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SolidaritÀt

SolidaritÀts-Briefmarke der DDR von 1981

SolidaritĂ€t (abgeleitet vom lateinischen solidus fĂŒr gediegen, echt oder fest; Adjektiv: solidarisch) bezeichnet eine, zumeist in einem ethisch-politischen Zusammenhang benannte Haltung der Verbundenheit mit – und UnterstĂŒtzung von – Ideen, AktivitĂ€ten und Zielen anderer. Sie drĂŒckt ferner den Zusammenhalt zwischen gleichgesinnten oder gleichgestellten Individuen und Gruppen und den Einsatz fĂŒr gemeinsame Werte aus (vgl. auch Solidargemeinschaft).

Inhaltsverzeichnis

Begriff und Definitionen

Übersicht

Der Begriff SolidaritÀt wird in vielfÀltiger Weise verwendet.

  • Er bezeichnet vor allem als Grundprinzip des menschlichen Zusammenlebens ein GefĂŒhl von Individuen und Gruppen, zusammen zu gehören. Dies Ă€ußert sich in gegenseitiger Hilfe und dem Eintreten fĂŒr einander. SolidaritĂ€t kann sich von einer familiĂ€ren Kleingruppe bis zu Staaten und Staatsgemeinschaften erstrecken.
  • In der Arbeiterbewegung wurde „SolidaritĂ€t“ als Tugend der Arbeiterklasse (s. a. BrĂŒderlichkeit) hervorgehoben. Sie hat hier eine Ă€hnliche Bedeutung wie das Wort „Kameradschaft“ beim MilitĂ€r oder anderswo.

Gelegentlich wird unterschieden zwischen

  • SolidaritĂ€t der Gesinnung (Einheitsbewusstsein),
  • SolidaritĂ€t des Handelns (gegenseitige Hilfsbereitschaft) und
  • Interessen-SolidaritĂ€t (die durch Interessengleichheit in einer bestimmten Situation wirksam ist und nach dem Erreichen des gemeinsamen Zieles endet).

In der Soziologie unterschied Émile Durkheim zwischen

  • mechanischer SolidaritĂ€t, die auf vorgegebenen gemeinsamen Merkmalen einer Gruppe beruht (z. B. Wir Arbeiter, Wir Frauen, Wir Deutsche), und
  • organischer SolidaritĂ€t, deren Basis das Angewiesensein aufeinander (z. B. Spezialisten in arbeitsteiligen Gesellschaften) ist.

Eng verbunden mit der Arbeiterbewegung ist die Forderung der internationalen SolidaritĂ€t. Sie zeigte sich im 19. Jahrhundert vor allem in der UnterstĂŒtzung des polnischen Freiheitskampfes durch die Internationale Arbeiterassoziation. Auf den Kongressen der Zweiten Internationale wurde die Frage erörtert, ob die Arbeiterschaft durch einen Generalstreik in verschiedenen LĂ€ndern den sich abzeichnenden Ersten Weltkrieg verhindern könne. Effektiver waren internationale SolidaritĂ€tsaktionen fĂŒr die junge Sowjetunion: 1920 verhinderte die englische Arbeiterbewegung durch die Androhung des Generalstreiks die Intervention Englands in den polnisch-russischen Krieg. Der Kampf gegen den Faschismus wurde durch die Spaltung der Arbeiterbewegung in eine sozialistische und eine kommunistische Internationale erschwert. Heute werden die Fragen der internationalen SolidaritĂ€t unter den Bedingungen und Auswirkungen der Globalisierung diskutiert.

Definition nach Alfred Vierkandt

Der Soziologe Alfred Vierkandt (1928) definierte SolidaritĂ€t folgendermaßen: „SolidaritĂ€t ist die Gesinnung einer Gemeinschaft mit starker innerer Verbundenheit“. Und: „SolidaritĂ€t ist das ZusammengehörigkeitsgefĂŒhl, das praktisch werden kann und soll.“[1]

SolidaritĂ€t impliziert ein Prinzip der Mitmenschlichkeit; sie konstituiert sich „aus freien StĂŒcken“ (Karl Otto Hondrich/Claudia Koch-Arzberger, SolidaritĂ€t in der modernen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1994).

Historische Aspekte

Römisches und heutiges Recht

Im Römischen Recht bedeutete SolidaritĂ€t (obligatio in solidum) eine besondere Form der Haftung: Mehrere schulden eine Leistung so, dass jeder von ihnen die ganze Leistung zu erbringen verpflichtet ist, der GlĂ€ubiger sie aber insgesamt nur einmal fordern darf. Das Wort „SolidaritĂ€t“ bezeichnet nicht die Zusammengehörigkeit der Beteiligten, sondern, dass jeder „in solidum“ = auf das Ganze, fĂŒr die Gesamtsumme (wörtl. Übersetzung) haftet. Im Recht wird heute statt des Fremdwortes SolidaritĂ€t regelmĂ€ĂŸig der verdeutschte Begriff Gesamtschuld verwendet. Anders ist dies in Ă€lteren Gesetzen, z. B. § 43 Abs. 2 des GmbH-Gesetzes: „GeschĂ€ftsfĂŒhrer, welche ihre Obliegenheiten verletzen, haften der Gesellschaft solidarisch fĂŒr den entstandenen Schaden.“

Christentum

Im Christentum wird die SolidaritĂ€t zu jedem Menschen in Form von christlicher NĂ€chstenliebe gefordert. Dies stellt einen Unterschied zu abgrenzenden SolidaritĂ€tskonzepten dar, in welchen die SolidaritĂ€t z. B. auf Menschen mit gleichen Interessen oder Menschen einer bestimmten Zusammengehörigkeit beschrĂ€nkt wird. Die christlich begrĂŒndete SolidaritĂ€t soll sowohl im immateriellen, wie auch im materiellen Bereich gelten. So enthĂ€lt die Bergpredigt von Jesus Christus folgende materielle Forderung: „Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.“ Sie ist ursprĂŒnglich einer moralischen Art, d. h. als Selbstverpflichtung an das Individuum bzw. eine Verpflichtung vor Gott formuliert. Allerdings hat sie insbesondere durch die Christdemokratie auch institutionalisierte Formen angenommen, z. B. durch Gesetze, welche eine unterlassene Hilfeleistung unter Strafe stellen. Solche Gesetze existieren in eingeschrĂ€nkter Form auch im materiellen Bereich, z. B. durch eine Unterhaltspflicht zwischen Ehegatten sowie zwischen Kindern und Eltern.

Institutionalisierung des SolidaritÀtsprinzips

Europa des 19. Jahrhunderts: Gewerkschaftsbewegung als Beispiel

Im Europa des 19. Jahrhunderts hat sich im Zusammenhang mit der Industrialisierung eine Institution SolidaritĂ€tsprinzips entwickelt: Die gegenseitige Absicherung innerhalb der Arbeiterschaft gegen fĂŒr sie als existentiell bedrohlich wahrgenommene Entwicklungen der kapitalistischen Industrialisierung wurde zur Grundlage und zum Kampfbegriff der Arbeiterbewegung. Arbeiter schlossen sich in solidarischen Vereinigungen (beispielsweise in Gewerkschaften) zusammen und kĂ€mpften gemeinsam fĂŒr bessere Arbeitsbedingungen, VerkĂŒrzung der Arbeitszeit und höhere Löhne.

20. Jahrhundert: sozialistische und sozialdemokratische Parteien

Im 20. Jahrhundert wurde SolidaritÀt zu einem der zentralen Begriffe in sozialistischen/sozialdemokratischen Parteien.

Im Laufe eines Streiks, der von der gesamten polnischen Bevölkerung getragen und von ihr als antikommunistische Bewegung verstanden wurde, schlossen sich 1980 die polnischen Arbeiter der Schiffswerft in Danzig zu der Gewerkschaft „Solidarnoƛć“ (SolidaritĂ€t) zusammen. Auch wenn die „Solidarnoƛć“ gegen Ende des 20. Jahrhunderts an politischem Einfluss verloren hat, steht der Begriff „Solidarnoƛć“ in den ehemals kommunistischen LĂ€ndern Mittel- und Osteuropas im 21. Jahrhundert fĂŒr den Beginn des Endes der kommunistischen Zwangsherrschaft.

SolidaritÀtsprinzip und Versicherungen: Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit

Das institutionalisierte SolidaritĂ€tsprinzip kommt auch in bestimmten rechtlichen Formen der Versicherung zum Ausdruck, und zwar in den vier klassischen Risikobereichen von Arbeit: Krankheit, Unfall, Altersvorsorge und Arbeitslosigkeit; vergleiche die Rechtsform des „Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit“ (VVaG). Jedes Mitglied dieser Gemeinschaft bezahlt BeitrĂ€ge in die gemeinsame, von einer Versicherungsgesellschaft verwaltete Kasse. Daraus werden denen, die einen Schaden erleiden, finanzielle Mittel zur Deckung zur VerfĂŒgung gestellt.

Bei der Arbeitslosenversicherung sichert sich eine Risikogemeinschaft gegen durch Arbeitslosigkeit bedingte Einkommenseinbußen ab.

Weitere Entwicklung des SolidaritÀtsbegriffs in Staat und Wirtschaft

SpĂ€testens mit dem Aufkommen moderner, industrialisierter Gesellschaften stellt sich verstĂ€rkt die Frage, wie echte SolidaritĂ€t angesichts einer zunehmenden Vielfalt der LebensverhĂ€ltnisse und im Rahmen zunehmend komplexer und globaler ZusammenhĂ€nge in Wirtschaft und Gesellschaft verwirklicht und organisiert werden kann. [2] GrundsĂ€tzlich steht zudem das problematische VerhĂ€ltnis zwischen der SolidaritĂ€t − die auf die Gruppe gerichtet ist und dem Einzelnen zumindest Bindung und Engagement abverlangt − und dem Individualismus − der die Selbstbestimmung der Einzelnen und deren Rechtsposition hervorhebt − zur Debatte.

In der konkreten Politik fĂŒhrt dies unter anderem zur Frage des angemessenen VerhĂ€ltnisses zwischen sozialer Absicherung und wirtschaftlicher Eigenverantwortung, wie sie im Zuge einer Reform des Sozialstaats nach wirtschaftsliberalen MaßstĂ€ben kontrovers diskutiert worden ist. Eine weitere kritische Grenze findet die SolidaritĂ€t − wie unter anderem V. Munoz-DardĂ© darlegt – in den Erfordernissen der politischen Gerechtigkeit.[3]

Selektive Kritik im Wirtschaftsliberalismus

Kritiker einer institutionalisierten SolidaritĂ€t, wie sie etwa in sozialstaatlichen Einrichtungen konkrete Gestalt annimmt, verweisen zudem darauf, dass hier der SolidaritĂ€tsbegriff zu Unrecht in Anspruch genommen werde, da SolidaritĂ€t wesentlich Freiwilligkeit einschließe. Sie wenden sich damit, wenn auch nicht unmittelbar gegen das Modell des Sozialstaats selbst, so doch zumindest dagegen, dass dieser auf dem SolidaritĂ€tsgedanken aufbauen solle.[4]

Solange ausgeblendet wird, dass jedes Modell der SolidaritÀt wie der Arbeitsteilung eben dieses Teilen allseits verlangt, von den Arbeit Besitzenden wie von den Arbeitslosen, wird das Kernproblem der Erosion der sozialen Umlagesysteme hin zum Kollaps verdrÀngt. Da es nach historischer Erfahrung eher selten zum Kollaps kommt, bleibt lediglich die Frage, mit welchem verbliebenen Gestaltungsspielraum eine Orientierung gesucht und gefunden werden kann.

Zitate

  • „VorwĂ€rts, und nicht vergessen, / worin uns're StĂ€rke besteht! / Beim Hungern und beim Essen,/ vorwĂ€rts und nicht vergessen / die SolidaritĂ€t!“ (Bertolt Brecht, um 1929, Refrain des SolidaritĂ€tsliedes)
  • „SolidaritĂ€t ist die ZĂ€rtlichkeit der Völker.“ (Che Guevara)
  • „Nur eine solidarische Welt kann eine gerechte und friedvolle Welt sein.“ (Richard von WeizsĂ€cker, Verantwortung fĂŒr sozialen Fortschritt und Menschenrechte, 1986)
  • "Gerade bei dem Begriff der SolidaritĂ€t kann man sehen, wie emotionale Haltungen und Bindungen zum Wert deklariert werden und umgekehrt ein Wert emotional aufgeladen und fundiert wird. Dieser Wertzusammenhang verweist aber auf Kultur."[5]

Literatur

  • Kurt Bayertz (Hg.): SolidaritĂ€t. Begriff und Problem, Frankfurt am Main 1998.
  • Hauke Brunkhorst: Solidaritat unter Fremden, Frankfurt, Fischer 1997
  • Erwin Carigiet: Gesellschaftliche SolidaritĂ€t. Prinzipien, Perspektiven und Weiterentwicklung der sozialen Sicherheit, Helbing und Lichtenhahn, Basel/Genf/MĂŒnchen 2001 ISBN 3-7190-1934-9
  • Karl Otto Hondrich / Claudia Koch-Arzberger, SolidaritĂ€t in der modernen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1994.SolidaritĂ€t als Geben und Nehmen, in: Albert Biesinger u. a. (Hg.), SolidaritĂ€t, 2005
  • Reinhart Kössler / Henning Melber: Globale SolidaritĂ€t. Eine Streitschrift, Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt am Main, ISBN 3-86099-765-3
  • Gesa Reisz: SolidaritĂ€t in Deutschland und Frankreich. Eine politische Deutungsanalyse, Budrich, Opladen 2006, ISBN 3-938094-92-3
  • Horst-Eberhard Richter: Lernziel SolidaritĂ€t, Rowohlt Tb 1979
  • Rudolf Diesel: Solidarismus. 1903. Zitat Rudolf Diesel: „Daß ich den Dieselmotor erfunden habe, ist schön und gut. Aber meine Hauptleistung ist, daß ich die soziale Frage gelöst habe.“ Neuauflage im MaroVerlag, Augsburg 2007, ISBN 978-3-87512-416-3

Siehe auch

Weblinks

 Wikiquote: SolidaritĂ€t â€“ Zitate

Einzelnachweise

  1. ↑  Herbert Rebscher: Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik: im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politikberatung. Economica, 2006, ISBN 3870814918, 2.1, S. 143.</span>online
  2. ↑ K. Bayertz, 1998, S. 38ff.
  3. ↑ V. Munoz-DardĂ©, 1998, S.146 ff.
  4. ↑ K. Bayertz, 1998, S. 34 ff.
  5. ↑ H.-G. Vester, Kompendium der Soziologie I: Grundbegriffe., VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaftem, Wiesbaden, 2009, S. 38
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