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Soziale Dreigliederung

Die Dreigliederung des sozialen Organismus – oder die Soziale Dreigliederung – ist ein Leitbild fĂŒr die gesellschaftliche Entwicklung, das in den Jahren 1917–1922 von Rudolf Steiner entwickelt wurde.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Die soziale Dreigliederung beschreibt die Grundstruktur einer Gesellschaft, in der die Koordination der gesamtgesellschaftlichen Lebensprozesse nicht zentral durch den Staat oder eine FĂŒhrungselite erfolgt, sondern in der drei selbst verwaltete und relativ autonome Subsysteme sich gegenseitig die Waage halten. Hierbei soll ein jedes dieser drei sozialen Glieder „...in sich zentralisiert sein; und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann erst die Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen.“[1]

Dies heiße nicht, der Wirklichkeit eine ausgedachte Utopie ĂŒberzustĂŒlpen, sondern bedeute Wesenserkenntnis ohnehin schon vorhandener Wirkungsweisen nach dem Gesetz von PolaritĂ€t und Steigerung, das Goethe als maßgeblich fĂŒr die Morphologie [2] erkannte: „...wir machen...auf eine höhere Maxime des Organismus aufmerksam, die wir folgendermaßen aussprechen. Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine Mehrheit,....Je unvollkommender das Geschöpf ist, desto mehr sind diese Teile einander gleich oder Ă€hnlich und desto mehr gleichen sie dem Ganzen. Je vollkommener das Geschöpf wird, desto unĂ€hnlicher werden die Teile einander....Die Subordination der Teile deutet auf ein vollkommenes Geschöpf.“[3] Steiner bezieht diese Vorstellung unmittelbar auf den sozialen Organismus, indem er sagt: „Die Auseinanderspaltung ist eigentlich immer da; es handelt sich nur darum, dass man findet wie die drei Glieder zusammen gebracht werden können, so dass sie nun tatsĂ€chlich im sozialen Organismus mit einer solchen inneren Vernunft wirken, wie, sagen wir, das Nerven-Sinnes-System, das Herz-Lungen-System und das Stoffwechselsystem im menschlichen Organismus wirken“[4]

Die anzustrebende funktionale Gliederung der Gesellschaft soll ja ausdrĂŒcklich nicht als Utopie verstanden werden, sondern beruht auf einer durch Empirie errungenen Erkenntnis von den notwendigen Lebensbedingungen dieser drei gesellschaftlichen Bereiche. Im nationalen Einheitsstaat seien diese drei Systeme in einer sich gegenseitig behindernden Weise miteinander verflochten. Erst in ihrer durchgreifenden funktionalen Trennung, ohne dass ein Gebiet in das andere in unberechtigter Weise eingreife und dadurch zu sozialen Komplikationen fĂŒhre, könnten sie ihre eigenen KrĂ€fte voll entfalten. Der Nationalstaat, der sich in einer nicht mehr zeitgemĂ€ĂŸen Weise aus einem Volkszusammenhang herleite, sei damit ĂŒberwunden. An seine Stelle trete eine Rechtsgemeinschaft.[5]

Mit diesem ordnungspolitischen Konzept skizzierte Steiner eine Sozialordnung, von der er annahm, "dass in ihr Freiheit und SolidaritĂ€t gleichermaßen zu verwirklichen sind und der Prozess fortschreitender Emanzipation nicht nur nicht behindert, sondern sogar positiv unterstĂŒtzt wird."[6]Den Begriff des sozialen Organismus will Steiner nicht als Analogieschema zu natĂŒrlichen Organismen verstanden wissen. Diesen, in den Sozialwissenschaften seiner Zeit nicht ungebrĂ€uchlichen Begriff verwendet er, weil er ihm am geeignetsten erscheint, den in fortwĂ€hrender dynamischer VerĂ€nderung befindlichen Prozessen der sozialen SphĂ€re gerecht zu werden. Um diese komplexen VorgĂ€nge realistisch zu erfassen, bedarf es nach Steiners Ansicht eines Übergangs von einer statisch-abstrakten zu einer lebendig-beweglichen, will heißen einer ‚organischen‘ Betrachtungsweise.[7]

Die drei Subsysteme oder auch Hauptbereiche der Gesellschaft sind:

  • das Geistesleben, das Bildung und Kultur umfasst, sowie die Zusammenarbeit der Menschen (verstanden als KreativitĂ€tsfaktor, etwa die Kultur der Entscheidungsprozesse oder das Betriebsklima betreffend). Als Produktionsfaktor wĂ€re die Arbeit dem Wirtschaftsleben zuzuordnen.
  • das Rechtsleben, das Gesetze, Regeln und Vereinbarungen der Gesellschaft umfasst.
  • das Wirtschaftsleben, das die Produktion, den Handel und Konsum von Waren und Dienstleistungen umfasst.

Sie werden als autonom und gleichrangig, aber unterschiedlich in ihrem Wesen beschrieben.

Jedem Hauptbereich wird ein Ideal der Französischen Revolution als leitendes Prinzip zugeordnet:

die Freiheit dem Geistesleben,
die Gleichheit dem Rechtsleben,
die BrĂŒderlichkeit dem Wirtschaftsleben.

Geistesleben

Die Freiheit im Geistesleben soll den Menschen die Ausbildung und AusĂŒbung ihrer individuellen FĂ€higkeiten und eine kulturelle Vielfalt und Weiterentwicklung ermöglichen. Diese Freiheit könne sich nur in einer Struktur der Autonomie entfalten, in der das geistige und kulturelle Leben sowohl von den Interessen des Staates als auch von denen der Wirtschaft unabhĂ€ngig bleibe. Die geringe Durchschlagskraft des intellektuellen und kĂŒnstlerischen Bereiches fĂŒr die gesellschaftliche Entwicklung leitet Steiner von dieser AbhĂ€ngigkeit ab: „Man muss darauf hinschauen, was das Geistesleben in der AbhĂ€ngigkeit von der Staatsgewalt und der mit ihr verbundenen kapitalistischen Gewalt geworden ist.“[8] Kultur und Wissenschaft können ihr Potential nur entfalten und die nötigen innovativen Impulse geben, wenn ihre TriebkrĂ€fte nicht von den Verwertungsinteressen der Wirtschaft oder den wechselnden Machtinteressen der Politik gespeist werden. Die Richtlinien und Ziele fĂŒr Erziehung und Bildung können zur grĂ¶ĂŸtmöglichen Entfaltung der individuellen FĂ€higkeiten nur aus den Erkenntnissen ihres eigenen Bereiches gewonnen werden. Diese Autonomie soll nicht nur die Lehrenden, Erziehenden und Kulturschaffenden in ihrer spezifischen TĂ€tigkeit betreffen, sondern auch die Verwaltung dieses Gebietes umfassen, welche somit von den hierin Arbeitenden möglichst selbst durchgefĂŒhrt wird. „Dem Geistesleben kann nur seine Kraft werden, wenn es von dem Staatsleben wieder losgelöst wird, wenn es ganz auf sich selbst gestellt wird. Was im Geistesleben lebt, insbesondere das Schulwesen, muss seiner Selbstverwaltung ĂŒbergeben werden, von der obersten Spitze der Verwaltung des Geisteslebens bis zum Lehrer der untersten Schulstufe.“[9]

Rechtsleben

Die Gleichheit im Rechtsleben soll die Rechte und Möglichkeiten jedes Einzelnen sichern.

FĂŒr Steiner stellte sich die Demokratie als eine der grundlegendsten und nicht hintergehbaren Forderungen der Gegenwart dar: "Das demokratische Prinzip ist aus den Tiefen der Menschennatur heraus die Signatur des menschlichen Strebens in sozialer Beziehung in der neueren Zeit geworden. Es ist eine elementare Forderung der neueren Menschheit, dieses demokratische Prinzip." [10]

In diesem demokratischen Rechtswesen soll nach dieser Ansicht demnach das beschlossen werden, worĂŒber jeder einfach durch den Umstand urteilsfĂ€hig ist, dass er ein mĂŒndiger Mensch ist.

Der Staat soll nach den Vorstellungen der sozialen Dreigliederung als zentrale Machtinstanz zurĂŒcktreten und einen Teil seiner Aufgaben an die Gesellschaft abgeben. Das heißt jedoch nicht, dass diese autonomen Aufgabengebiete im rechtsfreien Raum stattfinden können. Sie stehen auf dem Boden der rechtsstaatlichen Verfassung. Die auf demokratischem Wege entstandene Rechtsordnung durchdringt alle Bereiche des Wirtschafts- und Geisteslebens und gibt den darin sich betĂ€tigenden Menschen die Sicherheit vor WillkĂŒr und Machtmissbrauch.[11]

Die Rechtsorganisation, die an die Stelle des aktuellen Staates trĂ€te, hĂ€tte zunĂ€chst die Aufgabe, die gegenwĂ€rtigen Gewalt-, Besitz- und EigentumsverhĂ€ltnisse in VerhĂ€ltnisse ĂŒberzufĂŒhren, die auf das Recht, in dem alle Menschen gleich sind, gebaut ist.

Eine weitere wesentliche Aufgabe wĂ€re die umfassende Regelung des Arbeitsrechts. Arbeitszeit, Maß und Art der Arbeit sind nach Steiners Vorstellungen nicht innerhalb des Wirtschaftsorganismus zu regeln. Diese Dinge regelt die demokratische Rechtsorganisation unabhĂ€ngig von den Forderungen der Wirtschaft. Um gleichberechtigter Partner in dem vertraglichen ErtragsteilungverhĂ€ltniss zwischen Arbeitsleiter und Arbeitsleister zu sein, welches das bisherige ScheinverhĂ€ltnis des Lohnvertrags ersetzt, muss der Einzelne das Arbeitsrecht in voller Ausgestaltung schon hinter sich haben, ansonsten kommt er nicht zu seinem Recht. Es gilt die AbhĂ€ngigkeit des Arbeitsrechts von Konjunktur, Preisbildung etc. aufzuheben. Die wirtschaftlichen Konsequenzen wie etwa die Preisbildung sollen nicht die Ursache abgeben, sondern Wirkungen werden, dessen, was im Arbeitsrecht vereinbart ist. Der Mensch soll nicht gezwungen sein, seine Rechte den BedĂŒrfnissen der Wirtschaft anzupassen, sondern das Arbeitsrecht wird fĂŒr die Wirtschaft etwas sein wie die Naturgrundlagen selber. Nur durch diese unabhĂ€ngige Rechtsbildung, kann der Mensch davor geschĂŒtzt werden im Wirtschaftsprozess ebenso rigoros und mit optimaler Effizienz verbraucht zu werden, wie die Rohstoffe und die Produktionsmittel.

Wirtschaftsleben

BrĂŒderlichkeit im Wirtschaftsleben soll durch Assoziationen von Verbrauchern, HĂ€ndlern und Produzenten in einem freien Markt gerechte Preise, sowie eine gerechte GĂŒterverteilung ermöglichen. Aufgabe des Rechtslebens wĂ€re es, den dazu erforderlichen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, der Privateigentum an Produktionsmitteln und Kapital nicht enteignet oder verstaatlicht, sondern in Treuhandeigentum transformiert. Ein auf diese Weise neutralisiertes Kapital kann weder verkauft, noch vererbt, sondern nur in einer Art Schenkung an neue EigentĂŒmer ĂŒbertragen werden. „Das Eigentum hört auf, dasjenige zu sein, was es bis jetzt gewesen ist. Und es wird nicht zurĂŒckgefĂŒhrt zu einer ĂŒberwundenen Form, wie sie das Gemeineigentum darstellen wĂŒrde, sondern es wird fortgefĂŒhrt zu etwas völlig Neuem.“[12] Dadurch wĂ€re es kapitalistischem Missbrauch durch gewinnmaximierenden Weiterverkauf oder Börsenspekulation entzogen. Andererseits wĂ€re die Freiheit am Gemeinwohl orientierter Unternehmer und die Sozialbindung des Eigentums gesichert.

Neben die Umwandlung des alten Eigentumbegriffs hinsichtlich der Produktionsmittel, tritt die GrundĂŒberzeugung, dass Arbeit nicht bezahlbar ist, mithin nicht gekauft werden kann. Der Warencharakter der menschlichen Arbeit ist nach Ansicht Steiners eine Restform der Sklaverei, deren vollstĂ€ndige Überwindung erst mit der Abschaffung des Lohnprinzips gegeben ist. Statt Arbeitslohn gibt es einen vertraglich vereinbarten Anteil am Gewinn. Innerhalb eines Betriebes entfallen durch die Neutralisierung des Kapitals die klassischen Rollen des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Steiner schlug als eine neue Möglichkeit der Benennung die Begriffe Arbeitleister und Arbeitleiter vor. Diese stehen in einem VertragsverhĂ€ltnis: „Und dieses VerhĂ€ltnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (beziehungsweise Geld) fĂŒr Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen.“[13]


In verschiedenen Interpretationen und Weiterentwicklungen der sozialen Dreigliederung variieren die Beschreibungen und Abgrenzungen der drei gesellschaftlichen Subsysteme ebenso wie konkrete VorschlĂ€ge zur Umsetzung und zur Organisation der Selbstverwaltung dieser drei Bereiche. Zentral ist jedoch die Zuordnung der drei Ideale Freiheit, Gleichheit und BrĂŒderlichkeit zu den drei SphĂ€ren der Gesellschaft Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben.

Geschichte

Rudolf Steiner entwickelte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts erste Grundgedanken zur sozialen Frage. 1898 formulierte er – als Antwort auf eine Schrift des Philosophen Ludwig Stein – in zwei AufsĂ€tzen sein „soziologisches Grundgesetz“: „Die Menschheit strebt im Anfange der KulturzustĂ€nde nach Entstehung sozialer VerbĂ€nde; dem Interesse dieser VerbĂ€nde wird zunĂ€chst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung fĂŒhrt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der VerbĂ€nde und zur freien Entfaltung der BedĂŒrfnisse und KrĂ€fte des Einzelnen.“[14] 1905 veröffentlichte er in der theosophischen Zeitschrift Lucifer-Gnosis sein „soziales Hauptgesetz“: „Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist umso grĂ¶ĂŸer, je weniger der einzelne die ErtrĂ€gnisse seiner Leistungen fĂŒr sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen ErtrĂ€gnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen BedĂŒrfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.“[15]

1917 richtete er auf Vermittlung und in Zusammenarbeit mit Ludwig Polzer-Hoditz und Otto Graf von Lerchenfeld Memoranden an die österreichische und deutsche Regierung zu einem Friedensangebot der MittelmĂ€chte, welches im Geiste der sozialen Dreigliederung eine wirksame Alternative zu dem verhĂ€ngnisvollen 14-Punkte-Programm zur Selbstbestimmung der Nationen des amerikanischen PrĂ€sidenten Woodrow Wilson hĂ€tte bilden können. Der ehemalige Kabinettschef des österreichischen Kaisers Karl, Arthur Polzer-Hoditz machte diesen im November 1917 mit der Idee der Dreigliederung bekannt. Er wurde aufgefordert das ganze System der Dreigliederung in einer Denkschrift niederzulegen. Im Februar 1918 ĂŒbergab er diese dem Kaiser und informierte noch am selben Tag den damaligen MinisterprĂ€sidenten Seidel umfassend ĂŒber den Inhalt der Ausarbeitung. Eine Reaktion blieb jedoch aus.[16]

Der wesentliche Grund fĂŒr die negative Bewertung der Wilsonschen Thesen ist das dort postulierte Selbstbestimmungsrecht der Völker. In diesem sah Steiner eine illusionĂ€re Idee, die im Gegensatz zu ihrer vordergrĂŒndigen PlausibilitĂ€t eine Epoche des Nationalismus und Rassismus einleiten wĂŒrde. Dieser, in einer immer mehr von vielfĂ€ltigen kulturellen und ethnischen Zugehörigkeiten geprĂ€gten gesellschaftlichen Wirklichkeit, zerstörerischen Idee stellte er das „Selbstbestimmungsrecht des Individuums“ entgegen.[17]

Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte er mit dem Unternehmer Emil Molt einige Jahre lang im Rahmen des Bundes fĂŒr Dreigliederung Mitstreiter zu finden, um diese Idee in Deutschland zu verwirklichen, konkret zunĂ€chst 1919 in WĂŒrttemberg.

Aufruf zur Volksversammlung mit Vortrag von Rudolf Steiner aus dem Jahre 1919

Im Zuge dieser BemĂŒhungen kam es zur BegrĂŒndung der ersten Waldorfschule. Die Dreigliederung sollte in der Unsicherheit nach dem Ersten Weltkrieg den Strömungen des Nationalismus und des Kommunismus entgegenwirken und den Kapitalismus eindĂ€mmen.

1921 gab es in Oberschlesien einen weiteren Versuch, öffentlich fĂŒr die Konzeption der sozialen Dreigliederung zu wirken, um mit der Etablierung eines freien Geisteslebens die nationalen GegensĂ€tze zu ĂŒberwinden und das Auseinanderbrechen des Landes zu verhindern (Oberschlesische Aktion des Bundes fĂŒr Dreigliederung). Auch dieser Aktion war kein Erfolg beschieden, aber es dĂŒrfte ihr mit zu verdanken sein, dass das Land nicht in einem BĂŒrgerkrieg versank.

Als Steiner sah, dass er in der damaligen Nachkriegssituation in Mitteleuropa die Soziale Dreigliederung nicht realisieren konnte, beendete er seine diesbezĂŒglichen AktivitĂ€ten und beschrĂ€nkte sich darauf, die Ideen der Dreigliederung in VortrĂ€gen und Seminaren weiter zu entwickeln. NachdrĂŒcklich wies er darauf hin, dass die Zukunft eine dreigliedrige Entwicklung des sozialen Organismus in Freiheit, Gleichheit und BrĂŒderlichkeit in jedem Falle bringen werde, entweder durch Einsicht kĂŒnftiger Generationen bewerkstelligt oder durch unvorstellbare Katastrophen erzwungen.

Die Erinnerung an dieses Leitbild blieb weitgehend nur in anthroposophischen Kreisen lebendig und fĂŒhrte auch dort nach Rudolf Steiners Tod bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts ein eher randstĂ€ndiges Dasein.

Im Zuge der 68er-Bewegung gab es eine bedeutsame Renaissance der Dreigliederungsbewegung, getragen von einer kleinen Minderheit der damals „Bewegten“, die jedoch, trotz grĂ¶ĂŸter BemĂŒhungen um Öffentlichkeit, in der herrschenden Medienöffentlichkeit kaum zu Wort gekommen oder wahrgenommen wurde.

In verschiedenen außerparlamentarischen GesprĂ€chskreisen, Gruppierungen und Einrichtungen Westdeutschlands, der Schweiz, Österreichs, der Niederlande und Skandinaviens wurde die ideelle Übereinstimmung des sozialen und emanzipatorischen Gedankenguts von Denkern wie dem jungen Marx, Voltaire, Rosa Luxemburg mit den Idealen der sozialen Dreigliederung gewĂŒrdigt, diskutiert und herausgestellt. Begeisterung fĂŒr den Prager FrĂŒhling, fĂŒr die von Eugen Löbl formulierte Forderung, „den Sozialismus mit dem großen Programm der Freiheit [zu] verbinden“, gab diesen Gruppierungen enormen Auftrieb. Rudi Dutschke wusste um diese ZusammenhĂ€nge. Sein Wille zur Zusammenarbeit konnte durch das Attentat und seinen spĂ€teren frĂŒhen Tod leider nicht realisiert werden.

Wilfried Heidt vom Republikanischen Club Lörrach und Peter Schilinski vom Republikanischen Club Sylt ergriffen 1969 mit ihren Mitarbeitern die Initiative zur BegrĂŒndung eines Internationalen Kulturzentrums als BegegnungsstĂ€tte aller Menschen, die an der Zielsetzung eines „dritten Weges“ zwischen westlichem Kapitalismus und östlichem Staatssozialismus (und dazu zĂ€hlten sich auch die „Dreigliederer“) interessiert sind. Als dann mit Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts diese BegegnungsstĂ€tte als Internationales Kulturzentrum Achberg im Geiste „aktiver Toleranz“ ihre Arbeit aufnehmen konnte, fand dort – neben vielen anderen bedeutsamen Begegnungen etwa mit Emigranten des Prager FrĂŒhlings oder der russischen Opposition – auch innerhalb der „Dreigliederer“ ein wichtiger und beflĂŒgelnder BrĂŒckenschlag der Generationen statt. Noch lebende Zeitzeugen und Mitstreiter der ersten Dreigliederungsbewegung nach dem Ersten Weltkrieg schlossen sich mit jungen Menschen, die diese Ideale weiterfĂŒhren wollten, zusammen. Im Rahmen entsprechender Arbeitstagungen des Internationalen Kulturzentrums Achberg erfuhren die Zielvorstellungen eines freien Geisteslebens sowie der Gleichheit im Rechtsleben eine aktuelle Konkretisierung in der Forderung nach gesichertem, freien und gleichberechtigtem Zugang meinungsbildender Initiativen zu den Massenmedien, als Voraussetzung der EinfĂŒhrung von Elementen direkter Demokratie mit Volksinitiativen und Volksabstimmungen zur ErgĂ€nzung der parlamentarischen Demokratie. Des Weiteren spielte, angesichts einer unkontrollierten internationalen Kapitalmacht, die Frage eines neu geordneten, unabhĂ€ngigen, jedoch demokratisch legitimierten und am Gemeinwohl orientierten Geldwesens eine wachsende Rolle.

Ausgangspunkt hierfĂŒr bildeten vor allem die Ideen Wilhelm Schmundts (1898–1992). Wilfried Heidt, damals Leiter des Achberger Instituts fĂŒr Sozialforschung, förderte federfĂŒhrend und moderierend wĂ€hrend der 70er Jahre die geistige Zusammenarbeit einer Kerngruppe von Menschen mit Wilhelm Schmundt, dem KĂŒnstler Joseph Beuys und vielen Mitarbeitern und GĂ€sten des Internationalen Kulturzentrums. Die damals vertiefend erarbeiteten Urbilder eines zeitgemĂ€ĂŸen Geldbegriffs bildeten das detaillierte geistige Fundament jener spĂ€teren prĂ€gnanten Kurzformel: Kunst = KreativitĂ€t = Kapital, mit der Joseph Beuys, der Wilhelm Schmundt seinen „großen Lehrer“ genannt hatte, auf die Kernpunkte einer alternativen Geldordnung aufmerksam machen wollte.

Seitdem hatte Joseph Beuys wesentlich dazu beigetragen, dass Positionen der sozialen Dreigliederung immer wieder auch in die Öffentlichkeit getragen wurden. Er hatte den Grundgedanken der Dreigliederung im Rahmen eines erweiterten Kunstbegriffs in seine Idee der Sozialen Plastik integriert. Nach Beuys können „alle Fragen der Menschen (...) nur Fragen der Gestaltung sein“. Dieser neue Kunstbegriff bezieht sich „auf alles Gestalten in der Welt. Und nicht nur auf kĂŒnstlerisches Gestalten, sondern auch auf soziales Gestalten, [...] oder auf andere Gestaltungsfragen und Erziehungsfragen“.[18]

1986 stellte Otto Schily, zu dieser Zeit noch bei den GrĂŒnen, im Bundestag, in einer leidenschaftlichen Rede, den Dreigliederungsgedanken vor.[19].

Im April 1989 veröffentlichte Rolf Henrich in der Bundesrepublik sein in der DDR geschriebenes Buch Der vormundschaftliche Staat – Vom Versagen des real existierenden Sozialismus. Es wurde zu einem der wichtigen Texte der BĂŒrgerbewegung. Hierin analysierte er die Wirklichkeit der gesellschaftlichen Situation und konstatierte den „kulturellen Niedergang der sozialistischen Gesellschaft“.[20] Henrich stellte die Dreigliederung und seine Vision eines neu gestalteten blockfreien, anationalen Mitteleuropa vor:„Allerdings böte, was die inneren VerhĂ€ltnisse betrifft, die Dreigliederung des sozialen Organismus und die Selbstverwaltung seiner Glieder wohl die besten Möglichkeiten, um die ‚verhĂ€rtete Haut‘ endlich abzulegen, damit sich die bisher durch den Staat in der Mitte und im Osten Europas nach innen zurĂŒckgeworfenen KrĂ€fte in einen freien menschlichen Austausch einbringen könnten.“[21]

Heutzutage gibt es eine Vielzahl kleiner und großer Initiativen, die die Ideen der sozialen Dreigliederung propagieren und teilweise auch umzusetzen versuchen. 2003 erhielten mit Nicanor Perlas, Vertreter der philippinischen Zivilgesellschaft und Ibrahim Abouleish, BegrĂŒnder der Sekem-Farm in Ägypten, zwei Menschen bzw. Organisationen den Alternativen Nobelpreis, die das Leitbild der sozialen Dreigliederung teilen und propagieren. In Deutschland arbeitet etwa die GLS Bank Bochum auf Grundlage der sozialen Dreigliederung.

Hauptwerke Rudolf Steiners zur Sozialen Dreigliederung

Schriften

  • Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. Stuttgart 1919; Gesamtausgabe Nr. 23, Dornach 1961, ISBN 3-7274-0230-X
  • AufsĂ€tze ĂŒber die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915–1921. Gesamtausgabe Nr. 24, Dornach 1961, ISBN 3-7274-0240-7
    • Teilausgabe als Taschenbuch unter dem Titel: Staatspolitik und Menschheitspolitik. Dornach 1988, ISBN 3-7274-6670-7

VortrÀge

  • Die soziale Grundforderung unserer Zeit in geĂ€nderter Zeitlage: Zwölf VortrĂ€ge, gehalten in Dornach und Bern vom 29. November bis 21. Dezember 1918, Gesamtausgabe Nr. 186, 2. Auflage, Dornach (Schweiz) 1979, ISBN 3-7274-1860-5
  • Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage: Acht VortrĂ€ge, gehalten in Dornach zwischen dem 15. Februar und 16. MĂ€rz 1919, Gesamtausgabe Nr. 189, 3. Auflage, Dornach (Schweiz) 1980, ISBN 3-7274-1890-7
  • Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen: Zwölf VortrĂ€ge, gehalten in Dornach vom 21. MĂ€rz bis 14. April 1919, Gesamtausgabe Nr. 190, 3. Auflage, Dornach (Schweiz) 1980, ISBN 3-7274-1900-8
  • Soziales VerstĂ€ndnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis: FĂŒnfzehn VortrĂ€ge, gehalten in Dornach zwischen dem 3. Oktober und 15. November 1919, Gesamtausgabe Nr. 191, 2. Auflage, Dornach (Schweiz) 1972, ISBN 3-7274-1910-5
  • Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pĂ€dagogischer Fragen: Siebzehn VortrĂ€ge, gehalten in Stuttgart zwischen dem 21. April und 28. September, darunter ‚drei VortrĂ€ge ĂŒber VolkspĂ€dagogik‘, Gesamtausgabe Nr. 192, 2. Auflage, Dornach (Schweiz) 1991
  • Neugestaltung des sozialen Organismus: Vierzehn öffentliche VortrĂ€ge, gehalten in Stuttgart zwischen dem 22. April und dem 30. Juli 1919, Gesamtausgabe Nr. 330/331, Dornach (Schweiz) 1963
  • Soziale Zukunft : Sechs VortrĂ€ge mit Fragenbeantwortung, ZĂŒrich 24. bis 30. Oktober 1919, Gesamtausgabe Nr. 332a, Dornach (Schweiz)
  • Gedankenfreiheit und soziale KrĂ€fte. Die sozialen Forderungen der Gegenwart und ihre praktische Verwirklichung: Sechs VortrĂ€ge mit einem Schlusswort gehalten zwischen dem 26. Mai und 30. Dezember 1919 in Ulm, Berlin und Stuttgart, Gesamtausgabe Nr. 333, Dornach (Schweiz) 1971
  • Anthroposophie, soziale Dreigliederung und Redekunst. Orientierungskurs fĂŒr die öffentliche Wirksamkeit mit besonderem Hinblick auf die Schweiz: Sechs VortrĂ€ge, gehalten in Dornach vom 11. bis 16. Oktober 1921, Gesamtausgabe Nr. 339, 3. Auflage, Dornach (Schweiz) 1984, ISBN 3-7274-3390-6
  • Nationalökonomischer Kurs. Vierzehn VortrĂ€ge, gehalten in Dornach vom 24. Juli bis 6. August 1922 fĂŒr Studenten der Nationalökonomie, Gesamtausgabe Nr. 340, 5. Auflage, Dornach (Schweiz) 1979, ISBN 3-7274-3400-7
  • Nationalökonomisches Seminar. Sechs Besprechungen mit den Teilnehmern am Nationalökonomischen Kurs in Dornach vom 31. Juli bis 5. August 1922, Gesamtausgabe Nr. 342, 2. Auflage, Dornach (Schweiz) 1973, ISBN 3-7274-3410-4

Literatur

  • Dieter BrĂŒll: Der anthroposophische Sozialimpuls. Novalis, Schaffhausen 1984, ISBN 3-7214-0521-8
  • Hans KĂŒhn: Dreigliederungs-Zeit. Rudolf Steiners Kampf fĂŒr eine Gesellschaftsordnung der Zukunft. Verlag am Goetheanum, Dornach 1978, ISBN 3-7235-0201-6
  • Stefan Leber: Selbstverwirklichung – MĂŒndigkeit – SozialitĂ€t. Eine EinfĂŒhrung in die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus. Freies Geistesleben, Stuttgart 1978; Neubearbeitung: Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-596-25519-8
  • Joachim Luttermann: Dreigliederung des sozialen Organismus. Grundlinien der Rechts- und Soziallehre Rudolf Steiners. Lang, Bern 1990, ISBN 3-631-43045-0 (= Diss. Göttingen 1990)
  • Albert Schmelzer: Die Dreigliederungsbewegung 1919. Rudolf Steiners Einsatz fĂŒr den Selbstverwaltungsimpuls. Freies Geistesleben, Stuttgart 1991, ISBN 3-7725-1080-9 (= Diss. Bochum)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. ↑ Steiner, Die Kernpunkte der sozialen Frage, Dornach 1961, S. 71.
  2. ↑ Vgl. Michael Heinen-Anders: Aus anthroposophischen ZusammenhĂ€ngen, Norderstedt 2010, S. 60 - 61
  3. ↑ Johann Wolfgang von Goethe: Schriften zur Naturwissenschaft, Stuttgart 1977, S. 48 f.
  4. ↑ Steiner, Nationalökonomischer Kurs, GA 340, Dornach b. Basel 1979, S. 154.
  5. ↑ Steiner, Soziale Zukunft, Dornach 1981, S. 151ff.
  6. ↑ Luttermann, J.:Dreigliederung des sozialen Organismus: Grundlinien der Rechts- und Soziallehre Rudolf Steiners, Frankfurt/M.:Lang, 1990 (EuropĂ€ische Hochschulschriften: Reihe 31, Politikwissenschaft; Bd. 162) Zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 1989, Vorwort I
  7. ↑ a.a.O., S. 7 u.155.
  8. ↑ Steiner, Gedankenfreiheit und soziale KrĂ€fte, Dornach 1986, S. 14.
  9. ↑ Steiner, a.a.O., Dornach 1986, S. 14/15.
  10. ↑ Steiner, Soziale Zukunft, Dornach 1981, S. 85ff.
  11. ↑ Nach Behrens, Der Mensch – Bildner des sozialen Organismus, Hamburg 1958, S. 85ff.
  12. ↑ Steiner, Die Kernpunkte der sozialen Frage, Dornach 1961, S. 100.
  13. ↑ Steiner, a.a.O., Dornach 1961, S. 79.
  14. ↑ Online-Quelle mit den beiden AufsĂ€tzen
  15. ↑ Quelle mit zahlreichen ergĂ€nzenden Texten
  16. ↑ Siehe: Renate Riemeck, Mitteleuropa. Bilanz eines Jahrhunderts, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1983, S. 145
  17. ↑ Siehe dazu: Jens Heisterkamp (Hrsg.), Die Jahrhundertillusion. Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Völker, Steiners Kritik und die Frage der nationalen Minderheiten heute, Frankfurt am Main 2002
  18. ↑ GesprĂ€ch zwischen J. Beuys, B. Blume und H. G. Prager vom 15. November 1975, veröffentlicht in der Rheinischen Bienenzeitung, Heft 12/1975
  19. ↑ http://www.dreigliederung.de/bibliographie/2734.html
  20. ↑ Henrich, Der vormundschaftliche Staat, Reinbek 1989, S. 316.
  21. ↑ AaO, S. 303.
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