. a. Rinder ab acht Monaten

Selen als NahrungsergÀnzungsmittel

In einer kritischen Bewertung der Pharmainformation vom Juni 2005[16] wird festgestellt, dass die bislang verfĂŒgbaren Studien keine Hinweise fĂŒr einen Nutzen einer zusĂ€tzlichen Gabe von Selen in irgendeinem Zusammenhang erbringen konnten. Zwar scheint eine positive Beeinflussung verschiedener Krebsarten möglich, andererseits die BegĂŒnstigung anderer Karzinome nicht unwahrscheinlich. Die „SELECT“-Studie („Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial“) sollte diesbezĂŒglich Auskunft geben und 2013 abgeschlossen werden. Allerdings wurde diese im Oktober 2008 abgebrochen, da wĂ€hrend der Studie nachgewiesen werden konnte, dass es keine verbesserte Schutzwirkung im Vergleich zum Placebo gibt und ein Nutzen ausgeschlossen werden konnte. In dieser Studie wurde zwar sogar eine erhöhte ProstatakrebshĂ€ufigkeit unter der Gabe von Vitamin E und eine erhöhte Diabetesentstehung unter der Selengabe festgestellt, beides war aber nicht statistisch signifikant.[17]

Im Rahmen der neuerlichen Auswertung von Daten einer Studie kam Saverio Stranges von der UniversitĂ€t in Buffalo [18] zu dem Ergebnis, dass von den 600 Patienten, die Selen einnahmen (tĂ€gl. 200 ”g) nach fast acht Jahren etwa zehn Prozent an Typ 2 Diabetes erkrankt waren. Bei der Placebo-Kontrollgruppe waren es lediglich sechs Prozent. Bis dato wurde noch keine potentielle Ursache fĂŒr das erhöhte Diabetes-Risiko gefunden. Hohe Selenkonzentrationen im Blut korrelieren mit dem Risiko, an Diabetes zu erkranken.[19] Somit kommt auch die Pharmainformation vom Februar 2008 zum Schluss: „Eine kritische Haltung gegenĂŒber wenig belegten Konzepten, hinter denen natĂŒrlich ein großes finanzielles Interesse steht, hat sich wieder einmal bestĂ€tigt.“[20] Die Studienlage ist diesbezĂŒglich jedoch nicht eindeutig. So werden der Studie von Stranges et. al. methodische Fehler unterstellt, etwa das Fehlen einer vorherigen Familienamnese, die eine erhöhte familiĂ€re PrĂ€valenz von Diabetes mellitus innerhalb der Selengruppe hĂ€tte ausschließen mĂŒssen, sowie die Tatsache, dass die untersuchten Probanden Personen waren, die in hohem Maße Sonnenstrahlung und Chemikalien ausgesetzt waren, weswegen sich die Ergebnisse schlecht auf "durchschnittliche" Probanden ĂŒbertragen ließen. Zudem liege das Diabetes-Risiko sowohl in der Placebo- als auch in der Selengruppe unter dem amerikanischen Durchschnittswert[21]. Andere Studien legen weiterhin einen hemmenden Effekt von Selen auf die Entwicklung von Diabetes mellitus nahe, darunter eine jĂŒngst veröffentlichte von Tasnime Akbaraly (UniversitĂ€t Montpellier) durchgefĂŒhrte Untersuchung an 1162 MĂ€nnern und Frauen [22].

Natriumselenit und SchilddrĂŒsenhormone

Selen spielt eine wichtige Rolle bei der Produktion der SchilddrĂŒsenhormone, genauer bei der „Aktivierung“ von Thyroxin (T4) zu Triiodthyronin (T3).[23][24][25]

Selen ist Bestandteil eines Enzyms, der Thyroxin-5'-Deiodase, die fĂŒr die Entfernung eines Iodatoms aus T4 verantwortlich ist. Durch diese Deiodierung entsteht T3. Ein Selenmangel fĂŒhrt zu einem Mangel an Thyroxin-5'-Deiodase, wodurch nur noch ein Teil des verfĂŒgbaren T4 deiodiert werden kann. Da T3 im Stoffwechsel wesentlich wirksamer ist, resultiert aus einem T3-Mangel eine SchilddrĂŒsenunterfunktion (Hypothyreose). Eine zusĂ€tzliche Einnahme von SelenprĂ€paraten (Natriumselenit) in hohen Dosen von 200–300 ÎŒg tĂ€glich ist nach Ă€rztlicher AbklĂ€rung z. B. bei Hashimoto-Thyreoiditis angezeigt, dies kann auch die EntzĂŒndungsaktivitĂ€t reduzieren.[26]

Nachweise

Die quantitative Bestimmung von Spuren (0,003 %) an Selenat kann elektrochemisch mittels Polarografie erfolgen. In 0,1-molarer Ammoniumchloridlösung zeigt sich eine Stufe bei −1,50 V (gegen SCE). Im Ultraspurenbereich bietet sich die Atomspektrometrie an, wobei mittels Flammen-AAS 100 ÎŒg/l (ppb), per Graphitrohr-AAS 0,5 und per Hydridtechnik 0,01 Â”g/l Selen nachgewiesen werden können.[27]

Sicherheitshinweise

Selen und Selenverbindungen sind giftig. Direkter Kontakt schĂ€digt die Haut (Blasenbildung) und SchleimhĂ€ute. Eingeatmetes Selen kann zu langwierigen Lungenproblemen fĂŒhren.

Eine Vergiftung durch ĂŒbermĂ€ĂŸige Aufnahme von Selen wird als Selenose bezeichnet. Eine Selen-Aufnahme von mehr als 3000 Â”g/Tag kann zu Leberzirrhose, Haarausfall und Herzinsuffizienz fĂŒhren. BeschĂ€ftigte in der Elektronik-, Glas- und Farbenindustrie gelten als gefĂ€hrdet.[28] Nach anderen Quellen treten schon ab 400 ”g pro Tag Vergiftungserscheinungen auf wie Übelkeit und Erbrechen, Haarverlust, NagelverĂ€nderungen, periphere Neuropathie und Erschöpfung.[29]

Verbindungen

Belege

  1. ↑ Harry H. Binder: Lexikon der chemischen Elemente, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-7776-0736-3.
  2. ↑ Die Werte fĂŒr die Eigenschaften (Infobox) sind, wenn nicht anders angegeben, aus www.webelements.com (Selen) entnommen.
  3. ↑ Ludwig Bergmann, Clemens Schaefer, Rainer Kassing: Lehrbuch der Experimentalphysik, Band 6: Festkörper. 2. Auflage, Walter de Gruyter, 2005, ISBN 978-3-11-017485-4, S. 361.
  4. ↑ Weast, Robert C. (ed. in chief): CRC Handbook of Chemistry and Physics. CRC (Chemical Rubber Publishing Company), Boca Raton 1990. Seiten E-129 bis E-145. ISBN 0-8493-0470-9. Werte dort sind auf g/mol bezogen und in cgs-Einheiten angegeben. Der hier angegebene Wert ist der daraus berechnete maßeinheitslose SI-Wert.
  5. ↑ a b Eintrag zu CAS-Nr. 7782-49-2 im European chemical Substances Information System ESIS (ergĂ€nzender Eintrag)
  6. ↑ Datenblatt Selen bei Merck, abgerufen am 23. April 2011.
  7. ↑ N. Figurowski: Die Entdeckung der chemischen Elemente und der Ursprung ihrer Namen, 1981, S. 182.
  8. ↑ http://www.uni-duesseldorf.de/MathNat/Biologie/Didaktik/Exoten/Paranuss/dateien/inhalts.html
  9. ↑ G. Brauer (Hrsg.), Handbook of Preparative Inorganic Chemistry 2nd ed., vol. 1, Academic Press 1963, S. 415–418.
  10. ↑ N. F. Mott, Philosophical Magazine 19, 835 (1969)
  11. ↑ The half-life of 79Se
  12. ↑ Jörg, G., BĂŒhnemann, R., Hollas, S., Kivel, N., Kossert, K., Van Winckel, S., Lierse v. Gostomski, Ch. Applied Radiation and Isotopes 68 (2010), 2339–2351
  13. ↑ Patent ĂŒber Gamma-Strahlungsquelle, die 75Se enthĂ€lt
  14. ↑ Torsten Kuwert, Frank GrĂŒnwald, Uwe Haberkorn, Thomas Krause (Hrsg.) Nuklearmedizin. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-13-118504-4.
  15. ↑  U. Schweizer, A. U. BrĂ€uer, J. Köhrle, R. Nitsch, N. E. Savaskan: Selenium and brain function: a poorly recognized liaison. In: Brain Research Reviews. 45, Nr. 3, 2004, S. 164–178.</span>
  16. ↑ http://www2.i-med.ac.at/pharmakologie/info/info20-2.html
  17. ↑ Effect of Selenium and Vitamin E on Risk of Prostate Cancer and Other Cancers. The Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial (SELECT) JAMA. 2009;301(1):39-51. Published online December 9, 2008 [1]
  18. ↑  S. Stranges, J. R. Marshall, R. Natarajan, R. P. Donahue, M. Trevisan, G. F. Combs, F. P. Cappuccio, A. Ceriello, M. E. Reid: Effects of Long-Term Selenium Supplementation on the Incidence of Type 2 Diabetes: A Randomized Trial. In: Annals of Internal Medicine. 147, Nr. 4, 2007, S. 217.</span>
  19. ↑  J. Bleys, A. Navas-Acien, E. Guallar: Serum Selenium and Diabetes in US Adults. In: Diabetes Care. 30, Nr. 4, 2007, S. 829–834.</span>
  20. ↑ Selen - Diabetes. PHARMAINFORMATION Jahrgang 23/ Nr. 1; Innsbruck, Februar 2008
  21. ↑ [2] Kritik zur Studie, veröffentlicht auf http://www.frag-einen-laborarzt.de
  22. ↑ [3] BioMed Central. "Selenium Protects Men Against Diabetes, Study Suggests." ScienceDaily 18 March 2010. 28 July 2010 /releases/2010/03/100317212646.htm
  23. ↑  D. Behne, A. Kyriakoupoulos, H. Meinhold, J. Köhrle: Identification of type I iodothyronine 5'-deiodinase as a selenoenzyme. In: Biochem. Biophys. Res. Comm.. Nr. 173, 1990, S. 1143–1149 (PMID 2268318).</span>
  24. ↑  J. R. Arthur, F. Nicol, G. J. Beckett: Selenium deficiency, thyroid hormone metabolism, and thyroid hormone deiodinases. In: Am. J. Clinical Nutrition. Nr. 57, 1993, S. 236–239 (Abstract).</span>
  25. ↑  C. Ekmekcioglu: Spurenelemente auf dem Weg ins 21. Jahrhundert – zunehmende Bedeutung von Eisen, Kupfer, Selen und Zink. In: Journal fĂŒr ErnĂ€hrungsmedizin. Nr. 2 (2), 2000, S. 18–23 (Ausgabe fĂŒr Österreich, PDF).</span>
  26. ↑ http://edoc.ub.uni-muenchen.de/archive/00000751/
  27. ↑  G. Schwedt: Analytische Chemie. Thieme Verlag, Stuttgart 1995, S. 197.</span>
  28. ↑ Cornelia A. Schlieper. Selen. In: Schlieper. Grundfragen der ErnĂ€hrung. Verlag Dr. Felix BĂŒchner 2000, ISBN 3-582-04475-0.
  29. ↑ Robert M. Russell (fĂŒr die deutsche Ausgabe: Hans-Joachim F. Zunft). Vitamine und Spurenelemente – Mangel und Überschuss. In: Manfred Dietel, Joachim Dudenhausen, Norbert Suttorp (Hrsg.) Harrisons Innere Medizin, Berlin 2003, ISBN 3-936072-10-8.

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Selen â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Selen â€“ Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
vep:Selen
Impressum AGB Datenschutz KundenserviceMediadatenfreenet AGJobsSitemap
gekennzeichnet mit
JUSPROG e.V. - Jugendschutz
freenet ist Mitglied im JUSPROG e.V.