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Simone Weil (* 3. Februar 1909 in Paris; †24. August 1943 in Ashford, England) war eine französische Philosophin jüdischer Abstammung. Sie war politisch und sozial stark engagiert und hat in ihrem Leben Aktion und Kontemplation verbunden. Zunächst war sie eine agnostisch orientierte Gewerkschafterin und gleichwohl Kritikerin des Marxismus. Später entwickelte sie sich zu einer bekannten Mystikerin. Die Einheit von Politik und Religion hat sie niemals aufgegeben. Das Leben betrachtete sie als eine Suche nach dem Absoluten. Ihr Denken war von christlicher Mystik sowie von platonischen und buddhistischen Einsichten geprägt. Sie entwickelte das Konzept der „décréation“, der totalen Selbstentäußerung des Menschen vor Gott.
Inhaltsverzeichnis |
Simone Weil wuchs in einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Paris auf. Ihr Vater Bernhard Weil war Arzt und Freidenker. Ihr Bruder André, zu dem sie ein enge Beziehung hatte, wurde ein berühmter Mathematiker. Simone Weil zeichnete sich durch sprachliche Begabung aus, aber auch durch Eigenwilligkeit und Starrsinn. Mit vier Jahren konnte sie bereits lesen, schon bald rezitierte sie lange Gedichte. Sie war seelisch und körperlich überempfindlich, häufig krank und hatte Ernährungs- und Einschlafprobleme. Ihre Mutter hatte sie bis in die Mitte der Kindheit mit der Flasche ernährt, da Simone Weil sich weigerte zu essen. Ihre Jugend war aber trotz des Ersten Weltkriegs und damit verbundenen Wohnortwechseln von familiärer Sicherheit, Wärme und Zärtlichkeit geprägt.[1]
Im Alter von sechzehn Jahren wechselte sie nach dem Abschluss des Gymnasiums an das Lycée Henri IV. Dort war sie eine Schülerin von Émile Chartier, , genannt Alain, der sie durch seine Moral- und Religionsphilosophie prägte. Sie beschäftigte sich mit den großen Philosophen, insbesondere mit Platon, Spinoza, Descartes, Kant und Marx, und begann, eigene Abhandlungen zu schreiben. Damals setzte ihre Auseinandersetzung mit den Begriffen Arbeit, Zeit und Gerechtigkeit ein, die sie bis in ihre letzte Lebensphase hinein weiterführte. Philosophie und Politische Theorie verbanden sich für sie mit der Realität sozialer Probleme. Außerdem sammelte sie eigene Unterrichtserfahrung.
Simone Weil litt seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr an oft unerträglichen Kopfschmerzen. 1926 bestand sie die Certificats in „Moral und Soziologie“ sowie in Psychologie und im März 1927 in Philosophiegeschichte. Beim Certificat in „Allgemeine Philosophie und Logik“ schnitt sie als Beste ab.[2] Sie studierte ab 1928 an der École normale supérieure in Paris Philosophie, besuchte aber weiter die Seminare von Émile Chartier. Das Studium schloss sie 1931 bei Léon Brunschvicg ab. Ihre eigenwillige Abschlussarbeit Science et perception dans Descartes (Wissenschaft und Wahrnehmung bei Descartes) wurde gerade noch mit „genügend“ bewertet.[3] Simone de Beauvoir erinnerte sich an eine Begegnung in der Studienzeit:
„Eine große Hungersnot hatte China heimgesucht, und man hatte mir erzählt, daß sie bei Bekanntgabe dieser Nachricht in Schluchzen ausgebrochen sei: Diese Tränen zwangen mir noch mehr Achtung für sie ab als ihre Begabung in Philosophie. Ich beneidete sie um ein Herz, das imstande war, für den ganzen Erdkreis zu schlagen.“
– Simone de Beauvoir[4]
1931 wurde Simone Weil Philosophielehrerin am damaligen Mädchengymnasium in Le Puy, wo heute das Lycée nach ihr benannt ist. Die Hälfte ihres Gehalts teilte sie mit den Arbeitslosen. In Le Puy stand sie wegen ihrer Unterrichtsmethoden und ihres politischen Engagements für die erwerbslosen Industrie- und Landarbeiter in der Kritik. Teilweise nahm sie an der Spitze von Demonstrationen teil. In der Lokalpresse wurde sie als „la juive Weil“[5] und „vierge rouge“[6] bezeichnet. Sie wurde in Polizeiverhören vernommen und erhielt anonyme Drohbriefe. Den Sommer und Herbst 1932 verbrachte sie in Berlin. Nach der Rückkehr aus Deutschland unterrichtete sie kurz in Auxerre und später in Roanne. Sie wurde häufig versetzt.
Im Dezember 1933 vermittelte sie Leo Trotzki trotz erheblicher Meinungsverschiedenheiten eine Unterkunft im elterlichen Haus in Paris gegenüber dem Jardin du Luxembourg und nutzte diese Gelegenheit zu einer persönlichen Diskussion. Dabei wurde sie von Trotzki als „ganz und gar reaktionär“ bezeichnet, sie habe einen „juristischen, logischen, idealistischen Geist“.[7] Auf ihre Vorwürfe wegen seines Verhaltens gegenüber den Matrosen von Kronstadt antwortete er ihr: „Wenn Sie so denken, warum nehmen Sie uns dann auf? Sind Sie denn von der Heilsarmee?“[8]
Zum Ende des Semesters im Juni 1934 beantragte Simone Weil ein unterrichtsfreies Jahr. Ab Dezember 1934 arbeitete sie als ungelernte Fabrikarbeiterin, um die Lebensbedingungen der Arbeiter kennenzulernen. In der Elektrofabrik Alsthom in Paris arbeitete sie an der Presse, am Schwinghebel und dann am Ofen.[9] Die Akkordbedingungen waren körperlich anstrengend, sie musste einen ohrenbetäubenden Lärm ertragen. Ohnehin litt sie ständig weiter unter schweren Kopfschmerzen, dazu kam dann noch eine Mittelohrentzündung. Anfang April 1935 verletzte sie sich die Hand und wurde arbeitslos. Nach zehn Tagen wurde sie von der Metallfabrik Carnaud im Stadtteil Boulogne-Billancourt angestellt. Bereits einen Monat später wurde ihr fristlos gekündigt. Nach weiterer Arbeitslosigkeit, Geldmangel und Hunger fand sie eine Anstellung bei Renault. Im selben Jahr reiste sie mit ihren Eltern nach Spanien und Portugal und war von der Religiosität der armen Landbevölkerung in einem Fischerdorf berührt.[10]
Im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte sie in einem nur kurzen Einsatz auf der Seite der Anarchosyndikalisten in der „Kolonne Durruti“. Ihre Kraft reichte für den Umgang mit einem Gewehr nicht aus. Sie wurde deshalb in der Küche eingesetzt. Dort trat sie aufgrund ihrer Kurzsichtigkeit versehentlich in eine Schüssel kochenden Öls, was zum Ende ihres Kampfeinsatzes führte.[11] Entsetzt von den Grausamkeiten des Bürgerkriegs kehrte sie nach Frankreich zurück.
„Ein Menschenleben gilt in Spanien nichts. In einem Land, in dem die Armen in ihrer großen Mehrheit Bauern sind, muß die Besserstellung der Bauern für jede Gruppierung der extremen Linken ein wesentliches Ziel sein; und der Bürgerkrieg war anfangs vielleicht in der Hauptsache ein Krieg für (und gegen) die Aufteilung des Landes an die Bauern. Was geschah? Diese blutarmen, großartigen Bauern von Aragon, die unter allen Demütigungen ihren Stolz bewahrt hatten, waren für die Milizsoldaten aus der Stadt nicht einmal ein Gegenstand der Neugier. Ohne daß es zu Übergriffen, Unverschämtheiten, Beleidigungen gekommen wäre - ich jedenfalls habe nichts davon bemerkt, und ich weiß, daß bei den Kolonnen der Anarchisten auf Raub und Vergewaltigung die Todesstrafe stand – trennte ein Abgrund die Soldaten von der unbewaffneten Bevölkerung, ein Abgrund, der ebenso tief war wie der zwischen Armen und Reichen“
– Simone Weil[12]
Ab 1936 traten für Simone Weil religiöse Fragen in den Vordergrund, wobei sie zuvor agnostisch eingestellt war. Im Frühjahr 1937 reiste sie zum ersten Mal nach Italien und wohnte der Pfingstmesse im Petersdom bei. Sie war von der Schönheit der Kunst und Landschaft Italiens beeindruckt. Aus Umbrien schrieb sie an ihre Eltern:
„Nie hätte ich solch eine Landschaft, eine so prächtige Menschenart und so eindrucksvolle Kirchen erträumt. [...] Als ich dort in der kleinen romanischen Kapelle aus dem zwölften Jahrhundert, Santa Maria degli Angeli, diesem unvergleichlichen Wunder an Reinheit, wo der heilige Franz so oft gebetet hat, allein war, da zwang mich etwas, das stärker war als ich selbst, zum erstenmal in meinem Leben auf die Knie.“
– Simone Weil, Brief an die Eltern[13]
Während eines Gottesdienstes in der Benediktinerabtei| Saint-Pierre de Solesmes hatte sie 1938 ihre erste mystische Erfahrung; weitere folgten, so zum Beispiel im November 1938 beim gebetartigen Sprechen eines Gedichts von George Herbert, in dem Gott als Liebe beschrieben wird, die den Sündigen empfängt und ihm verzeiht.
„You must sit down, says Love, and taste my meat: So I did sit and eat. (Setz dich! Wer je von meinem Fleische kostet, der genas – So setzte ich mich denn zu Tisch – und aß.)“
– George Herbert, Love
Das Gedicht hinterließ einen starken Eindruck. Das Empfinden, dass Christus zugegen sei, beschrieb Simone Weil nicht als Erscheinung, sondern als „eine persönliche, gewissere, wirklichere Gegenwart als die eines menschlichen Wesens“. Weder Sinne noch Einbildungskraft wären an der „plötzlichen Übermächtigung durch Christus“ beteiligt gewesen. Sie habe durch das Leiden hindurch die Gegenwart einer Liebe empfunden gleich jener, „die man in dem Lächeln eines geliebten Antlitzes liest“.
„In meinen Überlegungen über die Unlösbarkeit des Gottesproblems hatte ich diese Möglichkeit nicht vorausgesehen: die einer wirklichen Berührung von Person zu Person hienieden, zwischen dem menschlichen Wesen und Gott. Ich hatte wohl unbestimmt von dergleichen reden gehört, aber ich hatte es niemals geglaubt.“
– Simone Weil[14]
Sie näherte sich dem Katholizismus an. Mit dem Dominikanerpater Joseph-Marie Perrin, der sich um ihren Eintritt in die katholische Kirche bemühte, verband sie ein intensiver Briefwechsel. Simone Weil hielt aber daran fest, dass die Vollkommenheit und die Liebe Christi in uns sein könnten, ohne dass wir der Kirche angehörten. Gott habe ihr noch nicht zu erkennen gegeben, dass er diesen Schritt von ihr erwarte. Die Vergangenheit der Kirche mit der Inquisition, den Kreuzzügen und Religionskriegen empfand sie als abstoßend. Ebenso vermisste sie den intensiven Einsatz der Kirche für soziale und geistige Reformen.
Wegen der deutschen Besetzung Frankreichs floh sie vor der Gestapo zunächst nach Marseille. Sie leistete landwirtschaftliche Arbeit und verharrte in der Wartezeit in immer strengerer Askese. Sie führte Gespräche mit Dominikanermönchen über die frühchristlichen Schriften und beschäftigte sich mit Sanskrit, indischer und chinesischer Philosophie sowie mit spanischer Mystik, die sie in große Nähe zu sephardischer und chassidischer Weisheit brachte.[15] 1942 gelangte sie dann über die USA nach England, wo sie Mitglied des Befreiungskomitees Charles de Gaulles wurde. Dieser entschied, dass sie für die aktive Arbeit in der Résistance zu ungeschickt sei und zu jüdisch aussehe. Simone Weil entwickelte einen Plan für die Ausbildung von Krankenschwestern, die an vorderster Front wirken sollten, womit die eigene Truppe moralisch stabilisiert und gegenüber dem Feind Überlegenheit demonstriert werden sollte. De Gaulle wollte davon nichts wissen. Er hielt sie für verrückt und schickte sie an den Schreibtisch, um sich über eine künftige Verfassung für Frankreich Gedanken zu machen und den brieflichen Kontakt mit Résistancegruppen in Frankreich zu halten. De Gaulle forderte dann für sich und seine Bewegung das alleinige Vertretungsrecht für Frankreich. Deshalb sah Simone Weil im Gaullismus eine Art politische Partei entstehen und befürchtete, diese könne faschistisch werden.[16] Sie kündigte die Zusammenarbeit auf, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt keine anderen Einkünfte als ihr Gehalt von France Libre hatte und schwer krank war. Die Erschöpfung ihres Körpers und ihrer Seele erreichte ein Ausmaß, das die Möglichkeit des Tragbaren überschritt und nur noch als Verzweiflung spürbar war. Als Frage notierte sie: „Dunkle Nacht. Vielleicht muß der Mensch (jedes Mal bis zum höchsten Zustand?) die Prüfung der fortwährenden Dauer durchlaufen (Hölle), bevor er Zutritt zur Ewigkeit erhält?“[17]
Der Mangel an elterlicher Nähe verstärkte die selbst auferlegte Leidenspflicht. Der Zwang zu hungern nahm überhand und endete tödlich.[18] Simone Weil starb mit 34 Jahren an Hunger und Herzinsuffizienz infolge von Tuberkulose. Möglicherweise ließ sie sich kurz vor ihrem Tod taufen, nicht kirchlich von einem Priester, sondern von einer Freundin. Von der Taufe im Londoner Krankenzimmer vor der Abreise nach Ashford berichtet Georges Hourdin[19] und teilt einen Briefwechsel mit Pater Perrin und Simone Deitz mit. In den Aufzeichnungen Simone Weils, die sie bis kurz vor ihrem Tod weitergeführt hat, findet sich allerdings kein Hinweis darauf. Es ist zweifelhaft, ob sie selbst dieser Taufe eine Bedeutung beigemessen hat oder eher gleichgültig gegenübergestanden haben mag. Nach Simone Pétrement hat sie selbst die Taufe mit den Worten kommentiert: „Du kannst es tun, es schadet nicht.“[20] Ebenso ist es fraglich, ob die tatbestandlichen Voraussetzungen für die Wirksamkeit einer Nottaufe in London bereits vorlagen. Auf dem Anmeldeformular des Sanatoriums in Ashford machte sie jedenfalls keine Angaben zur Religionszugehörigkeit. Gegenüber dem dortigen Arzt erklärte sie, dass es etwas gebe, weshalb sie nicht behaupten könne, dem Katholizismus anzugehören.[21] An Simone Weils Beerdigung auf dem Friedhof von Ashford am 30. August 1943 nahmen nur wenige Menschen teil, darunter Maurice Schumann und ihre Londoner Vermieterin. Der Pfarrer hatte den Zug aus London verpasst. Bis 1958 gab es keinen Grabstein. Auf der Gedenktafel vor ihrem Grab steht: „Ihre Schriften etablierten sie als eine der bedeutendsten modernen Philosophen“.[22]
Bei dem Werk La pesanteur et la grâce (Schwerkraft und Gnade) handelt es sich um eine posthum erschienene Zusammenstellung von Aphorismen und Maximen. Im Mai 1942 hatte sie dem befreundeten Sozialphilosophen Gustave Thibon auf dem Bahnhof von Marseille eine mit Papieren gefüllte Aktentasche übergeben. Vier Jahre nach dem Tod Weils veröffentlichte Thibon das Werk. Mit der Veröffentlichung der vollständigen Cahiers und der zahlreichen Essays, Gedichte, Briefe sowie der Fabriktagebücher und des von Albert Camus herausgegebenen letzten Werks L'enracinement wurde allerdings deutlich, dass die Aufzeichnungen in La pesanteur et la grâce tendenziös ausgewählt und geordnet worden waren.[23] Heinrich Böll urteilte über Simone Weil:
„Die Autorin liegt mir auf der Seele wie eine Prophetin; es ist der Literat in mir, der Scheu vor ihr hat; es ist der potentielle Christ in mir, der sie bewundert, der in mir verborgene Sozialist, der in ihr eine zweite Rosa Luxemburg ahnt; der ihr durch seinen Ausdruck mehr Ausdruck verleihen möchte. Ich möchte über sie schreiben, ihrer Stimme Stimme geben, aber ich weiß: ich schaffe es nicht, ich bin ihr nicht gewachsen, intellektuell nicht, moralisch nicht, religiös nicht. Was sie geschrieben hat, ist weit mehr als ‚Literatur’, wie sie gelebt hat, weit mehr als ‚Existenz’. Ich habe Angst vor ihrer Strenge, ihrer sphärischen Intelligenz und Sensibilität, Angst vor den Konsequenzen, die sie mir auferlegen würde, wenn ich ihr wirklich nahe käme. In diesem Sinne ist sie nicht ‚Literatur als Gepäck’, aber eine Last auf meiner Seele. Ihr Name: Simone Weil.“
– Heinrich Böll[24]
Den Zweck jeder Gemeinschaft und des Staates sah Simone Weil darin, Krieg und die Unterdrückung des einzelnen Menschen zu verhindern. Sie wollte die Politik individualisieren. Jeder Einzelne solle sich der Verantwortung dem anderen und der Gesellschaft gegenüber stellen. Parteien seien vom Prinzip her schlecht, ihre Auswirkungen in der Praxis seien ebenfalls schlecht. Man solle sie abschaffen. Die Kandidaten für ein Parlament würden dann den Wählern nicht mehr sagen können: „Ich trage dieses Etikett“ – was den Wählern über ihre konkrete Haltung zu einzelnen Problemen praktisch überhaupt nichts mitteilt –, sondern: „ich denke dies, dies und dies zu diesem und diesem großen Problem.“[25] Nach der Diagnose Simone Weils ist die Arbeiterschaft entwurzelt und von fremdem Geld abhängig. Fabrikarbeit sei Sklavenarbeit. Der Arbeiter fühle sich nur noch als Teil einer Maschinerie. Die Aufhebung des Privateigentums und die Verstaatlichung von Betrieben könnten nicht helfen. Diese revolutionären Ideen einschließlich des Marxismus seien utopische Wunschträume oder erstrebten einen Arbeiterimperialismus, den man ebenso wie den nationalen Imperialismus ablehnen müsse. So könne die menschliche Situation des Arbeiters nicht verbessert werden. Der Mensch solle die Möglichkeit erhalten, wieder Wurzeln zu fassen. Der Mensch bedürfe einer bewussten Teilhabe an einer Tradition, in die er durch Geburt, Ort, Beruf und Umwelt gestellt sei. Erst die Verwurzelung befähige den Menschen dazu, das Leben mit seinen Aufgaben zu bejahen. Jeder Arbeiter solle deshalb Eigentümer eines Hauses, eines kleinen Grundstücks und einer Maschine werden. Der quälende Zeitdruck solle aufgehoben und die Einsicht in den Gesamtzusammenhang der einzelnen Tätigkeit gefördert werden. Die Technik habe man den Bedürfnissen der Menschen anzupassen. Eine Humanisierung der Arbeit sei weder kapitalistisch noch sozialistisch, sondern auf die Würde des Menschen gerichtet.[26]
Für Simone Weil gestaltet sich die Erkenntnis als ein stufenförmiger Aufstieg, bei dem die Welt wie ein göttliches Buch zu verstehen ist. „Lectures superposées: lire la nécessité derrière la sensation, lire l'ordre derrière la nécessité, lire Dieu derrière l'ordre. (Übereinandergelagerte Lektüre: die Notwendigkeit hinter der sinnlichen Wahrnehmung lesen, die Ordnung hinter der Notwendigkeit lesen, Gott hinter der Ordnung lesen.)“[27] Die Erscheinungen sind als solche dem individuellen Erkennen nicht zugänglich: „...d'effets produits par des apparences qui n'apparaissent pas où à peine. (Sinneseindrücke werden durch das scheinhaft Äußere erzeugt, das sich nicht oder kaum offenbart.)“[28] Die Erscheinungen bewirken die Empfindungen und Emotionen, welche die Grundlage jeder Erkenntnis bilden. Im subjektiven Urteil, dem „jugement“, werden die Erscheinungen modifiziert und somit zu den Bedeutungen, den „significations“.[29] Die durch das subjektive Urteil konstituierte, wertbesetzte Sinnwelt ist nicht die wahre Wirklichkeit. Die wahre Wirklichkeit kann nur erkannt werden, wenn sich der Mensch frei macht von der öffentlichen Meinung sowie von seiner Begierde („les passions“), Einbildung („Imagination“) und Illusion. Dies wird möglich durch die „décréation“. Dabei reduziert der Mensch die Anteile des „Ich“ (Ego-Anteile) an der Erkenntnis. Damit steigt die Möglichkeit, hinter allen Erscheinungen Gott selbst zu erkennen.[30] Zur übernatürlichen Erkenntnis, der „connaissance surnaturelle“,[31] führt eine Haltung der Aufmerksamkeit („attente“, hoffendes Erwarten). Diese ist nicht zielgerichtet. Sie setzt geduldige Erwartung und Einwilligung in die Gnade voraus. Simone Weil spricht insoweit von „non-lecture“.[32] Dabei werden die getrennten Einzelerscheinungen der Welt als ein auf Gott hinweisendes Gesamtsymbolsystem verstanden. Die Welt wird als eine „poésie surnaturelle“ aufgefasst. Den wahren Text zu lesen vermag aber nur Gott selbst als Leser:
„Penser un vrai texte que je ne lis pas, que je n'ai jamais lu, c'est penser un lecteur de ce vrai texte, c'est à dire Dieu. (Sich einen wahren Text vorzustellen, den ich nicht lese, den ich niemals gelesen habe, das bedeutet, sich einen Leser dieses wahren Textes zu denken, also Gott.)“
– Simone Weil[33]
Simone Weil hat den zur mittelalterlichen Gebetslehre gehörenden Begriff der Aufmerksamkeit erneuert. Es geht dabei um das „nicht-handelnde Handeln“, das sowohl spirituelles und ethisches Prinzip als auch Grund der Werkschöpfung ist:
„Der Dichter bringt das Schöne dadurch hervor, dass er die Aufmerksamkeit auf Wirkliches gerichtet hält... Die echten und reinen Werte des Wahren, Schönen und Guten im Tun und Handeln eines Menschen werden durch ein und denselben Akt hervorgebracht: durch eine gewisse Anwendung der Fülle der Aufmerksamkeit auf den Gegenstand.“
– Simone Weil[34]
Nach Weil ist das Gebet nichts anderes als Aufmerksamkeit in ihrer reinsten Form. Jede Übung in der Schule oder im Studium wie beispielsweise die Lösung einer geometrischen Aufgabe oder die Übersetzung eines fremdsprachlichen Textes trainiere die Aufmerksamkeit und sei damit zugleich ein Widerschein des geistlichen Lebens. Aufmerksamkeit in diesem Sinne wird zu einer Methode des Verstehens. Man soll nicht versuchen, die Werke, Bilder und Zeichen auszudeuten. Vielmehr kommt es darauf an, sie so lange zu betrachten, „bis das Licht herausbricht.“
Die übernatürliche Liebe fasst Simone Weil als Nächstenliebe, Liebe zur Schönheit der Welt, zu den spirituellen Übungen und als Freundschaft auf. Nicht der einzelne Mensch liebt seinen Nächsten, sondern Gott in ihm liebt den Nächsten. Der Mensch ahmt nur die göttliche Liebe nach, die ihn geschaffen hat. Auch die Liebe zur Schönheit der Welt ist nur eine Imitation der göttlichen Liebe, die das Universum schuf. Gott ist gegenwärtig im Nächsten, in der Schönheit der Welt und in den spirituellen Übungen. Ohne die göttliche Gnade nützt aber die persönliche Anstrengung nichts, um sich dem Mysterium zu nähern. Der Mensch habe sich in der Erwartung Gottes bereitzuhalten.[35]
Simone Weil unterschied zwischen der Schwerkraft und der Gnade als den beiden Polen der menschlichen Existenz. Zum Gesetz der Schwerkraft gehören die Rache, die Vergeltung, die Selbstbehauptung und der Wille zur Macht. Den materiellen Dingen und immateriellen Gütern wie Status, Einfluss oder Selbstbewusstsein schenkt der Mensch sein Herz, obwohl es sich dabei nur um Illusionen handelt. Sie erzeugen den falschen Schein einer Wirklichkeitsfülle, sind in Wahrheit aber nur unwirkliche Schatten. Dem, was nicht da ist, sind die Menschen unterworfen. Nur die Unterworfenheit ist da, der Mensch ist durch irreale Ketten real gekettet. Während die dem Menschen immanente Schwerkraft ihn immer wieder hinabzieht, wirkt die Gnade in entgegengesetzter Richtung. Gott würde sich erschöpfen, um die Seele des Menschen zu erreichen. Wenn diese sich auch nur für einen Moment eine reine und völlige Einwilligung entreißen lasse, dann habe Gott sie erobert:
„Und ist sie dann völlig ein Ding geworden, das nur ihm angehört, so verlässt er sie. Er lässt sie ganz allein. Und nun muss die Seele ihrerseits, doch in einem blinden Tasten, die unendliche Dichte von Zeit und Raum durchmessen, auf der Suche nach dem, den sie liebt. So legt die Seele nun in umgekehrter Richtung den Reiseweg zurück, auf dem Gott zu ihr gekommen ist. Und dies ist das Kreuz.“
– Simone Weil[36]
Das einzige auf der Welt, was der Zufall dem Menschen nicht rauben könne, sei das Vermögen, „ich“ zu sagen. Genau dieses „Ich“ müsse aber Gott gegeben werden:
„Das ist es, was wir Gott geben, das heißt: zerstören sollen. Es gibt durchaus keinen anderen freien Akt, der uns erlaubt wäre, außer der Zerstörung des Ich.“
– Simone Weil[37]
Die göttliche Selbstliebe und ihre Erschließung in der Schöpfung sei das Vorbild dafür, dass sich der Mensch ebenfalls selbst lieben solle. Der Mensch habe den falschen Drang, sich wegzuwerfen und vor falschen Göttern zu demütigen. „Nicht weil Gott uns liebt, sollen wir ihn lieben. Sondern weil Gott uns liebt, sollen wir uns lieben. Wie könnte man sich selbst lieben ohne dieses Motiv?“[38] Das Universum dauert auch dann fort, wenn der Mensch stirbt. Das ist für ihn kein Trost, wenn das Universum etwas anderes ist als er selbst.
„Ist jedoch das Universum für mich wie ein anderer Leib, dann hört mein Tod auf, für mich von größerer Bedeutung zu sein als der Tod eines anderen.“
– Simone Weil[39]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Weil, Simone |
| ALTERNATIVNAMEN | Weill, Simone; Weil, Simone Adolphine; Novis, Émile (Pseudonym) |
| KURZBESCHREIBUNG | französische Philosophin und Autorin |
| GEBURTSDATUM | 3. Februar 1909 |
| GEBURTSORT | Paris |
| STERBEDATUM | 24. August 1943 |
| STERBEORT | Ashford, Kent, England |