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Sokrates (ÎŁÏÎșÏÎŹÏÎ·Ï SĆkrĂĄtÄs * 469 v. Chr. in Alopeke, Athen; â 399 v. Chr.) war ein fĂŒr das abendlĂ€ndische Denken grundlegender griechischer Philosoph, der in Athen zur Zeit der Attischen Demokratie lebte und wirkte. Seine herausragende Bedeutung zeigt sich u. a. darin, dass alle griechischen Denker vor ihm heute als âVorsokratikerâ bezeichnet werden. Sokrates entwickelte die philosophische Methode eines strukturierten Dialogs, die er MĂ€eutik (âHebammenkunstâ) nannte. Sokrates selbst hinterlieĂ keine schriftlichen Werke, weswegen seine philosophischen Ansichten und die MĂ€eutik nur durch Schriften anderer ĂŒberliefert sind. Mehrere seiner SchĂŒler, der berĂŒhmteste unter ihnen Platon, verfassten sokratische Dialoge und betonten darin unterschiedliche ZĂŒge seiner Lehre. Zu Sokrates Nachruhm trug wesentlich bei, dass er, nachdem er wegen angeblich verderblichen Einflusses auf die Jugend sowie Missachtung der Götter verurteilt wurde, das Todesurteil akzeptierte und eine Fluchtmöglichkeit aus Respekt vor den Gesetzen nicht wahrnahm. Bis zur Hinrichtung durch den Schierlingsbecher beschĂ€ftigten ihn und die zu Besuch im GefĂ€ngnis weilenden Freunde und SchĂŒler philosophische Fragen.
Nahezu alle bedeutenden philosophischen Schulen der Antike haben sich auf Sokrates berufen. Michel de Montaigne nannte ihn im 16. Jahrhundert den âMeister aller Meisterâ und noch Karl Jaspers schrieb: âSokrates vor Augen zu haben, ist eine der unerlĂ€sslichen Voraussetzungen unseres Philosophierens.â[1]
Inhaltsverzeichnis |
Sokrates habe die Philosophie als Erster vom Himmel auf die Erde herunter gerufen, unter den Menschen angesiedelt und zum PrĂŒfinstrument der Lebensweisen, Sitten und Wertvorstellungen gemacht, bemerkte Cicero, der römische Politiker und vorzĂŒgliche Kenner der griechischen Philosophie.[2] In Sokrates sah er die Abkehr von der ionischen Naturphilosophie personifiziert, die bis 430 v. Chr. durch Anaxagoras in Athen prominent vertreten war. Sokrates wurde zum Kritiker des Anaxagoras, obwohl er von dessen Vernunftprinzip beeindruckt war, weil er bei ihm die Anwendung der Vernunft auf menschliche Problemstellungen vermisste.[3] Allerdings war Sokrates, anders als Cicero glaubte, nicht der Erste oder Einzige, der die menschlichen Belange in den Mittelpunkt seines philosophischen Denkens stellte.
Zu Sokrates' Lebzeiten war Athen als Vormacht im Attischen Seebund und infolge der Ausgestaltung der Attischen Demokratie das politisch-gesellschaftlich tiefgreifendem Wandel und vielfĂ€ltigen Spannungen ausgesetzte kulturelle Zentrum Griechenlands. Daher gab es im 5. Jahrhundert v. Chr. gute Entfaltungschancen fĂŒr neue geistige Strömungen in Athen. Eine solche breit angelegte, durch Lehrangebote auch wirksam hervortretende Geistesrichtung war die der Sophisten, mit denen Sokrates so vieles verband, dass er den Zeitgenossen oft selbst als Sophist galt: Das Interesse fĂŒr das praktische Leben der Menschen, fĂŒr Fragen der Polis- und Rechtsordnung sowie der Stellung des Einzelnen darin, die Kritik der hergebrachten Mythen, die Auseinandersetzung mit Sprache und Rhetorik, auĂerdem Bedeutung und Inhalte von Bildung â das alles beschĂ€ftigte auch Sokrates.
Was ihn von den Sophisten unterschied und zur geistesgeschichtlichen GrĂŒnderfigur machte, waren die darĂŒber hinausgehenden Merkmale seines Philosophierens. Bezeichnend war z. B. sein stetiges, bohrendes BemĂŒhen, den Dingen auf den Grund zu gehen und z. B. in der Frage âWas ist Tapferkeit?â, sich nicht mit VordergrĂŒndig-Augenscheinlichem zufrieden zu geben, sondern den âbesten Logosâ zur Sprache zu bringen, d. h. das von Zeit und Ărtlichkeit unabhĂ€ngige, gleichbleibende Wesen der Sache.[4]
Methodisch neu zu seiner Zeit war die MĂ€eutik, das von Sokrates eingefĂŒhrte Verfahren des philosophischen Dialogs zwecks Erkenntnisgewinn in einem ergebnisoffenen Forschungsprozess. OriginĂ€r sokratisch war ferner das Fragen und Forschen zur BegrĂŒndung einer philosophischen Ethik. Zu den von Sokrates erzielten Ergebnissen gehörte, dass richtiges Handeln aus der richtigen Einsicht folgt und dass Gerechtigkeit Grundbedingung des Seelenheils ist. Daraus ergab sich fĂŒr ihn: Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht erleiden.
Daran knĂŒpft sich ein viertes Element des mit Sokrates verbundenen philosophischen Neubeginns: die Bedeutung und BewĂ€hrung philosophischer Einsichten in der Lebenspraxis. In dem mit seinem Todesurteil endenden Prozess bescheinigte Sokrates seinen Widersachern, dass sie erkennbar im Unrecht seien. Gleichwohl lehnte er anschlieĂend die Flucht aus dem GefĂ€ngnis ab, um sich nicht seinerseits ins Unrecht zu setzen. Die philosophische Lebensweise und die Einhaltung des Grundsatzes, dass Unrecht tun schlimmer ist als Unrecht leiden, gewichtete er höher als die Möglichkeit, sein Leben zu erhalten.[5]
Ăber den Werdegang des Sokrates ist fĂŒr die erste LebenshĂ€lfte kaum etwas und danach auch nur LĂŒckenhaftes bekannt. Die biographischen Hinweise beruhen im Wesentlichen auf drei zeitgenössischen Quellen, die ein zum Teil widersprĂŒchliches Bild zeichnen. Dabei handelt es sich um den Komödiendichter Aristophanes sowie zwei SchĂŒler des Sokrates, nĂ€mlich den Historiker Xenophon und den Philosophen Platon, letzterer die wichtigste Sokrates-Quelle ĂŒberhaupt. Unter den Nachgeborenen haben vor allem der Platon-SchĂŒler Aristoteles und â im dritten Jahrhundert n. Chr. â der Doxograph Diogenes Laertios Hinweise beigesteuert. DarĂŒber hinaus sind nur verstreute Notizen, Anmerkungen oder Anekdoten weiterer Autoren der griechischen und der lateinischen Literatur ĂŒberliefert.
Sokrates wurde 469 v. Chr. im attischen Demos Alopeke geboren. Seine Eltern waren Sophroniskos, der ein Steinmetz oder Bildhauer gewesen sein soll, und die Hebamme Phainarete. Aus einer vorangehenden Ehe seiner Mutter hatte er einen Halbbruder Patrokles.
Seine Ausbildung habe sich, so der deutsche Althistoriker Alexander Demandt, in den gĂ€ngigen Bahnen bewegt, was neben Alphabetisierung, Gymnastik und Musikerziehung auch Geometrie, Astronomie und das Studium der Dichter, zumal Homers, einschloss. Unter seinen Lehrern waren laut Platon auch zwei Frauen, nĂ€mlich Aspasia, die enge Vertraute des Perikles und die Seherin Diotima.[6] Auf mĂ€nnlicher Seite werden neben dem bereits erwĂ€hnten Naturphilosophen Anaxagoras, mit dessen SchĂŒler Archelaos Sokrates eine Reise nach Samos unternahm,[7] der Sophist Prodikos und der den Pythagoreern nahestehende Musiktheoretiker Damon genannt.[8]
Zu einer BerufsausĂŒbung des Sokrates Ă€uĂerte sich einzig der im frĂŒhen 3. Jahrhundert n. Chr. schreibende Philosophiehistoriker Diogenes Laertios, der sich auf eine verlorene Quelle berief.[9] Demnach hĂ€tte Sokrates wie sein Vater als Bildhauer gearbeitet und sogar eine Charitengruppe und eine Hermesfigur auf der Akropolis gestaltet. In den Ăberlieferungen seiner SchĂŒler ist davon aber nirgends die Rede, so dass er diese TĂ€tigkeit zumindest frĂŒhzeitig beendet haben mĂŒsste und auch wohl kaum zur Sprache brachte.
Konkrete Daten sind mit seinen militĂ€rischen EinsĂ€tzen im Peloponnesischen Krieg (431â404 v. Chr.) verbunden: Als Hoplit mit schwerer Bewaffnung nahm er an der Belagerung von Potidaia 431â429 v. Chr. sowie an den Schlachten von Delion 424 v. Chr. und Amphipolis 422 v. Chr. teil. Das lĂ€sst darauf schlieĂen, dass er nicht unbemittelt war; denn die Kosten fĂŒr ihre AusrĂŒstung mussten die Hopliten selbst aufbringen.
Dem Feldherrn Laches und dem eigenen SchĂŒler Alkibiades machte Sokrates im Felde groĂen Eindruck durch die Art, wie er KĂ€lte, Hunger und sonstige Entbehrungen zu ertragen in der Lage war und wie er im Falle des militĂ€rischen RĂŒckzugs bei Delion â statt wie andere kopflos zu flĂŒchten â gemessenen Schrittes und jederzeit verteidigungsbereit Besonnenheit und entschlossenen Mut bewies.[10]
Den verwundeten Alkibiades rettete er in Potidaia samt Waffen und lenkte eine Tapferkeitsauszeichnung, die ihm selbst zugestanden hÀtte, auf Alkibiades. So wenigstens bezeugt es dieser in Platons Symposion und berichtet, wie er Sokrates in Poteidaia erlebt habe:
âDa ĂŒbertraf er im Ertragen aller Beschwernisse nicht nur mich, sondern alle insgesamt. Wenn wir irgendwo abgeschnitten waren, wie es auf FeldzĂŒgen vorkommen kann, und dann fasten mussten, da konnten das die anderen lange nicht so gut aushalten. Durften wir es uns aber wohlergehen lassen, so vermochte er als einziger das zu genieĂen, besonders wenn er, was ihm freilich zuwider war, zum Trinken genötigt wurde; da ĂŒbertraf er uns alle. Und worĂŒber man sich am meisten wundern muss: Kein Mensch hat jemals den Sokrates betrunken gesehen.[11]â
Seinen Wirkungsmittelpunkt hatte Sokrates auf dem belebten Marktplatz von Athen, wie Xenophon verdeutlichte: âSo tat gerade er stets alles in voller Ăffentlichkeit. Am frĂŒhen Morgen ging er nĂ€mlich nach den SĂ€ulenhallen und Turnschulen, und wenn der Markt sich fĂŒllte, war er dort zu sehen, und auch den Rest des Tages war er immer dort, wo er mit den meisten Menschen zusammen sein konnte. Und er sprach meistens, und wer nur wollte, konnte ihm zuhören.â[12] Die satirische Lesart dazu gab Aristophanes in seiner Komödie Die Wolken, wo Sokrates Hauptfigur ist und vom Chor so angesprochen wird:
âDu aber, du Priester des kniffligen Worts, verkĂŒnde uns jetzt dein Begehren!
Denn keinem sonst willfahrn wir so gern von allen ErhabenheitsschwÀtzern
Wie dem Prodikos: ihm seiner Weisheit zu lieb, seiner Einsicht; und auĂer ihm dir noch,
Weil du stolz in den Gassen herumflanierst und die Augen rundum lÀssest schweifen,
Stets barfuĂ und ohne Empfindlichkeit und im Glauben an uns voller DĂŒnkel.[13]â
Schon in dieser 423 v. Chr. uraufgefĂŒhrten Komödie wurde Sokrates Atheismus und Verblendung der Jugend vorgehalten. Seine GesprĂ€chspartner in den Gassen Athens und auf der Agora gehörten beiden Geschlechtern und nahezu allen Altersgruppen, Metiers und gesellschaftlichen RĂ€ngen an, die in der Attischen Demokratie vertreten waren.
Unter Sokratesâ SchĂŒlern im engeren Sinn waren einige, die spĂ€ter selbst in Geschichte und Geistesgeschichte eine Rolle spielten. Hierzu zĂ€hlen neben Platon, Xenophon und Alkibiades, auch Euklid von Megara, Antisthenes, Aristipp, Aischines und Phaidon.[14] Ăber den Charakter des Sokratischen GesprĂ€chs lieĂ Platon den Alkibiades sagen:
â⊠wenn einer des Sokrates Reden anhören will, so werden sie ihm anfangs ganz lĂ€cherlich vorkommen, in solche Worte und Redensarten sind sie Ă€uĂerlich eingehĂŒllt, wie in das Fell eines frechen Satyrs.
Denn von Lasteseln spricht er, von Schmieden, Schustern und Gerbern, und scheint immer auf dieselbe Art nur dasselbe zu sagen, so daĂ jeder unerfahrene und unverstĂ€ndige Mensch ĂŒber seine Reden spotten muĂ. Wenn sie aber einer geöffnet sieht und inwendig hineintritt: So wird er zuerst finden, daĂ diese Reden allein inwendig Vernunft haben, und dann dass sie ganz göttlich sind und die schönsten Götterbilder von Tugend in sich enthalten und auf das meiste von dem oder vielmehr auf alles abzwecken, was dem, der gut und edel werden will, zu untersuchen gebĂŒhrt.[15]â
Die Schule von Athen von Raffael, Sokrates im Bild: Hintere Reihe, linke Seite, der nach links gewandte Mann in der braunen Kleidung mit den HĂ€nden gestikulierend
Auch wenn vor allem Sokratesâ SchĂŒler sein Fragen anscheinend so auffassen mochten, stieĂ seine GesprĂ€chsfĂŒhrung bei anderen auf UnverstĂ€ndnis und Unmut:
âSokrates, der Lehrer, tritt regelmĂ€Ăig als SchĂŒler auf. Nicht er will andere belehren, sondern von ihnen belehrt werden. Er ist der Unwissende, seine Philosophie tritt auf in der Gestalt des Nichtwissens. Umgekehrt bringt er seine GesprĂ€chspartner in die Position des Wissenden. Das schmeichelt den meisten und provoziert sie, ihr vermeintliches Wissen auszubreiten. Erst im konsequenten Nachfragen stellt sich heraus, dass sie selbst die Unwissenden sind.[16]â
Schon lange vor der UrauffĂŒhrung der Wolken muss Sokrates eine prominente Figur im Athener öffentlichen Leben gewesen sein, denn andernfalls hĂ€tte Aristophanes ihn kaum auf die genannte Art erfolgreich in Szene setzen können. Auch eine nicht zu datierende Befragung des Orakels in Delphi durch den Jugendfreund Chairephon setzte eine weit ĂŒber Athen hinausreichende Bekanntheit des Sokrates voraus.
In Platons Apologie schildert Sokrates den Vorgang: âEr (Chairephon) fragte also, ob es jemanden gĂ€be, der weiser wĂ€re als ich. Da sagte Pythia, dass es keinen gĂ€be.â Einen Zeugen dafĂŒr benannte Sokrates in dem Bruder des verstorbenen Jugendfreunds.[17] Nach Xenophons Version lautete die Orakelauskunft, dass niemand freier oder gerechter oder besonnener sei als Sokrates. Aus diesem Orakelspruch leitete Sokrates, dem sein Nichtwissen vor Augen stand, Platon zufolge den Auftrag ab, das Wissen seiner Mitmenschen zu prĂŒfen, um sich dessen zu vergewissern, was die Gottheit gemeint hatte.
Die HistorizitÀt der Orakelbefragung wurde allerdings schon in der Antike bestritten und wird auch von manchen modernen Forschern verneint.[18]
Im Gegensatz zu den Sophisten lieĂ sich Sokrates nicht fĂŒr seine LehrtĂ€tigkeit bezahlen. Er bezeichnete sich bewusst als Philosoph (philos: Freund; sophia: Weisheit). Dieses Philosophieren, das oft mitten im geschĂ€ftigen Treiben Athens stattfand, könnte vielleicht auch als Antwort auf die Frage dienen, wie Athen sich als âSchule von Hellasâ behaupten und die individuelle Entfaltung der jeweiligen FĂ€higkeiten und Tugenden der BĂŒrger fördern konnte.[19]
Insbesondere ambitionierte Nachwuchspolitiker prĂŒfte Sokrates mittels seiner Frage-Methodik gerne, um ihnen zu verdeutlichen, wie weit sie noch davon entfernt waren, die Belange der Polis kompetent vertreten zu können. Dies tat er nach dem Zeugnis Xenophons in wohlwollender Absicht auch bei Platons Bruder Glaukon, der sich weder in den Staatsfinanzen noch bei der EinschĂ€tzung militĂ€rischer KrĂ€fteverhĂ€ltnisse noch in Angelegenheiten der inneren Sicherheit Athens als sattelfest erwies. Sokrates folgerte: âSei vorsichtig Glaukon, dein Streben nach Ruhm könnte sonst ins Gegenteil umschlagen! Merkst du nicht wie leichtsinnig es ist, etwas zu tun oder zu reden, wovon man nichts versteht? [âŠ] Wenn du im Staate Hochachtung und Ruhm genieĂen möchtest, dann erarbeite dir zuallererst die Kenntnisse, welche du fĂŒr die Aufgaben brauchst, die du lösen willst!â[20] Auf Dauer machte sich Sokrates mit seinen verbalen Untersuchungen, dem vielfĂ€ltigen Infragestellen, Zweifeln und Nachforschen sowohl Freunde als auch Feinde: Freunde, die seine Philosophie als SchlĂŒssel zur eigenen und gemeinschaftlichen Wohlfahrt und Weisheit ansahen, und Feinde, die sein Wirken als GotteslĂ€sterung und gemeinschaftsschĂ€digend einschĂ€tzten.
Gelegentlich verstand sich Sokrates auch auf konkrete Politikberatung. So berichtete Xenophon in seinen Erinnerungen ĂŒber einen Dialog zwischen Sokrates und Perikles (dem gleichnamigen Sohn des 429 v. Chr. verstorbenen Staatsmannes Perikles), in dem es um Möglichkeiten ging, Athens im Verlauf des Peloponnesischen Krieges geschwundene Ă€uĂere Machtstellung in Griechenland zurĂŒckzugewinnen. Nach einer ganzen Reihe allgemeiner ErwĂ€gungen entwickelte Sokrates dem als fĂ€higen Feldherrn eingeschĂ€tzten Perikles zuletzt den Vorschlag, das in Richtung Böotien Attika vorgelagerte Gebirge militĂ€risch zu besetzen. Den ihm in der Sache Zustimmenden ermunterte er: âWenn dir der Plan gefĂ€llt, so fĂŒhre ihn aus! Alle Erfolge, die du damit erringst, werden dir Ruhm und der Stadt Vorteile bringen; gelingt dir aber etwas dabei nicht, so wirkt es sich fĂŒr die Allgemeinheit nicht schĂ€dlich aus und macht auch dir selber keine Schande.â[21]
416 v. Chr. erschien Sokrates als âEhrengastâ auf dem berĂŒhmten Symposion, das anlĂ€sslich des Tragödiensieges des jungen Agathon stattfand und an dem in der platonischen Ăberlieferung auch Aristophanes und Alkibiades in wichtiger Rolle teilnahmen. Das nĂ€chste biographisch datierbare Ereignis fand zehn Jahre spĂ€ter statt und betraf Sokratesâ Verwicklung in die Reaktion der Athener auf die Seeschlacht bei den Arginusen, wo die Bergung SchiffbrĂŒchiger unter Sturm fehlgeschlagen war. Als Gerichtshof in dem Prozess gegen die Strategen, die die MilitĂ€roperation geleitet hatten, fungierte die Volksversammlung. Zu dem geschĂ€ftsfĂŒhrenden Ausschuss des Rates der 500, den 50 Prytanen, gehörte zu diesem Zeitpunkt auch Sokrates. ZunĂ€chst schien es, als könnten die Strategen ihre Unschuld nachweisen und freigesprochen werden. Am zweiten Verhandlungstag aber Ă€nderte sich die Stimmung, und es kam zu der Forderung, die Strategen gemeinsam schuldig zu sprechen. Die Prytanen wollten den Antrag fĂŒr ungesetzlich erklĂ€ren, denn nur Einzelverfahren waren zulĂ€ssig. Da sich nun aber das Volk im VollgefĂŒhl seiner SouverĂ€nitĂ€t gar nichts untersagen lassen wollte und den Prytanen die Mitverurteilung angedroht wurde, gaben alle bis auf Sokrates nach.
Eine ganz Ă€hnliche Haltung bewies Sokrates nach Platons Zeugnis noch einmal 404 / 403 v. Chr. unter der WillkĂŒrherrschaft der DreiĂig, als er den Befehl der Oligarchen verweigerte, mit vier anderen gemeinsam die Verhaftung eines unschuldigen Gegners der Herrschenden durchzufĂŒhren. Er ging stattdessen einfach nach Hause, wohl wissend, dass es sein Leben kosten könnte: âDamals bewies ich wahrlich wieder nicht durch Worte, sondern durch die Tat, daĂ mich der Tod, wenn es nicht zu grob klingt, auch nicht so viel kĂŒmmert, daĂ mir aber alles daran liegt, nichts Unrechtes und Unfrommes zu tun.â[22]
Eine deutliche Bevorzugung eines bestimmten Verfassungstyps oder die Ablehnung von Organisationsstrukturen der Attischen Demokratie, die seinen Wirkungsrahmen bildete, ist bei Sokrates â anders als bei Platon â nicht erkennbar. Martens sieht in Sokrates eher einen Förderer der Demokratie: âMit seiner Forderung nach kritischer Wahrheitssuche und Orientierung an der Gerechtigkeit kann Sokrates als ein BegrĂŒnder der Demokratie gelten. Dies schlieĂt eine Kritik an bestimmten demokratischen Praktiken nach ihren Kriterien nicht aus. Dabei ist allerdings Sokratesâ Kritik in Platons Staat (8. Buch) nicht unbesehen dem historischen Sokrates selber zuzuschreiben, sondern man muĂ sie als Platons Auffassung verstehen. Allerdings hat auch Sokrates das Prinzip der Sachentscheidung ĂŒber das der Mehrheitsentscheidung gestellt (Laches 184e), ein bis heute nicht ĂŒberwundener Konflikt jeder Demokratie.â[23] Ihm kam es vor allem darauf an, ein jeder Regierungsform ĂŒbergeordnetes Recht zu wahren und darin seinen MitbĂŒrgern Vorbild zu sein. Döring schreibt dazu: âWas den Umgang mit den jeweils Regierenden und den Institutionen der Polis anbetraf, plĂ€dierte er fĂŒr LoyalitĂ€t, solange man nicht gezwungen werde, Unrecht zu tun, also genau so zu verfahren, wie er selbst es machte. Wie jeder wuĂte, hatte er selbst einerseits seine BĂŒrgerpflichten peinlich genau erfĂŒllt, sich andererseits aber auch in prekĂ€ren Situationen nicht davon abbringen lassen, nie etwas anderes zu tun als das, was sich ihm nach gewissenhafter PrĂŒfung als das Gerechte erwies.â[24]
FĂŒr den Prozess gegen Sokrates kommt ein vielfĂ€ltiges Motivgeflecht in Frage. Anklagen wegen Gottlosigkeit, sogenannte Asebie-Prozesse, waren bereits vor Ausbruch des Peloponnesischen Krieges betrieben worden. Damals hatten sie Persönlichkeiten im Umfeld des leitenden Staatsmannes Perikles gegolten, der die Entwicklung der Attischen Demokratie vorangetrieben hatte und reprĂ€sentierte. So waren in den 430er Jahren v. Chr. seine illegitime Gattin Aspasia, der mit der Ausgestaltung der Akropolis beauftragte Phidias und der Philosoph Anaxagoras unter Asebie-Anklage gestellt worden.[25]
Aristophanes hatte Sokrates in seiner Komödie Die Wolken nicht nur als vermeintlichen Sophisten karikiert, sondern seinen Umgang mit Begriffen auch als gefĂ€hrliche Wortverdreherei kritisiert.[26] ZusĂ€tzliche Ressentiments könnte Sokrates durch das mitbĂŒrger- und demokratiefeindliche Verhalten zweier seiner SchĂŒler auf sich gezogen haben: Alkibiades hatte wĂ€hrend und nach der Sizilischen Expedition wiederholt die Seiten gewechselt, und Kritias gehörte als AnfĂŒhrer zu jenen DreiĂig, die 404/403 v. Chr. mit massiver UnterstĂŒtzung Spartas eine oligarchische Gewaltherrschaft errichtet hatten. Die Fehlentwicklung, die Kritias und Alkibiades schlieĂlich genommen haben, ist jedoch nach Xenophon nicht wegen, sondern trotz des Umgangs mit Sokrates eingetreten. Er zog daraus die Schlussfolgerung, dass jede erzieherische Einwirkung eine Sympathiebeziehung voraussetze: âKritias und Alkibiades traten aber nicht mit Sokrates in Verbindung, weil er ihnen sympathisch war, sondern weil sie es sich von vornherein zum Ziel gesetzt hatten, an die Spitze des Staates zu tretenâŠâ Beide hĂ€tten, nachdem sie auf der Grundlage Sokratischer GesprĂ€chsfĂŒhrung gegenĂŒber Politikern einige Ăberheblichkeit entwickelt hatten, den Kontakt zu Sokrates gemieden, um sich nicht von ihm ihrer Fehler ĂŒberfĂŒhren zu lassen. Von den ĂŒbrigen Sokrates-SchĂŒlern sei keiner auf eine schlechte Bahn geraten, betonte Xenophon.[27]
Von dem Prozess des Sokrates 399 v. Chr. berichten â nicht ganz ĂŒbereinstimmend â sowohl Platon als auch Xenophon. Beide Autoren lassen â nach Taylor â Sokrates sich im Sinne ihrer jeweils eigenen Ziele Ă€uĂern: âXenophon geht es darum, Sokratesâ konventionelle Frömmigkeit und Tugend zu betonen, und Platons Ziel ist es, ihn als ein Muster des philosophischen Lebens zu zeigen.â[28] Xenophon und Platon waren allerdings bei Sokrates' Tod nicht selbst anwesend. Allerdings wird die Darstellung Platons, der als Prozessbeobachter die BeitrĂ€ge des Sokrates in der Apologie ausfĂŒhrlich wiedergegeben hat, ĂŒberwiegend als die authentischere angesehen. HauptsĂ€chlich um Prozess und Tod des Sokrates geht es auch in Platons Dialogen Kriton und Phaidon.
Sokrates agierte vor Gericht demnach ganz so, wie man ihn im öffentlichen Leben Athens schon ĂŒber Jahrzehnte kannte: als peinlich Untersuchender, Nachfragender und die Forschungsergebnisse schonungslos Offenbarender. Den ersten und mit Abstand lĂ€ngsten Beitrag stellte seine Rechtfertigung gegenĂŒber den Anklagen dar. Auf den Vorwurf, er verderbe die Jugend, reagierte er mit einer grĂŒndlichen BloĂstellung des AnklĂ€gers Meletos, in die auch die Geschworenen und schlieĂlich alle BĂŒrger Athens von ihm verwickelt wurden, als er den Meletos mit der Frage in die Enge trieb, wer denn nun seiner Vorstellung nach fĂŒr die Besserung der Jugend sorge, und dann sein Fazit zog: âDu aber, Meletos, beweist hinlĂ€nglich, dass du dir noch niemals Gedanken um die Jugend gemacht hast, und sichtbar stellst du deine GleichgĂŒltigkeit zur Schau, dass du dich um nichts von den Dingen bekĂŒmmert hast, derentwegen du mich vor das Gericht bringst.â[29]
Auch die Anklage wegen Gottlosigkeit wies er zurĂŒck. Er gehorche stets seinem Daimonion, das er als göttliche Stimme vorstellte, die ihn gelegentlich vor bestimmten Handlungen warne. Den Geschworenen legte er dar, dass er sich keinesfalls darauf einlassen werde, freizukommen mit der Auflage, sein öffentliches Philosophieren einzustellen: âWenn ihr mich also auf eine so abgefasste Bedingung freilassen wolltet, so wĂŒrde ich antworten: ich schĂ€tze euch, MĂ€nner Athens, und liebe euch, gehorchen aber werde ich mehr dem Gotte als euch, und solange ich atme und Kraft habe, werde ich nicht ablassen zu philosophieren und euch zu befeuernâŠâ[30]
In der Rolle des Angeklagten prĂ€sentierte er sich als Verteidiger von Recht und Gesetzlichkeit, indem er es ablehnte, die Geschworenen durch Mitleidsappelle und Bitten zu beeinflussen: âDenn nicht dazu nimmt der Richter seinen Sitz ein, das Recht nach Wohlwollen zu verschenken, sondern um das Urteil zu finden, und er hat geschworen â nicht gefĂ€llig zu sein, wenn er gerade will, sondern â Recht zu sprechen nach den Gesetzen.â[31]
Mit knapper Stimmenmehrheit (281 von 501 Stimmen) wurde er von einem der zahlreichen Gerichtshöfe der Attischen Demokratie fĂŒr schuldig befunden. Nach damaligem Brauch durfte Sokrates nach der Schuldigsprechung eine Strafe fĂŒr sich selbst vorschlagen. In seiner zweiten Rede bestand Sokrates darauf, seinen MitbĂŒrgern durch die praktische philosophische Unterweisung nur Gutes getan zu haben und dafĂŒr nicht etwa die beantragte Todesstrafe, sondern die Speisung im Prytaneion zu verdienen, wie sie Olympiasieger erhielten. Angesichts des Schuldspruchs erwog er dann verschiedene mögliche Strategien, hielt aber letztlich allenfalls eine Geldstrafe fĂŒr akzeptabel. Hiernach verurteilten ihn die Geschworenen nun mit einer Mehrheit, die noch einmal um 80 auf 361 Stimmen anwuchs, zum Tode.[32]
In dem ihm zustehenden Schlusswort betonte Sokrates noch einmal die Ungerechtigkeit der Verurteilung und bescheinigte den AnklĂ€gern Bosheit, nahm das Urteil aber ausdrĂŒcklich an und Ă€uĂerte nach Platons Ăberlieferung: âVielleicht musste dies alles so kommen, und ich glaube, es ist die rechte FĂŒgung.â[33] Die unter den Geschworenen, die ihn hatten freisprechen wollen, suchte er mit AusfĂŒhrungen ĂŒber die wenig schrecklichen Folgen des Todes zu beruhigen und bat sie, fĂŒr die AufklĂ€rung seiner Söhne auf die Weise zu sorgen, die er selbst den Athenern gegenĂŒber praktiziert hatte: âAber schon ist es Zeit, dass wir gehen â ich um zu sterben, ihr um zu leben: wer aber von uns den besseren Weg beschreitet, das weiĂ niemand, es sei denn der Gott.â[34]
Darauf beharrte Sokrates auch den Freunden gegenĂŒber, die ihn im GefĂ€ngnis besuchten und zur Flucht ĂŒberreden wollten. Gelegenheit dazu ergab sich dadurch, dass die Hinrichtung, die normalerweise zeitnah zur Verurteilung geschah, in diesem Fall aufgeschoben werden musste. WĂ€hrend der jĂ€hrlichen Gesandtschaft zur heiligen Insel Delos, die zu dieser Zeit stattfand, durften aus GrĂŒnden ritueller Reinheit keine Hinrichtungen vorgenommen werden.[35]
An Sokratesâ letztem Tag trafen die Freunde gemÀà Platon[36] Xanthippe, die Frau des Sokrates, mit den drei Söhnen bei ihm an, davon zwei noch im Kindesalter.[37] Sokrates lieĂ die nun ein lautes Wehklagen anhebende Xanthippe wegfĂŒhren, um sich im GesprĂ€ch mit den Freunden auf den Tod vorzubereiten. Seine Weigerung zur Flucht begrĂŒndete er mit dem Respekt vor den Gesetzen. WĂŒrden Urteile nicht befolgt, verlören Gesetze ĂŒberhaupt ihre Kraft.[38] Schlechte Gesetze mĂŒsse man Ă€ndern, aber nicht mutwillig ĂŒbertreten. Das Recht der freien Rede in der Volksversammlung biete die Chance, von VerbesserungsvorschlĂ€gen zu ĂŒberzeugen; und notfalls könne, wer das vorzöge, auch noch ins Exil gehen. Den schlieĂlich gereichten Schierlingsbecher leerte Sokrates anscheinend vollstĂ€ndig gefasst. In seinen letzten Worten bat er darum, dem Gott der Heilkunst Asklepios einen Hahn zu opfern.[39]
Was bliebe von dem Philosophen Sokrates ohne die Werke Platons, fragt Figal[40] und antwortet: eine interessante Figur des Athener Lebens im fĂŒnften Jahrhundert, kaum mehr; nachrangig vielleicht gegenĂŒber Anaxagoras, bestimmt gegenĂŒber Parmenides und Heraklit. Platons zentrale Stellung als Quelle Sokratischen Denkens birgt das Problem einer Abgrenzung zwischen beider Vorstellungswelten, denn Platon ist in seinen Werken zugleich als eigenstĂ€ndiger Philosoph vertreten. In der Forschung besteht eine weitgehende Ăbereinstimmung darin, dass die frĂŒhen platonischen Dialoge - die Apologie des Sokrates, Charmenides, Kriton, Euthyphron, Gorgias, Hippias minor, Ion, Laches, Protagoras, Politeia I - dessen Philosophie am deutlichsten spiegeln und dass die EigenstĂ€ndigkeit der Philosophie Platons in seinen spĂ€teren Werken ausgeprĂ€gter hervortritt.[41]
Zu den Kernbereichen Sokratischen Philosophierens gehören neben dem auf Dialoge gegrĂŒndeten Erkenntnisstreben die nĂ€herungsweise Bestimmung des Guten als Handlungsrichtschnur und das Ringen um Selbsterkenntnis als wesentliche Voraussetzung eines gelingenden Daseins. Das Bild des in den StraĂen Athens von morgens bis abends GesprĂ€che fĂŒhrenden Sokrates ist zu erweitern um Phasen völliger gedanklicher Versunkenheit, mit denen Sokrates seinen MitbĂŒrgern ebenfalls Eindruck machte. FĂŒr diesen Wesenszug steht als Extrem Alkibiadesâ Schilderung eines Erlebnisses in Potideia, die in Platons Symposion enthalten ist:
âDamals auf dem Feldzug [âŠ] stand er, in irgendeinen Gedanken vertieft, vom Morgen an auf demselben Fleck und ĂŒberlegte, und als es ihm nicht gelingen wollte, gab er nicht nach, sondern blieb nachsinnend stehen. Inzwischen war es Mittag geworden; da bemerkten es die Leute, und verwundert erzĂ€hlte es einer dem anderen, dass Sokrates schon seit dem Morgen dastehe und ĂŒber etwas nachdenke. SchlieĂlich, als es schon Abend war, trugen einige von den Ioniern, als sie gegessen hatten, ihre Schlafpolster hinaus; so schliefen sie in der KĂŒhle und konnten gleichzeitig beobachten, ob er auch in der Nacht dort stehen bleibe. Und wirklich, er blieb stehen, bis es Morgen wurde und die Sonne aufging! Dann verrichtete er sein Gebet an die Sonne und ging weg.â
Die Sokratische GesprĂ€chsfĂŒhrung wiederum stand in deutlichem Zusammenhang mit erotischer Anziehung.[42] Der Eros als eine der Formen platonischer Liebe, im Symposion vorgestellt als groĂes göttliches Wesen, ist der Mittler zwischen Sterblichen und Unsterblichen. GĂŒnter Figal interpretiert: âDer Name des Eros steht fĂŒr die den Bereich des Menschlichen ĂŒbersteigende Bewegung der Philosophie. [âŠ] Sokrates kann am besten philosophieren, wenn er durch das ganz und gar unsublimierte Schöne eingenommen ist. Das Sokratische GesprĂ€ch vollzieht sich nicht nach einmal gelungenem Aufstieg auf jener unsinnlichen Höhe, wo nur noch die Ideen als das Schöne erscheinen; vielmehr vollzieht es in sich immer wieder die Bewegung vom menschlichen zum ĂŒbermenschlichen Schönen und bindet das ĂŒbermenschliche Schöne dialogisch ans menschliche zurĂŒck.â[43]
âIch weiĂ, dass ich nicht weiĂâ, lautet eine bekannte, aber stark verkĂŒrzende Formel, mit der verdeutlicht wird, was Sokrates seinen MitbĂŒrgern voraushatte. FĂŒr Figal ist die Einsicht des Sokrates in sein philosophisches Nichtwissen (Aporie) zugleich der SchlĂŒssel zu Gegenstand und Methode Sokratischer Philosophie: âIm Sokratischen Reden und Denken liegt erzwungener Verzicht, ein Verzicht, ohne den es keine Sokratische Philosophie gĂ€be. Diese entsteht nur, weil Sokrates im Bereich des Wissens nicht weiterkommt und die Flucht in den Dialog antritt. Sokratische Philosophie ist in ihrem Wesen dialogisch geworden, weil das forschende Entdecken unmöglich schien.â[44] Angeregt durch den Philosophen Anaxagoras hat Sokrates sich ursprĂŒnglich besonders fĂŒr die Naturforschung interessiert und sich wie dieser mit der Ursachenfrage auseinandergesetzt. Er sei allerdings verunsichert worden, wie Platon im Phaidon ebenfalls ĂŒberliefert, weil es keine eindeutigen Antworten gab. Die menschliche Vernunft hingegen, durch die alles, was wir ĂŒber die Natur wissen, vermittelt werde, konnte Anaxagoras nicht erklĂ€ren. Daher habe Sokrates sich von der Suche nach Ursachen ab- und dem auf Sprache und Denken beruhenden Verstehen zugewandt, schlussfolgert Figal.[45]
Ziel des Sokratischen Dialogs in der von Platon ĂŒberlieferten Form ist die gemeinsame Einsicht in einen Sachverhalt auf der Basis von Frage und Antwort. Weitschweifige Reden ĂŒber den Untersuchungsgegenstand akzeptierte Sokrates danach nicht, sondern bestand auf einer direkten Beantwortung seiner Frage: âIm sokratischen GesprĂ€ch hat die sokratische Frage den Vorrang. Die Frage enthĂ€lt zwei Momente: Sie ist Ausdruck des Nichtwissens des Fragenden und Appell an den Befragten, zu antworten oder sein eigenes Nichtwissen einzugestehen. Die Antwort provoziert die nĂ€chste Frage, und auf diese Weise kommt die dialogische Untersuchung in Gang.â[46] Durch Fragen also â und nicht durch Belehren des GesprĂ€chspartners, wie es die Sophisten gegenĂŒber ihren SchĂŒlern praktizierten â sollte EinsichtsfĂ€higkeit geweckt werden, eine Methode, die Sokrates, so Platon, als MĂ€eutik bezeichnet hat: eine Art âgeistige Geburtshilfeâ. Denn die Ănderung der bisherigen Einstellung als Ergebnis der geistigen Auseinandersetzung hing davon ab, dass die Einsicht selbst erlangt bzw. âgeborenâ wurde.
Der Erkenntnisfortschritt in den Sokratischen Dialogen ergibt sich in charakteristischer Abstufung: Im ersten Schritt suchte Sokrates dem jeweiligen Diskussionspartner klarzumachen, dass seine Lebens- und Denkungsart unzureichend seien. Um seinen MitbĂŒrgern zu zeigen, wie wenig sie ĂŒber ihre eigenen Ansichten und Einstellungen bisher nachgedacht hatten, konfrontierte er sie anschlieĂend mit den unsinnigen bzw. unangenehmen Konsequenzen, die sich daraus ergeben wĂŒrden. Der platonischen Apologie nach hat das Orakel von Delphi Sokrates die PrĂŒfung des Wissens seiner Mitmenschen auferlegt. Pleger zufolge umfasst der sokratische Dialog also stets die drei Momente der PrĂŒfung des anderen, der SelbstprĂŒfung und der SachprĂŒfung. âBei dem von Sokrates begonnenen philosophischen Dialog handelt es sich um ein zetetisches, das heiĂt untersuchendes Verfahren. Die Widerlegung, der Elenchos (áŒÎ»Î”ÎłÏÎżÏ), geschieht unvermeidlich nebenher. Sie ist nicht das Motiv.â[47]
Nach dieser Verunsicherung forderte Sokrates seinen GesprĂ€chspartner zum Umdenken auf. Er lenkte das GesprĂ€ch unter AnknĂŒpfung an den Erörterungsgegenstand â sei es z.B. Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit oder Tugend ĂŒberhaupt â hin auf die Frageebene, was das Wesentliche am Menschen sei. Sofern die GesprĂ€chspartner den Dialog nicht bereits vorher abgebrochen hatten, kamen sie zu der Erkenntnis, dass die Seele als das eigentliche Selbst des Menschen so gut wie nur möglich sein mĂŒsse. Dies hĂ€nge davon ab, in welchem MaĂe der Mensch das sittlich Gute tue. Was das Gute ist, gilt es also herauszufinden.[48]
FĂŒr die Dialogpartner zeigte Platon im Verlauf der Untersuchung regelmĂ€Ăig, dass Sokrates, der doch vorgab nicht zu wissen, alsbald deutlich mehr Wissen zu erkennen gab, als sie selbst besaĂen. Anfangs oft in der Rolle des scheinbar wissbegierigen SchĂŒlers, der seinem GegenĂŒber die Lehrerrolle antrug, erwies er sich zuletzt klar ĂŒberlegen.
Seine Ausgangsposition wurde dadurch hĂ€ufig als unglaubwĂŒrdig und unaufrichtig wahrgenommen, als Ausdruck von Ironie im Sinne von Verstellung zum Zweck der IrrefĂŒhrung. Döring hĂ€lt es gleichwohl fĂŒr ungewiss, dass Sokrates mit seinem Nichtwissen im Sinne der gezielten Tiefstapelei ironisch zu spielen begann. Er unterstellt wie Figal die Ernsthaftigkeit von dessen Bekundung im Grundsatz.[49] Doch auch wenn es Sokrates um eine öffentliche Demontage seiner GesprĂ€chspartner gar nicht ging, musste sein Wirken viele der von ihm Angesprochenen gegen ihn aufbringen, zumal auch Sokrates' SchĂŒler sich in dieser Form des Dialogs ĂŒbten. Die Vorstellung einer einheitlichen Sokratischen Methode weist Martens jedoch als ein auf Platons SchĂŒler Aristoteles zurĂŒckgehendes philosophiegeschichtliches Dogma zurĂŒck, das besagt, Sokrates habe lediglich âprĂŒfendeâ GesprĂ€che gefĂŒhrt, aber keine âeristischenâ StreitgesprĂ€che oder âdidaktischenâ LehrgesprĂ€che.
Dagegen trifft laut Martens die Aussage Xenophons zu, dass Sokrates die GesprĂ€chsfĂŒhrung auf die jeweiligen GesprĂ€chspartner abstimmte, im Falle der Sophisten also auf die Widerlegung ihres vorgeblichen Wissens (Sokratische Elenktik), im Falle seines alten Freundes Kriton aber auf ernsthafte Wahrheitssuche.[50]
Diese vereinfachte Skizze Sokratischer Dialoge ist um ein weiteres charakteristisches Moment zu ergĂ€nzen. In der Ăberlieferung Platons leitet der Gang der Untersuchung oft nicht in gerader Linie von der Widerlegung vorgefasster Meinungen ĂŒber zu einem neuen Wissenshorizont. In Platons Dialog Theaitetos werden beispielsweise drei Auffassungen von Wissen besprochen, ohne eine ĂŒbereinstimmende Bewertung zu erzielen. Mitunter sind es nicht nur die GesprĂ€chspartner, die in Ratlosigkeit verfallen, sondern, weil er selbst keine abschlieĂende Lösung anzubieten hat, auch Sokrates. So zeigt sich nicht selten âVerwirrtsein, Schwanken, Staunen, Aporie, Abbruch des GesprĂ€chsâ.[51]
Ein besonders breites Untersuchungsspektrum entfalten sowohl Platon wie auch Xenophon in ihren der Gerechtigkeitsfrage gewidmeten Sokratischen Dialogen. Dabei wird Gerechtigkeit nicht nur als persönliche Tugend untersucht, sondern es werden auch soziale und politische Dimensionen des Themas angesprochen.
Im sogenannten Thrasymachos-Dialog, dem ersten Buch von Platons Politeia, sind es nacheinander drei Partner, mit denen Sokrates der Frage nachgeht, was gerecht bzw. was Gerechtigkeit sei. Das GesprĂ€ch findet im Beisein zweier BrĂŒder Platons, des Glaukon und des Adeimantos, im Hause des reichen Syrakusaners Kephalos statt, der sich auf Einladung von Perikles im Athener Hafen PirĂ€us einen Wohnort gesucht hat.[52]
Nach einleitenden Bemerkungen ĂŒber die relativen VorzĂŒge des Alters soll der Hausherr Kephalos dem Sokrates Auskunft darĂŒber geben, was er an dem ihm vergönnten Reichtum am meisten schĂ€tze. Es sei die damit verbundene Möglichkeit, niemandem etwas schuldig zu bleiben, antwortet Kephalos.[53] Damit ist fĂŒr Sokrates die Gerechtigkeitsfrage angesprochen, und er wirft das Problem auf, ob es gerecht sei, einem MitbĂŒrger, von dem man Waffen geliehen habe, diese auch dann zurĂŒckzugeben, wenn der unterdessen wahnsinnig geworden sei. Wohl kaum, meint Kephalos, der sich hiernach zurĂŒckzieht und seinem Sohn Polemarchos die GesprĂ€chsfortsetzung ĂŒberlĂ€sst.
Unter Berufung auf den Dichter Simonides Ă€uĂert Polemarchos, es sei gerecht, jedem das ihm Schuldige zukommen zu lassen, zwar nicht dem Wahnsinnigen Waffen, wohl aber Freunden Gutes und Feinden Ăbles.[54] Das setzt voraus, wendet Sokrates ein, dass man Gutes und Ăbles zu unterscheiden weiĂ. Bei Ărzten z. B. sei klar, worin sie Sachkenntnis benötigten, worin aber die Gerechten? In Geldangelegenheiten, erwidert Polemarchos, kann sich damit aber nicht behaupten. Mit dem Argument, dass ein wirklicher Sachkenner sich nicht nur in der Sache selbst (dem rechten Umgang mit Geld), sondern auch in ihrem Gegenteil (der Unterschlagung) auskennen mĂŒsse, stĂŒrzt Sokrates Polemarchos in Verwirrung. Bei der Unterscheidung zwischen Freunden und Feinden sei zudem ein Irrtum mangels Menschenkenntnis leicht möglich, ergĂ€nzt Sokrates; und vor allem sei es doch nicht die Sache des Gerechten, ĂŒberhaupt irgendjemandem zu schaden. Mit dieser Negativauskunft kehrt die Untersuchung zu ihrem Ausgangspunkt zurĂŒck. Sokrates fragt: âDa sich nun aber gezeigt hat, dass auch dieses nicht die Gerechtigkeit ist noch das Gerechte, was soll denn einer sonst sagen, dass es sei?â[55]
Nun schaltet sich aufbrausend der bisher nicht zu Wort gekommene Sophist Thrasymachos ein, erklĂ€rt alles bisher Gesagte fĂŒr leeres GeschwĂ€tz, kritisiert, dass Sokrates nur fragt und widerlegt, statt eine klare eigene Vorstellung zu entwickeln, und bietet gegen Geld an, dies nun seinerseits zu tun. Mit UnterstĂŒtzung der anderen Anwesenden nimmt Sokrates das Anerbieten an und wendet gegen die Vorhaltungen des Thrasymachos lediglich demĂŒtig ein, dass derjenige nicht mit Antworten vorpreschen könne, der nicht wisse und auch nicht vorgebe zu wissen: âAlso ist es ja weit billiger, dass du redest, denn du behauptest ja, dass du es weiĂt und dass du es vortragen kannst.â[56]
Thrasymachos bestimmt daraufhin das Gerechte als das dem StĂ€rkeren ZutrĂ€gliche und begrĂŒndet dies mit der Gesetzgebung in jeder der verschiedenen Regierungsformen, die eben entweder den Interessen von Tyrannen oder denen von Aristokraten oder denen von Demokraten entspreche. Gerecht sei, so bestĂ€tigt Thrasymachos die Nachfrage des Sokrates, auch der Gehorsam der Regierten gegenĂŒber den Regierenden.[57] Indem Sokrates sich die Fehlbarkeit der Regierenden von Thrasymachos anerkennen lĂ€sst, gelingt es ihm, dessen ganzes Konstrukt auszuhebeln; wenn die Regierenden sich in dem ihnen ZutrĂ€glichen irren, fĂŒhrt auch der Gehorsam der Regierten nicht zur Gerechtigkeit: âKommt es nicht alsdann notwendig so heraus, dass es gerecht ist, das Gegenteil von dem zu tun, was du sagst? Denn das den StĂ€rkeren UnzutrĂ€gliche wird dann den SchwĂ€cheren anbefohlen zu tun. â Ja beim Zeus, o Sokrates, sprach Polemarchos, das ist ganz offenbar.â[58]
Thrasymachos sieht sich gleichwohl nicht ĂŒberzeugt, sondern durch die Art der Fragestellung ĂŒberlistet, und beharrt auf seiner These. Am Beispiel des Arztes zeigt ihm Sokrates jedoch, dass ein wahrer Sachwalter des eigenen Metiers stets am Nutzen des anderen, hier des Kranken, und nicht am eigenen orientiert ist: so folglich auch die fĂ€higen Regierenden an dem fĂŒr die Regierten ZutrĂ€glichen.[59]
Nachdem Thrasymachos im Weiteren auch damit gescheitert ist zu zeigen, dass der Gerechte zu wenig auf den eigenen Vorteil achtet, um im Leben zu etwas zu kommen, wĂ€hrend der die Ungerechtigkeit im groĂen Stil auf die Spitze treibende Tyrann daraus höchstes GlĂŒck und Ansehen gewinnt â dass also die Gerechtigkeit fĂŒr NaivitĂ€t und Einfalt stehe, die Ungerechtigkeit aber fĂŒr Klugheit[60] â leitet Sokrates ĂŒber zur Betrachtung des KrĂ€fteverhĂ€ltnisses zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Auch da, so ergibt sich schlieĂlich gegen die Ansicht des Thrasymachos, hat die Ungerechtigkeit einen schlechten Stand: Ungerechte sind untereinander uneins und mit sich selbst zerfallen, meint Sokrates, wie sollen sie da in Krieg oder Frieden ankommen gegen ein Gemeinwesen, in dem die Eintracht der Gerechten herrscht? SchlieĂlich aber ist Gerechtigkeit fĂŒr Sokrates auch die Voraussetzung des individuellen GlĂŒcks, denn sie habe fĂŒr das Seelenheil die gleiche Bedeutung wie die Augen fĂŒr die Sehkraft und die Ohren fĂŒr die HörfĂ€higkeit.[61]
Thrasymachos stimmt dem Erörterungsergebnis zuletzt in allem zu. Sokrates bedauert allerdings zum Schluss, dass auch er in der Frage, was nun das Gerechte in seinem Wesen ausmache, ĂŒber alle Verzweigungen des GesprĂ€chs hinweg zu keinem Ergebnis gelangt sei.[62]
In dem von Xenophon ĂŒberlieferten Dialog zu Gerechtigkeit und Selbsterkenntnis bemĂŒht Sokrates sich um Kontakt zu dem noch jungen Euthydemos, den es auf die politische BĂŒhne drĂ€ngt. Bevor Euthydemos sich zum GesprĂ€ch bereit findet, hat er bereits wiederholt ironische Bemerkungen des Sokrates ĂŒber seine Unerfahrenheit und mangelnde Lernbereitschaft auf sich gezogen. Als ihn Sokrates eines Tages direkt auf seine politischen Ambitionen anspricht und auf Gerechtigkeit als Qualifikationsmerkmal verweist, bestĂ€tigt Euthydemos, dass man ohne Sinn fĂŒr Gerechtigkeit nicht einmal ein guter StaatsbĂŒrger sein könne und dass er selbst davon nicht weniger besitze als jeder andere.[63]
Daraufhin beginnt Sokrates, fĂ€hrt Xenophon fort, ihn ausfĂŒhrlich zur Unterscheidung von gerechten und ungerechten Handlungen zu befragen. Dass ein Feldherr das Eigentum in einem ungerechten Feindstaat plĂŒndern lĂ€sst und raubt, erscheint Euthydemos im Verlauf der Unterredung ebenso gerecht, wie er ĂŒberhaupt alles Feinden gegenĂŒber als gerecht ansieht, was gegenĂŒber Freunden ungerecht wĂ€re. Doch auch Freunden schuldet man z. B. nicht in jeder Lage Aufrichtigkeit, wie sich am Beispiel des Feldherrn zeige, der seinen entmutigten Truppen zur StĂ€rkung der Kampfmoral fĂ€lschlich das baldige Eintreffen von Bundesgenossen ankĂŒndigt. Dem bereits stark verunsicherten Euthydemos legt Sokrates nun die Frage vor, ob eine absichtliche oder eine unabsichtliche Falschaussage das gröĂere Unrecht sei, wenn Freunde dadurch Schaden nĂ€hmen. Euthymedos entscheidet sich fĂŒr den absichtlichen Betrug als das gröĂere Unrecht, wird aber auch darin von Sokrates widerlegt; denn wer in eigener Unkenntnis betrĂŒge, sei ja des rechten Weges offenbar unkundig und im Zweifel orientierungslos.[64] In dieser Lage sieht sich, so Xenophon, nun auch Euthydemos: âAch, bester Sokrates, bei allen Göttern, ich habe allen FleiĂ darauf gewandt, Philosophie zu studieren, weil ich des Glaubens war, dadurch wĂŒrde ich in allem ausgebildet, was ein Mann braucht, der nach Höherem strebt. Jetzt nun muĂ ich erkennen, daĂ ich mit dem, was ich bisher gelernt, nicht einmal imstande bin, darauf Antwort zu geben, was zu wissen lebensnotwendig ist, und es gibt keinen anderen Weg, der mich weiterfĂŒhrte! Kannst du dir vorstellen, wie mutlos ich bin?â[65]
Dieses EingestĂ€ndnis nimmt Sokrates zum Anlass, auf das Orakel von Delphi zu verweisen und auf die Tempelinschrift: âErkenne dich selbst!â Euthydemos, der Delphi bereits zweimal aufgesucht hat, bekennt, dass ihn die Aufforderung nicht nachhaltig beschĂ€ftigt habe, weil er bereits hinreichend ĂŒber sich Bescheid zu wissen meinte. Da hakt Sokrates ein:
âWas ist deine Ansicht: Wer kennt sich selber besser: der, der nur seinen Namen weiĂ, oder der, der es macht wie die KĂ€ufer von Pferden? Die glauben nĂ€mlich, daĂ sie ein zur Wahl stehendes Pferd erst dann kennen, wenn sie untersucht haben, ob es folgsam oder störrisch, stark oder schwach, schnell oder langsam, ja ĂŒberhaupt in allem, was man von einem Pferde erwartet, brauchbar oder unbrauchbar ist. Genauso erkennt erst der seine StĂ€rke, der sich der PrĂŒfung unterwarf, inwieweit er den an Menschen herantretenden Aufgaben gerecht wird.[66]â
Dem stimmt Euthydemos zu; doch das genĂŒgt Sokrates nicht. Er will darauf hinaus, dass Selbsterkenntnis gröĂte Vorteile, SelbsttĂ€uschung aber schlimmste Nachteile mit sich bringe:
âDenn wer sich selbst kennt, der weiĂ, was fĂŒr ihn nĂŒtzlich ist, und vermag zu unterscheiden, was er kann und was nicht. Wer das betreibt, was er versteht, der erwirbt sich, was er benötigt, und es geht ihm gut; andererseits hĂ€lt er sich von dem fern, was er nicht versteht, und so begeht er keine Fehler und bleibt vor Unheil bewahrt.[67]â
Die richtige SelbsteinschĂ€tzung bilde auch die Basis fĂŒr das Ansehen, in dem man bei anderen stehe, und fĂŒr erfolgreiches Zusammenwirken mit Gleichgesinnten. Wer darĂŒber nicht verfĂŒge, gehe meist fehl und mache sich zum Gespött.
âAuch in der Politik siehst du ja, daĂ Staaten, die ihre Kraft falsch einschĂ€tzen und sich mit mĂ€chtigeren Gegnern einlassen, entweder der Zerstörung oder der Versklavung anheimfallen.[68]â
Nunmehr zeigt Xenophon Euthydemos als wissbegierigen SchĂŒler, der von Sokrates dazu angehalten wird, die Selbsterforschung damit aufzunehmen, dass er sich um die Bestimmung des Guten in Abgrenzung vom Schlechten kĂŒmmert. Darin sieht Euthydemos zunĂ€chst keine Schwierigkeit und fĂŒhrt nacheinander Gesundheit, Weisheit und GlĂŒckseligkeit als Merkmale des Guten an, muss aber jedes Mal die Relativierung durch Sokrates hinnehmen: âSo ist wohl, lieber Sokrates, das GlĂŒck das am wenigsten angefochtene Gut.â â âSofern es nicht jemand, lieber Euthydemos, auf zweifelhaften GĂŒtern aufbaut.â[69] Als zweifelhafte GĂŒter in Bezug auf das GlĂŒck vermittelt Sokrates dem Euthydemos sodann Schönheit, Kraft, Reichtum, und öffentliches Ansehen. Euthydemos gesteht sich ein: âJa wahrhaftig, wenn ich auch mit dem Lob des GlĂŒcks nicht recht habe, dann muĂ ich bekennen, daĂ ich nicht weiĂ, was man von den Göttern erbitten soll.â[70]
Nun erst lenkt Sokrates das GesprĂ€ch auf des Euthydemosâ Hauptinteressengebiet: die angestrebte FĂŒhrungsrolle als Politiker in einem demokratischen Staatswesen. Was Euthydemos ĂŒber das Wesen des Volkes (Demos) sagen könne, will Sokrates wissen. Mit Armen und Reichen kenne er sich aus, meint daraufhin Euthydemos, der zum Volk nur die Armen zĂ€hlt. âWen bezeichnest du als reich, wen als arm?â, fragt Sokrates. âWer nicht das Lebensnotwendige besitzt, den nenne ich arm, den, dessen Besitz darĂŒber hinausgeht, reich.â â âHast du schon einmal die Beobachtung gemacht, daĂ manche, die nur wenig besitzen, mit dem Wenigen zufrieden sind und sogar noch davon abgeben, wĂ€hrend andere an einem betrĂ€chtlichen Vermögen noch nicht genug haben?â[71]
Da fĂ€llt dem Euthydemos plötzlich ein, dass manche Gewaltmenschen Unrecht begehen wie die Ărmsten der Armen, weil sie mit dem, was ihnen gehört, nicht auskommen. Demnach, folgert Sokrates, mĂŒsse man die Tyrannen zum Volk zĂ€hlen, die Geringbemittelten aber, die mit ihrer Habe umzugehen verstĂŒnden, zu den Reichen. Euthydemos beschlieĂt den Dialog: âMeine geringe Urteilskraft zwingt mich dazu, die SchlĂŒssigkeit auch dieses Beweises einzugestehen. Ich weiĂ nicht, vielleicht ist es das beste, ich sage gar nichts mehr; ich bin doch nur in Gefahr, binnen kurzem mit meiner Weisheit am Ende zu sein.â[72]
AbschlieĂend erwĂ€hnt Xenophon, dass viele von denen, die Sokrates Ă€hnlich zurechtgewiesen hatte, sich anschlieĂend von ihm fernhielten, nicht aber Euthydemos, der fortan meinte, nur in der Gesellschaft des Sokrates ein tĂŒchtiger Mann werden zu können.[73]
Den unaufgebbaren Kern seines philosophischen Wirkens entwickelte Sokrates den Geschworenen im Prozess laut Platons Apologie, indem er jedem von ihnen fĂŒr den Fall des Freispruchs bei einer kĂŒnftigen Begegnung Vorhaltungen ankĂŒndigte:
âBester der MĂ€nner, du, ein BĂŒrger Athens, der gröĂten und an Weisheit und StĂ€rke berĂŒhmtesten Stadt, du schĂ€mst dich nicht, dich um SchĂ€tze zu sorgen, um sie in möglichst groĂer Menge zu besitzen, auch um Ruf und Geltung, dagegen um Einsicht und Wahrheit und um deine Seele, daĂ sie so gut werde wie möglich, darum sorgst und besinnst du dich nicht? Wenn aber einer von euch Einwendungen macht und behauptet, er sorge sich doch darum, so werde ich nicht gleich von ihm ablassen und weitergehen, sondern ihn fragen und erproben und ausforschen, und wenn er mir die TĂŒchtigkeit nicht zu besitzen scheint, es aber behauptet, so schelte ich ihn, dass er das Wertvollste am wenigsten achte, das Schlechtere aber höher.[74]â
Nur Wissen um das Gute dient dem eigenen Besten und befĂ€higt dazu, Gutes zu tun. Denn, so folgerte Sokrates, niemand tue wissentlich Ăbles. Die Leugnung der Möglichkeit, gegen die eigene bessere Erkenntnis zu handeln (vgl. dagegen den von Aristoteles geprĂ€gten Begriff der Akrasia) gehörte zu den bekanntesten LeitsĂ€tzen der Sokrates zugeschriebenen Lehre in der Antike.[75] Dabei handelt es sich zugleich um eines der sogenannten Sokratischen Paradoxa, weil das mit der landlĂ€ufigen Lebenserfahrung nicht ĂŒbereinzustimmen scheint. Paradox erscheint in diesem Zusammenhang auch die Behauptung des Sokrates nicht zu wissen.
Martens differenziert das Sokratische Nichtwissen. Demnach ist es zunĂ€chst die Abwehr des sophistischen Wissens, auf die sich Sokratesâ Nichtwissen bezieht. Auch bei den WissensprĂŒfungen von Politikern, Handwerkern und sonstigen MitbĂŒrgern zeigt sich sein Nichtwissen als Abgrenzungswissen, als âAblehnung eines auf Konventionen beruhenden Wissens der Arete.â [76] In einer dritten Variante handelt es sich um ein Noch-nicht-Wissen, das zu weiteren PrĂŒfungen anhĂ€lt, und schlieĂlich um die Abgrenzung von einem Evidenzwissen ĂŒber das gute Leben bzw. ĂŒber die rechte Art zu leben. Demnach war Sokrates davon ĂŒberzeugt, dass man âmit Hilfe gemeinsamer vernĂŒnftiger Ăberlegung ĂŒber ein bloĂ konventionelles und sophistisches Scheinwissen hinaus wenigstens zu vorlĂ€ufig haltbaren Einsichten kommen könnte.â[77]
Nach Döring löst sich dieser scheinbare Widerspruch zwischen Einsicht und Nichtwissen folgendermaĂen auf: âWenn Sokrates es fĂŒr prinzipiell unmöglich erklĂ€rt, daĂ ein Mensch ein Wissen davon erlange, was das Gute, Fromme, Gerechte usw. sei, dann meint er ein allgemeingĂŒltiges und unfehlbares Wissen, das unverrĂŒckbare und unanfechtbare Normen fĂŒr das Handeln bereitstellt. Ein solches Wissen ist dem Menschen nach seiner Auffassung grundsĂ€tzlich versagt. Was der Mensch allein erreichen kann, ist ein partielles und vorlĂ€ufiges Wissen, das sich, mag es im Augenblick auch noch so gesichert erscheinen, dennoch immer bewuĂt bleibt, daĂ es sich im Nachhinein als revisionsbedĂŒrftig erweisen könnte.â[78] Sich um dieses unvollkommene Wissen zu bemĂŒhen in der Hoffnung, dem vollendeten Guten möglichst nahe zu kommen, ist demzufolge das Beste, was der Mensch fĂŒr sich tun kann. Je weiter er darin vorankomme, desto glĂŒcklicher werde er leben.
Figal interpretiert hingegen die Frage nach dem Guten als ĂŒber den Menschen hinausweisend. âIn der Frage nach dem Guten liegt eigentlich der Dienst fĂŒr den delphischen Gott. Die Idee des Guten ist letztlich der philosophische Sinn des delphischen Orakels.â[79]
In seinem an den ihm gewogenen Teil der Geschworenen gerichteten Schlusswort vor Gericht begrĂŒndete Sokrates nach Platons Bericht die Unerschrockenheit und Festigkeit, mit der er das Urteil hinnahm, unter Hinweis auf sein Daimonion, das ihn zu keinem Zeitpunkt vor irgendeiner seiner Handlungen im Zusammenhang mit dem Prozess gewarnt habe. Seine ĂuĂerungen ĂŒber den bevorstehenden Tod drĂŒcken Zuversicht aus:
âEs muss wohl so sein, daĂ es etwas Gutes ist, was mir zustieĂ, und unmöglich können wir richtig vermuten, wenn wir glauben, das Sterben sei ein Ăbel. [âŠ] LaĂt uns aber auch so erwĂ€gen, wie groĂ die Hoffnung ist, daĂ es etwas Gutes sei. Eins von beiden ist doch das Totsein: Entweder ist es ein Nichts-Sein, und keinerlei Empfindung mehr haben wir nach dem Tode â oder es ist, wie die Sage geht, irgendeine Versetzung und eine Auswanderung der Seele aus dem Orte hier an einen andern. Und wenn es keinerlei Empfindung gibt, sondern einen Schlaf, wie wenn einer schlĂ€ft und kein Traumbild sieht, dann wĂ€re der Tod ein wundervoller Gewinn [âŠ], denn dann erscheint die Ewigkeit doch um nichts lĂ€nger als eine Nacht. Wenn dagegen der Tod wie eine Auswanderung ist von hier an einen andern Ort und wenn die Sage wahr ist, dass dort alle Gestorbenen insgesamt weilen, welches Gut wĂ€re dann gröĂer als dies, ihr Richter? Denn wenn einer ins Reich des Hades gelangt und, entledigt von diesen hier, die sich Richter nennen, dort die Wahrhaft-Richtenden antrĂ€fe, die, wie die Sage berichtet, dort Recht sprechen, Minos, Rhadamanthys und Aiakos und Triptolemos und alle andern Halbgötter, die sich in ihrem Leben als gerecht bewĂ€hrten, wĂŒrde die Wanderung dorthin zu verachten sein? Und gar mit Orpheus Umgang zu haben und mit Musaios und Hesiod und Homer, um welchen Preis wĂŒrde einer von euch das wohl erkaufen?[80]â
Nicht anders gab Sokrates sich den Freunden gegenĂŒber, die ihn an seinem letzten Tag im GefĂ€ngnis aufsuchten, laut Platons Dialog Phaidon. Hier geht es um das Vertrauen in den philosophischen Logos âauch angesichts des schlechterdings Unausdenkbarenâ, so Figal; âund da die Extremsituation nur zum Vorschein bringt, was auch sonst gilt, ist diese Frage die nach der VertrauenswĂŒrdigkeit des philosophischen Logos ĂŒberhaupt. Es wird zur letzten Herausforderung fĂŒr Sokrates, sich fĂŒr diese stark zu machen.â[81]
Die Frage nach dem, was mit der menschlichen Seele beim Tod geschieht, wurde von Sokrates in seinen letzten Stunden ebenfalls erörtert. Gegen ihre Sterblichkeit sprĂ€che, dass sie an das Leben gebunden sei, Leben und Tod sich aber gegenseitig ausschlössen. Allerdings könne sie beim Herannahen des Todes ebenso verschwinden wie zerstieben. Figal sieht darin die vor Gericht von Sokrates eingenommene offene Perspektive auf den Tod bekrĂ€ftigt und schlussfolgert: âPhilosophie hat keinen letzten Grund, in den sie, sich selber begrĂŒndend, zurĂŒckgehen kann. Sie erweist sich als abgrĂŒndig, wenn man nach letzten BegrĂŒndungen fragt, und darum muĂ sie, dort, wo es um ihre eigene Möglichkeit geht, auf ihre Weise rhetorisch sein: Ihr Logos muĂ als stĂ€rkster vertreten werden, und das geschieht am besten mit der Ăberzeugungskraft eines philosophischen Lebens â indem gezeigt wird, wie einer dem Logos vertraut und sich auf das, was der Logos darstellen soll, einlĂ€Ăt.â[82]
Die beispielgebende philosophiegeschichtliche Folgewirkung des Denkens Sokrates erstreckt sich auf zwei zeitliche Hauptbereiche: die antike Zivilisation bis zu ihrem geschichtlichem Ende und die neuzeitlich-westliche Philosophie, die mit der Renaissance begann.
Die schriftstellerische und philosophische GröĂe Platons ĂŒberragt andere dĂŒnnere ĂberlieferungsstrĂ€nge der Sokratischen Philosophie so deutlich, dass von diesen meist als den âkleinen Sokratikernâ die Rede ist.[83] Als prominentester Sokratiker der ersten Dekade nach Sokratesâ Tod galt Antisthenes, der sich von Platons Ideenlehre mit der Bemerkung distanziert haben soll: âEin Pferd sehe ich, Platon, eine Pferdheit dagegen nicht.â Platons Antwort: âDu hast eben nur das Auge, mit dem man ein Pferd sieht, aber das Auge, mit dem man eine Pferdheit erblickt, hast du noch nicht erworben.â[84]
Im Bereich der Ethik hielt Antisthenes neben dem Wissen um das Gute auch die Willenskraft des Sokrates fĂŒr nötig, die dieser im Ertragen von Entbehrungen bewiesen hatte. Letzteres wurde dann zum demonstrativen Hauptmerkmal des Diogenes von Sinope und der Kyniker. Euklid von Megara und die Megariker legten den philosophischen Akzent auf die Bedeutung und Einheit des Guten, lehnten das von Sokrates bevorzugte Argumentieren mit Analogien jedoch ab. Der ebenfalls in Megara geborene Stilpon machte die nachmals von den Stoikern besonders wichtig genommene Affektbeherrschung zu seinem Schwerpunkt. Zwei weitere den Megarikern zugerechnete Denker, Diodoros Kronos und Philon, begrĂŒndeten die Aussagenlogik, die dann ebenfalls zu den Kerngebieten der Stoa zĂ€hlte. Aristippos von Kyrene und die Kyrenaiker erklĂ€rten die Empfindung zum Kriterium von Wahrheit und Erkenntnis und richteten ihr Weltbild an dem Gegensatzpaar Lust und Unlust bzw. Schmerz aus. Damit bereiteten sie dem Kernthema der epikureischen Schule den Weg, das Epikur dann zu einer eigenen Lehre weiterentwickelte.
Als Epikureer und Stoiker am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Schulen bildeten, waren die Platonische Akademie und der Aristotelische Peripatos als wichtige Philosophenschulen in der Nachfolge des Sokrates lĂ€ngst etabliert. Sokrates blieb ĂŒber die Jahrhunderte im Bewusstsein aller groĂen antiken Philosophenschulen prĂ€sent. Noch der römische Kaiser Mark Aurel im 2. Jahrhundert n. Chr. bezog sich als letzter bedeutender Philosoph der Stoa auf ihn als Vorbild:
âWenn sich aber deinen Blicken nichts Besseres zeigt als der Geist, der in dir wohnt, der sich zum Herrn seiner eignen Begierden gemacht hat, sich genau Rechenschaft ĂŒber alle seine Gedanken gibt, der sich, wie Sokrates sagte, von der Herrschaft der Sinne losreiĂt, sich der Leitung der Götter unterwirft und den Menschen seine FĂŒrsorge widmet, wenn alles andere dir gering und wertlos erscheint, so gib auch nichts anderem Raum.[85]â
Im frĂŒhen Christentum bildeten Prozess und Tod des Sokrates eine gĂ€ngige Parallele zur Kreuzigung Jesu, wĂ€hrend des christlichen Mittelalters trat Sokrates gegenĂŒber Platon und vor allem Aristoteles an Bedeutung aber weit zurĂŒck.[86] In Renaissance und Humanismus aber kam die mit Sokrates verbundene Ernsthaftigkeit ethischen Forschens und Handelns erneut zur Geltung, wie z. B. der Ausruf des Erasmus von Rotterdam zeigt: âHeiliger Sokrates, bitte fĂŒr uns!â[87] Dem AufklĂ€rer Rousseau diente er als Zeuge fĂŒr seine Zivilisationskritik: âSokrates preist die Unwissenheit! Glaubt man etwa, unsere Wissenschaftler und KĂŒnstler wĂŒrden ihn zu einem Wechsel seiner Ansichten bewegen, wenn er unter uns auferstĂ€nde? Nein, meine Herren, dieser gerechte Mann wĂŒrde weiterhin unsere eitlen Wissenschaften verachten.â[88]
Kant bemerkte im Zusammenhang mit der Untersuchung verschiedener Arten von Unwissenheit, die des Sokrates sei eine ârĂŒhmlicheâ, da sie im Gegensatz zur âgemeinenâ auf der Einsicht in die âSchranken der Erkenntnisâ beruhe.[89] Hegel hingegen sah Sokrates nicht zu Unrecht verurteilt, weil er das Prinzip der SubjektivitĂ€t gegen die tradierte Religion und Sitte in Stellung gebracht habe.[90] Kierkegaard sah in seiner Dissertation âĂber den Begriff der Ironie mit stĂ€ndiger RĂŒcksicht auf Sokratesâ als Erster einen deutlichen Kontrast zwischen Sokrates und Platon und begrĂŒndete dies vor allem mit der agnostischen Haltung des Sokrates dem Tod gegenĂŒber, die mit Platons Unsterblichkeitsbeweisen der Seele nicht zusammengehe.[91] âSokrates' unendliches Verdienst ist es gerade, ein existierender Denker zu sein, kein Spekulant, der vergiĂt, was existieren ist.â[92]
Nietzsche sah, von Rousseau abweichend, Sokrates als âMystagogen der Wissenschaftâ, als Initiator einseitiger und umfassender Verwissenschaftlichung des Lebens: âNun aber eilt die Wissenschaft, von ihrem krĂ€ftigen Wahne angespornt, unaufhaltsam bis zu ihren Grenzen, an denen ihr im Wesen der Logik verborgener Optimismus scheitert.â[93] Wieder anders akzentuiert urteilte im 20. Jahrhundert der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von WeizsĂ€cker: âPhilosophie ist die sokratische RĂŒckfrage: Habe ich verstanden, was ich soeben gesagt habe? Philosophie ist daher wesentlich nachtrĂ€glich. Sie fragt nach dem schon Gesagten. Sie ist aber eben damit wesentlich vorbereitend. Ihre Antwort kann uns weiterhelfen und wird dieselbe RĂŒckfrage von Neuem hervorrufen.â[94]
GĂŒnter Figal (2006) fasst zusammen: âDas Denken des Sokrates steht zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht; es bleibt bezogen auf das, woraus es ist, und hat sich noch nicht zu einer fraglosen, in sich beruhigten Gestalt ausgebildet. So verkörpert sich in Sokrates der Ursprung der Philosophie. Dieser Ursprung ist kein historischer Beginn. Weil die Philosophie wesentlich im Fragen besteht, lĂ€sst sie ihren Ursprung nicht hinter sich; wer philosophiert, erfĂ€hrt immer den Verlust der SelbstverstĂ€ndlichkeit und versucht, zum ausdrĂŒcklichen Verstehen zu finden. [âŠ] FĂŒr Sören Kierkegaard, Friedrich Nietzsche, aber auch fĂŒr Karl Popper ist in der Gestalt des Sokrates die Philosophie selbst gegenwĂ€rtig; Sokrates ist fĂŒr sie die Gestalt der Philosophie ĂŒberhaupt, das Urbild des Philosophen.â[95]
| Zeitraum | Ereignisse |
|---|---|
| 469 v. Chr. | Geburt des Sokrates |
| 465 v. Chr. | Leukipp, Lehrer des Demokrit, lehrt als Erster, dass alle Dinge aus unteilbaren Teilchen (Atome) zusammengesetzt sind. |
| 460 v. Chr. | Geburt des Demokrit |
| 443â429 v. Chr. | Athen wird zur Kulturhauptstadt Attikas. Wichtige Persönlichkeiten des Geisteslebens halten sich zeitweise in Athen auf. Zu ihnen gehörten auch die Philosophen Anaxagoras, Protagoras, Hippias von Elis. Nicht nur politisch bedeutsame Persönlichkeiten wie Perikles und Kallias nehmen regen Anteil an philosophischen Fragestellungen und kĂŒnstlerischen Entwicklungen. |
| 441â440 v. Chr. | Sokrates unternimmt mit dem Anaxagoras-SchĂŒler Archelaos eine Reise auf die Insel Samos. |
| 432 v. Chr. | In Athen wird ein Gesetz gegen Gottlosigkeit verabschiedet. |
| 431â429 v. Chr. | Feldzug gegen Potidaia, an dem Sokrates als Hoplit teilnimmt. |
| 428 v. Chr. | AuffĂŒhrung von Euripides' Hippolytos. |
| 424 v. Chr. | Sokrates nimmt am Feldzug gegen Delion teil. |
| 423 v. Chr. | Sokrates wird als Hauptfigur der Komödie Die Wolken von Aristophanes zur Zielscheibe des allgemeinen Spottes. |
| 422 v. Chr. | Feldzug gegen Amphipolis, an dem Sokrates als Hoplit teilnimmt. |
| 418â413 v. Chr. | Alkibiades, der Sokrates-SchĂŒler, spielt eine politisch einflussreiche Rolle in Athen: Er ĂŒberredet die Athener zu einer militĂ€rischen GroĂoperation, der sizilischen Expedition, wird aber 415 entmachtet und spĂ€ter aus Athen verbannt. |
| 416 v. Chr. | Sokrates erscheint als Ehrengast auf einem berĂŒhmten Gastmahl (Platons Symposion), das anlĂ€sslich des Tragödiensieges des jungen Agathon stattfindet. |
| ca. 407 v. Chr. | Platon wird SchĂŒler von Sokrates |
| 406 v. Chr. | Sokrates nimmt als Ratsmitglied am Prozess gegen die Feldherren der Arginusenschlacht teil. Vergeblich widersetzt er sich einem ungesetzlichen Volksbeschluss. |
| 404 v. Chr. | Die Spartaner erobern Athen. Sokrates leistet Widerstand gegen ungesetzliche MaĂnahmen wĂ€hrend der nun folgenden Herrschaft der âDreiĂig Tyrannenâ. |
| 399 v. Chr. | Nach der Restauration der Demokratie kommt es zu Prozess, Verurteilung und Hinrichtung des Sokrates. |
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Dieser Artikel wurde am 18. Mai 2008 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen. |
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Sokrates |
| ALTERNATIVNAMEN | Sokratis (griechisch) |
| KURZBESCHREIBUNG | griechischer Philosoph |
| GEBURTSDATUM | 469 v. Chr. |
| GEBURTSORT | Athen |
| STERBEDATUM | 399 v. Chr. |
| STERBEORT | Athen |