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Sozialdarwinismus ist eine sozialwissenschaftliche Theorierichtung,[1] die einen biologistischen Determinismus vertritt. Sie war in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts sehr populĂ€r. Sie wendet Teilaspekte der Evolutionstheorie nach Charles Darwin auf menschliche Gesellschaften an und fasst deren Entwicklung als Folge natĂŒrlicher Selektion beim âKampf ums Daseinâ auf.[2][3] Die unterschiedlichen Spielarten des Sozialdarwinismus stimmen nach Franz Wuketits in drei Kernaussagen ĂŒberein:[4]
Kritisiert wird am Sozialdarwinismus unter anderem eine unkritische Ăbertragung von biologischen Gesetzen auf menschliche Gesellschaft.[5] Zudem sind mehrere seiner naturwissenschaftlichen Grundannahmen nicht von Darwins Theorie gedeckt und werden von der modernen Evolutionstheorie als ĂŒberholt angesehen.
Inhaltsverzeichnis |
Eine frĂŒhe bekannte ErwĂ€hnung des Begriffs âSozialdarwinismusâ findet sich in einem 1879 erschienenen Artikel von Oscar Schmidt in Popular Science. Bereits ein Jahr spĂ€ter im Jahr 1880 verwendete Ămile Gautier den Begriff in einer in Paris veröffentlichten anarchistischen Schrift Le darwinisme social. In Italien wurde der Begriff 1882 durch Giuseppe VadalĂ -Papale in seiner Schrift Darwinismo naturale e Social Darwinism verwendet.[6] Nach G. M. Hodgson wurde der Begriff bis in die 1930er nur sehr sporadisch und vereinzelt verwendet. Dabei war nach Hodgson der Begriff, wie spĂ€ter auch, nie Selbstbezeichnung der heute als Sozialdarwinisten eingeordneten Personen oder ihnen zugeordneten Strömungen, sondern gewöhnlich von weltanschaulichen Gegnern gebrauchtes abwertendes und polemisch genutztes Label.[7]
Die klassischen Vertreter des Evolutionismus Herbert Spencer, Edward Tylor und Lewis Henry Morgan gingen davon aus, dass menschliche Gesellschaften und biologische Arten einer sukzessiven Evolution unterliegen, die sich ĂŒber mehrere Entwicklungsstufen erstreckt.[8]
Der britische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer hatte bereits 1852 in A Theory of Population die natĂŒrliche Auslese als Faktor der Evolution antizipiert[9] und auf die menschliche Population angewandt, aber erst Darwin hat das Prinzip der natĂŒrlichen Auslese auf die gesamte Biologie ausgeweitet. Anders als bei Darwin, bei dem die natĂŒrliche Auslese der wesentliche Bestandteil der Evolution ist, spielt die natĂŒrliche Auslese bei Spencer nur eine untergeordnete Rolle innerhalb eines Kontextes, der durch evolutionĂ€ren Fortschritt und Lamarckismus gekennzeichnet ist.[10][11]
Im Gegensatz zur Idee der evolutionĂ€ren Höherentwicklung, wie sie Spencer[12] und viele andere Sozialdarwinisten vertraten, sind in Darwins Theorie keine teleologischen Elemente bzw. Annahmen einer generellen Höherentwicklung enthalten.[13] Den Begriff Ăberlebenskampf haben beide von Thomas Robert Malthus entliehen.[14] Spencer machte den Begriff Evolution erst populĂ€r und das berĂŒhmte survival of the fittest hat er als erster benutzt. Darwin benutzte es als Synonym fĂŒr seine ânatĂŒrliche Selektionâ[15]
Darwin selbst hat sich bei unterschiedlichen Gelegenheiten von der Ăbertragung seiner Lehre auf die Gesellschaft distanziert. Andererseits schrieb er zur natĂŒrlichen Zuchtwahl bei den zivilisierten Völkern in Die Abstammung des Menschen:
âBei Wilden werden die an Geist und Körper Schwachen bald beseitigt und die, welche leben bleiben, zeigen gewöhnlich einen Zustand krĂ€ftiger Gesundheit. Auf der andern Seite thun wir civilisierte Menschen alles nur Mögliche, um den Process dieser Beseitigung aufzuhalten. Wir bauen ZufluchtsstĂ€tten fĂŒr die Schwachsinnigen, fĂŒr die KrĂŒppel und die Kranken; wir erlassen Armengesetze und unsere Aerzte strengen die grösste Geschicklichkeit an, das Leben eines Jeden bis zum letzten Moment noch zu erhalten. (âŠ) Hierdurch geschieht es, dass auch die schwĂ€cheren Glieder der civilisirten Gesellschaft ihre Art fortpflanzen. Niemand, welcher der Zucht domesticirter Thiere seine Aufmerksamkeit gewidmet hat, wird daran zweifeln, dass dies fĂŒr die Rasse des Menschen im höchsten Grade schĂ€dlich sein muss. Es ist ĂŒberraschend, wie bald ein Mangel an Sorgfalt oder eine unrecht geleitete Sorgfalt zur Degeneration einer domesticirten Rasse fĂŒhrt; aber mit Ausnahme des den Menschen selbst betreffenden Falls ist wohl kaum ein ZĂŒchter so unwissend, dass er seine schlechtesten Thiere zur Nachzucht zuliesse.â
Allerdings ergÀnzt er im nÀchsten Absatz:
âDie HĂŒlfe, welche dem HĂŒlflosen zu widmen wir uns getrieben fĂŒhlen, ist hauptsĂ€chlich das Resultat des Instincts der Sympathie, welcher ursprĂŒnglich als ein Theil der socialen Instincte erlangt, aber spĂ€ter in der oben bezeichneten Art und Weise zarter gemacht und weiter verbreitet wurde. Auch könnten wir unsere Sympathie, wenn sie durch den Verstand hart bedrĂ€ngt wĂŒrde, nicht hemmen, ohne den edelsten Theil unserer Natur herabzusetzen. (âŠ) Wir mĂŒssen daher die ganz zweifellos schlechte Wirkung des Lebenbleibens und der Vermehrung der Schwachen ertragen; doch scheint wenigstens ein Hinderniss fĂŒr die bestĂ€ndige Wirksamkeit dieses Moments zu existiren, in dem UmstĂ€nde nĂ€mlich, dass die schwĂ€cheren und untergeordneteren Glieder der Gesellschaft nicht so hĂ€ufig als die Gesunden heirathen; und dies Hemmnis könnte noch ganz ausserordentlich verstĂ€rkt werden, trotzdem man es mehr hoffen als erwarten kann, wenn die an Körper und Geist Schwachen sich des Heirathens enthielten.[16]â
Als BegrĂŒnder des eigentlichen Sozialdarwinismus wird der britische Anthropologe und BegrĂŒnder der Kulturanthropologie Edward Tylor gesehen. Tylor beschrieb, wie sich kulturelle VerĂ€nderungen durch natĂŒrliche Selektion durchsetzten. Auch der US-amerikanische Anthropologe und MitbegrĂŒnder der Ethnologie Lewis Henry Morgan verwendete in seinen Werken den Begriff der natural selection.[15]
Ludwig Gumplovicz als VorlĂ€ufer der Konfliktsoziologie sah den âKampf der Rassenâ (spĂ€ter der sozialen Gruppen) als einen natĂŒrlichen Bestandteil des sozialen Lebens und als treibende Kraft der Geschichte.[17]
Die heute dominierende Gebrauchsart des Begriffes wurde erstmals in den 1930ern von dem Soziologen Talcott Parsons eingefĂŒhrt, wobei auch erstmals Herbert Spencer in Zusammenhang mit dem Sozialdarwinismus gebracht wurde.[18] Nach G. M. Hodgson benutzte Parsons den Begriff als Mittel, um alle biologischen AnsĂ€tze als Grundlage der Soziologie auszuschlieĂen; egal ob es sich um Lamarckismus oder Darwinismus handelte. Erst durch die von Richard Hofstadter veröffentlichte Publikation Social Darwinism in American Thought, 1860â1915 wurde der Begriff popularisiert und erfuhr eine explosionshafte Anwendung. Der Begriff wird auch heute vielfach wegen seiner Vieldeutigkeit und WidersprĂŒchlichkeit kritisiert.[19] Kritisiert wurde, dass der Sozialdarwinismus eher dem Lamarckismus anstatt dem Darwinismus gleiche, und Spencers âsozialdarwinistischesâ Hauptwerk (Social Statics) bereits einige Jahre vor Darwins âOrigin of Speciesâ erschien, weswegen der Namensbestandteil âDarwinismusâ irrefĂŒhrend sei und âSpencerismusâ eigentlich besser sei.[20][21] Michael Ruse ist grundsĂ€tzlich auch der Ansicht, dass der Sozialdarwinismus Spencer ebenso viel oder sogar mehr verdankt als Darwin. Da sozialdarwinistische Sichtweisen auf die Gesellschaft inzwischen unpopulĂ€r geworden seien, bestĂŒnde jedoch eine Tendenz, dies zu ĂŒbertreiben und den Einfluss Darwins ganz zu leugnen.[22] Im Ăbrigen wurden vor der Entwicklung von Weismanns Keimplasmatheorie und der daraufhin erfolgenden Herausbildung des Neolamarckismus der Gegensatz zwischen Lamarck und Darwin nicht so stark betont; eher wurde Lamarck als legitimer VorlĂ€ufer Darwins angesehen.[23][24] TatsĂ€chlich lassen sich Darwins Werk widersprĂŒchliche Stellungnahmen zum Sozialdarwinismus entnehmen. Deshalb kommt Ruse zu dem Schluss, dass das VerhĂ€ltnis zwischen biologischem Darwinismus und Sozialdarwinismus keinesfalls eindeutig sei; dies gelte im ĂŒbrigen auch fĂŒr das VerhĂ€ltnis von Spencers Lehren zum Sozialdarwinismus.[25] R. Bannister sieht eine nahezu vollstĂ€ndige Trennung zwischen Sozialdarwinisten und Darwinisten. âEchteâ Darwinisten wie Darwin, Alfred Russel Wallace und Thomas Huxley seien keine Sozialdarwinisten gewesen[26][27] und die Sozialdarwinisten, egal ob sie in spencerscher Tradition standen oder mit der spĂ€ter als Reformdarwinismus bezeichnete kollektivistischen Form verbunden waren, seien gewöhnlich keine echte Darwinisten gewesen, obwohl letztere sich selbst oft so sahen, wobei sie aber in Wirklichkeit wichtige Teile der darwinschen Theorie ignorierten.[28]
Eric Goldmann prĂ€gte 1952 den Begriff âReformdarwinismusâ fĂŒr kollektive Sozialdarwinismen, welche mehr die Begriffe und Slogans âAdaptionâ, âmutual aidâ und âstruggle for the life of othersâ im Gegensatz zu âstruggle for existenceâ betonten und den individualistischen Sozialdarwinismus H. Spencers scharf ablehnten.[29] Im Gegensatz zu dem âursprĂŒnglichenâ Sozialdarwinismus, welcher optimistisch eine Höherentwicklung der Menschheit annahm, bezieht sich der Begriff Reformdarwinismus damit auch auf eine Strömung die mit dem Darwinismus eher eine Bedrohung verbanden, da zivilisatorische EinflĂŒsse die natĂŒrliche Selektion ausgeschaltet hĂ€tte und daher eine Degeneration der Menschheit zu erwarten sei, sofern dem nicht durch MaĂnahmen, wie etwa kĂŒnstliche Selektion, entgegengewirkt werde.[30] Eine bedeutende Schrift dieser Bewegung war die vom Soziologen E. A. Ross 1901 veröffentlichte Schrift Social Control.[31] Dieser stark mit der Eugenikbewegung verknĂŒpfte Reformdarwinismus erlangte Anfang des 20. Jhd. politische Bedeutung in staatsinterventionistischen, progressiven politischen Richtungen.[32]
Gewöhnlich wird von Sozialdarwinisten damit eine Höherentwicklung zu einer wertvolleren Lebensform verbunden,[33] so etwa bei Herbert Spencer und William Graham Sumner. Dabei kann zwischen sozialdarwinistischen AnsĂ€tzen danach unterschieden werden, ob sie sich auf individuellen oder kollektiven Wettbewerb beziehen.[34] Konventionelle AnsĂ€tze des Sozialdarwinismus werden mit politischem Konservatismus, Laissez-Faire, Imperialismus und Rassismus verbunden.[35] Sozialdarwinismus gab es grundsĂ€tzlich in allen politischen Lagern;[1]. Er erlangte teilweise groĂen Einfluss.[36] Die meisten traditionell geprĂ€gten deutschen Konservativen verwarfen dagegen den Sozialdarwinismus aus religiösen GrĂŒnden.[37] Verschiedene, aber nicht alle Sozialdarwinisten befĂŒrworteten eugenische MaĂnahmen,[1] also die Anwendung humangenetischer Erkenntnisse auf Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergröĂern und negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern. In Verbindung mit der wissenschaftlich diskreditierten Theorie menschlicher Rassen bildete der Sozialdarwinismus einen Grundpfeiler der Ideologie des Nationalsozialismus und seiner âLebensraumâ-Doktrin.[38][39][40] Aufgrund der propagierten Ungleichheit und der beispielsweise hieraus resultierenden Betonung des Rechts des StĂ€rkeren ist der Sozialdarwinismus heute ein Wesensmerkmal des Rechtsextremismus.[41] Der Kern rechtsextremer Ideologie artikuliert sich in der âIdeologie der Ungleichheitâ, aus der ethnische, geistige und körperliche Unterschiede zum Kriterium fĂŒr die Zuweisung eines minderen Rechts- und Wertestatus fĂŒr bestimmte Individuen und Gruppen hergeleitet werden.[42]
Der Historiker Richard Hofstadter, welcher mit seiner grundlegenden Publikation Social Darwinism in American Thought, 1860â1915 den Begriff âSozialdarwinismusâ in seinem heutigen Gebrauch etablierte, stellte den Sozialdarwinismus von H. Spencer und William Graham Sumner als willkommene theoretische Grundlage des Laissez-faire Kapitalismus dar, welcher von amerikanischen Industriellen wie Andrew Carnegie, John D. Rockefeller u. a. vertreten wurde und von Vertretern konservativer und wirtschaftsliberaler Strömungen dazu benutzt wurde, um unerwĂŒnschte staatliche Eingriffe in die Wirtschaft zu bekĂ€mpfen.[43][44]
WĂ€hrend der individualistische Sozialdarwinismus in der Tradition Spencers vorwiegend in einem Laissez-faire Kapitalismus Ausdruck fand, gab es auch kollektive Sozialdarwinismen, die den Kampf zwischen Rassen und Völkern als Grundlage des evolutionĂ€ren Fortschritts ansahen (z. B. E. Haeckel[45]). Nachdem die PopularitĂ€t des spencerschen Sozialdarwinismus bereits stark nachgelassen hatte, gewannen die religiös geprĂ€gten Sozialdarwinismen von Benjamin Kidd und Henry Drummond an Bedeutung[46] und wurden besonders von religiös-konservativer Seite als Verteidigung des Glaubens ĂŒberwiegend positiv aufgenommen.[47] Allerdings gab es auch frĂŒher auf der Basis von Spencers Sozialdarwinismus Rezeptionen seitens christlicher Theologen.[48] Beispielsweise entwickelte der Spencer-Bewunderer und Theologe Henry Ward Beecher einen christianisierten Sozialdarwinismus.[49]
Laut R. Hofstadter soll das darwinistisches Denken auch auf das Denken der frĂŒhen orthodoxen Marxisten Einfluss gehabt haben;[50] so hĂ€tte sich K. Marx gegenĂŒber F. Engels auf Darwins Origin of Species als Basis fĂŒr den Klassenkampf[51] berufen. Auch Sozialisten wie Keir Hardie vertraten darwinistische Positionen.[52] Auch gab es sozialistische Sozialdarwinisten wie Jack London[53] und andere[54] welche direkten Bezug zu H. Spencer und E. Haeckel nahmen.
Liest man die Originalbriefe, begrĂŒĂen sowohl Marx als auch Engels als positiven Nebeneffekt an Darwins Werk die Zerstörung der Teleologie. So schrieb Engels 1859 an Marx: âĂbrigens ist der Darwin, den ich jetzt gerade lese, ganz famos. Die Teleologie war nach einer Seite hin noch nicht kaputtgemacht, das ist jetzt geschehen.â[55] Und Marx schrieb 1861 an Ferdinand Lassalle: âSehr bedeutsam ist Darwins Schrift und passt mir als naturwissenschaftliche Unterlage des geschichtlichen Klassenkampfs. Die grob englische Manier der Entwicklung muss man natĂŒrlich in den Kauf nehmen. Trotz allem Mangelhaften ist hier zuerst der âTeleologieâ in der Naturwissenschaft nicht nur der TodesstoĂ gegeben, sondern der rationelle Sinn derselben empirisch auseinandergelegt.â[56]
Dennoch wurde der Sozialdarwinismus aus der Sicht des Sozialismus ĂŒberwiegend abgelehnt und die GĂŒltigkeit des Darwinismus auf Physiologie und Anatomie eingeschrĂ€nkt. Deutlich mehr Anklang fand die Ă€ltere Lehre des Lamarckismus, von der Vererbung erworbener Eigenschaften, in extremo als Lyssenkoismus in der Sowjetunion.
Nur eine Minderheit hielt eine Vereinbarkeit fĂŒr gegeben. Der sozialdemokratische Sozialdarwinist Ludwig Woltmann, einer der einflussreichsten Autoren in Bereich Eugenik, versuchte die gesellschaftspolitischen Ideen Ernst Haeckels mit dem Marxismus zu kombinieren.[57]
WĂ€hrend sich im spĂ€ten 19. Jahrhundert der Sozialdarwinismus aus einer Vielzahl unterschiedlicher politischer Strömungen zusammensetzte, gab es Anfang des 20. Jahrhunderts eine zunehmende Radikalisierung und Vermischung sozialdarwinistischer AnsĂ€tze mit Eugenik und Rassentheorie. Eugenik wird insofern als âTransmissionsriemenâ angesehen, der die darwinistische Evolutionstheorie mit wohlfahrtsstaatlicher Planung (âsocial engineeringâ) verband.[58] Mehr als Darwin spielte dabei allerdings ein von Francis Galton erstmals formulierter Gedanke eine zentrale Rolle, welcher besagte, dass unter Zivilisationsbedingungen die natĂŒrliche Auslese ausgeschaltet sei, und ohne Gegenmassnahme eine Degeneration zu erwarten sei.[59] Weingart, Kroll und Bayertz schreiben, dass ein âradikaler Richtungswechsel von einer progressiv-demokratischen zu einer reaktionĂ€r-âaristokratischenâ Deutung des politischen Inhalts der Darwinschen Theorie durch eine Akzentverlagerung vom Prinzip der Evolution auf den Mechanismus der Selektionâ erfolgt sei.[60] Dieser Ausbau des Sozialdarwinismus zu einer Weltanschauung und seine Instrumentalisierung durch die politische Rechte wurde durch die innerwissenschaftliche Entwicklungen weder korrigiert noch verhindert. Im Gegenteil blieb die Entwicklung der Humangenetik lange Zeit mit eugenischen Zielsetzungen verbunden.[61] Entsprechend sahen etliche in diesem Bereich tĂ€tige Biologen und Mediziner die Machtergreifung der Nationalsozialisten als eine Chance zur Verwirklichung ihrer eugenischen Vorstellungen.[62] Aber nur ein Teil der Eugeniker sah sich in der Tradition von Galton oder Darwin.[63] Eugenik wurde seit Jahrtausenden mit unterschiedlicher Motivation diskutiert und auch angewendet,[64] allerdings schien erst mit der Degenerationstheorie Galtons, die von seinem Vetter Darwin nach einigen Autoren mit gewissen EinschrĂ€nkungen aufgegriffen wurde, andere bestreiten dies,[65] eine "wissenschaftliche" Fundierung möglich zu werden. Gerade weil die Degeneration als Grundlage der sozialdarwinistischen Eugenik empirisch nicht nachzuweisen war, "lieferte das Selektionsprinzip Darwins das theoretische SchlĂŒsselargument fĂŒr die ErhĂ€rtung des Degenerationsgedankens".[66] Insbesondere die BegrĂŒnder der deutschen Eugenik, Schallmeyer und Ploetz, bezogen sich in ihren Schriften hĂ€ufig auf Darwin.[67] Ein groĂer Teil derjenigen, welche eher den Begriff Rassenhygiene anstelle von Eugenik bevorzugten und dem rechten, rassistischem FlĂŒgel der Eugenikbewegung angehörten, lehnten, obwohl sie oft mit dem Label "Sozialdarwinistisch" versehen werden, die darwinistische Evolutionstheorie allerdings als materialistisch und Ausdruck eines liberalen Zeitalters ab und beriefen sich als Motivation fĂŒr rassenhygienische MaĂnahmen auf vordarwinistische sich als "wissenschaftlich" gebende Rassentheorien etwa von Arthur de Gobineau, welche eine Degeneration, hervorgerufen hauptsĂ€chlich durch Rassenmischung, prophezeite.[68]
Bis zur MachtĂŒbernahme Hitlers im Jahr 1933 war die deutsche Eugenikbewegung gemÀà der Historikerin Sheila Faith Weiss politisch und ideologisch heterogener als gemeinhin angenommen und rekrutierte sich hauptsĂ€chlich aus dem BildungsbĂŒrgertum. Vor 1933 sei es nicht möglich, gewesen, eine politisch rechte (right wing) Dominanz auszumachen, da in den Reihen der Eugeniker beispielsweise der von der Historikerin politisch als konservativ eingestufte Fritz Lenz (nationalsozialistischer Wegbereiter), aber auch SPD-Mitglieder wie Alfred Grotjahn oder etwa FunktionstrĂ€ger christlicher Kirchen, wie der Jesuit Hermann Muckermann, bekannt als âPapst der positiven Eugenikâ, vertreten waren[69][70] Die politischen Standpunkte hĂ€tten das gesamte politische Spektrum der Wilhelminischen und der Weimarer Zeit ĂŒberspannt.[71] Dem widerspricht der Befund des Autorenteams Weingart/Kroll/Bayertz, die in einer geschichtlichen Gesamtbetrachtung zu dem Schluss kommen, dass die Mehrzahl der Eugeniker ânationalistisch, wenn nicht gar völkisch, rassistisch oder nationalsozialistischâ gewesen sei.[72] Zwar hĂ€tte es tatsĂ€chlich innerhalb der Sozialdemokratie einen zentristischen und revisionistischen FlĂŒgel gegeben, der Marxismus und Darwinismus in stark vereinfachender Weise miteinander zu einer evolutionistischen Geschichts- und Gesellschaftsauffassung (âDarwino-Marxismusâ) verbunden hĂ€tte.[73] Die Sozialistische Eugenik, so Medizinhistoriker Manfred Vasold, blieb jedoch innerhalb der SPD eine Randerscheinung.[74]
Innerhalb der Eugeniker, die in der deutschen Gesellschaft fĂŒr Rassenhygiene organisiert waren, unterscheidet die Literatur zwischen dem radikalen, rassistischen MĂŒnchener FlĂŒgel um Friedrich Lenz, Alfred Ploetz und Ernst RĂŒdin und einem moderaterem, eher âprogressivenâ Berliner FlĂŒgel um Alfred Grothjan, Hermann Muckermann und Hans Harmsen, welcher politisch eng mit der Zentrumspartei und Teilen der Sozialdemokratischen Partei verbunden war.[75] Die Vertreter des MĂŒnchener FlĂŒgels setzten sich in der Regel fĂŒr Zwangssterilisation oder sogar Euthanasie ein. Dagegen lag der Schwerpunkt des Berliner FlĂŒgels, die sich oft lieber als âEugenikerâ denn als âRassehygienikerâ bezeichneten, eher auf MaĂnahmen der Förderung der Reproduktion der ânormalenâ Bevölkerung[76] und auf freiwilligen Sterilisationen.[77] Im Zuge der Machtergreifung kam es zu einem weitgehenden personellen Austausch des Berliner FlĂŒgels zugunsten des MĂŒnchener FlĂŒgels der Rassenhygiene.[78]
Obwohl aus dem Darwinismus nicht zwangslĂ€ufig eine bestimmte politische Ideologie folgt, bezogen sich Eugeniker und Rassisten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts typischerweise auf Erkenntnisse der Evolutionstheorie, um ihre Forderungen als wissenschaftlich fundiert darzustellen.[79][80] Dazu trugen viele Biologen dieser Zeit bei, die meinten, Erkenntnisse auf oft stark vereinfachende Weise aus der Zoologie auf die Politik ĂŒbertragen zu können.[81] In der geschichtswissenschaftlichen Debatte scheint sich nach Ansicht des Historikers Edward Ross Dickinson der Konsens herauszubilden, dass der Darwinismus eine âMöglichkeitsbedingungâ fĂŒr die nationalsozialistische Eugenik gewesen ist.[82][83] Die sozialdarwinistische Deutung der Geschichte als Kampf zwischen verschiedenen Rassen wird als ein zentraler Bestandteil der NS-Ideologie angesehen.[84]
In Deutschland bereitete der Zoologe Ernst Haeckel den Boden fĂŒr den Sozialdarwinismus.[85][86] Der Soziologe Fritz Corner bezeichnete ihn 1975 als Vater des deutschen Sozialdarwinismus.[87] Neben Haeckel wurden die Biologen und Sozialdarwinisten August Weismann und Ludwig Plate Mitglieder in der Gesellschaft fĂŒr Rassenhygiene, die nach Auffassung unterschiedlicher Historiker eine zentrale Rolle fĂŒr den Einfluss sozialdarwinistischer Ideen auf die nationalsozialistische Rassenhygiene gespielt habe.[88][89] GegrĂŒndet worden war sie von dem Mediziner Alfred Ploetz, der zusammen mit Wilhelm Schallmayer als BegrĂŒnder der deutschen Eugenik gilt. Seine Ideen verbreitete er u. a. ĂŒber eine ZĂŒchtungsutopie, die seiner Auffassung nach lediglich eine bis in die letzten Konsequenzen verfolgte Darstellung der Darwinschen Theorie sei.[90] Bis 1933 hatte diese Gesellschaft 1.300 Mitglieder, unter ihnen viele Naturwissenschaftler und Ărzte und einige hohe FunktionĂ€re der NSDAP.[91] Die Rassenhygiene stĂŒtzte sich nach Schmuhl auf das monistische Axiom des Sozialdarwinismus, nach dem das gesellschaftliche Geschehen sich aus den darwinistischen Entwicklungsgesetzen erklĂ€ren lasse.[92] M. Ruse hingegen betont, dass die meisten Historiker heute keinen signifikanten Beitrag des Darwinismus zum Nationalsozialismus annehmen.[93][94] Nach Robert Bannister sind Neodarwinisten wie A. Weismann keine Sozialdarwinisten, sondern im Gegenteil scharfe Gegner von Sozialdarwinisten wie H. Spencer.[95] Nach Oskar Hertwig fĂŒhrte dagegen der Neodarwinismus von Weismann und die damit verbundene Abkehr von Resten lamarckistischer Ideen sowie die Betonung der natĂŒrlichen Selektion zu einer Radikalisierung des Sozialdarwinismus.[96] Nach Weismanns einflussreicher Lehre vom Keimplasma war jedes Individuum durch sein genetisches Material determiniert, und es musste jede Hoffnung auf moralischen oder kulturellen Fortschritt durch VerĂ€nderung der sozialen Umwelt aufgegeben werden.[97] In der Literatur zur Eugenik nahmen die Bezugnahmen auf Weismann in den 1890er Jahren und nach der Jahrhundertwende kontinuierlich zu.[98]
Allerdings sind die wesentlichen Elemente der nationalsozialistischen Ideologie, welche die auch in anderen LĂ€ndern praktizierte menschenrechtswidrige Eugenik besonders in Nazi-Deutschland ins Extrem entarten lieĂen nicht, wie die Bezeichnung Sozialdarwinismus suggeriert, aus Quellen die sich auf den Darwinismus beriefen zurĂŒckzufĂŒhren.[99] Der Rassismus der Nationalsozialisten wurde wesentlich von Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlain geprĂ€gt.[100] Gobineaus diesbezĂŒgliches Werk "Versuch ĂŒber die Ungleichheit der Menschenrassen" wurde einige Jahre vor Darwins "Origin of Spezies" veröffentlicht und auch nach Darwins Veröffentlichung war Gobineau kein AnhĂ€nger Darwins sondern blieb zeitlebens skeptisch gegenĂŒber dem Darwinismus und Evolution im Allgemeinen. H.S.Chamberlain hat den Darwinismus als "materialistisch" vehement abgelehnt. In seinem Werk "Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" prangert er den Darwinismus als "die Entwickelungsmanie und der pseudowissenschaftliche Dogmatismus unseres Jahrhunderts" an und beklagt, dass "Ein handgreiflich unhaltbares System wie dasjenige Darwinâs .." von "⊠seinen Erfolgen berauscht, eine derartige Tyrannei ausĂŒbte, dass, wer nicht bedingungslos zu ihm schwor, als totgeboren zu erachten war."; insgesamt benutzt er eine Rhetorik bezĂŒglich dem Darwinismus die der Philosoph und Biologe J.P. Schloss mit derjenigen der heutigen Intelligent-Design-Bewegung vergleicht.[101] Die Einstellung Chamberlains bzgl. der Evolution findet sich auch bei dem nationalsozialistischen Chefideologen Alfred Rosenberg wieder der in der nationalsozialistischen Bewegung die Vollendung der lutherschen Reformation, die er auf halbem Wege stehen geblieben sah, hin zu einem germanischem Christentum sah.[102] Die spezifische Form des nationalsozialistischen Rassismus welche zum Holocaust an den Juden fĂŒhrte, der Antisemitismus, soll nach Ansicht einiger Historiker seine ursprĂŒnglichen Wurzeln im christlichen Antisemitismus haben.[103][104][105] Gelegentlich wird direkt der vehemente Antisemitismus Martin Luthers als Quelle des Antisemitismus der Nazis genannt.[106][107][108] Von vielen Historikern wird dagegen zwischen traditionellen, oft religiös geprĂ€gten Formen des Antijudaismus und dem rassentheoretisch begrĂŒndeten Antisemitismus unterschieden, der erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auftritt.[109] In Hitlers politischer Autobiographie "Mein Kampf" taucht die zentrale Metapher des Sozialdarwinismus bereits im Buchtitel auf und wird an unterschiedlichen Stellen als "Existenzkampf", "Lebenskampf" oder auch direkt als "Kampf ums Dasein" aufgegriffen.[110] Das dem Themenkreis Volk und Rasse gewidmete Kapitel gibt zunĂ€chst Darwins Prinzip des Existenzkampfs und der Selektion wieder, um dann den Kampf zwischen Arten auf den Kampf zwischen Menschenrassen zu ĂŒbertragen. Dabei wird, da Hitler grundsĂ€tzlich keine Quellen zitiert, nicht ausdrĂŒcklich auf Darwin verwiesen; allerdings wird deutlich, dass er sich intensiv mit der rassenhygienischen und biologischen Literatur auseinandergesetzt hat, wie Fritz Lenz spĂ€ter stolz bemerkt hat.[111] Hitler wandte sich dabei explizit gegen einen religiösen âScheinantisemitismusâ, der es den Juden gestatte, mit einem âGuĂ Taufwasser immer noch GeschĂ€ft und Judentum zugleichâ zu retten; vielmehr mĂŒsse der Antisemitismus auf rassischer Grundlage aufgebaut sein.[112][113]
Auch der offiziellen Nazi-Ideologie war die Idee der menschlichen Evolution eher verdĂ€chtig, speziell die Idee dass der arische Herrenmensch einen gemeinsamen Vorfahren mit dem Affen gehabt haben soll.[114][115] Evolution sei deswegen fundamental im Gegensatz zur nationalsozialistischen Denkart gestanden.[116] Selbst unter Biologen war die darwinsche Theorie wĂ€hrend der nationalsozialistischen Zeit nicht allgemein anerkannt; so finden sich in der von Fachzeitschrift "Der Biologe" wĂ€hrend der nationalsozialistischen Zeit sowohl pseudowissenschaftliche sozialdarwinistische wie antidarwinistische Abhandlungen.[117] Die eugenischen ZĂŒchtungideen des Nationalsozialismus wurden wesentlich von dem Okkultisten Lanz von Liebenfels inspiriert, welcher hauptsĂ€chlich durch Arthur de Gobineau beeinflusst war. Eugenische ZĂŒchtungideen benötigen auch keine Evolutionstheorie als Grundlage, sondern nur Vererbungshypothesen;[118] es hat sie schon lange bevor Evolutionstheorien entwickelt wurden gegeben, etwa in den Utopien von Thomas Morus und Tommaso Campanella im 16. bzw. 17. Jhd.[119] Trotzdem haben sich die Nationalsozialisten insbesondere bei ihrer eugenischen Politik immer wieder auf biologische Erkenntnisse berufen. Nach Klaus-Dietmar Henke traten in der NS-Ideologie die âpolitischen, sozialen, ökonomischen, psychologischen, geistigen und kĂŒnstlerischen Prozesseâ des gesellschaftlichen Lebens in âeinem nachgerade paranoiden Reduktionismus und Reinheitswahnâ hinter âden Gesetzen der Biologieâ zurĂŒck.[120] So sagte der Reichsminister des Inneren Wilhelm Frick in einer Rede im Sommer 1933 zur BegrĂŒndung des Gesetzes zur VerhĂŒtung erbkranken Nachwuchses in Bezug auf den Sozialstaat: "Was wir bisher ausgebaut haben, ist ⊠eine ĂŒbertriebene Personenhygiene und FĂŒrsorge fĂŒr das Einzelindividuum ohne RĂŒcksicht auf die Erkenntnisse der Vererbungslehre, der Lebensauslese und der Rassenhygiene." Die "wissenschaftlich begrĂŒndete Vererbungslehre" wĂŒrde es ermöglichen, die "ZusammenhĂ€nge der Vererbung und der Auslese und ihre Bedeutung fĂŒr Volk und Staat klar zu erkennen".[121]
Nach D. Gasman[122] war ein mit EinflĂŒssen aus der Romantik, Elementen aus der germanischen Naturreligion sowie Antisemitismus vermischter Sozialdarwinismus Haeckels, welcher mit dem Darwinismus selbst wenig gemein hatte,[123] ein wesentliches formatives Element fĂŒr die Ideologie des Nationalsozialismus und seiner âLebensraumâ-Doktrin. Gasmans These erfuhr starke Verbreitung; unter anderem wurde sie durch den Evolutionsforscher Stephen Jay Gould aufgegriffen. Da die politischen Schriften der Nationalsozialisten keine direkten BezĂŒge aufweisen, kann Gasman seine Thesen nur indirekt stĂŒtzen â d. h. durch Nachweis von Ăhnlichkeiten in den IdeengebĂ€uden der Nationalsozialisten und Haeckels. Die These wurde deshalb in den letzten Jahren zunehmend bestritten. R. J. Richards bestreitet die von Gasman angegebenen Ăhnlichkeiten, z. B. sei Haeckel nicht, wie von Gasman behauptet, Antisemit gewesen, sondern eher als Philosemit einzuordnen.[124] Der Sozialdarwinismus wurde zur Rechtfertigung von Imperialismus und Rassismus herangezogen und fĂŒhrte in Deutschland zu Bestrebungen, psychisch Kranken, geistig Behinderten oder schwer Erbkranken zur Vermeidung der genetischen âDegenerationâ oder âEntartungâ das Lebensrecht abzusprechen.[125] Dies fĂŒhrte in der Zeit des Nationalsozialismus schlieĂlich zu systematischen Zwangssterilisationen, zum Genozid, der massenhaften Ermordung âlebensunwerten Lebensâ oder âminderwertiger Rassenâ wie der jĂŒdischen Bevölkerung Deutschlands und weiter Teile des restlichen Europas. Dabei fanden sich nach Auffassung des Bielefelder Soziologen Peter Weingart im Sterilisationsgesetz von 1933 und den âNĂŒrnberger Gesetzenâ des Hitler-Regimes von 1935 alle wesentlichen Elemente sozialdarwinistischer ZĂŒchtungsutopien wieder.[126] Die BegrĂŒndung, soweit eine solche wahnhaft versucht wurde, ruhte auf der als natĂŒrlich angesehenen Vormachtstellung einer ethnischen Gruppe ĂŒber eine andere, die nicht als Folge gesellschaftlicher UmstĂ€nde, sondern als Folge einer grundsĂ€tzlicheren Ăberlegenheit der mĂ€chtigeren Gruppe gedeutet wurde.
In der Biologie hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass evolutionĂ€re VorgĂ€nge nicht von einer Höherentwicklung begleitet werden, ja dass eine objektive Einteilung der Lebensformen in höhere und niedrigere Gruppen grundsĂ€tzlich unmöglich ist.[127] Genetische Untersuchungen haben die Existenz eines biologisch begrĂŒndbaren menschlichen Rassenbegriffs, auf dem Rassentheorien und die Ideologie vom âHerrenmenschenâ beruhen, in Frage gestellt.[128]
AnhĂ€nger des Sozialdarwinismus geben dem Begriff des Survival of the Fittest in der Regel eine Umdeutung, die durch den biologischen Zusammenhang, in den Darwin ihn stellte, nicht gedeckt ist. Laut Darwin war nicht das Ăberleben an sich, sondern die Zeugung möglichst vieler ĂŒberlebens- und fortpflanzungsfĂ€higer Nachkommen Grundlage biologischen Erfolges.[129] Die Formel "survival of the fittest" wird im Deutschen oft fehlerhaft ĂŒbersetzt: Dabei meint sie nicht gröĂte "Fitness", sondern beschreibt die AnpassungsfĂ€higkeit einer Art an die jeweils herrschenden Umweltbedingungen. Dazu zeigt sich, dass sowohl die von Sozialdarwinisten abgelehnte genetische Vielfalt als auch die Existenz altruistischer Verhaltensweisen in der Natur weit verbreitet sind und sich meist positiv auf die evolutionĂ€re Fitness einer Art auswirken. Ein frĂŒher Kritiker herkömmlicher sozialdarwinistischer Theorien auf der Grundlage einer Theorie der Kooperation war der Anarchist und Geograph Pjotr Alexejewitsch Kropotkin mit seinem 1902 erstmals erschienen Buch Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt.[130][131] Eine aktuelle Theorie der symbiotischen Evolution vertritt Lynn Margulis.[132][133]
Der Versuch, mittels einer an der Tier- und Pflanzenwelt orientierten Theorie menschliche Beziehungen erklÀren zu wollen, ist ein Analogieschluss, der nicht ohne Zusatzannahmen gerechtfertigt ist. Insbesondere ein biologistischer Determinismus wird weithin abgelehnt, da die gesellschaftliche Entwicklung von einer Wechselwirkung von genetischen und kulturellen Faktoren gekennzeichnet ist.[134] Der Mensch kann sich mit anderen Worten durch VerÀnderung seiner Gene, seiner Kultur oder einer Kombination aus beidem anpassen.[135]
Zum anderen lĂ€sst sich die von Sozialdarwinisten in der Regel unterstellte Unterscheidung zwischen normalen Bedingungen der ânatĂŒrlichenâ Selektion und einer kĂŒnstlich bedingten UnterdrĂŒckung des Selektionsmechanismus in der Industriegesellschaft aus wissenschaftlich-deskriptiver Sicht nicht aufrechterhalten; der Mensch sei demnach auch in der Industriegesellschaft den âgenerellen biologischen Gesetzenâ unterworfen.[136]
Gegen die These der sogenannten genetischen Degenerierung durch den Zivilisationsprozess bringen Dobzhansky und Allen als weiteres Argument, dass genetische Defekte oder Selektionsnachteile oft keine absoluten GröĂen sind, sondern umweltabhĂ€ngig entweder Vor- oder Nachteile darstellen können. Was vor dem Hintergrund einer normativen Vorstellung von ânatĂŒrlicher Umweltâ ein Nachteil ist, kann in der tatsĂ€chlichen, kulturell geprĂ€gten Umwelt dauerhaft ausgeglichen werden oder sogar Vorteile mit sich bringen. Deshalb fĂŒhrt das Nachlassen des Selektionsdrucks notwendig dazu, dass âschlechteâ Gene weniger problematisch sind als zuvor.[137] Im Darwinismus kann âAnpassungâ (fitness) nicht anders als ĂŒber relativen Erfolg bei der Reproduktion definiert werden. Dazu stehen Theorien der wohlfahrtsstaatlichen Degeneration durch vermehrte Reproduktion sozial Schwacher im krassen Widerspruch, die die AnpassungsfĂ€higkeit auf absolute Weise und damit unabhĂ€ngig von der aktuellen Umwelt bestimmen wollen.[138]
Aus philosophischer Sicht wird die Gleichsetzung eines biologischen Ist-Zustandes mit einem moralischen Soll-Zustand grundsĂ€tzlich abgelehnt (Humes Gesetz, Naturalistischer Fehlschluss).[139] Insbesondere der im Rahmen des Biologismus anzutreffende Versuch, aus der Natur Wertvorstellungen fĂŒr die menschliche Gesellschaft abzuleiten, stellt als âAppell an die Naturâ logisch gesehen ein irrelevantes Argument (Ignoratio elenchi) dar, siehe auch Moralistischer Fehlschluss.